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Scheffelkult

Teil II:

Scheffel auf Schritt und Tritt

von

Inge Nunnenmacher

Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) war bis zum Ersten Weltkrieg einer der meistgelesenen deutschen Dichter. Und nicht nur das: Er war auch einer, den man schon zu seinen Lebzeiten feierte. Denn Scheffel war ein „Star“ und „Kult“ geworden im deutschen Bildungsbürgertum.

Erst recht nach seinem Tod 1886 entwickelte sich ein ausgeprägter „Scheffel-Kult“, der im Goethezeitportal in zwei Folgen dargestellt wird. Hier der zweite Teil.

Nicht nur die großen „Scheffelstädte“ huldigten posthum ‚ihrem‘ Dichter. Andere, kleine Orte taten dies ebenso. Denn Scheffel hatte als ein ausdauernd Reisender und Wandernder zahllose Orte besucht und dort oft in Form von Gedichten seine Spuren hinterlassen. Viele dieser Orte wussten es ihm zu danken: Kein anderer deutscher Dichter hat so viele Kleindenkmale und Erinnerungsstätten (auch in Gasthöfen) erhalten wie Scheffel – man begegnete und begegnet ihnen auch heute noch auf Schritt und Tritt! Zahlreiche Ansichtskarten solcher Erinnerungsstätten belegen dies, die hier zusammen mit Hintergrundinformationen vorgestellt werden.

Eine besondere Form des Scheffelkults, auch auf Postkarten verbreitet, war seine Rezeption als „Dichter des fröhlichen Wanderns und harmlosen Genießens“. So liebte man seinen Scheffel, viele kannten ihn nur so.

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Gliederung

1.       Scheffel auf Schritt und Tritt
1.1.    Kleindenkmale
1.1.1. Ilmenau
1.1.2. Dreiherrnstein
1.1.3. Teinach
1.1.4. Olevano
1.1.5. Aggstein
1.1.6. Am Wildkirchli
1.1.7. Am Wolfgangsee
1.1.8. Staffelstein
1.1.9. Gössweinstein
1.2.    Der berühmte Scheffel
          – vielseitig verwendbar
1.2.1. Noch ein „Berg-Psalm“
1.2.2. Burg Runkelstein
1.2.3. Franz von Kobell
1.3.    Gasthöfe als Scheffelgedenkstätten
1.3.1. Gössweinstein
1.3.2. Achdorf
1.3.3. Tazzelwurm
2.       Scheffel – „der Dichter des fröhlichen Wanderns
          und harmlosen Genießens“
2.1.    Der Wanderpoet
2.2.    Der „Saufpoet“
3.       Literatur
4.       Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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1. Scheffel auf Schritt und Tritt

Joseph Victor von Scheffel war zeitlebens viel auf Reisen sowie ein ausdauernder und leidenschaftlicher Wanderer. Das Wandern hatte für ihn nicht nur eine therapeutische Bedeutung, sondern war auch grundlegend für seine Arbeitsweise: Er brauchte die eigene Anschauung der Orte und Landschaften, um darüber schreiben zu können.
Für viele dieser Orte war es ein Glückstreffer, dass der so berühmt gewordene Dichter seinen Aufenthalt dort in Gedichten verewigt hatte. Das ließ sich für den Fremdenverkehr nutzen. Nicht wenige Orte dankten es Scheffel: Nach seinem Tod errichteten sie ihm Gedenksteine, meist draußen in der Natur, und trugen damit ganz wesentlich zum allgemeinen Scheffelkult bei.

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1.1. Kleindenkmale

Kein anderer deutscher Dichter hat so viele Kleindenkmale erhalten wie Scheffel.

Kleindenkmale waren für die Gemeinden nicht nur kostengünstiger als monumentale, sie entsprachen auch einer veränderten Rezeption von Literatur um 1900. „Wenn dem Dichter als Person überhaupt ein Andenken gewidmet wurde, dann sollte es möglichst kunstlos und natürlich vonstatten gehen; ein im Denkmal festgeschriebenes und Verbindlichkeit beanspruchendes Dichterbild war nicht mehr gefragt. Für die Freiräume zur persönlichen Zwiesprache mit dem Dichter und seinem Werk eignete sich besonders der Gedenkstein als Reduktionsform des Dichterdenkmals, der allerhöchstens durch ein Medaillon als Dichterdenkmal gekennzeichnet war.“ (Selbmann, S. 159)

Wie die monumentalen Denkmale in Karlsruhe, Heidelberg oder Säckingen zählten auch die Kleindenkmale lange Zeit zu den Sehenswürdigkeiten der Orte, was die hier gezeigten Ansichtskarten dokumentieren.

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1.1.1. Ilmenau

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Oben: Ilmenau. Scheffeldenkmal. Adressseite: Otmar Zieher, München. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1943.
Unten: Ilmenau. Scheffeldenkmal. Verso: Thüringen. Ilmenau. Das Scheffeldenkmal am Weg zum Gabelbach. Landfahriges Herz ... [die ersten 7 Zeilen von Scheffels Gedicht "Ausfahrt"] Nr. 2622 Thüringerwaldverlag Rich. Zieschank, Ronneburg, Thür. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1929.

Der erste Scheffelgedenkstein wurde 1886 (Scheffels Todesjahr) im Gabelbachtal bei Ilmenau errichtet, initiiert von dem Ilmenauer Oberamtsrichter Karl Schwanitz. Mit dem Thüringer Schwanitz (1823-1903) hatte Scheffel seit dem gemeinsamen Jurastudium in Heidelberg eine lebenslange Freundschaft verbunden. Schwanitz war Leiter der „Gemeinde Gabelbach“, einer literarischen Tafelrunde, die sich allwöchentlich in ihrem „Rathaus“ auf dem Kickelhahn versammelte, um Poesie und Humor zu pflegen. Bei einem seiner Besuche in Ilmenau war Scheffel zum ersten „Gemeindepoeten der Gemeinde Gabelbach“ gewählt worden.

In den Steinhügel ist ein Medaillon mit Scheffels Porträt eingelassen (Künstler: Louis Weise). Auf einer später angebrachten Tafel („Gestiftet von der Königin-Marienhütte, Actien-Gesellschaft, Cainsdorf in Sachsen. 1892“) sind die ersten sieben Zeilen von Scheffels Gedicht „Ausfahrt“ aus den Bergpsalmen von 1860 zu lesen:

Landfahriges Herz, in Stürmen geprüft,
Im Weltkampf erhärtet und oftmals doch
Zerknittert von schämigem Kleinmuth,
Aufjauchze in Dank
Dem Herrn, der dich sicher geleitet!
Du hast eine Ruhe, ein Obdach gefunden,
Hier magst du gesunden!

Das ganze Gedicht:
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw2/0077

Zur Gemeinde "Gabelbach" siehe die Seite
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6764

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1.1.2. Dreiherrnstein

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Waldschänke Dreiherrnstein am Inselsberg/Thür. Wald. Viktor-v.-Scheffel-Denkmal. Verso: Auslese-Bild-Verlag. E. Schulz Erben, Bad Salzungen. Best.-Nr. 144. Foto: W. Burghard. Nicht gelaufen.

Scheffel wanderte im September 1858 zu Studien für seinen Wartburgroman durch den Thüringer Wald. Sein langes Gedicht „Der Rennstieg“, veröffentlicht in Frau Aventiure (1863), machte den historischen Grenzweg zwischen Thüringen und Franken bei Wanderern und Touristen erst richtig bekannt. Auf dem Dreiherrnstein erinnert deshalb seit 1913 ein großer Stein mit einer rechteckigen Kupferplatte, darauf Scheffels Reliefbüste und die Inschrift „J.V. von Scheffel 1826-1886“, die Rennsteigwanderer an den Dichter.

„Der Rennstieg“:
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw3/0045

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1.1.3. Teinach

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Teinach – Scheffeldenkmal. Gelaufen. Poststempel 1905.
Adressseite ungeteilt. Keine weiteren Angaben.

