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Jutta Assel | Georg Jäger

Joseph Ritter von Führich: Genovefa
Mit erläuterndem Text von Ludwig Tieck

Stand: August 2012

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Gliederung

1. Hans Nolden: Vorwort
2. Erklärung des Titelbildes
3. Illustrationen mit Bezugstexten
4. Führich: Lebenserinnerungen.
Auszug zu "Genovefa"
5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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Genovefa. Fünfzehn Blätter in Phototypie nach den Kompositionen von Joseph Ritter v. Führich mit erläuterndem Text von Ludwig Tieck und einem Begleitwort von Hans Nolden. B. Kühlen's Kunstverlag, M. Gladbach [1908/1909]. Höhe 28,7; Breite 38,5 cm (Einband).

Den ersten Genovefa-Zyklus zeichnete Joseph Führich 1826 in Prag. Nach seiner Rückkehr aus Italien nach Prag zeichnete er ihn noch einmal - "zwischen Oktober 1829 und April 1831 [...]. Die von ihm selbst radierten Platten sind im April 1831 fertiggestellt, zum Jahresende erscheint das Werk bei Bohmann in Prag." Schon 1834 folgt "eine Ausgabe bei Reimer, Berlin [...], gleichzeitig ist das Werk in Kommission bei C. Calve-Prag, Bauer & Dirnbach sowie Gerold in Wien, Arnold, Dresden-Leipzig und Lindauer in München [...]. 1855 gehen alle Verlagsrechte auf Manz in Regensburg über, bei dem noch in den 80er Jahren die "Genovefa" mit deutschem, französischem und englischem Text lieferbar ist". Der Kunstverlag B. Kühlen in Mönchen-Gladbach, der 1906 vom Verlag Joseph Angerer & Co., München, den Manzschen Kunstverlag übernommen hatte, gab vorliegende Ausgabe mit erweitertem Text 1909 in Fototypien und in 2. Auflage ca. 1910 heraus.

Schon 1806 gaben Franz und Johannes Riepenhausen in XIV. Kupferstichen den Zyklus "Leben und Tod der heiligen Genovefa" bei Varrentrapp und Wenner in Frankfurt heraus, der Führich sicherlich beeinflusst hat.

Vgl. folgende Literatur:
* Zwischen Antike, Klassizismus und Romantik. Die Künstlerfamilie Riepenhausen. Mainz: Philipp von Zabern 2001. Leben und Tod der heiligen Genoveva, Katalog III.1a.
* Unter Glas und Rahmen. Druckgraphik der Romantik aus den Beständen des Landesmuseums Mainz und aus Privatbesitz. Bearbeitung: Stephan Seeliger, Norbert Suhr. Mainz 1993. Zur Geschichte und Verbildlichung der Genovefa-Legende vgl. die S. 124 angegebene Literatur. Obige Zitate stammen von Stephan Seeliger, S.126.
* Doris Reimer: Passion & Kalkül. Der Verleger Georg Andreas Reimer (1776-1842). Berlin, New York: Walter de Gruyter 1999.
* Annemarie Meiner: G. J. Manz. Person und Werk 1830-1955. München - Dillingen: Verlagsanstalt vorm. G. J. Manz 1957. Über den Kunstverlag S. 114 ff. "Von den zeitgenössischen Künstlern bevorzugte Manz die Nazarener, vor allem den Wiener Joseph Führich" (S. 115); der Verlag habe Führich "den Weg in die ganze Welt bereitet" (S. 116).

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1. Hans Nolden
Vorwort

In der Nähe von Niedermendig im Maifelde liegt eine - gewöhnlich Frauenkirchen genannte - Kapelle, ein kleines Gotteshaus, das ehedem eine der schönsten und stattlichsten Kirchen der ganzen Gegend war, nun aber fast ganz in Verfall geraten ist; und doch verdient das stille Kirchlein liebevolle Beachtung, nicht in erster Linie wegen seiner architektonischen Bedeutung, sondern namentlich als Denkmal rheinischer Geschichte und rheinischer Dichtung. An seinen Ursprung knüpft sich eine der lieblichsten Sagen des deutschen Volkes, die weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte, anmutige Erzählung von Genovefa und Siegfried, dem Pfalzgrafen in Trier. Dieser liess im 8. Jahrhundert im Mayengau zu Ehren der Mutter Gottes eine Kapelle errichten, aus deren Trümmern die jetzige Kirche erstand, die in ihren ältesten Teilen vielleicht noch ins 12. Jahrhundert reicht. Zwar tritt diese erst 1319 in die Geschichte ein, bei der Gelegenheit, als der Trierer Erzbischof Balduin, der Bruder Kaiser Heinrichs VII. zu Fraukirch einen Frieden zwischen der Stadt Cöln und dem Cölner Erzbischof Heinrich von Virneburg vermittelt, doch datiert die erste Erwähnung vom 16. August 1279. (1)

Die Erzählung von der wundersamen Errichtung der Kapelle zu Fraukirch, oder wie wir sie heute gewöhnlich nennen "Die Genovefalegende" in ihrer schlichten und einfachen, ältesten Gestalt lautet (2): Zur Zeit des Trierischen Erzbischofs Hildulf, der im Palast zu Ochtendung residierte, geschah ein Kriegszug gegen die Heiden. Es war damals im Trierischen Palaste ein hochedler Pfalzgraf, namens Siegfried. Der hatte sich eine Gemahlin genommen aus königlichem Geschlechte, die Tochter des Herzogs von Brabant, namens Genovefa. Sie war überaus schön und diente Tag und Nacht, wann sie Zeit hatte, der seligen Gottesmutter Maria. Wegen ihrer grossen Schönheit - sie hatte keine Kinder - wies ihr der Pfalzgraf für die Zeit seiner Abwesenheit die Burg Simmer im Maifeldgau zum Aufenthalt an, um alles Böse von ihr fernzuhalten. Am Tage vor der Abreise wurde, unter Zustimmung der versammelten Ritter und Edlen, Golo, ein tapferer und dem Pfalzgrafen sehr werter Ritter, zum Schützer von Land und Gemahlin Siegfrieds erkoren. Als die Pfalzgräfin das am andern Morgen hörte, fiel sie in Ohnmacht. Ihr Gemahl stellte sie darauf in den alleinigen Schutz der Jungfrau Maria, und dann nahmen sie herzlichen Abschied von einander.

Nicht lange danach entbrannte Golo in Liebe zu ihr, wurde aber zurückgewiesen. Nun versuchte er durch Betrug zum Ziel zu kommen. Mit einem eigenhändig geschriebenen Briefe begab er sich zu der Pfalzgräfin und las ihr vor, ihr Gemahl sei mit seinem Heere auf dem Meere umgekommen. Der Ohnmächtigen erschien aber die Gottesmutter und entdeckte die List. Als nun Golo seine Werbung zudringlich wiederholte, erhielt er von Genovefa einen Faustschlag ins Gesicht. Darüber ergrimmt, entzog er ihr alle Knechte und Mägde.

Es bekam die Pfalzgräfin einen Sohn. Nur eine alte Wäscherin kam zu ihr, die ihr alles erdenkliche Übel zufügte. Da erschien ein Bote vom Pfalzgrafen und meldete der unglücklichen Pfalzgräfin, ihr Gemahl sei in Strassburg. Als Golo das vernahm, rief er heulend aus: "Weh' mir, Unglücklichen! Ich weiss nicht, was ich anfangen soll!" Kaum hatte dieses ein altes, schlechtes Weib, das am Fusse des Burgberges sich aufhielt, vernommen, so erschien es bei Golo und riet ihm, die Pfalzgräfin bei ihrem Gemahl des Ehebruchs zu beschuldigen. Golo tat es und erlangte vom betrogenen Pfalzgrafen die Erlaubnis, Mutter und Kind im (Laacher) See ertränken zu dürfen. Rasch eilte er heim und befahl den widerstrebenden Dienstleuten, die Todesstrafe zu vollstrecken. Als diese in einen dichten Wald gekommen waren, liessen sie die Mutter mit dem Kinde frei gegen das Versprechen, dort zu bleiben. Sie brachten dem Golo die Zunge eines Hundes, um die Erfüllung seines Befehls darzutun.

Die verlassene Mutter flehte zur Gottesmutter um Hilfe, und siehe, eine Stimme antwortete: "Meine Freundin, ich werde dich nie verlassen!" Und eine Hirschkuh kam und spendete dem Kindlein ihre Milch. Die Pfalzgräfin ernährte sich von den Kräutern des Waldes, ihre Behausung stellte sie her aus Reisig und Brombeergestrüpp, das sie sammelte.

Nach sechs Jahren und drei Monaten veranstaltete Pfalzgraf Siegfried am Tage vor dem Feste der Erscheinung des Herrn eine Jagd; die von den Hunden aufgescheuchte Hirschkuh flüchtete zu Genovefa und führte so deren Entdeckung herbei. Der Pfalzgraf bekleidete die Unbekannte mit seinem Mantel und fragte sie nach ihrem Namen. Als sie diesen nannte, wurde er stutzig; an einer Narbe im Gesichte und am Trauring erkannte er sie dann. An Ort und Stelle erzählte sie ihr Geschick. Als Golo, der etwas zurückgeblieben war, herbeikam, wollten ihn die Ritter sofort niederhauen; der Pfalzgraf aber wehrte ihnen und verurteilte Golo zur Vierteilung durch vier Ochsen, - ein Urteil, das bald darauf an dem Übeltäter vollstreckt wurde.

