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Jutta Assel | Georg Jäger

Moritz Retzsch
Schillers "Gang zum Eisenhammer" in Umrissen

Stand: April 2015
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Eight
Outlines
to
Schiller's Fridolin,

by
MORITZ RETZSCH.
Black and Armstrong Foreign Booksellers to the King,
8, Wellington Street North.
1837.

 





Mäppchen mit acht fadengehefteten Blättern und einer Seite Anzeigen. Größe der Blätter: Höhe 21,8; Breite 31 cm.

Die Ballade "Der Gang zum Eisenhammer" wurde am 25. September 1797 beendet und im Musenalmanach 1798 erstveröffentlicht. Quelle: Rétif de la Bretonne: Les Contemporaines ou aventures des plus jolies femmes de l'âge présent, 1780.

Gliederung

1. Umrisse mit Bezugstexten
2. Text von Schillers "Gang zum Eisenhammer"
3. Kurzbiographie von Moritz Retzsch
4. Anmerkungen zu literarischen Umrissbildfolgen
5. Rezension im Kunst-Blatt, 1824

 


 

1. Umrisse mit Bezugstexten

 

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2. Text von Schillers "Der Gang zum Eisenhammer

Der Gang zum Eisenhammer

Ein frommer Knecht war Fridolin
Und in der Furcht des Herrn
Ergeben der Gebieterin,
Der Gräfin von Savern.
Sie war so sanft, sie war so gut,
Doch auch der Launen Übermut
Hätt er geeifert zu erfüllen,
Mit Freudigkeit, um Gottes willen.
   
Früh von des Tages erstem Schein,
Bis spät die Vesper schlug,
Lebt' er nur ihrem Dienst allein,
Tat nimmer sich genug.
Und sprach die Dame: "Mach dirs leicht!"
Da wurd ihm gleich das Auge feucht,
Und meinte seiner Pflicht zu fehlen,
Durft er sich nicht im Dienste quälen.
   
Drum vor dem ganzen Dienertroß
Die Gräfin ihn erhob,
Aus ihrem schönen Munde floß
Sein unerschöpftes Lob.
Sie hielt ihn nicht als ihren Knecht,
Es gab sein Herz ihm Kindesrecht,
Ihr klares Auge mit Vergnügen
Hing an den wohlgestalten Zügen.
   
Darob entbrennt in Roberts Brust,
Des Jägers, giftger Groll,
Dem längst von böser Schadenlust
Die schwarze Seele schwoll.
Und trat zum Grafen, rasch zur Tat
Und offen des Verführers Rat,
Als einst vom Jagen heim sie kamen,
Streut' ihm ins Herz des Argwohns Samen.
   
"Wie seid Ihr glücklich, edler Graf,"
Hub er voll Arglist an,
"Euch raubet nicht den goldnen Schlaf
Des Zweifels giftger Zahn.
Denn Ihr besitzt ein edles Weib,
Es gürtet Scham den keuschen Leib,
Die fromme Treue zu berücken,
Wird nimmer dem Versucher glücken."
   
Da rollt der Graf die finstern Brau'n:
"Was redst du mir, Gesell?
Werd ich auf Weibestugend baun,
Beweglich wie die Well?
Leicht locket sie des Schmeichlers Mund,
Mein Glaube steht auf festerm Grund,
Vom Weib des Grafen von Saverne
Bleibt, hoff ich, der Versucher ferne."
   
Der andre spricht: "So denkt Ihr recht.
Nur Euren Spott verdient
Der Tor, der, ein geborner Knecht,
Ein solches sich erkühnt
Und zu der Frau, die ihm gebeut,
Erhebt der Wünsche Lüsternheit." -
"Was?" fällt ihm jener ein und bebet,
"Redst du von einem, der da lebet?"
   
"Ja doch, was aller Mund erfüllt,
Das bärg sich meinem Herrn?
Doch, weil Ihrs denn mit Fleiß verhüllt,
So unterdrück ichs gern." -
"Du bist des Todes, Bube, sprich!"
Ruft jener streng und fürchterlich.
"Wer hebt das Aug zu Kunigonden?"
"Nun ja, ich spreche von dem Blonden.
   
Er ist nicht häßlich von Gestalt",
Fährt er mit Arglist fort,
Indems den Grafen heiß und kalt
Durchrieselt bei dem Wort.
"Ists möglich, Herr? Ihr saht es nie,
Wie er nur Augen hat für sie?
Bei Tafel Eurer selbst nicht achtet,
An ihren Stuhl gefesselt schmachtet?
   
