goethe

Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Neujahr 2017

Ein Lebenslauf in fingierten Inseraten und Zeitungsausschnitten

Alte Postkarte. Herzliche Neujahrs-Grüsse! Adressseite: S.V.D. [Sächsische Verlagsanstalt GmbH, Dresden] Serie 6194/2. Nicht gelaufen.

*****

Oben links: Alte Postkarte. Prosit Neujahr. 3103/4. Gelaufen. Poststempel 1905.

Oben rechts: Alte Postkarte. Viele herzliche Neujahrs-Grüsse. Signet: GL Co [Gustav Liersch & Co. Berlin] 6317/6. Adressseite, im Briefmarkenfeld Signet: NBC im Dreieck mit Strahlensonne [Neue Bromsilber Convention] Nicht gelaufen. Handschriftlich: 1920.

Mitte links: Alte Postkarte. Signet, nicht aufgelöst. 245/46. Gelaufen. Poststempel 1907.

Mitte rechts: Alte Postkarte. Viel Glück im neuen Jahre. Signet: EAS im Herz [E. A. Schwerdtfeger & Co. AG. Berlin] 4945/6. Gelaufen. Poststempel unleserlich. Handschriftlich: 31.12.18.

Unten links: Alte Postkarte. Prosit Neujahr! Signet: PH im Dreieck [P. Hagelberg, Berlin] Gelaufen. Poststempel 1910.

Unten rechts: Alte Postkarte. Herzlichen Glückwunsch zum neuen Jahre. Signet: HB im Herz [Heliophot Kunstverlag GmbH, Berlin] 06077/6. Gelaufen. Datiert und Poststempel 1914.- Auf einem Tischchen sind zu erkennen: Schweinchen, Hufeisen, vierblättriges Kleeblatt.

*****

Alte Postkarte. Ein glückliches neues Jahr! Signet: GL Co [Gustav Liersch & Co. Berlin]. Nummer unleserlich. Adressseite, im Briefmarkenfeld Signet: NBC im Dreieck mit Strahlensonne [Neue Bromsilber Convention] Beschriftet und datiert 1919. Gelaufen?

*****

Der Lebenslauf in Stichworten

Der Lebenslauf wird ausschließlich in Inseraten und Zeitungsausschnitte dargestellt, von der Geburts- bis zur Todesanzeige. Protagonistin ist eine Frau namens Tilly (Ottilie). Sie ist das 1850 geborene Töchterchen von Joh. Stampfer und Frau, eines Wiener Tischlermeisters und seiner Frau. Das Lehrmädchen, ein blonder Backfisch mit blauen Augen und Kirschenmund, wird von einem Studenten aus dem Corps Allemannia verehrt und hat eine Liebesaffaire mit einem Ulanen. Ihr sozialer Aufstieg als Künstlerin und Sängerin beginnt. Sie verlobt sich 1868 mit Heinrich von Göd, der sich als "Defraudant", also als Betrüger erweist. Tilly trennt sich von ihrem Mann, lässt sich von Baron Edmund von der Rumpen-Gleißen schwängern, vermählt sich mit ihm Juni 1880 in London und schenkt ihm Oktober 1880 einen Sohn - ein schwaches, pflegebedürftiges Kind, das mit 13 Jahren verstirbt.

Es folgen turbulente Zeiten, von denen nur einige Begebenheiten notiert seien. Die Baronin geht mit dem wieder aufgetauchten Ulanen durch; ihr Gatte setzt auf die Liebenden einen Privatdetektiv an, der das Paar in Cannes aufstöbert. Der Baron verzeiht ihr "um des Kindes Willen". Mit Baron und Baronin von der Rumpen geht es bergab: Er büßt beim Glücksspiel sein gesamtes Vermögen ein und stirbt 1899. Tilly steckt in großen Geldsorgen, versucht eine Pension aufzubauen, deren Einrichtung jedoch in einer Zwangsversteigerung verloren geht. Auch als Vermieterin hat die "Aristokratin" - wie sie sich in einer Annonce bezeichnet - kein Glück. Ihre Jugendliebe, der "Ex-Ulane", taucht wieder auf, doch wird der Annäherungsversuch von seiner Gemahlin unterbunden. 1911, mit 61 Jahren mithin, segnet Baronin Ottilie das Zeitliche. 

