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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Rheingedichte
Postkartenserien

Folge II

Einstellung: August 2015
Optimiert für Firefox

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In loser Folge stellt das Goethezeitportal  Serien von Bildpostkarten bzw. ausgewählte Einzelkarten mit Rheinmotiven vor. Sie dokumentieren zum einen die populäre Rheinromantik mit 'Wein, Weib und Gesang', meist verbunden mit 'Burschenherrlichkeit' (Studentika), und zum anderen den nationalen Rheinpatriotismus. Die zweite Folge enthält Illustrationen zu den Gedichten "Vom Rhein der Wein" ("Was bringen uns die Reben"), "Grüsst mir das blonde Kind am Rhein!" ("Ich wandre durch die weite Welt") von Hans Willi Mertens und "Keinen Tropfen im Becher mehr" von Rudolf Baumbach. Da bei der 6teiligen Serie "Grüsst mir das blonde Kind am Rhein!," 1911 in Geheimschrift notiert, Absender und Adressatin jeweils dieselben sind, werden auch die Adressseiten mit den handschriftlichen Texten abgebildet. In allen drei Fällen handelt es sich um Fotopostkarten, deren Szenen im Atelier vor gemaltem Hintergrund arrangiert und fotografiert,  ggf. retuschiert und  handkoloriert wurden. Da die Gedichte durch Vertonungen populär waren, wurden die Autorennamen, wie bei Volksliedern üblich, weggelassen.

Eine Einführung in die Bild- und Fotopostkarte finden Sie unter der URL:
www.goethezeitportal.de/index.php?id=256

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Gliederung

1. Vom Rhein der Wein.
Was bringen uns die Reben ...
2. Hans Willi Mertens:
Grüsst mir das blonde Kind am Rhein!
3. Rudolf Baumbach:
Keinen Tropen im Becher mehr.
4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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1. Vom Rhein der Wein.
Was bringen uns die Reben ...

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Fotopostkarten, Signet: P.M.B. Serie 5115/1-6. Im Briefmarkenfeld: P.R.A. im Kranz. Nicht gelaufen.

Die im Fotoatelier vor einem gemalten Prospekt mit typischer Rheinlandschaft arrangierten Szenen sind schlicht und illustrieren insofern die beigefügten Verse, als sie in Rückblende das erinnerte einstige (Liebes-)Leben als Student am Rhein verbildlichen. Gezeigt wird ein junges, attraktives, gut gekleidetes Paar über dem Strom in einem Weinberg. Die Modelle sind durch Studentenmütze und Band als Burschenschafter mit 'Couleurdame' gekennzeichnet.

Die schmale Fläche vor dem Prospekt erlaubt als Requisiten nur Hocker und Tischchen, Weinkrug und Glas und gönnt dem Paar nur wenig Bewegungsspielraum; dreimal sitzt er als Gast und sie betätigt sich stehend als Mundschänkin, dreimal stehen sie nah und verliebt hinter dem Tischchen. Meist blicken sie in die Kamera und stellen so Blickkontakt zum Betrachter her. Rhein, Wein, Weib werden in ewiger Wiederholung in Lied und Bild beschworen. O alte Burschenherrlichkeit am Rhein ...

Die Fotokarten sind nur sparsam koloriert; reizvoll ist die weiße Pünktchen-Verzierung an Spitzenbluse  und  -schürze. Betont durch kräftige Farben sind nur die - jeweils übereinstimmenden - Mützen und Bänder, diese jedoch unsinniger Weise in verschiedenen 'Couleurs'. Oder sollte dies die Verkaufschancen der Karten an verschiedene Burschenschafter erhöhen?

Das folgende Gedicht wird anonym zitiert:

Vom Rhein der Wein
Was bringen uns die Reben?

1. Was bringen uns die Reben?
   Vom Rhein dem [!] Wein,
Ihn hat uns Gott gegeben,
   Drum schenket ein.

2. Schäumende Wogen, perlender Wein,
   Sei mir gegrüßt, o du köstlicher Rhein,
Liebliche Fluren, duftendes Grün,
   Laß mich zieh'n zum schönen Rhein.

3. Gott Bachus, er soll leben,
   Schenket ein, schenket ein!
Der uns den Wein gegeben,
   Den Wein vom Rhein!

4. Herziges Liebchen, dort unten am Rhein,
   Mein ganzes Leben will ich dir weih'n;
Rosige Wangen sah ich erglüh'n.
   Laß mich zum Rhein, zum Rhein laß mich zieh'n.

