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Jutta Assel | Georg Jäger

Johann Karl August Musäus und Ludwig Bechstein

Sagen von Rübezahl

Texte und Illustrationen

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Stand: Juni 2015

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Gliederung

1. Johann Karl August Musäus: Vierte Legende von Rübezahl. Mit einer Illustration von Ludwig Richter.
2. Ludwig Bechstein: Berggeist Rübezahl. Mit einem Gemälde von Moritz von Schwind.
3. Kurzbiographie von Musäus
4. Kurzbiographien von Ludwig Richter und Moritz von Schwind
5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

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1. Johann Karl August Musäus:
Vierte Legende von Rübezahl.
Mit einer Illustration von Ludwig Richter

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Rübezahl. Der Saechsische Kunstverein seinen Mitgliedern für das Jahr 1848. L[udwig] Richter gez[eichnet] u. radiert. Radierung, Höhe 53; Breite 36,7 cm. Dazu Brigitte Buberl: Erlkönig und Alpenbraut. Dichtung, Märchen und Sage in Bildern der Schack-Galerie (Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Studio-Ausstellung 12) München: Lipp 1989. Nr. 15.- Die Vorzeichnung wurde angeboten vom Buch + Kunstantiquariat E + R Kistner Nürnberg, Meisterzeichnungen o.J., S. 82f.

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[...] Eines Tages sonnte sich der Geist an der Hecke seines Gartens, da kam ein Weiblein ihres Weges daher in großer Unbefangenheit, die durch ihren sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte ein Kind an der Brust liegen, eins trug sie auf dem Rücken, eins leitete sie an der Hand, und ein etwas größerer Knabe trug einen ledigen Korb nebst einem Rechen, denn sie wollte eine Last Laub fürs Vieh laden. Eine Mutter dachte Rübezahl ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf, schleppt sich mit vier Kindern, und wartet dabei ihres Berufs ohne Murren, wird sich noch mit der Bürde des Korbes belasten müssen: das heißt die Freuden der Liebe teuer bezahlen!

Diese Betrachtung versetzte ihn in eine gutmütige Stimmung, die ihn geneigt machte, sich mit der Frau in Unterredung einzulassen. Sie setzte ihre Kinder auf den Rasen, streifte Laub von den Büschen, indes wurde den Kleinen die Zeit lang und sie fingen an heftig zu schreien. Alsbald verließ die Mutter ihr Geschäfte, spielte und tändelte mit den Kindern, nahm sie auf, hüpfte mit ihnen singend und scherzend herum, wiegte sie in Schlaf, und ging wieder an ihre Arbeit. Bald darauf stachen die Mücken die kleinen Schläfer, sie fingen ihre Symphonien vom neuen an: die Mutter wurde darüber nicht ungeduldig, sie lief ins Holz, pflückte Erdbeere und Himbeere, und legte das kleinste Kind an die Brust. Diese mütterliche Behandlung gefiel dem Gnomen ungemein wohl.



Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter Rücken ritt, wollte sich durch nichts befriedigen lassen, war ein störrischer eigensinniger Junge, der die Erdbeere, die ihm die liebreiche Mutter darreichte, von sich warf, und dazu schrie als wenn er gespießt wär. Darüber riss ihr doch endlich die Geduld aus: »Rübezahl«, rief sie, »komm und friss mir den Schreier.« Augenblicks versichtbarte sich der Geist in der Köhlergestalt, trat zum Weibe und sprach: »Hie bin ich, was ist dein Begehr?« Die Frau geriet über diese Erscheinung in groß Schrecken, wie sie aber ein frisches herzhaftes Weib war, sammlete sie sich bald und fasste Mut. »Ich rief dich nur«, sprach sie, »meine Kinder schweigen zu machen, nun sie ruhig sind bedarf ich deiner nicht, sei bedankt für deinen guten Willen«. »Weißt du auch«, gegenredete der Geist, »dass man mich hier ungestraft nicht ruft? Ich halte dich beim Wort, gib mir deinen Schreier dass ich ihn fresse, so ein leckerer Bissen ist mir lange nicht vorgekommen.« Drauf streckt' er die rußige Hand aus, den Knaben in Empfang zu nehmen.