Viele Wanderungen führten Scheffel durch den Schwarzwald, oft auch nach Bad Teinach, wo er nicht nur die Heilquellen des Ortes zu schätzen wusste, wie er in einem seiner letzten Gedichte von 1885 schreibt:

Abschied von Teinach

                                          Umbrosa vallis limpideque fons
                                          Et garrule amnis, vosque amica nemora,
                                          Aeternum valete.
                                                                     Steininschrift 1786
Kühlschattig Tal, in das der Strahl
Der Sonne spät und spärlich dringt,
Und du, o Quell, der perlend hell
Heilkräftig aus den Felsen springt –

Forellenbach, der sanft gemach
Und schwatzhaft durch die Wiesen rinnt,
Schwarztannenhain, des Luft so rein
Mich freundlich labte, schon als Kind:

Lebt wohl, lebt wohl! Es naht die Zeit,
Der man den letzten Becher weiht
Und scheidet, dankbar im Gemüt.
Auch uns hat heut
Der Mai erfreut –
Wer weiß, ob er mir wied’rum blüht?

(Scheffel: Sämtliche Werke. Bd. 9:
Gesammelte Gedichte, S. 240f.)

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1.1.4. Olevano

Das Bedürfnis, dem Dichter Scheffel posthum zu huldigen, reichte bis nach Italien: Am 2. Mai 1897 wurde im Eichenhain, dem Bosco della Serpentara, bei Olevano in den Sabinerbergen sein Denkmal enthüllt: ein in den Felsen eingelassenes Medaillon mit dem Reliefporträt des Dichters, umgeben von zwei auf einen Napf loszüngelnden Schlangen. Darunter sind vier Zeilen aus Scheffels Gedicht „Abschied von Olevano“ zu lesen:

Hier im Centrum des Gebirges
Lesen wir die alte Keilschrift,
Die der Haufe nie verstehn mag,
Das Gesetz des ewig Schönen.
                         V. v. Scheffel
2 Maggio 1897

Das ganze Gedicht:
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw4/0069

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Quelle:
www.comune.olevanoromano.rm.it/pagina.asp?id=40

Das erste, von Adolf Heer (1849-1898) geschaffene Scheffelmedaillon war seit 1976 „vermisst“. Im Juni 1992 wurde ein neues Medaillon angebracht, hier im Foto zu sehen. In Olevano wird das Scheffeldenkmal auch heute noch zu den touristischen Attraktionen der Gemeinde gezählt.

Während seiner Italienreise 1852/53 hatte der junge Scheffel, unsicher, ob er Maler oder Dichter werden sollte, einige glückliche Monate in der Künstlerkolonie der Casa Baldi bei Olevano verbracht. Daran erinnert auch das Festgedicht, das der Schriftsteller Hermann Sudermann (1857-1928) bei der Denkmalseinweihung im Mai 1897 vortrug. Seine Verse feiern Scheffel als Verkünder purer Lebensfreude:

Also sank vom Erz die Hülle,
Und des lieben Meisters Bildnis
Mit den Äuglein lebenstrunken,
Auf der Stirn die Träumerfalte,
lächelt schier verwundert, scheint es,
Auf uns buntes Volk hernieder,
Gerade so, als wollt‘ er fragen:
Sagt, was sucht Ihr lieben Leute
In der Serpentara kühner
Immergrüner Eichwaldwildnis?“
[…]
Und ich mach ihm meinen Diener
Und im Namen – auch der Damen – […]
Sprach ich zu dem Meister also:
Vielgeliebter Sor Giuseppe*
Schau, der Mai zog in die Lande
Und seitdem du unter’m Rasen
Deines Lebens Rausch verschliefest,
Ist es immer noch derselbe
Blütentrunkne, liedumklungne,
Unser alter Märchenmai.
Wir, ein lustig Häuflein Deutscher,
An den Tiberstrand verschlagen,
Wir gelobten eine Wallfahrt,
Eine Wallfahrt – reich an Liedern,
Reich an Lachen, reich an Träumen –
Eine echte Maienwallfahrt.

Doch der Wallfahrt fehlt ein Heilger;
Und nachdem wir Rat gehalten, […]
Sanken mutlos uns die Flügel,
Denn in diesem reichen Lande […]
Fand sich leider nicht ein einz’ger,
Der die alte, dumme, deutsche
Maiensehnsucht ganz verstand.

Und so haben wir beschlossen […]
Dich, viel teurer Sor Giuseppe,
Der du an der Serpentara
Malend, dichtend oder bummelnd
Manchen Monat froh verträumtest […]
Dich für diese Maienwallfahrt
Uns zum Schutzgeist zu ernennen. […]

Darum bitt‘ ich, teurer Meister,
Lass das Zaudern, lass das Grollen
Und zudem – was soll es nützen?
Wehrlos bist du, längst gestorben
Und wenn – o fürwahr, ich stammle…
Und der Redefluss vereist mir…
Ist ein Lapsus mir begegnet.[…]

Nicht ein Lapsus, ein Verbrechen
Ward von mir an ihm begangen,
Knirschend und zerknirscht bekenn ich’s.
Denn er ist uns nicht gestorben,
Niemals, niemals starb er uns.
Wie die dunkle Serpentara
Kühn in jedem jungen Jahre
Ihren Blätterdom erbauet, –
Wie Alt-Heidelberg die Feine
Unbewusst gleich einer Jungfrau
Ihre schelmenhaften Reize
Müden Pilgern in das Herz prägt, –
Wie der durst’ge Rodensteiner,
Der das letzte Schloss verpfändet,
Der das letzte Hemd vertrunken,
Jede Nacht nach neuem Wein schreit,
Also lebt er kühn und lachend,
Jung und durstig unter uns.
[…]
So lang‘ uns ein Tropfen im Glase noch sprüht,
So lang‘ ein Frühlingslied uns umschwirrt,
So lang‘ ein dunkles Auge noch glüht,
So lang‘ ein heißes, junges Geblüt
Lachend durch lachende Weiten irrt,
So lange wird – eins mit Rosen und Reben –
Der Meister Scheffel unter uns leben.
Drum hebet die Gläser und stoßest an,
Es leb‘ unser lebender Dichtersmann!

Anmerkung
*Sor Giuseppe oder Sir Juseppe nannte sich Scheffel in seinem Gedicht „Abschied von Olevano“

Sudermanns Gedicht ungekürzt:
http://www.archive.org/stream/cosmopolisanint03ortmgoog#page/n268/mode/2up

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1.1.5. Aggstein

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Ruine Aggstein. Das Scheffel-Denkmal. Jos. Victor v. Scheffel. Die Scheffelgemeinde in Wien. 1903. Verso: Korrespondenz-Karte. Drucksache. B.K.W.I. [Brüder Kohn Wien I. Bezirk] 1852. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen

Scheffel hatte in Österreich einen sehr großen Verehrerkreis. In Wien gab es eine „Scheffelgemeinde“, die 1903 auf der Burg Aggstein diese Bronzeplatte anbringen ließ, wohl auch in Erinnerung an Scheffels Donaureise 1859 auf den Spuren der Nibelungen. Dabei war nach einem Besuch der Ruine Aggstein auch ein Gedicht entstanden, das Scheffel später in seiner Liedersammlung Gaudeamus veröffentlichte:

Der Aggstein

                                       … das purcstal hat angvangen tze pawen her
                                            Jörig der Schrekk von Wald, des nechsten
                                            mantag nach unser Fraun tag nativitatis, da
                                            von Crist gepurd warn ergangen MCCXXVIII.
                                                         Inschrifttafel am dritten Tor der Burg.
Nun die ersten Lerchen stiegen
Und der Himmel freundlich lacht,
Hab‘ auch ich zu neuem Fliegen
Wanderfroh mich aufgemacht.
Dir gilt’s heute, Kuenringer Feste,
Aggstein, wetterbraun und rot,
Der gleich einem Geierneste
Auf die Wachau niederdroht.

Leicht ist Einlaß zu gewinnen,
Kein Gewaffen sperrt den Pfad
Und kein Hornstoß von den Zinnen
Meldet, daß ein Wandrer naht.
Linder Frühlingsluft erschlossen
Stehn des Burgstalls Trümmerreihn
Und Jerg Schreckenwalds Genossen
Reiten nicht mehr aus und ein.

Hoch im Innern schlüpft ein Pförtlein
Auf den freien Fels hinaus
Und ein schaurig schmales Örtlein
Überrascht mit starrem Graus.
Rosengarten ist’s geheißen,
Und vieldeutig klingt das Wort,
Nur die dornig wilden weißen
Todesrosen blühen dort.