5. Preiset die Reben, hoch preiset den Rhein!
   Schöner kann's Leben im Himmel nicht sein!
Überall Freude, Gesänge und Wein,
   Glücklich fürwahr ist das Leben am Rhein!

6. In jedem vollen Glase Wein,
   Seh unten auf dem Grund,
Ich deine hellen Aeugelein,
   Und deinen süßen Mund.

Gesungen von Heinrich Schlusnus, Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=p1IEdUpsHt8

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Grüsst mir das blonde Kind am Rhein!
Ich wandre durch die weite Welt ...

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Fotopostkarten. Signet: S eingeschrieben L.J. und F.F. Serie 2759/1-6. Gelaufen. Poststempel 1911.

Auch diese Fotoserie bietet in Vers und Bild eine Rückschau auf vergangene Tage mit einem Liebchen. Ein wandernder Gesell erinnert sich an Abschied und Trennungsschmerz und verspricht seinem "blonden Kind am Rhein" die Wiederkehr. Zu sehen ist nur das einsame Mägdelein in einem ummauerten Plätzchen über dem Strom; steil ragt hinter ihr auf dem gemalten Prospekt eine dunkle Wand wie der Drachenfels auf, gegenüber eine Burg, unten ein Kirchlein auf einer Insel (?). Als Requisiten finden eine schäbige Bank, ein altes Atelier-Postament, Steine und etwas Gras Verwendung.

Das junge, hübsche Modell in weißem, mit Spitzen und Volants verzierten Kleid und Schärpe hat einen langen Gretchen-Zopf angesteckt und posiert ohne und mit Sträußchen (vom Liebsten?), indem sie sich - fast auf der Stelle - um sich dreht, auch mal sitzt. Sie schaut sinnend, sich erinnernd (?, Karte 1 bis 3), dann in die Kamera bzw. auf den Betrachter (4-6). Als Blickfang dient auch die sehr sparsame Färbung von Blumen, Schärpe, Kleid und Schleife.

Das folgende Gedicht wird anonym zitiert:

Grüsst mir das blonde Kind am Rhein!

1. Ich wandre durch die weite Welt,
   Auf Strassen und auf Gassen.
Da find ich alles wohl bestellt,
   Nur mich find' ich verlassen.

2. Der Weg ist weit, am rauhen Stein
   Da leg ich müd' mich nieder.
Grüsst mir das blonde Kind am Rhein,
   Und sagt, ich kehre wieder.

3. Und weiter, wenn der Morgen tagt
   Durch Sonnengold und Regen.
Mir hat die Mutter einst gesagt:
   Das Glück blüht allerwegen.

4. Und doch hier kann es nimmer sein,
   Kein einz'ger Stern fällt nieder.
Grüsst mir das blonde Kind am Rhein,
   Und sagt, ich kehre wieder.

5. Wie hab' beim Abschied ich gescherzt,
   Als ob mich nichts gequälet,
Nun weiss ich erst, wie sehr es schmerzt,
   Wenn Eins dem Andern fehlet.

6. Am Ufer wandelt sie allein,
   Singt einsam meine Lieder.
Grüsst mir das blonde Kind am Rhein,
   Und sagt, ich kehre wieder!

Die Karten sind von demselben Absender an dieselbe Adressatin 1911 geschrieben. Für die Mitteilungen wird eine Geheimschrift verwendet, bei der Buchstaben in Zahlen umgewandelt wurden. Wie die abgelöste Briefmarke auf der letzten Karte zeigt, wird auch unter der Briefmarke eine verborgene Mitteilung versteckt. Wer die Geheimschrift entziffern kann, möge sich melden.

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Zu Geheimschriften, Spiegelschriften etc. siehe Daniel Bénard, Bruno Guignard: La carte postale. Des origines aux années 1920. Saint-Cyr-sur-Loire, Editions Alan Sutton 2010, S. 69 ff. ISBN 978-2-8138-0126-5

Text: Hans Willi Mertens, geboren 1866 in Spich bei Troisdorf im Siegkreise, gestorben 1921. Verließ das Progymnasium in Siegburg mit dem Einjährigenzeugnis und wurde, wie es der Vater wollte, Kaufmann. "In Düren, wo er 1886 weilte, wurde er durch den bloßen Titel eines Buches, "Lieder der Mormonin" (von Sidonie Grünwald-Zerkowitz) zu seinen "Liedern der zweiten Frau" (1887) angeregt. Diese Beschäftigung mit der Poesie weckte dann die alte Liebe zu den Studien; er ging nach Bonn, hörte hier vier Semester germanistische Vorlesungen und ließ sich dann in Köln als Privatlehrer nieder." Da seine Frau krankheitsbedingt die ländliche Ruhe suchte, wurde er Volksschullehrer in Morsbach im Bergischen, 1902 in Urfeld am Rhein und 1904 Hauptlehrer in Weiden bei Köln. Erfolgreich war seine Liedersammlung "Leben und Lieben am Rhein" (1893, 3. Aufl. 1904, 5. Aufl. 1922). (Brümmer)

