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Jutta Assel | Georg Jäger

Die Bremer Stadtmusikanten

Eine Postkartenserie von Oskar Herrfurth,
ergänzt um weitere Illustrationen

Stand: Juni 2015

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Gliederung

1. Postkartenserie von Oskar Herrfurth
2. Brüder Grimm; Die Bremer Stadtmusikanten
3. Weitere Illustrationen
4. Ludwig Bechstein: Undank ist der Welt Lohn.
5. Kurzbiographie zu Oskar Herrfurth
6. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

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1. Die Postkartenserie von Oskar Herrfurth

Vorlage: Brüder Grimm. Die Bremer Stadtmusikanten. O[skar] Herrfurth pinx[it]. Serie von sechs Postkarten der Firma Uvachrom. Serie 285, Nr. 4695 - 4700. Nicht gelaufen. – Die Nummern und Inhaltsangaben auf der Rückseite werden den Illustrationen nachgestellt.

 

 

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1. Ein alter, abgearbeiteter Esel machte sich auf den Weg nach Bremen, um dort noch Stadtmusikant zu werden. Unterwegs traf er einen altersschwachen Hund. Er lud ihn ein, mitzugehen, damit er die Pauke schlage, während er die Laute spielen wollte.

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2. Auf ihrer Wanderung nach Bremen trafen Esel und Hund noch eine Katze, die ersäuft werden sollte. Auch sie zog mit ihnen, denn sie verstand sich auf Nachtmusik. Bald trafen sie einen Hahn, den die Köchin schlachten wollte. Auch er nahm Reißaus und zog mit den Musikanten, denn er hatte eine gute Stimme.

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3. Als die vier Musikanten im Walde nächtigen wollten, kamen sie an ein Räuberhaus. Der Esel sah, wie die Räuber sich an Essen und Trinken gütlich taten. Da ratschlagten sie, wie sie es anfangen müßten, um die Räuber hinauszujagen. Bald waren sie einig: sie wollten die Gesellschaft mit ihrer Musik überrumpeln.

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4. Mit einem Schlag drangen die vier Musikanten ins Räuberhaus. Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte. Die Räuber überkam ein heilloser Schrecken bei dem entsetzlichen Geschrei. Sie meinten, ein Gespenst käme zum Fenster herein. Sie flohen in den Wald. Die Musikanten aber taten sich gütlich an Speis und Trank und legten sich dann zur Ruhe.

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5. In der Nacht schlich sich ein Räuber zu dem Häuschen, um nach dem Gespenst zu sehen. Die Katze aber sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte, der Hund biß ihn in die Waden, der Esel versetzte ihm einen Schlag und der Hahn schrie dazu. Da floh der Räuber erschreckt zu seinem Hauptmann und berichtete, daß eine böse Hexe im Häuslein sei. Die Räuber trauten sich von nun an nicht mehr in ihr Haus zu gehen.

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6. Die Musikanten ließen es sich im Räuberhaus wohl gehen. Sie aßen und tranken nach Herzenslust und gaben sich jeden Tag ihr Konzert. Ihre Reise nach Bremen schoben sie solange hinaus, bis die Vorräte zu Ende gingen. Ob sie dorthin gekommen sind, weiß kein Mensch.

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2. Brüder Grimm
Die Bremer Stadtmusikanten

Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so dass er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber der Esel merkte, dass kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen: dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden.

Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat. »Nun, was jappst du so, Packan?« fragte der Esel. »Ach«, sagte der Hund, »weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde, auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr wollen totschlagen, da hab ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?« »Weißt du was«, sprach der Esel, »ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh mit und lass dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.« Der Hund war's zufrieden, und sie gingen weiter.
Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. »Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?« sprach der Esel. »Wer kann da lustig sein, wenn's einem an den Kragen geht«, antwortete die Katze, »weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne als nach Mäusen herumjage, hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer: wo soll ich hin?« »Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden.« Die Katze hielt das für gut und ging mit.

Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. »Du schreist einem durch Mark und Bein«, sprach der Esel, »was hast du vor?« »Da hab ich gut Wetter prophezeit«, sprach der Hahn, »weil unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen gewaschen hat und sie trocknen will; aber weil morgen zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wollte mich morgen in der Suppe essen, und da soll ich mir heut abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals, solang ich noch kann.« »Ei was, du Rotkopf«, sagte der Esel, »zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muss es eine Art haben.« Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie gingen alle viere zusammen fort.

Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es am sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Winden um, da däuchte ihn, er sähe in der Ferne ein Fünkchen brennen, und rief seinen Gesellen zu, es müsste nicht gar weit ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. Sprach der Esel: »So müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht.« Der Hund meinte, ein paar Knochen und etwas Fleisch dran täten ihm auch gut.

Also machten sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war, und sahen es bald heller schimmern, und es ward immer größer, bis sie vor ein hell erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel, als der größte, näherte sich dem Fenster und schaute hinein. »Was siehst du, Grauschimmel?« fragte der Hahn. »Was ich sehe?« antwortete der Esel. »Einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen's sich wohl sein.« »Das wäre was für uns«, sprach der Hahn. »Ja, ja, ach, wären wir da!« sagte der Esel.

Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen müssten, um die Räuber hinauszujagen, und fanden endlich ein Mittel. Der Esel musste sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Rücken springen, die Katze auf den Hund klettern, und endlich flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen insgesamt an, ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte; dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, dass die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten nicht anders, als ein Gespenst käme herein, und flohen in größter Furcht in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übriggeblieben war, und aßen, als wenn sie vier Wochen hungern sollten.

Wie die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich eine Schlafstätte, jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Türe, die Katze auf den Herd bei die warme Asche, und der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken; und weil sie müde waren von ihrem langen Weg schliefen sie auch bald ein.

Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, dass kein Licht mehr im Haus brannte, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann: »Wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen«, und hieß einen hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand alles still, ging in die Küche, ein Licht anzuzünden, und weil er die glühenden, feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, dass es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biss ihn ins Bein; und als er über den Hof an dem Miste vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab: »Kikeriki!«

Da lief der Räuber, was er konnte, zu seinem Hauptmann zurück und sprach: »Ach, in dem Haus sitzt eine greuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt; und vor der Türe steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen; und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungeheuer, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen; und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, der rief: >Bringt mir den Schelm her.< Da machte ich, dass ich fortkam.«

Von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus, den vier Bremer Musikanten gefiel's aber so wohl darin, dass sie nicht wieder heraus wollten. Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.

Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Hrsg. von Heinz Rölleke. 3 Bde. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1980. (Universal-Bibliothek Nr. 3191-3193). Hier Nr. 27, Bd. 1, S. 161-164. Redigiert, Absätze eingefügt. Aus den Anmerkungen der Brüder Grimm:

Noch zwei Erzählungen aus dem Paderbörnischen. Eine dritte aus Zwehrn weicht darin ab, daß die vier Thiere die Räuber nicht durch Schrecken aus dem Haus wegjagen, sondern friedlich eintreten, Musik machen und dafür von jenen gespeist werden. Die Räuber gehen nun auf Beute aus, und wie sie um Mitternacht heim kehren, begegnet dem der vorgeschickt wird, das Haus zu erleuchten, was in den andern Erzählungen von dem Kundschafter vorkommt. (Bd. 3, S. 59f.)

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3. Weitere Illustrationen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oben:
Bremen. Bremer Stadtmusikanten. Verlag L. Placidus. Bremen No. 31. Aus der Prachtausgabe von Grimm's Märchen. Illustriert von P. Grot Johann und R. Leineweber (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt). Verso: Postkarte. Gelaufen. Poststempel 1907.

Unten links:
Bremen. Die Bremer Stadtmusikanten. Verso: Ernst Buschmann, Bremen. Nr. 1139. Im Briefmarkenfeld: Echte Photographie. Nicht gelaufen.

Unten rechts:
Bremen. Die Bremer Stadtmusikanten (nach Grimm's Märchen). Verso. Verlag Alb. Rosenthal, Bremen. Kupfertiefdruck No. 24. Nicht gelaufen.

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[Ohne Titel.] Verso: Aus dem Bremer Ratskeller, Hauff-Keller. Die Bremer Stadtmusikanten. Fresko von Max Slevogt [1868-1932]. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1930.

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4. Ludwig Bechstein
Undank ist der Welt Lohn

[In der Quellenangabe dieses Märchens schreibt Bechstein: "Mündlich, aus dem obern Saaltale. Dasselbe Märchenelement, was in dem K.M. (Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm) 27. >Die Bremer Stadtmusikanten< enthalten ist, nur daß dort der Hauptträger des meinigen, der Bäckergeselle fehlt, und die Füchse Räuber sind."]

