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Scheffelkult

Teil I

von

Inge Nunnenmacher

Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) war bis zum Ersten Weltkrieg einer der meistgelesenen deutschen Dichter. Und nicht nur das: Er war auch einer, den man schon zu seinen Lebzeiten wie einen Star feierte, den man verehrte und dem man seine Verehrung auch zeigen wollte. Nach seinem Tod 1886 hörte das keineswegs auf: Es entwickelte sich ein regelrechter „Scheffel-Kult“, der hier in zwei Folgen dargestellt werden soll.  

In Teil I geht es vor allem um die Städte, die in Scheffels Leben eine wichtige Rolle gespielt haben. „Scheffelstädte“, die darin wetteiferten, ihm retrospektiv zu huldigen, und die ihn und seine Texte für die eigene kulturelle Identitätsbildung beanspruchten. Dabei wird auch gezeigt werden, wie diese Städte bis heute mit dem Dichter ‚umgehen‘ und ihn für das eigene Stadtmarketing nutzen.  

An erster Stelle Karlsruhe, die von Scheffel nicht immer geliebte Heimatstadt, dann die Studentenstadt Heidelberg, seine „Vaterstadt der Poesie“; sein Altersruhesitz in Radolfzell am Bodensee, dann Säckingen, der Ort seines Erstlings Der Trompeter von Säckingen, und zuletzt Singen mit dem Hohentwiel, Pilgerstätte all derjenigen, die Scheffel für seinen historischen Roman Ekkehard verehrten ( siehe auch den Betrag im GZP „Scheffel und sein historischer Roman Ekkehard").

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Gliederung

1. Zu Scheffels Lebzeiten
2. Nach Scheffels Tod
2.1. Porträtpostkarten
2.2. „Scheffelstädte“
2.2.1. Karlsruhe
2.2.2. Heidelberg
2.2.3. Radolfzell
2.2.4. Säckingen
2.2.5. Singen am Hohentwiel
3. Literatur
4. Rechtlicher Hinweis
und Kontaktanschrift

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1. Zu Scheffels Lebzeiten

Schon als Joseph Victor von Scheffel noch lebte, war er der am meisten geehrte deutsche Dichter des 19. Jahrhunderts. Allerdings erst seit den 1870er Jahren, nachdem er sich durch seine Liedersammlung Gaudeamus (1868 veröffentlicht) eine begeisterte Leserschaft erschlossen hatte. Erst danach wurden auch sein Versepos Der Trompeter von Säckingen (1853) sowie sein historischer Roman Ekkehard von 1855 zu Kultbüchern des gebildeten Bürgertums – mit für die damalige Zeit ungewöhnlich hohen Auflagen.

Noch 1860 hatte sich Scheffel in einem Brief an seine Mutter beklagt, dass die Welt ihn wegen seines Poetenlebens „gering anschlage“ (Wandern und Weilen, S. 17). Zehn Jahre später änderte sich das: Der Dichter wurde nun in wachsendem Maße geachtet, ja verehrt. Sein 50. Geburtstag am 6. Februar 1876 war in dieser Hinsicht der absolute Höhepunkt. Er bescherte Scheffel ein Übermaß an Huldigung und Wertschätzung:

„Hoch und Niedrig, Alt und Jung aus den verschiedensten Kreisen der Nation wetteiferte miteinander, dem verehrten Dichter Zeichen der Liebe und Dankbarkeit zu spenden“, schrieb sein erster Biograph Johannes Proelß (1887, S. 650). „Deputationen, Lorbeer- und Edelweißkränze, kunstvoll ausgeführte Adressen, Weinproben aus den schönsten Rebengauen des Rheins und der Donau, poetische Grüße von jüngeren Dichtern, die in ihm ihr Vorbild sahen, von älteren, die einen Koryphäen der gemeinsamen Kunst in ihm verehrten (…) Namentlich auch Deutsch-Österreich beging das Fest mit allgemeiner Begeisterung. Die Städte Karlsruhe und Radolfzell ernannten den Dichter zum Ehrenbürger. Dem großen Festbankett in Karlsruhe wohnte der Großherzog Friedrich [von Baden] bei, der ihn zur Feier des Tags in den erblichen Adelsstand versetzt hatte.“ (Proelß 1907, S. 26) Zahlreiche Studentenverbindungen hielten Scheffel-Kommerse ab, u.a.in Straßburg, Wien und Prag.

Nach den Feierlichkeiten meinte Scheffel, er fühle sich „halb zu Tode jubiliert“. Und dem „lieben Meister Freiligrath“, der ihm wie viele andere ein Geburtstagslied gewidmet hatte, klagte er: „Wäre die Fülle dieser Tage homöopathisch über das ganze Leben vertheilt gewesen, so hätte sie anregend gewirkt.“ (Proelß 1887, S. 652f.)

Aus welchen Gründen liebte und verehrte das Publikum ‚seinen‘ Scheffel so sehr?

Im launigen Geburtstags-Festgruß, den Scheffel von seinem Stuttgarter Dichterkollegen Eduard Paulus (1837-1907) erhielt, werden einige dieser Gründe angesprochen:

Heut in holde Träume wiegen
Möge dich mein Saitenspiel,
Wie wenn Silberwölkchen fliegen
Um das Haupt des Hohentwiel.

Jenem Berge zu vergleichen
Bist du ja, der hoch und hehr
Aufsteigt aus dem segensreichen
Weingeländ am schwäbischen Meer.

Feuer hat ihn aufgerichtet
Unter Sturm und Wetterschein,
Hat ihm seinen Kern verdichtet
Ganz zu „klingendem“ Gestein.

Und du kamst in diese Gegend,
Die so kühn und wundervoll,
Einen Zauber in sie legend,
Der da nie vergehen soll.

Nimmer wird ja doch vergehen
Deines Wortes Allgewalt,
Immer wird am Fenster stehen
Hadwigs herrliche Gestalt:

Wie sie von den stolzen Mauern
In die blaue Ferne sieht,
Um sie her mit leisen Schauern
Wehet das Waltharilied. –

Edler Mann, ich wollte kommen
Auch zum Jubiläumsfest,
Doch von Krankheit schwer beklommen
Lieg ich still zu Haus im Nest.

Und es liest mir deine Lieder
Meine Frau im Bette vor,
Facht in meinem Herzen wieder
Lebensfreude süß empor:

Und ich höre der Trompete
Geisterfüllten Sehnsuchtsklang,
Seh die schöne Margarete,
Wie sie wandelt liebesbang;

Höre pessimistisch knurren
Hiddigeigei auf dem Dach,
Und so trag ich ohne Murren
Mein rheumatisch Ungemach.

Möchte langen Zuges trinken
Auf dein Wohl, der beste Wein
Soll mir im Pokale blinken,
Aber halt! Es darf nicht sein.

Also will ich auf dich leeren
Meinen Sauerwasserkrug,
Wird doch heute dir zu Ehren
Wein getrunken – grad genug!

In: Schwäbische Lieder=Chronik. Jahrbuch deutscher Liederdichtung der Gegenwart in Schwaben. Hrg. v. Georg Jäger. Bd. I (1875. 1876) Stuttgart 1877. Nr. 10, 1876

Die ansteckende „Lebensfreude“, die vor allem von Scheffels Liedern ausging, war nicht nur für Eduard Paulus ein ganz wesentlicher Verehrungsgrund. Wie Scheffel in der Nachfolge Walter Scotts regionale Kultur und Geschichte miteinander verband, wie er dabei Landschaften mit einem unvergänglichen „Zauber“ belegte, auch das begeisterte seine Leserschaft.

Fast alle poetischen Werke Scheffels sind in längst vergangenen Zeiten angesiedelt. Dennoch wirkten seine Figuren wie der eigenen Zeit, dem 19. Jahrhundert, entsprungen und boten damit den Lesern die Möglichkeit der Identifikation. Scheffel verstand sich als poetischer Brückenbauer zur deutschen Geschichte, die er „fröhlich und unbefangen mit Poesie“ verklärte, wie er im Vorwort zum Ekkehard-Roman schrieb (S. 499).

Mit dem Historischen traf Scheffel einen Nerv der Zeit: Geschichte hatte Hochkonjunktur, was sich u.a. in der Vorliebe für Historienmalerei, für den historischen Roman in der Scott-Nachfolge oder den historischen Professorenroman (z.B. Felix Dahn: Ein Kampf um Rom) manifestierte. Die bürgerliche Architektur und Raumgestaltung bevorzugte das „Altdeutsche“. Man liebte an Scheffel, dass er in seinen Texten dieses „Altdeutsche“ kultivierte, wie man die im Geiste der eigenen Zeit idealisierte mittelalterliche Kultur nannte. Und dass Scheffels „Historismus ohne Gelehrtenschweiß“ (Mahal 2003, S. 20) und mit Humor daherkam, wusste seine große Fangemeinde ebenfalls zu schätzen.

Scheffels Biograf Proelß war der Meinung, der Scheffel-Kult sei ohne des Dichters Zutun entstanden. Dem Rummel um seine Person konnte er sich aber auch nicht entziehen. In seinen beiden Residenzen am Bodensee wurde Scheffel oft von ungebetenen ‚Gästen‘ heimgesucht, die Deutschlands berühmtesten Dichter „besichtigen“ wollten. Oder die den Autor des Ekkehard um eine Führung auf den Hohentwiel baten, so dass sich Scheffel einmal selbstironisch als „Carawanenführer“ titulierte. Immer wieder musste er Schulklassen und Studentengruppen empfangen. Schließlich zählten die Studenten zu seinen größten Verehrern. Auch mit eigens zu ihm angereisten Engländern bekam er zu tun: Sie logierten im Radolfzeller Gasthaus „Schiff“ und meldeten dem Dichter, sie würden ihn gerne „gleich“ sehen. Der ließ ausrichten, „dass die große Fütterung nur morgens zwischen 11 und 12 stattfinde und in neuerer Zeit auch nur gegen erhöhtes Entree.“ (Scheffel, Herr der Mettnau, S.23)

Scheffel praktizierte durchaus ein gewisses Maß an Öffentlichkeitsarbeit und Imagepflege. So hielt er öfters Lesungen seiner Werke, wie z.B. im November 1878 im Karlsruher Rathaus, wo 1000 Fans zuhörten, als Scheffel aus seinem gerade erschienenen Buch Waldeinsamkeit vorlas. Der Andrang war so groß, dass die Veranstaltung wiederholt werden musste. Dieselbe Lesung hielt er noch in drei weiteren Städten (Gutgesell, Das Malen, S. 67).