Die Pfalzgräfin weigerte sich, den Platz zu verlassen, bevor er ihrer Helferin Maria zu Ehren eingeweiht sei; daher kam am folgenden Tage Erzbischof Hildulf und weihte den Platz. Sie zog dann mit Siegfried zur pfalzgräflichen Burg, wo ein grosses Freudenmahl gefeiert wurde. Da sie aber die Speisen nicht vertragen konnte, liess der Pfalzgraf Waldkräuter für sie sammeln; auch versprach er ihr, an dem Platze ihrer Auffindung ein Marienheiligtum zu errichten und mit Einkünften zu versehen. Schon am 2. April ging die Pfalzgräfin zum Herrn ein. Der trauernde Pfalzgraf errichtete die Marienkapelle und begrub in ihr seine Gemahlin. Die Einweihung vollzog Erzbischof Hildulf. Zwei Wunder geschahen am Einweihungstage: Ein Blinder erhielt das Gesicht und ein Stummer die Sprache wieder, wofür sie beide Gott und der seligen Jungfrau Maria dankten. -

So lautet, nur unwesentlich verkürzt, die älteste Fassung der einzigartigen Erzählung. Von jeher zog ihr Inhalt die Aufmerksamkeit der Geschichtsfreunde auf sich, die diesen Stoff wissenschaftlich zu prüfen und zu deuten begannen. Doch hat man sich heute noch nicht zu einem abschliessenden Resultate einigen können, wohl aus dem Grunde, dass die Forschungen von verschiedenen Voraussetzungen ausgingen. Während die einen, wie der Benediktiner Kupp und Sauerborn, die Erzählung als eine verbürgte und verbriefte Tatsache und die in ihr auftretenden Persönlichkeiten, namentlich Siegfried, den Schlossherrn von Hohensimmern, Genovefa, die Tochter des Herzogs von Brabant, und Golo, Ritter und Statthalter, als wirklich geschichtliche Persönlichkeiten auffassen, wollen andere, wie Jakob Grimm, Zacher und Simrock in der Genovefageschichte eine Sage von mythologischer Bedeutung und manche in ihr nur eine gänzlich unverbürgte Legende erblicken. Neuere Forschungen, unter die vor allen die anregenden Abhandlungen von Seuffert, Brüll, Franz Görres, Bruno Golz u.a. zu rechnen sind, sind im wesentlichen zu übereinstimmenden Resultaten gelangt. Nach den Ergebnissen lässt sich die Sage weder mythologisch deuten noch geschichtlich begründen. Franz Görres schreibt (3):

"Unsere Erzählung von der Pfalzgräfin Genovefa darf man nicht etwa als eine historische Tatsache auffassen. Man kann darin nur eine Sage erblicken, und zwar, allgemein betrachtet, eine sogenannte Wandersage, insofern Genovefa das "leidende Weib" ist, im einzelnen aufgefasst dagegen eine ursprünglich und zum mindesten bis tief in das 16. Jahrhundert hinein streng lokalisierte, an die Kapelle Frauenkirchen sich anlehnende, auf Laach und die nächsten Umgebungen, auf das sogenannte Maifeld beschränkte Marienlegende. Die Rettung Genovefas vom Tode durch Mörderhand oder durch die Bestien der Wildnis, die Stillung des Knaben durch die Hirschkuh, sowie die Wiederauffindung der Pfalzgräfin und die Entdeckung ihrer Unschuld, alles das wird der wunderbaren Einwirkung der von Genovefa andächtig verehrten Mutter des Heilandes zugeschrieben, und die Kapelle Frauenkirchen wird zu Ehren derselben erbaut und eingeweiht. Wahrscheinlich ist unsere Legende anfänglich eine Fiktion (Dichtung) eines Laacher Mönches, die sehr bald bei den Bewohnern des Maifeldes wegen der darin vorherrschenden überaus glücklichen harmonischen Verknüpfung älterer Sagenstoffe, vor allem aber wegen ihres einheitlichen, naiven, lokalpatriotischen Charakters den lebhaftesten Widerhall fand."

Diese Ansicht ist allerdings in den letzten Jahrzehnten vorherrschend geworden, doch haben andere Forschungen neuerer Zeit zu dem Ergebnis geführt, dass die Legende bereits um das Jahr 765 von einem Prümer Mönch niedergeschrieben wurde und dass "an der Wahrheit und Zuverlässigkeit der Geschichte von der Entstehung der Kapelle zu Fraukirch nicht zu zweifeln sei." (4)

Schon früh bemächtigte sich die Literatur des wunderbar poetischen Stoffes und gestaltete und baute den Kern der Sage durch Erfindungen und Zutaten in überschwänglichen Variationen aus, wobei zuweilen das Bestreben in augenscheinlicher Weise hervortrat, die Genovefageschichte ihres Charakters einer lokalisierten Marienlegende zu entkleiden, zu einem erbaulichen religiösen Roman umzugestalten und den weitesten Kreisen zugänglich zu machen.

Der französische Jesuitenpater René de Cerisiers hat in seiner "L'innocence reconnue ou vie de Ste Geneviève de Brabant" unsere Legende zu einem Roman von europäischer, ja internationaler Berühmtheit geschaffen. Nach seiner Schrift verfasste i. J. 1687 der bekannte Kapuziner Martin von Kochem das deutsche Volksbuch "Genovefa", das die Geschichte in einem rührend unschuldigen Tone erzählt und daher, sowie wegen seiner anspruchslosen Natürlichkeit in Inhalt und Form in der Reihe der deutschen Volksbücher besonders hervortritt. Als Tragödie bearbeiteten die Legende Tieck, Hebbel, Maler Friedrich Müller und Raupach, als Oper Robert Schumann. Eine besondere Beachtung verdient die Tiecksche Dichtung insofern, als sie hervorragende Künstler zu bildlichen Darstellungen begeisterte, unter denen die Radierungen von Führich von Bedeutung sind.

Joseph Ritter von Führich wurde am 9. Februar 1800 in Kratzau, einem kleinen Städtchen in Böhmen, als Sohn schlichter und frommer Leute geboren. "Meine Mutter," so schreibt er in seiner Selbstbiographie, (5) "war eine stille, sanfte, immer tätige Frau. Mein Vater malte, stach in Kupfer, fertigte Anstreicherarbeiten, alles wie es kam, unermüdet und für kärglichen Lohn, wobei ich ihm nach meinen Kräften zur Hand war, und so, wenn auch nicht die Kunst, doch manches, was in sie einschlägt, früher übte, als eigentlich erlernte oder vielmehr durch Übung erlernte. Einige im Besitze meines Vaters gewesene Kupferstiche, unter denen das beste ein paar Blätter nach Rubens, eine Bilderbibel und noch einiges der Art waren, gaben meiner Phantasie die erste Nahrung." Als Führich dann später mit Unterstützung  des Grafen Clam-Gallas die Akademien in Prag und Wien besuchte, fühlte er sich immer mehr zu der Weise der alten Meister, namentlich Dürers, hingezogen, und die Sehnsucht nach dieser Kunstauffassung zu wecken, erschien ihm als Aufgabe der Kunst. Er wurde Romantiker in diesem Sinne und christliche Romantik sein Lebensideal.

Um seine romantische innere Welt zur Anschauung zu bringen, fühlte er sich nun zu einer grösseren Arbeit angeregt. Da schuf er "Genovefa" nach Tiecks Tragödie: Leben und Tod der heiligen Genovefa. Der Erfolg war ein grossartiger und für den ferneren Lebensweg Führichs höchst bedeutungsvoll. Die Zeichnungen bewogen nämlich einen Kreis vornehmer Leute, durch eine Pension dem Künstler zwecks weiterer Ausbildung einen längeren Aufenthalt in Italien, namentlich in Rom, zu ermöglichen. Hier wurde dem jungen Meister auf Grund seiner Genovefa-Darstellungen die Vollendungsarbeiten des von dem berühmten Historienmaler Overbeck begonnenen Tasso-Zyklus an den Malereien der Villa Massimi übertragen; hier war er unausgesetzt künstlerisch tätig, indem er sich ganz und gar in den christlich philosophischen Geist der alten Maler vertiefte.

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Joseph Führich: Die Malerfreunde beim Weinwirt Goldschmidt in Rom. Bleistiftzeichnung

Joseph Führich: Die Malerfreunde Koch, Führich, Dräger und Schirmer beim Weinwirt Goldschmidt in Rom. Bleistiftzeichnung. In: Hans Geller: Curiosa. Merkwürdige Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert. Leipzig: E. A. Seemann 1955, S. 37.

