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Jutta Assel | Georg Jäger

Daniel Nikolaus Chodowieckis »Totentanz«
Eine Kupferstichfolge

Mit Dank für kritische Hilfe an Uli Wunderlich.

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Stand: Juli 2015

»Die Entstehungsgeschichte dieses Totentanzes dokumentiert die Umstrittenheit der Todesthematik im späten 18. Jahrhundert. Chodowiecki versuchte bereits 1780 erfolglos eine entsprechende Bildfolge zu veröffentlichen, stellte dieses Vorhaben nach verschiedenen Absagen für mehr als zehn Jahre zurück, stieß dann aber immer noch auf Widerstand: Am 20. Januar 1791 verlangt der Frankfurter Verleger Jäger Vorzeichnungen für den Kalender des folgenden Jahres und erwähnt dabei, daß der Wiener Verleger Wappler die Lieferung mit der Begründung, ein Totentanz sei als Neujahrsgeschenk für Frauen untauglich, zurückgeschickt habe. Erst am 18. Juni 1791 als Chodowiecki die Kurzfassung der Bildbeschreibung nach Frankfurt schickt, scheint er sich endgültig durchgesetzt zu haben. Unklar bleibt, ob es sich bei den veröffentlichten Stichen um die alten oder um neue Bilder handelt. Da die Kalenderillustrationen sicher erst so spät wie möglich radiert wurden, waren Änderungen leicht möglich. Geht man davon aus, daß es sich bei dem berühmtesten deutschen Illustrator nicht um qualitative, sondern um thematische Vorbehalte handelt, muß die Entstehung von Chodowieckis Totentanz auf das Jahr 1779/89 zurückdatiert werden. Verschiedene Fakten sprechen dafür: Chodowiecki hat sich damals [...] mit dem Werk Holbeins auseinandergesetzt, wahrscheinlich auch mit dessen berühmten Totentanz. Zur gleichen Zeit macht der Künstler, wohl angeregt durch Krankheit und Sterbefälle in der Familie, sein Testament.«

Dass das Personal der Kalenderillustrationen in Bildunterschriften eindeutig benannt wird, erinnert »schon rein formal an ältere Beispiele. Scheinbar traditionell mit dem König beginnend, läßt sich bei den folgenden Bildern [...] keinerlei Ordnungsprinzip erkennen: es folgen der Bettler, der Adlige, das Kind, der Soldat, der General, das Freudenmädchen, das Fischweib, der Papst, die Königin, die Mutter und der Arzt. Analysiert man Bild und Text, fällt auf, daß die Konfrontation der Lebenden mit dem Tod ausschließlich als Kampf mit einem tückischen Gegner beschrieben wird.«

Uli Wunderlich: »Aber, ihr Herren, der Tod ist so aesthetisch doch nicht«. Über Literarische Totentänze der Aufklärung. In: Das Achtzehnte Jahrhundert, Jg. 21, H. 1, 1997, S.69-84. Hier Auszüge S. 77-79.

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»In einem Brief aus dem Jahre 1780 von dem Verleger Berenberg an den Künstler wünscht derselbe, dass der Künstler nicht den Totentanz nehme, weil der Debit, seiner Meinung nach, schwach sein würde, besonders aber in katholischen Ländern, wo derselbe gewiss in Bann gethan würde, "denn sie wollen absolutement nichts drin haben, was ihrer Religion oder den Catholiken im geringsten anstößig seyn kann."«

Wilhelm Engelmann: Daniel Chodowieckis sämmtliche Kupferstiche. Nachträge und Berichtigungen von Robert Hirsch. Reprint der Ausg. 1857 u. 1906. Hildesheim: Olms 1969, S. 351 Anm. 213.

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2. Die Kupfer des Totentanzes
mit den Erklärungen des Kalenders und den Beschreibungen Chodowieckis

Der Totentanz besteht aus 12 Blättern in Kupferätzung; Bildfelder mit Schrift 8,5 cm in der Höhe, 5 cm in der Breite. Sie erschienen mit Erklärungen im "Königl. Grosbritannischen Historischen Genealogischen Calender für 1792" im gemeinschaftlichen Verlag von Berenberg in Lauenburg und der Jaegerischen Buchhandlung in Frankfurt am Main.

