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Jutta Assel | Georg Jäger
Orte kultureller Erinnerung

Bacharach am Rhein

Stand: Februar 2011
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Der Rhein von Cöln bis Mainz. Leporello- Lith. Kunstanstalt Carl Garte, Leipzig. o.J.
Ausschnitt.


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Gliederung

1. Bacharach und seine Baudenkmäler
2. Nicolaus Vogt: Ansichten des Rheins, 1804
3. Carl Gustav Carus: Paris und die Rheingegenden, 1836
4. Johann Wilhelm Spitz: Das malerische und romantische Rheinland in Geschichten und Sagen, 1840
5. Victor Hugo: Rheinfahrt
6. Karl Simrock: Das malerische und romantische Rheinland, 1851
7. Ludwig Löffler: Skizzenbuch in Worten und Bildern, 1852
8. Ludwig Bechstein: Die Weingötter am Rhein
9. Georg Forster: Ansichten vom Niederrhein, 1790
10. Wilhelm Müller: Die schlanke Kellnerin und die schlanken Flaschen
11. Theodor Fontane: Grete Minde, 1880
12. Literaturhinweise
13. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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1. Bacharach und seine pittoresken Baudenkmäler

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Am Rhein. Bacharach. 289. Verso: Verlag F. Kratz, Köln, Hansaring 78. Echte Photographie. Nicht gelaufen.

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Am Mittelrhein zwischen Mainz und Koblenz liegt Bacharach, das noch heute durch sein mittelalterlich anmutendes Stadtbild für Rheinreisende reizvoll ist. Vom schmalen Ufergelände aus staffelt sich die Stadt, flankiert von Weinbergen, vom Talboden in die Höhe und verdankt ihr romantisches Aussehen besonders vier charakteristischen Architekturanlagen und -monumenten: der Stadtbefestigung, der Burg Stahleck, der St. Peterskirche und der Ruine der Wernerkapelle.

Geschichte

Bacharach ist nicht römischen Ursprungs, wie es in der älteren Literatur durch die Herleitung seines Namens von "Bacchi ara" (Bacchusaltar) und den Verweis auf den sog. Elterstein nahegelegt wird - einen nur bei Niedrigwasser im Rhein vor der Stadt sichtbaren flachen Fels, auf dem angeblich Bacchus geopfert wurde. Doch verdankt Bacharach durchaus seinen Aufstieg dem Wein, seinem Anbau, Handel und Umschlag.
   Um die Mitte des 13. Jahrhunderts war Bacharach eine kleine unbefestigte Dorfsiedlung am Bergfuß der Burg Stahleck mit Pfarre im Besitz des Kölner Stiftes St. Andreas und hatte schon stadtähnliche Rechte erlangt.
   Der Bacharacher Bezirk war früh als Schenkung eines fränkischen Königs an das Kölner Erzstift gekommen - vermutlich unter Bischof Kunibert von Köln, "denn der Vorgängerbau der heutigen Wernerkapelle trug das Kunibertpatrozinium." (1)
   Kölner Erzbischöfe ließen im 11. Jahrhundert zur Sicherung und Verwaltung dieses wertvollen Außenbesitzes mit Weinbergen die Burg erbauen und setzten Vögte ein. Im 12. und 13. Jahrhundert war der Ort für zwei Pfalzgrafen (Hermann von Stahleck und Konrad von Hohenstaufen) eine ihrer Residenzen bzw. erhielt er die erste Münzstätte des werdenden Territoriums der Pfalz. Auch erhoben die Pfalzgrafen den "Bacharacher Rheinzoll" (erstmals belegt 1226), "der lange als der ertragreichste aller Rheinzölle galt." (1)
   Bis in die folgenden Jahrhunderte profitierte Bacharach - 1356 nach vorangegangener Befestigung endgültig als Stadt benannt - durch seine günstige Lage am Rhein unterhalb des durch seine Stromschnellen nur mit kleinen Kähnen passierbaren Binger Loches. Die auf dem Wasser- oder auch dem Landweg kommenden Waren, besonders Wein aus den südlicheren Anbaugebieten, mussten "auf den Bacharacher Umschlag- und Stapelplatz transportiert werden, wo sie während der großen Weinmärkte verkauft, in größere Schiffe umgeladen und [...] rheinabwärts verschifft wurden" (1) - nach Köln und bis in die Niederlande, nach Mainz, Frankfurt u.a.
   Auch eine Kolonie von lombardischen Kaufleuten und "eine zahlreiche Judengemeinde [...] zeugen von dem regen Handelsleben" der prosperierenden Stadt (1)

Anmerkungen:
(1) Wagner / Wolff: Wernerkapelle, S. 3-4, die auch den folgenden Abschnitten zugrunde liegen.

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Bacharach am Rh. 17. Verso: Fritz Wagner, Kunstverlag, Heimbach-Weis Rh. Gelaufen. Poststempel 1937.

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Die vier wichtigsten Baudenkmäler

- Die mittelalterliche Befestigungsanlage (14. Jh.) begrenzt mit ihren Mauern samt trutzigen Wehrtürmen auch heute noch weitgehend die Stadt, die beidseitigen Hänge des Kühlbergs und des Vogtberges mit einbeziehend. Drei Tortürme in der parallel zum Flussufer verlaufenden Mauer, an deren Innenseite Häuser angebaut sind, stellten die Verbindung zwischen Stadt und Strom her, was für den Handel und Rheinverkehr wichtig war.
- Die ehemalige Pfalzgrafenburg Stahleck, in Quellen seit 1135 erwähnt, wurde als Eckbastion 1344 in die Ortsbefestigung mit einbezogen. Über Bacharach am Kühlberg auf Schieferfelsen gelegen, erstreckte sich Stahleck mit Schildmauer, Bergfried und Palas von Westen nach Osten. Aus den Fürstengeschlechtern der Hohenstaufen, der Welfen und Wittelsbacher u.a. stammten die Herren der Burg, welche diese und die Stadt von Rittern und Burggrafen verwalten ließen. 1689 wurden Stahleck wie auch einige der Befestigungstürme im Pfälzischen Erbfolgekrieg von französischen Truppen gesprengt. Seither Ruine, wurde die Burg erst 1925-27 über den alten Fundamenten als Jugendherberge wieder aufgebaut.
- Am Fuße des Berghanges, inmitten des Ortes, liegt die einstige Stiftskirche (seit der Reformation evangelische Pfarrkirche) St. Peter, ein beeindruckender Bau der rheinischen Spätromanik. Errichtet auf einer Vorgängerkirche, die 1094 als Besitz des Kölner St. Andreas-Stiftes urkundlich belegt ist, wird die Bauzeit der neuen Kirche zwischen 1200 und 1250 angenommen (2), mit späteren Ergänzungen und Veränderungen, besonders in der Spätgotik. Kein Baumeistername ist überliefert.
   Grund- und Aufriss sind an den beengten Raum und das ansteigende Gelände angepasst: Die Bauteile scheinen von Ost nach West ineinander geschoben. An das dreijochige, nur 11 Meter lange, aber 17 Meter hohe viergeschossige Mittelschiff "schließt ein mit den Seitenschiffmauern fluchtendes Querhaus und an dieses ohne Zwischenglied die Apsis an. Der Westturm hat die Breite des Mittelschiffes, die Seitenschiffe sind bis an seine Westwand vorgezogen." (3)
   Formenreich ist die Ausgestaltung des Inneren durch vielfältige Wandgliederungen und deren Dekoration mit Ziermotiven und figürlichen Darstellungen durch Steinmetze und Wandmaler. (4)

- Auf einem Terrassensporn des Kühlberges liegt auf halber Höhe zwischen der Burg und St. Peter die Ruine der gotischen Wernerkapelle, die wie der Drachenfels (mit der imaginierten Lorelei) Eingang gefunden hat in das kulturelle Bildgedächtnis der Künstler, Literaten und dadurch des Volkes. Sie ist eines der bekanntesten und beliebtesten Motive der Rheinromantik.