Es war einmal ein armer Bäckergeselle, der kam mit seinem Herrn in Streit, weil der Geselle immer die Semmeln und Fastenbrätzeln dem Herrn zu groß machte, und der Herr dieselben stets unchristlich klein haben wollte. Der Geselle war der bravste und ehrlichste Bursche von der Welt, und hatte durch seine Heiterkeit und durch seinen Fleiß seinem Meister vielen Zuschlag verschafft, allein das half ihm alles nichts, und der Meister sprach: »Ich bin der Meister und vor der Tür ist dein.« Da seufzte der Bursche: »Ja wohl Meister!

Die Semmeln bleiben klein,
Und vor der Tür ist mein.«

schnürte darauf sein Bündel und zog von dannen.
     Da der Bäckergeselle eine Weile gewandert war, sah er einen Wanderer schwerfälligen Schrittes und gebeugten Ganges sich entgegenkommen, grüßte ihn, und fragte ihn was er sei und wohin er gedenke? Der Wanderer hatte so vielen Freimut, das offen zu bekennen, was so mancher Mann um keinen Preis der Welt von sich sagen würde, indem er sprach:
      »Ach Freund! Ich bin ein armer alter Esel. Lange Zeit habe ich meinem Herrn, einem Müller, treu gedient, die schweren Säcke fort und fort geschleppt, Korn in die Mühle, Mehl aus der Mühle, habe viele Schläge bekommen hin und viele Schläge her, und bin darüber alt und kraftlos geworden, und darum hat mich der Müller fortgejagt, denn: Undank ist der Welt Lohn.«
      »Ging mir's doch kaum besser als dir, armer Langohr!« sagte der Bäckergeselle. »Komm, laß uns zusammen wandern, Müllerlöwe. Bäcker und Müller gehören zusammen und zu zwei trägt sich leichter ein Leid.«
      Die beiden Reisegefährten waren noch nicht weit miteinander fortgegangen, als ihnen ein Hund aufstieß, der ganz erbärmlich winselte, denn ihn fror und hungerte zu gleicher Zeit. Er lag am Wege, konnte kaum fort, und blickte aus matten, doch treuherzigen Augen die beiden Wanderer an.
      »Dir scheint es auch nicht zum besten zu gehen, alter Sultan, oder wie du sonst heißen magst, scheinst fürwahr ein kranker Mann zu sein; siehst aus, als wäre dir schon dein letztes Brot gebacken!« sprach der Bäcker zum Hunde.
      »Ach, wenn du doch wahr sprächst!« seufzte der Hund: »wenn doch nur ein Stückchen Brot für mich gebacken wäre, möcht es immerhin mein letztes sein, dass ich nur nicht Hungers sterben müßte! - Lange Jahre bewachte ich meines Herrn Haus und Hof, rettete ihm mit Gefahr meines eigenen Lebens das seine von der Hand eines Raubmörders, aber nun, da meine Stimme schwach und heiser geworden ist von vielem Bellen, und meine Zähne stumpf sind, und meine Morgenstunde nicht mehr Gold im Munde hat, sondern Schlaf, so hat mich mein Herr mit Prügeln von seinem Hause und Hofe hinweggejagt, denn: Undank ist der Welt Lohn!«
      »Du armer Hund, du armer Schlucker!« bedauerte der Bäckergeselle, indem er ihm ein Stück Brot reichte, den Hund. »Komm, geselle dich zu uns, denn gleich und gleich gesellt sich gern.«
      Mit neubelebter Kraft durch das Brot schloss sich der Hund den beiden Wanderern an.
      Wie nun alle drei weiter schritten, erblickten sie auf einem Seitenwege, der von einem andern Orte her nach der Hauptstraße zog und in diese ausmündete, ein seltsames Pärchen daher geschritten kommen, und blieben vor Verwunderung alle drei stehen. Es war eine alte Katze und ein alter Göckelhahn, der fast nur noch eine Feder in seinem Schweife hatte. Beide Wanderer waren sehr ermattet, und vermochten nicht rasch zu gehen.
      Als die drei Wanderer mit den zweien, die ihnen jetzt aufstießen, die Grüße der Höflichkeit gewechselt hatten, klagte die Katze, welche sehr dürr aussah, und nicht bloß so aussah, sondern auch wirklich äußerst dürr war, dass sie mit der größten Tätigkeit und voller Fleiß und Eifer die Mäuse im Hause einer Frau weggefangen habe, aber nun, da die Mäuse alle seien und sie, die Katze, alt geworden sei, habe die Frau sich eingebildet, eine Katze lebe stets nur von Mäusen, und habe ihr nicht das mindeste zu essen gegeben. Da nun sie, die Katze, vollends aus Hunger und schrecklichem Durst den Versuch gewagt habe, etwas weniges aus einem Milchtopf zu naschen, worüber, da die Frau sie bei sotanem Versuche ertappt habe, durch ihren Schrecken und ganz ohne Vorsatz der Milchtopf umgefallen, so sei die Frau wie eine Furie auf sie, die arme unschuldige Katze, losgefahren und habe auf sie losgeschlagen, erst mit dem Besen, hernach mit der Ofengabel und mit der eisernen Feuerzange, so dass Frau Mienz nur dadurch ihr Leben habe retten können, dass sie durch eine Fensterscheibe hindurchgebrochen, wobei sie sich Nase, Ohren und Füße an dem Glase jämmerlich zerschunden habe. »Ach!« - so schloss die Katze mit einem tiefen Seufzer: »Undank ist der Welt Lohn!«