Die Kupferstiche werden nach Vorlagen einer privaten Sammlung wiedergegeben. Die Erklärungen folgen dem Erstdruck im "Königl. Grosbritannischen Historischen Genealogischen Calender für 1792". Der Autor der Erklärungen ist nicht bekannt. Nach ihnen richtet sich auch die Reihenfolge. (Andere Reihung der Blätter, die keine Nummern haben, bei Engelmann: Chodowieckis sämmtliche Kupferstiche, S. 352.)

Vorangestellt sind die Beschreibungen, die Chodowiecki selbst in einem Brief vom 18. Juni 1791 an die Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a.M. gegeben hat. Sie werden hier zitiert nach Wilhelm Engelmann: Chodowieckis sämmtliche Kupferstiche, S.352.

Bitte beachten Sie, dass den Bildern also jeweils zwei Texte beigegeben sind: Über dem Bild die Beschreibung Chodowieckis in dessen Schreibweise, unter dem Bild die Erklärung im Kalender der Erstpublikation.

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Der König.

Beym König ist's die Ambition und der Geitz die ihn abrufen im augeblick da er von seinen Unterthanen fußfallich angebethet wird.

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Zittert Sterbliche! - oder freuet euch, ihr, die das Schicksal zum Gehorchen bestimmt hat! Selbst der Thron schützt nicht gegen die Allgewalt des Todes. Dies Loos haben die Mächtigsten der Erde, die Könige, mit euch gemein; sie die so viel vor euch voraus haben - noch mehr voraus zu haben wähnen! Kühn tritt Bruder Hein diesem Könige unter die Augen .... Doch nein! er kommt vielmehr rückwärts herbei geschlichen, und schickt seine Waffenträger, die Herrschsucht und den Geitz voran. Umgeben von diesen Werkzeugen des furchtbaren Weltbezwingers brüstet sich der stolze Monarch indem er sein Volk zu seinen Füßen erblickt; Und ungerührt von seinen Klagen, fühllos gegen seine Bitten, ahnet er nicht den Schlag der seiner Hoheit ein Ende, ihn selbst dem geringsten seiner Unterthanen gleich - zum Raube der Würmer macht.

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Der Bettler.

Den Bettler zieht die Armuth so sehr er sich auch dagegen sperrt in die Grube.

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Unersättlicher noch als der habsüchtigste Eroberer ist der Tod; mit räuberischer Faust packt er sogar den Bettler an, er, der täglich so viele Reiche ohne Mühe in seine Gewalt bekommt. Aber auch nur an einem Bettler kann er seine eigene Kraft zeigen, weil ihm hier seine getreue Gehülfen, die mächtigen Leidenschaften, ihren Beistand versagen. Gleichwohl verläßt er sich nicht ganz auf die Stärke seiner Dürren Knochen; dann wer vermag dem Tode wirksamer zu widerstehen als ein Bettler dem die mächtigsten aller Tugenden, die Mäßigkeit, stets zur Seite steht? Bruder Hein nimmt also die List zu Hülfe; Er hüllt sich in Lumpen ein und hofte in dieser Maske unerkannt zu bleiben. Allein diese List ist fruchtlos. Der Bettler, von dem Triebe der Selbsterhaltung belebt und durch die Tugenden seines Standes gestärkt, thut so tapfern Widerstand daß der Tod mit minderer Mühe zehen Könige in seine Gewalt bekommen hätte.

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Der Ahnenstolze.

Der Ahnenstolze Edelmann wird von seinem Gegner mit einem Knochen seines Stammhalters Todgeschlagen.

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Habe Ehrfurcht für diesen Stammbaum! Sieh diesen Degen! er hat dir schon manche gute Beute in allen Arten rühmlicher Kämpfe verschaft! So ruft Herr von Ahnenstolz dem Herrn Dürrbein verzweiflend entgegen und scheint sein altes Ritterschwerdt gegen ihn gebrauchen zu wollen. Aber ganz gegen alle Regeln der Ritterschaft ergreift ihn dieser beim Kragen, und ohne ihn der Ehre den Degen gegen ihn zu ziehen zu würdigen, haut er mit einem alten Knochen auf ihn ein. Wie fein! Es ist der Knochen eines der hochadelichen Anherren des Herrn von Ahnenstolz! Wie könnte er diesem widerstehen?

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Das Kind.

Das Kind das seine Wärterin im Schlaf zu stark gewiegt worden und herausgefallen war hascht der Tod und trägt es davon.