Wernerlegende, Bau- und Verfall der Kapelle in Bacharach

Die Wernerkapelle "entstand an der Stelle einer älteren Kunibertskapelle über dem Grab des Knaben Werner, der im Jahre 1287 in Oberwesel angeblich das Opfer eines jüdischen Ritualmordes geworden war." (5) Der Legende nach wurde die mit Stichen übersäte Leiche des Knaben nach dem Karfreitag am Ufer des Rheins bei Bacharach angespült bzw. versteckt, nach seiner Entdeckung dort ins Gerichtshaus gebracht "und dann die Mordanklage zunächst gegen den unbekannten Täter erhoben. Schon in den nächsten Tagen wurden wundersame Erscheinungen an dem Leichnam beobachtet: ein heller Lichtglanz und ein köstlicher Duft hätten ihn umgeben. Die wundergläubige Bevölkerung war überzeugt, dass Werner kein gewöhnlicher Knabe, sondern ein heiliger Märtyrer und Blutzeuge sei. Nach drei Tagen bereitete man ihm in der kleinen Kunibertkapelle [...] ein höchst ehrenvolles Begräbnis. Inzwischen hatte sich das Gerücht verbreitet, dass Werner das Opfer eines Ritualmordes durch die Oberweseler Juden geworden sei. Angeblich sollte eine christliche Dienstmagd, die bei der gleichen jüdischen Familie wie Werner beschäftigt war, durch eine Mauerspalte den Vorgang der Marterung und Tötung des Knaben beobachtet haben. Ohne eine gerichtliche Untersuchung abzuwarten, geriet die Bevölkerung in den Städten Bacharach, Oberwesel und Boppard in eine ausgesprochene Massenhysterie. Der Verdacht allein war hinreichend, um eine Verfolgung der Juden in Oberwesel und Boppard zu entfesseln, die man sämtlich der Teilnahme an dem Mord bezichtigte. Nicht weniger als 40 jüdische Personen sind damals umgebracht worden, darunter auch Frauen und Kinder. Viele wurden ins Gefängnis geworfen. Andere fanden auf den benachbarten Burgen des Adels Schutz. Der von ihnen angerufene König Rudolf von Habsburg hat nach übereinstimmenden zeitgenössischen Quellen den Reichsstädten Oberwesel und Boppard für diese Judenpogrome eine Strafe von 2.000 Mark auferlegt." (6)
   Das wirkliche Verbrechen wurde nicht geklärt, doch kann ein Ritualmord ausgeschlossen werden. Judenpogromen lagen häufig Bezichtigungen der Hostienschändung, Brunnenvergiftung oder eben des Ritualmordes an Christen(kindern) zugrunde. Ursächlich waren eher Misstrauen und Hass gegen die Juden wegen ihres abweichenden Glaubens (die Tötung Christi wurde ihnen besonders angelastet), wegen ihrer Sonderstellung in der Gesellschaft, wegen der finanziellen Abhängigkeit von ihnen durch Geldschulden oder Pfandleihgeschäfte. Die Juden waren in ihren Erwerbsmöglichkeiten äußerst eingeschränkt: Erlaubt waren ihnen nur Handel, Bankgeschäfte und wenig mehr.
   Die Verehrung des angeblichen christlichen Märtyrers Werner breitete sich schnell und immer weiter aus: Die kleine Kunibertkapelle mit dem Grab des "guten Knaben Werner," an dem zahlreiche, auf Tafeln verzeichnete Wunder geschahen, konnte die Wallfahrerscharen nicht mehr fassen. Ein größerer, Werner geweihter Bau sollte entstehen.
   Etwa zwei Jahre nach Werners Tod wurde mit dem Bau begonnen, doch erst nach 1430 war der gotische Dreikonchenbau (Kleeblattform) vollendet, was an den vielen Bauunterbrechungen durch mangelnde Geldmittel lag. Die Wallfahrer-Spenden waren zu gering: Um die Baukasse aufzufüllen, bedurfte es der Summen durch Ablassverkauf. Doch dafür musste Werner heiliggesprochen sein. Trotz aller Bemühungen der zuständigen Geistlichen waren die initiierten Kanonisationsprozesse im 13. und 14. Jahrhundert erfolglos. Die "Ehre der Altäre" durch seine Heiligsprechung wurde durch die Päpste verweigert. Stattdessen wurden mehrmals Ablassurkunden für St. Kunibert ausgestellt und das eingehende Geld für die neue gotische Kapelle verwendet, welche um die kleine Kunibertkapelle mit Werners Grab angelegt wurde.
   1293 konnte in der bis dahin fertiggestellten Südkonche des Neubaus ein Altar der Heiligen Kunibert und Andreas geweiht werden, vor dem die Tumba Werners ihren Platz erhielt. Im selben Jahr wurde mit dem zum Rhein gerichteten dominierenden Ostchor begonnen, der erst nach längerer Bauunterbrechung fertiggestellt werden konnte. "Bei einer vorläufigen Weihe im Jahre 1337 dürften die Vierung und mindestens zwei der drei Konchen bis zur Dachtraufe fertig und unter Dach gewesen sein. Die Nordkonche stand mindestens bis zur Fensterbankhöhe [...]. Wie viel vom Westbau stand, ist ungewiss. Mit Sicherheit fehlten die Gewölbe." (7)
   Erst durch das tatkräftige Eingreifen des Rechtsgelehrten und Theologen Dr. Winand von Steeg, der von 1421 bis 1438 Pfarrer in Bacharach war, konnte die Wernerkapelle vollendet werden. Er leitete nochmals vergebens einen Heiligsprechungsprozess ein und bemühte sich erfolgreich um neue Ablässe zur Baufinanzierung. Unter ihm wurde die Kapelle restauriert wie auch das Grab Werners; bei dessen Umbettung in einen neuen Sarg wurde die rechte Hand entnommen und in einer Monstranz über dem Grab aufgestellt. Welche Bauteile damals noch fehlten, ist ungewiss. "Zweifelsfrei ist allein, dass damals die ganze Kapelle eingewölbt wurde." (8)
   Die beim Volk von nah und fern sehr beliebte Wallfahrt zum Werner in Bacharach fand 1545 durch die Reformation ihr Ende. 1558 "verkaufte das Andreasstift in Köln seine Pfarrrechte [...] an die kurpfälzische Regierung." Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt wiederholt erobert und geplündert, u.a. durch spanische Truppen. Ehe diese "1632 von den Schweden vertrieben wurden, öffneten sie das Grab des Knaben Werner und entführten seine Gebeine. [...] 1689 sprengten die Franzosen die Burg Stahleck. Dabei fielen die Trümmer auf die bis dahin noch unversehrte Kapelle und fügten ihr schwere Schäden zu. [...] 1725 beklagte die [katholische] Kirchengemeinde, dass die 21 Fenster blei- und glaslos, der meisterliche Dachstuhl teils abgefault und das Gewölbe durchweicht sei. [...] [Dann] brach man zwischen 1752 und 1759 die von einem Bergrutsch bedrohte Nordkonche mit dem reichen gotischen Figurenportal einfach ab. 1787, genau 500 Jahre nach dem Tode des Knaben Werner, beseitigte man auch noch Dach und Gewölbe der beiden noch stehenden Konchen. Damit war praktisch der heutige Ruinenzustand erreicht." (9)
   "Von den erhaltenen Teilen der Wernerkapelle hat der in fünf Seiten des Achtecks abschließende Ostchor in seinen schmalen, mit Wimpergen und Fialen gezierten Strebepfeilern die reichste Gestaltung [...]. Die fünf Fenster, vierteilig, haben als Maßwerk die klare Vierpassgliederung des 14. Jahrhunderts. Die beiden Fenster des zwischen Ostkonche und Vierung eingeschobenen Joches sind gleich den fünf Fenstern des Südchors dreiteilig und zeigen ein freier angeordnetes und dadurch elegant und geschmeidig wirkendes Maßwerk." (10)
   Die Wernerkapelle als herausragendes gotisches Bauwerk wurde erst als Ruine berühmt. Künstler, Literaten, Historiker und Touristen 'wallfahrteten' ab ca. 1800 zu den mittelalterlichen Denkmälern, zeichneten, malten, bedichteten, beschrieben, erforschten, bestaunten die altehrwürdigen Burgen, Schlösser, Dome, Kirchen, die Städte und Fachwerkdörfchen auch - und besonders - am Rhein, wo es, den Genuss erhöhend, köstlichen Wein von steilen Rebengärten im Überfluss gab. Im Zuge dieser romantischen Begeisterung wurde auch die Ruine der Wernerkapelle in Bacharach 'entdeckt' und in zahlreichen Werken geschildert.

Anmerkungen:
(2) Grashoff-Heins: Bacharach, S. 16. Hiernach auch der Grundriss der Wernerkapelle (nach Paul Clemen), S. 23.
(3) Caspary: Bacharach und Steeg, S. 10.
(4) Ausführlicher hierzu Caspary: Bacharach und Steeg, S. 4-11, und Grashoff-Heins: Bacharach, S. 15-22.
(5) Caspary: Bacharach und Steeg, S. 12. - Über die verschiedenen Versionen der Wernerlegende vgl. Gottfried Kentenich: Werner, in: Allgemeine Deutsche Biographie 55 (1910) S. 45-46. URL:
<http://www.deutsche-biographie.de/artikelADB_055-045-01.html>
Siehe auch: Bacharach. Jüdische Geschichte / Synagoge. URL:
<http://www.alemannia-judaica.de/bacharach_synagoge.htm>
Zum Ritualmord vgl. Daniela Wolf: Ritualmordaffäre und Kultgenese. Der "gute Werner von Oberwesel". Bacharach: Bauverein Wernerkapelle [2002].
(6) Wagner / Wolff: Wernerkapelle, S. 5f.
(7) Wagner / Wolff: Wernerkapelle, S. 8.
(8) Wagner / Wolff: Wernerkapelle, S. 9 und 10. Auf der sehr informativen Schrift fußt der Abschnitt über die Wernerkapelle.
(9) Wagner / Wolff: Wernerkapelle, S. 17.
(10) Grashoff-Heins: Bacharach, S. 24. Zu dieser Beschreibung der erhaltenen Bauteile vgl. den obigen Grundriss nach Paul Clemen und das Maßwerkfenster.
Über Heinrich Heines Fragment "Der Rabbi von Bacherach" folgt eine eigene Seite.

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Rhein-Album. Gezeichnet u. gestochen von F[riedrich von] Foltz. Frankfurt a.M.; Karl Neuland 1896. Reprint Wolfenbüttel: Melchior Verlag [2006]. Darin: Bacharach. Gezeichnet u. gestochen von F. Foltz in Darmstadt. Text:

Eine selten romantisch-schöne Lage nimmt am linken Rheinufer das Städtchen Bacharach (1019 Bachercho, 1140 Bagaracha genannt) am Eingange des nach dem Rheine geöffneten Steegertales ein. Es trägt ein durchweg altertümliches Gepräge und seine wunderliche Bauart mit den weinumrankten Häusern macht  einen eigentümlichen, doch traulichen Eindruck. Die zahlreichen verfallenen Türme an den Stadtmauern zeugen davon, dass auch Bacherach [!] einstens eine nicht unbedeutende Rolle in Kriegszeiten spielte.
   Sehenswert ist die 1872 erneuerte Peterskirche, eine spätromanische Pfeilerbasilika aus dem 12. Jahrhundert mit schönem Chorumgang, zwei runden und einem viereckigen Turm, unter welch letzterem sich eine frühgotische Halle befindet.  Ferner die in den Jahren 1287-1426 erbaute Wernerskirche auf einer kleinen Anhöhe am Fuße der Burg Stahleck, eines der schönsten gotischen Baudenkmale des Rheinlandes, in Form eines Kleeblattes in rotem Sandstein errichtet.
   Die Burg Stahleck, welche in der Geschichte zuerst 1190 genannt wurde, war ein festes Schloss, die Geburtsstätte der Pfalzgrafen, deren Sitz und Eigentum sie bis 1253 verblieb. Während des 30jährigen Krieges, und zwar in der Zeit von 1620-1640, wurde die Burg nebst der Stadt von den Spaniern, Schweden und Franzosen nicht weniger als achtmal belagert und erobert, dann 1689 bei der Verheerung der Pfalz zerstört. Die ansehnlichen Trümmer der Burg Stahleck zählen zu den schönsten und vielbesuchten Ruinen des Rheinlandes.