      Als nun die Katze mit der Erzählung ihres letzten traurigen Schicksals zu Ende war, begann der Hahn zu sprechen und berichtete, wie er allezeit munter und wachsam, auch tapfer, furchtlos und treu auf seinem Hofe gewesen, weil aber das Hühnervolk aus Faulheit und Auflehnungssucht, und ganz ohne sein, des Gückels, Verschulden, nicht mehr recht Eier legen wollen, und das faule Gesinde, wenn es sich verschlafen gehabt, die Schuld auf ihn geschoben, und gesagt, er wecke sie nicht mehr durch sein Krähen, er schlafe selbst zu lange, so sei ein junger Hahn voll Kraft und Mut und Feuer angeschafft worden, der habe ihn alsbald vom Hofe und von den Hennen weggebissen, und die Köchin habe gesagt: »Den alten Gückel kann man nun schlachten; sein Fleisch wird zwar nicht zwischen die Zähne taugen, vielmehr zu zäh sein, aber eine gute Hühnersuppe gibt es doch noch.« - »Als ich das hörte« - schloss der Hahn betrübt seine Erzählung, »beschloss ich auszuwandern, und stieß unfern des Dorfes, wo ich wohnte, auf meine Gefährtin, die Katze. Wir klagten uns unser gemeinsames Leiden, und seufzten oft: >Undank ist der Welt Lohn!<«
      Den guten Bäckergesellen rührte gar sehr das traurige Schicksal dieser Tiere, das mit dem seinigen einige Ähnlichkeit hatte, und er beschloss, ihre Gesellschaft beizubehalten, und zu sehen, ob ihm vielleicht Gelegenheit würde, zu prüfen, ob die Tiere nicht dankbarer seien, als die Menschen, denn er hatte einmal ein Märchen gelesen, betitelt: »Die dankbaren Tiere«, dessen er sich noch gar wohl erinnerte, und worin die Dankbarkeit mehrerer Tiere gegenüber der des Menschen geschildert war.
     Da nun die kleineren Tiere sehr schlecht auf den Beinen waren, der Hahn als bespornter Ritter große Märsche nie gemacht hatte, der Katze die zerschundenen Pfoten, in denen noch einige Glassplitterchen steckten, heftig schmerzten, und dem Hunde alle Knochen im Leibe weh taten, so redete der Bäcker dem Esel liebreich zu, er möge doch den Hund auf sich reiten lassen, und der Esel sagte: »Yah - meinetwegen. Der Hund ist noch lange nicht so schwer, als drei Säcke Korn, auch nicht so schwer als einer, auch rühmte mein Müllermeister stets, wenn er frühmorgens, nachdem er abends vorher zu viel getrunken, den Katzenjammer hatte, man müsse Hundshaare auflegen, Hundshaare seien sehr heilsam.« Also sprach der Esel, der Hund kletterte auf seinen Rücken, setzte sich fest und lachte seit langer Zeit zum erstenmale wieder und sprach:
     »Daheim schlief ich immer bei dem Pferde, jetzt trifft an mir das Sprichwort zu: Er ist vom Pferde auf den Esel gekommen.«
     »Nun aber wirst du die Katze tragen«, sagte der Bäckergeselle zum Hunde; dies war dem nicht ganz lieb; er schabte sich mit seiner rechten Vorderpfote hinter dem linken Ohre und antwortete:
     »Fürchtest du nicht, dass wir uns miteinander vertragen werden, wie Hund und Katze?«
     »Nein!« meinte der Bäckergeselle: »ihr müßt euch gut und anständig betragen, denn das Sprichwort sagt: Die Katz kommt über den Hund.«
     Darauf tat die Katze zwei Sätze, einen auf den Esel, und den zweiten auf den Hund, lachte und rief: »Das Sprichwort sagt: Kommt man über den Hund, so kommt man auch über den Schwanz!«
     Nun wollte der Hahn auch aufsitzen, und zwar auf die Katze, die machte aber einen garstigen Katzenbuckel und sagte: »Es steht nirgend davon geschrieben, und es ist auch kein Sprichwort darüber vorhanden, das den Hahn mit der Katze in Verbindung bringt.«
     »Tue es nur, und wär es mir zu Liebe!« redete der Bäcker zu.
     »Gut, ich will es tun, aber unter folgenden drei Friedensbedingungen: Erstens muss er sich ganz anständig aufführen, da ich ein Tier bin, welches die Reinlichkeit über alles liebt; zweitens darf er mich nicht krallen, sonst kralle ich ihn wieder, denn es steht geschrieben: Wie du mir, so ich dir. Drittens darf er sich nicht einfallen lassen, zu krähen, denn sein Gesang beleidigt mein Zartgefühl und verletzt meine Nerven. Ein ganz anderes wäre es, wenn er, der Hahn, so wonnevoll und wunderschön zu singen verstände, wie ich, zumal in März- und Maimondnächten, in denen vor meinem melodischen Gesange selbst die hoch gepriesenen Nachtigallen verstummen und mir bewundernd zuhören, was eine allbekannte Sache ist.«
     »Yah!« schrie der Esel! »Dieses hat seine Richtigkeit. Anch' io sono - auch ich bin ein Gesangvirtuose, aber die Nachtigall ist ein neidischer Vogel, das hat schon ein berühmter deutscher Dichter, des Namens Bürger, ausgesprochen, denn dieser schrieb:

