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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Sagen-Motive auf Postkarten
Eine Dokumentation

Kunigunde von Kynast

Optimiert für Firefox
Eingestellt: Juli 2013
Stand: juli 2015

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Friedrich Rückert, Die Begrüßung auf dem Kynast. Illustration von Adolf Ehrhardt

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Gliederung

1. Johann Georg Theodor Grässe: Kunigunde von Kynast
2. Theodor Körner: Der Kynast
3. Friedrich Rückert: Die Begrüßung auf dem Kynast
4. Louise Otto: Auf dem Kynast
5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

Die Bildpostkarten sind in die Texte eingefügt.

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Schlesische Gebirgsbilder, Burg Kynast, F. Springer Kunstverlag, Cunnersdorf im RiesengebirgeRiesengebirge, Burgruine Kynast, Rübezahl-Druckerei und Verlag Paul Höckendorf, Hirschberg im Riesengebirge

Riesengebirge, Burgruine Kynast, Verlag Silesia

Riesengebirge. Burgruine Kynast vom Höllengrund. Rübezahl-Kunstverlag, Hirschberg, Schlesien. 541

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1. Zeile von oben, links: Schles[ische] Gebirgsbilder n[ach] Or[iginal]-Aufn[ahmen] von O. Blau. Nr. 24. Burg Kynast. F. Springer, Kunstverlag, Cunnersdorf i. Rsgb. Gelaufen. Poststempel 1927. 
1. Zeile von oben, rechts: Riesengebirge Burgruine Kynast. Verso: Rübezahl-Druckerei u. Verlag Paul Höckendorf, Hirschberg i. Rsgb. Echte Photographie. 3201. Nicht gelaufen. 
Mitte: Burgruine Kynast, 657 m. ü. d. M. Verso: Riesengebirge. Burgruine Kynast 657 m. ü. d. M. Signet: Silesia im Kreis. Nr. 2955. Original-Photoabzug. Stempel: Burg Kynast | 18. Aug. 1936 | Riesengebirge. Gelaufen.
Unten: Riesengebirge. Burgruine Kynast vom Höllengrund 657 m ü. M. Adressseite: Rübezahl-Kunstverlag, Hirschberg. Schles. 541. Nicht gelaufen.

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1. Johann Georg Theodor Grässe:
Kunigunde von Kynast

Die weltberühmte Burgruine des Kynast (angeblich Kienast) liegt auf dem Gipfel eines bewaldeten, 1847 Fuß hohen Granitfelsens gleichen Namens, 1/4 Meile südwestlich von Hermsdorf im Hirschberger Kreise. Die Vollendung des Baues dieser Burg durch Herzog Bolko 1. fällt um's Jahr 1302; sie ist niemals erobert worden, allein am 31. August 1675 ward sie durch einen Blitzstrahl zerstört.

Einer der frühesten Besitzer der Burg Kynast, eine ziemlich zweifelhafte Tradition nennt ihn Bruno von Scharfeneck, besaß nur eine einzige Tochter, Namens Kunigunde. Sie war sehr schön, aber auch sehr eigensinnig, denn ihr Vater hatte ihr als seinem einzigen Kinde in jeder Hinsicht unbeschränkte Willensfreiheit gelassen und sie nicht wie ein Mädchen, sondern wie einen Junker erzogen. Darum bestand ihr Hauptvergnügen und ihre Lieblingsbeschäftigung darin, Rosse herumzutummeln, mit Waffen zu spielen und dem Eber und Hirsch in den den Kynast umgebenden Wäldern nachzujagen.

Da trug es sich zu, dass ihr Vater in der Trunkenheit mit seinem Rosse die äußerste Mauer der Burg umreiten wollte, es aber versah und samt dem Pferde in den Abgrund hinabstürzte. Seine Tochter war untröstlich und ließ ihn in der fast unzugänglichen Tiefe am Höllengrunde, wo er aufgefunden worden war, zur Erde bestatten. Von diesem Augenblicke an aber ward sie nur noch unumgänglicher und abgeschlossener gegen alle mildern Regungen, fast täglich besuchte sie das Grab ihres Vaters und grollte mit den Felsen, die ihn getötet hatten. Da sie aber sehr reich war, so konnte es nicht fehlen, dass mancher Ritter nach ihrem Besitze lüstern ward, und so geschah es, dass sich bald eine große Anzahl von Freiern zusammenfand, die die reiche Erbin mit ihren Anträgen bestürmten. Sie glaubten ihre Bewerbung am besten dadurch unterstützen zu können, wenn sie nicht eher aus der Burg zu weichen erklärten, als bis die Besitzerin derselben sich für einen von ihnen ausgesprochen habe. So freigebig und gastfrei aber auch Kunigunde war, so ward ihr doch diese Zudringlichkeit sehr bald zur Last und darum erklärte sie, es sollten sich alle ihre Freier am St. Gertrudentag zusammen bei ihr einfinden, da wolle sie ihre Entscheidung kundgeben.

Als nun der verhängnisvolle Tag anbrach, da erschienen denn auch ihre Bewerber und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Kunigunde aber ersuchte sie, sich zu gedulden und vorerst mit ihr ein Mahl einzunehmen, um sich zu der feierlichen Handlung zu stärken. Selbstverständlich ward tüchtig auf die Gesundheit des künftigen Burgherrn getrunken, und als nun gegen das Ende des Mahles die Köpfe der Anwesenden von dem starken Wein erhitzt waren, da hob Kunigunde die Tafel auf und forderte ihre Gäste auf ihr zu folgen. Sie eilte in den Burghof hinab, ließ dort von den Knechten viele Fackeln anzünden und stieg nun außerhalb der Veste nicht ohne Anstrengung die grausige Felsschlucht hinab zum Grabe ihres Vaters. Dort kniete sie lautlos nieder, betete ein Vaterunser, ergriff dann ein Crucifix, welches der Burgkaplan, der sie an diesen Ort mitbegleitet hatte, ihr nachgetragen, hob es hoch in die Höhe, küsste es und sprach mit lauter Stimme: "Hier am Grabhügel meines edlen Vaters schwöre ich hoch und teuer, dass nur der mein Gemahl werden soll, der den obern Rand der Burgmauer, von der mein Vater herabgestürzt ist, glücklich umritten haben wird!"