Nach 1873 bestand Scheffels dichterische Produktion vor allem aus hunderten von Festspielen und Festgedichten für offizielle Anlässe. Meist war er darum gebeten worden. In dieser Hinsicht war Scheffel ein gefragter Autor. Hier nur zwei Beispiele: Der Brautwillkomm auf der Wartburg, 1873 bei der Vermählung des Erbprinzen von Sachsen-Weimar-Eisenach aufgeführt, vertont von Franz Liszt, damals Hofkapellmeister in Weimar. Zum dreihundertjährigen Jubiläum der Universität Würzburg im August 1882 schickte Scheffel ein Festlied. Selbst wenn er bei den Feierlichkeiten nicht anwesend war, so war ihm doch die öffentliche Aufmerksamkeit gewiss, auch durch die folgenden Presseberichte.

Als berühmter Dichter wurde er häufig um Protektion oder Manuskriptbesprechungen gebeten. In Scheffels Nachlass befinden sich vorgedruckte Standardbriefe als Antwort auf solche Bitten.

Mit der sehr zahlreichen Verehrerpost erreichten den Dichter auch viele Autogrammwünsche, denen er meist nachkam, indem er fotografische Autogrammpostkarten verschickte. Der Wunsch, des Dichters Bildnis zu besitzen, scheint groß gewesen zu sein: Scheffels Stuttgarter Hausverlag Adolf Bonz & Comp. druckte und vertrieb nicht nur seine Werke, sondern auch dessen Porträt als Lithografie für 3 Mark.

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Verlagsankündigung in: J.V.v.Scheffel. Juniperus. Vierte Auflage 1883.
Valentin Schertle , Lithograph (1809-1885)

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2. Nach Scheffels Tod

Scheffels Tod im April 1886 brachte dem Scheffelkult einen weiteren Aufschwung. Zunächst erschien eine Fülle von Erinnerungsliteratur in Zeitschriften, Kalendern, Wochen- und Monatsblättern sowie Vereinsbroschüren, aber auch in Buchform. Man überbot sich geradezu im Gedenken nach dem Muster: Victor von Scheffel in …(Thüringen/ Rom/ der Schweiz), Victor von Scheffel und … (die Frauen/ die Philosophie/ seine Familie), Erinnerungen an Scheffel von … (Felix Dahn/ Emil Frommel/ Anton von Werner) – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Es gab Gedächtnisfeiern in Studentenverbindungen, Liederkränzen und in all den zahlreichen Vereinen, die den berühmten Dichter als Ehrenmitglied aufgenommen hatten.

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2.1. Porträtpostkarten

Nach damaligem Verständnis gehörte Scheffel unbestritten zu den ganz großen Deutschen des 19. Jahrhunderts. Das lässt sich auch daran erkennen, dass verschiedene Postkartenverlage nach Scheffels Tod Porträtpostkarten in Umlauf brachten, die offensichtlich auch sehr beliebt waren. Solche Postkarten waren die „Fan-Artikel“ ihrer Zeit.

Das erste hier gezeigte Porträt ist eine Correspondenzkarte des Weltpostvereins. Der Verlag ordnete den Dichter als Nr. 10 in eine illustre Reihe meist deutscher Geistesgrößen ein: 1. Richard Wagner/ 2. Franz Liszt/ 3. Mozart/ 4. Beethoven/ 5. Mendelssohn/ 6. Chopin und 10. Scheffel direkt hinter 7. Goethe/ 8. Schiller/ 9. Lessing.

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Verso: Kunstverlag Max Sinz Dresden III – 1. Folge Nr. 10
Nicht gelaufen.

Die Postkarten, in der Mehrzahl nach Fotografien gefertigt, zeigen den etwa 50-jährigen Scheffel, meist als Brustbild im Halbprofil, das Haar mit Mittelscheitel streng nach hinten gekämmt, mit einem Knebelbart und einer randlosen Brille. Selten blickt er freundlich, wirkt meist eher ernst und gelehrtenhaft. Scheffel ist immer gleich gekleidet: dunkle Reversjacke, manchmal darunter eine Weste, weißes Hemd mit hohem steifen Kragen („Vatermörder“), schwarzer Schleifenbinder.

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Links: Victor v. Scheffel. Suck Karlsruhe i/B 7109. Verso: Postkarte des Weltpostvereins. Adressseite ungeteilt. Nicht gelaufen. (Oscar Suck, 1845-1904, war Hoffotograf in Karlsruhe)
Rechts: Dr Victor v Scheffel. Verso: Stengel & Co., G.m.b.H., Dresden 4908. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen. Durch Scheffels Unterschrift erhielt die Karte den Charakter einer Autogrammkarte.

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Collection DAS GROSSE JAHRHUNDERT gesetzlich geschützt
Verlag u. Druck: Vereinigte Papierwaaren-Fabriken S. Krotoschin, Görlitz, Serie D. N° 97.
Gelaufen 1898. 

Der Schreiber dieser Karte brachte seine Seelenverwandtschaft mit dem Dichter durch ein handschriftlich eingefügtes Zitat aus Scheffels Frau Aventiure („Die Erscheinung“) zum Ausdruck:

   Gruß aus meinem „Daheim“ den 12. Mai 98
   Selig, wer mit stillem Lauschen
   Einsam eine Waldrast hält –
   Wer beim flüsternd milden Rauschen
   Das Getös vergißt der Welt.
                                J.V.v.Scheffel
(Ich erkläre hiemit: Fräulein Marie v. Auckenthaler ist ein Engel! Linz
Linke Seite: „Heil Siegmund, seligster Held!“)

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Victor v. Scheffel. Druck u. Verlag v. F. Schöler, Wien-Döbling.
Handschriftlich: *16/2 1826 zu Karlsruhe, 1876 geadelt, + 9/4 1886.
Humorist Lieder u histor Romane (Gaudeamus etz. Ekkehard, Trompeter v. Säkkingen, - mehr als 100 Auflagen).
Wien, 16/5. 1898. Adressseite ungeteilt. Gelaufen 1898.

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Verlag von Karl Henckell & Co., Zürich und Leipzig. Deponirt.
Adressseite ungeteilt. Nicht gelaufen.

Der Text unter dem Scheffel-Medaillon ist ein bekannter Sinnspruch Scheffels:

Nicht rasten und nicht rosten,
Weisheit und Schönheit kosten,
Durst löschen, wenn er brennt,
Die Sorgen versingen mit Scherzen,
Wer’s kann, der bleibet im Herzen
Zeitlebens ein Student!
Karlsruhe          Jos. Victor Scheffel

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Außer diesen Scheffelporträts waren zwischen 1890 und 1914 verschiedene Postkartenserien weit verbreitet, die Szenen aus dem Trompeter von Säckingen oder dem Ekkehard illustrierten (siehe im Goethezeitportal: Scheffel und sein historischer Roman Ekkehard).

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2.2. „Scheffel-Städte“

Schon kurz nach Scheffels Tod begannen mehrere Städte darin zu wetteifern, das kulturelle Erinnern an den Dichter zu pflegen und sich als „Scheffelstädte“ zu profilieren: Karlsruhe, Heidelberg, Radolfzell, Säckingen sowie Singen mit dem Hohentwiel.

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2.2.1. Karlsruhe

Dem Dichter ein Denkmal zu setzen war im 19. Jahrhundert die am meisten verbreitete Form retrospektiver Huldigung.

Bereits im Mai 1886 waren sich die Karlsruher Honoratioren aus Besitz- und Bildungsbürgertum einig: Der berühmte Sohn der Stadt musste mit einem Denkmal bleibend geehrt werden. Zwei Jahre lang sammelte ein rasch entstandenes Denkmalkomitee Gelder dafür, so dass – auch durch Scheffel-Erinnerungsfeste und Benefizkonzerte – die beträchtliche Summe von 32 000 Mark zusammenkam. Mitte 1888 schrieb man dann einen Wettbewerb aus, zu dem 17 Entwürfe eingereicht wurden. Zwei bekannte Karlsruher Bildhauer trugen den Sieg davon. Der erste Preis ging an Professor Adolf Heer (1849-1898) für ein Standbild, das Scheffel als Wanderer auf hohem Sockel zeigte. Hermann Volz (1847-1941) erhielt für seine Scheffelbüste, die an die Tradition barocker Herrscherbildnisse anknüpfte, den zweiten Preis.

Welcher der beiden Entwürfe nun zur Ausführung kommen sollte, darüber entbrannte ein heftiger, auch in Zeitungsartikeln geführter Streit. Es wurde erörtert, welcher Entwurf künstlerisch gelungener sei, welcher eher den Scheffel‘schen Charakter treffe und zuletzt auch, ob nicht ein Standbild (Adolf Heers Entwurf) nur den wirklich großen Dichtern wie Goethe, Schiller oder Lessing vorbehalten bleiben müsse.

Schließlich votierten Stadtrat und Denkmalausschuss für die Scheffelbüste von Volz. Woraufhin sich einige Mitglieder des Denkmalkomitees brüskiert sahen, allen voran Scheffels Malerfreund Wilhelm Klose. Für sie war es eine „Herabminderung des großen nationalen Dichters Scheffel“, dass man den erstprämierten Standbildentwurf abgelehnt hatte. Klose und seine Freunde schenkten daraufhin dem Heidelberger Denkmalkomitee 9 500 Mark mit der Bedingung, dass in Heidelberg der Standbildentwurf von Heer ausgeführt werde. Was man dort gerne tat. Noch vor dem Karlsruher Scheffeldenkmal wurde das in Heidelberg im Juli 1891 eingeweiht.

Den Entscheidungsträgern in Karlsruhe jedenfalls schien die Büste von Volz genau ihrer Vorstellung zu entsprechen: Der große Sohn der Stadt sollte als Dichterfürst wahrgenommen werden. Er war schließlich nicht nur eine Geistesgröße gewesen: Er hatte auch durch Nobilitierung und Grundbesitzerwerb eine gesellschaftliche Höhe erreicht, die vielen Großbürgern der Gründerzeit erstrebenswert schien. Ein „Wanderer Scheffel“, wenn auch in Überlebensgröße, vermochte diese Höhe nicht abzubilden.

Am 19. November 1892 wurde das Karlsruher Denkmal auf dem Kunstschulplatz feierlich enthüllt. Es stand auf einer kleinen, eigens dafür aufgeschütteten Anhöhe, zu der eine siebenstufige Freitreppe führte. Hoch aufgesockelt überragte Scheffels Büste den noch ziemlich freien Kunstschulplatz, mitten in einem Viertel vornehmer Bürger- und Adelshäuser, durch Gestaltung und Standort Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins – wie viele Künstlerdenkmäler im 19. Jahrhundert.