Wie eine Gluckhenne, wenn der Weih hoch über dem Dache in den Lüften schwebt, oder der schäkerhafte Spitz auf dem Hofe hetzt, mit ängstlichen Gluchsen vorerst ihre Kücklein in den sichern Hühnerkorb lockt, dann ihr Gefieder emporsträubt, die Flügel ausbreitet und mit dem stärkern Feinde einen ungleichen Kampf beginnt: so fiel das Weib dem schwarzen Köhler wütig in den Bart, ballte die kräftige Faust und rief: »Ungetüm! das Mutterherz musst du mir erst aus dem Leibe reißen, eh du mir mein Kind raubest.« Eines so mutvollen Angriffs hatte sich Rübezahl nicht versehen, er wich gleichsam schüchtern zurück, dergleichen handfeste Erfahrung in der Menschenkunde war ihm noch nie vorgekommen. Er lächelte das Weib freundlich an: »Entrüste dich nicht! Ich bin kein Menschenfresser wie du wähnest, will dir und deinen Kindern auch kein Leids tun: aber lass mir den Knaben, der Schreier gefällt mir, will ihn halten wie einen Junker, will ihn in Sammet und Seide kleiden, und einen wackern Kerl aus ihm ziehn, der Vater und Brüder einst nähren soll. Fordre hundert Schreckenberger, ich zahl sie dir.«

»Ha!« lachte das rasche Weib, »gefällt Euch der Junge? Ja das ist ein Junge wie 'n Daus, der wär mir nicht um aller Welt Schätze feil.«

»Törin!« versetzte Rübezahl, »hast du nicht noch drei Kinder, die dir Last und Überdruss machen? Musst sie kümmerlich nähren, und dich mit ihnen placken Tag und Nacht.«

Das Weib: »Wohl wahr, aber davor bin ich Mutter, muss tun was meines Berufs ist. Kinder machen Überlast, aber auch manche Freude.«

Der Geist: »Schöne Freude! sich mit den Bälgen tagtäglich zu schleppen, sie zu gängeln, zu säubern, ihre Unart und Geschrei zu ertragen.«

Sie: »Wahrlich Herr! Ihr kennt die Mutterfreuden wenig, all Arbeit und Müh versüßt ein einziger freundlicher Anblick, das holde Lächeln und Lallen der kleinen unschuldigen Würmer. - Seht mir nur den Goldjungen da, wie er an mir hängt, der kleine Schmeichler! Nun ist er's nicht gewesen der geschrien hat. - Ach hätte ich doch hundert Hände, die euch heben und tragen und für euch arbeiten könnten, ihr lieben Kleinen!«

Der Geist: »So! Hat denn dein Mann keine Hände, die arbeiten können?«

Sie: »O ja, die hat er! Er rührt sie auch und ich fühl 's zuweilen.«

Der Geist aufgebracht: »Wie? Dein Mann erkühnt sich die Hand gegen dich aufzuheben? Gegen solch ein Weib? Das Genick will ich ihm brechen, dem Mörder!«

Sie lachend: »Da hättet Ihr traun viel Hälse zu brechen, wenn alle Männer mit dem Halse büßen sollten, die sich an der Frau vergreifen. Die Männer sind eine schlimme Nation, drum heißt's Ehstand Wehstand, muss mich drein ergeben, warum hab ich gefreit.«

Der Geist: »Nun ja, wenn du wusstest, dass die Männer eine schlimme Nation sind, so war's auch ein dummer Streich, dass du freitest.«

Sie: »Mag wohl! Aber Steffen war ein flinker Kerl, der guten Erwerb hatte, und ich eine arme Dirne ohne Heuratsgut. Da kam er zu mir und begehrte mich zur Eh, gab mir einen Wildemannstaler auf den Kauf und der Handel war gemacht. Nachher hat er mir den Taler wieder genommen, aber den wilden Mann hab ich noch.«

Der Geist lächelte: »Vielleicht hast du ihn wild gemacht durch deinen Starrsinn.«