Es gibt viel Esel, welche wollen
Daß Nachtigallen tragen sollen,
Des Esels Säcke hin und her;
Ob nun mit Recht, fällt mir zu sagen schwer.
Dies weiß ich: Nachtigallen wollen
Nicht, dass die Esel singen sollen.

Und so werden sie es ohne Zweifel mit den Katzen auch halten.«
     Nach diesen Wechselreden kam der Friedensvertrag zu Stande, nach dem Sprichworte: Eintracht macht stark, dass der Esel den Hund, der Hund die Katze, die Katze den Hahn tragen solle, doch nur auf ihrem Buckel, nicht auf dem Kopfe, und es war lustig anzusehen, wie sich die viere nun so einträchtig betrugen.
     Mittlerweile stellte sich die Nacht ein; Hunger und Durst hatten sich indessen schon früher bei den vier Wandergefährten eingestellt, aber weit und breit zeigte sich kein wirtliches Dach zur Einkehr und Labung; der Weg führte durch einen unwirtbaren Wald. Endlich spitzte die Katze die Ohren, und rief: »Ich höre von ferne einen Lärm, der fast wie der Jubel eines Gelages klingt.« Da schnoperte der Hund mit seiner Nase in die Luft, und sprach: »Ich rieche schon den Braten!« und der Esel stimmte bei: »Ich schmecke schon im voraus die gute Abendmahlzeit und die Süßigkeit der Nachtruhe!«
     »Freunde!« rief der Bäckergesell: »Das ist alles recht schön und gut, ich fühle ganz eure angenehmen Empfindungen, allein der Katze Hören, des Hundes Riechen, des Esels ahnungsvolles Schmecken und mein Fühlen hilft uns nichts, wenn wir nicht sehen, wohin wir uns wenden sollen.«
     Als der Hahn diese Rede vernahm, flog er vom Rücken der Katze hinweg auf einen Baum, freute sich, wieder einmal krähen zu dürfen, und krähete fröhlich: »Kikerikih! Ich sehe ein Haus, darin alle Fenster lichthell sind, und darin sicherlich ein Schmaus gehalten wird! Kikerikih!«
     »Wohlan!« rief der Bäckergeselle, »dorthin wollen wir uns wenden!« und rasch nahm der Hahn die bisher behauptete hohe Stellung auf dem Rücken des Katzenbuckels, wie ein Affe auf dem Kamel, wieder ein, und Meister Baldewein, der Esel, trabte sachte mit seiner tierischen Pyramide nach jenem Hause, das der Hahn gesehen hatte, zu, welches mitten in einer tiefen und trostlosen Einöde lag, von rauhem Wald und steilen Felsen umgeben, und allwo es grausig und unheimlich war.
     Dieses Haus war ein einsames Waldwirtshaus, nur von einem Wirte bewohnt, und man wusste darin, was man bisweilen nicht weiß, sehr genau, nämlich wer Koch oder Kellner sei, weil der Wirt beide Würden in seiner eigenen Person vereinigte.
     Wenn aber jemand ernstlich Hunger hat, so fragt er weder nach Heimlichkeit, noch nach Unheimlichkeit eines Hauses, sondern geht geradezu. Nun wurde in diesem Hause wirklich ein Fest gefeiert: die Füchse hielten allda eine Hochzeit, und auf dieser ging es hoch her; es fehlte nicht an allerhand Braten und sonstigen guten Sachen, und auch nicht an allgemeiner Heiterkeit. Welch ein Schreck entstand aber, als die Wandergesellschaft plötzlich in die Festhalle trat, und mitten unter die Generalversammlung der Beisassen des Hochzeitsmahles! - Durch Fenster und Türen gab alles Fersengeld, selbst der Wirt entfloh, denn derselbe dachte, der Teufel käme leibhaftig in Gestalt eines grotesken Monstrums oder Wundergeschöpfes und den Bäckergesellen hielten die Füchse für einen wilden Jäger.