"Führich, ein wackrer Zecher (links mit der Brille) hat sich selbst und seinen aus Trier stammenden Freund Drägr (1794-1833, rechts neben ihm) und den derben J. A. Koch (1760-1839, gegenüber rechts) um das Jahr 1828 gezeichnet. Sie trinken und plaudern bei Kerzenlicht - Schrimer aber, der Berliner Maler, hat des guten zu viel getan, er schnappt frische Luft, blass wie das Mondlicht lehnt er sich zum Fenster hinaus - fern sieht man den Quirinal" (S.37f.)

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Nach seiner Rückkehr nach Wien unternahm Führich die Umarbeitung der "Genovefa", weil ihm das Werk in der alten Form nicht mehr gefiel. Dann schuf er nach den neuen Kompositionen die vorliegenden Kunstblätter, Radierungen von erhabener Schönheit und reicher Fülle innerer Poesie. Diese erschienen bei G. Joseph Manz, Regensburg. Der Kunstverlag B. Kühlen, M.Gladbach, der im Jahre 1906 den Manzschen Kunstverlag übernahm, hat sich dazu entschlossen, das berühmte Werk in neuer Auflage mit erweitertem deutschen Texte, einem Vorwort und einer Erklärung des Titelbildes herauszugeben, als Erinnerung an den am 13. März 1876 in Wien verstorbenen grossen Meister und jene christliche und gottesdienstliche Kunst, die von Joseph von Führich, dem wahrhaft edlen Künstler und frommen Christen besonders gefördert wurde entsprechend seiner christlichen Lebensauffassung, seines religiösen Charakters und seiner Kunstüberzeugung, die von tiefer Innerlichkeit beseelt waren. "Die Kunst," sagt Führich, "mit reinem Herzen zu Gottes Ehre geübt, ist ein Segen wie Frühlingshauch und Waldesduft. Sie erquickt und verjüngt den Künstler selbst, wie jeden, der sich an ihr zu laben versteht."

M.Gladbach, im Oktober 1908.
Hans Nolden

Anmerkungen:
(1) Am 16. August 1279 verpachtet der Abt von Himmerode in Vrowenkirghin einen Hof in Kruft an einen Bürger von Mayen, zugegen ist u.a. der Graf Heinrich von Virneburg. (Handschriftliche Mitteilung des Herrn A. Halbedel, Thür, Kreis Mayen.)
(2) Nach einem Berichte der Trierischen Landeszeitung vom 4. März 1907.
(3) Neue Forschung zur Genovefa-Sage in "Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein" 36. Heft. Cöln 1898.
(4) Bericht der Trierischen Landeszeitung. 1907.
(5) Joseph Ritter von Führich. Lebensskizze. Karl Sartori. Wien und Pest. 1875.

Bildnis: Carl Oesterley: Joseph Führich aus Prag, Rom, Weihnachten 1827. In: Renate Senf, Das künstlerische Werk von Carl Oesterley (Göttinger Studien zur Kunstgeschichte ; H. 2) Göttingen u.a.: Musterschmidt 1957, Abb. 12.

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Siehe hierzu: Geschichte der Pfalzgräfin Genovefa und der Kapelle Frauenkirchen. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte des Bisthums Trier. Nach Urkunden bearbeitet und herausgegeben von Heinrich Sauerborn. Regensburg, Verlag von G. Joseph Manz 1856 (Digitalisierung durch Google). - Noldens Erzählung der Legende folgt dieser Quelle. Das obige Bild der Kapelle Frauenkirchen (Fraukirch) ist diesem Werk entnommen.

Siehe auch den Artikel "Fraukirch" in Wikipedia, URL:
http://de.wikipedia.org/wiki/Fraukirch

 

Fraukirch, Altarbild mit der Legende von Genoveva, 1667
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In die Wikipedia-Seite sind folgende Bilder eingebunden: 
* Fraukirch, Altarbild mit der Legende von Genoveva, 1667 (Urheber des Fotos: Warburg). 
* Fraukirch, Golokreuz sowie Grabplatte eines Ritters mit seiner Frau (Urheber des Fotos: Klaus Graf).
Es gilt die CC-Lizenz.
Die Grabplatte soll Siegfried und Genoveva vorstellen. Das Golokreuz stand früher auf der Straße von Thür nach Kruft auf der Anhöhe, auf der Golo gevierteilt worden sein soll.

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Im Goethezeitportal finden Sie auch eine Ausgabe für Kinder und das 'Volk':
Genoveva. Eine der schönsten Geschichten des Altertums erzählt nach Christoph Schmid und Ludwig Tieck. Neue illustrierte Ausgabe mit zwölf Zeichnungen von Joseph Ritter von Führich.
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3465

Siehe auch die Illustrationen Führichs zu Bürgers Ballade "Der wilde Jäger".
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=2821

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2. Erklärung des Titelbildes

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Führich hat seinem Werke ein sinnreiches Titelbild vorgesetzt. Durch dieses macht er uns bekannt mit dem geschichtlichen Hintergrund der Genovefalegende und deren Motiv und mit dem Charakter der Hauptpersonen wohl vertraut. Rechts erblicken wir den mächtigen Majordomus des Frankenreiches, Karl Martell, dessen Haupt mit einem Lorbeerkranze umwunden ist. Dieser errang die Auszeichnung in der Schlacht bei Tours und Poitiers im Jahre 732, wo er Abderhaman, den übermütigen arabischen Statthalter Spaniens, besiegte, der seine Herrschaft und den Mohamedanismus über die Pyrenäen hinaus in das fränkische Reich verpflanzen wollte und deshalb, wie uns berichtet wird, mit viermal hunderttausend Mann in das Frankenland eingefallen war. Der Sieg ist Karls Hauptverdienst; denn nun waren die Freiheit und die selbständige Entwicklung des abendländischen Volkes gerettet und die Christen vor der Knechtung unter die Lehre Mohameds bewahrt. 

Abderhaman liegt sterbend zu Karls Füssen. Der Halbmond, das Zeichen des Mohamedanismus, ist niedergeworfen und zerschmettert, und an seiner Stelle errichtet der Sieger das Kreuz, das Symbol des christlichen Glaubens. Wegen des glänzenden und entscheidenden Sieges hat man Karl "Martell" d.i. Hammer genannt. Einen Hammer fasst seine Linke, die triumphierend auf dem entseelten Leichnam des Kalifen ruht. Stellt somit das Bild den Sieg des Christentums über den Mohamedanismus dar, so versinnbildlicht es auch den festen, treuen und siegreichen Glauben, der allezeit bereit ist, für die Lehre des Heils zu kämpfen, bereit die Tugend christlicher, opferwilliger Treue mit dem Tode zu besiegeln.

Die Verherrlichung der Treue, die selbst den Tod nicht scheut, stellt der Künstler auch in dem oberen Bilde dar. Durch die Hand des Herzogs Eudo von Aquitanien getroffen, sinkt Abderhaman tot zu Boden. Neben dem blutigen Leichname kniet schmerzerfüllt und untröstlich Zulma, sein treues Weib, das mit ihrem Gemahl in den Kampf gezogen war, um an seiner Seite zu streiten, um Sieg oder Tod mit ihm zu teilen. Vergebens sucht Herzog Eudo sie zu trösten, vergeblich bietet er ihr sein Herz und seine Liebe an. Während darauf Karl Martell den Herzog auf das Unchristliche seines Denkens und Trachtens hinweist, lehnt Zulma das Ansinnen Eudos kalt und streng ab. Dann stösst sie, um sich mit ihrem Gemahl im Tode zu vereinigen, wie sie versprach, den Dolch in ihre wallende Brust. Bewunderungsvoll spricht Siegfried:

"Sie lebt' als Heidin und ist so gestorben,
Doch ist die Treu' zum Manne nicht zu tadeln." -

Das Sarazenenweib war ihrem Gemahl treu bis in den Tod. Unverbrüchliche Treue bewahrte auch Siegfried seinem alten Waffenbruder und Kampfgenossen, dem fränkischen Ritter Otho. Dieses zeigt uns Führich auf dem gegenüber stehendem Bilde. Im Hintergrund erblicken wir eine brennende Stadt, es ist Avignon. Dorthin hatte sich das geschlagene Heer des Kalifen zurückgezogen. (1) Bei einem Ausfalle der Sarazenen wurde Otho tödlich verwundet. Da findet er Trost in der Liebe seines treuen Freundes Siegfried, der, trotzdem er selbst verwundet ist, zu seinem Gefährten eilt, ihm das letzte Lebewohl zu sagen.

"Mir deine Hand, dass ich sie fühle jetzt -
Die Flammen löschen - tapfrer Freund, fahr' wohl."