Sie: »O den hat er mir schon ausgetrieben! Aber Steffen ist ein Knauser, wenn ich ihm einen Engelgroschen abfordere, so rasaunt er im Hause ärger als Ihr zuzeiten im Gebirge, wirft mir meine Armut vor, und da muss ich schweigen. Wenn ich ihm eine Aussteuer zugebracht hätte, wollt ich ihm schon den Daumen aufs Aug halten.«

Der Geist: »Was treibt dein Mann für ein Gewerbe?«

Sie: »Er ist ein Glashändler, muss sich seinen Erwerb auch lassen sauer werden, schleppt der arme Tropf die schwere Bürde aus Böhmen herüber jahrausjahrein, wenn ihm nun unterwegs ein Glas zerbricht, muss ich's und die armen Kinder freilich entgelten; aber Liebesschläge tun nicht weh.»

Der Geist: »Du kannst den Mann noch lieben, der dir so übel mitspielt?«

Sie: »Warum nicht lieben? Ist er nicht der Vater meiner Kinder? Die werden alles gut machen, und uns wohl lohnen, wenn sie groß sind.«

Der Geist: »Leidiger Trost! Die Kinder danken auch der Eltern Müh und Sorgen. Werden dir die Jungen den letzten Heller aus dem Schweißtuch pressen, wenn sie der Kaiser zum Heer schickt ins ferne Ungerland, dass die Türken sie erschlagen.«

Das Weib: »Ei nun das kümmert mich auch nicht, werden sie erschlagen, so sterben sie für den Kaiser und fürs Vaterland in ihrem Beruf; können aber auch Beute machen und der alten Eltern pflegen.«

Hierauf erneuerte der Geist den Knabenhandel nochmals; doch das Weib würdigte ihn keiner Antwort, raffte das Laub in den Korb, band oben drauf den kleinen Schreier mit der Leibschnur feste, und Rübezahl wandte sich als wollt er förder gehen. Weil aber die Bürde zu schwer war, dass das Weib nicht aufkommen konnte, rief sie ihn zurück: »Ich hab Euch einmal gerufen«, sprach sie, »so helft mir nun auch auf, und wenn Ihr ein Übriges tun wollt, so schenkt dem Knaben, der Euch gefallen hat, ein Gutfreitagsgröschel (x) zu einem paar Semmeln, morgen kommt der Vater heim, der wird uns Weißbrot aus Böhmen mitbringen.« Der Geist antwortete: »Aufhelfen will ich dir wohl, aber gibst du mir den Knaben nicht, so soll er auch keine Spende haben.« »Auch gut!« versetzte das Weib, und ging ihres Weges.

 

Anmerkung:
Gutfreitagsgroschen = Eine schlesische Münze, einen Dreier an Wert, welche ehedem die Fürsten von Liegnitz prägen und auf den Karfreitag an die Armen zum Almosen austeilen ließen.


Je weiter sie ging je schwerer wurde der Korb, dass sie unter der Last schier erlag, und alle zehn Schritte verschnauben musste. Das schien ihr nicht mit rechten Dingen zuzugehen, sie wähnte Rübezahl hab ihr einen Possen gespielt, und eine Last Steine unter das Laub praktiziert, darum setzte sie den Korb ab auf dem nächsten Rande und stürzt' ihn um; doch es fielen eitel Laubblätter heraus und keine Steine, also füllte sie ihn wieder zur Hälfte, und raffte noch so viel Laub ins Vortuch als sie darein fassen konnte; doch bald war ihr die Last von neuem zu schwer, sie musste nochmals ausleeren, welches die rüstige Frau groß Wunder nahm; sie hatte gar oft hochgepanste Graslasten heimgetragen, und solche Mattigkeit noch nie gefühlt. Demungeachtet beschickte sie bei ihrer Heimkunft den Haushalt, warf den Ziegen und den jungen Hipplein das Laub vor, gab den Kindern das Abendbrot, brachte sie in Schlaf, betete ihren Abendsegen, und schlief flugs und fröhlich ein.