     Hinter dem Hause war eine recht schaudervolle Stelle, an welcher die Füchse insgemein einander gute Nacht sagten, dies taten sie denn nun auch heute ganz besonders betrübt, und zerstreuten sich in die Büsche; der Wirt aber wusste gar nicht, was er außerhalb seines Hauses beginnen sollte - um so besser aber wussten seine fünf ungebetenen Gäste, was sie innerhalb desselben beginnen sollten, nämlich sich's sattsam gut schmecken und vergnüglich wohl sein zu lassen, und als sie zur Genüge getrunken und gegessen hatten, suchte jeder Gast die für ihn geeignete Schlafstätte. Der Bäckergeselle legte sich in das Bette des Wirtes, die Katze wählte die Ofenbank, der Hund die Türschwelle vor der Kammer, in welcher sein Schutzherr schlief, der Hahn klomm die Stiege des Hühnerhauses hinan, und der Esel trabte bedächtig dem offenen Stalle zu; alle befanden sich, jedes an seinem Orte, völlig wohl.
     Nun aber kam der Wirt geschlichen, der wollte doch sehen, wie es um sein Hauswesen stehe, ob es überhaupt noch stehe, und ob sich mit dem bösen Feinde, der darin Besitz genommen, nicht ein Abkommen und Übereinkommen treffen lasse. So wie der Wirt aber in seinen Hof trat, krähte der Hahn; davon erwachte der Hund, und als der Wirt in die Flur des Hauses trat, biss ihn der erstere tüchtig in das Bein; der Wirt flüchtete in die Stube, da fuhr die Katze fauchend auf ihn ein und kratzte ihn - eiligst entfloh der Wirt und suchte im Stalle Schutz, da stand der Esel und feuerte hinten hinaus und schlug den Wirt, dass ihm gar wehe ward, er wieder von dannen rannte und den letzten Füchsen in des Häuschens Nähe sein Leid klagte.
     Als es nun Tag geworden war, so erwachte der Bäcker und die Tiere erzählten ihm, was es in der Nacht noch zwischen dem Wirt und ihnen für ein Spektakel gegeben habe, und wie schlimm jenem von ihnen mitgespielt worden sei. Der Bäcker tadelte dieses feindselige Benehmen gegen den rechtmäßigen Besitzer des Waldhäuschens, und entsandte den Hund, den Wirt zu suchen, und herbei zu bringen. Da nun der Wirt mit Zittern und Beben wieder erschien, so entschuldigte der Bäckergeselle sich höflich über das Vorgefallene und sagte, er sei mit seinen Tieren gar nicht in feindseliger Absicht gekommen, es hätte niemand davon zu laufen gebraucht. Der Wirt solle die Wirtschaft in dem stillen Waldhäuschen nur auf Rechnung des Bäckers fort führen, aber, des Hahnes wegen, den Füchsen das Haus fernerhin verbieten, denn der Hahn müsse gänzlich in Ruhe bleiben, krähen oder nicht krähen dürfen, wie es ihm als wohlbestallten Emeritus gefalle. Der Esel solle im Stalle Gnadenheu und Gnadenhafer erhalten, und gutes Stroh zur Streu, falls er sich wälzen wolle, oder auch zum Spaziergang eine grüne Wiese. Die Katze solle durch ihre würdige Haltung Mäuse und Ratten in gehöriger respektvoller Entfernung vom Hause halten, und alle Tage Weck und Milch speisen. Der Hund aber solle und dürfe, so lange es ihm beliebe, in der Sonne liegen, und mit dem Monde sprechen. Der Bäcker aber wolle für alle arbeiten, das Brot backen, dem Wirte beim Bierbrauen und Biertrinken helfen, auch den Küchengarten bestellen, und mit gekochtem Essen umgehen.
     Das waren alle Beteiligten wohlzufrieden. Zum Andenken ihrer Wanderung und des neugeschlossenen Bündnisses pflanzte der Bäckergeselle in den Haus- und Küchengarten Schmackedusen- und Löffelkraut, Hahnenkamm, Katzenpfötchen, Hundszunge und Eselsgurken, und alle lebten fortan vergnüglich beisammen, und vergaßen den schnöden Lohn der Welt, den schnöden Undank.