Dadurch ward nun freilich die Heiratslust in mancher Brust gewaltig abgekühlt, und von den zahlreichen Bewerbern entfernten sich während der nächstfolgenden Nacht die meisten ohne Abschied zu nehmen. Allein einige blieben doch zurück, und wirklich bestieg einer von ihnen am dritten Tage sein Ross, um den schauerlichen Ritt zu wagen, wozu Kunigunde die Trompeten schmettern und einige Donnerbüchsen krachen ließ, während sie selbst aus dem Erker ihres Gemachs auf den Tollkühnen herabsah und ihm spöttisch viel Glück zum Brautritt wünschte. Wenn aber einmal der Reiter sein Ross über die Zugbrücke auf die verhängnisvolle Mauer gelenkt hatte, da hatte er auch den Pfad des Todes betreten, denn keiner von allen denen, welche den gefährlichen Ritt gewagt, kehrte jemals wieder, alle fanden wie Kunigundens Vater ihren Tod in dem Abgrunde.

Bald wurden aber keine Bewerber mehr auf der Burg gesehen und dies machte Kunigunden erst recht missmutig, weil sie sich ärgerte, dass Niemand mehr sein Leben um ihre Hand wagen möge. So verstrichen viele Monate, da meldete sich auf einmal wieder ein Ritter zu der gefährlichen Reitprobe. Als er in ihr Gemach trat und sich ihr vorstellte, da kam auf einmal ein sonderbares Gefühl über sie; sein Blick hatte gezündet, und nun bereute sie plötzlich die frevelhafte Aufgabe, welche sie ersonnen und bereits so viele Menschenleben gekostet hatte; allein sie konnte es nicht rückgängig machen, darum versuchte sie dem Ritter, der sich ihr übrigens nicht nennen wollte, abzureden und ihn durch die Schilderung der von ihm zu bestehenden Gefahr von seinem Unternehmen abwendig zu machen. Allein umsonst, er erklärte den Ritt wagen zu wollen.

Am nächsten Morgen mit Aufgang der Sonne war der fremde Ritter schon im Schlosshofe, sattelte sein Ross selbst, bestieg es in leichter Kleidung und ganz unbewaffnet und ritt, nachdem er seinen Knappen zärtlich umarmt, hinaus durch das Burgtor zur blutglänzenden Mauer. Alle Bewohner der Burg standen im Schlosshofe, unter ihnen Kunigunde, die das erste Mal in ihrem Leben für das Gelingen des kühnen Unternehmens still zu Gott betete; Niemand durfte sich jedoch der Mauer nähern, und so sah man denn den Ritter langsam die Burg umreiten, und als der erste Strahl der Sonne die Spitzen der hohen Burgtürme beleuchtete, da hatte der Ritter auch die verhängnisvolle Bahn durchritten und lenkte sein schweißbedecktes Ross von der Mauer zum Burgtore hinab, wo das Fräulein ohnmächtig vor Aufregung am Boden lag.

Der Knechte Jubelgeschrei und der Trompetenschall weckten sie aber bald und mit den Worten: "Edler Ritter, meines Vaters Tod ist an den tückischen Felsen gerächt und mein Schwur gelöst, hier habt Ihr meine Hand!" eilte sie ihm entgegen. Jener aber versetzte: "Wohl ist Euer Schwur gelöst und Euerem Stolze und frevelhaftem Übermut jetzt eine Schranke gesetzt, aber darum allein bin ich hierher gekommen, nicht um Euch und Euer Erbe zu erringen, denn ich, der Landgraf Adalbert von Thüringen, bin längst vermählt und würde auch, wenn ich dies nicht wäre, Euere blutige Hand niemals anrühren." Da stürzte Kunigunde zerknirscht auf die Kniee, und der Landgraf sprach: "Geht in Euch und sucht durch Frömmigkeit und gute Handlungen Gott für Euern Frevel zu versöhnen, wollt Ihr das aber nicht, so betretet selbst den Pfad, auf dem so viele Edle Eurer wegen ihr Leben gelassen haben, und sühnt das Blut durch freiwilligen Tod an derselben Stelle!" Damit wandte er sein Ross und verließ mit seinem Knappen das Felsenschloss.

Darüber nun, was jetzt mit Kunigunde geschehen, gibt es eine dreifache Sage. Nach der einen stürzte sie sich aus Verzweiflung, gekränktem Stolz und verschmähter Liebe in denselben Abgrund, wo ihr Vater und ihre Freier umgekommen waren; nach der andern ging sie in ein Kloster, starb nach kurzer Zeit am gebrochenen Herzen und wurde in derselben Felsschlucht begraben; nach der dritten aber hatte ihr der Landgraf seinen vermeintlichen Knappen, den Ritter Hugo von Erbach zum Ehegemahl empfohlen und ihr vier Wochen Bedenkzeit gegeben. Als nun Letzterer nach Ende des Termins zurückkehrte, reichte sie ihm ihre Hand und vermählte sich mit ihm; die Mauer ließ sie abbrechen, für die Seelen der gefallenen Ritter Messe lesen und suchte durch Liebe, Menschenfreundlichkeit und reichliche Almosen an die Armen ihren früheren Frevel zu sühnen und vergessen zu machen.

Wenn man auf den Kynast kommt, so bringen gewöhnlich die Kinder des Schlossverwalters ein ungestaltetes hölzernes weibliches Brustbild, einen Haubenstock mit Igelborsten statt der Haare. Dies soll die schöne Kunigunde vorstellen. Man wird von ihnen aufgefordert, das hässliche Bild zu küssen, und muss sich durch ein Geldgeschenk loskaufen.

Quelle: Johann Georg Theodor Grässe, Sagenbuch des Preußischen Staats. Erstdruck: Glogau, im Verlag von Carl Flemming 1868/1871. Zitiert nach: Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky. Großbibliothek (Digitale Bibliothek; 125) Berlin: Directmedia 2005, S. 194.145-194.151.