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Th. Schumann & Sohn. Hofphotographen.
Generallandesarchiv Karlsruhe

Die Feierlichkeiten rund um die Denkmalseinweihung sind typisch für die damaligen Formen des Dichterkults: Nach einem Festakt im Museum begaben sich die Honoratioren der Residenzstadt zum Kunstschulplatz, wo der Vorsitzende des Denkmalausschusses, von Stoesser, das Denkmal der Stadt übergab, vertreten durch Oberbürgermeister Schnetzler. Der badische Großherzog Friedrich I. und seine Gemahlin verliehen durch ihre Anwesenheit der Feier den nötigen fürstlichen Glanz. Kränze von Vereinen und Studentenverbindungen wurden am Denkmal niedergelegt. Auch einer von Scheffel-Verehrern aus New York und einer vom österreichischen Scheffelbund war darunter. Am Abend zogen Studenten mit Fackeln und Lieder singend durch die Stadt, ebenso drei Musikkorps, Reiter und zahlreiche sechs- und vierspännige Wagen diverser Verbände. Den Abschluss der Feierlichkeiten bildete ein Bankett in der Karlsruher Festhalle.

Es sollte nicht die letzte Feier gewesen sein: In den folgenden Jahren wurden am Denkmal immer wieder Scheffel-Gedenkfeiern abgehalten.

Das Karlsruher Denkmal hat die Zeitläufte nicht unbeschadet überstanden. Deshalb soll hier der ursprüngliche Zustand kurz beschrieben werden.

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Gruss aus Karlsruhe i. B. Scheffel-Denkmal.
Gebr. Metz, Kunstanstalt, Tübingen. 9707
Nicht gelaufen.

In einer Nische des mehrfach gegliederten, viereckigen Sockelfußes sitzt als Allegorie der Dichtkunst eine Frauenfigur mit entblößtem Oberkörper. Ihre linke Hand liegt auf den Seiten eines aufgeschlagenen Buches (= epische Dichtung), die rechte hält ein Saiteninstrument (= Lyrik). Ihr zu Füßen und an der Seite zwei Putti: rechts Amor mit Pfeil und Bogen, links Bacchus, eine Traube und eine Laute haltend. Diese Dreiergruppe sollte Scheffels Werk versinnbildlichen.

Rechts und links sind am Sockel zwei Bronzereliefs angebracht, die jeweils eine zentrale Szene aus Scheffels Ekkehard-Roman zeigen.

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Linke Seite: Herzogin Hadwig wird vom Mönch Ekkehard über die Schwelle des Klosters St. Gallen getragen – die Liebesgeschichte beginnt. (Foto 2015)

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Rechte Seite: Das Ende der Liebesgeschichte in der Burgkapelle des Hohentwiel. Die Herzogin hat den sie leidenschaftlich begehrenden Ekkehard zurückgewiesen, als die Reichenauer Mönche eindringen. Sie nehmen Ekkehard gefangen, der zuvor Rudiman niedergeschlagen hat. (Foto 2015)

Auch die beiden Seitenreliefs stammen von Hermann Volz. Volz war Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Durch eine Vielzahl von Denk- und Grabmälern, Brunnen und Porträts wurde er einer der bekanntesten badischen Bildhauer im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.

Der obere zylinderförmige Teil des Sockels ist reich geschmückt mit bronzenen Blatt- und Fruchtbändern; unter dem Namenszug SCHEFFEL eine Taube mit Ölzweig. Die Dichterbüste selbst wird von Früchten und Blättern sowie einem großen Palmblatt gleichsam emporgehoben. Scheffel blickt in die Ferne. Er ist in zeitüblicher Weise gekleidet, wobei ihm der aufwändig drapierte Mantel den Habitus eines „Dichterfürsten“ verleiht.

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phot. Rolf Kellner. Feldpost, gelaufen 1941.

Das Denkmal wurde 1900 mit einem dekorativen Eisenzaun umgeben. Im Laufe der Jahrzehnte sind die gepflanzten Bäume sehr hoch gewachsen, so dass das Denkmal nicht mehr auf einem freien Platz, sondern in einer Parkanlage stand und heute noch steht. Der Kunstschulplatz wurde 1916 in „Scheffelplatz“ umbenannt.

Den Metallsammlungen des Ersten Weltkriegs entkam das Denkmal, doch nicht denen des Zweiten Weltkriegs. Im April 1943 wurden sämtliche Bronzeteile demontiert und für Kriegszwecke eingeschmolzen. Nur die Büste selbst und der einfache Namenszug blieben verschont. Gipsabdrücke der oben gezeigten Seitenreliefs überlebten im Stadtarchiv die Kriegsjahre. So konnten sie 1999 rekonstruiert werden und befinden sich seitdem wieder am alten Platz. Deutlich sichtbar ist die Lücke am Sockel, in der einst die Allegorie der Dichtkunst saß (siehe Foto unten).

Nur noch selten gibt es Scheffelfeiern am Denkmal. Die letzte war wohl am 16. 2. 1976, an Scheffels 150. Geburtstag. Da versammelte sich dort eine Verehrer(innen)-Gruppe, ein Karlsruher Männerchor sang und Justizminister Bender, 1. Vorsitzender des Scheffelbundes, hielt eine Rede.

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Immerhin scheinen sich gelegentlich noch Schulklassen mit dem Dichter zu befassen, indem sie die Treppenstufen zum Denkmal mit Scheffels Lebensdaten beschriften. So gesehen 2015.

Um die besondere Bedeutung Scheffels für die Stadt hervorzuheben, setzten ihm die Karlsruher noch ein weiteres ‚Denkmal‘ im Ehrenhof des Hauptfriedhofs (Architekt: Josef Durm). Unter den Rundbogenarkaden im Stil der Neorenaissance erhielt die Familie Scheffel an zentraler Stelle ein Ehrengrab.

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Foto 2015

Der Gedenkstein ist Scheffel selbst, seinem Sohn Victor und dessen Gemahlin Leonie sowie Scheffels Enkel Max Victor gewidmet. Das Reliefporträt Scheffels im Lorbeerkranz stammt vom Bildhauer Adolf Heer.

Wie so viele andere Städte hat Karlsruhe natürlich auch eine Scheffelstraße und eine Victor-von-Scheffel-Schule – eine bis in die Gegenwart übliche Art kulturellen Gedenkens.

In Karlsruhe erinnern außerdem Tafeln in der Steinstraße 25 sowie an Scheffels Elternhaus in der Stephanienstraße 16 an den Dichter.

        Links: Steinstraße 25 (früher Haus Nr. 47 am Spitalplatz)
        Rechts: Stephanienstraße 16 (früher 18)

Als eine besondere Form des Dichterkults gilt die Gründung von Gesellschaften mit dem Ziel, die Erinnerung an den Autor zu pflegen sowie die Verbreitung und Anerkennung seiner Werke zu fördern. In diesem Sinne wurde 1889 von Anton Breitner (1858-1928) der erste „Scheffelbund“ in Österreich gegründet. 1891 folgte durch Joseph Stöckle (1844-1893) die Gründung des „Deutschen Scheffelbundes“, dessen Jahrbücher mit einem bekannten Scheffel-Zitat als Titel erschienen: „Nicht rasten und nicht rosten“.

Der Erste Weltkrieg brachte eine Zäsur in der Scheffel-Rezeption. Nach 1918 passte der einstige Lieblingsdichter nicht mehr in die Zeit und ihre literarischen Strömungen. Er galt als trivial und vergangenheitsverklärend.

Durch eine Neugründung versuchte 1924 der „Deutsche Scheffelbund e.V.“ mit Sitz in Karlsruhe an die Vorkriegstradition anzuknüpfen. Er kümmerte sich um Scheffels Nachlass und veröffentlichte Editionen mit den Briefen des Dichters. Ein kleines Scheffelmuseum wurde eingerichtet und seit 1928 der „Scheffelpreis“ für die beste Abiturleistung im Fach Deutsch verliehen. Diesen Preis gibt es bis heute in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland. Man kann davon ausgehen, dass nur wenige der Preisträgerinnen und Preisträger wissen, wer Scheffel war.

Ende 1945 nahm der Scheffelbund in Karlsruhe seine Arbeit wieder auf; seit 1972 nennt er sich „Literarische Gesellschaft (Scheffelbund)“ und hat schon längst seinen Aufgabenbereich weit über Scheffel hinaus erweitert. Er betreut aber noch immer das Scheffel-Archiv und das Scheffelzimmer im „Museum für Literatur am Oberrhein“ (Karlsruhe, PrinzMaxPalais). Auch durch besondere Ausstellungen stellt die „Literarische Gesellschaft“ den Künstler gelegentlich ins Licht der Öffentlichkeit, zuletzt 2014/15 durch die Präsentation Scheffels als Zeichner und Maler, als der er bis dahin wenig wahrgenommen wurde.

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2.2.2. Heidelberg

„Altheidelberg wird nimmer aus meiner Seele getilgt, sondern steht mit Sang und Klang und Paukenschlag darin festgetrommelt bis ans Ende der Tage“, schrieb Scheffel 1855 an seine Heidelberger Freunde des „Engeren“ (Scheffel, Bd. 7, S. 193). Als Student und Rechtspraktikant (1844/45, 1846-49) hatte er glückliche, fröhliche Jahre in Heidelberg verbracht, lebte bis 1857 auch immer wieder einige Monate lang in der „Vaterstadt seiner Poesie“, wie er Heidelberg nannte (Proelß 1887, S. 659). Sind doch in diesen Jahren alle die Texte entstanden, die ihn berühmt machten.

Wie sehr Scheffel Heidelberg liebte und wie sehr ihn die Heidelberger verehrten, lässt sich an seinem letzten Aufenthalt in der Stadt zeigen. 1886 sollte das 500. Jubiläum der Universität gefeiert werden. Scheffel erklärte sich bereit, dafür das Hauptfestlied zu schreiben, und quartierte sich, bereits todkrank, vom 11. Januar bis 2. April im Heidelberger Neckarhotel ein.

An Scheffels 60. Geburtstag (16. Februar) – es sollte sein letzter sein – verlieh die Stadt ihm die Ehrenbürgerschaft und ließ die Schlossruine erleuchten. Und die Studentenschaft veranstaltete ihm zu Ehren einen Fackelzug. 

Schlossbeleuchtung
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Verso: Schloßbeleuchtung. Verlag der Hofkunsthandlung Edm. von König, Heidelberg Nr. 458. Ges. gesch. (f) N. e. Original von F. Huth. Nicht gelaufen.

Bei den Jubiläumsfeierlichkeiten Anfang August, Scheffel lebte nicht mehr, wurde sein Festlied von vielen aktiven sowie ehemaligen Studenten gesungen. Daraus die letzte der acht Strophen:

Heil allen, die im Wissensschacht
Nicht Müh‘ noch Arbeit scheuten,
Die manche Nacht durchdacht, durchwacht
Und sich der Jugend freuten.
Und Heil der Stadt, wo Schöpfungspracht
Mit Weisheit im Vereine:
Ein brausend Hoch sei dir gebracht,
Altheidelberg, du Feine!

