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Künstler- und Denkerenzyklopädie

Johann Gottwerth Müller
»Müller von Itzehoe«
(1743-1828)

 

Kurzbiographie

1743 bis 1762: Jugendzeit in Hamburg

Johann Gottwerth Müller wird am 17. Mai 1743 in einer Hamburger Arztfamilie geboren. Häusliche und schulische Erziehung verfolgen eine universale Ausbildung im Geiste der Aufklärung. Im Jahre 1782 verläßt er die Stadt als ein junger Mann, der über ein humanistisches, mathematisch-naturwissenschaftliches Wissen und die Kenntnis mehrerer Sprachen verfügt.

 

1762 bis 1770: Medizinstudium in Helmstedt und Halle

An den Universitäten Helmstedt und wahrscheinlich auch Halle studiert Müller Medizin. Neben der Unterweisung in medizinischen Grundlagenkenntnissen gewinnt er Einblicke in die zeitgenössische Debatte über aktuelle medizinale Konzepte und sozialmedizinische Aspekte.

 

1770 bis 1772: Buchhändler- und Verlegerausbildung in Magdeburg

Nach dem Abbruch des Studiums übernimmt ihn der braunschweigische Universitäts-Buchhändler Daniel Christian Hechtel (1725-17[??]) in Magdeburg als Mitarbeiter. Müller erlernt den Beruf des Verlagsbuchhändlers und heiratet in die Familie ein. Während dieser Zeit entscheidet er sich für die berufliche Verbindung von Buchhandel und Schriftsteller. Er publiziert kleinere Textsammlungen und die Moralische Wochenschrift „Der Deutsche“ (1771, Teil 1-4).

 

1772: Buchhändler in Frankfurt/Oder

Im Jahre 1772 zieht Müller nach Frankfurt/Oder und leitet für wenige Monate die Buchhandelsfiliale seines Schwiegervaters Hechtel. Während der kurzen Zeit des dortigen Aufenthaltes endet das konfliktreiche Verhältnis zwischen beiden im Zerwürfnis, das ihn veranlaßt, sich von Hechtel loszusagen und für die Existenz des freien Schriftstellers und wirtschaftlich unabhängigen Buchhändlers zu entscheiden.

 

1772/1773: Verlagsbuchhändler in Hamburg

Vermutlich Ende 1772 kehrt Müller samt Familie in seine Vaterstadt Hamburg zurück und gründet den "Verlag der Müllerschen Buchhandlung". Nach dem geschäftlichen Mißerfolg 1773 bricht er erneut auf und läßt sich hoch verschuldet in der holsteinischen Kleinstadt Itzehoe im dänischen Gesamtstaat nieder. In der Hoffnung hier eine auskömmliche Existenz aufbauen zu können, beginnt Müller als Gelehrter, Verlagsbuchhändler und Schriftsteller vielfältige Aktivitäten.

 

1773 bis 1828: Gelehrter, Verlagsbuchhändler und Schriftsteller in Itzehoe

Die relativ liberalen innenpolitischen Umstände im dänischen Königreich erscheinen Müller vorbildlich für den auch von ihm vertretenen aufgeklärten Absolutismus. Angesichts des Königs Interesse an deutscher Literatur und deren Förderung verspricht er sich so viel geistige Freiheit, um seine Vorstellungen von Aufklärung umsetzen und wirtschaftlich existieren zu können. In der ländlichen Kleinstadt Itzehoe mit einer schmalen Honoratiorenschicht und fehlender Buchversorgung organisiert er sein Leben als aufklärerischer Intellektueller. Müller verkörpert den Typus des Aufklärers, der in den Rollen des Gelehrten, freien Schriftstellers Übersetzers, Zeitschriftenverfassers, Lesegesellschaftsleiters, Herausgebers, Verlegers, Buchhändlers, Leihbibliothekars und Berufspolitikers versucht, ohne Amt und mäzenatische Alimentation Bürgeraufklärung und Öffentlichkeit zu befördern.

Ausdruck seiner Gelehrsamkeit ist eine aus über 13.000 Titeln bestehende Bibliothek. Der Erzähltradition des pragmatischen Aufklärungsromans gemäßigter Gesellschaftskritik folgend, entwickelt sich Müller zu einem der bekannten Romanciers seiner Zeit. Innerhalb von 37 Jahren veröffentlicht er dreizehn Romane, von denen die humorvolle Ständesatire „Siegfried von Lindenberg. Eine komische Geschichte“ (1779) die weiteste Verbreitung erfährt. Unter seinen Texten befinden sich Übertragungen aus dem Französischen und Holländischen. Zu den aufklärungspraktischen Tätigkeiten gehören die fortgesetzte Edition seiner Moralischen Wochenschrift „Der Deutsche“ (1771-1776), die Organisation einer Lesegesellschaft (ca. 1774-Anfang 1780) und herausgeberische Betreuung von Erzählungen wie kleineren didaktischen Texten.

Nach dem Vorbild anderer Schriftstellerkollegen betätigt sich Müller unternehmerisch als Verleger (1773-1777), Buchhändler (1773-Mitte 1780) und Leihbibliothekar. Die damit verbundene Annahme, sich so zusammen mit den Honorareinnahmen wirtschaftlich absichern zu können, trügt und führt zu der Konsequenz, ausschließlich vom Romanschreiben leben zu müssen. In diesem Zusammenhang engagiert er sich berufspolitisch in der zeitgenössischen Debatte über Nachdruck und Schutz des geistigen Eigentums u.a. mit der Schrift „Über den Verlagsraub“ (1792).

Arbeitsbelastung und schmale finanzielle Mittel verhindern größere Reisen. Müllers Fahrten beschränken sich auf die Region mit Ausnahme des Besuches 1783 bei dem Verleger Dieterich und dem zukünftigen Freund Lichtenberg in Göttingen, der ihm vermutlich Mitte der 1790er Jahre über die Universität Göttingen zum akademischen Titel eines Dr.phil. verhilft. 1801 hält er sich in Leipzig auf.

Müller pflegt eine umfangreiche geschäftliche und private Korrespondenz. Er arbeitet mit Verlegern in Altona (Hammerich), Amsterdam (Mens), Berlin (Himburg, Nicolai, Oemigke), Braunschweig (Vieweg), Bremen/Frankfurt am Main (Wilmans), Göttingen (Dieterich), Hamburg (Delançon) und Leipzig (Schneider) zusammen. Zu den Literatenkollegen Heinrich Christian Boie, Adolf von Knigge, Georg Christoph Lichtenberg, August Gottlieb Meißner, Johann Heinrich Voß u.a. hält er unterschiedlich intensiven Briefkontakt. Seine Beziehung zur gräflichen Familie derer zu Rantzau auf dem nahen Schloß Breitenburg bleibt freundlich distanziert.

Trotz unentwegten Schreibens und Publizierens bis zum Jahre 1808 bleibt seine finanzielle Situation unzulänglich. Die Bemühungen um ein besoldetes Amt scheitern. Dauernde Überarbeitung, chronische Krankheiten, schwindende Schaffenskraft, eine hohe Teuerungsrate und ausbleibender Verkaufserfolg seiner poetologisch obsoleten Romane zwingen Müller dazu, das Lebenskonzept des freien Schriftellers aufzugeben und ein doppeltes Mäzenat anzunehmen. Von 1796 an zahlt ihm der dänische Hof eine Pension, die nach dem Tod Klopstocks verdoppelt wird. 1818 räumt ihm Konrad Graf zu Rantzau Mietfreiheit ein. Am 23. Juni 1828 stirbt der Witwer Johann Gottwerth Müller.

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