Mancher stand hinausgestoßen
Auf der Kuppe steilem Rand,
Bis ihn Sturm und Wettertosen
Und der Hunger übermannt;
Mancher, seine Qual zu kürzen,
Zog den Sprung zur Tiefe vor,
Wo zerschellt in jähem Stürzen
Bald sich sein Gebein verlor.

… Schwer empört schau ich das wilde
Denkmal wilder Menschenart …
Sieh – da winkt versöhnlich milde
Auch ein Gruß der Gegenwart:
Schwindlig ob des Abgrunds Schauer
Ragt des höchsten Giebels Zack,
Und am höchsten Saum der Mauer
Prangt der Name – K i s e l a k *!

Scheffel: Sämtliche Werke,
Bd. 4: Gaudeamus, S. 82f.

Anmerkung:
* Josef Kyselak (1799-1831) war ein österreichischer Reiseschriftsteller, der an vielen öffentlichen Gebäuden seinen Namen als Graffito anbrachte, so auch auf Burg Aggstein.

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1.1.6. Am Wildkirchli

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Aescher 1461 Mtr. (Kt. Appenzell) Verso: G. Metz, Basel. Ovaler Stempel: Aescher Wildkirchli 1477m. ü. M. Gelaufen 1916.

Nicht nur dem Hohentwiel, sondern auch dem Wildkirchli im Appenzeller Land bescherte Scheffels Roman Ekkehard eine Bekanntheit, die den Touristenstrom dorthin anwachsen ließ. Für die Reisenden auf Scheffels Spuren war das auch deshalb ein besonderer Ort, weil der Dichter einige Tage im Aescher-Gasthaus verbracht und dort an seinem Ekkehard geschrieben hatte. Zur Erinnerung daran wurde 1901 an der Aescher-Felswand eine Tafel angebracht mit der Inschrift: „Dem Dichter des „Ekkehard“ J.V. Scheffel. Seine treuen Verehrer“. 1902 hielt man beim Wildkirchli, einem der Schauplätze des Romans, eine Scheffelfeier ab.

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1.1.7. Am Wolfgangsee

Ecce super montes pedes evangeli-
zantis et annunciantis pacem
                             Esaias 52 V 7
Ein rauher Psalm rauscht durch den Tann;
Ihn singt ein frommer deutscher Mann.
Der jetzo vor neunhundert Jahr‘
Zu Regensburg ein Bischof war.
Aus Kaiserfehde und Fürstenstreit
Floh er zur Alpeneinsamkeit.
Denn wo der Hass in Waffen tost,
Ist Hochgebirg des Weisen Trost.
Am Abersee sein Kirchlein stand,
Noch heut dem Pilger wohlbekannt,
Und auch wer keinen Ablass sucht,
Denkt sein im Horst der Falkenschlucht.
                          v. Scheffel’s Bergpsalmen.
Zur bleibenden Erinnerung an
Josef Victor v. Scheffel
Der D. u. Oe. Alpenverein.
                1888.

Am Ufer des Wolfgangsees (bis in die 1950er Jahre meist Abersee genannt) findet man eine besondere Form des Scheffelgedenkens: Eine Marmortafel mit einem Gedicht aus Scheffels Bergpsalmen, das mit dem kulturellen Selbstverständnis der Gegend zu tun hat. Handelt es doch von dem Regensburger Bischof Wolfgang, der sich im 10. Jahrhundert dem Trubel der Welt entzog und in einer Klause am Abersee lebte. Ihm fühlte sich Scheffel seelenverwandt, als er 1860 die Bergwelt rund um den See durchwanderte.

Ein Victor-von-Scheffel-Steig führt am Wolfgangsee entlang von Brunnwinkel nach Fürberg und zum Scheffelblick am Falkenstein (Foto 2009).

Es ist nicht verwunderlich, dass gerade der deutsche und österreichische Alpenverein (seit 1873 zusammengeschlossen) diese Tafel stiftete und am 26. August 1888 zu einer würdigen Scheffelfeier an der Falkensteinwand einlud. Die seit 1862 (Österreich) bzw. 1869 (Deutschland) existierende Alpinisten-Organisation schätzte den begeisterten Bergwanderer Scheffel sehr, in dem sie einen Vorkämpfer ihrer Vereinsziele sah und den sie besonders für die beindruckende Schilderung der Alpennatur in seinen Bergpsalmen verehrte.

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1.1.8. Staffelstein

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Oben: Staffelberg. Einsiedelmann Ivo vom Staffelberg und  V. v. Scheffel. Verso: J. Hospe, Staffelstein. 165. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.
Ivo Hennemann (1824-1900) lebte 40 Jahre lang als Eremit auf dem Staffelberg, war eine ortsbekannte Persönlichkeit. Auch Scheffel hatte ihn auf dem Berg besucht.
Unten: Wanderfahrt mit Staffelberg und Bildnis von Scheffel und Einsiedelmann Ivo. Verso: Verlag v. Adam Hammrich, Buchbinderei, Staffelstein. Nicht gelaufen. Adresseite geteilt.

Wanderfahrt [Wanderlied]

1. Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
Wer lange sitzt, muß rosten;
Den allersonnigsten Sonnenschein
Läßt uns der Himmel kosten.
Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid
Der fahrenden Scholaren,
Ich will zu guter Sommerzeit
Ins Land der Franken fahren!
Valerie, valera, valerie, valera,
Ins Land der Franken fahren.

2. Der Wald steht grün, die Jagd geht gut,
Schwer ist das Korn geraten;
Sie können auf des Maines Flut
Die Schiffe kaum verladen.
Bald hebt sich auch das Herbsten an,
Die Kelter harrt des Weines;
Der Winzer Schutzherr Kilian
Beschert uns etwas Feines. Valerie…

3. Wallfahrer ziehen durch das Tal
Mit fliegenden Standarten,
Hell grüßt ihr doppelter Choral
Den weiten Gottesgarten.
Wie gerne wär‘ ich mitgewallt,
Ihr Pfarr wollt mich nicht haben!
So muß ich seitwärts durch den Wald
Als räudig Schäflein traben. Valerie …

4. Zum heil’gen Veit von Staffelstein
Komm ich emporgestiegen
Und seh‘ die Lande um den Main
Zu meinen Füßen liegen.
Von Bamberg bis zum Grabfeldgau
Umrahmen Berg und Hügel
Die breite stromdurchglänzte Au –
Ich wollt‘, mir wüchsen Flügel. Valerie …

5. Einsiedelmann ist nicht zu Haus,
Dieweil es Zeit zu mähen;
Ich seh ihn an der Halde drauß
Bei einer Schnittrin stehen.
Verfahrner Schüler Stoßgebet
Heißt: Herr, gib uns zu trinken.
Doch wer bei schöner Schnittrin steht,
Dem mag man lange winken. Valerie…

6. Einsiedel, das war mißgetan,
Daß du dich hubst von hinnen!
Es liegt, ich seh’s dem Keller an,
Ein guter Jahrgang drinnen.
Hoiho! Die Pforten brech‘ ich ein
Und trinke, was ich finde…
Du heil’ger Veit von Staffelstein
Verzeih mir Durst und Sünde. Valerie…
                                      J.V. v. Scheffel.

Dieses meist „Frankenlied“ genannte Gedicht ist wohl einer der bekanntesten Texte Scheffels. Bereits 1870 von dem Würzburger Valentin Eduard Becker (1814-1890) vertont, wurde das Lied zu einer Art Frankenhymne – und ist es bis heute.

Gesungen von der Klampfengruppe Bad Staffelstein:
www.bad-staffelstein.de/de/tourismus/bad-staffelstein/geschichte/victor-von-scheffel-frankenlied.php

Scheffel verbrachte 1859 zwei unbeschwerte Sommermonate auf dem Staffelberg in der ehemaligen Benediktinerabtei Schloss Banz und erkundete von dort aus wandernd das Frankenland, fühlte sich dabei wie ein fahrender Scholar. Aus dieser Stimmung heraus entstand das „Wanderlied“, das Scheffel dann 1868 im Gaudeamus veröffentlichte.