Seht da die Verse, die er schrieb
Und seine Glut gesteht -"
"Gesteht!" - "Und sie um Gegenlieb,
Der freche Bube! fleht
. Die gnädge Gräfin, sanft und weich,
Aus Mitleid wohl verbarg sies Euch,
Mich reuet jetzt, daß mirs entfahren,
Denn, Herr, was habt Ihr zu befahren?"
   
Da ritt in seines Zornes Wut
Der Graf ins nahe Holz,
Wo ihm in hoher Öfen Glut
Die Eisenstufe schmolz.
Hier nährten früh und spat den Brand
Die Knechte mit geschäftger Hand,
Der Funke sprüht, die Bälge blasen,
Als gält es, Felsen zu verglasen.
   
Des Wassers und des Feuers Kraft
Verbündet sieht man hier,
Das Mühlrad, von der Flut gerafft,
Umwälzt sich für und für.
Die Werke klappern Nacht und Tag,
Im Takte pocht der Hämmer Schlag,
Und bildsam von den mächtgen Streichen
Muß selbst das Eisen sich erweichen.
   
Und zweien Knechten winket er,
Bedeutet sie und sagt:
"Den ersten, den ich sende her,
Und der euch also fragt:
>Habt ihr befolgt des Herren Wort?<
Den werft mir in die Hölle dort,
Daß er zu Asche gleich vergehe
Und ihn mein Aug nicht weiter sehe".
   
Des freut sich das entmenschte Paar
Mit roher Henkerslust,
Denn fühllos wie das Eisen war
Das Herz in ihrer Brust.
Und frischer mit der Bälge Hauch
Erhitzen sie des Ofens Bauch
Und schicken sich mit Mordverlangen,
Das Todesopfer zu empfangen.
   
Drauf Robert zum Gesellen spricht
Mit falschem Heuchelschein:
"Frisch auf, Gesell, und säume nicht,
Der Herr begehret dein."
Der Herr, der spricht zu Fridolin:
"Mußt gleich zum Eisenhammer hin,
Und frage mir die Knechte dorten,
Ob sie getan nach meinen Worten."
   
Und jener spricht: "Es soll geschehn",
Und macht sich flugs bereit.
Doch sinnend bleibt er plötzlich stehn:
"Ob sie mir nichts gebeut?"
Und vor die Gräfin stellt er sich:
"Hinaus zum Hammer schickt man mich,
So sag, was kann ich dir verrichten?
Denn dir gehören meine Pflichten."
   
Darauf die Dame von Savern
Versetzt mit sanftem Ton:
"Die heilge Messe hört ich gern,
Doch liegt mir krank der Sohn.
So gehe denn, mein Kind, und sprich
In Andacht ein Gebet für mich,
Und denkst du reuig deiner Sünden,
So laß auch mich die Gnade finden."
   
Und froh der vielwillkommnen Pflicht
Macht er im Flug sich auf,
Hat noch des Dorfes Ende nicht
Erreicht im schnellen Lauf,
Da tönt ihm von dem Glockenstrang
Hellschlagend des Geläutes Klang,
Das alle Sünder, hochbegnadet,
Zum Sakramente festlich ladet.
   
"Dem lieben Gotte weich nicht aus,
Findst du ihn auf dem Weg!" -
Er sprichts und tritt ins Gotteshaus,
Kein Laut ist hier noch reg.
Denn um die Ernte wars, und heiß
Im Felde glüht' der Schnitter Fleiß,
Kein Chorgehilfe war erschienen,
Die Messe kundig zu bedienen.
   
Entschlossen ist er alsobald
Und macht den Sakristan.
"Das", spricht er, "ist kein Aufenthalt,
Was fördert himmelan."
Die Stola und das Zingulum
Hängt er dem Priester dienend um,
Bereitet hurtig die Gefäße,
Geheiliget zum Dienst der Messe.
   
Und als er dies mit Fleiß getan,
Tritt er als Ministrant
Dem Priester zum Altar voran,
Das Meßbuch in der Hand,
Und knieet rechts und knieet links
Und ist gewärtig jedes Winks,
Und als des Sanktus Worte kamen,
Da schellt er dreimal bei dem Namen.
   
Drauf als der Priester fromm sich neigt
Und, zum Altar gewandt,
Den Gott, den gegenwärtgen, zeigt
In hocherhabner Hand,
Da kündet es der Sakristan
Mit hellem Glöcklein klingend an,
Und alles kniet und schlägt die Brüste,
Sich fromm bekreuzend vor dem Christe.
   
So übt er jedes pünktlich aus
Mit schnell gewandtem Sinn,
Was Brauch ist in dem Gotteshaus,
Er hat es alles inn,
Und wird nicht müde bis zum Schluß,
Bis beim Vobiscum Dominus
Der Priester zur Gemein sich wendet,
Die heilge Handlung segnend endet.
   
Da stellt er jedes wiederum
In Ordnung säuberlich,
Erst reinigt er das Heiligtum,
Und dann entfernt er sich
Und eilt in des Gewissens Ruh
Den Eisenhütten heiter zu,
Spricht unterwegs, die Zahl zu füllen,
Zwölf Paternoster noch im stillen.
   
Und als er rauchen sieht den Schlot
Und sieht die Knechte stehn,
Da ruft er: "Was der Graf gebot,
Ihr Knechte, ists geschehn?"
Und grinzend zerren sie den Mund
Und deuten in des Ofens Schlund:
"Der ist besorgt und aufgehoben,
Der Graf wird seine Diener loben."
   
Die Antwort bringt er seinem Herrn
In schnellem Lauf zurück.
Als der ihn kommen sieht von fern,
Kaum traut er seinem Blick.
"Unglücklicher! wo kommst du her?"
"Vom Eisenhammer." - "Nimmermehr!
So hast du dich im Lauf verspätet?"
"Herr, nur so lang, bis ich gebetet.
   
Denn als von Eurem Angesicht
Ich heute ging, verzeiht,
Da fragt ich erst, nach meiner Pflicht,
Bei der, die mir gebeut.
Die Messe, Herr, befahl sie mir
Zu hören, gern gehorcht ich ihr
Und sprach der Rosenkränze viere
Für Euer Heil und für das ihre"
   
In tiefes Staunen sinket hier
Der Graf, entsetzet sich:
"Und welche Antwort wurde dir
Am Eisenhammer? Sprich!"
"Herr, dunkel war der Rede Sinn,
Zum Ofen wies man lachend hin:
>Der ist besorgt und aufgehoben,
Der Graf wird seine Diener loben.<"
   
"Und Robert?" fällt der Graf ihm ein,
Es überläuft ihn kalt,
"Sollt er dir nicht begegnet sein?
Ich sandt ihn doch zum Wald."
"Herr, nicht im Wald, nicht in der Flur
Fand ich von Robert eine Spur." -
"Nun", ruft der Graf und steht vernichtet,
"Gott selbst im Himmel hat gerichtet!"
   
Und gütig, wie er nie gepflegt,
Nimmt er des Dieners Hand,
Bringt ihn der Gattin, tiefbewegt,
Die nichts davon verstand.
"Dies Kind, kein Engel ist so rein,
Laßts Eurer Huld empfohlen sein,
Wie schlimm wir auch beraten waren,
Mit dem ist Gott und seine Scharen."



Weitere Illustrationen in Umrissmanier

Peter Cornelius
Illustrationen zu Goethes Faust
Gestochen von Ferdinand Ruscheweyh
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3510

Friedrich Schiller
Das Eleusische Fest
Bildlich dargestellt von J. M. Wagner
Gestochen von F. Ruscheweyh
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6787

Moritz Retzsch
Schillers "Pegasus im Joche" in Umrissen
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=2314



3. Kurzbiographie von Moritz Retzsch

Brustbild Moritz Retzsch, gezeichnet von Cäcilie Brandt, Steindruck von August Kneisel, um 1830

Brustbild Moritz Retzsch, gezeichnet von Cäcilie Brandt, Steindruck von August Kneisel, um 1830

Retzsch, Moritz, geb. 9. Dezember 1779 in Dresden, gestorben 11. Juni 1857 in Hoflößnitz bei Dresden, ist ein deutscher Bildnis- und Historienmaler, Zeichner und Radierer. Seit 1797 Zeichenschüler, seit 1803 bei Josef Grassi an der Dresdner Akademie, unter dessen Einfluss er klassizistisch arbeitete. Seit den 1820er Jahren schloß er sich zunehmend der nazarenisch-romantischen Richtung an. 1816 Mitglied der Dresdner Akademie, seit 1824 lehrte er dort als Professor.

Die Themen seiner frühesten Arbeiten waren Homer und der antiken Mythologie entnommen, ferner den Dichtungen Salomon Geßners und Friedrich de la Motte Fouqués (Undine). Gleich nach dem Erscheinen von Goethes "Faust" (I. Teil) hatte er einige Illustrationen entworfen, die Goethe 1810 in Dresden mit Interesse sah und positiv beurteilte. Er ließ - Goethes Anregung folgend - 1816 die zwölf Kompositionen als Umrissradierungen erscheinen, die allgemein großen Beifall fanden (Neuauflage 1828 mit 26 Blättern; 1834, verbessert u. vermehrt, mit 29 Blättern). Es folgten zahlreiche radierte Umrissfolgen zu Schillers, Goethes, Bürgers u.a. Dramen und Balladen; die umfangreichste zu Shakespeares Dramen umfaßte 106 Blätter (1828-1845): die erste Lieferung (Hamlet, 1828) wurde von Goethe sehr gelobt.

Nach Dichtungen Goethes entstanden auch Gemälde: Erlkönig; Der Fischer; Egmont und Klärchen; Wilhelm Meister und Mignon u.a. Erfolgreich war Retzsch außerdem als Bildnismaler und -miniaturist.


4. Anmerkungen zu literarischen Umrissbildfolgen

Nach der malerischen Epoche des Barock und Rokoko wurde im Klassizismus die Linie wiederentdeckt, d.h. nach der Betonung der Effekte des Stofflichen und Malerischen in Malerei, Zeichnung und (Reproduktions-) Stich im 18. Jahrhundert wandte man sich der reinen und strengen Form zu, die im Umrisskontur erfasst wurde.

Vorläufer der linearen Umriss- bzw. Karton- bzw. Konturmanier waren J. H. W. Tischbeins 1791 begonnenes Stichwerk über die griechische Vasensammlung Sir William Hamiltons im Umrißstich (der für Sachbücher durchaus üblich war); sowie John Flaxman's im kargen Linienstil gestochene Illustrationsfolgen zu Homer, Dante und Aischylos, welche Kompositionen von Figuren und Gruppen ohne Kennzeichnung eines Hintergrundes in knappen räumlichen Andeutungen zeigten. Auch Asmus Jakob Carstens zeichnete in Rom seine Darstellungen aus Dichtung, Mythologie und Geschichte in klaren, reinen Linien. J. A. Koch setzte die letzte Arbeit seines Freundes, einen Zyklus zur Geschichte des Argonautenzuges, nach dessen frühem Tod in leicht geschattete Umrissradierungen um (1799). Auch Kochs eigene Illustrationen zum "Ossian" (1802) sind in Linienmanier ausgeführt. Und in Rom erschienen 1806 auch die Umrissradierungen der Brüder Franz und Johannes Riepenhausen zu "Genoveva" u.a. Werken.

Moritz Retzsch knüpfte anfangs - wie in der Frühzeit Cornelius, Pforr u.a. - in seinen Illustrationsfolgen an den klassizistischen Konturstil an, orientierte sich aber später immer mehr an den zeittypischen nazarenisch-romantischen Arbeiten, sowohl in der Stoffwahl wie bei der Einbeziehung des Raumes und der Umgebung in seine Kompositionen: Die in den klassizistischen Bildfolgen allein dominierende Rolle der (menschlichen) Figur wurde aufgegeben.


5. Rezension im Kunst-Blatt, 1824

[...] Bleiben wir erstlich bei der Wahl der Szenen stehen, aus welchen der Künstler seinen Bilderkranz geschlungen hat, so finden wir ihn als reproduzierenden Dichter seinem Vorbild glücklich nachstrebend. Wir deuten die Vorstellungen nur an [...]. Auf dem ersten Blatt ist das Motiv der ganzen Geschichte versinnlicht. Die Gräfin in der Mitte, eine hohe, edle Gestalt, reicht dem frommen Pagen mit Wohlgefallen ihre Hand zum Kuss. Das bemerkt der tückische Robert auf der Treppe, während der Graf noch harmlos unten im Hof steht und ein Pferd beschaut, das man ihm vorreitet. Das Knäbchen auf dem Schoß der Amme, reiht sich passend zur Linken an die Gruppe des Fridolin an - es war ja mittelbar sein Schutzengel. 2s Blatt. Robert stößt mit teuflischer Verleumdung den Grimm in des Grafen Herz. Was er ihm erzählt, wird durch sein Hindeuten nach der hohen Brücke klar, wo man die Gräfin mit dem Knaben auf dem Arm und Fridolin ihr die Schleppe tragend sieht. 3s Blatt. Der Graf zu Pferde vor dem Eisenhammer, gibt den Befehl an die Hüttenknechte. 4s Blatt. Fridolin stellt sich der Gräfin dar, die an der Wiege des kranken Kindes auf dem Söller sitzt, und sprechend auf das Kirchlein im Hintergrund deutet. 5. Fridolin ministriert in der Kirche. 6. Robert wird von den beiden Knechten in den Glutofen gesteckt. 7. Fridolin kommt zu fragen, und die Unmenschen zeigen lachend nach dem Ofen, in welchem man noch einen Fuß erblickt. 8. Der Graf stellt beschämt seiner Gattin den unschuldigen Jüngling vor. - Wir wüssten nicht, ob der Künstler diesen Nummern eine hätte zusetzen oder entziehen dürfen, ohne überflüssig oder unvollständig zu werden. So weit ein Bilder-Cyclus den Zusammenhang der Erzählung, deren Kenntnis ja stets vorausgesetzt wird, wiedergeben kann, ist es gewiss hier geschehen.