Während Siegfried im Felde gegen das Heidentum streitet, kämpft seine Gemahlin einen hartnäckigen Kampf mit den Leidenschaften des treulosen Hofmeisters Golo, der, angelockt von der verbotenen Frucht, die ihm die Schlange darreicht, verleitet von seiner früheren Amme, jetzigen Dienerin im Gräflichen Schlosse, unaufhörlich der Pfalzgräfin nachstellt. Während Siegfried Golos sterbendem Vater, Otho, die letzten tröstenden Worte spricht, sitzt jener sinnend vor dem Bilde Genovefas, die uns der Maler in der Reinheit der von ihr andächtig verehrten göttlichen Mutter darstellt, tief betrübt und bedauernd, dass, nachdem die Gräfin ihn zurückgewiesen, nun ihr totes Bild die Liebe nicht erwidern kann, die er seiner Herrin entgegenbringt. Diese zügellose Begierde spinnt ihm einen Schicksalsfaden, in den er sich immer mehr verstrickt und der ihm schließlich in dem Tale, von dem der Hirt einst sang, ein trauriges Ende bereitet. Der Maler deutet es uns durch den Totenkopf auf Amors Flügel an.

Genovefa hatte Golos Liebe zurückgewiesen und ihrem Gemahl makellose Treue bewahrt. Darum verherrlicht der Maler die lilienreine, unschuldsvolle und treue Gräfin in überwältigender Schönheit, indem er sie in lichterfüllter Höhe in der Glorie der Himmelskönigin darstellt. Zwei Engel begleiten die edle Streiterin zum Throne Gottes; hier ruht sie aus am göttlichen Herde der Liebe, am treuen, gnadenvollen Herzen Marias.

Siegfried und Schmerzenreich weilen ihr zu Füssen. Dieser hält die sterbende Hirschkuh, die Spielgefährtin und Wohltäterin in jener kummervollen Zeit, liebevoll umschlungen. Der Vater aber blickt bittend und verlangend empor zu seiner treuen Gattin, der frommen Dulderin und betet. Dann macht er dies Gelübde:

"Damit in Zukunft mir kein Wunsch gebricht,
So wünsch' ich Gott beständig zu verehren,
Zu wandeln in der Andacht reinem Licht.
Drum will ich dort ein stilles Kirchlein gründen,
Wo mir vergönnt, mein fromm Gemahl zu finden."

Anmerkung:
(1) Die Erstürmung von Avignon fiel allerdings erst ins Jahr 737.

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3. Illustrationen mit Bezugstexten

Der Text wird nach der Vorlage wiedergegeben. Es handelt sich um Textausschnitte, die häufig auch in sich gekürzt sind.

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Siegfried empfängt vor seinem Zuge gegen die Sarazenen das heilige Abendmahl

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(Bonifazius und Siegfried mit seinem Gefolge in der Kapelle.)

Bonifazius: 
Da geht der edle Mann zum Streit gewappnet,
Doch will er vorher beichten, Sakramente
Empfahen aus des Priesters heil'ger Hand.
So seid nun aufmerksam und lasst euch gern
In alte deutsche Zeit zurückeführen. –

(Einige von dem Gefolge Siegfrieds bleiben zurück. Grimoald, ein Köhler, und Benno und Wendelin, zwei Diener, im Gespräche miteinander.)

Grimoald:
Ich bin von draußen aus meiner Köhlerhütte hereingekommen, um meinen Sohn noch einmal zu schauen und ihm auf seinem Feldzuge Lebewohl zu sagen. Wer weiss, ob ich ihn wiedersehen mag; jetzt empfängt er das heilige Abendmahl und Absolution. - 
Sagt an, was hat das Bild hier zu bedeuten?

Wendelin:
Es stellt den heiligen Laurentius (1) vor,
Der in des Feuers Schmach den Leib verzehrte,
Die Seele in des Himmels Raum verklärte.
Die Heiden legten ihn in Feuerbrunst,
Die Seele stand in lichter Himmelbrunst,
Wie sich Elias hob im Himmelsfeuer,
Ward er erhoben durch ein irdisch Feuer,
Sie wollten ihm die härtste Qual bereiten
Und gaben ihm des Himmels Seligkeiten.

Grimoald:
Es hat doch immer böse Leut' gegeben.
So zieht der wackre Graf auch gegen Heiden,
Die unser Land, die Christenheit bedrohn.

Wendelin:
Auf dieser Tafel steht Sebastian (2),
Seht her, an einen Baum ist er gebunden,
Die Brust entblößt, ein Ziel den wilden Schützen;
Die Kriegesknechte, die in blinder Wut
Ein Spiel mit seinem frommen Herzen treiben:
Er sieht mit heitern Augen nach dem Himmel,
Er weiß, dort wohnt der Vater, dort der Sohn,
Für den er alles gern erduldet, leicht
Gibt er den Leib den blinden Wütern hin.
Den Leib wohl können sie, doch nie den Glauben töten.

(Siegfried kommt mit seinem Gefolge zurück; der Kapellan begleitet sie.)

Kapellan:
So wird euch Gott mit seinem Schirm geleiten,.
Wie ihr für Christum Leib und Leben waget,
Des Herren Engel steht zu eurer Seiten,
Und wenn ihr nicht im schweren Kampf verzaget,
Wird er voran zu eurem Besten streiten.
Zieht hin mit meinem Segen. Seht, es taget;
Gott mit euch! Fürchtet nichts auf blut'gen Bahnen,
Euch stärkt das rote Kreuz in euren Fahnen.

Erläuterungen:
1) Laurentius, aus Spanien gebürtig, seit 257 Diakonus und Schatzmeister in Rom, wurde auf einem Roste lebendig gebraten.
2) Sebastian, aus Narbonne in Gallien, seinem Berufe nach ursprünglich Hauptmann in der Prätorianergarde, wurde 288 getötet.

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Golo bei den Hirten

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(Heinrich singt das verhängnisvolle Lied.)

GOLO (Hofmeister Siegfrieds):
Ihr sangt, wenn mich mein Gehör nicht trügt, lasst euch nicht stören; fahre fort, mein lieber Heinrich.

(Dietrich bläst, Heinrich singt:

Dicht von Felsen eingeschlossen,
Wo die stillen Bächlein gehn,
Wo die dunklen Weiden sprossen,
Wünsch' ich bald mein Grab zu sehn.
Dort im kühlen, abgelegnen Tal
Such' ich Ruh' für meines Herzens Qual.

Hat sie dich ja doch verstoßen,
Und sie war so süss und schön!
Tausend Tränen sind geflossen,
Und sie durfte dich verschmähn –
Suche Ruh' für deines Herzens Qual,
Hier ein Grab im einsam grünen Tal.

Hoffend und ich ward verstoßen,
Bitten zeugten nur Verschmähn –
Dicht von Felsen eingeschlossen,
Wo die stillen Bächlein gehn,
Hier im stillen einsam grünen Tal,
Such' zum Troste dir ein Grab zumal.

*****

Siegfried nimmt Abschied von Genovefa

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Siegfried:
Wir weilen im Gespräch, die Reiterei
Ist aufgesessen, alle Mannschaft schon
Im Zuge – nun in Gottes Namen denn.

Genovefa:
O Siegfried! –

Siegfried:
Was willst du Genovefa? Wahrlich, nicht
Erkenn' ich wieder, was du vordem warst.

Genovefa:
O mein Gemahl, seit wenig Monden erst,
Auf viele Monden mir zum Leid entrissen,
Ach! könntest du die Herzensqualen wissen,
Die meine junge Brust wie Dolche schneiden,
Du trügst Erbarmen mit den bittern Leiden.

Siegfried:
Die Liebe fühl' ich, doch ich muss nun fort.

Genovefa:
Du gehst, mein Licht, mein Trost, mein Leben, Hort?
O nimm mich mit dir in das blut'ge Feld,
Wer soll dein pflegen, deine Wunden heilen?
Wer kümmert sich um dich mit treuer Sorgfalt,
Wer achtet wohl auf deine leisen Wünsche?
Wer möchte deinen Schlummer doch bewachen,
Wenn nicht dein treues Weib zugegen ist?

Siegfried:
Sprich nicht dergleichen Worte, Genovefa.
Sollt' ich dem weib'schen Römer gleich, ins Lager
Ein neuvermähltes Weib denn mit mir führen,
Dass alle alten Krieger auf mich deuten
Und spöttelnd sagen: Seht, er konnt' sein Herz
Nicht zwingen, mehr als Krieg gilt ihm die Frau:
Wie dürft ich doch Martellus' Antlitz schauen?
Nein, Genovefa, mach' mich nicht erzürnen,
Und lern' von mir, wie man entbehren soll.

Genovefa:
O, mögt Ihr mich nicht lebend wiederfinden,
Wenn nicht die treuste Liebe aus mir spricht,
Die Bitte gab kein weltlicher Gedanke,
Kein ungeziem'nder Wunsch auf meine Lippen.
Siegfried, die Welt ist einsam mir und öde,
Die Mauern schaun auf mich mit grimm'gen Zügen,
Kaum seid Ihr fort, so tritt aus jedem Winkel
Ein Unhold auf mich zu, ich suche Schutz
Und finde keinen, keinen als in Euch.
Ihr dürft nicht bleiben, darum nehmt mich mit,
O ja, Ihr werdet, ja Ihr müsst es tun.

Siegfried:
Schweig, Weib, es kann nicht sein, es soll nicht sein;
Darf ich ins Lager ein Gespötte bringen?