Zwar gab es schon 1870 ein „Scheffelbräu“ in Staffelstein, aber erst relativ spät, nämlich 1929, errichteten die Staffelsteiner dem Dichter am Hang des Staffelbergs ein kleines Denkmal, wohl auch aus Dankbarkeit für sein „Frankenlied“, dessen erste Zeilen der vierten Strophe sie mit auf die Gedenktafel setzten.

Quelle:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Staffelberg_Scheffel-Denkmal_001.JPG
Creative-Commons-Lizenz

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1.1.9. Gössweinstein

In der Fränkischen Schweiz, die Scheffel von Kloster Banz aus durchwandert hatte, wurde man sich in den 1920er Jahren zunehmend bewusst, welch große Bedeutung der Dichter für die kulturelle Identität der Region haben konnte. Priesen einige seiner Lieder doch deren Schönheit und waren somit wichtige Türöffner für den beginnenden Fremdenverkehr. Um dieses ‚Kulturgut‘ zu pflegen, stellte der Fränkische Schweiz Verein (FSV) 1926 zu Scheffels 100. Geburtstag entlang seiner Wanderroute von 1859 in verschiedenen Orten Texttafeln auf. Diese enthielten die Strophen des Scheffel-Gedichts „Exodus Cantorum oder Bambergischer Domchorknaben Sängerfahrt durch die Fränkische Schweiz“.

Digitalisiert:
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw3/0063

Natürlich sollte dies die Touristen ermutigen, auf Scheffels Spuren die Region zu durchwandern sowie die im Gedicht beschriebenen Orte kennen zu lernen. Kein Scheffel-Kult, aber Scheffel-Pflege im eigenen Interesse.

2006 wurden die marode gewordenen Tafeln durch neue ersetzt und dazu vom FSV ein Prospekt herausgebracht: „Mit Joseph Victor von Scheffel durch die Fränkische Schweiz“.

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Viktor von Scheffel Denkmal, Gössweinstein, Fränk. Schweiz. Errichtet vom Fränk. Schweiz Verein (E.V.) Mai 1933.Verso: Offizielle Postkarte des Fränkische Schweiz Vereins (E.V.) Sitz Nürnberg, gegründet 1901. Original Bromsilber Karte & Verlag der Graphischen Kunstanstalt E. von Leistner, Muggendorf. Spezialfirma für Bromsilber-Rotation. Nicht gelaufen.
(Das Denkmal steht noch heute in einer gepflegten kleinen Anlage.)

Der Fränkische Schweiz Verein war es auch, der Scheffel 1933 in Gössweinstein ein Denkmal mit der Inschrift setzte: „Dem unsterblichen Sänger der Fränkischen Schweiz“. Auf dem Steinsockel sind an der Front Name und Lebensdaten Scheffels sowie ein Bronzemedaillon mit seinem Porträt, an den drei anderen Seiten die Strophen seines Wandergedichts „Ausfahrt“ angebracht (Text siehe Kap. 2.1.). Dass hier eindeutig nur dem Wanderdichter Scheffel gehuldigt wurde, zeigt der oben auf einem Steinblock sitzende junge Mann, der mit seiner Laute und seiner Kleidung (kurze Hose, offener Kragen) an die Wandervogelbewegung zu erinnern scheint.

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1.2. Der berühmte Scheffel
– vielseitig verwendbar

1.2.1. Noch ein „Berg-Psalm“…

Welch hohen touristischen ‚Gebrauchswert‘ manche Scheffeltexte und des Dichters guter Name für die Ansichtskartenverlage hatte, lässt sich an der häufigen Verwendung von Scheffels „Berg-Psalm“ zusammen mit Ansichten von (Mittel-)Gebirgslandschaften erkennen. Zwei Beispiele dafür:

Links: Gruss aus Schwarzburg. Verso: Thüringen. Schwarzburg. Blick vom Trippstein. Nr. 2637. Thüringerwaldverlag Rich. Zieschank. Ronneburg, Thür. Nicht gelaufen
Rechts: Gruß vom Kickelhahn. Verso: Der Kickelhahn bei Bad Ilmenau Thür. Wald. Goethe 1783. Nr. 17 Verlag Ernst Ellier, Ilmenau. Nicht gelaufen.

                  Berg-Psalm
Ehre sei Gott in der Höhe!
Er hat die Berge so hoch gestellt,
Und tat damit seine Weisheit kund,
Damit nicht jeder Lumpenhund,
Mit denen die Täler so reichlich gesegnet,
Dem fröhlichen Wandrer hier oben begegnet.
Ehre sei Gott in der Höhe!
                                                           v. Scheffel

Dieser Berg-Psalm ist bis heute ein bei Bergwanderern sehr beliebter Text: Er findet sich in zahllosen Gipfel- und Hüttenbüchern sowie auf Tafeln am Berg – in der Regel ohne Scheffel als Autor zu nennen.

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1.2.2. Burg Runkelstein

Heidelberg, Säckingen oder Radolfzell warben auf Ansichtskarten mit Scheffels Texten für ihre Stadt (siehe Scheffelkult Teil I). Aber auch andere Orte, die Scheffel bedichtet hatte, taten dies. So warb z.B. Burg Runkelstein mit den ersten vier Zeilen eines zwölfstrophigen Gedichts „Runglstein bei Bozen“, das Scheffel 1855 auf einer Italienreise geschrieben hatte.

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Südtirol, Burg Runkelstein bei Bozen. Verso: 300/23. Originalaufnahme und Verlag von Lorenz Fränzl, München. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.

Noch heute freut’s mich, o Rungglstein,
Daß einstmals zu guter Stunden
In der Talfer felsenges Tal hinein
Zu dir den Weg ich gefunden.
                                               Scheffel.

Das ganze Gedicht:
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw4/0068

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1.2.3. Franz von Kobell

Scheffel hat nicht nur vielen Orten ein literarisches Denkmal hinterlassen, was den Scheffel-Kult beförderte. Auch Freunde hat er mit Gedichten geehrt. Diese Texte scheinen ebenfalls einen gewissen ‚Gebrauchswert‘ gehabt zu haben. So gesehen in der Münchner Maximiliansanlage, wo man ganz unvermutet auf eine solche Freundes-Hommage aus Scheffels Feder stößt.

1896 wurde dem Mineralogen und Volksschriftsteller Franz von Kobell in der Anlage ein Denkmal gesetzt. Auf einer Tafel am Steinsockel ist die zweite Strophe eines Gedichts zu lesen, das Scheffel unter dem Titel „Franz von Kobell zum 25jährigen Doktorjubiläum“ verfasst hatte:

Er schlug nicht Erzstufen und Handstücke nur
Aus des Hochgebirgs heimlichen Klüften:
Sein Stutzen folgte des Gamstiers Spur
Und des Birkhuhns Flug in den Lüften.

Ihm wurden die Geister des Wildwalds vertraut
Und die edelsteinhütenden Zwerge:
Seiner Lieder kristallklarer Jodellaut
Bleibt ein [das] Kronjuwel bayrischer Berge.


Hoch schwing‘ ich im Becher des Schaumweins Gewog,
Den Jubeldoktor zu preisen:
Es versteht sich kein anderer Mineralog
Wie er auf den Stein des Weisen!

Scheffel: Sämtliche Werke. Bd.9:
Gesammelte Gedichte, S. 188

Denkmal für den Mineralogen und Volksschriftsteller Franz von Kobell in München, mit einem Text Scheffels

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Texttafel unter der Büste:
Dem Mineralogen und Volksdichter Franz von Kobell
19. 7. 1803 – 11. 11. 1882
Errichtet 1896 (Fotos 2015)

Die Büste entwarf der Bildhauer Benedikt König (1842-1906). 2014 restaurierte man das Denkmal und die Tafeln wurden neu angefertigt.

Mit der Familie Kobell pflegte Scheffel seit seiner Münchner Zeit (1856/57) eine freundschaftliche Beziehung; auch schätzte er Kobells Mundartdichtung ganz besonders.

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1.3. Gasthöfe als Scheffelgedenkstätten

Gasthöfe, in denen Scheffel eingekehrt war, nutzten seine Popularität, um Gäste anzuziehen: Zahlreiche „Scheffelstuben“ wurden noch lange nach Scheffels Tod mit Fotos und Devotionalien ausgestattet. Oder sie warben auf Ansichtskarten mit seinen Texten. Drei Beispiele seien hier vorgestellt.

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1.3.1. Gössweinstein

Der Wirt des Gasthofs Distler gestaltete 1929 zusammen mit dem Deutschen Scheffelbund sowie einem Scheffel-Verehrer, dem Nürnberger Schriftsteller August Sieghardt (1887-1961), in seinem Gasthof einen Erinnerungsraum, die Scheffelstube.

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Verso: Scheffel-Gasthof Distler, Gössweinstein (Absteigequartier Victor v. Scheffels) Scheffelstube mit über 100 Erinnerungen an den Dichter. Aeltester und bestrenommierter Gasthof der Fränk. Schweiz. Zimmer mit fließendem Wasser. Bes. Georg Hessler. Fernspr. Nr. 1. Echte Fotografie. Graphische Kunstanstalt Löffler & Co., Greiz, 16003. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.

Im Gasthof Distler hatte Scheffel zuletzt 1883 logiert. Das Porträt und den Eintrag des berühmten Gastes ins Fremdenbuch zeigt die obere Postkarte:

Gössweinstein. D. 4. Septbr. 1883. Victor v. Scheffel Belletriste Carlsruhe.
Belletriste!? Siehste wie du biste, belle warste, triste bist‘ de, siehste wie du biste, Belletriste!?

Zu diesem Fremdenbucheintrag existiert eine kleine Anekdote: Ein Besucher des Gasthofs hatte diesen (historisch und biografisch) interessanten Eintrag herausgeschnitten. Erst nachdem die Suche danach öffentlich ausgeschrieben worden war, kam er mit anonymer Briefsendung zurück.

Der Gasthof Distler, wie ihn Scheffel gekannt hatte, fiel 1905 einem Brand zum Opfer. Der neobarocke Neubau nannte sich seit 1929 und nennt sich bis heute „Scheffel-Gasthof“, betrachtet sich mit seiner „Scheffelstube“ sowie mit der Gaststube, deren Wände mit Illustrationen zu Scheffels Gedicht „Domchorknaben Sängerfahrt“ dekoriert sind, als eine „Sehenswürdigkeit Gössweinsteins“.
(http://www.scheffel-gasthof.de/gasthof.html)

*****

1.3.2. Achdorf

Während seiner Donaueschinger Zeit (1858/59) war Scheffel bei ausgedehnten Wanderungen rund um die Wutachschlucht Stammgast in der „Linde“ zu Achdorf gewesen. Nach des Dichters Tod nannte sich der Gasthof „Scheffellinde“ und warb auf Postkarten mit dem Porträt und ein paar Versen des Dichters.

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Links. Verso: Original-Eigentum Gebr. Metz, Tübingen. BNA 70964. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen. Datiert: 5. 7. 19 (Dieses alte Gebäude ist 1930 abgebrannt. Die Postkarte nebenan zeigt die neugebaute „Scheffellinde“.)
Rechts. Verso: Luftkurort Achdorf, 540 m.ü.M., im Wutachtal bad. Schwarzwald „Neue Scheffellinde“ (erbaut 1931) Gasthof und Pension – Bes.: Fr. Wiggert. Posthilfestelle - Tel. Blumberg 141. Gebr. Metz Tübingen. 126 011 Echt Bromsilber. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.

Das kleine Gedicht auf beiden Karten stammt aus Scheffels Erzählung Juniperus und ist dort ein lateinischer Erinnerungsgesang des 15-jährigen Klosterschülers. In den Anmerkungen lieferte Scheffel die deutsche Übersetzung:

Aus des Schreibsaals dumpfem Gähnen
Fliegt zum Schwarzwald all mein Sehnen
Und das Herz strebt stark hinaus …
Dort ein Falk in reinen Lüften
Gleich ich hier der scheu in Klüften
Eingeknaulten Fledermaus.

Denkst du noch, o Lerngefährte,
Wie mit freundlicher Gebärde
Du dich oft dem Freund gesellt?
Wie wir froh gefischt, geschwommen
Und dein Heimathaus erklommen,
Blumenegg, das End‘ der Welt?

Um die Burg, um Schlucht und Wipfel
Und schneeferner Alpen Gipfel
Floß der Sonne letzter Strahl:
Unten tief durch Trümmerschatten
Und durch tauig feuchte Matten
Sprang die Wutach wild zu Tal.

Wenn wir dann durch Kluft und Schrunden
Kletternd uns bergab gewunden,
Denkst du noch des Abends Rest?
Wohl umpflanzt von Haag und Bäumen
Zeigt mit ländlich schlichten Räumen
Achdorf sich als Ausruhnest.


Süß winkt dort Getränk zum Nippen
Und ein Schenk mit Rosenlippen
Lacht zu Scherz und Schülerspaß;
Aus der dichtverzweigten Linde
Rufen wir dem schmucksten Kinde:
Marigutta – Springmitdemglas!

Scheffel: Sämtliche Werke. Bd. 2, S. 56f.
Letzte Zeile auf den Postkarten:
Maria Gutta – spring mit dem Glas.

Auch der Achdorfer Gasthof dokumentiert bis heute den historischen und literarischen Bezug zum Dichter: Im „Scheffelzimmer“ steht ein Bücherschrank mit „Originalausgaben“. Auf seiner Homepage wirbt das Landgasthaus mit einer vermuteten Liebesgeschichte zwischen Scheffel und der damaligen „reizenden“ Wirtstochter (im Gedicht „Marigutta“).

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1.3.3. Tazzelwurm

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Verso: 1863 – Tatzelwurm-Jubiläum – 1933
Zu den schönsten Ausflugspunkten des Inntales gehört der Tatzelwurm. Von Brannenburg, Oberaudorf und Bayrischzell aus in zweistündiger herrlicher Wanderung durch das romantische Förchenbach- bezw. Auerbachtal zu erreichen. Das althistorische Gasthaus zum feurigen Tatzelwurm mit prächtigem Blick auf das Kaisergebirge war der Lieblingsaufenthalt Ludwig Steubs und Viktor v. Scheffels. Eine besondere Sehenswürdigkeit sind die großartigen Tatzelwurm-Wasserfälle.
Stempel: Bergwirtschaft Tatzlwurm Jos. und Marie Kiesl.
No.1477 A. Zerle, München. Gabelsbergerstraße 30 – Nachdruck verboten. Gelaufen 1933.

Es ist wohl Scheffels Popularität geschuldet, dass auf dieser Postkarte die Bergwirtschaft Tatzelwurm als sein „Lieblingsaufenthalt“ angepriesen wird. Sicher ist jedenfalls, dass Scheffel am 15. August 1863 bei der Einweihungsfeier des kleinen Gasthauses dabei war, zusammen mit vielen aus München angereisten Freunden. Scheffel hatte sich damals für einige Monate in einem Landhaus in Pienzenau/ Oberbayern eingemietet, unternahm Wanderungen in die Berge, öfters auch mit dem bayrischen Schriftsteller und Juristen Dr. Ludwig Steub (1812-1888). Dieser hatte dem Gastwirt Schweinesteiger für seine Bergwirtschaft in Anlehnung an eine Ortssage den Namen „Zum feurigen Tatzelwurm“ vorgeschlagen. Und Freund Scheffel dichtete zur Einweihungsfeier das heitere Festlied (siehe Postkarte):

Der Tazzelwurm (Tatzelwurm)

Als noch ein Bergsee klar und groß
In dieser Täler Tiefen floß,
Hab‘ ich allhier in grober Pracht
Gelebt, geliebt und auch gedracht
Als Tazzelwurm.

Vom Pentling bis zum Wendelstein
War Fels und Luft und Wasser mein,
Ich flog und ging und lag gerollt,
Und statt auf Heu schlief ich auf Gold
Als Tazzelwurm.

Hornhautig war mein Schuppenleib
Und Feuerspei’n mein Zeitvertreib.
Und was da kroch den Berg herauf,
Das blies ich um und fraß es auf
Als Tazzelwurm.

Doch als ich mich so weit vergaß
Und Sennerinnen roh auffraß,
Da kam die Sündflut grausenhaft
Und tilgte meine Bergwirtschaft
Zum Tazzelwurm.

Jetzt zier‘ ich nur gemalt im Bild
Des Schweinesteigers neuen Schild,
Die Senn‘rin hört man jauchzend schrein
Und keine fürcht’t das Feuerspein
Des Tazzelwurms.