Das ganze Gedicht: http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw9/0242

Zu Heidelberg und der Heidelbergromantik siehe die Seite
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=2583

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Scheffels Abschied aus Heidelberg
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Viktor von Scheffel’s Abschied aus Heidelberg.
Notenzeile mit Text: Alt Heidelberg, du feine, du Stadt an Ehren reich!
Original der Kunstanstalt Dom. Habernal & Co., Wien. Ezel
Verso: Karte Nr. 144. Bund der Deutschen in Nied. Öst. Geschäftsstelle Wien, Mariahilferstraße 98. Adressseite geteilt. Gelaufen 1914 (Paul Dolezel-Ezel, Wiener Maler, 1. Drittel 20. Jahrhundert)

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Wie kein anderer hat Scheffel an der Entstehung des Mythos „Alt-Heidelberg“ mitgewirkt. Viele seiner Gedichte handeln von und in Heidelberg. Sein Lied „Altheidelberg, du feine…“ wurde zu einer Art Hymne Heidelbergs und findet sich auf zahllosen Postkarten zusammen mit immer wechselnden Stadtansichten. Hier nur ein Beispiel von vielen:

Alt-Heidelberg
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Verso: No. 6 Verlag: Carl Knoblauch, Heidelberg, Sofienstraße 15, Telefon 2880. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.
Text auf Vorderseite:

Alt=Heidelberg
Von Josef Viktor Scheffel

Alt=Heidelberg, du feine,
Du Stadt an Ehren reich,
Am Neckar und am Rheine
Kein andre kommt dir gleich.

Stadt fröhlicher Gesellen,
An Weisheit schwer und Wein,
Klar ziehn des Stromes Wellen,
Blauäuglein blitzen drein.

Und kommt aus lindem Süden
Der Frühling übers Land,
So webt er dir aus Blüten
Ein schimmernd Brautgewand.

Auch mir stehst du geschrieben
Ins Herz gleich einer Braut,
Es klingt wie junges Lieben
Dein Name mir so traut.

Und stechen mich die Dornen
Und wird mir’s drauss zu kahl,
Geb ich dem Ross die Sporen
Und reit ins Neckartal.

Das Gedicht schrieb Scheffel 1852. Es wurde 1861 von Simon Anton Zimmermann (1807-1876) vertont und wie viele andere Scheffellieder in das Allgemeine Deutsche Kommersbuch aufgenommen. Scheffel veröffentlichte das Gedicht 1853 im Trompeter von Säckingen als Lied Werner Kirchhofs beim Schwarzwälder Pfarrherrn (2. Stück).
Melodie: www.youtube.com/watch?v=eCqwGhr1Nhg

Heidelberg war im 19. Jahrhundert zum Inbegriff der deutschen Romantik geworden. Mit seinen Heidelberg-Texten erweiterte Scheffel das Image der Studenten-Stadt um die Atmosphäre heiteren Lebensgenusses. Wie Scheffel mit seinen Versen das Studentenleben – und nicht nur das in Heidelberg – verklärte, dafür liebten ihn die Studenten und alle die, die es einmal gewesen waren. Das erklärt auch, warum Scheffel an seinem 50. Geburtstag 1876 von studentischen Verbindungen aus ganz Deutschland Huldigungsadressen erhielt. Scheffel bedankte sich bei allen mit einem Spruch, den er zuerst an den Akademischen Verein der Polytechniker in Hannover sandte (siehe Postkarte unten). In der Folgezeit wurde der kleine Text zu einem geflügelten Wort und war im akademischen Umfeld weit verbreitet.

Akademischer Verein an der TU Hannover
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Akademischer Verein (Abgebildet ist die Technische Hochschule in Hannover, eingerahmt von einer gezeichneten Weinlaube. Der Zwerg neben dem Text, unpassenderweise mit einem Bierkrug, sollte vermutlich auf den trinkfreudigen Perkêo aus Heidelberg verweisen, den Scheffel besungen hat.) Verso: Adressseite ungeteilt, gelaufen 1897.
Text:

   Nicht rasten und nicht rosten,
   Weisheit und Schönheit kosten,
   Durst löschen, wenn er brennt,
   Die Sorgen versingen mit Scherzen,
   Wer’s kann, der bleibet im Herzen
   Zeitlebens ein Student!
   J.V. v. Scheffel

Wie Karlsruhe wollte auch Heidelberg durch die Errichtung eines Denkmals seine tiefe Verbundenheit mit dem verstorbenen Dichter bekunden. Überall in der Stadt riefen Plakate zu Spenden auf. Schon während des Universitätsjubiläums füllten sich die Sammelbüchsen fürs Denkmal. Die Erträge eines Sängerfestes und viele Spenden, auch aus dem Ausland, erbrachten bis Ende 1888 eine Summe von über 31 000 Mark. So konnte, nachdem die Karlsruher das Standbild von Adolf Heer abgelehnt und das Heidelberger Denkmalkomitee sich für Professor Heers Entwurf entschieden hatte, das Denkmal ausgeführt werden.Auf der Schlossterrasse, nun auch Scheffelterrasse genannt, wurde die Bronzestatue aufgestellt. Ein großzügiger Geldgeber hatte seine Spende von diesem Standort abhängig gemacht.

Schloss mit Scheffelterrasse
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Heidelberg. Schloß mit Scheffelterrasse. Verso: Verlag Schöning & Co., Lübeck. Heidelberg 123. Folge I. Freigabe 23454 u. 16773/43. Heidel 123. Nicht gelaufen.

Das Heidelberger Denkmal war unter allen anderen das einzige Ganzkörperdenkmal Scheffels. Da es nur in Fotos erhalten ist, sei es hier kurz beschrieben.

Der nicht mehr ganz jugendliche Scheffel ist als Wanderer gekleidet und blickt von sehr hohem Sockel auf die ihm zu Füßen liegende Stadt.

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Heidelberg Scheffel-Denkmal. 72515 Schaar & Dathe, Trier.

Scheffel hat eine Reisetasche umgehängt und über seinen rechten Arm einen Mantel gelegt. In der Rechten hält er einen Hut, in der Linken ein leicht geöffnetes Büchlein – ein Hinweis darauf, dass Scheffel auf seinen Wanderungen stets zeichnete bzw. sich Notizen zu Land und Leuten machte. Ungewöhnlich für einen Wanderer auch damals sind die hohen Schaftstiefel. Sie passen eher zum am Bodensee Enten jagenden Gutsbesitzer Scheffel, sollten dem Dichter aber wohl einen imposanten Habitus verleihen.

An dem sehr hohen, gegliederten Steinsockel befindet sich vorne eingemeißelt nur Scheffels Namen. Wie am Karlsruher Denkmal verweisen an der rechten und linken Sockelseite zwei Bronzereliefs auf das Werk des Dichters, aber auch auf dessen Verortung in Heidelberg: An der einen Seite reitet Werner, der Trompeter von Säckingen, zu seinem Freund Perkeo ins Heidelberger Schloss. An der anderen Seite sieht man einen Studenten mit einem Glas in der Hand, das Schloss im Hintergrund.

Die Einweihungsfeier am 11. Juli 1891 hatte ähnliche Rituale wie die ein Jahr später in Karlsruhe: „Unter den Klängen eines Orchesters begab sich der Festzug, bestehend aus Behörden, Ehrengästen und Vertretern des Militärs, der Studentenschaft und anderen vom Schloßhof zu der Terrasse. Stadtrat Mays, der Vorsitzende des Denkmalkomitees, (…) wies darauf hin, daß man durch dieses Denkmal das Werk des patriotischen Dichters nie vergessen werde“ (Wetzel, S. 40). Patriotisch-deutschtümelnde Töne schlug auch der Hauptredner an, Kirchenrat Professor Adolf Hausrath:

„Wir leben in einem ehernen Zeitalter, in dem eine Saat von Kriegerdenkmalen allenthalben aus der Erde sprießt. Wohl uns, daß unter den Helden, die unser deutsches Wesen schützten, schirmten, auch der Dichter nicht fehlt, der deutsches Wesen nähren, kräftigen und adeln half (…) Das ist es, was wir vor allem heute an Scheffel preisen, daß er ein deutscher Dichter war, der wie kein anderer mitten im Deutschtume stand“ (Wetzel, S. 41).

Nach dieser Rede wurden Kränze niedergelegt, vereinigte Männergesangvereine sangen „Altheidelberg, du feine“, ein Festessen mit zahlreichen Dankes- und Gedenkreden folgte; abends dann ein Festbankett im Schloss, das am nächsten Tag auch noch festlich beleuchtet wurde.

Scheffeldenkmal in Heidelberg
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Heidelberg. Scheffeldenkmal. Kunstanstalt Hermann Ludewig, Leipzig-R. No. 5055. Verso: Postkarten-Industrie "Badenia" Heidelberg-Mannheim-Bruchsal. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.

Wie in Karlsruhe gehörte zum Heidelberger Scheffelkult, dass in den Folgejahren am Denkmal immer wieder Gedenkfeiern abgehalten wurden, die meist begleitet waren von Kranzniederlegungen (siehe Postkarte oben) und Gesang.

Dank seiner populären und zahlreich vertonten Lieder erfreute sich Scheffel nicht nur in Studentenkreisen, sondern auch in den Liederkränzen großer Beliebtheit. So wurde der Dichter z.B. 1876 zum Ehrenmitglied des Heidelberger Liederkranzes ernannt. Scheffel bedankte sich dafür, indem er einen „Wahlspruch für den Heidelberger Liederkranz“ reimte (Scheffel: Sämtliche Werke. Bd. 9, S. 248):

Aufrecht und stolz, wie’s Deutschen ziemt,
Und pfälzisch froh in Wort und Werk
Und stets die Kehlen hellgestimmt,
So singt man in Altheidelberg.

Als dieser Liederkranz vom 16.-18. Mai 1914 sein eisernes Jubiläum feierte, gehörte auch ein Besuch des Scheffeldenkmals dazu. Gut möglich, dass die untere Postkarte dieses Ereignis festhielt.

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Verso: Max Kögel, Hofphotogr. Heidelberg.
Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.

Vom Karlsruher Denkmal blieb im 2. Weltkrieg wenigstens die Scheffelbüste erhalten. Nicht so in Heidelberg: Das gesamte Metall von Standbild und Seitenreliefs – 1060 kg Kupferbronze – wurde im Oktober 1942 zusammen mit Kirchenglocken auf dem Güterbahnhof zum Einschmelzen verladen. Der endgültige Verbleib des „Wanderers Scheffel“ ist bis heute ungeklärt, auch, ob er wirklich eingeschmolzen wurde.

Neue Standbildentwürfe, 1951 durch einen Wettbewerb auf Initiative der Landesregierung eingereicht, wurden schnell als nicht mehr ins 20. Jahrhundert passend verworfen, Pläne für ein Scheffeldenkmal schließlich beiseite gelegt.

