goethe

Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Orte kultureller Erinnerung
Brocken (Harz)

Goethes Brockenbesteigungen

Eingestellt: November 2013
Stand: Mai 2016

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Gliederung

1. Die erste Brockenbesteigung.
"Harzreise im Winter"
2. Die zweite Brockenbesteigung.
Der Goetheplatz
3. Die dritte Brockenbesteigung.
Über den Granit
4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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1.
Die erste Brockenbesteigung
"Harzreise im Winter"

Georg Friedrich Schmoll, Goethe

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Georg Friedrich Schmoll
Goethe, Radierung
(1774/75)

Aus: Johann Caspar Lavater 1741-1801. Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Auszüge aus dem Werk. Mit einer biographischen Skizze von Manfred Lotsch. Hrsg. und bearbeitet von C. H. Boehringer Sohn, Ingelheim / Rh. 1970. - Vgl. Hans Wahl: Goethe im Bildnis. Leipzig: Insel-Verlag o.J., Nr. 6.

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Der Harz. Grosse Ausgabe (Meyers Reisebücher) 1907, Karte Brocken, mit Goetheweg

Auf obiger Karte ist der Goetheweg, der Wanderweg der ersten Brockenbesteigung vom 10. Dezember 1777, eingetragen. Er führt vom Forsthaus Torfhaus (Bild siehe unten) über den Eckersprung und den Königsberg zum Brocken, wie ihn Goethe bei seiner ersten Brockenbesteigung am 10. Dezember 1777 benutzt hatte. Die Bezeichnung kam 1891 auf, als der Harzklub den sumpfigen Weg ausbaute.

Quelle:
* Der Harz. Grosse Ausgabe (Meyers Reisebücher) 19. Aufl. Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut 1907, Karte zwischen S. 78 u. 79.

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Blick vom Goetheweg auf den Brocken

Der Brocken vom Goetheweg, Verlag Julius Simonsen, Oldenburg

Blick vom Goetheweg auf den Brocken, Verlag U. Bornemann, Blankenburg

Oberharz, Blick vom Goetheweg zum Brocken, Verlag Rud. Schade, Brocken

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1. Bild von oben: Der Brocken vom Goetheweg. Signiert: Welin (nicht ermittelt). Adressseite: Verlag von Julius Simonsen, Oldenburg i. H. Nicht gelaufen.
2. Bild von oben: Brockenhaus vom Goetheweg gesehen.Adressseite: 2774 Louis Glaser, Leipzig. Gelaufen. Poststempel 1914.
3. Bild von oben: Blick vom Goetheweg auf den Brocken (1142 m ü. d. M.). 128. Adressseite: Aufnahme und Verlag U. Bornemann, Blankenburg-Harz. Nr. 128. Im Briefmarkenfeld: Echte Fotografie. Handschriftlich: 22. IX. 35. Nicht gelaufen.
4. Bild von oben: Oberharz. Blick vom Goetheweg zum Brocken. Adressseite: Verlag Rud. Schade. Fürstl. Stolb. Lieferant. Officielle Ansichtskarte Brocken. Rechts unten: Nr. 149. Nicht gelaufen.

Zum Goetheweg siehe: Constance Ehrhardt: Ilmenau und der Goethewanderweg.Ilmenau: Verlag grünes herz 2015. ISBN 978-3-86636-148-5

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Brocken, Das Alte Forsthaus Torfhaus, Der Borkenkrug

Das Alte Forsthaus Torfhaus
(Der Borkenkrug)

Hier übernachtete Goethe im Dezember 1777 auf seiner ersten Harzreise. 1869 durch Blitzschlag eingeäschert. Abbildung nach Dennert: Geschichte des Brockens und der Brockenreisen, 1954, Abb. 7.

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Goethe an Charlotte von Stein
Torfhaus und Clausthal,
10. und 11. December 1777