Und kommt so ein gelahrtes Haus,
So höhnt’s und spricht: „Mit dem ist’s aus,
Der war ein vorsündflutlich Vieh,
Doch weise Männer sah’n noch nie
Den Tazzelwurm.“

Kleingläub’ge Zweifler! kehrt nur ein
Und setzt auf Bier Tiroler Wein.
Ob ihr dann bis nach Kufstein fleucht,
Ihr spürt, daß ich euch angekeucht
Als Tazzelwurm.

Und ernsthaft spricht der Klausenwirt:
„Schwernot! Woher sind die verirrt?
Das Fußwerk schwankt. Im Kopf ist Sturm,
Die sahen all den Tazzelwurm!
Den Tazzelwurm!“

(Scheffel: Sämtliche Werke. Bd.4, S. 11)

Gasthaus zum feurigen Tatzelwurm bei Oberaudorf. Steub-Scheffelstube mit Wilhelm Leibl-Ecke. Verso: 17586 R. Zerle, München, Gabelsberger Str. 30. Stempel: Alpengasthof Tatzelwurm - Jos. u. Marie Kiesl. Nicht gelaufen. Adressseite geteilt. Text auf Adressseite: Tatzelwurm. Zu den schönsten Ausflugspunkten des Inntals gehört das Althistorische Gasthaus z. feurigen Tatzelwurm. Prächtiger Blick auf das Kaisergebirge. Der Lieblingsaufenthalt Ludwig Steubs u. Viktor v. Scheffels. Eine besondere Sehenswürdigkeit sind die großartigen Tatzelwurm-Wasserfälle.

Warb der Berggasthof beim Jubiläum 1933 auf seiner Postkarte noch mit dem Dichter Scheffel, so gönnt der moderne „feurige tatzlwurm“, ein 4-Sterne-Hotel, ihm nur noch eine Erwähnung auf der Homepage. Aber immerhin: Scheffels Tazzelwurm-Gedicht kann man dort nachlesen – mit allen acht Strophen.
Homepage: http://www.tatzlwurm.de/

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2. Scheffel
– „der Dichter des fröhlichen Wanderns
und harmlosen Genießens“

(Titel einer viel gelesenen Scheffel-Biografie
von Joseph Stöckle, 1888)

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2.1. Der Wanderpoet

Mit vielen seiner Texte und auch durch seine eigene Wanderlust propagierte Scheffel das Wandern als etwas den Menschen Beglückendes: Hinaus aus der Stadt mit ihrem bedrohlich wirkenden Tempo technischer Entwicklung und sozialer Veränderung. Hinaus in die Natur, wo man zur Ruhe kommen konnte. Scheffel war „durch sein Lob von Wanderseligkeit und Waldesfrische […] der poetische Repräsentant einer Hauptströmung der Gefühlswelt seiner Zeit“ (Proelß, S. 589). Von einem Großteil seiner Leserschaft wurde Scheffel bis zum Ersten Weltkrieg „vornehmlich unter den Aspekten von Ablenkung und Ausblendung aus einem durch und durch unpoetischen Alltag rezipiert“ (Mahal, S. 188) – ein wesentlicher Erklärungsgrund für den hier dargestellten Scheffelkult.

Kein Wunder also, dass er in Organisationen, die auch dem Wandern verpflichtet waren, besonders viel Verehrung genoss. Sie fanden in seinen Liedern Identifikationsangebote für ihre naturbegeisterten Mitglieder und verbreiteten sie auf Bildpostkarten.

Besonders beliebt war das Scheffel-Gedicht „Ausfahrt“ (1859), das auf Postkarten in Teilen übernommen oder auch neu zusammengefügt wurde:

Ausfahrt

Berggipfel erglühen,
Waldwipfel erblühen
Vom Lenzhauch geschwellt!
Zugvogel mit Singen
Erhebt seine Schwingen,
Ich fahr‘ in die Welt.

Mir ist zum Geleite
In lichtgoldnem Kleide
Frau Sonne bestellt;
Sie wirft meinen Schatten
Auf blumige Matten,
Ich fahr‘ in die Welt.

Mein Hutschmuck die Rose,
Mein Lager im Moose,
Der Himmel mein Zelt:
Mag lauern und trauern,
Wer will hinter Mauern,
Ich fahr‘ in die Welt!

(Scheffel: Sämtliche Werke. Bd.4, S. 64)

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Links. Verso. Verlag: Zentralausschuß d. Touristen-Verein „Die Naturfreunde“. Karte 1. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.
(Künstler: Ferd. Emmerling, Wien)
Rechts. Verso: Künstlerkarten „Deutsche Art“, dritte Reihe, Nr. 18, herausgegeben von der Buchhandlung des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes in Hamburg, Holstenwall 4. Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.
(Künstler: Hans Richard von Volkmann (1860-1927), Illustrator und Landschaftsmaler)

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2.2. Der „Saufpoet“

Zum allgemeinen Scheffelbild gehörte nicht nur das des Wanderpoeten. Man unterstellte dem Dichter auch eine große Trinkfestigkeit. Hierzu eine Anekdote aus den „Jugenderinnerungen“ seines Malerfreundes Anton von Werner:

„Man hat hartnäckigerweise über Scheffel unter Hinweis auf die Gaudeamus-Lieder das Gerücht zu verbreiten gesucht, er sei ein leidenschaftlicher Trinker oder gar Säufer, und mit Galgenhumor erzählte er mir einst, daß sich in einer Gesellschaft seine Tischnachbarin mit der harmlosen Frage an ihn gewandt habe: „Sagen Sie, Herr Doktor, ist es wirklich wahr, daß Sie so trinken?“ Worauf Scheffel ernsthaft erwidert habe: „Gewiß, gnädige Frau, nicht nur trinken, auch fressen tut das Scheusal.“ Solange ich nun auch mit Scheffel zusammen gelebt habe und gewandert bin, habe ich davon nichts bemerkt.“ (Seite 195f.)

Scheffel selbst hatte befürchtet, durch die Herausgabe des Gaudeamus in den „Ruf eines Lump und Kneipgenies“ (Proelß, S. 624) zu kommen. In seiner „Widmung“ hatte er deshalb geschrieben:

Wer Spaß versteht, wird manchmal kräftigst lachen,
Und wem manch Lied schier allzu durstig deucht,
Der tröste sich: ‘s war anders nicht zu machen,
Der Genius Loci Heidelbergs ist feucht!

Viele schienen Spaß zu verstehen – und zu lieben. Denn gerade Scheffels feuchtfröhliche Lieder machten ihn besonders populär, wurden auf zahlreichen Bildpostkarten verbreitet.

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Verso: „Jugend“-Postkarte. Serie VII,1. Prof. Ludwig v. Zumbusch: Maibowle. O. Hirth’s Verlag, München. Copyright Druck von Knorr & Hirth, München. Beschrieben und datiert: 31.8.1917
(Ludwig von Zumbusch, München 1861-1927)

Der Vierzeiler auf der Postkarte ist die erste Strophe eines der vielen Gedichte, die Scheffel für seine Heidelberger Freunde des „Engeren“ schrieb. Das Leibgetränk dieser heiteren Stammtischrunde war die Maibowle, gekonnt „gebraut“ vom Geschichtsprofessor Ludwig Häusser (6.-8. Strophe).

Des Engeren Maiwein- und Frühlingslied (e 1855)

Du, der mir die Seele mit Sonne,
Die Kehle mit Maitrank durchglühst –
O Frühling, du Herold der Wonne,
Viel tausendmal sei mir gegrüßt!

Allüberall sprießt es und sproßt es
Mit Frohsinn erzeugender Kraft –
Selbst Carové, wenn er noch lebte,
Stünd‘ wieder in Trieb und in Saft.

Verlassen sind jetzt die Folianten
Auf staubiger Bibliothek,
Es schwärmten wie dunkle Bacchanten
Bär, Thibaut und Sachße hinweg

Und Bachmann der Alte durchwandelt
Die Säle und murmelt bewegt:
„Was nutzt mich das Gold dieser Sonne,
Das weder gemünzt noch geprägt!“

Und überall singt es und klingt es,
Die Kegelbahn selbst hör‘ ich schrei’n:
Das Orakel des römischen Rechtes
Schiebt ritterlich sämtliche Neun.