Genovefa:
Bist du so rauh, Gemahl, so wenig freundlich
Dem schwachen, kranken Weibe? – Nun, so höre,
Ich will die Zunge zwingen, es zu sagen:
Ich fühle mich seit wenig Wochen Mutter.

Siegfried:
Daher kommt dir so Angst wie leere Furcht,
Ich freue mich und zieh' mit doppelm Mut
Und kehre froher heim, den Sohn zu finden.
Drum sei der Bitte Torheit dir verziehn,
Leb' wohl, noch einen Kuss, und diesen noch.

(Genovefa wird ohnmächtig.)

O schwaches Weib! Ermuntre dich, sei mutig!
Wie, Genovefa?

Genovefa:
Lebe wohl!

Siegfried:
Leb' wohl! –

*****

Golos Liebesklage

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(Genovefa wird von Gertrud auf den Altan geführt.)

Genovefa:
Wie still die Nacht des Tages Hitze kühlt,
Wie sanft der Mondschein auf dem Grase spielt,
Wie süss das Herz sich nun beruhigt fühlt.

Gertrud:
Es geht ein Mann dort in des Gartens Stille.

Genovefa:
Sei still, mir deucht ich höre Lautentöne.

Gertrud:
Der schöne Golo ist es ganz gewiss.

(Golo spielt auf der Laute.)

Genovefa (den Golo sanft und würdig zurückweisend):
Halt't inne, Golo, mit den Schmeichelworten,
Die in der stillen Nacht mein Ohr bezaubern,
Wie Fabel und Gedicht aus ferner Zeit;
Der Mondenschimmer läd't zum Dichten ein
Und zum Erfinden, das der Wahrheit fern
Sowie dem ernsten Schein des Tages ist.
Doch wenn Ihr uns poetisch wollt ergötzen,
So singt uns zu der Laute eins der Lieder,
Der vielen eins, die Euch geläufig sind.
Mich hat die wackre Gertrud, Eure Amme,
Auf diesen Altan herbegleitet.

Golo (singt):

Da irr' ich in den Steinen,
In wilden Büschen hin,
Einsam, und kann nicht weinen,
Die milden Sterne scheinen,
Gebrochen ist mein Sinn,
Die Kraft dahin.

Ich war ein junges Blut,
Zu Lust und Tanzen munter,
Hochfliegend war mein Mut,
Die ganze Welt mir gut,
Geht alles jetzt bergunter,
Zur Nacht hinunter.

Mich sehn die Waffen an,
Mein Ross gibt mir die Blicke,
Ich bin ein andrer Mann,
Dass ich's nicht sagen kann:
Verschwunden all mein Glücke
Im Augenblicke.

Sonst hört' ich gern von Schlachten
Und wünschte mich ein Held,
Jetzt mag ich nichts mehr achten,
All' Sinne nicht mehr trachten,
Hinein in volle Welt,
Mir nichts gefällt.

Sie ist mir hart und spröde,
Hoffnung ist mir vergangen,
So bin ich still und blöde,
Drum geh ich in die Öde,
Und nass sind meine Wangen
Vor Pein und Bangen.

Kein Wort wag' ich zu sprechen,
Sie frägt mich nicht darum,
Ich will die Sorge brechen,
Mich an mir selber rächen,
Der Kummer bringt mich um,
Er bringt mich um.

*****

Genovefa wird gefangen genommen

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(Golo nimmt Rache; er bringt Genovefa in den Verdacht der Untreue, dringt mit Benno, Wendelin und anderen Knechten in ihr Gemach ein und lässt sie mit Drago, dem Hausmeister, der ihr aus einem frommen Buche vorgelesen, gefangen nehmen.)

Golo:
Hier seht ihr selbst, was ich zuvor gesprochen,
Ermesst nun selber, was sie wohl verbrochen.

Genovefa:
Was soll der Überfall in dem Gemach?

Golo:
Wenn alle schlafen, bin ich dennoch wach;
Ich ward gesetzt zum Wächter Eurer Ehre,
Dass ich sie hier wie Siegfried selbst bewähre;
Wie sollt' ich doch dem Grafen Antwort geben,
Liess' ich hier ungestraft, was seinem Leben,
Ja, mehr als Leben, seiner Ehre droht?
Verlorne Ehre ist zwiefacher Tod.
Ihr glaubtet wohl, ich liesse aus der Acht,
Was ich bemerkt bei Tag und in der Nacht,
Was Ihr wohl gerne Gotte selbst verborgen:
Wie durft' ich so in meinem Amte sorgen?
Ihr Knechte greift den Drago, bindet ihn
Mit Ketten fest und, ohne zu verziehn,
Werft in den tiefsten Turm den Schalk hinab,
Dort find' er für die Übeltat sein Grab.

Drago:
Hilf; Himmel! Ich? Was hab ich denn getan?

Golo:
Kein Wort mehr! kommt herbei und nehmt ihn, Schergen!

Drago:
Unschuldig, ach! und keiner will mich hören –
O, lasst mich Euch beim Himmel doch beschwören –

Golo:
Kein Wort! man führ' ihn fort zum finstern Turm,
Dort nag' ihn Reu' und des Gewissens Wurm!

(Drago wird gefesselt und fortgeführt.)

Genovefa:
O Golo! Mochtest Du so tief versinken?

Golo:
Wie mag es Euch doch, Freunde, wohl bedünken,
Wenn unser Herr Pfalzgraf zurückekehrte
Und auswärts diese schlimme Botschaft hörte?
Und wie wir seine Ehre nicht bewahrt?
Er strafte unsern Leichtsinn schwer und hart,
Drum müsst Ihr Euch, Frau Gräfin, auch bequemen,
Im andern Turm die Herberg' gleich zu nehmen.

Genovefa:
Du, Golo, weisst, ich brauch' mich nicht zu schämen.

*****

Genovefas Standhaftigkeit im Kerker

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Golo:
Und immer, immer noch dein Ohr verschlossen?
Magst du das Licht denn niemals wiedersehn?
Ist dir dein Leben so verhasst? Nun wohl!
Nur einmal sprich noch. Holde Genovefa,
Es neigt sich alles abwärts, sei mir lieb,
Ein Wort, ein Kuss, nur einmal in den Armen,
Am Herzen dich gefühlt, und du bist frei.

Genovefa:
Und könnt' ich frei sein, möcht' ich's nimmer werden,
In dieser Freiheit wär' ich gar gefangen,
Nein, niemals soll mein Wunsch nach dieser Erden,
Nach Blumenduft und Frühlingslicht verlangen,
Ich will in mir, gedrückt von den Beschwerden,
Im Elendsschmuck als Christi Braut nur prangen,
Er kennt die Seinen an den heissen Zähren
Und jenseit wird er Linderung gewähren.

Nein, meine Gunst gewährt auch nicht ein Zeichen,
Das kleinste selbst ist, dir gewährt, doch Sünde,
Und lieber will als Opfer ich erbleichen,
Als meine Hand der deinen sich verbünde,
Kein Mitleid soll in meine Seele schleichen,
Und wenn der Tod zu deiner Seiten stünde,
Und könnt' ich dich mit einem Blick beleben,
Es wäre Sünd', mein Auge aufzuheben.

Ha! glaube nicht, durch Schmerz mich zu besiegen,
Fest steht in meinem Busen der Entschluss,
Du magst mit Hunger, Durst mich fort bekriegen,
Und wenn ich sterben und verderben muss.
Ich zagte, beim Gemahle selbst zu liegen
Und bebte oft vor seinem keuschen Kuss,
Dass Scham-Erröten Liebe abwärts wandte
Und meine ungewohnte Wange brannte:

Nun sollt' ich dir so freundlich mich bezeigen,
Wie nur der Schwur am Altar es vergönnt?
Ich sollte mein Gewissen in mir schweigen,
Die laute Stimme, die mich Buhlin nennt?
Behüt' mich Gott im Himmel vor dem feigen
Entschluss, wie er mein Geist und Herz erkennt,
Dass du mir kannst dies arme Leben nehmen,
Doch nie, dass ich mich selber müsste schämen.

Golo:
Und Ihr könnt mein Rasen sehn? - - -
Hieher, Genovefa, Weib, jetzt bist du mein, in diesem Kerker verschlossen und keine Macht soll dich retten.

Genovefa:
Fleuch, feiger Bastard, bist du so verwegen,
Die schnöde Hand an meinen Leib zu legen?
Wagst du, ein Diener, der Gebieterin
Zu nahen mit so wild und frechem Sinn?
So hör' es denn, und dies sei deine Qual,
Ich bin des Grafen Siegefrieds Gemahl,
Der wiederkommt um deine Tat zu rächen,
Die Steine werden meine Unschuld sprechen.

*****

Siegfried vor dem Zauberspiegel

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(Winfreda, die Zauberin, von Golo gedungen und bezahlt, zeigt dem Grafen Siegfried den Treubruch seiner Gattin im Zauberspiegel.)

Winfreda:
Was kamst du her zu meiner armen Hütte?