Betrachten wir aber auch, was der Künstler in eigentlich artistischer Hinsicht, in Composition und Zeichnung geleistet hat. Wenn wir diese Umrisse mit denen zum Faust vergleichen, so finden wir ihn hier durchaus großartiger, freier und reicher. Jedes Blatt trägt den edlen würdigen  Charakter, der dem Gegenstand angemessen ist. Die Figuren sind schön gruppiert und der Raum durch sinnreich erfundene schön zusammengedachte Episoden, durch reichliche, nicht überladene, aber stattliche Beiwerke wohl ausgefüllt. So sind besonders der Jagdzug im Schlosshof hinter dem Grafen und Robert, auf dem zweiten Blatt, dann auf dem fünften die Messe im Kirchlein, äußerst gelungen, die letzere eine höchst anmutige Composition.

[...] [In den Umrissen zu Goethes "Faust" sieht man] bei der glücklichsten Erfindung und Auffassung, häufig etwas Leeres oder Übertriebenes, entweder den Gliedermann oder den Theaterhelden. Im Fridolin ist der Künstler so weit aus diesem Fehler heraus, dass nur wenigen Figuren, aber leider gerade den Hauptfiguren dieser Vorwurf noch gemacht werden kann. Man betrachte gleich auf dem ersten und zweiten Blatte den Jäger Robert, dann auf dem dritten, sechsten und siebenten die viehischen, stumpfsinnigen Hammerknechte, wie sie gehorsam den Befehl vernehmen, wie sie unerbittlich mit cyklopischer Kraft den Verläumder in den Ofen werfen, und wie sie sich ihrer Tat freuen; endlich auf dem fünften den Priester, der das Hochwürdige emporhält, den Ausdruck der Andacht in den betenden Männern und Weibern hinter der Balustrade, und das brünstige Gebet des Vaters mit seinem Weib und Kind im Vordergrund am Geländer des Altars, und man wird, besonders in dem letztern, der Wahrheit der Naturauffassung und der geistreichen ungeschmückten Darstellung des Künstlers seine Bewunderung zollen. Die Figur des Grafen ist durchgängig nicht ganz frei von Steifheit, doch ist der Gesichtsausdruck überall gelungen, besonders im letzten Blatt, wo er beschämt und unvermögend einen freien Blick zu wagen, neben der Gräfin steht. Diese, die hohe ritterliche Frau ist dagegen überall schön von Figur und Drapierung, aber Gesicht und Bewegung der Hände sind geziert und modig, statt dass sie den edlen einfachen Sinn der Herrin recht deutlich zur Anschauung bringen sollten.

Endlich ist der fromme unschuldige Fridolin überall zu einem geputzten  Püppchen, zu einem verkleideten Mädchen geworden. Man decke seine Figur auf dem fünften Blatt einen Augenblick zu, ob nicht das Gemälde des Hochamts unendlich gewinnt? Und betrachte man ihn dann wieder, so wird man kaum glauben, dass er von demselben Künstler gezeichnet sei. Dies gezierte Lockenhaar, dieses puppenhafte Gesicht mit dem zu kleinen Mund, diese faltenlose mit Putz überladene Bekleidung sind weder dem Charakter des Fridolin noch der Wahrheit und Tüchtigkeit der übrigen Darstellung angemessen. [...]

Quelle:
Rezension im Kunst-Blatt, 1824, Nr. 45, 3. Juni, S. 177 f. Unterzeichnet: S. (Ludwig Schorn?) Auszug.
Digitalisiert durch die Universitätsbibliothek Heidelberg.

Vgl. die Umrisse zu Goethes "Faust" von Moritz Retzsch im Goethezeitportal.


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