Doch wie auch die Berge ergrünen,
So ist doch kein Buchwald zu dicht:
Waldmeister weiß drinnen zu pflücken
Der Lehrer der deutschen Geschicht‘.

Es brauet kein Mann in Europa
Den Maitrank so würzig und gut:
Die anderen tappen im Finstern,
Der Historiker weiß, was er tut.

Er braut ihn an heiliger Stätte,
Dort wehen die Lüfte so schön,
Die heißen die Menschen „Museum“,
Die Götter den „Engeren“.

O Engere, Tempel des Frühlings,
Wie reißest auch mich du dahin!
Noch heut soll mein Mantel im Leihhaus
Die Sommerquartiere beziehn.

Sein sündiger Leib mag verderben,
Ich lös ihn wohl nimmermehr aus;
Das Faustpfand verjubl‘ ich im Weine
Und sing‘ in die Mittnacht hinaus:

Du, der mir die Seele mit Sonne,
Die Kehle mit Maitrank durchglühst,
O Frühling, du Herold der Wonne,
Viel tausendmal sei mir gegrüßt!

(Scheffel: Sämtliche Werke. Bd.9, S. 105f.)

Der renommierte Postkartenverlag „Brüder Kohn Wien I“ (B.K.W.I.) druckte nach 1900 eine ganze Serie mit Illustrationen zu Scheffelliedern, die alle die Trinkfestigkeit bzw. -freude zum Thema haben. Illustrator war der österreichische Postkartenkünstler T. Welzl (1. Hälfte 20. Jahrhundert).

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Scheffel Lieder – Fahrender Schüler
Einsiedel das war missgethan
Dass du dich hubst von hinnen!...

Verso: B.K.W.I. 767-1  Printed in Austria.
Adressseite geteilt. Nicht gelaufen.

Hier wird deutlich, dass der Illustrator den Lied-Titel des „Allgemeinen Deutschen Kommersbuches“ genommen hat. Das im Gaudeamus als „Wanderlied“ (das Frankenlied) veröffentlichte Gedicht heißt im Kommersbuch nämlich „Lied fahrender Schüler“, in dem sich ein solcher am Wein des Einsiedel gütlich tut, während der fromme Mann in der Ferne bei einer „Schnittrin“ steht (Text siehe Kap. 1.1.8.).

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Scheffel Lieder – Altassyrisch
Im Schwarzen Walfisch
Zu Askalon ….

Verso: B.K.W.I. 767-2 . Nicht gelaufen.

Altassyrisch

Im Schwarzen Walfisch zu Askalon
Da trank ein Mann drei Tag,
Bis daß er steif wie ein Besenstiel
Am Marmortische lag.

Im Schwarzen Walfisch zu Askalon
Da sprach der Wirt: „Halt an!
Der trinkt von meinem Dattelsaft
Mehr als er zahlen kann.“

Im Schwarzen Walfisch zu Askalon
Da bracht‘ der Kellner Schar
In Keilschrift auf sechs Ziegelstein
Dem Gast die Rechnung dar.

Im Schwarzen Walfisch zu Askalon
Da sprach der Gast: „O weh!
Mein bares Geld ging alles drauf
Im Lamm zu Niniveh!“

Im Schwarzen Walfisch zu Askalon
Da schlug die Uhr halb vier,
Da warf der Hausknecht aus Nubierland
Den Fremden vor die Tür.

Im Schwarzen Walfisch zu Askalon
Wird kein Prophet geehrt,
Und wer vergnügt dort leben will,
Zahlt bar, was er verzehrt.

Scheffel: Sämtliche Werke. Bd. 4, S. 26

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Scheffel Lieder – Hildebrandlied
Hildebrand und sein Sohn
Hadubrand soffen sich beid ….

Verso: B.K.W.I. 767-3. Gelaufen 1915

Das Hildebrandlied (e 1848)
.. Hiltibraht enti Hadhubrant ..

Hildebrand und sein Sohn Hadubrand, Hadubrand,
Ritten selbander in Wut entbrannt, Wut entbrannt,
Gegen die Seestadt Venedig.

Hildebrand und sein Sohn Hadubrand, Hadubrand,
Keiner die Seestadt Venedig fand, Venedig fand,
Da schimpften die beiden unflätig.

Hildebrand und sein Sohn Hadubrand, Hadubrand,
Ritten bis da, wo ein Wirtshaus stand, Wirtshaus stand,
Wirtshaus mit kühlen Bieren.

Hildebrand und sein Sohn Hadubrand, Hadubrand,
Trunken [soffen] sich beid‘ einen Riesenbrand, Riesenbrand,
Krochen heim auf allen vieren.

Scheffel: Sämtliche Werke. Bd. 4, S. 34

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Scheffel Lieder – Die Maulbronner Fuge
Im Winterrefektorium zu Maulbronn
In dem Kloster ….

Verso: B.K.W.I. 767 – 4. Nicht gelaufen

Die Maulbronner Fuge (e 1860)

Im Winterrefektorium
Zu Maulbronn in dem Kloster
Da geht was um den Tisch herum,
Klingt nicht wie Paternoster:
Die Martinsgans hat wohlgetan,
Eilfinger blinkt im Kruge,
Nun hebt die nasse Andacht an
Und alles singt die Fuge:
A.V.K.L.W.H.
Complete pocula!

Der Abt Johannes Entenfuß
Kam unwirsch hergewatschelt:
„Was wird so spät als Festtagsschluß
Beim Geigenschall getratschelt?
Laßt ab, Ihr stört den Doktor Faust
Im Gartenturm dahinten:
Wenn solch ein Singsang zu ihm braust,
Kann er kein Gold nicht finden:
A.V.K.L.W.H.
Cavete scandala!

Derweilen bracht der Zellerar,
Herr Godefrit von Niefern,
Den Sankt Martinuszuspitz dar
Vom Keller mit den Küfern.
Der rief: „Herr Abbas, was Ihr sagt,
Soll man in Züchten ehren,
Doch wenn kein andrer Schmerz Euch plagt,
So mögt Ihr uns nicht wehren:
A.V.K.L.W.H.
Der Faust sitzt selbst schon da!“

Der Faust saß rückwärts an der Wand
Und trank vergnügt im Dunkeln,
Nun ließ der blasse Nekromant
Sein Glas am Licht karfunkeln
Und sprach: „Ich brüt‘ schon Tag und Jahr
Am schwarzen Zauberbuche
Und merk‘ erst heut, ich bin ein Narr,
Daß ich das Gold dort suche;
A.V.K.L.W.H.
Das echte Gold ist da!“

„Mit Hermes Trismegistos List
Wird keins elaborieret,
Die Sonne ist der Alchimist,
Der’s flüssig destillieret:
Wenn’s durch die Adern glüht und rollt
Mit des Eilfingers Wonnen,
Dann habt Ihr Gold, habt echtes Gold,
Und ehrlich selbst gewonnen.
A.V.K.L.W.H.
Haec vera practica!

Da lacht der Abt: „Mit solcher Lehr
Zwingt Ihr auch mich zum Kruge,
Denn All Voll, Keiner Leer, Wein Her
Ist eine feuchte Fuge.
Als Fausti Goldspruch laß ich sie
Jetzt in den Kreuzgang malen,
Man kennt die ganze Melodie
Schon an den Initialen:
A.V.K.L.W.H.
Sit vino gloria!

Scheffel: Sämtliche Werke. Bd. 4, S.37f.

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Scheffel Lieder – Josephus vom dürren Ast
Zu selbigem Wein, drei Tag, drei
Nacht im dunkelen Keller ….

Verso: B.K.W.I. 767 – 5. Nicht gelaufen

Der Illustrator bezieht sich auf die Text-Fassung des Allgemeinen Deutschen Kommersbuches. Dort hieß das Lied noch „Josephus vom dürren Ast“ (so nannten Scheffel manchmal seine Heidelberger Freunde, auch er sich selbst). Bei der Veröffentlichung im Gaudeamus erfuhr das Gedicht einige Änderungen und Scheffel gab ihm den Titel „Die Heimkehr“. Hier die ursprüngliche Fassung von 1856 aus dem Allgemeinen Deutschen Kommersbuch:

Josephus vom dürren Ast

Der Pfarr von Ziegelhausen sprach:
„Die Welt steckt tief in Sünden;
Doch wo der Meister Josephus steckt,
Weiß keiner mir zu künden.“

Und als man rüstet auf Weihnachtzeit,
Da war der Neckar gefroren,
Da stand ein Mann im Pilgramskleid
Wohl vor den Pfarrhofs Thoren.

