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Jutta Assel | Georg Jäger

Sagen und Legenden

Adelheid von Stolterfoth: Rheinischer Sagen-Kreis

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Burg Gutenfels bei Caub


Aus seiner Felsenburg in Caub
Zieht Graf von Falkenstein,
Und Guta, seine Tochter, folgt
Mit solzem Zug am Rhein.
Er will mit ihr nach Frankfurt reiten,
Wo lange schon in voller Zahl
Des deutschen Reiches Stände streiten
Um Richards und Alphonsens Wahl.
  
Und Ritterspiel und Festgelag
Verkürzen dort die Zeit. -
Den schönsten Frauen war, wie heut,
Der Männer Herz geweiht.
Doch unerhört blieb jedes Flehen
Um Guta's Herz und ihre Hand -
Kein schön'res Weib ward mehr gesehen,
Kein edleres im deutschen Land.
  
Denn einem britt'schen Ritter folgt,
Gefesselt schon, ihr Blick.
Er reitet stets aus jedem Kampf,
Als Sieger, stolz zurück. -
Sein Auge sucht die Maid vor Allen,
Sie - scheint ihn liebend zu versteh'n,
Und ihren Handschuh lässt sie fallen -
Er fliegt herbei, er hat's geseh'n. -
  
Und neiget tief vor ihrem Sitz
Das Haupt, umglänzt von Erz.
"O dürft ich euer Ritter seyn,
Wie wär' beglückt mein Herz!
Darf ich am Helm den Handschuh tragen,
Der eurer schönen Hand entfiel?
Er stärke mich zu jedem Wagen,
In blut'gem Ernst und heit'rem Spiel."
  
Und Guta, mit verschämter Glut,
Giebt ihm Gewährung mild.
Wer ist er doch, der schöne Held?
Er führt den Leu'n im Schild.
Der Bischof Cölns kennt diesen Ritter,
Turnieren darf er auf sein Wort;
Er zog herbei wie ein Gewitter,
Nun brausst er gleich dem Waldstrom fort.
  
Und er gewinnt den schönsten Dank
Aus edler Frauenhand.
Doch Guta's Handschuh dünkt ihm mehr,
Als jeder goldne Tand.
Und Abends, wenn der muntre Reigen
Im hohen Römersaal erklingt,
Da darf er oft zu ihr sich neigen,
Darf sagen, was sein Herz durchdringt.
  
Er schwört ihr seine Liebe bald,
Sie sagt ihm Treue zu. -
"O Fräulein, harrt drei Monde lang
Auf mich in stiller Ruh."
"Ich harre treu und will nicht wanken,
Begehrte selbst ein König mein."
Er steht versunken in Gedanken
Und sagt, "dann bin ich ewig dein."
  
Doch schon nach wenig Tagen wird
Schön Guta trüb und bleich.
Verschwunden ohne Abschied ist
Ihr Freund aus fremdem Reich.
Bald hört sie "zu den Waffen" schreien,
Geschehen ist des Spaniers Wahl,
Und ach! im Kampfe der Partheien
Sank er vielleicht durch blut'gen Stahl.
  
Trier hat mit Sachsen im Verein
Alphons zum Herrn ernannt,
Gesandte werden abgeschickt
Zu ihm ins ferne Land.
Doch Mainz und Cölen widersagen
Und Baiern will von dannen ziehn,
Denn Deutschlands Krone soll nur tragen
Richard von Cornwall, reich und kühn.
  
Da kehrt zurück auf seine Burg
Der Graf von Falkenstein,
Und Guta schaut fünf Monde lang
Wohl auf und ab den Rhein.
Viel Freier, nach vergebnen Bitten,
Zieh'n wieder heim auf ihrer Bahn.
Da kommt ein hoher Held geritten
Mit grossem Zug, und klopfet an.
  
"Mach' auf, Herr Graf, die feste Burg,
Dein König Richard naht,
Bekämpft sind seine Feinde nun,
Geebnet ist sein Pfad.
Er kommt, um Guta's Hand zu werben,
Will mit ihr theilen seinen Thron."
"O Herr! die wird vielleicht bald sterben,
Ist bleich und krank zwei Monde schon."
  
"So sagt ihr mein Begehren nur,
Herr Graf von Falkenstein,
Sie wird gesund, die schöne Maid,
Von meiner Krone Schein."
Der Vater geht mit trübem Schweigen
Und kehrt mit finst'rem Ernst zurück:
"Ihr kranker Sinn ist nicht zu beugen,
Sie dankt für das gebot'ne Glück."
  
Doch Richard nimmt den Helm vom Haupt,
Und höher klopft sein Herz.
"Bringt diesen Handschuh zu ihr hin,
Bald endet dann ihr Schmerz. -
Als armer Ritter ohne Namen,
Gewann ich ihre Liebe mir,
Doch feindlich wilde Stürme kamen
Und rissen mich hinweg von ihr."
  
Voll freud'gen Staunens ruft der Graf
Zu sich herab die Maid. -
"Kennst du den Handschuh?" sagt er streng,
"Ist Liebesgram dein Leid?
Da kommt ein armer Ritter eben
Dicht hinter Richards Schaaren drein,
Der sagt, Du habest ihm gegeben
Den Schwur der Treue fest und rein."
  
"Ja, theurer Vater, zürne nicht,"
Sagt sie mit leisem Wort,
"Ich schwur ihm Treue fest und rein,
Die halt ich hier und dort!"
"So schnell dem unbekannten Recken
Schwur einst die Gräfin Falkenstein?
Ha! Klostermauern mögen decken
So thöricht eitle Liebespein."
  
"Grüss deinen König," sagt er jetzt
Und führt sie durch den Saal.
Da steht vor ihr, im Königsschmuck,
Der Ritter ihrer Wahl.
Und seelig sinken an die Herzen
Sich beide nun mit Jubelton,
Vergessen sind der Liebe Schmerzen
Und sie empfängt der Treue Lohn.
  
Verschwunden längst ist jene Zeit
Und ihre Kinder ruhn,
Zerfallen trauert über Caub
Die stolze Veste nun.
Doch seit der schönen Gräfin Tagen
Ward Gutenfels die Burg genannt.
So melden halbverklung'ne Sagen
Dem Wand'rer leis' am Rheinesstrand.   

 

 

Die Ruinen der stattlichen Burg Gutenfels liegen am rechten Rheinufer, malerisch auf einem Felsen, zu dem man auf vielen Stufen empor steigt. Zu ihren Füßen ist das Städtchen Caub hingereiht, und nahe dabei ragt aus dem Rhein die seltsam gestaltete, noch ganz erhaltene Burg Pfalz, oder Pfalzgrafenstein, von welcher die Sage erzählt, daß die Pfalzgräfinnen daselbst stets ihre Entbindung hätten halten müssen.

Das noch vorhandene Hauptgebäude der Burg Gutenfels deutet in seiner Bauart auf das 11. oder 12. Jahrhundert, die äußern Befestigungen wurden jedoch später nach dem damaligen Stand der Kriegskunst verändert und erweitert. Durch Erbschaft kam diese Burg (in Urkunden Cube oder Schaube genannt) nebst der Stadt Caub u.a.m. an die von Bolanden, Herren zu Münzenberg und Falkenstein, später an Churpfalz. Guta (auch mit dem lateinischen Namen Beatrix, d.h. Gute, Beseeligende, genannt) die schöne Tochter des Grafen von Falkenstein, soll von Richard, Grafen von Cornwall, sehr geliebt, und nach seiner Erwählung zum deutschen Könige 1256 als seine Gemahlin mit ihm nach England gegangen seyn (x). Die Sage erzählt, daß nach ihr die Burg Gutenfels genannt worden sey.

Richard, Graf von Cornwall, ein reicher und tapfrer Fürst, ward von den Erzbischöfen von Mainz und Cöln, hauptsächliche seines Reichthums wegen, in Frankfurt a.M. zum Könige erwählt. Mit ihm zugleich, von einer andern Parthei, Alphons von Kastilien, mit dem Beinamen der Weise. Dieser mußte ihm jedoch weichen und Richard wurde trotz dem Zwiespalt bei seiner Wahl, endlich in Aachen mit allen üblichen Feierlichkeiten gekrönt. Alle Städte am Rhein unterwarfen sich ihm (xx), und Deutschland hätte sich wohl der Ruhe erfreuen mögen, wenn seine Regierung länger gedauert hätte. Unruhen, gegen seinen Bruder Heinrich III. in England erregt, riefen ihn nach einem Jahre wieder dahin zurück, wo er tapfer kämpfte, und bald darauf (den 2. April 1272) starb. Er hat sich durch viele gute Verordnungen um Deutschland verdient gemacht. - Unter den Burgmännern, welche die Pfalzgrafen zu Gutenfels aufgenommen, war auch Adolf, Graf zu Nassau (1287), welcher bald darauf (1291) zum deutschen Kaiser erwählt wurde.

Im baierischen Kriege wurde Gutenfels sechs Wochen lang vergeblich belagert, und vom Pfalzgrafen Ludwig wieder neu gebaut und befestigt. Die Geschichte dieser Belagerung, in Reimen erzählt, findet sich (xxx) noch auf einem Stein, welcher in Caub eingemauert ist. Im dreißigjährigen Kriege wurde Gutenfels sammt Caub und der Pfalz im Rhein, abwechselnd von den Schweden und Spaniern erobert (xxxx) und verheert. Der große König von Schweden, Gustav Adolf, hat sich sechs Tage lang in der Burg Gutenfels aufgehalten, um vielleicht von da einen Rheinübergang zu versuchen. Von einem der westlichen Thürme hat er die am rechten Rheinufer unter Spinola stehenden Spanier beobachtet, und das Gemach, wo er wohnte, heißt noch der Königssaal. In neuerer Zeit ist Caub dadurch besonders denkwürdig geworden, daß die tapfern Preußen unter ihrem Helden Blücher in der Neujahrsnacht 1814 daselbst über den Rhein gingen. Burg Gutenfels, seit 1802 in Privathände gekommen, ist nun Eigenthum des als Alterthumsforscher rühmlichst bekannten Archivars Habel.

(x) Hume, Rop. de Toyras u.a.
(xx) Barre, Allgemeine Welthistorie.
(xxx) Auch in Widders biographisch-historischer Beschreibung der kurfürstlichen Pfalz am Rhein. Bd. III. S. 404.
(xxxx) Theatrum Europaeum. Kehvenhüllers Annalen.

 

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