Die frühe Morgenröte und der wache Säugling, der mit lauter Stimme sein Frühstück heischte, weckten das geschäftige Weib zu ihrem Tagewerke aus dem gesunden Schlaf. Sie ging zuerst mit dem Melkfasse ihrer Gewohnheit nach zum Ziegenstalle. Welch schreckensvoller Anblick! Das gute nahrhafte Haustier die alte Ziege, lag da rohhart und steif, hatte alle Viere von sich gestreckt und war verschieden; die Hipplein aber verdrehten die Augen grässlich im Kopfe, steckten die Zunge weit von sich, und gewaltsame Zuckungen verrieten, dass sie der Tod ebenfalls schüttele. So ein Unglücksfall war der guten Frau noch nicht begegnet, seitdem sie wirtschaftete; ganz betäubt von Schrecken sank sie auf ein Bündlein Stroh hin, hielt die Schürze vor die Augen, denn sie konnte den Jammer der Sterblinge nicht ansehen und erseufzte tief: »Ich unglückliches Weib was fang ich an! Und was wird mein harter Mann beginnen, wenn er nach Hause kommt? Ach hin ist mein ganzer Gottessegen auf dieser Welt!«

Augenblicklich strafte sie das Herz dieses Gedankens wegen. Wenn das liebe Vieh dein ganzer Gottessegen ist auf dieser Welt, was ist denn Steffen und was sind deine Kinder? Sie schämte sich ihrer Übereilung, lass fahren dahin aller Welt Reichtum, dachte sie, hast du doch noch deinen Mann und deine vier Kinder. Ist doch die Milchquelle für den lieben Säugling noch nicht versiegt, und für die übrigen Kinder ist Wasser im Brunnen. Wenn's auch einen Strauß mit Steffen absetzt und er mich übel schlägt, was ist's mehr als ein böses Ehestündlein; hab ich doch nichts verwahrlost. Die Ernte stehet bevor, da kann ich schneiden gehn, und auf den Winter will ich spinnen bis in die tiefe Mitternacht, eine Ziege wird ja wohl wieder zu erwerben sein, und habe ich die, so wird's auch nicht an Hipplein fehlen.

Indem sie das bei sich gedachte, ward sie wieder frohen Mutes, trocknete ab ihre Tränen, und wie sie die Augen aufhob, lag da vor ihren Füßen ein Blättlein, das flitterte und blinkte so hell so hochgelb wie gediegen Gold, sie hob es auf, besah 's, und es war schwer wie Gold. Rasch sprang sie auf, lief damit zu ihrer Nachbarin der Judenfrau, zeigt' ihr den Fund mit großer Freude, und die Jüdin erkannt's für reines Gold, schacherts ihr ab und zählt' ihr dafür zween Dicktaler bar auf den Tisch. Vergessen war nun all ihr Herzeleid. Solchen Schatz an Barschaft hatte das arme Weib noch nie im Besitz gehabt. Sie lief zum Becken, kaufte Strözel und Butterkringel und eine Hammelkeule für Steffen, die sie zurichten wollte, wenn er müd und hungrig auf dem Abend von der Reise käm. Wie zappelten die Kleinen der fröhlichen Mutter entgegen, da sie hereintrat und ihnen ein so ungewohntes Frühstück austeilte. Sie überließ sich ganz der mütterlichen Freude, die hungrige Kinderschar abzufüttern, und nun war ihre erste Sorge, das ihrer Meinung nach von einer Unholdin gesterbte Vieh beiseite zu schaffen, und dieses häusliche Unglück für dem Manne so lange als möglich zu verheimlichen. Aber ihr Erstaunen ging über alles, als sie von ungefähr in den Futtertrog sah und einen ganzen Haufen goldner Blätter darin erblickte. Wenn sie der griechischen Volksmärchen kundig gewesen wär, so würde sie leicht darauf geraten haben, dass ihr liebes Hausvieh an der Indigestion des Königs Midas gestorben sei. Ihr ahndete gleichwohl so etwas, darum schärfte sie geschwind das Küchenmesser, brach den Ziegenleichnam auf, und fand im Magenschlunde einen Klumpen Gold, so groß als einen Paulinerapfel, und so auch nach Verhältnis in den Mägen der Zicklein.