Die Studentenverbindung Frankonia, zu deren Vorläuferorganisation Scheffel einst als Student gehört hatte, ließ dann 1976, im 150. Geburtsjahr Scheffels, einen schlichten Gedenkstein errichten, 20 Meter vom Standort des alten Denkmals entfernt. Name und Lebensdaten des Dichters sind in den quaderförmigen rötlichen Sandstein eingemeißelt. Darüber ist ein Bronzemedaillon mit Scheffels Relief im Lorbeerkranz angebracht. Es ist ein Abguss vom Bildnis auf Scheffels Karlsruher Grab und stammt von Adolf Heer, der auch das Heidelberger Standbild geschaffen hatte.

Scheffelstein
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Quelle: Wikipedia.
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Ein „Kult“ wird in Heidelberg längst nicht mehr um Scheffel gemacht. Wer wollte, konnte bis 1955 in der Stadt noch eine kleine Kultstätte besuchen: Die Scheffelstube im „Waldhorn ob der Bruck“ in der Ziegelhäuser Landstraße 21 am Neckarufer. Bis das Haus 1965 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde, verkündete dort eine Tafel:

„J.V. Scheffel erlebte in diesem Hause fröhliche Stunden im Kreise geistesverwandter Gelehrten und Bürger Heidelbergs. Hier fanden allwöchentlich die feucht=fröhlichen Sitzungen des Vereins „Der Engere“ statt, und hier entstand manches Lied zum Lob und Preis Alt Heidelbergs.“

Die Scheffelstube
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Verso: Heidelberg-Hotel-Restaurant Scheffelhaus-Waldhorn ob der Bruck. Bes. G. Ernst Wwe. Tel. 328. „Die Scheffelstube“. Nr. 7131 Kunstverlag Edm. v. König, Heidelberg. B. ges. gesch. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.

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2.2.3. Radolfzell

Blick von Scheffels Lieblingsplatz
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Blick von Scheffels Lieblingsplatz. Verso: Rdlfz 23. W. Schmid. Buchhandlung. Radolfzell. Echte Photographie. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen. – Text:

Radolfzell               
Joseph Viktor von Scheffel    
           

O Radolfzell, du altes Nest
mit deinen Wackenmauern,
wie lernt man hier aufs allerbest
entsagen dem Brüten und Trauern!

Mit Reben umrankt vor dem Tor sich die Höh‘
bis hinab zum Mettnaugestade,
und schimmernd ladet der Untersee
zum kühlenden Wellenbade.

Wenn dort ich in wohligem Schwimmerspiel
der Fluten Tiefe durchschneide,
grüßt altbefreundet der Hohentwiel
aus bergstolzer Hegauweite.

Schön ist er in dämmerndem Morgengrau
vom Duft der Ferne umflossen,
und schön, wenn zum Abend-Purpurblau
sich der Sonne Glühgold ergossen.

Nur langsam verglastet der blendende Schein,
doch kaum ist erloschen der Schimmer,
so hüpft auf den Wellen der Mondenschein
mit silberweichem Geflimmer.


Vergnüglich sitzt man am Strande fest
und vergißt den Koffer zu packen;
o Radolfzell, du altes Nest
mit deinen Mauerwacken.

(Die fünfte Strophe des Gedichts ist auf der Postkarte weggelassen.
Scheffel: Sämtliche Werke. Bd. 9, S. 182/83)

1871 verbrachte Scheffel zusammen mit seinem Studienfreund und Verleger Adolf Bonz einen Sommerurlaub in Radolfzell, als dieses Gedicht entstand. Scheffel liebte die Bodenseelandschaft, der er seit seinem Ekkehard-Roman ganz besonders verbunden war.

In Radolfzell, nahe der Halbinsel Mettnau, ließ der Dichter 1872/73 sein erstes eigenes Haus errichten: als repräsentativen Sommer- und Alterssitz die Villa Seehalde. Und als Rückzugsmöglichkeit kaufte Scheffel 1876 noch das nahegelegene Mettnaugut dazu, wo er sich das Gutshaus zum „Scheffelschlösschen“ ausbauen ließ.

Scheffelschlösschen
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Oben: Verso: Radolfzell am Bodensee. Scheffel-Schlößchen. Wendelin Schmid, Schreibwaren, Radolfzell. Echt Foto. Nr. 108 529. Nicht gelaufen.
Unten: Tafel am Eingang zum Scheffelschlößle. Foto 2015

Seit 1873 erlebten die Radolfzeller hautnah mit, welcher Kult um den Dichterfürsten gemacht wurde: Schon zu dessen Lebzeiten, aber erst recht nach seinem Tod wurden die Seehalde und das Scheffelschlösschen beliebte Reiseziele – von Bildungsbürgern oder bloß Schaulustigen, die einmal das Haus der prominenten Persönlichkeit gesehen haben wollten.

So konnte sich Radolfzell zu Recht als „Scheffelstadt“ bezeichnen und profitierte zumindest einige Jahrzehnte lang touristisch davon. Scheffel-Postkarten mit Radolfzeller Motiven zeugen als ‚Devotionalien‘ von einer bis zum Ersten Weltkrieg ungebrochenen Verehrung:

Seehalde, ein Dichterheim
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Seehalde, ein verlassenes Dichterheim bei Radolfzell. Joseph Victor Scheffel. Herausgeber Joh. Elchlepp. Hofkunstverlag, Freiburg i/Br. G. Gagg. Verso: Adressseite ungeteilt. Gelaufen 1911.
(Der Künstler, Professor Gebhard Gagg (1838-1921) aus Konstanz, war selbst oft Gast in der Villa Seehalde.)

Wer den „Blick von Scheffels Lieblingsplatz“ (siehe Postkarte am Kapitelbeginn) über den See hinüber zum Hohentwiel genießen wollte, wurde eigens durch einen Stein auf diesen Ort hingewiesen. Er steht heute noch am Bodenseeufer der Mettnau:

Lieblingsort des Dichters
Foto 2015

Früher als andere Städte hatte Radolfzell die Absicht, ihrem Ehrenbürger ein Denkmal zu setzen. Dafür sollten nach Scheffels 50. Geburtstag 1876 bei allen gutsituierten Radolfzellern Spenden gesammelt werden. Dass der damit beauftragte Ratsdiener ausgerechnet zuerst bei Scheffel selbst mit dem Sammeln begann, war so nicht angeordnet gewesen. Der Dichter nahm es mit Humor und verkürzte das Verfahren: Testamentarisch vermachte er der Stadt eine Marmorbüste, die bereits in seinem Besitz war, die aber erst nach seinem Tod öffentlich aufgestellt werden sollte. Der Bildhauer Michael Arnold (1824-1877), den Scheffel wohl von seinen Kuraufenthalten in Bad Kissingen her kannte, hatte 1876 diese Büste gefertigt. Sie stand im Garten der Villa Seehalde auf einem Steinsockel und war durch einen steinernen Baldachin geschützt.

Fünf Jahre nach Scheffels Tod, 1891, ließ Radolfzell diese Büste samt Sockel und Baldachin in den alten Stadtgarten überführen. Im Rahmen des 3. Hegausängerfestes fand die feierliche Einweihung des Denkmals statt.

Scheffel-Denkmal in Radolfzell
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Radolfzell (Bodensee) Victor v. Scheffel-Denkmal.
[Postkarte: Stadtarchiv Radolfzell]

Noch zwei Mal sollte dieses Scheffeldenkmal einen anderen Standort bekommen: 1906 musste es dem Realschulbau weichen und kam auf den Luisenplatz.

Scheffel-Denkmal am Luisenplatz in Radolfzell
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Radolfzell am Bodensee. Luisenplatz mit Scheffeldenkmal.
[Postkarte: Stadtarchiv Radolfzell]

Dann wurde auf dem Luisenplatz 1937 das Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges errichtet. Jetzt erhielt die Scheffelbüste den Platz, auf dem sie bis heute steht: Im Park vor dem Scheffelschlösschen, auf einem schlichten Sockel aus Dolomitgestein.

Scheffelbüste vor dem Scheffelschlösschen (Foto 2015)
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1923 tauchte in Radolfzell erstmals der Plan auf, Scheffel ein eigenes Museum einzurichten. In Karlsruhe hatte der dortige „Deutsche Scheffelbund“ 1926, zum 100. Geburtstag des Dichters, im Kavaliersbau des Schlosses ein kleines Scheffelmuseum eröffnet – nun wollte man in Radolfzell, immerhin der zweite Wohnsitz Scheffels, nachziehen.

1926 hatte die Stadt Radolfzell das nach mehreren Besitzerwechseln etwas heruntergekommene Mettnaugut gekauft in der Absicht, die Halbinsel für Einheimische und Touristen als Freizeit- und Erholungsraum zu erschließen. Ein Strandbad und ein Strandcafé wurden gebaut – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Scheffelschlösschen, das in das touristische Gesamtkonzept als Sitz eines Scheffelmuseums einbezogen wurde. Das Schlösschen wurde gründlich renoviert und mit Leihgaben des Deutschen Scheffelbundes sowie der Familie von Scheffel als Museum eingerichtet. Am 8. Juli 1928 war die feierliche Eröffnung im Beisein der Enkelin des Dichters Baronin von Reischach-Scheffel samt Gemahl.

Mettnau am Bodensee
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Radolfzell-Mettnau a.B. Strandbad, Strandcafé u. Scheffelmuseum vom Flugzeug aus. Verso: Nr. 7205. Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Luftverkehr Strähle. Schorndorf / Württ. Graph. Kunstverlagsanstalt Max Mattes Stuttgart. Nr. 7205/5.288g. Gelaufen 1933

Mit Handschriften seiner Werke, mehreren Zeichnungen von Scheffel selbst, Bildern seiner Familie und Freunde, mit Dokumenten seiner zahlreichen Ehrungen sollte der schon nicht mehr so bekannte Dichter Besuchern nahe gebracht werden. Der große Reiz des Museums lag natürlich in der Originalität der Räume und in seiner herrlichen Lage am Bodensee.

Obwohl im Obergeschoss des Scheffelschlösschens auch noch eine große vogelkundliche Sammlung der Süddeutschen Vogelwarte untergebracht worden war, entwickelte sich das Museum nicht zum erhofften Publikumsmagneten: Die Besucherzahlen gingen bis zur kriegsbedingten Schließung 1939 kontinuierlich und rapide zurück. Und auch als das Scheffelmuseum 1951 etwas erweitert wiedereröffnete, änderte sich das nicht. 1963 wurde das Museum „wegen Personalmangels“ geschlossen. Seit1966 ist das Scheffelschlösschen Sitz der Kurverwaltung.

Scheffel ist auch in Radolfzell schon lange nicht mehr „Kult“, ganz verschwunden ist er aber nicht. Es gibt die Scheffelstraße zur Mettnau und eine Scheffelapotheke. Ein Restaurant „Scheffelhof“ wirbt mit dem Konterfei Scheffels.