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Hier hat der Künstler einen nicht geringen Theil der Größe seines Talents gezeigt. Ein gesundes Kind das von seinen sorgenfreyen Eltern der Pflege seiner Wärterin überlassen ist. Wie konnte der Tod sich dieses Kindes anders als durch einen Schelmenstreich bemächtigen? Auch wagt er es nicht mit seinen klappernden Knochen auf den Boden zu tretten. Er erhebt sich in die Luft und spähet auf den Augenblick wo durch eine maschinale Bewegung des Fuses der eingeschlafenen Wärterin das Kind aus der Wiege geworfen wird. Wer nicht die Stille der Nacht an den Fledermaus-Flügeln des diebischen Heins erkennt; wer nicht das Schnarchen der dicken Wärterin hört, dessen Einbildungskraft muß wohl in eben so dicken Fette begraben seyn.

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Die Schildwache.

Die Schildwache wird in einem feindlichen Ueberfall abgelöst.


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Muthvoll sezt sich der tapfere Grenadier zur Wehre. Er erkennt die feindliche Kokarde und Heins Feldgeschrei: Mit ins Grab, erinnert ihn seiner Pflicht; allein fruchtlos ist sein Muth, vergeblich sein Widerstand!
     Ob man mit so dürren Beinen in so großen Stiefeln laufen kann? Bruder Hein kann's; der flüchtigste Petitmaitre in Tanzschuen kann er ihm nicht entspringen.

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Der General.

Der General [stirbt] im Krieg.

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Noch undankbarer als gegen den Arzt ist Herr Hein gegen den General, der ihm Freunde und Feinde ohne Zahl überliefert und gleichwohl seine Raubsucht nicht versöhnen kann. Er hält ihn unter dem Mantel der Ehre auf dem Schlachtfelde unter tausendfachen Gefahren und mähet ihn wie frisches Gras in der Blüthe seiner Jahre und seines Ruhms.

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Das Freudenmädgen.

Das Freudenmädchen, der Tode geisselt es mit den franz: Lilien der Lustseuche, die Hausmutter sucht ihn umsonst mit dem Mercurius Flaschgen zu verscheuchen. Die Liebhaber laufen lamentirend davon.

 

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So hitzig als der feurigste Liebhaber greift Herr Klappers noch nach der Hand der Schönen; allein nicht aus Zärtlichkeit, sondern um sie dafür zu Geißeln, daß sie bei dem Genuße ihre[r] zügellosen Freuden sich seiner nie erinnert hatte. Vergeblich sucht ihn die garstige alte Kupplerinn mit ihrem Arzeneiglas zu verscheuen. Der Tod läßt seine Beute nicht, wohl aber entfliehen die beiden Wollüstlinge mit Abscheu. Dieser Nebenbuhler ist ihnen zu gefährlich - Glücklich wenn sie selbst seiner Geisel entrinnen!

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Das Fischweib.

Das Fischweib stirbt in einer Zänkerey mit ihren Nachbarn vor Zorn.

 

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Welch ein Contrast zwischen dem dicken Fischweibe und Bruder Rapelbein! Der Anstrengung des leztern und der mit Furcht vermischten Wuth der ersten. Endigte nicht ein unausbleiblicher Steckfluß den Lebensfaden des rüstigen Weibes so würde Herr Rappelbein noch manchen kräftigen Hieb thun müssen, um auf ihr wohl verpanzertes Herz zu kommen.

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Der Pabst.

Dem Pabst tödtet der Aberglaube zur Zeit da einer seiner Untergebenen ihm den Pantofel küßt und andere ihm ihre devotion bezeugen. Der stehende Kardinal freut sich seiner Abfahrth, vielleicht kommt er an seine Stelle.

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Hier muß man sich einen Pabst der Vorwelt denken; denn der jetzige ist zu vernünftig als daß er von den Pfeilen des Unglaubens getödtet werden sollte. Wir wollen es daher den Lesern überlassen, das Original zu diesem Bilde in der Geschichte aufzusuchen. Ob es ihm leicht oder schwer seyn werde, es zu finden - wissen, wir nicht!

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Die Königin.

Die Königinn [stirbt] vor Eifersucht.