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Die Wernerkapelle von Norden

Die Wernerkapelle von Norden. Aquarellierte Federzeichnung von K. Hesse um 1900. In: Hans Caspary: Bacharach und Steeg. Köln: Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz 1971 (Rheinische Kunststätten), Abb. 18. Auch in: Friedrich Ludwig Wagner, Arnold Wolff: Die Wernerkapelle in Bacharach am Rhein. 2., neu bearbeitete und erweiterte Aufl. Köln: Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz 1997 (Rheinische Kunststätten; 276), Abb. 11; Das Rheintal von Bingen und Rüdesheim bis Koblenz. Eine europäische Kulturlandschaft. Hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz. 2 Bde. Mainz: Philipp von Zabern 2001. Hier Bd. 1, S. 212.

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Ostchor der Wernerkapelle mit Friedhof
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Gerda Grashoff-Heins: Bacharach. Augsburg, Köln: Dr. Benno Filser Verlag 1928 (Deutsche Kunstführer an Rhein und Mosel; 7), S. 14.

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Versuch einer Rekonstruktion der Wernerkapelle

Friedrich Ludwig Wagner, Arnold Wolff: Die Wernerkapelle in Bacharach am Rhein. 2., neu bearbeitete und erweiterte Aufl. Köln: Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz 1997 (Rheinische Kunststätten; 276), S. 16. - Holzstich aus Fr. Bock: Die St. Peterskirche zu Bacharach und die Wernerkapelle daselbst. In: Rheinlands Baudenkmale des Mittelalters. Köln u. Neuss 1868-1875. Bd. 1.

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Peterskirche bzw. Stadtkirche in Bacharach. In: Meyer's Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Bd. 16. Hildburghausen und New-York, Druck und Verlag vom Bibliographischen Institut 1854, S. 125-127. (Digitalisierung durch Google)

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2. Nicolaus Vogt
Ansichten des Rheins, 1804

So drehet man sich immer rechts und links in den Krümmungen des Rheins herum, sucht in neugieriger Ungewissheit rückwärts den Eingang, und vorwärts den Ausgang aus diesem Wasserschlunde, bis einem Bacharach mit seinen Bergen den Weg zu versperren, und den Rhein unter seinen Häusern aufzunehmen scheint.

Dieses alte Städtchen hat eine romantische Lage. Es rühmt sich Römischen Ursprungs zu sein, und leitet seinen Namen von einem nahen Felsen im Rheine her, welchen man Bacchi ara oder Bacchus-Altar nennt. Bei hohem Wasser ist er nicht zu sehen, aber in den Jahren 1654, 1695, 1719 und 1750 hat ihn die seichtere Flut dem Auge bloß gegeben. Ein untrügliches Zeichen von einem guten Weinjahre.

Die Ansicht von Bacharach ist nicht ganz freundlich. Es trägt zu viel Spuren der Verwüstungen verflossener Kriege. Die untern Häuser sind dicht an den Rhein gebaut, und scheinen senkrecht aus dem Wasser hinauf zu streben. Über ihnen erheben sich die Kirchtürme. Seine alten Ringmauern ziehen sich hoch über die Stadt an die Ruinen der Feste Staleck, und umschließen Gärten und Weinberge, welches alles einen malerischen Kontrast hervorbringt.

Hier wächst der berühmte Muskateller, welcher schon den Gaumen des Kaisers Wenzel und des Papstes Pius II. reizte. Bacharach gegenüber ist die Grenze des schönen Rheingaues, und zwei Galgen stehen neben einander als schreckliche Marksteine da, jeden Räuber warnend.

Wenn man nun von oben herab gen Bacharach zu kommt, glaubt man in einem von Felsen umschlossenen Schweizer-See zu sein. Man denkt hier anhalten oder zurückkehren zu müssen; allein auf einmal dreht sich der Nachen wieder rechts, und schnell kommt er durch einen neuen Strudel, das wilde Gefährd genannt, in einen neuen See, auf dessen Mitte ein gerüstetes Kriegsschiff [die Pfalz] zu schwimmen scheint.


Nicolaus Vogt: Ansichten des Rheins. Bd. 1. Frankfurt a.M.: Friedrich Wilmans 1804, S.152f. Rechtschreibung dem heutigen Stand angeglichen.

Nicolaus Vogt, Geschichtsschreiber, Politologe und Staatsmann, geboren in Mainz 1756 und gestorben in Frankfurt a.M. 1836, wuchs im Mainzer Kurstaat auf. Der vielseitig begabte junge Mann studierte Philosophie und Geschichte und erhielt eine Professur an der Universität Mainz. Zu seinen Schülern gehörte Graf Metternich. Später tätig in Aschaffenburg und Frankfurt am Main, blieb er der "Liebe für die Geschichte," insbesondere der seiner Heimat treu (Rheinische Geschichten und Sagen, 4 Bände, 1817-1836). Nach seinem Ableben wurde, "einem Wunsche des Verstorbenen zufolge, die Leiche nach dem Johannisberge gebracht und neben der Schlosskapelle beigesetzt, nachdem Herz und Gehirn in einem verschlossenen Gefäße unterhalb Rüdesheim in den Rhein versenkt worden waren." (ADB, Bd. 40, 1896, S. 189-191).

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3. Carl Gustav Carus
Paris und die Rheingegenden, 1836

Endlich musste ich mich gegen das alte Bacharach selbst wenden. Der Ort hat das Gepräge hohen Altertums - sein Name schon Ara Bachi deutet auf römischen Ursprung - dann aber die Menge verfallener Türme an den Stadtmauern - das höchst besondre wunderliche Bauwesen der Häuser mit ihren braunen Gebälk, ihren vorgebauten Stockwerken, überall von Wein umrankt, die alten Kirchen, wie das alles so in die enge nach dem Rhein geöffnete Talschlucht hineingelagert ist, es gibt einen höchst eigentümlichen Anblick.

Längst nun war ich durch früher betrachtete Abbildungen gespannt, die merkwürdigen Ruinen der Wernerikirche zu sehen, und ich ließ es deshalb meinen ersten Gang sein, um noch bevor der Abend tiefer herabsänke mich an diesen alten Baulichkeiten zu weiden.

Aus enger Straße durch ein altes Kirchhofpförtlein manche Stufen hinauf, kam ich erst auf den kleinen Kirchhof der mit vielem Anbau alter Kapellen umgebenen und mit einem alten durch byzantinische Bogenstellung verzierten Turm geschmückten Stadtkirche, und vor mit lagen auf naher mittler [!] Anhöhe, am Fuße eines viel höhern wieder mit Burgruinen gekrönten Felsens die öden Mauern der Wernerikirche, durch deren leere, nur noch mit den zierlichsten steinernen Rosetten versehenen Fenster die Luft zog, während die Wolken von oben frei auf den grasbewachsenen Boden der ehemaligen Kirche hereinsahen. Schnell stieg ich die Stufenreihe bis dahin noch hinan, durchging die Räume der nicht großen, aber den besten Stil des 14. Jahrhunderts verratenden, und aus einem festen roten Wasgauer Sandstein gebauten Kirche und suchte mir dann einen Standpunkt aus, von welchem ich zeichnend eine bleibende Erinnerung an diese außerordentliche Umgebung mitzunehmen vermöchte.

Wie ich nun da oben stand, die im reinsten Verhältnis geschwungenen hohen gotischen Bögen mit den reichen Fensterverzierungen sich in den Abendhimmel erhoben, die glatten Strebpfeiler und zierlichen Spitzsäulen in den eigentümlichen, gesättigten braunroten Ton ihres Gesteins, und noch so scharf, als wären sie erst eben aus der Hand des Steinmetzen gekommen, das späte Tageslicht wiederschienen, dahinter aber das gelbliche Mauerwerk des Stadtkirchenturms mit seinen rundbogigen Fenstern und hoher schiefergedeckten Turmspitze aufragte, als ich weiterhin über der tiefer unten liegenden Stadt mit ihren alten Wehrtürmen, und durch die Fensterbögen der Ruine den von hohen Bergesabhängen eingeschlossenen Rhein erblickte, und als nun das sonore, den morgenden Sonntag ankündende Abendläuten näher und ferner erklang, da ergriff mich ein Gefühl tiefer nachhaltiger Rührung; ich gedachte an Dante:

   "Era già l'ora che volge'l disio
A' naviganti, e'ntenerisce'l cuore
Lo di c'án detto a' dolci amici: a Dio;
   E che lo nuovo peregrin, d'amore
Punge, se ode squilla di lontano,
Che paia'l giorno pianger, che si muore" (1)


Gewiss ich gestehe ein so sonderbares, so neues und doch so heimatliches Gefühl nie gehabt zu haben! Es war mir als habe ich nun erst ein Vaterland, mein Vaterland gefunden!

Hier ist ja dasselbe, was uns in Italien so mächtig ergreift: eine großartige Natur, ein weltgeschichtlicher Boden, und bedeutende Monumente, in deren Fortbildung wie in deren Zerstörung mannigfaltige vorübergegangene Perioden einer großen Zeit ihre tiefsinnigen Lettern gegraben haben!

Ja mir ist es mehr als Italien, denn es ist mein Land, es ist Deutschland, und nimmer werden römische Bauwerke so zu unserm Geiste sprechen, als der unserm Volke ganz eigene, in ihm geborene, mysteriöse reine Stil, wie er in diesen Bögen noch atmet, und in der kleinsten Fensterrose sich spiegelt!

Und tönt nicht selbst in dem sonoren Klange dieser Abendglocken das reine Silber wieder, welches in jenen Jahrhunderten das gläubige Volk zu Glockenspeise herzubrachte, wenn eine neue Glocke gegossen werden sollte? ja ist nicht am Ende gerade die Pietät, wann und wo wir sie gewahr werden, das was uns am Menschen das Herrlichste bleibt, und ist sie es nicht deren Nachgefühl hier noch heute beiträgt, dem aus vergangenen Zeiten stammenden Glockenklange eine geheime Anziehung zu unserm Geiste zu verleihen!

Als ich meine Zeichnung vollendet, und tiefe Abenddämmerung eingetreten war, stieg ich hinab zur Stadt, und wanderte noch durch eins der verfallenen Epheu- und Wein-umrankten Tore zum Rhein. Da lagen nun die großen Rheinschiffe, der Fluss wallte so ruhig an die flachen Ufer, so dunkel und hoch streckten hüben und drüben die Bergrücken sich längs des Stroms, ruhend von der Arbeit und in ihren Gesprächen vertieft saßen oder standen die Leute des Orts vor ihren gebrechlichen Häusern, über welchen überall die Trümmer aus vergangenen Jahrhunderten aufragten, kurz alles alles stimmte zu einem einzigen großen Moll-Akkord zusammen, und erregte mir die seltsamsten Gedankenzüge.

Noch musste ich es als den Schlussstein dieses mir für mein Leben merkwürdigen Tages und Abends betrachten, als ich, eingetreten in meine Wohnung, gerade gegenüber dem Fenster der Treppe zu meinem Zimmer, noch einmal die hohen Fensterbögen der Wernerikirche auf dem Grunde des Sternenhimmels in ihrer völligen Reinheit und Zierlichkeit erblickte.

Ich werde Euch nicht vergessen!


Anmerkungen
(1) "Schon war's die Stunde, welche den Fortschiffenden die Sehnsucht nach der Heimat wendet, und wehmütig das Herz bewegt an dem Tage, da sie süßen Freunden gesagt haben: 'mit Gott!' - und die den neuen Pilgrim mit Liebesschmerz durchdringt, , wenn er die Glocke von weitem hört, welche das Tageslicht zu beweinen scheint, das dahin stirbt."


Carl Gustav Carus: Paris und die Rheingegenden. Tagebuch einer Reise im Jahre 1835. Tl. 1. Leipzig, Verlag von Gerhard Fleischer 1836. In Commission bei Adolf Frohberger. Hier S. 44-49. (Digitalisierung durch Google) Der heutigen Rechtschreibung angeglichen. - Ohne Namensnennung wurde der Text verwendet in: Meyer's Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Bd. 16. Hildburghausen und New-York, Druck und Verlag vom Bibliographischen Institut 1854, S. 125-127.

Bild: Carl Gustav Carus - Natur und Idee. Katalog. Berlin, München: Deutscher Kunstverlag 2009. Nr. 136. Bacharach am Rhein mit der Ruine der Wernerikirche, 1836. Öl auf Leinwand. Museum Georg Schäfer, Schweinfurt.  Zeichnung verschollen.

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4. Johann Wilhelm Spitz
Das malerische und romantische Rheinland
in Geschichten und Sagen, 1840

Zwischen meist mit Reben bepflanzten Bergen und Felsen hindurch gelangen wir in kurzer Zeit nach Bacharach, auf dem gegenüberliegenden (dem linken) Rheinufer, eine Stadt mit 1800 Einwohnern. Der Wein welcher in dieser Gegend auf Schieferbergen wächst, gehört mit zu den besten Sorten, und ist als vorzüglich schon seit alten Zeiten bekannt, wofür die alten Sprüche zeugen:

Zu Bacharach am Rhein, zu Klingenberg am Main
Und Würzburg an dem Stein, wachsen die besten Wein.

Zu Bacharach am Rhein - zu Klingenberg am Stein -
Zu Hochheim an dem Main - da gibt's die besten Wein.


Nicht umsonst ließ sich Aeneas Sylvius, später unter dem Namen Pius II. Papst, jährlich ein Fass Bacharacher Wein nach Rom kommen, und Kaiser Wenzeslaus, der im Jahr 1400 bei Oberlahnstein entthront wurde, entließ sogar für vier Fass Bacharacher die Stadt Nürnberg ihrer Pflichten gegen ihn, wofür sie ihm 20.000 Gulden geboten hatte.

Zwischen der sogenannten Heilesen-Insel, welche die Familie von Heiles als pfälzisches Lehen besaß, und dem rechten Rheinufer, Bacharach gegenüber, liegt der merkwürdige Stein, den die alte Regalienbeschreibung Aram Bachi, den Älterstein oder Alterstein nennt. Einige Geschichtsforscher wollten den Namen der Stadt von dieser Ara Bachi herleiten, andere erklären sich jedoch dagegen. Früher bestand hier eine eigene Zechgesellschaft, welche eigene Weingärten hatte, deren Ertrag die sogenannten Zechherren jährlich verzehrten.

Die Ringmauer und 12 nach innen ganz offene Türen ziehen sich den Berg hinan, auf welchem sich die Ruinen von Stahleck erheben, von wo man sich einer der interessantesten Aussichten erfreut. Im Jahr 1135 kommt zuerst Goswin als Graf von Stahleck vor. Bekannter und berühmter aber wurde der Stamm unter dessen Sohn Hermann von Stahleck. Nach seinem Tode gelangte die Burg mit Bacharach zuerst an Konrad von Hohenstaufen, denn durch dessen Erbtochter Agnes an Heinrich von Braunschweig und endlich durch des letzteren Tochter an Otto von Wittelsbach. Es ist daher wahrscheinlich, dass sowohl die Stadt als die Burg unter Hermann vergrößert und befestigt, und der Pfalzgrafenstein von Konrad auf einer Felseninsel im Rhein erbaut worden; aber Bacharach verdankt seine späte Vergrößerung und Verschönerung den Wittelsbachern, welche kurz nach ihrer Besitznahme die Pfarrkirche dem heiligen Peter zu Ehren von Grund aus neu erbauen ließen. Als um dieselbe Zeit, 1287, der Knabe Werner angeblich von den Juden in Oberwesel ermordet und von dem Volk als ein Heiliger verehrt ward, stiftete der Pfalzgraf, Ludwig II., auch ihm eine schöne Kirche, deren Ruinen noch vorhanden sind, und legte dabei ein Hospital zum heiligen Geist für Arme und Kranke an. [...]

Die Ruinen der Wernerskirche sind für den Architekten noch sehr interessant, besonders die Profile der Fenster und der Bogen. Merian ließ sie in seiner Abbildung der Belagerung von Stahleck noch vollständig darstellen. Oberhalb Bacharach an der Heerstraße sieht man noch die bis auf das Mauerwerk zerstörte Kirche des Klosters Windesbach, welches an der Stelle aufgeführt wurde, wo der Kahn mit der Leiche des Knaben Werner, aller Anstrengungen der Ruderer ohnerachtet, unbeweglich stehen geblieben, und die Juden gezwungen worden sein sollen, sie am Ufer zu verbergen, wo sie gefunden in der Kirche des heil. Swibertus, der jetzigen Pfarrkirche, aufgestellt ward, sich sofort wundertätig zeigte, und dann in einer für sie erbauten Kapelle beigesetzt wurde.


Johann Wilhelm Spitz: Das malerische und romantische Rheinland in Geschichten und Sagen. Bd. 2. Düsseldorf, in Kommission in der Kunsthandlung U. Werbrunn 1840, S. 46f. (Digitalisierung durch Google)

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Oben: Bacharach. Verso: Heliocolorkarte von Ottmar Zieher, München. Stempel: Niederwald, 14. Aug. 1910. Gelaufen. Poststempel 1910. | Mitte:Bacharach mit St. Werner-Kapelle. Verso: Verlag Heinrich Wilhelm Mades, Buchhandlung u. Buchdruckerei, Bacharach a. Rh. Im Briefmarkenfeld: 398670. Nicht gelaufen. | Unten: Bacharach a. Rh. Holzturm an der Hahnenmühle (Nach J. D. Hartung). Verso. "Alt Bacharach". Postkartenserie nach alten Bildern aus dem Archiv der Stadt und des Verkehrsvereins. Reproduktion u. Verlag Th. Potempka, Bacharach a. Rh. Rechts unten: 9423. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1932.

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5. Victor Hugo
Rheinfahrt

Am andern Morgen um fünf ein halb Uhr verließ ich Lorch im Frührot, und ein Nachen brachte mich an das jenseitige Ufer. Nach steilem Aufstieg zwischen Reben und Gebüsch saß ich um sechs Uhr morgens auf dem Gipfel des Lavaberges, der das Schloss Fürstenberg und das Tal von Diebach beherrscht. [...]

Als es vom Glockenturm von Rheindiebach durch den Nebel hindurch sieben Uhr schlug, flog der Specht davon und ich erhob mich. Wenige Minuten später hatte ich das Dorf im Rücken, ohne daran gedacht zu haben, das berühmte Echo seiner Talschlucht zu befragen; ich schlenderte vergnügt den Rhein entlang und tauschte bald einen freundlichen Morgengruß mit drei jungen Malern, die, Ränzel und Regenschirm auf dem Rücken, gen Bacharach zogen.

Dies Reisen zu dritt scheint übrigens am Rhein Mode zu sein, denn ich war noch keine halbe Stunde unterwegs, da stieß ich kurz vor Nieder-Heimbach schon wieder auf eine solche Gesellschaft von drei jungen Leuten. Diesmal waren es aber ganz offensichtlich Studenten von einer jener edlen Universitäten, die Deutschland befruchten, indem sie seine Jugend heranbilden. Sie trugen die klassische Mütze, langes Haar, Degengehänge, enge Röcke, den Stock in der Hand, die bemalte Porzellanpfeife im Mund, und wie die Maler das Ränzel auf dem Rücken. Bei dem einen war ein Wappen auf dem Pfeifenkopf aufgemalt, wahrscheinlich das seinige. Sie schienen in hitziger Unterhaltung und gingen, wie die Maler, auf Bacharach zu. Als sie an mir vorbeischritten, rief mir einer von ihnen zu, indem er sein Käppchen zog: "Dic nobis, domine, in qua parte corporis animam veteres locant philosophi?" Ich erwiderte den Gruß und antwortete: "In corde Plato, in sanguine Empedocles, inter duo supercilia Lucretius." Die drei jungen Leute lachten, und der Älteste rief: "Vivat Gallia regina!" Ich entgegnete: "Vivat Germania mater!" Wir winkten uns zu, und ich ging weiter [...]

BACHARACH


Ich befinde mich in diesem Augenblick in einer der schönsten, angenehmsten und unbekanntesten alten Städte der Welt. Ich bewohne Gelasse wie die von Rembrandt, mit Bauern voll Vögeln an den Fenstern, sonderbaren Laternen an der Decke und mit Wendeltreppen in den Stubenecken, woran die Sonnenstrahlen hinaufschleichen. Im Schatten brummten eine alte Frau und ein Spinnrad mit gewundenen Füßen um die Wette.

Drei Tage brachte ich in Bacharach zu, einer Art Wunderland am Rhein, vergessen vom guten Geschmack Voltaires, vergessen von der französischen Revolution, von den Kriegen Ludwigs XIV., vom Kanonendonner der Jahre 1797 und 1805 und den modischen Architekten, die Häuser wie Kommoden und Schreibschränke machen. Bacharach ist wohl der älteste von Menschen bewohnte Ort, den ich in meinem Leben gesehen. Man glaubt, dass ein Riese, der mit Antiquitäten gehandelt, am Rhein einen Kramladen aufschlagen wollte, einen Berg als Gestell genommen und in seinem Riesengeschmack von oben bis unten einen Haufen gewaltiger alter Stücke ausgelegt habe.

Das fängt unter dem Rhein selbst an. Hier sieht man aus dem Wasser einen Felsen hervorragen, der nach einigen vulkanischen Ursprungs, nach anderen eine keltische Opferstätte und wieder nach anderen ein römischer Altar, die ara Bacchi ist. Am Ufer des Flusses stehen zwei oder drei alte, durchlöcherte Schiffs-Gerippe, entzweigeschnitten, aufrecht in der Erde. Sie dienen Fischern als elende Hütten. Hinter diesen Hütten eine ehedem mit Zinnen bewehrte Ringmauer, von vier geborstenen, eingestürzten Türmen gestützt. In dieser Ringmauer sind Fenster und Außengänge der Häuser gebrochen. Weiter am Fuße des Berges ein unbeschreibliches Gemenge belustigender, köstlicher Häuschen, phantastische Türmchen, wunderliche Giebel, deren doppelte Dachmauern auf jeder Stufe Türmchen gleich hervorgeschossenem Spargel tragen, schweres Gebälk, das um die Hütten zierliche Arabesken zeichnet, geschnörkelte Speicher, durchbrochene Balkone, Schornsteine, die voller Rauch und Ruß Tiaren und Kronen vorstellen, bizarre Wetterfahnen, die nicht Wetterfahnen, sondern Anfangsbuchstaben eines alten Manuskripts, mit dem Ausschneideeisen in Blech gefertigt, sind und im Winde knarren. (Über meinem Haupte ein R, das die ganze Nacht hindurch seinen Namen rrr! verkündete.)

In diesem wundervollen Baugewirr ein verwinkelter Platz, von einem Block Häuser gebildet, die zufällig vom Himmel gefallen, und mehr Buchten, Inseln, Riffe und Vorgebirge hat als ein Fjord in Norwegen. Auf einer Seite dieses Platzes zwei Vierecke gotischer Bauart, die überhangend, gesenkt und faltig sich gegen alle Regeln der Geometrie und des Gleichgewichts keck aufrecht halten. Auf der anderen Seite eine schöne romanische Kirche mit einem rautenförmig gezierten Portal von einem hohen geraden Turm überragt, an der Apsis von einer schwarz marmornen Galerie kleiner Rundbögen mit Säulchen umgeben, und unten rings mit Grabsteinen aus der Renaissance wie ein Schrein ausgelegt. Oberhalb dieser byzantinischen Kirche, auf der Anhöhe die Ruine einer anderen Kirche des 15. Jahrhunderts aus rotem Sandstein, ohne Türen, Dach und Fenster, ein prächtiges Gerippe, das sich stolz am Himmel abzeichnet. Endlich auf der Höhe eines Berges als Krone die Überreste und efeubedeckten Bruchstücke eines Schlosses, der Feste Stahleck, Wohnsitz der Pfalzgrafen im 12. Jahrhundert. Alles das ist Bacharach.

Diese alte Feenstadt, wo es von Sagen und Legenden wimmelt, wird von einem malerischen Schlag von Einwohnern bewohnt, die alle, die Alten und die Jungen, die Kinder und Großväter, kropfige und schöne Mädchen, in ihrem Blick, in ihren Zügen und ihrer Haltung etwas haben, das an das 13. Jahrhundert erinnert. Das hindert aber die schönen Mädchen keineswegs, sehr hübsch zu sein.

Von der Höhe des Schlosses hat man eine unermessliche Aussicht und entdeckt in den Bergzügen fünf andere Schlossruinen; auf dem linken Ufer Fürstenberg, Sooneck und die Heimburg; auf der anderen Seite des Flusses sieht man den großen Gutenfels, voll Erinnerungen an Gustav Adolf; und über einem Tal, dem märchenhaften Wispertal, auf dem Gerüst eines Hügels, der ihm als Sockel dient, ein Bündel schwarzer Türme, das wie die alte Bastille von Paris aussieht. Es ist das ungastliche Schloss, dessen Tore Sibo von Lorch den Gnomen in den Gewitternächten zu öffnen sich weigerte.

Bacharach liegt in einer wilden Gegend. Wolken, fast immer über seinen Ruinen hängend, jähe Felsen und ein wilder Felsbach umgeben würdig die alte ernste Stadt, die einst römisch, dann romanisch gewesen, endlich gotisch geworden, aber nicht modern werden will. Merkwürdig, ein Gürtel von Klippen hindert an allen Seiten die Anfahrt der Dampfschiffe und hält die Zivilisation fern.

Kein Missklang der Farben, keine weiße Fassade mit grünen Fensterläden stört den düsteren Einklang des Ganzen. Hier wirkt alles zusammen, selbst der Name »Bacharach« wie ein alter Ruf der Bachanten, dem Sabbat angepasst.

Als getreuer Geschichtsschreiber muss ich jedoch bemerken, dass ich eine Putzmacherin mit ihren rosenroten Bändern und weißen Hauben unter einem schwarzen Spitzbogen des 12. Jahrhunderts eingerichtet sah.

Herrlich braust der Rhein um Bacharach. Es scheint, als liebe und wahre er stolz seine Altstadt. Man möchte ihm zurufen: Gut gebrüllt, Löwe! Auf Weite eines Armbrust-Schusses verfängt und windet er sich in einen Felsentrichter und ahmt Schaum und Gebrause des Ozeans nach. Diese böse Stelle heißt »das wilde Gefährt«. Es sieht schreckhafter aus, ist aber weniger gefährlich als »die Bank« bei St. Goar.

Wenn die Sonne eine Wolke beiseite streicht und aus einem Dachfenster des Himmels blickt, so ist nichts so anziehend wie Bacharach. Alle diese betagten und mürrischen Fassaden entrunzeln sich und werden lustig. Die Schatten der Türmchen und der Wetterfahnen zeichnen tausend sonderbare Gestalten. Die Blumen - es gibt überall Blumen - kommen zugleich mit den Mädchen an die Fenster, und auf den Schwellen der Häuser erscheinen in heiteren und friedlichen Gruppen bunt durcheinander Kinder und Greise, sich im Mittagsstrahl zu wärmen, - die Greise mit jenem bleichen Lächeln, das: »Schon?« und der Kinder, deren freundliches Auge: »Noch nicht?« bedeutet.

Mitten durch dieses gutmütige Volk geht und spaziert ein preußischer Sergeant in Uniform mit einem Gesicht, halb Wolf, halb Hund, auf und ab.

Übrigens sah ich, rühre dies nun vom Geist der Stadt oder von preußischer Eifersucht her, über den Toren der Wirtshäuser keinen anderen großen Mann als jenen Eroberer mit dem Rokoko-Gesicht, jene Gattung Napoleon-Ludwig XV., den wahren Helden, wahren Denker und wahren Fürsten von ehemals, den man Friedrich den Zweiten nennt.

Zu Bacharach ist ein Besucher ein Ereignis. Man ist nicht nur fremd, man ist befremdet. Der Reisende wird mit staunenden Augen angesehen und verfolgt. Das kommt daher, weil außer Malern mit dem Ränzlein auf dem Rücken kein Mensch die alte, von dem Pfalzgrafen verschmähte Residenz besucht, das gefürchtete Loch, das die Dampfschiffe meiden und das alle Rheinführer als eine traurige Stadt bezeichnen.

Ich muss aber noch gestehen, dass in einem Kabinett nahe an meinem Zimmer sich eine Lithographie befand, Europa vorstellend, das heißt zwei schöne entblößte Damen und einen schönen schnurrbärtigen Herrn, die an einem Piano singen, und worunter folgende leichtfertige, Bacharachs sehr unwürdige, Verse zu lesen waren:

EUROPA
Europa, Zauberin, in deren Namen
Frankreich Gesetze flücht'ger Mode lehrt:
Vergnügen, schöne Kunst und holde Damen
Sind Götzen, die dein glücklich Volk verehrt.


Die Putzmacherin mit ihren roten Bändern, der Steindruck mit dem Vierzeiler aus dem Kaiserreich, das ist die Morgenröte des 19. Jahrhunderts, die über Bacharach aufgeht.

Unter meinen Fenstern hatte ich eine kleine, glückliche und heitere Welt. Es war eine Art zu der romanischen Kirche gehörigen Hinterhofs, woraus man über eine steile Lavatreppe bis zu den Ruinen der gotischen Kirche hinaufgelangen konnte. Hier spielten alle Tage im hohen Gras, das ihnen bis ans Knie reichte, drei kleine Knaben und zwei kleine Mädchen, die tapfer auf die Knaben losschlugen. Zusammen mochten sie fünfzehn Jahre alt sein. Der Rasen, stellenweise leicht gewölbt, war so dicht, dass man nirgends den Boden sah. Auf diesem Rasen erhoben sich zwei lustige Sommerlauben aus prachtvollen Weinreben. Inmitten der Weinreben bemühten sich zwei Vogelscheuchen, gekleidet wie die Lubins der komischen Oper mit Perücken und mächtigen Dreispießen. die Vögel zu verscheuchen, was aber Grünfinken und Bachstelzen von den Trauben nicht abhielt. In allen Ecken des Gärtchens leuchteten Sonnenblumen, Stockrosen und Astern wie die Leuchtgarben eines Feuerwerks. Rings um diese Büschel wogte unablässig ein lebendiger Schnee von weißen Schmetterlingen, unter die sich Federn aus dem nahen Taubenschlag mengten. Jede Blume und jede Traube war von einem Schwarm von Fliegen aller Farben umgeben, die im Sonnenschein glänzten. Die Fliegen summten, die Kinder schwatzten, die Vögel sangen und das Gesumme der Fliegen, das Geschwätz der Kinder und der Gesang der Vögel vermischte sich mit dem ununterbrochenen Girren der Tauben und Turteltauben.

Am Abend meiner Ankunft, nachdem ich bis in die Nacht den freundlichen Garten bewundert, lud mich die Lavatreppe ein, und es ergriff mich die Lust, beim Schimmern der Sterne bis zu den Ruinen der gotischen Kirche hinaufzusteigen, die dem hl. Werner gewidmet war, der zu Oberwesel den Märtyrertod erlitten. Nachdem ich die sechzig bis achtzig Stufen ohne Absatz und Geländer emporgeklettert, langte ich auf der mit Gras bewachsenen Plattform an, auf der sich das schöne alte Schiff ohne Ringmauern mächtig ausnimmt. Während im dunklen Schatten die Stadt zu meinen Füßen schlief, bewunderte ich den Himmel und die massigen Ruinen des Pfalzgrafen-Schlosses durch die mit Maßwerk und Rosetten reich versehenen Fenster. Ein milder Nachtwind beugte die trockenen Gräser unmerklich nieder. Plötzlich fühlte ich, dass die Erde unter mir nachgab und einsank. Ich blickte nieder, und im Sternenlicht erkannte ich, dass ich auf einem frischgegrabenen Erdhügel stand. Ich schaute ringsum; schwarze Kreuze mit weißen Totenköpfen standen überall um mich. Ich erinnerte mich der leisen Wölbungen des Bodens, die ich von unten aus bemerkt. Ich gestehe, dass ich mich in diesem Augenblick des Schauers nicht erwehren konnte, den so Unerwartetes einflößt. Mein schönes Gärtchen voll Kinder, Vögel, Tauben, Schmetterlinge, Musik, Licht, Leben und Freude war ein Friedhof.

FEUER! FEUER!


In Bacharach, wenn Mitternacht gekommen, legt man sich nieder, schließt die Augen, lässt die Gedanken fallen, die man tagsüber mit sich herumgetragen, man gelangt zu jenem Moment, da man etwas Wachendes und etwas Schlafendes in sich vereint, wo der müde Körper bereits ruht, während die hartnäckigen Gedanken noch fortarbeiten, und es scheint, dass der Schlaf sich bereits lebend und das Leben sich bereits entschlafen fühlt. Plötzlich tönt ein Lärm durch die Nacht und dringt herzu, ein seltsames, unerklärliches, schreckhaftes Geräusch, eine Art wilden Gemurmels, drohend und klagend zugleich, das sich mit dem Nachtwind vereint und von der Höhe des Friedhofs über der Stadt zu kommen scheint, wo man des Morgens die elf Wasserspeier auf der Kirche des hl. Werner den Rachen aufreißen sah, als wenn sie sich zum Heulen anschicken wollten. Man ermuntert sich, man setzt sich aufrecht, horcht: Was ist das? Es ist der Nachtwächter, der auf seinem Horn bläst und der Stadt verkündigt, dass alles in Ordnung ist und dass man ruhig schlafen könne. Es sei; aber ich glaube kaum, dass man die Leute auf eine fürchterlichere Weise der Ruhe versichern kann. [...]


Victor Hugo besuchte 1839 Straßburg und bereiste den Mittel- und Oberrhein von August bis Oktober 1840, datierte die Aufzeichnungen jedoch auf 1839. Die hier wiedergegebenen Ausschnitte aus: Rheinfahrt. Von Mainz zum Meer. Hrsg. von Johann Jakob Hässlin. 2. Aufl. München: Prestel 1953, S. 63 f., 66. - Victor Hugo: Rheinreise. Mit e. Nachwort von Friedrich Wolfzettel. Frankfurt a.M.: Frankfurter Societäts-Druckerei 1982, S. 92-97. Hier auch die Zeichnungen Hugos. Zur komplizierten Text- und Publikationsgeschichte siehe Nachwort. - Vgl. Victor Hugo: Le Rhin. Lettres a un Ami. Tome Premier. Paris. L. Hachette 1869, Lettre XVII. Saint-Goar, XVIII. Bacharach, XIX, Feuer! Feuer! (Digitalisierung durch Google).

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Oben: Gruss vom Rhein. Bacharach. Reinicke & Rubin, Magdeburg. Signet, Nummer abgeschnitten. Verso: Deutsche Reichspost. Postkarte. Poststempel 1898. | Unten links: Am Rhein. Bacharach im Posthof. 340. Verso: Verlag F. Kratz, Köln a. Rhein, Hansaring 78. Echte Photographie. Nicht gelaufen. | Unten rechts: Bacharach am Rhein. Verso: Heinr. Wilh. Mades, Ansichtskartenverlag, Bacharach a. Rh. Nr. 2814 - f. Echte Fotografie. Nicht gelaufen.

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Vom deutschen Rhein. Mit landschaftlichen u. architektonischen Ansichten nebst Illustrationen zu rheinischen Dichtungen in 25 Blättern von Caspar Scheuren. Coblenz a. Rh.: W. Groos, Königl. Hofbuchhandlung (Kindt & Meinardus) [1877].

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6. Karl Simrock
Das malerische und romantische Rheinland, 1851

Bald sind die gotischen Trümmer der zierlichen Wernerskirche erreicht, die Künstlerhand so unzählig oft nachbildet aus Bewunderung oder Dankbarkeit für die Fernsichten, die sich so gut in die schön profilierten Fenster- und Gewölbebogen einrahmen. Aber Stahlecks Adlerhöhe ist noch lange nicht erstiegen und wir suchen zuerst die höchste Stelle, die oberste Befestigungsmauer zu erreichen, an welcher die nach Rheinböllen führende Straße dicht vorbeiläuft, denn hier ist die Aussicht nach allen Seiten unbegrenzt und schaurig erhaben. Unter uns im Graus vollster Zerstörung die mächtige Feste, wo sich der Bund der Welfen und Staufen knüpfte, dessen früher Bruch Deutschlands alte Herrlichkeit nicht minder grausenhaft zerstören sollte. Wir brauchen lange Zeit, über den Schutt der weitläufigen Nebengebäude hinab zu klettern, bis wir durch den einzigen noch stehenden Bogen endlich in die innern Burgräume gelangen. Gegen Süden finden wir noch Wände der Prachtsäle übrig; aber die Bekleidungen der doppelten Bänke in den Fenstervertiefungen sind verschwunden, die Frauen blicken nicht mehr hinab in das Tal. das unten noch so groß und erhaben liegt, wie vor 600 Jahren. Vor der äußersten Giebelwand bleibt ein freier Gartenplatz, wo dem Leser, der mehr Zeit hat als wir, der reichste Naturgenuss winkt.

Karl Simrock: Das malerische und romantische Rheinland (Das malerische und romantische Deutschland; 8) 3. verm. u. verb. Aufl. Leipzig: C. A. Haendel 1851 (Digitalisierung durch Google). Das Bild wurde von Carl Ludwig Frommel (1789-1863) gezeichnet und von ihm und Henry Winkles, mit dem er 1824 ein Atelier für Stahlstecher in Karlsruhe begründet hatte, gestochen. Es zeigt einen Maler mit Staffelei vor dem romantischen Motiv.

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Oben: Blick a. Bacharach a/Rh. m. Stahleck. Verso: Verlag Photo-Haus Karl Kühn, Bingen a./Rh. Echte Photographie. Im Briefmarkenfeld Signet. | Mitte: Ruine Stahleck. Verso: Signet. Dr. Trenkler Co., Leipzig. 1908. Rhn. 60. Nicht gelaufen. | Unten: Bacharach. Ruine Stahleck. 2871. Verso: Verlag v. Edm. von König, Heidelberg 1904. Datiert 1904. Nicht gelaufen.

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Spätgotische Fachwerkhäuser bei St. Peter. Englische Lithographie von 1834. In: Hans Caspary: Bacharach und Steeg. Köln: Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz 1971 (Rheinische Kunststätten). Umschlag, Ausschnitt.

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7. Ludwig Löffler
Skizzenbuch in Worten und Bildern, 1852

Bei Bacharach wurde für mich die Flagge aufgehisst mit R.D.S. bezeichnet; Buchstaben, die Rheinisches Dampfschiff bedeuten, vom Schiffsjungen aber witzig genug in "Rette Dich selbst" ausgelegt wurden - und alsbald erschien der Nachen, welcher mich hier ans Land führen sollte. Der in Regen ausgeartete Nebel fiel jetzt gerade in dichten Strömen, und so befand ich mich denn bald in meinem kleinen Fahrzeuge in der trostlosen Lage, mich ohne irgend eine Hilfe bis auf die Haut durchnässt zu sehen. Wenn dergleichen petites misères gar zu toll kommen, so erregen sie bei mir immer Humor, und so kam ich auch an jenem Tage ganz nass und daher ganz heiter in der alten berüchtigten Stadt an, in der ich in meinem wirklich merkwürdigen Aufzuge noch die Lachmuskeln einiger in ihren Haustüren stehender Bacharacher reizte.

Das beste Gasthaus liegt in einer engen übelriechenden Straße und liefert ein Essen, dem man mit einem Seufzer zuruft: Gott gebe, dass ich das verdaue. Das Rindfleisch und die ängstlich darum liegenden Bohnen waren ganz geeignet, meinen Humor in einen Alp zu verwandeln, dem der Krätzer, der mir dazu gereicht wurde, wahrhaftig nicht hindernd in den Weg trat. Der fortdauernde Regen ließ mich nicht einmal durch Bewegung eine Erleichterung finden, und so ergab ich mich als frommer Christ in mein Schicksal und lege dem freundlichen Leser vor, was ich aus meinem Fenster sah, und wonach er mir eine Träne der Rührung gewiss nicht versagen wird.

Am Nachmittag störte mich plötzlich aus meinen Träumereien ein furchtbarer Kinderlärm; Kinder können in diesem Punkt etwas leisten, wie Du, glücklicher Familienvater, aus Erfahrung weist; was aber die Kinder von Bacharach anbetrifft, so glaube ich nicht, dass andere Rangen mit diesen leicht konkurrieren können. Der Lärm näherte sich mehr und mehr, und ich hörte sogar eine Art von Melodie heraus, in der ich auch endlich die Wörter "Weck und Speck" zu verstehen glaubte. Ich lief nach dem Hofe und erblickte nun einen Haufen menschlicher Sprösslinge beiderlei Geschlechts von 4 bis 8 Jahren, denen ein Junge eine Art Erntekranz vortrug, während die anderen folgenden auf alten Säbeln drei bis vier Wecken - Semmeln - und oben ein Stück Speck bis ans Heft gespießt hatten, und die Mädchen dieselben Nahrungsmittel, nur noch durch Einer und Butter vermehrt, in Schalen und Körben nachschleppten. Alles stellte sich dann im Halbkreise um den Aufseher der Bande herum, und vollführte den oben erwähnten Höllenlärm, bis endlich von dem Wirt meines Hotels - passez-moi l'expression - der Zauberstab erhoben wurde und der Schwarm zerstob und Luft ward. Ganz aber waren doch wohl diese Ohrenpeiniger noch nicht vertilgt; denn ich hörte bald darauf aus einer andern Gegend denselben Chor, dieselbe Weise herüberschallen.

Es rührt diese Komödie von einem alten Gebrauch her, dessen Ursprung sich, wie der Dichter sagt, "in der Nacht der Zeiten verliert". Die Stadt hat nämlich vier Brunnen; wenn nun einer derselben gereinigt wird, so versammeln sich die Kinder des Stadtviertels, worin derselbe liegt, reich und arm, keines darf sich ausschließen, und tragen Brunnenkranz auf jeden Hof, wo sie dann die oben erwähnten Esswaren und auch Geld erhalten. Alles dies wird beim Brunnenmeister abgeliefert, der ihnen am nöchsten Tage davon einen kleinen Schmaus gibt, und ihnen dicken Brei und gelbe Schnittchen macht, an denen sich das kleine Volk gütlich tut.

Wie reich und originell Bacharach in seiner Bauart ist, zeigt vorliegende Straßenansicht und seine Kirche. Das Volk ist gemütlich, kleinstädtisch, und ich verbrachte die Abende ganz gut mit der Nobilitas des Ortes, mit dem Bürgermeister, Baumeister und Gott weiß was für Meistern sonst noch, und zwei Militärpersonen, deren Existenz bei uns in Berlin fast ins Reich der Mythe gehört: zwei Gendarmen.

Ludwig Loeffler: Skizzenbuch in Worten und Bildern. Aus Westfalen, dem Rheinlande, der Schweiz, Baiern und Sachsen. Leipzig: J. J. Weber 1852, S. 74-79. Rechtschreibung dem heutigen Gebrauch angeglichen. (Digitalisierung durch Google)

Ludwig Löffler, Maler und Lithograph, geboren zu Frankfurt a.d.O. 1819, gestorben zu Berlin 1876, besuchte die Akademie der Künste zu Berlin und arbeitete in den Ateliers von Wilhelm Hensel und Franz Wagner. Nach einem längeren Aufenthalt in Paris und Italien ließ er sich 1845 in Berlin nieder und war vorwiegend als Illustrator tätig, insbesondere für die Leipziger Illustrierte Zeitung. Seine Zeichnungen und Skizzen "lassen in den mannigfaltigsten Schilderungen bei scharfer Beobachtung des Lebens eine schnellfertige, gemäßigten Ansprüchen genügende Gewandtheit der Hand erkennen." (ADB, Bd. 19, 1844, S. 107)

 

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Oben: Am Rhein. Bacharach. Verso: Verlag M. Bänisch, Koblenz, Rheinstr. 26/28. Im Briefmarkenfeld: 671. Nicht gelaufen. | Mitte links: 3 - Altes Haus in Bacharach. Verso: Altes Haus in Bacharach. Signet: HB ligiert. Rheingold-Serie. Der Rhein von Mainz bis Köln. Echte Photographie. Hoursch & Bechstedt, Köln. Datiert 1932. Nicht gelaufen. | Mitte rechts: Bacharach am Rhein, Altes Haus. Verso: Original-Radierung. Handabzug. Carl Jander, Berlin S 14. Nicht gelaufen. | Unten: Ohne Titel. Verso: Photochrome. Signet: N & O, eingeschrieben in D [Nenke & Ostermaier, Dresden]. Serie 120 (Frühling am Rhein). Nr. 2422 (Altes Tor in Bacharach). Nicht gelaufen.

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Bacharach und Burg Stahleck. In: Romantische Rheinreise. 114 Faksimilestiche der Orte und Städte am ganzen Rheinlauf. Texte geplaudert von Rudi vom Endt, zusammengestellt u. hrsg. von Wolfgang Schwarze. Wuppertal: Dr. Wolfgang Schwarze Verlag 1975.

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8. Ludwig Bechstein
Die Weingötter am Rhein

Zu Bacharach am Rhein, wo nach altem deutschen Reimspruch der besten Weine einer wächst, soll vorzeiten ein Altar des Bacchus, des Weingottes, gestanden haben, und des Ortes Name soll von diesem Altar, Bacchi ara, herrühren, diesen Altarstein nannten die Winzer umher auch den Elterstein. Dort ist auch ein Fels im Rhein, der wird nur bei ganz kleinem Rhein, bei großem Wassermangel und heißem dürren Sommerwetter, sichtbar und stets für eine dem Weinjahr günstige Prophezeiung genommen, denn es geht ein Sprichwort, das lautet: Kleiner Rhein gibt guten Wein. – Viele meinen, dass dieser Fels selbst der Altar des Bacchus sei, und mit Figuren verziert, und vielleicht hat noch im schwachen Nachhall sich altheidnischer Kult darin erhalten, dass die Schiffleute, wenn der Elterstein sich zeigt, eine Strohpuppe als Bacchus aufputzen und auf dem Stein befestigen, so ist der Sagenglaube im Volke lebendig, wenn auch die Gelehrten ungläubig den Kopf dazu schütteln.

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Leipzig: Georg Wigand 1853, Nr. 93. Zit. n. Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky. Großbibliothek. Berlin: Directmedia 2005 (Digitale Bibliothek; 125), S. 45.632.

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Oben: Gruss aus Bacharach. Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsere Reben; gesegnet sei der Rhein. Verlag v. Edm. von König, Heidelberg. 139. Ungeteilte Adressseite. Nicht gelaufen. | Unten:Text auf Fass in deutscher Schrift: Ich habe es ja immer gesagt, es muß noch viel mehr getrunken werden! Verso: Bacharach am Rhein. Signet. Ansichtskarten-Großverlag Fritz Gutmann, Koblenz. Text im Briefmarkenfeld: Gutmann's Ansichtskarten bereiten immer wieder Freude. Nicht gelaufen.

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9. Georg Forster
Ansichten vom Niederrhein, 1790

In Bacharach und Kaub, wo wir ausstiegen und auf einer bedeckten Galerie längs der ganzen Stadtmauer hin an einer Reihe ärmlicher, verfallener Wohnungen fortwanderten, vermehrten die Untätigkeit und die Armut der Einwohner das Widrige jenes Eindrucks. Wir lächelten, als zu Bacharach ein Invalide sich an unsere Jacht rudern ließ, um auf diese Manier zu betteln; es war aber entweder noch lächerlicher, oder, wenn man eben in einer ernsthaften Stimmung ist, empörender, dass zu St. Goar ein Armenvogt, noch ehe wir ausstiegen, mit einer Sparbüchse an das Schiff trat und sie uns hinhielt, wobei er uns benachrichtigte: das Straßenbetteln sei zu Gunsten der Reisenden von Obrigkeitswegen verboten. Seltsam, dass dieser privilegierte Bettler hier die Vorüberschiffenden, die nicht einmal aussteigen wollen, belästigen darf, damit sie nicht auf den möglichen Fall des Aussteigens beunruhigt werden!

In diesem engeren, öderen Theile des Rheintals herrscht ein auffallender Mangel an Industrie. Der Boden ist den Einwohnern allerdings nicht günstig, da er sie auf den Anbau eines einzigen, noch dazu so ungewissen Produktes, wie der Wein, einschränkt. Aber auch in ergiebigeren Gegenden bleibt der Weinbauer ein ärgerliches Beispiel von Indolenz und daraus entspringender Verderbtheit des moralischen Charakters. Der Weinbau beschäftigt ihn nur wenige Tage im Jahr auf eine anstrengende Art; bei dem Jäten, dem Beschneiden der Reben usw. gewöhnt er sich an den Müßiggang, und innerhalb seiner Wände treibt er selten ein Gewerbe, welches ihm ein sicheres Brot gewähren könnte. Sechs Jahre behilft er sich kümmerlich, oder antizipiert den Kaufpreis der endlich zu hoffenden glücklichen Weinlese, die gewöhnlich doch alle sieben oder acht Jahre einmal zu geraten pflegt; und ist nun der Wein endlich trinkbar und in Menge vorhanden, so schwelgt er eine Zeitlang von dem Gewinne, der ihm nach Abzug der erhaltenen Vorschüsse übrig bleibt, und ist im folgenden Jahr ein Bettler, wie vorher.

Ich weiß, es gibt einen Gesichtspunkt, in welchem man diese Lebensart verhältnismäßig glücklich nennen kann. Wenn gleich der Weinbauer nichts erübrigt, so lebt er doch sorglos, in Hoffnung auf das gute Jahr, welches ihm immer wieder aufhilft. Allein, wenn man so räsoniert, bringt man die Herabwürdigung der Sittlichkeit dieses Bauers nicht in Rechnung, die eine unausbleibliche Folge seiner unsicheren Subsistenz ist. Der Landeigentümer zieht freilich einen in die Augen fallenden Gewinn vom Weinbau; denn weil er nicht aus Mangel gezwungen ist, seine Weine frisch von der Kelter zu veräußern, so hat er den Vorteil, dass sich auch das Erzeugnis der schlechtesten Jahre auf dem Fasse in die Länge veredelt, und ihm seinen ansehnlichen Gewinn herausbringen hilft. Man rechnet, dass die guten Weinländer sich, ein Jahr ins andre gerechnet, zu sieben bis acht Prozent verinteressieren, des Misswachses unbeschadet. Es wäre nun noch die Frage übrig, ob dieser Gewinn der Gutsbesitzer den Staat für die hingeopferte Moralität seiner Glieder hinlänglich entschädigen kann?


Quelle: Georg Forster. Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich, im April, Mai und Junius 1790. Zit. n. Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky. Großbibliothek. Berlin: Directmedia 2005 (Digitale Bibliothek; 125), S. 133.831-133.833.

Biographische Notiz: Georg Forster (geboren 27. November 1754 in Nassenhuben, heute Mokry Dwór bei Danzig; gestorben 10. Januar 1794 in Paris) war ein Naturforscher, Ethnologe, Reiseschriftsteller, Journalist, Essayist und Revolutionär. Er nahm an der zweiten Weltumsegelung James Cooks teil und lieferte wichtige Beiträge zur vergleichenden Länder- und Völkerkunde der Südsee. Er gilt als einer der ersten Vertreter der wissenschaftlichen Reiseliteratur. Als deutscher Jakobiner und Mitbegründer des Mainzer Jakobinerklubs gehörte Forster zu den Protagonisten der kurzlebigen Mainzer Republik.

Von Mainz aus unternahm Forster im Frühjahr 1790 gemeinsam mit dem jungen Alexander von Humboldt eine ausgedehnte Reise, die ihn in die Österreichischen Niederlande, nach Holland, England und Paris führte. Seine Eindrücke schilderte er in dem zwischen 1791 und 1794 erschienenen dreibändigen Werk Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790. Johann Wolfgang von Goethe sagte von dem Buch: „Man mag, wenn man geendigt hat, gerne wieder von vorne anfangen und wünscht sich, mit einem so guten, so unterrichteten Beobachter zu reisen.“

Auszüge aus dem Artikel "Georg Forster" in Wikipedia, URL < http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Forster.

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Das alte Haus in Bacharach, Weinstube. Bezeichnet: phot. Krapohl. Verso: Gasthaus Altes Haus erbaut 1368. Jkra 1085. Nicht gelaufen. Text von Karl Röhrig, Das "Alte Haus" zu Bacherach:

Ich habe Dich oft gesehen
Zu Bacharach am Rhein
Still wie ein Märchen stehen,
Jetzt kehrte ich in Dir ein.
Ich wohne in Deinen Lauben,
Ich herrsche in Deinem Reich,
Ich presse den Saft der Trauben
Und bin den Göttern gleich.

Viel alte Häuser versanken,
Ertranken am Rheinesstrand.
Du stehst noch ohne Wanken,
Du hieltest Jahrhunderte stand.
Das ist die Kraft der Reben,
Die lässt im Sturm bestehn,
Die gibt ein ewiges Leben,
Die lässt nicht untergehn.

Bald muss ich wieder scheiden,
Du trautes "Altes Haus",
Ich ziehe mit neuen Freuden
Von Dir in die Welt hinaus.
Was auch in der Zeit verklungen,
Was alles zerbricht und fällt. - -
Ich ruhe nicht, bis ich gesungen
Dein Lob in aller Welt.

 

Karl Röhrig, geboren 1866 auf dem Schmiedel bei Simmern, studierte Theologie, wurde 1895 Pfarrer in Honnef am Rhein, 1905 Pastor an der Erlöserkirche in Potsdam. Gestorben 1927. Gedichtband: Am Rhein, 1909.

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10. Wilhelm Müller
Die schlanke Kellnerin und die schlanken Flaschen

Blanke, schlanke Kellnerin,
Blank und schlank sind deine Flaschen,
Blanker, schlanker ist dein Leib:
Lass mich trinken, lass mich naschen
Sorgenbann und Leidvertreib!

Blanke, schlanke Kellnerin,
Zum Umspannen ist dein Mieder
Mit vier Fingern ohn' Beschwer:
Fülle mir den Schoppen wieder!
Mit vier Zügen ist er leer.

Blanke, schlanke Kellnerin,
Schlanke Leibchen hab' ich gerne -
Aber schlanke Flaschen nicht,
Dank dem durstig heißen Sterne,
Unter dem ich trat ans Licht.

Blanke, schlanke Kellnerin,
Fordr' ich doch den schlanksten Schoppen,
Sage nicht, ich sei ein Tor;
Denn er zaubert, mich zu foppen,
Deinen schlanken Leib mir vor.

Blanke, schlanke Kellnerin,
Schlanke Flaschen dir behagen,
Ob ihr Glas auch leicht zerbricht:
Schlanke Leibchen, lass dir sagen,
Knacken wohl, doch brechen nicht.

Blanke, schlanke Kellnerin,
Wohl bekomm' es deinen Kannen,
Dass so schnell mein Schoppen leer!
Darf ich deinen Leib umspannen,
Mess' ich keine Flasche mehr.

Quelle: Gedichte von Wilhelm Müller. Mit Einleitung und Anmerkungen hrsg. von Max Müller. Teil 2. Leipzig: F. A. Brockhaus 1868, S. 81 f. Aus der Folge "Die schöne Kellnerin von Bacharach und ihre Gäste". (Digitalisierung durch Google)

Biographische Notiz: Wilhelm Müller, geboren 1794 in Dessau, gestorben 1827 ebenda, wurde bekannt durch seine Volkslieder. Er setzte sich für den Unabhängigkeitskampf der Griechen gegen die türkische Besatzung ein (daher sein Beiname „Griechen-Müller“). Der heutige Nachruhm Müllers beruht vor allem auf seinen Gedichtzyklen Die schöne Müllerin und Winterreise, die von Franz Schubert vertont wurden.

Auszüge aus dem Artikel "Wilhelm Müller" in Wikipedia, URL
< http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Müller_(Dichter)>

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Stahleck, stolze Burg am Rhein! / Füllt die Gläser! Schenket ein! / Rheinwein macht in Bacharach / Männer stark und Mädchen schwach. Im Bild signiert: F. Koch. Gelaufen. Poststempel 1950.

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11. Theodor Fontane
Grete Minde, 1880

Und Hinterlachr sang:

»Zu Bacharach am Rheine,
Da hat mir's wohlgetan,
Die Wirtin war so feine.
So feine,
Und als wir ganz alleine...«


»Ach, dummes Zeug. Immer Weiber und Weiber. Aber sie denken nicht dran; und am wenigsten, was eine richtige Wirtin ist. Sie lachen dich aus. Nazerl, mach du dein Sach. Aber nichts von den Weibern; hörst du. Halt dich an das!« Und dabei schob er ihm eine frische Kanne zu, die der Wirt eben hereingebracht hatte.
    Und Nazerl hob an:

»Der liebste Buhle, den ich hab,
Der liegt beim Wirt im Keller,
Er hat ein hölzins Röcklein an
Und heißet Muskateller:
Hab' manche Nacht mit ihm verbracht,
Er hat mich immer glücklich 'macht, glücklich 'macht,
Und lehrt mich lustig singen.«


»Das ist recht. Der liebste Buhle, den ich hab... das gefällt mir. Der Nazi hat's getroffen. Was meinst, Zenobia?« Und alle wiederholten den Vers und stießen mit ihren Kannen und Bechern zusammen.


Theodor Fontane. Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. 15. Kap. Drei Jahre später.

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Siehe auch die Seite zu

Heinrich Heine, Der Rabbi von Bacherach

http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6439

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12. Literaturhinweise

Spezialstudien:
* Gerda Grashoff-Heins: Bacharach. Augsburg, Köln: Dr. Benno Filser Verlag 1928 (Deutsche Kunstführer an Rhein und Mosel; 7).
* Hans Caspary: Bacharach und Steeg. Köln: Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz 1971 (Rheinische Kunststätten).
*Hans Caspary: Stadt Bacharach. 3..neu bearbeitete Aufl. Köln: Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz 1991 (Rheinische Kunststätten; 11).
* Friedrich Ludwig Wagner, Arnold Wolff: Die Wernerkapelle in Bacharach am Rhein. 2., neu bearbeitete und erweiterte Aufl. Köln: Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz 1997 (Rheinische Kunststätten; 276).

Allgemeine Darstellungen:
* Georg Hölscher: Das Buch vom Rhein. 2. Aufl. Köln: Hoursch & Bechstedt 1925.
* Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluß und seine Geschichte. 2. Aufl. München: C.H. Beck 1999.
* Das Rheintal von Bingen und Rüdesheim bis Koblenz. Eine europäische Kulturlandschaft. Hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz. 2 Bde. Mainz: Philipp von Zabern 2001. Insbesondere Bd. 2, S. 777-782.
* Gertrude Cepl-Kaufmann, Antje Johanning: Mythos Rhein. Zur Kulturgeschichte eines Stromes. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2003.

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13. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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