Die Geschichte, wie sie hier in Grundlinien skizziert wird, muss aus den Annoncen und Nachrichten der Presse rekonstruiert werden. Die chronologisch geordneten Puzzleteile müssen zu einem Ganzen, einer Geschichte von Aufstieg und Niedergang einer Tochter aus einfachen Verhältnissen, zusammengesetzt werden. Vieles ist dabei der Fantasie des Lesers und seinen kulturhistorischen Kenntnissen der Vorkriegszeit überlassen (die "süßen" Mädchen in Wien, Welt des Theaters, Studentenschaft, Leben der Aristokratie u.a.).

Gerahmt wird der Text durch Neujahrspostkarten, auf denen schöne Frauen mit dem als Mann imaginierten Beschauer oder mit dem im Bild präsenten Partner flirten. Offenbar ist der Mann der Garant ihres Wohllebens, auf den sich die Aufmerksamkeit der jungen Frauen richtet. Mit den ausgewählten Postkarten wird versucht, die Konstellation des Lebenslaufs nachzuzeichnen, doch fehlen die gesellschaftskritischen Perspektiven auf die Kultur der Jahrhundertwende.

Quelle:
"Tilly" / Moderner Lebensgang, durch Inserate und Zeitungsausschnitte verfolgt von Elmon.
In: Die Welt des Leichtsinns. 10 Geschichten von der Liebe. München: G. Hirth's Verlag 1920, S. 110-120. Der Autor wurde nicht ermittelt.

*****

*****

Oben links: Alte Postkarte. Herzliche Neujahrsgrüsse. Signet: Amag [Albrecht & Meister, AG Berlin] 62739/4. Gelaufen. Datum des Poststempels (Vogtland) unleserlich.

Oben rechts: Alte Postkarte. Die besten Wünsche zum neuen Jahre. Gelaufen. Datiert und Poststempel 1910.

Mitte links: Alte Postkarte. Heureuse Année. Signet: E, nicht aufgelöst. 368-1. Adressseite, im Briefmarkenfeld: Emes. Beschrieben, aber nicht gelaufen.

Mitte rechts: Alte Postkarte. Herzliche Neujahrsgrüsse. Signet: R&K L [Regel & Krug, Leipzig] 7215/2]. Im Briefmarkenfeld Signet: NBC im Dreieck mit Strahlensonne [Neue Bromsilber Convention] Nicht gelaufen. 

Unten: Alte Postkarte. Bonne Année. Signet: P-C Paris im Kreis [Papeteries de Levallois-Clichy, Paris]. 1530. Adressseite: P-C Paris im Kreis. Made in France. Beschriftet, aber nicht gelaufen.

*****

Neujahrsseiten des Goethezeitportals

2009
Neujahr in Bildern und Texten
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4097

2010
Prosit Neujahr!
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6325

2011
Neujahrsglückwünsche
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6456

2013
Neujahrswünsche auf Grafiken
von Künstlern der Goethezeit
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6610

2014
Neujahrsentschuldigungskarten von Joseph Führich
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6679

2015
Vexierbilder und Scharaden
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6756

2016
Neujahrsgrüsse aus der Ferne
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6825

*****

Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

Alle Bildvorlagen entstammen, sofern nicht anders vermerkt, einer privaten Sammlung. Soweit es Rechte des Goethezeitportals betrifft, gilt: Die private Nutzung und die nichtkommerzielle Nutzung zu bildenden, künstlerischen, kulturellen und wissenschaftlichen Zwecken ist gestattet, sofern Quelle (Goethezeitportal) und URL (http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6866) angegeben werden. Die kommerzielle Nutzung oder die Nutzung im Zusammenhang kommerzieller Zwecke (z.B. zur Illustration oder Werbung) ist nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der Verfasser gestattet.

Dem Goethezeitportal ist kein Urheberrechtsinhaber bekannt; ggf. bitten wir um Nachricht.

Für urheberrechtlich geschützte Bilder oder Texte, die Wikipedia entnommen sind, gilt abweichend von obiger Regelung die Creative Commons-Lizenz.

Kontaktanschrift:

Prof. Dr. Georg Jäger
Ludwig-Maximilians-Universität München

Institut für Deutsche Philologie
Schellingstr. 3
80799 München

E-Mail: georg.jaeger07@googlemail.com

*****

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit