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Jutta Assel | Georg Jäger

Sagen-Motive auf Postkarten

Der Jungfernsprung auf dem Oybin

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Stand: Februar 2016

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Der Jungfernsprung auf dem Oybin. Mit nachstehendem Gedicht von Eduard Dietrich. Verso: Verlag des Oybin-Museums. Nachdruck verboten. Stempel: Berg Oybin, Inh. Carl Schreinert. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1927.

Eduard Dietrich
Der Jungfernsprung auf dem Oybin

Es war einmal ein Jungfräulein
Aus einem nahen Städtchen,
Die war so nett, so zart und fein,
Es war ein hübsches Mädchen!

Die ging einst nach dem Oybin hin,
Um sich dort umzuschauen.
Auch wollte sie mit frommem Sinn
Im Kirchlein sich erbauen.
   
Dort sah das schöne Jungfräulein
Ein junger Mönch aus Schwaben.
Der glaubt' es wär' ein Engelein
Und wollte es gleich haben.
   
Das Jungfäulein erschrack [!]gar sehr
Und machte sich von hinnen.
Der Mönch jedoch lief hinterher,
Als wär' er nicht bei Sinnen.
   
Und fort ging es im schnellsten Lauf.
Da plötzlich Halt sie machte,
Ein jäher Abgrund that sich auf,
Doch resolut sie dachte:
   
"Ach was, nur Muth, bald ist's gethan,
Ich spring hinab zu Erden.
Ich hab' ja einen Reifrock an,
Das kann so schlimm nicht werden!"
   
Und kaum gedacht, war sie auch schon
Hinab mit einem Satze.
Der liebestolle Klostersohn
Zerkratzte sich die Glatze.
   
Dem Jungfräulein der Sprung gelang,
Sie eilte rasch nach Hause. –
Der Mönch schlich sich mit leisem Gang
In seine stille Klause.

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Gliederung

1. Jacob und Wilhelm Grimm: Der Jungfernsprung
2. Ludwig Bechstein: Sprungsage vom Oybin
3. Weitere Varianten der Sage
4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

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Jungfernsprung auf dem Oybin

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Jungfern-Sprung auf dem Oybin. Mit nachstehendem Gedicht. Verso: Rübezahl-Druckerei u. Verlag Paul Höckendorf, Hirschberg i. Rsgb. No. 2601. Stempel: Berg Oybin. Inh. Carl Schreinert. Gelaufen. Poststempel 1929.

Ein Mädchen ging nach dem Oybin,
Dort wollt' sie ihren frommen Sinn
Im Kirchlein recht erbauen
Und dann den Berg beschauen.

Da plötzlich trat ihr in die Quer
Ein schnöder junger Mönch und der
Wollt sie bethörn und küssen
Mit Schmeichelein und Rissen.

Die Jungfer floh vor diesem Bär,
Der tolle Mönch dicht hinterher, -
Doch stand sie bald mit bleichem Munde
Vor einem dunklen tiefen Grunde.

"O Himmel, rief sie, gieb mir Krafft,
Damit mich nicht der Mönch errafft,
Spring ich jetzt froh und munter
Vom Felsen hier hinunter!"

Die Jungfer sprang, ihr Sprung gelang,
Dem Herrgott sagt' sie ihren Dank.
Der Mönch tat mir den Tatzen,
Die Glatzen sich zerkratzen.

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1. Jacob und Wilhelm Grimm
Der Jungfernsprung

In der Lausitz unfern der böhmischen Grenze ragt ein steiler Felsen, Oybin genannt, hervor, auf dem man den Jungfernsprung zu zeigen und davon zu erzählen pflegt:
      Vorzeiten sei eine Jungfrau in das jetzt zertrümmerte Bergkloster zum Besuch gekommen. Ein Bruder sollte sie herumführen und ihr die Gänge und Wunder der Felsengegend zeigen; da weckte ihre Schönheit sündhafte Lust in ihm, und sträflich streckte er seine Arme nach ihr aus. Sie aber floh und flüchtete, von dem Mönche verfolgt, den verschlungenen Pfad entlang; plötzlich stand sie vor einer tiefen Kluft des Berges und sprang keusch und mutig in den Abgrund. Engel des Herrn faßten und trugen sie sanft ohne einigen Schaden hinab.
      Andere behaupten: Ein Jäger habe auf dem Oybin ein schönes Bauermädchen wandeln sehen und sei auf sie losgeeilt. Wie ein gejagtes Reh stürzte sie durch die Felsengänge, die Schlucht öffnete sich vor ihren Augen, und sie sprang unversehrt nieder bis auf den Boden.
      Noch andere berichten: Es habe ein rasches Mädchen mit ihren Gespielinnen gewettet, über die Kluft wegzuspringen. Im Sprung aber glitschte ihr Fuß aus dem glatten Pantoffel, und sie wäre zerschmettert worden, wo sie nicht glücklicherweise ihr Reifrock allenthalben geschützt und ganz sanft bis in die Tiefe hinuntergebracht hätte. 

Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Nr. 321: Der Jungfernsprung. Online im Projekt Gutenberg.Spiegel.de.

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2. Ludwig Bechstein
Sprungsage vom Oybin

Der hohe Berg Oybin – anderthalb Stunden, und was der Fuchs, der sie gemessen, noch dreingegeben, von Zittau – erhebt sich stolz und prachtvoll inmitten eines herrlichen Gebirgskranzes; in alter Zeit ward ein Jagdhaus auf ihm erbaut durch einen Ritter, Quahl von Berka, dann eine Raubburg, die ein Eigen wurde der Herren von Leipa. Dieser Burg erwies Kaiser Karl IV. die große Ehre, sie in höchsteigner Person zu belagern und sie zu zerstören. Noch zeigt man droben das Kaiserbette und den Kaiserstuhl, zwei aussichtreiche Felsensitze, darauf Se. Majestät geruhet haben, der Zerstörung des festen Bergschlosses zuzusehen. Zugleich schien die Gelegenheit des Ortes dem frommen Herrn ganz geeignet zur Anlage eines Klosters; er gründete dies und besetzte es mit zwölf Brüdern Zölestinermönchen, welchen der himmelnahe Aufenthalt um so mehr zusagte, als alle Ortschaften umher dem Kloster Oybin unzählige Lammsbäuche und Michelshühner zinsen mußten. Damals ward die schöne, reichgeschmückte Klosterkirche gebaut, deren eine Längenwand ganz aus dem Felsen gehauen ist. Neben ihr hin führt ein Gang zu einer Stelle über einen schauervollen Abgrund, und dieser heißt der Jungfernsprung.
      Hier wagte eine verfolgte Jungfrau den entsetzlichen Sprung in die Tiefe, und zum Lohn ihrer keuschen Tugend wurde sie wundersam gerettet. Die Sage, welche dies erzählt, läßt ungewiß, ob ein Oybiner Zölestiner dies arme unschuldige Lamm für ein Zinshuhn, auf das er ein Recht habe, ansah und deshalb verfolgte, oder ob ein Ritter oder aber ein Jäger so unritterlich handelte, die Unschuld in solche Todesgefahr zu bringen, wie dort am Jungfernsprung bei Arnstadt, bei dem ganz nahe auch ein Felsgipfel der Königsstuhl und etwas entfernter ein Felsen der Ritterstein heißt.

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Erstausgabe 1853. Hier nach der Ausgabe von Karl Martin Schiller 1930. Nr. 636. Quelle: CD-ROM: Deutsche Märchen und Sagen. Hg. Von Hans-Jörg Uther (Digitale Bibliothek; 80) Berlin: Directmedia Publishing, S. 8873 f.).

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Einen Überblick über die Märchen- und Sagenmotive
im Goethezeitportal finden sie hier.

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3. Weitere Varianten der Sage

Weblinks:
* Oybin: Lexikoneinträge, Klostergeschichte, Sagen in Wikisource

Die CD-ROM "Deutsche Märchen und Sagen" (Hg. von Hans-Jörg Uther [Digitale Bibliothek; 80] Berlin: Directmedia Publishing [ISBN 3-89853-480-4]) enthält weitere Varianten der Sage.

Bei Johann Georg Theodor Grässe (Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen. Zum ersten Male in der ursprünglichen Form aus Chroniken, mündlichen und schriftlichen Ueberlieferungen und anderen Quellen. 2. Aufl., Dresden: Schönfeld 1874, S. 226f.; S. 15938f. nach der Seitenzählung der CD) heißt es über den glücklichen Sprung in die Tiefe:

Im Springen nun glitschte ihr Fuß aus dem glatten Pantoffel und sie fiel hinunter. Da sie aber nach damaliger Sitte einen tüchtigen Steif- oder Reifrock anhatte, der sie vor dem schnellen Falle schützte, so ward sie durch Hülfe desselben herniedergeschoben und vollendete diese ansehnliche Tour von ohngefähr 40 Fuß Tiefe ganz ohne Nachtheil.

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Besuchen Sie auch die thematisch verwandte Seite
Die Roßtrappe
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3291
sowie
Orte kultureller Erinnerung: Oybin
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6773

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4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

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Kontaktanschrift:

Prof. Dr. Georg Jäger
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Deutsche Philologie
Schellingstr. 3
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E-Mail: georg.jaeger07@googlemail.com

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