Siegfried:
Ich kam zu dir mit dieser frommen Bitte:
Lass mich im Bild mit eignen Augen sehn
Was in dem Haus, seit ich entfernt, geschehn,
Wie sich mein Weib, die ich geliebt, betragen,
Dass man sie nicht darf ohne Grund verklagen.

Winfreda:
Schau' auf den großen Spiegel, in den Kreisen
Wird jed' Geheimnis sich als offen weisen. -

Siegfried:
Nun kommt – es kommt – ach Gott im Himmel!
Mein' Genovefa in all ihrer Schönheit
Im schwarzen Kleide,
Mit goldnem Geschmeide,
Sie setzt sich nieder, beschaut das Gras,
Zu ihren Füßen wird grüner das;
Da kommt der Drago, bleibt vor ihr stehn
Und hält mit ihr ein freundliches Gespräch. –
Nun, wahrlich! da ist nichts zu schelten.

Winfreda:
Lasst die Zeiten nur weiter gehn,
Sollt Ihr andre Dinge sehn.

Siegfried:
Da sitzen sie nebeneinander
Und schauen sich keck in die Augen,
Sie streichelt ihm die Wange und das Haar. –
Ach; Genovefa, fühl', wie ich für dich erröte!

Winfreda:
Lasst die Zeiten nur weiter gehn,
So werden wohl andre Dinge geschehn.

Siegfried:
Was seh' ich da? Sie hängt an seinem Halse?
Sie sinken in die dunkle Laube nieder? –
Er – o, ich kann's nicht dulden, mit der Faust
Will ich den Bösewicht erwürgen! – Wie? –
Der Spiegel fort? die Lichter aus? der Mondschein
Bei uns im einsamen Gemach? Wie ist's?
Wo ist denn all die bunte Welt geblieben?

Winfreda:
Ihr habt mit Eurem Zorn das Werk zerstört,
Zu nah' kamt Ihr mit irdischer Glut
Der zarten magischen Welt,
Da hat sie sich in die Unsichtbarkeit gerettet.

Siegfried:
Was will ich denn auch mehr? Mein Golo, auf!
Ersteig' dein Pferd, und reite mir voran
So schnell du kannst, die Schändliche zu strafen,
Nicht lebend sei sie mehr, wenn ich dort bin.
Ich mag die Wohnung nicht betreten, wo
Sie ihren giftgen Hauch, die Schlange, atmet.

*****

Genovefa flösst ihren Mördern Mitleid ein

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(Genovefa mit dem Kinde, geführt von Bruno und Grimoald.)

Benno:
Hier ist die Stätte, lasst uns stille stehn.

Grimoald:
Wie schauerlich und einsam ist der Platz! –
Was sprecht Ihr denn kein Wort, Frau Genovefa?

Benno:
Bereitet Euch, nunmehr den Tod zu sterben.

Genovefa:
So helf' mir Gott, wie ich unschuldig bin!
So straf' er mich, vergass ich je der Treue,
Die dem Gemahl die Eh'frau schuldig ist.
O, ihr seid hintergangen, liebe Männer,
Und teilt mit dem Verführer das Verbrechen.

Benno:
Das Messer ist gezuckt, und Ihr sollt sterben.

Grimoald:
Zurück! Sonst stoss' ich dir das blanke Eisen
In deinen Schelmenwanst! Da, lass sie sprechen.

Genovefa:
O, du bist gut, o, du bist mir ein Trost,
In dunkler Wüste unverhofft gesandt,
Erbarm' dich mein und meines armen Kindes,
Zu deinen Füßen knie' ich, sei barmherzig.
Ich kann nicht sterben, ich bin ohne Schuld,
So schuldlos wie dies Kindlein hier an dem,
Was man mich anklagt. O, vergiesset nicht
Ein reines Blut, es schreit zu Gottes Thron.
O seht, die Sonne will nicht niederscheinen
Auf solche Tat, es will das Aug' der Welt
Nicht sehn, was euch auf immer nagen würde;
Ihr wollt mit Menschenaugen, Menschenherzen,
Mit euren Händen dieses Blut vergiessen,
Es fliessen sehn das dunkle Tal entlang?
O, seht die schwarzen Weiden, wie sie rauschen,
Als wenn sie mit in meine Klage stimmten,
Als gäben sie den Bitten mein Gehör.
Und du willst so dein menschlich Herz verhärten?
Hab' ich nicht schon genug erlitten? Froh
Ward ich des Kindes nicht in schwerer Stunde,
Kein Mensch, der Hülfe mir im Kampf geleistet,
Der Trost mir eingesprochen, da mir bangte:
Da war das Kind und weinte mir entgegen,
Ich konnte ihm zum Gruß nur Tränen geben;
So winselten wir beide, keiner achtet's,
Auch gab mir keiner Labung und Erquickung,
Kein Bett in meinem feuchten, kalten Turm,
Und keiner sah, wie ich mich selbst verzehrte,
Dem Kindlein nur die dürftge Kost zu reichen,
Auch Kleidung und Gewand war nimmer da,
Und alles fehlte, was der Bettler hat. –
Nun lassen sie mich noch ermorden, weil
Sie meines Herrn, des Grafen Zorn befürchten.
Bin ich nicht elend g'nug? O, lasst mich leben,
Um meines Kindes willen lasst mich leben,
In ihm ist Welt, und Reichtum und Gemahl
Und alle Herrlichkeit und Wohlergehn.
O lasst mich leben, dass ich dieses Lämmlein
Zur Gottesfurcht und seiner Lieb' erziehe.

Grimoald:
So geht, wohledle Frau; da habt Ihr ihn,
Den lieben Knaben – Lachst du mich so an,
Du holdes Kind? Wie ist mir wohl und leicht,
Als hab' ich eine gute Tat getan.

Genovefa:
So lebe wohl, es segne dich der Herr.
Komm auf die Pilgerschaft, mein Schmerzenreich.

*****

Ein Engel tröstet Genovefa in der Wüste mit dem Bilde des Gekreuzigten

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(Genovefa kniet vor der Höhle, Schmerzenreich spielt mit einigen Häschen.)
(Der Dichter erzählt das Schicksal der Gräfin:)

Sie führt indes ein tief betrübtes Leben,
Nur Andacht kann den Kummer ihr erheitern,
Sie hat sich ganz in ihren Gott ergeben
Und will die Brust von allem Ird'schen läutern;
Sie fühlt um sich die Kraft der Engel schweben,
Und wie sich Sinn und Herz und Glaub' erweitern,
So sitzt die treue liebevolle Seele
Und schaut hinauf aus ihrer engen Höhle.

Die Hirschin täglich kam, das Kind zu säugen,
Sie war der Genovefa einz'ger Trost;
Die Gräfin selbst muss sich dem Elend beugen
Und Gras und Wurzeln sind die einz'ge Kost;
Wie musste sie so tief hinuntersteigen,
An Glück gewöhnt, an Füll' und süßen Most,
Jetzt kann die Erd' ihr selbst nicht das gewähren,
Was sonst die ärmsten Bettler nicht entbehren.

Die Wüstenei anstatt ihr schönes Haus,
Statt ihres Prunkgemachs die finstre Kluft,
Statt Diener gingen Tiere ein und aus,
Statt schöner Speisen Kräuter in der Gruft,
Statt reicher Betten Ängstigen und Graus
Auf dürren Reisern in der kalten Luft,
Der edlen Perlen musste sie entbehren,
Statt deren dienten ihre heißen Zähren.

Wie musste sie dies Elend doch empfinden,
Die Herzogstochter, gräfliches Gemahl!
Wann Sommerlüfte spielten in dem linden
Geblüm, so trug sie's leichter noch zumal,
Doch wenn der Winter kam mit scharfen Winden,
Dann ging erst an der armen Frauen Qual,
Ach Gott, wie musst' sie ob dem Kind sich härmen,
Wie mocht' sie sich, ihr Kindlein auch erwärmen?

Sie drückt' es oft mit Zähren an die Brust,
Damit die Gliederlein ihm nicht erfrieren,
Und wenn's vor Kälte zittern dann gemusst,
So konnte sie den Schmerz oft nicht regieren.
Es ist in wilder Wüst' all ihre Lust,
Und fürchtet, es so schrecklich zu verlieren;
»Du leidest mit mir«, hat sie dann gesprochen,
»Du wirst gestraft und hast noch nichts verbrochen.«

Sie dachte wieder dann an Jesu Wunden
Und was er für der Menschen Sünd' erlitten,
Dann fühlte sie so Herz wie Geist gesunden,
Und mut'ger ward der Kampf alsbald gestritten; –
Also verschwanden ihr gar viele Stunden
Und Monden, Jahre, unter brünst'gen Bitten
Und heil'ger Andacht, ihres Kinds Erziehen,
Indessen sieben Frühling' auferblühen.

Einst lag sie da bei ihrer Höhle knieend,
Die Augen starr zum Himmel hingewandt,
Da sieht sie aus der Höhe niederfliehend
Ein Engelsbild, es trägt in seiner Hand
Ein Kruzifix, von Elfenbeine blühend,
Daran der Jesu Christ gekreuzigt stand:
Das Antlitz, die Gestalt so innig rührt,
Man sieht, dass Engel es gefiguriert.