Jetzt wusste sie ihres Reichtums kein Ende; doch mit der Besitznehmung empfand sie auch die drückenden Sorgen desselben, sie wurde unruhig, scheu, fühlte Herzklopfen, wusste nicht ob sie den Schatz in die Lade verschließen oder in den Keller vergraben sollte, fürchtete Diebe und Schatzgräber, wollt auch dem Knauser Steffen nicht gleich alles wissen lassen, aus gerechter Besorgnis, dass er vom Wuchergeist angetrieben, den Mammon an sich nehmen und sie dennoch nebst den Kindern darben lassen möchte. Sie sann lange, wie sie's klug genug damit anstellen wollte, und fand keinen Rat.

Der Pfaff im Dorfe war der Schutzpatron aller bedrängten Weiber, der aus Gutmütigkeit, oder aus Neigung dem weibischen als dem schwächsten Werkzeug seine gebührende Ehre gab, und durchaus nicht gestattete, dass bengelhafte Ehekonsorten seine Beichttöchter misshandelten, sondern legte den ungestümen Haustyrannen, wenn Klage einlief, schwere Bußen auf, und nahm stets der Weiber Partei; auch hatte er die magische Hechtleber der Pönitenz bei dem mürrischen Steffen nie geschont, zu Nutz des guten Weibes den Asmodi aus der Ehekammer damit wegzuräuchern. Sie nahm also ihre Zuflucht zu dem trostreichen Seelenpfleger, berichtete ihm unverhohlen das Abenteuer mit Rübezahl, wie er ihr zu großem Reichtum verholfen, und was sie dabei für Anliegen habe, belegt' auch die Wahrheit der Sache mit dem ganzen Schatze, den sie bei sich trug. Der Pfaff kreuzte sich über das Wunderbare dieser Begebenheit mächtig, freute sich gleichwohl über das Glück des armen Weibes innig, rückte drauf sein Käpplein hin und her, für sie guten Rat zu suchen, um ohne Spuk und Aufsehen sie im ruhigen Besitz ihres Reichtums zu erhalten, und auch Mittel auszufinden, dass der zähe Steffen sich desselben nicht bemächtigen könne.

Nachdem er lange simuliert hatte, redet' er also; »Hör an meine Tochter, ich weiß guten Rat für alles. Wäge mir das Gold zu, dass ich's dir getreulich aufbewahre, dann will ich einen Brief schreiben in welscher Sprache, der soll dahin lauten; dein Bruder, der vor Jahren in die Fremde ging, sei in der Venediger Dienst nach Indien geschifft und daselbst gestorben, hab all sein Gut dir im Testament vermacht, mit dem Beding, dass der Pfarrer des Kirchspiels dich bevormunde, damit es dir allein und keinem andern zu Nutz komme. Ich begehre weder Lohn noch Dank von dir, nur gedenke, dass du der heiligen Kirche einen Dank schuldig bist für den Segen, den dir der Himmel bescheret hat, und gelob ein reiches Messgewand in die Sakristei.« Dieser Rat behagte dem Weibe herrlich, sie gelobte dem Pfarrer das Messgewand; er wog in ihrem Beisein das Gold, gewissenhaft bis auf ein Quintlein aus, legt' es in den Kirchenschatz, und das Weib schied mit frohem und leichten Herzen von ihm. [...]

[Rübezahl "trug groß Verlangen, das biedre Weib an ihn (Steffen) zu rächen, ihm einen Possen zu spielen, dass ihm Angst und Weh dabei würde, und ihn dadurch so kirre zu machen, dass er der Frau untertan würde, und sie ihm nach Wunsche den Daumen aufs Auge halten könne." Davon handelt der folgende, hier nicht wiedergegebene "Schabernack".

Quelle:
Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen. Nach dem Text der Erstausgabe von 1782-86. Mit den Illustrationen von Ludwig Richter, A. Schrödter, R. Jordan und G. Osterwald zur Ausgabe von 1842. Nachwort u. Anmerkungen von Norbert Miller. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1977. Text S. 234-243; Erläuterungen S. 844 f. — Digital in: Deutsche Märchen und Sagen. Herausgegeben von Hans-Jörg Uther. Zweite, verbesserte Auflage (Digitale Bibliothek; 80) Berlin: Directmedia 2004, S.36.653-36.664. — Online im Projekt Gutenberg.DE. — Absätze eingefügt, Rechtschreibung und Zeichensetzung behutsam modernisiert.