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Ruhig, ja mit sichtbarem Vergnügen sieht die schöne duldende Königin den Tod sich ihr nähern. Durch nagende Eifersucht deren Sinnbild er auf seinem Mantel trägt, hat er sich dieser kostbaren Beute in dem Frühling ihrer Jahre zu bemächtigen gewust. Eine eifersüchtige Königin! Wie wenig muß diese bedauernswürdige Fürstin mit den Standesgerechtsamen ihres Gemahls bekannt gewesen seyn; denn daß ihr nur dieser den Anlaß zu dieser verzehrenden Leidenschaft gegeben habe, dafür bürget ihr schuldloses Gesicht. Ganz anders sieht die alte Obersthofmeisterin den halb vermumten Knochenmann an. Sie berechnet die Folgen des Verlusts ihrer Gebietherin, den Verlust ihres einträglichen Einflusses. Sie kommt darüber in Wuth, packt den Tod am haarlosen Scheitel und sucht ihn durch ihr gellendes Geschrei wegzuscheuchen. Aber vergeblich! Ganz in der Manier empfindelnder Herzen, entreißt sich die junge Hofdame, oder Cammerfrau - denn der Unterschied der Stände ist von hinten noch schwerer zu bestimmen als von vornen - dem schauervollen Anblicke und - beweint den Verlust der guten Königin bis - die Garderobbe getheilt wird.

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Die Mutter.

Die Mutter stirbt in Wochen.

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Wie grausam! Laß der Mutter den Säugling, den sie kaum gebohren hat! Erschrecke die armen Kleinen nicht! Solltest du es etwan jezt schon wissen, daß dies Kind dereinst seine Familie unglücklich machen würde? Sehet, Freund Hein wagt es nicht der schönen Mutter in die Augen zu sehen. Rühren kann ihn die Schönheit, aber nicht bewegen. Wie abscheulich!

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Der Arzt.

Der Artzt hat seinen Kranken das Leben abgesprochen, der Tod läßt den Kranken sitzen und holt den Artzt.

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Undankbarer kann niemand seyn als der Tod! In dem Augenblicke da ihm sein dicker Freund, der Arzt, einen Kranken zu überliefern wie die neben ihm liegenden Gläser bewähren, die wirksamsten Anstalten gemacht hat, holt er ihn selbst. Er achtet nicht der Angst, der kummervollen Erwartung nicht womit der abgezehrte Patient dem Urtheile des Arztes über die Beschaffenheit seines Pulses entgegen sieht. Freilich hat der wohlbeleibte Arzt einen stärkern Reiz für Bruder Heins gefräßigen Gaumen als das entfleischte Gerippe des Kranken. Aber mag wohl die schwere Tugend der Mäßigkeit, die die Herren Aerzte so freigebig empfehlen, diesen dickbäuchigen Aeskulap so fett gemacht haben?

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3. Goethe über Chodowiecki, Kupferstiche in Almanachen,
Bilder nach dem Leben und Karikaturen

Chodowiecki ist ein sehr respektabler und wir sagen idealer Künstler. Seine guten Werke zeugen durchaus von Geist und Geschmack. Mehr Ideales war in dem Kreise, in dem er arbeitete, nicht zu fordern.

Johann Wolfgang von Goethe: Leben und Werk. Mit der Biographie "Johann Wolfgang von Goethe" von Anja Höfer und dem Figurenlexikon "Who's who bei Goethe" von Michael Lösch (Digitale Bibliothek, Sonderband) Berlin: Directmedia 2006, S. 9240 (Maximen und Reflexionen).

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Welcher Liebhaber besitzt nicht mit Vergnügen eine wohlgeratne Zeichnung oder Radierung unseres Chodowiecki? Hier sehen wir eine solche Unmittelbarkeit an der uns bekannten Natur, daß nichts zu wünschen übrigbleibt. Nur darf er nicht aus seinem Kreise, nicht aus seinem Format herausgehen, wenn nicht alle seiner Individualität gegönnten Vorteile sollen verloren sein.

Johann Wolfgang von Goethe: Leben und Werk. Mit der Biographie "Johann Wolfgang von Goethe" von Anja Höfer und dem Figurenlexikon "Who's who bei Goethe" von Michael Lösch (Digitale Bibliothek, Sonderband) Berlin: Directmedia 2006, S. 9765 (Antik und modern).

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Auch der Künstler wird nie bezahlt, sondern der Handwerker. Chodowiecki der Künstler, den wir bewundern, äße schmale Bissen, aber Chodowiecki der Handwerker, der die elendsten Sudeleien mit seinen Kupfern illuminirt, wird bezahlt.