Und wer dem ehemaligen Mettnauer Gutsherrn Scheffel begegnen möchte, trifft ihn im „Scheffel-Séparée“ des Radolfzeller Stadtmuseums, wo u.a. Hut, Jagdtasche, Pulver- und Hifthorn des begeisterten Jägers zu sehen sind. Für besonders Kulturinteressierte hatte das Tourismus- und Stadtmarketing Radolfzell im Jahr 2015 folgendes Angebot: „Joseph Victor von Scheffel lädt ein – zu einer Zeitreise auf des Dichters Spuren“.

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2.2.4. Säckingen

Bergsee mit Scheffelfelsen
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Bergsee bei Säckingen a/Rh. (Scheffelfelsen u. Basler Kränzli). Adressseite: Restaurant und Waldkaffe zum Bergsee Säckingen a. Rh. Motor- und Ruderboote / Idyllisches Strandbad. Besitzer W.A. Raetz.Verlag C. Gersbach, Photohaus, Säckingen. Gelaufen. Datierung u. Poststempel 1933.

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Inschrift auf Fels am Bergsee (Foto 2015)

Früher als andere Scheffelstädte erkannte Säckingen die Bedeutung Scheffels für die eigene Stadt: 1875 ernannte sie ihn als erste zu ihrem Ehrenbürger und ließ auf einem Felsen am nahegelegenen Bergsee, zu dem Scheffel oft gewandert war, die Inschrift anbringen – damals noch weithin sichtbar:

      Dem Dichter
Dr. J. VICT. SCHEFFEL
  die Stadt Säckingen
              1875.

Säckingen hatte auch allen Grund, dem Dichter dankbar zu sein und ihn entsprechend zu ehren: Mit seinem Versepos Der Trompeter von Säckingen, das nach 1870 nicht nur die deutsche Leserschaft eroberte, sondern auch dank zahlreicher Übersetzungen in vielen Ländern verbreitet wurde, hatte Scheffel der Stadt ein echtes Geschenk gemacht. Es ließ Säckingen zur „weltbekannten Trompeterstadt“ werden und zog jahrzehntelang Besucher an, die auf des Dichters Spuren wandeln und die Schauplätze der anrührenden Liebesgeschichte des Trompeters von Säckingen aufsuchen wollten.

Grabplatte am Fridolinsmünster (Foto 2016)
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(Im Steinbaldachin ist ein Medaillon mit einem Reliefporträt Scheffels angebracht, wohl um daran zu erinnern, wer das Paar der unteren Grabplatte literarisch verewigte.)

Diese Grabplatte aus dem 17. Jahrhundert befindet sich außen am Säckinger Fridolinsmünster. Sie dokumentiert das historische Paar, das Scheffel zu seinem Trompeter inspirierte: Franz Werner Kirchhofer (kein Trompeter, aber ein wohlhabender Säckinger Bürger) und die adlige Maria Ursula von Schönau (Margarethe) heirateten trotz des Standesunterschieds und gegen alle Widerstände und wurden ein glückliches Paar.

Scheffel hörte von dieser Liebesgeschichte, als er 1850/51 am Bezirksamt Säckingen als Rechtspraktikant arbeitete. Noch in Säckingen entstanden erste Skizzen zu seinem Trompeter, den er während seines Italienaufenthalts 1852/53 dann fertig stellte.

Scheffels Liebesgeschichte von Werner und Margarethe wurde noch populärer, nachdem Victor Ernst Nesslers (1841-1890) Oper Der Trompeter von Säckingen, 1884 in Leipzig uraufgeführt, zu einer der beliebtesten deutschen Opern avancierte. Berühmt und (noch heute) viel gesungen wurde vor allem das Trompeterlied aus dem 2. Akt dieser Oper.

Gesungen (Hermann Prey):
https://www.youtube.com/watch?v=oRqXUpJ2UnE

Trompeterlied
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Säckingen a. Rhein. Trompeterlied von Viktor v. Scheffel. Verso: 112/58 QEA Echt Bromsilber Gebr. Metz, Kunstanstalt, Tübingen. Gelaufen 1933. (Der Text steht im 14. Stück des Trompeters: Das Büchlein der Lieder, XII. Lied jung Werners.)

In zahllosen Variationen wurden Trompeter-Postkarten aus Säckingen in alle Welt verschickt. Der Refrain des Trompeterlieds, das
    „Behüt‘ dich Gott, es wär‘ zu schön gewesen,
     Behüt‘ dich Gott, es hat nicht sollen sein“,
wurde zum geflügelten Wort. Wobei sicher nur Scheffel-Kenner wussten, dass es von ihm stammte, – was auch für einige andere populär gewordene Texte Scheffels gilt.

Wurden bei manchen Postkarten Teile des Trompeterlieds (Abschiedsmotiv) übernommen, ohne Scheffel als Autor zu nennen, wurde in vielen Postkarten nur das „Behüt‘ dich Gott“ als frommer Wunsch, häufig zu Neujahr, mit dem Trompetermotiv und der Stadtansicht von Säckingen verbunden.

Trompeterlied
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1. Behüt' Dich Gott. Abschied. Postkarten-Verlag Künzli, Zürich, Dep. No.3413. Carte postale Weltpostverein. Adressseite ungeteilt. Nicht gelaufen. Anderes Exemplar ohne Verlagsangabe gelaufen 1901.
2. Postkarte Weltpostverein. Serie1009. Adressseite geteilt. Gelaufen 1906.
3. Behüt' Dich Gott! M & M. L. [Mehner & Maas, Leipzig] No. 3069. 105136 D.R.G.M. [Deutsches Reich, Geschmacksmuster]  Adressseite ungeteilt. Gelaufen 1899.
4. Verso: Gruss aus Säckingen. Dr. Trenkler Co., Leipzig 1908. Sck. 10. Adressseite geteilt. Gelaufen 1910.
5. Behüt' Dich Gott! Mehner & Maas, Leipzig R. No. 3067. 105136. D.R.G.M. [Deutsches Reich, Geschmacksmuster] 102060. Adressseite ungeteilt. Gelaufen 1899.
6. Behüt' Dich Gott! Mehner & Maas, Leipzig. No. 641. 105136. D.R.G.M. [Deutsches Reich, Geschmacksmuster]  Adressseite ungeteilt. Gelaufen 1898.

Der „Trompeter“ wurde zum Markenzeichen der Stadt Säckingen. Schon zu Scheffels Lebzeiten, nämlich seit 1876, präsentierte sich an der Außentreppe von Schloss Schönau (einem Schauplatz von Scheffels Epos) eine kleine Trompeterstatue den Besuchern. Der Sockel der Figur trägt die Inschrift: „J. V. v. Scheffel gewidmet.“

Schloss Schönau
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Schloss Schönau, im Volksmund auch „Trompeterschloss“ genannt, beherbergt seit 1985 ein Trompetenmuseum. (Foto 2016)

Auch die allgemeine Bekanntheit des Trompeterlieds nutzte die Stadt Säckingen schon bald zur eigenen touristischen Vermarktung: Es wurde zu einer Art Erkennungsmelodie. Als Feriengäste noch vorrangig mit der Bahn anreisten, wurden sie am Bahnhof von einem Trompeter in historischem Kostüm mit diesem Lied empfangen und auch wieder verabschiedet.

Säckingen hatte also allen Grund, Scheffel dankbar zu sein. Und die Stadt zeigte diese Dankbarkeit auch in der üblichen Form posthumer Verehrung und kulturellen Gedenkens: 1896 erging in Säckingen der Aufruf zur Errichtung eines Scheffeldenkmals. 25 000 RM kamen durch Spenden und einen städtischen Zuschuss zusammen. 1901 wurde das Denkmal auf dem Münsterplatz errichtet, ausgeführt von dem Münchner Bildhauer Joseph Wilhelm Menges (1856-1916).

St. Fridolins-Münster mit Scheffeldenkmal
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Links: Säckingen a. Rhein, St. Fridolins-Münster. Gebr. Metz, Kunstanstalt, Tübingen.112/64 D e Photographiekarte. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.
Rechts: Säckingen. – Scheffeldenkmal. Adressseite geteilt. Gelaufen 1906.

Zur Denkmalseinweihung 1901 wurde drei Tage lang ein großes Scheffelfest gefeiert. Beginnend mit einem Zapfenstreich der Stadtmusik; am nächsten Tag um 6 Uhr Böllerschießen, dann ein musikalischer Frühschoppen im „Goldenen Knopf“ (den auch Scheffel gerne besucht hatte); um 12 Uhr die Enthüllung des Denkmals mit Kapelle und Gesangverein. Anschließend zog ein Festumzug durch die Stadt. Am Abend dann das Festbankett mit der Aufführung lebender Bilder zu Scheffels Trompeter und zur Säckinger Geschichte. Den verbindenden Text hatte eine gute Freundin Scheffels aus Radolfzeller Zeiten verfasst, Freyfrau Alberta von Freydorf. Das Ganze endete am dritten Tag mit einem Feuerwerk samt Musik der Stadtkapelle.

Scheffels Bronzebüste thronte auf einem hohen, rechteckigen Granitsockel, darauf eine Leier sowie Namen und Lebensdaten Scheffels. Auf den Sockelstufen stand links vor Scheffel überlebensgroß der blasende Trompeter im Kostüm des 17. Jahrhunderts. Links und rechts am Sockel befanden sich zwei Brunnenbecken.

Der quadratische schmiedeeiserne Zaun wurde nach 1933 abgebrochen und das Denkmal von einer größeren Brunnenanlage umgeben (siehe unten).

Scheffeldenkmal mit Brunnenanlage
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Säckingen a. Rhein, Scheffeldenkmal. Verso: Echte Fotografie. Kosmos. Franckh-Verlag Stuttgart-O. Nr. 17808-131. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen [nach 1933, vor 1941].

Noch zwei Mal feierte die Stadt Säckingen ‚ihrem‘ Scheffel zu Ehren ein großes Scheffelfest, immer in einer sehr volkstümlichen Form, die nicht nur viele Teilnehmergruppen einbezog, sondern auch zahlreiche Besucher anlockte.

1926, zu Scheffels 100. Geburtstag, gab es einen großen Festumzug durch die Stadt: Vereine und verschiedene Bürgergruppen inszenierten auf Festwagen Szenen aus dem Trompeter bzw. mit bekannten ‚Scheffel-Motiven‘, z.B. das Heidelberger Fass mit dem Zwerg Perkêo.

1976 galt es, Scheffels 150. Geburtstag zu feiern, wieder mit einem großen Festzug und einer beachtlich großen Zahl teilnehmender Gruppen: Die Stadtkapelle und eine Trachtengruppe aus Radolfzell, der andern Scheffelstadt, führten den Zug an; Musikvereine aus der Umgebung, auch viele aus der benachbarten Schweiz, liefen mit, Motivwagen (z.B. mit dem Kater Hiddigeigei aus dem Trompeter) sowie Studentenabordnungen aus Basel, St. Gallen, Freiburg und Heidelberg vervollständigten das bunte Bild. Der Festzug endete am „Trompeterschloss“ Schönau, wo ein modernes Trompeterstandbild enthüllt wurde.