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2. Ludwig Bechstein:
Berggeist Rübezahl.
Mit einem Gemälde von Moritz von Schwind.


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Alte Postkarte. F. A. Ackermann's Kunstverlag, München. - Universal-Galerie, Serie 213b. - Nr. 2174. - M[oritz] v. Schwind: Rübezahl (Schackgalerie, München). Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1924. — Ölgemälde um 1845; Höhe 39,9, Breite 64,4 cm. Dazu Brigitte Buberl: Erlkönig und Alpenbraut. Dichtung, Märchen und Sage in Bildern der Schack-Galerie (Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Studio-Ausstellung 12) München: Lipp 1989. Nr. 17.

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Vom Kynast hat einer nicht weit auf das Gebirge zu wandern, darin des weit und breit genannten Berggeistes Rübezahl Reich ist. Von keinem Gespenst gehen so viele teils alte echte, teils neuersonnene Volkssagen. Zahlreich sind die Örtlichkeiten im Gebirge, an denen sein Name haftet; es steige einer nur vom Dorfe und Vitriolwerk Schreiberhau hinauf zum Elbfall, zu den Zackel- und Kochelfällen und zum großen Rad wie zur Koppe, da findet er unterwegs Rübezahls Festung, seinen Ball, seine Treppe, seine Steinkanzel, seinen Keller, Garten, Teich, Thron und dergleichen häusliche Niederlassungen mehr.

Rübezahl ist ein Proteus der deutsch-slawischen Mythe, allbekannt und doch noch nicht genau erkannt; eine Koboldnatur, gut und schlimm, mehr neckisch als tückisch, aber leicht reizbar und oft grausam in seiner Neckerei. Er erscheint in allen Gestalten der Waldleute, als Bergmann, Jäger, Holzhauer, Köhler, Reffträger, Führer, Bote, nicht minder als Mönch, als Moosmann, in Tiergestalt, er gebietet den Elementen wie allen Schätzen der Tiefe, deren Oberhüter er ist. Es ist eine bekannte Rede, daß dieser Geist den Namen Rübezahl nicht leiden könne und sich an denen empfindlich räche, die ihn damit rufen und höhnen, was ihm auch nicht zu verdenken ist, denn kein Gescheiter wird dulden, daß ihm der erste beste Laffe den ehrlichen Namen verhunze und verschände. Nun weiß aber kein Mensch den wahren Namen dieses Waldschrats, und so nannte man ihn den Herrn des Gebirges, den Herrn vom Berge, und die Kräutersammler nannten ihn Domine Johannes und verehrten ihn, da er den Kräutlern gar gute Wurzeln und Kräuter anzeigte, sie auch schöne Steine finden ließ, wenn er sie selbst gut und seiner Gaben wert befand.

Da der Gebirgsgeist den ihm aufgehängten Namen so wenig leiden und ertragen kann [...], so hat er zum öftern groben Schrollen, die es an ihn gebracht und ihn sogar zum Kehren der untersten Feuermauer eingeladen, gar schlimm und scharf gelohnt. Davon wäre viel zu erzählen. Einem dieser unsaubern und gemeinen Gesellen, der ihn förmlich schimpfte, schickte der Geist ein Hagelwetter auf den Hals; einem zweiten putzte er die Feueresse mit der Mistgabel aus; einem botanisierenden Mediziner brach er das Genick; einem Schäfer ließ er Ochsenhörner am Kopfe wachsen; einem Schneeberger Ratsdiener zog er die Ohren so hoch in die Höhe, dass sie genau die Ohrenlänge des güldenen Esels hatten. Ein Briefträger wurde vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht und bis zum andern Morgen um ein altes Zauberschloss in Ruinen herumgeführt; ein Bauer wurde zum Nasenkönig gemacht, der musste, wenn er sich schneuzen wollte, das Fazinettlein so weit vom Gesicht weghalten, als sein Arm langte. Einer Grasemagd, die im Walde Spottliedlein auf den Berggeist sang, nahte er sich als Buhle, griff ihr unters Kinn und heftete ihr einen Ziegenbart an, den sie ihr Lebelang tragen mußte. Bauern, die ihn geschmäht, lenkten sich, als sie in der Scheune droschen, unwillkürlich die Flegel nicht aufs Getreide, sondern auf ihre Köpfe und Buckel, so dass sie mehr blaue Flecke als Körner ausdroschen, und solcher Strafen verhängte er, wenn er gereizt war, oft und viele.