An Johann Friedrich Krafft. Weimar, 9. September 1779. Johann Wolfgang von Goethe: Leben und Werk. Mit der Biographie "Johann Wolfgang von Goethe" von Anja Höfer und dem Figurenlexikon "Who's who bei Goethe" von Michael Lösch (Digitale Bibliothek, Sonderband) Berlin: Directmedia 2006, S. 15662.

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In Goethes Erzählung "Die guten Weiber" dreht sich das Gespräch unter den Mitgliedern eines "Sommerklubs" (Amalie, Armidor, Henriette, Sinklair, Seyton mit Frau, Eulalie und Arbon) um die "Kupfer zum diesjährigen >Damenkalender<", die in zwölf Abteilungen Frauenzimmer vorstellen. "Es sind Karikaturen.", "Abbildungen böser Weiber." Sinklair hat die Kupfer mitgebracht, Henriette möchte sie sehen.

Sie nahm ihm die Brieftasche weg, zog die Bilder heraus, breitete die sechs Blättchen vor sich auf den Tisch aus, überlief sie schnell mit dem Auge und rückte daran hin und her, wie man zu tun pflegt, wenn man die Karte schlägt. "Vortrefflich!" rief sie, "das heiß ich nach dem Leben! Hier diese mit dem Schnupftabaksfinger unter der Nase gleicht völlig der Madame S., die wir heute abend sehen werden; diese mit der Katze sieht beinahe aus wie meine Großtante; die mit dem Knaul hat was von unserer alten Putzmacherin. Es findet sich wohl zu jeder dieser häßlichen Figuren irgendein Original, nicht weniger zu den Männern. Einen solchen gebückten Magister hab ich irgendwo gesehen und eine Art von solchem Zwirnhalter auch. Sie sind recht lustig, diese Küpferchen, und besonders hübsch gestochen."

"Wie können Sie", versetzte ruhig Amalia, die einen kalten Blick auf die Bilder warf und ihn sogleich wieder abwendete, "hier bestimmte Ähnlichkeiten aufsuchen! Das Häßliche gleicht dem Häßlichen so wie das Schöne dem Schönen; von jenem wendet sich unser Geist ab, zu diesem wird er hingezogen."

SINKLAIR: "Aber Phantasie und Witz finden mehr ihre Rechnung, sich mit dem Häßlichen zu beschäftigen als mit dem Schönen. Aus dem Häßlichen läßt sich viel machen, aus dem Schönen nichts."

"Aber dieses macht uns zu etwas, jenes vernichtet uns!" sagte Armidoro, der im Fenster gestanden und von weitem zugehört hatte. Er ging, ohne sich dem Tische zu nähern, in das anstoßende Kabinett.

[...]

Seyton trat zu dem Tische und sah die Bilder an.

"Hier entsteht", sagte Henriette, "ein Streit für und gegen Karikatur. Zu welcher Seite wollen Sie sich schlagen? Ich erkläre mich dafür und frage: Hat nicht jedes Zerrbild etwas unwiderstehlich Anziehendes?"

AMALIA: "Hat nicht jede üble Nachrede, wenn sie über einen Abwesenden hergeht, etwas unglaublich Reizendes?"

HENRIETTE: "Macht ein solches Bild nicht einen unauslöschlichen Eindruck?"

AMALIA: "Das ist's, warum ich sie verabscheue. Ist nicht der unauslöschliche Eindruck jedes Ekelhaften eben das, was uns in der Welt so oft verfolgt, uns manche gute Speise verdirbt und manchen guten Trunk vergällt?"

HENRIETTE: "Nun, so reden Sie doch, Seyton!"

SEYTON: "Ich würde zu einem Vergleich raten. Warum sollen Bilder besser sein als wir selbst? Unser Geist scheint auch zwei Seiten zu haben, die ohne einander nicht bestehen können. Licht und Finsternis, Gutes und Böses, Hohes und Tiefes, Edles und Niedriges und noch so viel andere Gegensätze scheinen, nur in veränderten Portionen, die Ingredienzien der menschlichen Natur zu sein, und wie kann ich einem Maler verdenken, wenn er einen Engel weiß, licht und schön gemalt hat, daß ihm einfällt, einen Teufel schwarz, finster und häßlich zu malen?"

AMALIA: "Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn nur nicht die Freunde der Verhäßlichungskunst auch das in ihr Gebiet zögen, was bessern Regionen angehört."

SEYTON: "Darin handeln sie, dünkt mich, ganz recht. Ziehen doch die Freunde der Verschönerungskunst auch zu sich hinüber, was ihnen kaum angehören kann."

AMALIA: "Und doch werde ich den Verzerrern niemals verzeihen, daß sie mir die Bilder vorzüglicher Menschen so schändlich entstellen. Ich mag es machen, wie ich will, so muß ich mir den großen Pitt als einen stumpfnäsigen Besenstiel und den in so manchem Betracht schätzenswerten Fox als ein vollgesacktes Schwein denken."

HENRIETTE: "Das ist, was ich sagte. Alle solche Fratzenbilder drücken sich unauslöschlich ein, und ich leugne nicht, daß ich mir manchmal in Gedanken damit einen Spaß mache, diese Gespenster aufrufe und sie noch schlimmer verzerre."

[...]

ARMIDORO indem er aus dem Kabinett kommt: "Ich höre, noch immer beschäftigen diese getadelten Bilder die Gesellschaft; wären sie angenehm, ich wette, sie wären schon längst beiseite gelegt."

AMALIA: "Ich stimme darauf, daß es sogleich geschehe, und zwar für immer! Dem Herausgeber muß aufgelegt werden, keinen Gebrauch davon zu machen. Ein Dutzend und mehr häßliche, hassenswerte Weiber! in einem Damenkalender! Begreift der Mann nicht, daß er seine ganze Unternehmung zu ruinieren auf dem Wege ist? Welcher Liebhaber wird es wagen, seiner Schönen, welcher Gatte, seiner Frau, ja welcher Vater, seiner Tochter einen solchen Almanach zu verehren, in welchem sie beim ersten Aufschlagen schon mit Widerwillen erblickt, was sie nicht ist und was sie nicht sein soll?"

ARMIDORO: "Ich will einen Vorschlag zur Güte tun: Diese Darstellungen des Verabscheuungswerten sind nicht die ersten, die wir in zierlichen Almanachen finden; unser wackerer Chodowiecki hat schon manche Szenen der Unnatur, der Verderbnis, der Barbarei und des Abgeschmacks in so kleinen Monatskupfern trefflich dargestellt; allein was tat er? Er stellte dem Hassenswerten sogleich das Liebenswürdige entgegen - Szenen einer gesunden Natur, die sich ruhig entwickelt, einer zweckmäßigen Bildung, eines treuen Ausdauerns, eines gefühlten Strebens nach Wert und Schönheit. Lassen Sie uns mehr tun, als der Herausgeber wünscht, indem wir das Entgegengesetzte tun! Hat der bildende Künstler diesmal die Schattenseite gewählt, so trete der Schriftsteller oder, wenn ich meine Wünsche aussprechen darf, die Schriftstellerin auf die Lichtseite, und so kann ein Ganzes werden. [...]"

[...]

ARMIDORO aus dem Kabinett tretend, wohin er manchmal gegangen war: "Ich komme Ihren Wünschen zuvor. Die Angelegenheit unsers Freundes, des Herausgebers, ist auch mir nicht fremd. Auf diesem Papiere habe ich geschwind protokolliert, was gesprochen worden, ich will es ins reine bringen, und wenn Eulalie dann übernehmen wollte, über das Ganze den Hauch ihres anmutigen Geistes zu gießen, so würden wir, wo nicht durch den Inhalt, doch durch den Ton die Frauen mit den schroffen Zügen, in denen unser Künstler sie beleidigen mag, wieder aussöhnen."

HENRIETTE: "Ich kann Ihre tätige Freundschaft nicht tadeln, Armidoro; aber ich wollte, Sie hätten das Gespräch nicht nachgeschrieben. Es gibt ein böses Beispiel. Wir leben so heiter und zutraulich zusammen, und es muß uns nichts Schrecklicheres sein, als in der Gesellschaft einen Menschen zu wissen, der aufmerkt, nachschreibt und, wie jetzt gleich alles gedruckt wird, eine zerstückelte und verzerrte Unterhaltung ins Publikum bringt."

Erläuterungen. Wiliam Pitt: englischer Staatsmann. | Charles James Fox: englischer Staatsmann, politischer Gegenspieler von Pitt. | Monatskupfer: Zu den Jahrgängen 1778-1780 des "Göttingischen Taschenkalenders" lieferte Chodowiecki jeweils zwölf Kupferstiche, die Georg Christoph Lichtenberg erläuterte.

Johann Wolfgang von Goethe. Zeit, Leben, Werk. Hg. von Jürgen von Esenwein u. Harald Gerlach. CD. Aufbau-Verlag, J.B. Metzler, Schroedel 1999 (Berliner Ausgabe, hier Bd. 12). — Auf Veranlassung des Verlegers Cotta schrieb Goethe den Beitrag für das "Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1801". Er sollte die Wirkung der sechs Doppelkupfer von Johann Heinrich Ramberg mildern, die den buchhändlerischen Erfolg gefährdeten. Der Text erschien im Taschenbuch unter dem Titel "Die guten Frauen, als Gegenbilder der bösen Weiber, auf den Kupfern des diesjährigen Damenalmanachs".

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4. Kurzbiographie von Chodowiecki und Literaturhinweise

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Daniel Chodowiecki. Gemälde von Johann Frisch, um 1760. Quelle: Paul Ortwin Rave: Das geistige Deutschland im Bildnis. Das Jahrhundert Goethes. Berlin: Verlag des Druckhauses Tempelhof 1949.

Zum Porträt Chodowieckis von Adrian Zingg siehe:

Robert Stalla | Bettina Hausler
Porträts der Goethezeit, Nr. 4
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=541

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Chodowiecki, Daniel, geb. 16. Oktober 1726 in Danzig und gest. 7. Februar 1801 in Berlin, Zeichner, Radierer, Illustrator und Miniaturmaler.

Chodowiecki, Sohn eines Getreidehändlers, wurde als Kaufmann im Gewürzhandel ausgebildet. 1743 übersiedelte er nach Berlin und machte sich zusammen mit seinem Bruder Gottfried selbständig. Fertigte Emailarbeiten und Miniaturen und bildete sich im Zeichnen und Radieren weiter. 1755 Heirat mit Jeanne Marie Barez, fünf Kinder. 1764 Aufnahme in die Königlich Preussische Akademie als Miniaturmaler. Mit 12 Blättern zu Lessings "Minna von Barnhelm" erscheint 1769 die erste Illustrationsfolge zu einem literarischen Werk. Chodowiecki wird ein von Autoren und Verlegern begehrter Illustrator. 1785 Tod seiner Frau. 1790 Vizedirektor der Berliner Akademie, 1797 Akademiedirektor. In seinem Alter, von Krankheit gezeichnet, war er unermüdlich tätig, um den Unterhalt seiner Verwandten sicherzustellen. Sein Oeuvre umfasst über 2.000 Radierungen.

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Chodowiecki, Daniel Nikolaus, Maler und Kupferstecher, geb. 16. Okt. 1726 in Danzig, gest. 7. Febr. 1801 in Berlin, erhielt von seinem Vater, einem Kaufmann und enthusiastischen Kunstliebhaber, den ersten Unterricht in der Miniaturmalerei, lernte dann als Kaufmann in Danzig und Berlin, jede müßige Stunde für seine Kunst benutzend. Später gab er das kaufmännische Fach auf und widmete sich ganz dem Zeichnen und Malen […]. Daneben malte er unablässig Miniaturbildnisse und versuchte sich auch 1756 in der Radierung. Durch mehrere kleine geätzte Blätter erregte er die Aufmerksamkeit der Berliner Akademie der Wissenschaften, die ihm den Auftrag gab, die Bilder für den von ihr herausgegebenen Kalender zu fertigen. Dadurch und durch andre rasch folgende Aufträge machte er sich so bekannt und geschätzt, dass er 1764 zum Rektor, 1788 zum Vizedirektor und 1793 zum wirklichen Direktor der Akademie der bildenden Künste ernannt wurde. Chodowiecki fand die Anerkennung seiner Zeitgenossen in reichem Maß; es erschien fast kein künstlerisch ausgestattetes Werk, zu dem er nicht mindestens eine Vignette lieferte.