Zu den Vertonungen vgl.
* Deutsches Lied, darin: Werke von Hans Willy Mertens
http://www.deutscheslied.com/

Vertont durch
* Wilhelm Heiser (1816-1897)
* Paul Hoppe, Op 39, 1. Für Gesang und Klavier erschienen im Verlag P. J. Tonger, Köln.

Gesungen u.a. durch Heinrich Schlusnus. Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=eLr9XyQ3lOA

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Rudolf Baumbach
Keinen Tropfen im Becher mehr

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Fotopostkarten. Signet: EAS im Herz [E. A. Schwerdtfeger & Co. A.G. Berlin]. Serie 847/1-6. Gelaufen, Feldpost 1914.

Durch eine Passepartout-ähnliche Blütenrankenrahmung der Fotokarten mit eingefügten textbezogenen Verzierungen (Herz, oben Mitte; Haus, unten links; Tisch mit Hut und Becher unten rechts) wird der Blick auf ein junges Paar gelenkt vor einem Stubenwinkel mit Bildern an der Wand und umlaufender Bank, wie dies der sehr flüchtig gepinselte Hintergrundprospekt andeutet.  Die beiden nah und stark aufeinander bezogenen bzw. handgreiflich agierenden Modelle sind ein schnurrbärtiger Jungmann, auf einem Hocker in Hut und Jacke gehbereit am Tisch sitzend, und eine sich keck und flirtend ihm zuneigende schmucke Frauensperson, welche durch den Weinkrug als Wirtin - und er somit als trinkfreudiger Gast - gekennzeichnet sind. Wie weit anfangs schon (Karte 1) die Situation aus der Ordnung geraten ist, signalisieren schräg stehender Hocker und Tisch samt verrutschter Tischdecke und umgeworfenem Glas. Er möchte wohl trotz leerem Beutel weiter trinken, doch Frau Wirtin verweigert das Nachschenken; es sei denn, sie erhält statt Geld sein Bündel (mit Bürste; verweist diese auf seinen Beruf als Bürstenbinder, die nach einem Sprichwort 'vorbildhafte' Säufer sind?), seinen Wanderstock und Hut, am Ende will sie auch "sein Herz", d.h. ihn mit Haut und Haar.

Das folgende Gedicht wird anonym zitiert:

Keinen Tropfen im Becher mehr ...

1. Keinen Tropfen im Becher mehr
   Und der Beutel schlaff und leer,
Lechzend Herz und Zunge.
   Angetan hat's mir dein Wein,
Deiner Äuglein heller Schein
   Lindenwirtin, du junge!

2. "Angekreidet wird hier nicht,
   Weils an Kreide uns gebricht."
Lacht die Wirtin heiter.
   "Hast du keinen Heller mehr,
Gib zum Pfand dein Ränzel her,
   Aber trinke weiter!"

3. Tauscht der Bursch sein Räntzel ein
   Gegen einen Krug voll Wein,
Tät zum geh'n sich wenden.
   Spricht die Wirtin: "Junges Blut,
Hast ja Mantel, Stab und Hut,
   Trink und laß dich pfänden!"

4. Da vertrank der Wanderknab'
   Mantel, Hut und Wanderstab,
Sprach betrübt: "Ich scheide".
   Fahre wohl du kühler Trank,
Lindenwirtin jung und schlank,
   Schönste Augenweide!

5. Spricht zu ihm das schöne Weib:
   "Hast ja noch ein Herz im Leib,
Laß es mir zum Pfande!"
   Was geschah, ich tu's euch kund:
Auf der Wirtin rotem Mund
   Heiß ein andrer brannte.

6. Der dies neue Lied erdacht,
   Sang's in einer Sommernacht
Lustig in die Winde.
   Vor ihm stand ein volles Glas,
Neben ihm Frau Wirtin saß
   Unter der blühenden Linde.

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Siehe die Seite:

Rudolf Baumbach
Keinen Tropfen im Becher mehr
Ännchen Schumacher
Die Lindenwirtin in Bad Godesberg
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6410

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Hier gehts zur Folge I der Rheingedichte
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6630

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Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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