Quelle:
Bechstein, Ludwig: Deutsches Sagenbuch (1853). In: Deutsche Märchen und Sagen. Hrsg. von Hans-Jörg Uther. Zweite, verb. Auflage (Digitale Bibliothek; 80) Berlin: Directmedia 2004, S. 8883-8885. Redigiert, Absätze eingefügt.

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Einen Überblick über die Märchen- und Sagenmotive
im Goethezeitportal finden sie hier.

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3. Kurzbiographie von Musäus


Johann Karl August Musäus. Kupferstich von Joh. H. Lips. In: Goethe. Eine Biographie in Bildnissen. Sonderdruck aus der zweiten Auflage von Könneckes Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur. Marburg: Elwert 1900, S.15. Vgl. Joachim Kruse: Johann Heinrich Lips 1758-1817. Ein Zürcher Kupferstecher zwischen Lavater und Goethe (Kataloge der Kunstsammlungen der Veste Coburg). Coburg 1989, Nr. 112./p>

Johann Carl August Musäus. Dieser Lieblings-Schriftsteller der Deutschen in der schönen Literatur wurde im Jahr 1735 zu Jena geboren, wo sein Vater Landrichter war. In seinem neunten Jahre nahm ihn sein Vetter, der Superintendent Weissenborn zu Altstädt, zu sich; und als dieser nach einem Jahre General-Superintendent zu Eisenach ward, so zog der junge Musäus auch mit dahin, und blieb in dem Hause seines Wohltäters, von welchem er eine anständige Erziehung erhielt, bis in sein 19 Jahr. Jetzt ging Musäus nach Jena und studierte daselbst Theologie. Er kehrte nach vierthalb Jahren zu seinen Eltern zurück, lebte darauf einige Jahre als Kandidat des Predigtamts zu Eisenach, und predigte oft mit Beifall daselbst. Er sollte darauf Pfarrer zu Pfarrode bei Eisenach werden; allein die Bauern nahmen ihn nicht an, weil er einmahl getanzt hatte. Im Jahr 1763 kam er als Pagenhofmeister nach Weimar, und nach 7 Jahren als Professor ans Gymnasium. Nun heiratete er, und bekam 2 Söhne. Sein Tod erfolgte im Oktober 1787, und rührte von einer höchst seltenen Krankheit, von einem Polypen am Herzen, her.

Seine physiognomischen Reisen, Volksmährchen und Straußfedern gehören unter unsre originellsten, launigsten und unterhaltendsten Schriften; Neuheit, Leichtigkeit und edle Gesinnungen herrschen darin in seltener Harmonie.

Seine beschränkte Lage und die Dürftigkeit, in welcher er sein ganzes Leben zubrachte, raubten ihm bei seinem ohnedies furchtsamen Charakter das vernünftige Selbstvertrauen: er war der Letzte, der sich von dem inneren Werte seiner Schriften überzeugte; und nur sein kärgliches Auskommen bewog ihn, als Schriftsteller aufzutreten. Als Mensch war Musäus heiter und aufgeweckt, und trotzte allen Beschwerden des Körpers und seiner drückenden Lage. Nach seinem Tode gab Herr Bertuch seine moralische Kinderklapper (eine vortreffliche Sammlung von Kindererzählungen), und Herr von Kotzebue seine nachgelassenen Schriften mit einer Nachricht von seinem Leben heraus.