In der "Großbibliothek" finden sich auch zwei andere Fassungen der Sage:
* Johann Gustav Büsching (Volkssagen, Märchen und Legenden, Erstdruck Leipzig: Reclam 1812), S. 84813-84816.
* Ludwig Bechstein (Deutsches Sagenbuch. Erstdruck Leipzig: Georg Wigand 1853), S. 46890-46892.

Ludwig Bechstein hat die Sage zu einer Ballade gestaltet: Der Mauerritt. In: Gedichte von Ludwig Bechstein. Frankfurt a.M., Druck und Verlag von Johann David Sauerländer 1836, S. 263-268.

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Die Kynast-Sage. Rübezahl-Kunstverlag & Co., Hirschberg in Schlesien

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Die Kynast-Sage. Verso: Rübezahl-Kunstverlag Höckendorf & Co., Hirschberg i. Schl. Signet: RKH mit Rübezahl. 1606. Stempel: Burg Kynast 19.Aug.1926 Riesengebirge. Nicht gelaufen. — Text auf Vorderseite, unterzeichnet Dora Michel:

Auf der Burg in grauer Zeit,
Lebte Kunigunde,
Eine stolze Rittermaid.
Von ihr geht die Kunde:
»Der, der sie zum Weibe wollt,
Um die Zinne reiten sollt.«

Wohl gewagt hat's mancher Held,
Büßt' es noch zur Stunde,
Ross und Reiter lag zerschellt,
Tief im Höllengrunde.
Adalbert den Ritt vollbracht,
Doch die Maid er schnöd veracht.

Kunigund im Herzen wund,
Stürzt sich jäh hernieder
In den schroffen Höllengrund,
Kehrt als Geist nur wieder
Und umschwebt noch immer
Des Kynast's graue Trümmer.

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Kynastsage, Verlag Männich & Höckendorf Hirschberg Schlesien, Text von Max Tichatzky Hirschberg

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Kynastsage. Adressseite, Signet: Männich & Höckendorf Hirschberg Schl. Nr. 1607. Gelaufen. Poststempel unleserlich. - Auf diese Karte hat uns G. Tichatzky aufmerksam gemacht. - Text von Max Tichatzky, Hirschberg:

Auf der Kynastburg der alten,
Lebte einst vor langer Zeit,
Wie die Sage uns vermeldet,
Eine schöne Rittermaid,
Kunigunde heisst die Holde,
War als stolz und spröd' bekannt
Und kein Freier tat ihr passen
Ringsumher im ganzen Land.

Frevelnd liess sie einst verkünden,
Nur der Kühne wird mein Mann,
Der die Kynastburg umreitet
Auf der Zinnen schmaler Bahn,
Viele wollten sich erringen
Des Ritterfräuleins schöne Hand,
Doch sie stürzten taumelnd nieder
An der schroffen Felsenwand.

Und im Abgrund mit dem Tode
Büssten sie das Wagestück,
Fanden jammervolles Ende,
Statt erhofftem Liebesglück.
Da erschien ein neuer Ritter
Eines Tages auf dem Plan,
Führt den grausen Ritt zu Ende,
Hielt sein Ross im Burghof an.

Kunigunde wollt empfangen
Nun den Ritter als Gemahl;
Ihm beglückt die Hände reichen
Im geschmückten Rittersaal.
Doch der Ritter sprach: "Mit Nichten
Will ich Deine Hand zum Lohn,
Wer ein solches Opfer heischet
Aller Weiblichkeit zum Hohn,
Ist nicht Wert mein Weib zu heissen."

Verzweifelt drauf stürzt Kunigund
Von des Kynast's steilen Felsen,
Sich jählings in den Höllengrund.

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Sage von Kunigunde von Kynast. Hermann Goedsche: Schlesischer Sagen-, Historien- und Legendenschatz

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Schlesischer Sagen-, Historien- und Legendenschatz. Hrsg. von Herrmann Goedsche. Meissen, bei Fr. W. Goedsche 1840, Illustration nach S. 254. Ballade S. 253-257; Prosafassung S. 258-264. Digitalisiert durch Google.

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Theodor Körner:
Der Kynast

(Diese Sage vom Kynast, einer alten verfallenen Felsenburg an der nordöstlichen Seite des Riesengebirges, hat sich im Munde des Volkes erhalten. Fürchterlich in der Tat ist der Abgrund von der Schlossmauer hinab in das enge Felsental, das den Namen der Hölle führt und eine bedeutende Rolle in dieser Ballade spielen wird.
      Der Kynast ist vom Herzog Bolko von Schlesien im Jahre 1592 erbaut und dem Grafen Schaffgotsch geschenkt worden.
      Im Jahre 1675 brannte er ab und schmückt seitdem als eine der herrlichsten Ruinen die Gegend von Hirschberg.)

Es zieht ein Hauf
Zur Burg hinauf:
Was mögen die wandern und wallen?
Die Brücke fällt, das Tor geht auf:
Es sind Kunigundens Vasallen.
Sie kommen weit durchs ganze Land;
Die Herrin soll sich vermählen,
So wünscht das Volk; sie hat freie Hand,
Zu wählen,
An Würdigen kann es nicht fehlen.

Der Graf ist tot,
Das Land in Not,
Der Arm fehlt, die Mannen zu lenken;
Drum kommt zu der Gräfin das Aufgebot,
Die jungfräuliche Hand zu verschenken.
Viel edle Ritter werben um sie
Mit Zeichen des innigen Strebens,
Umschwärmen die Hohe spät und früh
Vergebens.
Jungfrau will sie bleiben zeitlebens.

Ein Trauerkleid wallt
Um die hohe Gestalt,
So empfängt sie den Zug der Vasallen.
Und als sie's vernommen, entgegnet sie bald:
»Wohl möcht' ich dem Volke gefallen;
Doch fordr' ich von meinem Freier ein Pfand,
Das darf mir keiner verwehren;
Erfüllt er's, so soll ihm Herz und Hand
Gehören.«
Es riefen die Ritter: »Lass hören!«

»Mein Vater stand
Auf der Mauer Rand« —
So begann sie — »und blickte hinunter
In die Hölle hinab, an der Felsenwand;
Da stürzt' ihn der Schwindel hinunter.
Drum wer mir mit Wünschen der Liebe naht —
Denn ich mag keine zweite Trauer —,
Der soll es beweisen mit kecker Tat:
Kein Schauer
Ergreif' ihn am Abgrund der Mauer.