„Herr Pfarrer, Ihr sollt mir Indulgenz
Und sollt mir Ablaß spenden,
Daß sich mein arg trübtraurig Herz
Zu neuer Freud mag wenden.

Herr Pfarr, es war nicht wohlgethan,
Von Heidelberg zu scheiden,
Man trifft halt doch kein zweites an,
So weit man auch mag reiten.

Bis hundert Stunden hinter Lyon
Bin ich ins Frankreich kommen,
Manch gutes Frühstück von Austern und Sekt
Hab ich zu mir genommen.

Ich hab zu Marseille im Café Türk
Unter Heiden und Mohren gesessen,
Ich hab am Pyrenäengebirg
Lauch und Garbanzos gegessen.

Noch saust der Kopf mir, wenn ich gedenk
Der Seealpenmaid Filomene,
Zigeunerbraun Antlitz, kohlschwarzkraus Haar,
Wie Elfenbein glänzend die Zähne.

Doch verpecht und verschwefelt ist alles Land,
Ohne Freunde und Lieder und Liebe,
Vom Fieber geschüttelt und abgebrannt
Kehr ich heim aus dem fremden Getriebe.“

Der Pfarr von Ziegelhausen sprach:
„Wohlauf, bußfertige Seele,
Mit goldenem Wein vom Nierenstein
Salbe dir Lippen und Kehle.

Zu selbigem Wein drei Tag, drei Nacht
In dunkelen Keller dich schließe
Und halt bei den Fässern trinkend Wacht,
Daß Gnade sich über dich gieße.

Im „Hofe von Holland“ besuche sodann
Die geistlichen Übungen fleißig,
Und Donnerstags als letzter Mann
Dem nächtlichen Chorus entreiß dich.

Dann wird der Himmel ein Zeichen thun,
Er läßt keinen Büßer verderben,
Ein lichtes Weingrün, ein dunkles Rot
Wird Nase und Stirn dir färben.

Und prangt dein Gesicht in solchem Ton,
Dann wird dein Trübsinn sich hellen,
Dann magst du, o langverlorener Sohn,
Den alten Freunden dich stellen.

Wir sind die Alten; noch klingen beim Wein
Die Lieder von damals zu Berge,
Vom Spatzen und vom Stieglitz fein
Und der sommerverkündenden Lerche.

Wir sind die Alten; wir haben dich gern,
Laß das Herz nicht von Kummer umnachten.
Und hätt’st du noch ärger gelumpt in der Fern,
Ein Kalb auch würden wir schlachten!“

Da seufzte der Pilgram mit Thränen im Aug:
„O Pfarr von Ziegelhausen,
Wie ihr, gottwohlgefälliger Mann,
Sprach keiner mit mir da draußen.

Nun soll die Welt mit ihrer Pracht
Meinen Rücken besehen für immer. –
O Heidelberg, leuchtender Stern in der Nacht,
Dich laß ich nun und nimmer.“

(Pfarrer Schmezer von Ziegelhausen
gehörte zu Scheffels Heidelberger Freundeskreis des „Engeren“)

Quelle:
https://de.wikisource.or/wiki/Allgemeines_Deutsches_Kommersbuch:294

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Scheffel Lieder – Perkêo
Das war der Zwerg Perkêo
Im Heidelberger Schloss ….

Verso: B:K:W:I: 767 – 6. Nicht gelaufen.

Perkêo (e 1849)

Das war der Zwerg Perkêo im Heidelberger Schloß,
An Wuchse klein und winzig, an Durste riesengroß.

Man schalt ihn einen Narren, er dachte: „Liebe Leut‘,
Wärt ihr wie ich doch alle feuchtfröhlich und gescheut!“

Und als das Faß, das große, mit Wein bestellet war,
Da ward sein künftiger Standpunkt dem Zwergen völlig klar.

„Fahr wohl“, sprach er, „o Welt, du Katzenjammertal,
Was sie auf dir hantieren, ist Wurst mir und egal!

Um lederne Ideen rauft man manch heißen Kampf,
Es ist im Grund doch alles nur Nebel, Rauch und Dampf.

Die Wahrheit liegt im Weine. Beim Weinschlurf sonder End‘
Erklär‘ ich alter Narre fortan mich permanent.“

Perkêo stieg zum Keller; er kam nicht mehr herfür
Und sog bei fünfzehn Jahre am rheinischen Malvasier.

War’s drunten auch stichdunkel, ihm strahlte inneres Licht,
Und wankten auch die Beine, er trank und murrte nicht.

Als er zum Faß gestiegen, stand’s wohlgefüllt und schwer,
Doch als er kam zu sterben, klang’s ausgesaugt und leer.

Da sprach er fromm: „Nun preiset, ihr Leute, des Herren Macht,
Die in mir schwachem Knirpse so Starkes hat vollbracht:

Wie es dem kleinen David gegen Goliath einst gelang,
Also ich arm‘ Gezwerge den Riesen Durst bezwang.

Nun singt ein De Profundis, daß das Gewölb‘ erdröhnt,
Das Faß steht auf der Neige, ich falle sieggekrönt.“

…Perkêo ward begraben. – Um seine Kellergruft
Beim leeren Riesenfasse weht heut noch feuchte Luft,

Und wer als frommer Pilger frühmorgens ihr genaht:
Weh‘ ihm! Als Weinvertilger durchtobt er nachts die Stadt.

Scheffel: Sämtliche Werke. Bd. 4, S. 59f.

Ein Dichter, der das Trinken in vielen seiner Lieder besang – mal überzogen und übermütig, mal (selbst-) ironisch und frech, so kannten viele ‚ihren‘ Scheffel, so verehrten sie ihn.

Ein Bild, das den Dichter selbst als Weintrinker zeigt, sei das letzte Beispiel in diesem Beitrag zum Scheffel-Kult.

Es ist ein Wandgemälde im Senats- und Kaiserzimmer des Bremer Ratskellers und dort heute noch zu sehen. Gemalt wurde es von dem damals sehr geschätzten Dekorationsmaler Arthur Fitger (1840-1909) noch zu Scheffels Lebzeiten, nämlich 1875.

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Wandgemälde im Bremer Rathskeller
A. Fitger. Gem. C. Jetses. Gez.
Künstlerpostkarte der Kunstanstalt H.A.J. Schultz, Hamburg
Verso: Adressseite ungeteilt. Gelaufen 1911.

Der Künstler hat sein eigenes Porträt in einem großen Medaillon mitten ins Bild gesetzt. Links und rechts von ihm in angedeuteter arkadischer Landschaft je ein literarisches Figurenpaar: In weinseliger Umarmung der Grieche Anakreon mit (Matthias) Claudius auf der Linken. Zur Rechten der Römer Horaz und (Victor von) Scheffel, etwas gesitteter miteinander Brüderschaft trinkend. Diese vier Dichter, je zwei aus Antike und Neuzeit, galten dem Künstler ganz offensichtlich als Repräsentanten feuchtfröhlichen Lebensgenusses. Dem Weintrinken im Bremer Ratskeller konnten sie, die anerkannten Dichter, eine gleichsam ‚literarische‘ Rechtfertigung verleihen.

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Scheffelkult. Folge I
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6856

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3. Literatur

* Günther Mahal: Joseph Viktor von Scheffel, Versuch einer Revision. Karlsruhe 1986.
* Johannes Proelß: Scheffel’s Leben und Dichten. Stuttgart Bonz & Comp. 1887.
* Joseph Victor von Scheffel: Sämtliche Werke. Hrg. Johannes Franke. Leipzig 1916.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw_ga
* Rolf Selbmann: Dichterdenkmäler in Deutschland. Literaturgeschichte in Erz und Stein. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1988.
* Anton von Werner: Jugenderinnerungen (1843-1870). Hrg. von Dominik Bartmann. Kommentiert von Karin Schrader. Berlin 1994.

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Scheffelkult. Folge I
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6856

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