De Trompeter von Josef Hanselmann
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Der neue Trompeter aus dem Jahr 1976, geschaffen von Professor Josef Hanselmann/ München (1898-1987), vor Schloss Schönau. (Foto 2016)

Fotos von den Säckinger Scheffelfeiern finden sich unter:
http://www.trompeter-von-saeckingen.de

Mit diesem neuen Standbild wollte die Stadt ihr Markenzeichen aus Scheffels Zeiten wiederbeleben. Denn das Scheffeldenkmal von 1901 mit dem überlebensgroßen und so häufig abgebildeten Trompeter wird man heute vergeblich auf dem Säckinger Münsterplatz suchen.

Der Säckinger Münsterplatz – ohne Scheffeldenkmal (Foto 2016)

Wie die Denkmäler in Karlsruhe und Heidelberg konnte man auch das Säckinger im Zweiten Weltkrieg nicht (ganz) davor bewahren, als „Metallspende des Deutschen Volkes“ eingeschmolzen zu werden. Die gesamte Denkmalsanlage samt Brunnen wurde 1941 abgebaut, die große Trompeterfigur abgeliefert. Nur die Scheffelbüste selbst konnte gerettet und 1942 im Schlosspark aufgestellt werden. Dort steht sie noch heute in einem stillen Winkel auf einem schlichten quadratischen Steinsockel.

Scheffelbüste im Schlosspark (Foto 2016)
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Das Trompeter-Image, das Säckingen ja Scheffel verdankt, pflegt die Stadt nach wie vor: Bei festlichen Anlässen tritt immer noch der „Trompeter von Säckingen“ auf – traditionell der erste Trompeter der Stadtmusik (seit 1994 manchmal eine Frau). Regelmäßig werden Stadtführungen angeboten, bei denen ein Schauspieler in historischem Kostüm zu den Schauplätzen von Scheffels Versepos führt. Beim „Rundgang durch die Altstadt“ (kleine Broschüre der Tourismus GmbH Bad Säckingen) trifft man immer wieder auf den Dichter Scheffel (Fotos 2016):

Wie sehr Scheffel zum kulturellen Selbstverständnis Bad Säckingens gehört, zeigt auch die 1987 auf dem Rudolf-Eberle-Platz errichtete Bronze-Stele des Bildhauers Klaus Ringwald (1939-2011). (Fotos 2016)

 

Auf den drei Seiten der Stele sind die tragenden Elemente der Säckinger Stadtgeschichte bildhaft dargestellt: Das Leben des heiligen Fridolin, die traditionelle Bäderkultur und die Geschichte um den „Trompeter von Säckingen“. Die untere Tafel der Trompeterseite ist Scheffel gewidmet, wie er in Capri, mit Blick auf den Vesuv, an seinem Trompeter schreibt (siehe unteres Foto).

Außer dem Trompeter ist im Stadtbild von Bad Säckingen noch eine andere Figur aus Scheffels Versepos recht präsent: Der Kater Hiddigeigei. Am Bahnhofsvorplatz begegnet er dem Besucher auf 14 Stelen, die 1987 bei einem Wettbewerb der „Bildhauer- und Steinmetz-Innung Hochrhein“ entstanden sind (Foto 2016).

In der Altstadt zählt seit 1978 der Kater-Hiddigeigei-Brunnen des Waldshuter Bildhauers Alfred Sachs (1907-1990) zu den viel besuchten Sehenswürdigkeiten (Foto 2016).

   Wenn im Tal und auf den Bergen
   Mitternächtig heult der Sturm,
   Klettert über First und Schornstein
   Hiddigeigei auf zum Turm.

   Einem Geist gleich steht er oben,
   Schöner, als er jemals war.
   Feuer sprühen seine Augen,
   Feuer sein gesträubtes Haar.

   Und er singt in wilden Weisen,
   Singt ein altes Katerschlachtlied,
   Das wie fern Gewitterrollen
   Durch die sturmdurchbrauste Nacht zieht.
   (…)

Aus: Scheffel: Der Trompeter von Säckingen. 14. Stück.
Das Büchlein der Lieder. II. Lied des Katers Hiddigeigei

In Schloss Schönau sollen 2016 zwei Scheffelzimmer durch den „Förderverein Scheffel-Literatur-Gedenkstätte“ neu gestaltet werden. Dass es angesagt ist, sich angemessen Scheffels, dieser „tragenden Säule der Stadtgeschichte“ (so der Förderverein), zu erinnern, hat auch mit den neuen Literaturradwegen zu tun. Sie führen unter dem Motto „Per Pedal zur Poesie“ quer durch das „Literaturland Baden-Württemberg“. Auf der Radroute Nr. 07 fährt man 52 km von Lörrach nach Bad Säckingen – natürlich zu Scheffel. Siehe:
www.literaturland-bw.de/radwege

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2.2.5. Singen am Hohentwiel

Durch Scheffels Roman Ekkehard wurde Singen am Hohentwiel ebenfalls zur Scheffelstadt.

Singen am Hohentwiel
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Singen. Hohentwiel, 688 m ü. M. Verso: Verlag von Jos. Ott, Photogr. Atelier, Buch- und Kunsthandlung, Singen a.R. Gelaufen. Poststempel unleserlich.

Im Gasthof am Hohentwiel hatte Scheffel 1854 große Teile seines Romans verfasst. Oft soll er dabei unter der Linde gesessen sein, die für die Touristen dann zur „Scheffellinde“ wurde.

Scheffellinde (Foto 2015)

Der Bestseller lockte seit den 1870er Jahren zahllose Besucher zu den Romanschauplätzen in der Bodenseeregion und ganz besonders zum Hohentwiel, dem Ort der Liebesgeschichte.

Hohentwiel-Hadwigsschloß mit Ekkehardsturm
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Hohentwiel-Hadwigsschloß mit Ekkehardsturm. Verso, Signet: GMT [Gebrüder Metz, Tübingen] Photohaus Ott - Albrecht, Singen a.R. Stempel: Festungsruine Hohentwiel 688 m ü. M. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.

Manche der Ruinen auf dem Hohentwiel waren lange Zeit mit Namen aus dem Roman versehen. (Falsche) Bezeichnungen wie „Hadwigsschloß“ und „Ekkehardsturm“ (siehe Postkarte oben) sollten die Hohentwielbesucher glauben machen, hier wirklich Bauwerke aus dem 10. Jahrhundert, der Zeit Hadwigs und Ekkehards, vor sich zu haben. Was nicht zutreffend ist: Die Überreste stammen alle von Bauten, die zwischen 1530 und 1730 errichtet wurden.

Die erste Burganlage auf dem Hohentwiel entstand 914. In der Folgezeit wurde sie von den schwäbischen Herzögen zur Residenz ausgebaut. Nach dem Jahr 1000 war der Hohentwiel jahrhundertelang im Besitz wechselnder Adelsgeschlechter, bis ihn im 16. Jahrhundert Herzog Ulrich von Württemberg erwarb. Er ließ die Burg zur Landesfestung ausbauen.

Burganlagen auf dem Hohentwiel 1591
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Aus: Karl Weiss: Hohentwiel und Ekkehard in Geschichte, Sage und Dichtung, St. Gallen und Leipzig 1901, Seite 144.

Im Dreißigjährigen Krieg überstand die als uneinnehmbar geltende Festung zwischen 1635 und 1644 fünf Belagerungen. Der Kommandant Konrad Wiederhold (Widerholt) wurde dadurch zum Helden, auch wenn seine Raubzüge zur Versorgung der Festung im Umland gefürchtet waren.

Festung Hohentwiel 1635
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Festung Hohentwiel 1635. Unter Wiederhold's tapferer Vertheidigung. Verso, Signet: PZ. Vereinigte Kunstanstalten München-Zürich. Stempel: Festungsruine Hohentwiel. Handschriftlich: 22/6 1922. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.

Hohentwiel. Schlosshof
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Hohentwiel. Schlosshof m. ehem. Kirchturm u. Wiederhold-Denkmal. Verso: Photogr. Atelier, Kunst- u. Buchhandlg., Jos. Ott, Singen. Stempel: Festungsruine Hohentwiel. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.

Im 18. Jahrhundert diente die Festung, wie der Hohenasperg, als württembergisches Staatsgefängnis. Der berühmteste Gefangene war der Staatsrechtslehrer und württembergische Landschaftskonsulent Johann Jakob Moser (1701-1785), auf dem Hohentwiel von 1759 bis 1764 ohne Gerichtsverhandlung inhaftiert.

Die folgende Postkarte vereinigt die drei mit dem Hohentwiel verbundenen berühmten Persönlichkeiten: Wiederhold, Scheffel und Moser.

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Gruss v. Hohentwiel. Mit den Bildnissen von Konrad Wiederhold, Johann Jakob Moser und Scheffel. Verso: Verlag von Eug. Müller, Singen Nr. 31. Adressseite ungeteilt. Nicht gelaufen.

Zur unbewohnbaren Ruine wurde die Festungsanlage, nachdem Napoleon sie 1800/01 hatte schleifen lassen.

Als Scheffel seinen Ekkehard-Roman schrieb, war der Hohentwiel einige Jahre zuvor für Besucher zugänglich gemacht worden: Der instandgesetzte Kirchturm sowie eine erste Aussichtsplattform erlaubten einen unvergleichlichen Blick über die Hegau- und Bodenseelandschaft.

Die Singener waren nicht nur stolz, sondern auch dankbar, dass sie mit dem berühmten Dichter Scheffel und seinem Roman werben konnten.

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Ekkehard liest vor Hadwig Virgilius. Hohentwiel. Eigentum u. Verlag von Jos. Ott, Singen. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen. [Die Szene links unten aus dem Ekkehard entstammt einem Gemälde von Johann Caspar Herterich (1843-1905)]

Weil der Dichter in seinen letzten Lebensjahren von Radolfzell aus immer wieder ihren Ort (seit 1899 Stadt) besuchte, fühlten die Singener sich ihm ganz besonders verbunden. Vermutlich war Singen die einzige Gemeinde, die schon zu Scheffels Lebzeiten, nämlich 1879, eine Straße nach ihm benannte.

Die Wertschätzung, die Scheffel in Singen genoss, blieb auch nach dem Ersten Weltkrieg erhalten. Als 1925 eine Veranstaltungshalle gebaut wurde, weil in der Stadt das 10. Hegau-Sängerbundfest stattfinden sollte, nannte man den Neubau ganz selbstverständlich „Scheffelhalle“. Und als dann an Pfingsten 1925 über 2500 Sänger nach Singen kamen, geriet das Fest zu einer Hommage an den Dichter. Ein Festumzug mit Szenen aus Scheffels Werken zog an 30 000 Zuschauern vorbei.