Ludwig Bechstein: Neues deutsches Märchenbuch (1856), Nr. 35. Undank ist der Welt Lohn. Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky. Großbibliothek (Digitale Bibliothek; 125) Berlin: Directmedia 2005, S. 45.273-45.285. Redigiert.

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5. Kurzbiographie zu Oskar Herrfurth

Oskar Herrfurth, geb. 1862 in Merseburg, gest. 1934 in Weimar, war ein deutscher Maler und Illustrator. Seine Ausbildung erhielt er an der Kunstschule in Weimar, in Weimar lebte er auch viele Jahre, später dann in Hamburg. Er malte Genrebilder sowie Märchen- und Sagenbilder, die auch in Postkartenserien erschienen. Er illustrierte Märchen der Brüder Grimm, von H. C. Andersen und L. Bechstein, Karl May und zahlreiche Kinder- und Jugendschriften. (Artikel Oskar Herrfurth in Wikipedia.de, der freien Enzyklopädie. Redigiert u. ergänzt.)

Bibliographische Nachweise: Hans Ries: Illustration und Illustratoren des Kinder- und Jugendbuchs im deutschsprachigen Raum 1871-1914. Osnabrück: Wenner 1992. ISBN: 3-87898-329-8

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Illustrationen von Oscar Herrfurth im Goethezeitportal

Münchhausens Abenteuer
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=2198

Der Rattenfänger von Hameln
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=2777

Der Wolf und die sieben Geißlein
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4319

Das Märchen vom Schlaraffenland
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4387

Das Marienkind
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6342

Die sieben Raben
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6573

Die Heinzelmännchen
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6680

Der kleine Däumling
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6827

Eulenspiegel
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6864

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Einen Überblick über die Märchen- und Sagenmotive
im Goethezeitportal finden sie hier.

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6. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

Alle Bildvorlagen entstammen einer privaten Sammlung. Soweit es Rechte des Goethezeitportals betrifft, gilt: Die private Nutzung und die nichtkommerzielle Nutzung zu bildenden, künstlerischen, kulturellen und wissenschaftlichen Zwecken ist gestattet, sofern Quelle (Goethezeitportal) und URL (http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4169) angegeben werden. Die kommerzielle Nutzung oder die Nutzung im Zusammenhang kommerzieller Zwecke (z.B. zur Illustration oder Werbung) ist nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der Verfasser gestattet.

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Kontaktanschrift:

Prof. Dr. Georg Jäger
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Deutsche Philologie
Schellingstr. 3
80799 München

E-Mail: georg.jaeger07@googlemail.com

 

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