Quelle:
Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch. 1. Auflage 1809-1811. Neusatz und Faksimile (Digitale Bibliothek; 131) Berlin: Directmedia 2005, S. 3265 f. Redigiert.

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Musäus, Johann Karl August, Schriftsteller, geboren 29. März 1735 in Jena, gestorben 28. Oktober 1787 in Weimar, studierte seit 1754 in Jena Theologie, wurde 1763 Pagenhofmeister am weimarischen Hof, 1770 Professor am dortigen Gymnasium.

Seine erste literarische Veröffentlichung war: »Grandison der Zweite« (1760-62, 2 Bde.; später umgearbeitet: »Der deutsche Grandison«, 1781-82, 2 Bde.), womit er dem schwärmerisch-sentimentalen Enthusiasmus für den gleichnamigen Roman des Engländers Richardson satirisch entgegenwirken wollte. Dann folgten die gegen Lavater gerichtete Satire »Physiognomische Reisen« (1778-79, 4 Hefte) und die »Volksmärchen der Deutschen« (1782-86, 5 Bde., u. ö.), welche die aus dem Volksmund genommenen Märchen- und Sagenstoffe keineswegs in naiv volksmäßiger Gestalt wiedergeben, sie vielmehr in Wielands Manier mit allerlei satirischen Streif- und Schlaglichtern ausstatten, aber dennoch durch joviale Laune, liebenswürdige Schalkhaftigkeit und lebendige Anmut des Vortrags, die aus ihnen spricht, einen eigentümlichen Reiz besitzen. Unter Musäus übrigen Schriften sind hervorzuheben: »Freund Heins Erscheinungen in Holbeins Manier« (1785), Darstellungen mehr betrachtender als erzählender Manier, und die Sammlung von Erzählungen: »Straußfedern« (1787, Bd. 1). Seine »Nachgelassenen Schriften« wurden mit Charakteristik herausgegeben von seinem Verwandten und Zögling August von Kotzebue (1791).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon. Sechste Auflage 1905-1909 (Digitale Bibliothek; 100) Berlin: Directmedia 2003, S. 134.886 f. Gekürzt, redigiert.

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Johann Karl August Musäus. Gipsbüste von Gottlieb Martin Klauer, um 1784. Goethe-Nationalmuseum, Weimar. In: Paul Ortwin Rave: Das geistige Deutschland im Bildnis. Das Jahrhundert Goethes. Berlin: Verlag des Druckhauses Tempelhof 1949, S.89.

4. Kurzbiographien von Ludwig Richter
und Moritz von Schwind

Richter, Ludwig, Landschafts- und Genremaler und Illustrator, geboren 28. September 1803 zu Dresden, 1841-77 Prof. an der Kunstakademie daselbst, gestorben 19. Juni 1884 zu Loschwitz; bekannt durch zahlreiche Holzschnittillustrationen zu volkstümlichen Dichtungen, Märchen etc., voll Gemütstiefe, Humor und Schönheitssinn.

Quelle:
Brockhaus Kleines Konversations-Lexikon. Elektronische Volltextedition der fünften Auflage von 1911 (Digitale Bibliothek; 50) Berlin: Directmedia 2004, S.63.114.

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Schwind, Moritz von, Maler und Zeichner, Vertreter der deutschen Romantik, geboren 21. Januar 1804 zu Wien, seit 1847 Prof. an der Akademie zu München, gestorben daselbst 8. Februar 1871. Entwürfe zur Ausschmückung des Schlosses Hohenschwangau und der Wartburg (Sängerkrieg, Szenen aus dem Leben der heiligen Elisabeth); Staffeleibilder (Ritter Kurts Brautfahrt, Die Hochzeitsreise); zyklische Kompositionen zu »Aschenbrödel«, »Die sieben Raben«, »Die schöne Melusine«, Kartons zu Glasmalereien.

Quelle:
Brockhaus Kleines Konversations-Lexikon. Elektronische Volltextedition der fünften Auflage von 1911 (Digitale Bibliothek; 50) Berlin: Directmedia 2004, S.68.664.

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Rübezahl
Illustriert von J. Felix Elßner
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6797

 

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5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

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Ludwig-Maximilians-Universität München
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