Im Gasthaus Krone, wo Scheffel oft eingekehrt war, inszenierten Scheffelfreunde 1926 eine Erinnerungsecke und brachten drei Jahre später auch noch eine Scheffelgedenktafel über dem Gasthofeingang an.

Zeughaustor
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7505 Edition Photoglob Co Zürich   Hohentwiel – Zeughaustor
Verso: Postkarte Weltpostverein. Stempel: Festungsruine Hohentwiel. Gelaufen 1907

Oben auf dem Hohentwiel hatte man dem Dichter schon 1888 ein kleines Denkmal gesetzt. Die 1872 in Rottweil gegründete Hohentwielgesellschaft ließ am ehemaligen Zeughaus der Festung zwei Medaillons anbringen. Das linke Bronze-Medaillon zeigt Reichskanzler Otto von Bismarck, ihm vis-à-vis auf der rechten Seite das Medaillon mit Victor von Scheffel. Geschaffen wurden beide Medaillons von dem Bildhauer Theodor Bausch (1849-1925 o. 28), Professor in Stuttgart.

Die beiden Medaillons befinden sich heute nicht mehr am Zeughaustor, sondern auf zwei Mauerresten im Inneren des ehemaligen Zeughauses.

Links Bismarck | Rechts Scheffel
(Fotos 2015)

Der deutschnational gesinnten Hohentwielgesellschaft galten beide Personen als Schöpfer bzw. Vermittler nationalen Selbstbewusstseins: Bismarck durch die Reichsgründung und Scheffel durch seinen Ekkehard-Roman, in dem er gezeigt habe, wie gemeinsames Handeln (Hunnenabwehr) das Reich stärkte.

Die beiden Medaillons machen auch deutlich, dass der Hohentwiel am Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Symbol geworden war, das, wie so viele andere historische Zeugnisse vergangener Zeiten, nationale Identität stiften sollte.

Dazu passte es, dass die Singener 1905 am Fuße des Hohentwiel ein geradezu monumentales Festspielhaus in frühmittelalterlichem Burgenstil errichten ließen. Architekt war der Stuttgarter Professor Wilhelm Albrecht Bauder (1853-1930).

Festspielhalle
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Oben: Festspielhalle Hohentwiel. Singen. Ansicht von der Stadt aus. Verso: Verlag von J. Ott, Photogr. & Kunsthandlg. Singen 33986. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.
Unten: Ansicht des Burgtores. Entwf (?) gez. v. Prof. Alb. Bauder. Schauspielhalle Hohentwiel Singen. Verso: Verlag u. Eigentum der Th. Schneider's Buchhandlung. Singen 1311. Adressseite geteilt. Gelaufen. Poststempel 1907.

Eingeweiht wurde die Spielstätte 1906 mit einer Aufführung des eigens dafür verfassten Volksschauspiels „Unter der Reichssturmfahne“. Autor und zugleich Regisseur war Rudolf Lorenz (1866-1930), der mit über 500 Laiendarstellern aus der Singener Bevölkerung das Stück einstudierte: eine lose aneinandergereihte Folge von Szenen aus der deutschen Geschichte zwischen 798 und 1273.

Ein ähnliches Projekt hatte Lorenz 1900-1903 in Honau durchgeführt mit den „Lichtensteinspielen“, einer Dramatisierung von Wilhelm Hauffs historischem Roman Lichtenstein. Auch dort war dafür ein Festspielhaus gebaut worden, das sich wie in Singen harmonisch in die Landschaft einfügte und den Blick freigab auf Schloss Lichtenstein, einem Symbol württembergischer Landesgeschichte. Auch dort war Lorenz Autor und Spielleiter gewesen und hatte dafür zahlreiche Laienschauspieler aus den umgebenden Orten gewinnen können [siehe im Goethezeitportal: Lichtenstein, Folge III, Kapitel IV].

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Aus: Rudolf Lorenz: Unter der Reichssturmfahne. Hohentwielspiel. Deutsche Vorgänge. Wilhelm Langguth’s Buchdruckerei Eßlingen a.N. 1906.

Zwei „historische Zeitbilder“ des Hohentwielspiels zeigten Szenen aus dem Ekkehard, ein, wie der Autor meinte, „selbstverständlicher Akt von Pietät gegen den großen Dichter“.

Lorenz hatte sein Volksschauspiel „Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II. in tiefster Ehrfurcht gewidmet“. Sowohl der Kaiser als auch die großherzoglich badische Herrscherfamilie, der Fürst von Fürstenberg als Protektor sowie der württembergische König besuchten die Aufführung, um sich „an den historisch getreuen Abbildungen ruhmvoller vaterländischer Vergangenheit“ zu ergötzen, wie ein zeitgenössischer Journalist schrieb (Alexander von Wassach in: Unterhaltungs-Blatt des Schwarzwälder Boten Nr. 147, 2. Juni 1906, S. 590-92).

Dem historischen Bilderbogen „Unter der Reichssturmfahne“ fehlte allerdings bald das Publikum für eine solche Großveranstaltung. Andere Stücke wurden gespielt. Doch musste die baufällig gewordene Festspielhalle bereits 1918 abgerissen werden. 1922 konnte man die Festspieltradition wieder aufnehmen: Freilichtaufführungen fanden nun im Festungsbereich des Hohentwiel selbst statt: auf der Eugensbastion mit dem Rondell Augusta als beeindruckender Bühnenkulisse.

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Oben: Ruine Hohentwiel. 3582 Edition Photoglob Co. Zürich. Gelaufen. Poststempel 1908. [Das Foto zeigt das Karlstor und rechts daneben die Eugensbastion.]
Unten: Hohentwiel-Rondell Augusta. Verso, Signet: GMT [Gebrüder Metz, Tübingen] Photohaus Ott - Albrecht, Singen a.H. Stempel: Festungsruine Hohentwiel 688 m ü.m. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.

Bis zu ihrem Ende im Jahr 1939 wurden bei den Hohentwielfestspielen Werke von Schiller, Goethe, Shakespeare, Hofmannsthal, Gerhart Hauptmann und Friedrich Wolf aufgeführt. Der Publikumsliebling unter allen Aufführungen war aber immer eine Bühnenfassung von Scheffels Ekkehard, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg immer mal wieder auf dem Hohentwiel gespielt wurde. Zuletzt geschah dies 1987 im Rahmen der 1200 Jahr-Feier der Stadt Singen.

Scheffelkult war in Singen immer auch Ekkehard-Kult: Nicht nur, dass bis heute die Vornamen Ekkehard (2011: 18) und Hadwig (15) in Singen gebräuchlich sind. Vielen Romanfiguren begegnet man auch in Singener Straßennamen. Es gibt eine Ekkehard-, Hadwig-, Audifax-, Hadumoth-, Cappan-, Romeias- und Spazzostraße sowie einen Praxedisplatz. Die Volksschule erhielt 1928 den Namen Ekkehard-Schule. Bis heute wird die Erinnerung an Scheffels Roman und seine Figuren wachgehalten. So z.B., wenn im Jahr 2015 die Singener Jugendmusikschule das Musical „Audifax und Hadumoth“ zur Uraufführung brachte.

Scheffel selbst ist Teil der Singener Geschichte geworden. Darauf verweist auch der seit 2012 eingerichtete Scheffelpfad. Er führt in zehn Stationen vom Bahnhof Singen zum Hohentwiel und erläutert auf Tafeln Scheffels Bedeutung für die Stadt. Siehe:
www.singen-kulturpur.de/Scheffel-Pfad.55.html

Der Dichter ist übrigens nach Singen ‚zurückgekehrt‘: Nicht als Dichterfürst auf hohem Podest. Ganz nah und nicht sehr groß steht seine Skulptur im Stadtgarten einfach so auf einer Wiese und schaut überlegend, das Notizbüchlein in der Hand, hoch zu ‚seinem‘ Hohentwiel.

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Die Bronzestatue schuf der in Singen lebende Künstler Gero Hellmuth (*1940). Sie wurde im Rahmen der Museumsnacht 2014 vor vielen Gästen feierlich enthüllt (gestiftet von Veronika und Emil Netzhammer, Singen). (Foto 2015)

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Scheffelkult. Folge II
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6857

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3. Literatur

* G. Brandenburger: Denkmäler, Brunnen und Freiplastiken in Karlsruhe 1715-1945. Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 7, 1987. Scheffel-Denkmal Seite 351-59
* Natalie Gutgesell: „Das Malen als eigenes volles in Farben sich bewegendes Denken.“ Zu Joseph Victor von Scheffel als Künstler. Jahresgabe der Literarischen Gesellschaft/ Scheffelbund 2015
* Natalie Gutgesell: Joseph Victor von Scheffel in Heidelberg. Stationen Band 18. Morio Verlag Heidelberg, 2015
* Michael Losse: „Ein Herrenhaus mit Giebel, Turm und Fahne“. Das „Scheffelschlößle“ des Dichters Joseph Victor von Scheffel auf der Mettnau bei Radolfzell. Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung: 123.2005, S. 91-112
* Günther Mahal: Joseph Viktor von Scheffel. Versuch einer Revision. Karlsruhe 1986
* Günther Mahal: Erinnerungen an einen Vergessenen. In: Walter Berschin und Werner Wunderlich (Hrg.): Joseph Viktor von Scheffel (1826-1886). Ein deutscher Poet – gefeiert und geschmäht. Jan Thorbecke Verlag Ostfildern, 2003, S. 11-21
* Johannes Proelß: Scheffel’s Leben und Dichten. Stuttgart 1887
*Johannes Proelß: Scheffels Leben. Biographische Einführung in die Werke des Dichters. Adolph Bonz & Comp.Stuttgart 1907 http://gutenberg.spiegel.de/buch/scheffel-6424/2
*Joseph Victor von Scheffel: Sämtliche Werke. Hrg. Johannes Franke. Leipzig 1916 http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw_ga
*Joseph Victor von Scheffel: Inventar zu Nachlaß und Sammlung. Bd.1. Hrg. von Hansgeorg Schmidt-Bergmann und Hansmartin Schwarzmaier im Auftrag der Literarischen Gesellschaft/ Scheffelbund, Karlsruhe 2001
* Scheffel, Herr der Mettnau. Erinnerungsschrift zum 100. Todestag von Joseph Viktor von Scheffel 9. April 1986. Mit Beiträgen von Bruno Epple und Achim Fenner.
* Wandern und Weilen. Scheffels Briefe ins Elternhaus 1860-1864. Hrg. Dr. Wilhelm Zentner. Karlsruhe 1951
* Sabine Wetzig: Die Denkmäler für Karl Gottfried Nadler und Joseph Victor von Scheffel. In: Heidelberger Denkmäler 1788-1981. Universität Heidelberg 1981, S. 36-43
*J. Zimmermann: 25 Jahre Scheffelmuseum Mettnau-Radolfzell. In: Badische Heimat, 33. Jg. 1953, Heft 3, S. 244-48

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Scheffelkult. Folge II
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