So sei denn bekannt:
Dem gehört die Hand,
Der keck mit festen Schritten
Vorbei an der steilen Felsenwand
Auf der Mauer ums Schloss geritten;
Und wer es glücklich vollenden kann,
Der soll mich zur Kammer führen;
Doch soll mich liebend kein andrer Mann
Berühren!
Ich gelob' es mit heiligen Schwüren.«

Die Herrin schwieg,
Stolz auf den Sieg.
Still zogen die Männer von dannen;
Sonst mancher Freier den Kynast erstieg —
War allen die Lust vergangen.
Was die Gräfin gewünscht, das stand ihr frei,
Es schreckten des Rittes Gefahren;
Die Burg ward still, nun konnte sie treu
Nach Jahren
Des Vaters Gedächtnis bewahren.

Ein Jüngling allein
Fand bald sich ein,
Der war ihr treueigen geblieben.
Solch wackerer Mut kann nicht mehr sein
Und solch redliches Herz im Lieben;
Im ganzen Land war Graf Albert geehrt.
Er wagt es auf Leben und Sterben:
Der junge Degen den Ritt begehrt,
Zu werben
Um Liebe oder Verderben.

Die Gräfin erschrickt,
Wie sie den erblickt;
Sie dacht': »'s wird keiner es wagen.«
Und ihre Diener sie zu ihm schickt
Und lässt ihm den Ritt versagen.
Doch der Ritter erklärt sich frei und frank:
»Sie möcht' auf den Schwur sich besinnen;
Er wolle sterben oder den Dank
Gewinnen,
Er scheide nicht eher von hinnen.«

In höchster Not
Sie ihn zu sich entbot
Und beschwört ihn, die Augen voll Zähren:
»Zur Verzweiflung brächte mich Euer Tod,
O lasst meine Bitte gewähren!
Ich lieb' Euch nicht, ich bekenn' es frei,
Doch dauert mich Eure Jugend,
Und Euer Mut ist, bei Glauben und Treu',
Nicht Tugend,
Nein, tollkühn und Gott versuchend.

Es wäre zu viel.
Kein freches Spiel
Wollt' ich mit dem Leben treiben;
Ich wollte frei sein, das war mein Ziel;
Ich meinte, sie lassen's wohl bleiben.
Lass ab, wenn ich lieb dir und teuer bin,
Du wirst den Tod nur umarmen;
Es ist uns beiden doch kein Gewinn!
Erbarmen
Mit dir und mit mir — mir Armen!«

Sie lag vor ihm
Auf beiden Knien
Und beschwor ihn bei Himmel und Erde;
Doch Albert blieb immer fest und kühn
Und den furchtbaren Ritt begehrte.
»Nicht du bist schuld an meinem Tod,
In den ich mit Freuden gehe;
Ich gehorche der Liebe Zaubergebot,
Mir geschehe
Nun ewig wohl oder wehe!«

Er schwingt sich aufs Ross,
Der Knappen Tross
Kommt traurig ihm entgegen;
Den Jüngling beklagt das ganze Schloss,
Der Geistliche gibt ihm den Segen;
Und festlich schmückt man die jammernde Braut,
Die der kühne Graf will erwerben.
Da schmettern dreimal die Trompeten laut:
Sie werben
Zur Liebe oder zum Sterben.

Und er sprengt gewandt
Zu der Felsenwand,
Und das Ross setzt keck auf die Mauer.
Einen Kuss noch wirft er mit flüchtiger Hand,
Ihn fasst nicht Schwindel noch Schauer.
Sein wackres Ross geht Schritt für Schritt,
Es trägt den wackersten Knaben —
Da wankt ein Stein, das Ross wankt mit,
Und es haben
Die Felsen den Ritter begraben. — —

Die Gräfin sank,
Aller Sinne frank,
Es ergriff sie ein tödliches Fieber.
Sie siechte wohl viele Wochen lang,
Der Tod wär' ihr tausendmal lieber.
Und als sie endlich genesen war,
Da sind auch drei Brüder erschienen,
Die wollten die Braut durch Todesgefahr
Verdienen
Oder sterbend den Schwur versühnen.

»Lasst ab, lasst ab!
‚s ist euer Grab!«
So beschwor die Gräfin mit Zähren;
»Schon stürzte vor euch ein Wackrer hinab;
Wollt ihr meine Qual noch vermehren?
Und soll ich morden ein ganzes Geschlecht?
Nein, teilt euch in all meine Güter,
Nur besteht nicht auf diesem grässlichen Recht!
Drei Brüder
Sonst kehren dem Vater nicht wieder.

Nein, kehrt zum Glück,
Zum Vater zurück!«
So bat sie und warf sich zur Erde;
Doch schöner war sie mit Tränen im Blick,
Und jeder der Ritter begehrte:
»Wir sind aus einem edlen Geschlecht,
Und durfte der für dich sterben,
So fordern wir billig ein gleiches Recht;
Wir werben
Um Liebe oder Verderben!«

Der erste schickt
Sich zum Ritte und drückt
Den Brüdern noch scheidend die Hände;
Er schaut auf die Gräfin still entzückt,
Dann sprengt er zur Mauer behende.
Und noch ist er nicht zur Hälfte heran,
Und jammernd stehen die Brüder:
Das Ross, es bebt vor der grässlichen Bahn,
Stürzt nieder,
Und den Jüngling sieht keiner wieder.

Noch bebt das Herz
Im stummen Schmerz,
Da sprengt der zweite zur Mauer,
Und grässlich blickt er himmelwärts,
Es fasst ihn wie Todesschauer!
Doch erreicht er die Mitte - da blickt er hinab,
Und die Sinne sind ihm verschwunden;
Es bäumt sich das Ross, er stürzt hinab.
Tief unten
Da haben sich beide gefunden.