Kein Auge sah das Bildnis ohne Tränen,
So schön gebild't war Christi großes Leiden,
Die Brust ward anerfüllt mit tiefem Sehnen,
Inbrünst'ger Angst und goldnen Herzensfreuden:
Der Genovefa gab er diesen schönen
Geformten Christ, die Seele dran zu weiden;
Er sprach: »Ich bring ihn aus den Höhn, den lichten,
Dass du vor ihm magst dein Gebet verrichten.

Und bist du nun zum Tode tief betrübt,
So schau mit Aug' und Herzen auf dies Kreuz,
Und wenn dich Drangsal um und um umgibt,
So richte Flehn und Herze nach dem Kreuz,
Wann Ungeduld den Seelenfrieden trübt,
Denk' des Geduld, der dorten hängt am Kreuz,
Dann steht dies Kreuz als Schirm den Feinden vor,
Ein Schlüssel ist es zu des Himmels Tor.«

*****

Golo stürzt seinen Helfershelfer Benno von einem Felsen

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(Im Hintergrunde erscheint der Geist Othos, des Vaters Golos, in Pilgertracht.)

Golo:
Wie konntest du sie, Bösewicht, ermorden?
Wie durftest Hand an ihre Augen legen?
Dich schreckte nicht der helle Blick zurück?
Dich jammert' nicht das arm' unschuld'ge Weib?

Benno:
Hatt' ich von Euch nicht zu der Tat Befehl?

Golo:
Auf mich willst du die Schuld nun wälzen, Schurke?

Benno:
Was wollt Ihr mir, dass Ihr mich so ergreift?

Golo:
Hinab dich stürzen in den tiefen Abgrund.

Benno:
Nun lasst mich los, ich werfe Euch hinab.

Golo:
Jetzt gilt's, wer von uns beiden stärker ist. -

Benno:
Er hat nicht Menschen-, nein, des Satans Kräfte.
Besinnt Euch, Golo, denkt doch, was Ihr tut.

Golo:
Du sollst hinunter, eh' will ich nicht ruhn.

Benno:
Barmherzigkeit! Ich wanke – lasst Euch sagen –

Golo:
Da, fall!

Benno:
Sie ist nicht umgebracht!

Golo:
Hinab!

(Benno stürzt hinab.)

Nun hab' ich Ruhe vor dem wüsten Mörder,
Der auch nach meinem Leben stand, der immer
Die schwere Missetat mir wiederholte.
Mich dünkt, ich hört' ihn noch nach Hilfe schrein,
Des Stromes Strudel hat ihn wild verschlungen.

(Ein Pilgrim tritt auf.)

Pilgrim:
Scholl hier die Stimme, die um Hilfe schrie?

Golo:
Ich weiss von nichts, ich habe nichts gehört.

Pilgrim:
So grüss' Euch Gott in Jesu Christi Namen.

Golo:
Ich kenn' Euch nicht, was wollt Ihr hier bei mir?

Pilgrim:
Ich bin ein armer Pilgrim, auf dem Wege
Nach heil'gen Wallfahrtsörtern, Wunderbildern,
Um meine schweren Sünden abzubüssen.
Ihr seid der Golo, haust in dieser Gegend?

Golo:
Wie kennt Ihr mich? Ich hab Euch nie gesehn.

Pilgrim:
Ach, warum zogt Ihr nicht vor sieben Jahren
In jenen heil'gen Krieg mit Siegfried aus?
Da stünd' es jetzt um Euren Zustand anders.

*****

Siegfried findet die als tot beweinte Genovefa wieder

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(Siegfried veranstaltet eine Jagd.)

Siegfried:
Das Wild floh in die Höhle. – Jesu Christ!
Was seh' ich da? Im Berg dort ein Gespenst; 

Genovefa (drinnen):
Ave Maria, heilge Mutter Gottes!

Siegfried:
Bist du von Gott, so zeige dich am Licht.

Genovefa:
Ich bin von Gott, doch darf ich mich nicht zeigen,
Ich bin ein arm, nackt, schwach und elend Weib,
Wenn ich soll zu Euch kommen, werft mir erst
Den Mantel zu, muss mich sonst vor Euch schämen.

Siegfried:
Da ist der Mantel. – Komm heraus und sprich.

(Genovefa tritt heraus, im Mantel eingehüllt. Die Hirschkuh folgt ihr. - Genovefa erzählt ihre Leidensgeschichte.)

Es ist nicht möglich! – Wie ich Euch betrachte –
Ihr seid mir fremd, ich hab Euch nie gesehn –
Es kann nicht sein – nun sagt mir Euren Namen
Und auch den Namen Eures Eheherrn.

Genovefa:
Mein Eheherr – ach Gott, er heisst Herr Siegfried,
Ich Unglücksel'ge heiße Genovefa.

(Siegfried stürzt sinnlos nieder.)

Ist er gestorben an dem harten Wort?
O Siegfried! teures Herz! Ermanne dich!

Siegfried (niederknieend):
O Genovefa! Genovefa! Ihr?
Ach, höchster Gott! O, habt Ihr mir verziehn? –
Nein, nein, lasst mich auf meinen Knieen sitzen,
Nicht aufstehn, nicht mich trösten – So Euch sehn?
Die nackten heil'gen Füsse will ich küssen –
So gar vermagert? – Ach, du liebster Gott!
Wie kann mich, Bösewicht, die Erde tragen?
Wie könnt Ihr mir verzeihn? Nein nimmermehr!
Ich bin die Schuld von Eurem grossen Elend,
Ich bin es, der die herrliche Gestalt
Also entstellt, in grosse Not gebracht.
Ihr hier? – O, ich kann kaum den Sinnen trauen! - -
O, um der Wunden Jesu Christi willen,
Um die fünf Wunden, die er hat erlitten,
Um seiner Leiden willen, ach, vergebt!

Genovefa:
Ich mische meine Tränen mit den Euren –
Nicht so betrübt Euch – ach! Ich kann vor Schluchzen
Nicht sprechen – nicht betrübt Euch, teurer Siegfried,
Nein, nicht betrübt Euch also sehr, mein Herz –
Mein armes Herz muss brechen, wenn ich Euch
So weinen seh' und von dem greisen Bart
Die Zähren rinnen – sammelt Euch, steht auf.
Es war nicht Eure Schuld, der Himmel fügt' es,
Dass ich in diese Wüste kam, zum Heil
Der Seele – gern verzeih' ich Euch, und längst
Hab' ich Euch schon verziehn – Gott woll' uns beiden
Vergeben unsre Schuld, zukommen lassen
Sein Reich und seine Gnade, drum erhebt Euch.

(Schmerzenreich kommt mit Wurzeln und Kräutern.)

Schmerzenreich:
Bring' Essen dir, mein liebes Mutterlein.
– Ach, Mutter, sieh – was soll das Bild doch sein?
Ich fürchte mich, wie es so bei dir steht.

Genovefa:
Sieh, Schmerzenreich, das ist dein teurer Vater,
So geh' nun hin und gib ihm fromm die Hand!

Siegfried:
Ich meine Arme komm! an meinen Mund!
An meine durst'ge Brust! Ach, Herzenskind!
Ach du mein lieb herzgüldnes Herzenskind!
O, schau' mich an; wie hast du klare Äuglein,
Die sind ein Bronn, da schau' ich vor'ge Zeiten,
Ach, du mein Kleinod! Kind und Genovefa,
Zugleich gefunden? Ach, du Gott im Himmel,
Wie hast du mir mein Herz so leicht gemacht,
Wie schwer zugleich – soll ich mich freuen, soll ich
Laut schluchzen, weinen und den Felsen klagen?
Wir sind hier so allein, ich muss die Menschen
Herrufen, dass sie sich mit mir erfreu'n,
Dass diese Berge Freude widerschallen.

*****

Siegfried führt die wiedergefundene Genovefa in seine Burg heim

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(Versammelte Dienerschaft vor dem Burgtore, Wendelin trägt Schmerzenreich auf dem Arme.)

Alle:
Es lebe unsre gnädige Frau! Hoch! und abermals hoch!

Kinder (zu Schmerzenreich hinauflangend):
Ach, lieb Kindelein! lieb Kindelein!

Schmerzenreich:
Setze mich hinunter! O, wie schöne Leute! Wie liebe Kinder!

Genovefa:
Ich dank' euch allen, doch ich kann nicht sprechen,
Nur meine Tränen können für mich reden.

Siegfried:
Kommt alle mit hinein zu meinem Schlosse,
Denn heut' an diesem Tage sei ein Fest,
Die Glocken läuten, Priester singen Messe,
Und bis zum Knecht hinab sei alles glücklich,
Sei alles heut' als Bruder mir gegrüsst!

Alle:
O Freude! Freude! übergrosse Freude!

*****

Golos Strafe

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(Golo wird in demselben Tale hingerichtet, in welchem er Genovefa wollte morden lassen. Seine Richter sind Matthias, Siegfrieds Bruder, Kunz, ein Vetter, und zwei andere Ritter.)

Matthias:
Hier ist die Stätte, wie man mir gesagt,
Nun halt' dich fertig, schnöder Bösewicht!

Kunz:
Den ganzen Weg hieher hat er gebrüllt,
Wie ist er nun so plötzlich still geworden?

Matthias:
Hast du noch was zu sagen, eh' du stirbst?

Golo:
Euch nichts; doch lasst mich vorher beten.

Matthias:
Das sei vergönnt.

Golo (knieend):
Dicht von Felsen eingeschlossen –
O, vergib mir, grosse Güte, –
Wo die stillen Bächlein gehn –
Warum bist du fern geblieben?
Wo die dunkeln Weiden sprossen –
Wie kann ich mich so gar nicht, gar nicht finden!
Allmächtiger! Vergib mir meine Sünden! –
Dicht von Felsen eingeschlossen –
Und immer, immer das Lied mir wiederkehrt –
Wo die dunkeln Weiden sprossen –
Und mich in meiner Andacht stört –
Wo die Bächlein –
Allmächt'ger Gott! Wo bin ich hingeraten?
Da stehn die Weiden! Sieh, dort schleicht der Bach,
Da sind die Felsen, schließen eng' uns ein.
Gelobt sei Gott! – Wünsch' ich bald mein Grab zu sehn! –
Wie hat dies Lied prophetisch mir geklungen!

Matthias:
Nun, bist du bald mit Beten fertig?

Golo:
Gönnt
Mir Raum! Ihr hättet auch wohl Not, Euch ab
So böser Schuld zu tun. Nun tötet mich
Und schenkt ein Grab mir unter diesen Weiden.

Matthias:
Nein, unbegraben soll dein Körper liegen,
Den Raben und den wilden Tieren Beute.

Golo:
Nein, nur ein Grab! Das Lied hat's so versprochen.

Kunz:
Er rast; ich hab' ihn nieder schon gestochen.

Golo:
O, nur ein Grab! ich wünsche ja nicht viel.

Matthias:
Er stirbt, hier hat die Rache unser Ziel!
Hat er noch gute Freunde in der Welt,
So sei von denen ihm ein Grab bestellt.

Golo:
Erlöser, löse mich aus dieser Qual –
Dort im fernen einsam grünen Tal. –

(Golo stirbt; Heinrich, der Schäfer, der ihm einst dass prophetische Lied gesungen hatte, weint bei seiner Leiche und bestattet sie.)

*****

Genovefa stirbt

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(Hidulfus, der Bischof von Trier, reicht ihr die heiligen Sterbesakramente; Siegfried und Schmerzenreich, Wendelin und eine Kammerfrau knieen vor dem Bette der Sterbenden.)

Schmerzenreich:
Was weinst du, Vater?

Siegfried:
Dass die Mutter stirbt.

Schmerzenreich:
O, lass sie ziehn, denn das ist ihr Verlangen,
Nach Himmelslichte steht ihr frommer Sinn,
Die Erde nährte sie mit Pein und Bangen,
Nun geht sie in die ew'ge Freiheit hin;
Sie sass im harten Kerker hier gefangen,
Nun bringt der Tod ihr köstlichen Gewinn,
O, lass uns beten, dass wir aus den Leiden
Doch also rein und selig mögen scheiden.

Siegfried:
Kind, du kannst ruhig ihren Tod betrachten,
Von dir hat sie kein Leiden je empfangen;
Ich war's, der sie unschuldig liess verschmachten,
Der ihr gegeben Pein und Angst und Bangen. -

Schmerzenreich:
Oftmals hat mir die Mutter es verkündet,
Dass uns das Scheiden hier nicht lange trennt,
Dass wer sich liebt, sich dorten wiederfindet,
In gegenseit'ger Wonne sich erkennt;
Dann sind wir alle fest in eins verbündet,
Das Freudenreich mit ew'gen Lichtern brennt.
Sie ist die müdeste, sie geht voraus,
Wir kommen nach in unsers Vaters Haus.

Genovefa:
Tritt her, Gemahl, tritt her, mein Söhnelein!
Ich lass euch jetzt, bald sehen wir uns wieder,
Dann sollen wir stets beieinander sein
Und singen Gott die wohlgefäll'gen Lieder;
Schon spielt um mich des Himmels reiner Schein,
Der Leib sinkt in die tote Erde nieder.

Siegfried:
Ach bleibe, bleibe noch, du frommes Blut,
Und mach' mich Sünder rein und fromm und gut.

Genovefa:
Auch meine Seel' muss sich dem Tod entringen
Und in dem Lebensmeer als Welle klingen. - -

*****



Joseph Führich: Selbstbildnis 1829. In: L'Âge d'or du romantisme allemand. Aquarelles & dessins à l'époque de Goethe. Sous la direction de Hinrich Sieveking. Musée de la Vie Romantique. Paris 2008, Nr. 33.

*****

4. Führich: Lebenserinnerungen.
Auszug zu "Genovefa"

Tiecks "Genoveva" schien mir der Gegenstand zu sein, an dem ich mich selbst und meine romantische innere Welt mir und anderen zum Teil zur Anschauung bringen könnte. Meine Bestrebungen hatten mich mit einem jungen Manne, einem Hörer der Rechte an der Prager Universität, Haas von Oertingen (1), bekannt gemacht, der in seinen freien Stunden sich mit der Dichtkunst beschäftigte, und auf ihrem Gebiete derselben Richtung huldigte, die ich auf dem meinen verfolgte. Wir hatten uns, kaum gefunden, bald durch innige Freundschaft verbunden. Diese Bekanntschaft sollte von bedeutendem Einflusse auf mein ferneres Leben sein. Sein reiches, harmonisch gestimmtes Gemüt, heiter und frisch, aber durch religiösen und sittlichen Ernst wohltätig gezügelt, wirkte auch günstig auf das meine; denn er war gleich weit entfernt von frivoler Leichtfertigkeit, wie von jener damals und später in die Mode gekommenen, mit Absicht zur Schau getragenen inneren Zerrissenheit, die es liebt, unter dem Bilde eines ausgebrannten Kraters sich darzustellen. Wir entwarfen zusammen den Plan zur "Genoveva", bestimmten die darzustellenden Momente, und er war immer hocherfreut, wenn ich ihm ein neu fertiggewordenes Blatt zeigte. Es kam das Ganze zustande, und er hing mit solcher Liebe an diesem Produkte meiner damaligen freien Stunden, daß er mir von Wien, wohin ihn bald hierauf sein Beruf zu meinem Schmerze mir entrückte, die dringende Bitte schrieb, ihm die "Genoveva" auf einige Wochen zu schicken, was ich natürlich gern tat. 

So vielfältig ich mich mit Kunstplänen trug, ebenso fern lag mir jeder Lebensplan, ich war gänzlich unbekümmert um das, was in der Zukunft mit mir werden sollte. Die Vorsehung aber dachte daran und bereitete durch Freundeshand den Weg, den ich selbst mir zu bahnen versäumte. 

Meine "Genoveva" war in Wien in höheren und höchsten Kreisen bekannt geworden. Außer den Bemühungen meines Freundes hatte dazu ein mir unbekannter Mann, der Maler Karl Waagen (2) aus Berlin, der sich damals in Wien auf der Durchreise nach Italien aufhielt und Zutritt in der höheren und besseren Gesellschaft hatte, aus allen Kräften eines edlen und kunstliebenden Herzens beigetragen. Dies alles berichtete mir ein Brief meines Freundes samt der überraschenden Kunde: Der Anblick meiner Zeichnungen habe einen Kreis vornehmer Leute, wovon mir der Brief einige nannte, bewogen, mir durch eine Pension einen Aufenthalt in Italien und Rom auf ein oder mehrere Jahre möglich zu machen (3). Der Brief schloss mit der dringenden Aufforderung, dies großmütige Anerbieten so schnell als möglich zu benützen, und mich zur Abreise über Wien nach Italien schleunigst vorzubereiten. Die Überraschung meiner guten Eltern war groß, und trotz des bevorstehenden Trennungsschmerzes eine freudige. Bei mir, der ich zwar in der Kunst mir eines regen Vorwärtsstreben jederzeit bewußt war, aber im Leben allen, wenn auch vorteilhaften Umwälzungen das friedliche, stille Einerlei des Gewohnten vorzog, glich diese Überraschung beinahe einer Bestürzung.

Erläuterungen:
(1) Franz Haas von Oertingen, gestorben 1861 als Oberst-Auditor in Wien.
(2) Bruder des Kunstforschers und Galeriedirektors Wilhelm Waagen.
(3) Fürst Metternich stand an der Spitze dieser Förderer.

Josef von Führich: Lebens-Erinnerungen. Mit fünfzig Zeichnungen und einem Bildnis des Künstlers (Cajetan Oßwald: Josef Ritter von Führich, I. Bändchen). Höchst-Bregenz: Heinrich Schneider See-Verlag [1926], S. 55.58.

Erläuterungen nach:
Moriz Dreger: Josef Führich. Hrsg. vom K. K. Ministerium für Kultus und Unterricht. Textband. Wien: Artaria & Co. 1912.

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