Von besonderer Bedeutung sind seine gestochenen Illustrationen zu Shakespeare und zu den deutschen Dichtern seiner Zeit, weshalb er den Ehrentitel "Illustrator unsrer Klassiker" erhalten hat. […] Hervorzuheben sind: der Abschied des Jean Calas, nach des Künstlers eignem Gemälde; Friedrich II. und der Kronprinz auf der Heerschau zu Potsdam; der Tod des Herzogs Leopold von Braunschweig; General Zieten vor dem König sitzend; 12 Blätter zu "Minna von Barnhelm"; 12 Blätter zum "Don Quichotte"; die Blätter zu Lavaters "Physiognomischen Fragmenten"; 12 Blätter zum "Landprediger von Wakefield"; 13 Blätter zu Gellerts Fabeln; 8 Blätter zu Bürgers Gedichten; 12 Blätter zu Voltaires Schriften; 6 Blätter zu Schillers "Räubern"; 12 Blätter zu Yoriks "Empfindsame Reise"; 12 Blätter zu Shakespeares "Heinrich IV. "; 12 Blätter zum "Hamlet"; 12 Blätter zu Shakespeares "Lustigen Weibern von Windsor"; 12 Blätter zu "Coriolanus"; 12 Blätter zu Shakespeares "Sturm"; 12 Blätter zu "Macbeth"; 12 Blätter zu den Anekdoten von Friedrich II.; 6 Blätter zur "Luise" von Voß; 12 Blätter zur Geschichte des nordamerikanischen Freiheitskriegs; 12 Blätter Modetorheiten u. a.

Chodowiecki ist wegen der Wahrheit, Lebendigkeit und Laune, mit der er Figuren seiner Zeit darstellte, als der Gründer einer neuen Kunstgattung zu betrachten und in der naiven Unbefangenheit seiner Darstellung der Vorläufer der realistischen Genre- und Charaktermalerei des 19. Jahrhunderts. Seine vorzüglichsten Darstellungen sind aus dem bürgerlichen Leben gegriffen. Überall zeigt er sich als tiefen Kenner des menschlichen Herzens und treffenden Sittenmaler, indem er bald das Laster mit den grellsten Farben schildert, bald die Torheiten der Zeit mit launigem Spott geißelt, und dies alles auf kleinem Raum. In kleinern Vignetten war er glücklicher als in größern Darstellungen, und in der ihm eigentümlichen Sphäre des gewöhnlichen Lebens wahrer und lebendiger als in den idealen Darstellungen.

Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl. 1905-1909 (Digitale Bibliothek; 100) Berlin: Directmedia 2003. Artikel "Chodowiecki", S. 33.056-33.059. Gekürzt, redigiert.

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Literatur:
* Wilhelm Engelmann: Daniel Chodowieckis sämmtliche Kupferstiche. Nachträge und Berichtigungen von Robert Hirsch. Reprint der Ausg. 1857 u. 1906. Hildesheim: Olms 1969. Totentanz: Nr. 662, S. 351f.
* H. H. Bockwitz: Chodowieckis Totentanz. In: Rudolf Engel-Hardt: Die Zeugkiste 1924-25. Kurioser Almanach für Buchdrucker, Buchfreunde und Buchgewerbler. Verlag Julius Mäser, Leipzig-R[eudnitz], S.65-69. Reproduktionen nach einem unzerschnittenen Bogen aus der Sammlung Alfred Klemenz in Leipzig.
* Bürgerliches Leben im 18. Jahrhundert. Daniel Chodowiecki 1726-1801. Zeichnungen und Druckgraphik. Hg. von Klaus Gallwitz u. Margret Stuffmann. Frankfurt a.M.: Städel 1978.
* Willi Geismeier: Daniel Chodowiecki. Leipzig: E.A. Seemann 1993.
* Daniel Chodowiecki (1726-1801). Kupferstecher, Illustrator, Kaufmann. Hg. von Ernst Hinrichs u. Klaus Zernack (Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung; 22) Tübingen: Niemeyer 1997.
* Uli Wunderlich: »Aber, ihr Herren, der Tod ist so aesthetisch doch nicht«. Über Literarische Totentänze der Aufklärung. In: Das Achtzehnte Jahrhundert, Jg. 21, H. 1, 1997, S.69-84.

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Postkarte. Daniel Chodowiecki. Nach dem Gemälde von A[nton] Graff. Verso: Daniel Chodowiecki, geb. 16. Oktober 1726 in Danzig, gest. 7. Februar 181 in Berlin. Bildnisse deutscher Maler. Verlag Hermann A. Wiechmann, München. Nicht gelaufen. – Chodowiecki unternahm 1789 eine Reise nach Dresden zum Besuch des Malers Anton Graff.

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5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

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Prof. Dr. Georg Jäger
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Deutsche Philologie
Schellingstr. 3
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E-Mail: georg.jaeger@germanistik.uni-muenchen.de

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