Und schreckenbleich,
den Toten gleich,
Steht alles und ringt die Hände;
Und die Gräfin zum dritten sich wendet gleich:
»O denkt Eurer Brüder Ende!
O lasst Euerm Vater das letzte Glück,
O lasst ihm den letzten Erben!
Die beiden kehren doch nimmer zurück;
Kein Werben
Um Liebe war's — nein, um Verderben!« —

Doch der Ritter spricht:
»Ich kenne die Pflicht
Und scheide nicht von den Lieben.
Vermeldet dem Vater die Trauergeschicht',
Und wir wären uns treu geblieben!«
So drückt er dem Pferde die Sporen ein,
Die Gräfin grüßt er noch heiter;
Und Reiter
Und Ross sah kein Auge weiter.

Die Gräfin sank
Sinnlos, todkrank
Noch am Abend aufs Siechbett nieder,
Und was ihr stets in die Ohren klang,
Das waren die Worte der Brüder.
Man zählte sie zu den Lebendigen kaum,
Wohl täglich ward's schlimmer und schlimmer;
Es quälte sie ein grässlicher Traum,
Und immer
Vernahm sie's wie Geistergewimmer:

»Ade, süße Braut!
Der Morgen graut.
Den Todeskuss auf die Wange!
Wir haben dich oben lieb angeschaut,
Wir harren deiner schon lange.«
So rief's ihr im Traume; doch endlich fand
Sich der Kräfte volleres Streben;
Sie erwachte neu an des Grabes Rand,
Dem Leben,
Der Freude nicht, wiedergegeben.

Sie warf den Blick
Auf ihr Leben zurück,
Sah überall Qual und Schmerzen.
Die Männer zerstörten ihr stilles Glück;
Da wuchs ihr der Hass im Herzen.
»In der Seele, da wohnten mir Frieden und Ruh',
Durch euch musst' er welkend sterben.
Nun könnt ihr ziehn, nun lass' ich es zu,
Könnt werben:
Ihr seid es wert, zu verderben!«

Drauf zogen viel
Zum gefährlichen Spiel:
Kalt ließ sie alle gewähren;
Doch keiner von allen kam ans Ziel,
Und keiner tät wiederkehren.
Die Gräfin sah kalt auf das große Grab,
Auf die tollkühnen Opfer nieder,
Kalt blieb sie auch, stürzte der Ritter hinab;
Die Brüder
Beweinte sie noch, keinen wieder.

Groß war schon die Zahl,
Die in grässlicher Wahl
Gebuhlt um Lieb' und Verderben. —
Da sprengt ein Ritter herauf aus dem Tal
Und lässt um den Ritt sich bewerben.
Er blickt gar fest in die nahe Gefahr,
Blickt fest in die Felsen hinunter;
Schwarz glüht das Auge, und goldenes Haar
Fließt unter
Dem Helme in Locken herunter.

Den Helden führt
Man reich geziert
Zur Gräfin, den Ritt zu verlangen.
Gar wunderbar fühlt sie sich plötzlich gerührt,
Es ergreift sie ein Sehnen und Bangen.
Und bald versteht sie die heimliche Qual,
Versteht die tiefen Schmerzen;
Denn die Liebe glüht ihr zum erstenmal
Im Herzen,
Und die lässt sich nicht verscherzen.

Und wie der Held
Zu Füßen ihr fällt
Und sie um den Ritt gebeten,
Kaum länger sich die Gräfin verstellt,
Die Tränen im Auge reden.
»Lasst ab von der Bitte, Herr Rittersmann!
Trotzt nicht dem Tode verwegen!
Und wenn ich's auch nicht versagen kann,
So mögen
Euch meine Bitten bewegen!« —

Doch jener spricht:
»Bestürmt mich nicht,
Und lasst mich immer gewähren!
Ich hab's geschworen, 's ist meine Pflicht,
Sonst darf ich nicht wiederkehren.«
»Und wenn ich auch nichts erbitten mag,«
Entgegnet die Gräfin mit Beben,
»So wartet nur bis den morgenden Tag;
Dem Leben
Könnt ihr diese Frist wohl geben.«

Im hohen Saal
Zum reichen Mahl
Führt sie den geliebten Ritter,
Und immer höher steigt ihre Qual;
Da ergreift der Gast die Zither
Und singt von der Liebe unendlicher Lust
Viel schöne, köstliche Lieder;
Und was er gesungen, klingt ihr in der Brust
Ewig wieder,
Und Feuer durchströmt alle Glieder.

Mit Tränen wacht
Sie die ganze Nacht.
Mit sich und der Liebe im Streite.
»Und wenn es gelänge, und hätt' er's vollbracht,
Ach, Herz! Du brächst in der Freude.
Die Lieb' ist ja mild wie das Sonnenlicht,
Lässt nicht ihre Treuen verderben;
Und müsst' er hinab, und könnt' er mich nicht
Erwerben,
Ich könnte doch mit ihm sterben.«

Der Morgen graut,
Da schmückt sich die Braut,
Den geliebten Mann zu empfangen.
Und wie sie den freudigen Helden erschaut,
Da glühen ihr höher die Wangen;
Sie fliegt ihm entgegen mit wildem Schmerz:
»Umsonst, dass ich länger mich sträube!
Ich gesteh' es frei: Dir gehört dies Herz,
Ich bleibe
Im Leben und Tod dir zum Weibe!«

Und glühend umfasst
Hält sie den Gast;
Der reißt sich ihr schnell aus den Armen:
»Noch geziemt mir nicht solche köstliche Last,
Ich darf die Braut nicht umarmen.
Horcht, Gräfin! horcht, welch festlicher Ton?
Der ladet zum Siegen — zum Sterben;
Die Trompeten rufen das Opfer schon,
Sie werben
Der Liebe Tod und Verderben!«

Der Geistliche bringt
Ihm den Segen; da schwingt
Sich der Ritter behende zu Pferde.
Er winkt Ade! Kunigunde sinkt
Besinnungslos zur Erde.
Doch setzt er kühn auf die Mauer hinan,
Als wär' sie wohl dreimal breiter,
Und es schreitet das Ross auf der grässlichen Bahn
Keck weiter,
Trägt glücklich zum Ziele den Reiter.

Ein Freudenlaut
Weckt die glückliche Braut,
Und sie stürzt dem Ritter entgegen:
»So hast du Gott und der Liebe vertraut,
Dich beschütze ihr heiliger Segen.
Dir ist es gelungen, ich folge dir gern,
Zum Leben , zur Liebe, zur Freude;
Der Kynast begrüßt dich als seinen Herrn!
Uns beide
Kein Stürmen des Lebens mehr scheide!«

Und der Ritter blickt streng
Auf das Freudengedräng':
»Nicht also will ich es enden!
Weg mit den Schalmeien und Hochzeitsgepräng'!
Das Blatt soll sich fürchterlich wenden.
Nicht nach der Braut gelüstete mir
Und dem Feierklange der Lieder;
Wo sind meine Freunde? Ich fordre von dir
Sie wieder,
Graf Albert und die drei Brüder!

Von deiner Hand
In den Tod gesandt —
Das durchfuhr wie Blitz meine Träume!
Mich lockte nicht deine blutige Hand;
Denn längst blüht ein Weib mir daheime.
Verschmähter Liebe unendlicher Schmerz —
Das hatt' ich bei Gott mir versprochen —,
Du solltest ihn fühlen! — Jetzt ist dein Herz
Gebrochen.
Sieg, Freunde! Ihr seid gerochen!«

Er spornt das Ross,
Es fliegt aus dem Schloss
Und lässt sie verzweifelnd zurücke.
Erschrocken steht der Diener Tross,
Wohl perlt es in manchem Blicke;
Und die Gräfin erwacht wie aus schwerem Traum,
Blickt gräßlich nach allen Seiten
Und wankt zur Mauer und hält sich kaum.
Von weitem
Die Diener die Gräfin begleiten.

Da spricht sie leis
Zum bekannten Kreis:
»Wohl hat sich die Liebe gerochen,
Wohl erkannt' ich des Lebens höchsten Preis;
Doch mein Herz ward treulos gebrochen.
Die unten dort sind mir angetraut.
Was soll ich die Hochzeit verschieben?
Empfangt das Opfer, empfangt die Braut!
Mein Lieben
Ist über der Erde geblieben!« —

Und sie stürzt sich hinab
Ins Felsengrab;
Da klingt es wie Geistergeflüster:
»Die Braut ist gekommen, den Kranz herab!
Was, Liebchen, bist du so düster?
Nun ist das Hoffen und Sehnen verkürzt,
Nun mag sich die Jungfrau vermählen;
Du hast dich uns selbst in die Arme gestürzt:
Kannst wählen,
Der Braut soll's am Liebsten nicht fehlen.«

Quelle:
Körners Werke in zwei Teilen. Auf Grund der Hempelschen Ausgabe neu herausgegeben mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von Augusta Weldler-Steinberg. Berlin u.a.: Deutsches Verlagshaus Bong & Co. o.J. Hier Tl. I, S. 161-171.

Autor:
Körner, Karl Theodor, Dichter, geboren 23. September 1791 zu Dresden, studierte 1808-10 auf der Bergakademie in Freiberg, dann in Leipzig, wirkte seit 1811 in Wien als Theaterdichter, trat 1813 als Freiwilliger in das Lützowsche Korps, 17. Juni bei Kitzen verwundet, fiel beim Dorf Lützow unweit Gadebusch 26. August 1813, bei Wöbbelin begraben. Am vorzüglichsten seine Kriegs- und Vaterlandslieder, hg. von seinem Vater u. d. T. »Leier und Schwert« (1814); schrieb außerdem die Trauerspiele »Zriny«, »Rosamunde« und kleine Lustspiele.

Brockhaus Kleines Konversations-Lexikon. Elektronische Volltextedition der fünften Auflage von 1911 (Digitale Bibliothek; 50) Berlin: Directmedia 2004, S. 39.853.

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3. Friedrich Rückert:
Die Begrüßung auf dem Kynast

 

Friedrich Rückert, Die Begrüßung auf dem Kynast. Illustration von Adolf Ehrhardt

Sie sprach: Ich will nicht sitzen im stillen Kämmerlein,
Das Fräulein Kunigunde von Kynast!
Ich will zur Jagd ausreiten, zu Rosse sitzt sich's fein,
Das Fräulein Kunigunde!

Sie sprach: Wer mich will freien, der soll ein Ritter sein,
Das Fräulein Kunigunde von Kynast!
Der um den Kynast reitet, und bricht nicht Hals und Bein.

Es ritt ein edler Reiter wohl um den Mauerrand;
Das Fräulein Kunigunde von Kynast!
Das Fräulein sah ihn stürzen, und zuckte nicht die Hand.

Und wieder ritt ein Ritter wohl um die Zinnen her;
Das Fräulein Kunigunde,
Das Fräulein sah ihn stürzen, ihr Herz ward ihr nicht schwer.

Und aber ritt ein Ritter, und noch ein Ritter ritt;
Das Fräulein Kunigunde,
Sie sah es ohne Grausen, wie er zum Abgrund glitt.

Das währte lange Zeiten, es kam kein Ritter mehr;
Das Fräulein Kunigunde,
Man wollt' um sie nicht reiten, der Brautritt war zu schwer.

Sie stand auf hohen Zinnen und sah in's Land hinaus,
Das Fräulein Kunigunde von Kynast!
Will Niemand mich gewinnen? ich bin allein zu Haus.

Ist Niemand, der will reiten, erreiten seine Braut?
Das Fräulein Kunigunde von Kynast!
O weh der feigen Ritter, die vor dem Brautritt graut!

Es sprach vom Thüringlande der Landgraf Adelbert:
Das Fräulein Kunigunde von Kynast!
Es ist das stolze Fräulein wohl eines Rittes wert.

Sein Rösslein lehrt' er gehen auf schmalem Felsgestein:
Das Fräulein Kunigunde von Kynast!
Das Fräulein soll nicht sehen uns brechen Hals und Bein.

Sieh her, o edles Fräulein, ich bin's, der reiten will!
Das Fräulein Kunigunde,
Sie sah zu Ross ihn halten, und ward so ernst und still.

Sie sah ihn sich bereiten zum Ritt, und bebte sehr,
Das Fräulein Kunigunde:
O weh, dass ich den Brautritt gemacht hab' also schwer!

Da ritt er um den Kynast, den Blick sie wendet' ab,
Das Fräulein Kunigunde!
O weh mir um den Ritter, er reitet in sein Grab!

Da ritt er um den Kynast, wohl um den Mauerrand;
Das Fräulein Kunigunde!
Sie wagte nicht zu zucken mit ihrer weißen Hand.

Da ritt er um den Kynast, rings um die Zinnen gar;
Das Fräulein Kunigunde!
Sie wagte nicht zu atmen, als brächt' es ihm Gefahr.

Da ritt er um den Kynast, und ritt zu ihr herab.
Das Fräulein Kunigunde von Kynast:
Gelobt sei Gott vom Himmel, der dir das Leben gab!

Gelobt sei Gott vom Himmel, dass du nicht rittst in's Grab!
Das Fräulein Kunigunde:
Nun steig vom Ross, o Ritter, zu deiner Braut herab!

Da sprach der edle Ritter, er grüßt' herab vom Pferd,
Das Fräulein Kunigunde!
Dass reiten kann ein Ritter, das hab' ich dich gelehrt.

Nun warte bis ein andrer kommt wieder, der es kann!
Das Fräulein Kunigunde von Kynast!
Ich habe schon Weib und Kinder, und werde nicht dein Mann.

Der Ritter ritt von dannen, dem Ross gab er die Sporn;
Das Fräulein Kunigunde!
Das Fräulein sah ihn reiten, verging vor Scham und Zorn.

Jungfräulein ist sie blieben zur Buße für ihren Stolz,
Das Fräulein Kunigunde!
Zuletzt hat sie verwandelt sich in ein Bild von Holz.

Ein Bild, anstatt der Haare, bedeckt mit Igelhaut,
Das Fräulein Kunigunde von Kynast!
Das muss ein Fremder küssen, wenn er den Kynast schaut.

Wir bringen's ihm zu Küssen; und wenn davor ihm graut,
Das Fräulein Kunigunde von Kynast!
Muss er mit Geld sich lösen, wenn er nicht küsst die Braut,
Das Fräulein Kunigunde!

Quelle:
Deutsches Balladenbuch. Mit Holzschnitten nach Zeichnungen von Adolf Ehrhardt, Theobald von Oer, Hermann Plüddemann, Ludwig Richter und Carl Schurig in Dresden. 6. Aufl. Leipzig: Georg Wigand 1876, s. 218-220. Illustration von Adolf Ehrhardt. — Vgl. Gesammelte Gedichte von Friedrich Rückert. Bd. 3. 2. Aufl. Erlangen, Verlag von Carl Heyder 1839, S. 477-479.

Autor:
Rückert, Friedrich, Dichter, geboren 16. Mai 1788 zu Schweinfurt, habilitierte sich 1811 als Philolog an der Universität Jena, ging 1816 nach Stuttgart, 1818 nach Rom, lebte dann in Coburg, ward 1826 Prof. der orientalischen Sprachen in Erlangen, 1814 nach Berlin berufen, privatisierte seit 1849 in Neuses bei Coburg, gestorben dasselbst 31. Januar 1866; vorzüglicher Lyriker ( »Liebesfrühling«) und didaktischer Dichter (»Weisheit des Brahmanen«, 1836-39), ausgezeichnet durch große Gedankenfülle und ungemeine Sprachgewalt, unübertroffener Meister der Übersetzungskunst und der Nachbildung fremder, besonders orientalischer Dichtformen [...], weniger glücklich als Dramatiker.

Brockhaus Kleines Konversations-Lexikon. Elektronische Volltextedition der fünften Auflage von 1911 (Digitale Bibliothek; 50) Berlin: Directmedia 2004, S. 64.518. Gekürzt.

Illustrator:
Ehrhardt, Adolf, Maler, geboren 21. November 1813 in Berlin, gestorben 18. November 1899 in Wolfenbüttel, besuchte die Kunstakademie in Berlin und ging 1832 nach Düsseldorf, wo unter Friedrich Wilhelm von Schadows Leitung seine ersten Bilder entstanden. 1838 siedelte er nach Dresden über und nahm hier wesentlichen Anteil an der Ausführung der Wandgemälde Eduard Bendemanns im Thron- und Ballsaal des königlichen Schlosses. 1846 wurde er Professor an der Akademie. Er führte verschiedene Altargemälde für Kirchen und zahlreiche andre Gemälde aus, so: Tod des Sängers Rudello, nach Ludwig Uhland; Rinaldo und Armida; Karl d. Gr. an der Leiche seiner Gemahlin Fastrade; Ludwig der Bayer, Friedrich den Schönen in der Gefangenschaft aufsuchend; Luther mit den beiden Studenten im Bären zu Jena; Karl V. im Kloster etc. Außerdem lieferte er Kartons und Farbenskizzen zu Glasmalereien für Kirchen in England und eine große Anzahl von Illustrationen. Er gab Bouviers »Handbuch der Ölmalerei für Künstler und Kunstfreunde« (7. Aufl. 1895) neu heraus und schrieb: »Die Kunst der Malerei. Eine Anleitung zur Ausbildung für die Kunst« (2. Aufl. 1895).

Meyers Großes Konversations-Lexikon. Sechste Auflage 1905–1909 (Digitale Bibliothek; 100) Berlin: Directmedia 2003, S. 47.846. Gekürzt.

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Die Kynast-Sage. Schrödersche Kunstanstalt Wilh. Müller, Herischdorf im Riesengebirge

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Die Kynast-Sage. Verso: Nr. 1015 Schrödersche Kunstanstalt Wilh. Müller, Herischdorf i. Rsgb. Im Briefmarkenfeld: 534479. Nicht gelaufen. — Text auf Vorderseite, unterzeichnet K.B.:

Auf Burg Kynast erzählt die Sage
von einer schönen Kunigund':
Als Freiersmann käm' nur in Frage,
wer um die Zinnen reiten kunnt.
Den kühnen Ritt manch tapferer Ritter
im Höllengrund büßt mit dem Leib,
nur Adelbert vollbringt das Wunder,
verlässt darauf das schnöde Weib.
Verzweifelt stürzt sich Kunigunde
in Liebesweh den Grund hinab;
noch heut in mitternächt'ger Stunde
ihr Geist entsteigt dem kühlen Grab.

*****

4. Louise Otto:
Auf dem Kynast

Die Wolken hingen vom Gebirge nieder
Gespenstig ziehend um den finstern Wald,
Dampfende Nebel dehnten Riesenglieder
In grau und schwarz mit seltsamer Gestalt;
Doch hob sich draus auf waldumkränzter Höhe
Die alte Veste stolz und kühn hervor,
Dass sie die Wolken sich zu Füßen sehe
Als Weihrauch sie des Nebels Ziehn erkor.

Und durch die Nebel schritt ich ihr entgegen
Und durch die Wolken eilte ich ihr zu
Auf feuchten moosbedeckten Waldeswegen
Zu des Gebirges stiller Totenruh.
Bald klomm ich zu des Kynast höchstem Walle
Und ließ die Blicke schweifen in die Runde -
Da fuhr ich auf von eines Seufzers Schalle
Und vor mir stand sie - Fräulein Kunigunde.

»Viel Ritter kamen einst um mich zu werben,
Weil meine Schönheit, weil mein Gold sie zog;
Ich aber wollt als freie Jungfrau sterben,
Wenn nicht die Lieb mir mehr als Freiheit wog.
Drum sann ich, mich der Werber zu entschlagen,
Ein listiges ein finstres Mittel aus -
Sein Leben dacht ich würde keiner wagen,
Für mich nicht wagen einen blut'gen Strauß.

Doch kamen sie um Ruhm sich zu erringen,
Den Ritt zu wagen um des Walles Ring.
Doch konnte keinem je die Tat gelingen
Und einer nach dem andern unterging.
Da kam der eine, der mein Herz bezwungen,
Daß es für ihn in heißer Liebe schlug
Ich rief und hielt sein Knie ihm fest umschlungen
>Hier meine Hand - Halt ein! es ist genug!<

Er aber stieß mich fort und sprengt zum Rande
Und ihm gelang der unheilvolle Ritt -
Dann höhnt er mich, >Das tat ich dir zur Schande,
Zur Rache jedem, der hier Tod erlitt!<
Im Zorne schön noch wie ein Rachegott,
So sprach er es mit heldenstolzen Trieben -
Da trug ich still der Andern Hohn und Spott,
Doch trug ich nimmer das verratne Lieben!

Und wo der andren Ritter Leichen lagen,
Da eilt ich selber mir das Grab zu betten -
Nun muss ich nächtlich umgehn noch und klagen
Und Flüche hören an den öden Stätten;
Und war es doch mein einziges Verbrechen,
Nicht ohne Lieb zur Sklavin mich zu machen! -
Das wollten nur die stolzen Männer rächen,
Das ist's, was sie noch heut an mir verlachen!«

Das ist's rief ich, das wird noch heut beschworen -
Wir sind ja nichts - sie sind die Herrn der Welt.
Es wird das Weib zur Sklavin nur geboren.
So heißt der Spruch, das Urteil ist gefällt.
Und weh dem Weibe, das sich kühn vermessen
Und wo es liebt, sich liebend zu ergeben,
Das nennt man töricht nennt man pflichtvergessen,
Nie fehlt die Hand den ersten Stein zu heben.

Und weh dem Weibe, das sich kühn erhoben
Und frei nach einem andern Ziele strebt,
An einem andern Altar zu geloben
Ein höhres Fühlen, das sein Herz durchbebt.
Und weh dem Weibe, das mit festen Schritten
Sich ob der Knechtschaft Schranken stolz erhebt -
Ich weiß es, was ein solches Weib gelitten -
Ich weiß auch: nicht umsonst hat es gelebt.

Quelle:
Louise Otto: Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. Erstdruck Leipzig: Max Schäfer 1893. Hier zitiert nach: Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky. Großbibliothek (Digitale Bibliothek; 125) Berlin: Directmedia 2005, S. 419.239-419.241.

Autorin:
Otto, Louise, geboren 26. März 1819 in Meißen, gestorben 13. März 1895 in Leipzig, Schriftstellerin (Gedichte, Romane, u.a.: »Schloss und Fabrik« 1846), Journalistin und politisch wie sozialkritisch engagierte Frauenrechtlerin. 1858 Heirat mit August Peters, der an den Folgen des Zuchthausaufenthaltes, mit dem seine Teilnahme am Dresdner und Badischen Aufstand geahndet wurde, 1864 stirbt. 1865 Wahl zur Vorsitzenden des von ihr mitbegründeten Allgemeinen Deutschen Frauenvereins; mit Auguste Schmid Herausgeberin des Verbandsorgans »Neue Bahnen«.

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Riesengebirge, Burg Kynast. Kunstverlag F. Springer, Hirschberg-Cunnersdorf

Der Kynast vom Heerdberg mit Blick auf Hermsdorf. Kunstverlag Max Leipelt, Warmbrunn

Riesengebirge, Burgruine Kynast. Kunstverlag Max Leipelt, Warmbrunn

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Oben: [Ohne Titel.] Verso: Riesengebirge, Burg Kynast. Kunstverlag F. Springer, Hirschberg-Cunnersdorf. Nr. 41. Stempel: Burg Kynast Riesengebirge 24. Jul. 1927. Gelaufen. Poststempel 1927.
Mitte: Der Kynast vom Heerdberg mit Blick auf Hermsdorf. Verso: Kunstverlag Max Leipelt Warmbrunn. 3540. Nicht gelaufen.
Unten: Riesengebirge - Burgruine Kynast. Verso: Kunstverlag Max Leipelt Warmbrunn. No. 3579. Postkarte. Stempel: Burg Kynast im Riesengebirge 16. Aug. 1910. Nicht gelaufen.

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