d. 10. Vor Tag, eh ich wieder hier aufbreche noch einen guten Morgen.
   Nachts gegen 7. Was soll ich vom Herren sagen mit Federspulen, was für ein Lied soll ich von ihm singen? im Augenblick wo mir alle Prose zur Poesie und alle Poesie zur Prose wird. Es ist schon nicht möglich mit der Lippe zu sagen was mir widerfahren ist wie soll ichs mit dem spizzen Ding hervorbringen. Liebe Frau. Mit mir verfährt Gott wie mit seinen alten heiligen, und ich weis nicht woher mir's kommt. [...]
   das Ziel meines Verlangens ist erreicht, es hängt an vielen Fäden, und viele Fäden hingen davon, Sie wissen wie simbolisch mein daseyn ist - - Und die Demuth die sich die Götter zu verherrlichen einen Spas machen, und die Hingebenheit von Augenblick zu Augenblick, die ich habe, und die vollste Erfüllung meiner Hoffnungen.
   Ich will Ihnen entdecken (sagen Sies niemand) dass meine Reise auf den Harz war, dass ich wünschte den Brocken zu besteigen, und nun liebste bin ich heut oben gewesen, ganz natürlich, ob mir's schon seit 8 Tagen alle Menschen als unmöglich versichern. Aber das Wie, von allem, das warum, soll aufgehoben seyn wenn ich Sie wiedersehe. wie gerne schrieb ich ietzt nicht.
   Ich sagte: ich hab einen Wunsch auf den Vollmond! - Nun Liebste tret ich vor die Thüre hinaus da liegt der Brocken im hohen herrlichen Mondschein über den Fichten vor mir und ich war oben heut und habe auf dem Teufels Altar meinem Gott den liebsten Danck geopfert.
   Ich will die Nahmen ausfüllen der Orte. Jezt bin ich auf dem sogenannten Torfhause, eines Försters Wohnung zwey Stunden vom Brocken.
   Clausthal, den 11. Abends, heut früh bin ich vom Torfhause über die Altenau wieder zurück und habe Ihnen viel erzählt unter weegs, o ich bin ein gesprächiger Mensch wenn ich allein bin.
   Nur ein Wort zur Erinnrung. wie ich gestern zum Torfhause kam sas der Förster (1) bei seinem Morgenschluck in Hemdsermeln, und diskursive redete ich vom Brocken und er versicherte die Unmöglichkeit hinauf zu gehn, und wie offt er Sommers droben gewesen wäre und wie leichtfertig es wäre ietzt es zu versuchen. - Die Berge waren im Nebel man sah nichts, und, so sagt er ists auch ietzt oben, nicht drei Schritte vorwärts können Sie sehn. Und wer nicht alle Tritte weis pp. Da sas ich mit schwerem Herzen, mit halben Gedancken wie ich zurückkehren wollte. Und ich kam mir vor wie der König den der Prophet mit dem Bogen schlagen heisst und der zu wenig schlägt. (2) Ich war still und bat die Götter das Herz dieses Menschen zu wenden und das Wetter, und war still. So sagt er zu mir: nun können Sie den Brocken sehn, ich trat ans Fenster und er lag vor mir klar wie mein Gesicht im Spiegel, da ging mit das Herz auf und ich rief: Und ich sollte nicht hinaufkommen! Haben Sie keinen Knecht, niemanden - Und er sagte ich will mit Ihnen gehn. - - Ich habe ein Zeichen ins Fenster geschnitten zum Zeugniss meiner Freuden Trähnen (3) und wärs nicht an Sie hielt ich's für Sünde es zu schreiben. Ich habs nicht geglaubt biss auf der obersten Klippe. Alle Nebel lagen unten, und oben war herrliche Klarheit und heute Nacht bis früh war er im Mondschein sichtbaar und finster auch in der Morgendämmrung da ich aufbrach. Adieu. Morgen geh ich von hier weg. Sie hören nun aus andren Gegenden von mir. Fühlen Sie etwa Beruf mir zu schreiben geben Sie's nur Philippen (4), dem hab ich eine Adresse gemeldet.
   Adieu Liebste. Grüsen Sie Steinen und die Waldnern (5), aber niemanden wo ich bin. Adieu.

Erläuterungen:
(1) "Der Förster Christoph Degen (1735-1794) war schon zwölf Jahre auf dem Torfhause, als er mit Goethe zum erstenmal den Brocken im Winter bestieg." (Herrmann: Goethe und Trebra, S. 55)
(2) Buch der Könige II, 13. Vers 17-19.
(3) "Das Haus mit dem von Goethe kenntlichgemachten Fenster fiel 1869 einem Brande zum Opfer." (Herrmann: Goethe und Trebra, S. 56)
(4) Goethes Kammerdiener Philipp Seidel.
(5) Fräulein von Waldnern, Hofdame der Herzogin.

Quelle:
* Goethes Briefe (Sophien-Ausgabe). Bd. 3. Weimar: Hermann Böhlau 1888, Nr. 655, S. 199-201.

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Brocken im Mondlicht, Handzeichnung Goethes auf dem Torfhause 1777

Brocken im Mondlicht
Handzeichnung Goethes

Brocken im Mondlicht. Handzeichnung Goethes auf dem Torfhause 1777. Dennert, Tafel nach S. 12. Corpus der Goethezeichnungen, Bd. 1, Nr. 190. - Vgl. Goethe und seine Welt. Hrsg. von Hans Wahl und Anton Kippenberg. Leipzig: Insel-Verlag 1932, S. 96. Kommentar S. 259: "Mit allergeringsten Mitteln und mit einem Nichts von Technik ist hier der große Eindruck der Bergeinsamkeit und Öde erreicht."

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Auf die Brockenbesteigung vom 10. Dezember 1777 bezieht sich das Gedicht "Harzreise im Winter".

Goethe, Harzreise im Winter, Handschrift

Harzreise im Winter
Handschrift, Blatt 1

Goethe Gedichte in Handschriften. Fünfzig Gedichte Goethes. Ausgewählt u. erläutert von Karl Eibl (insel taschenbuch 2175) Frankfurt a.M.: Insel Verlag 1999, Nr. 21, S. 99.

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Harzreise im Winter

Dem Geier gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.

Denn ein Gott hat
Jedem seine Bahn
Vorgezeichnet,
Die der Glückliche
Rasch zum freudigen
Ziele rennt:
Wem aber Unglück
Das Herz zusammenzog,
Er sträubt vergebens
Sich gegen die Schranken
Des ehrenen Fadens,
Den die doch bittre Schere
Nur einmal löst.

In Dickichts-Schauer
Drängt sich das rauhe Wild,
Und mit den Sperlingen
Haben längst die Reichen
In ihre Sümpfe sich gesenkt.

Leicht ists folgen dem Wagen,
Den Fortuna führt,
Wie der gemächliche Tross
Auf gebesserten Wegen
Hinter des Fürsten Einzug.

Aber abseits wer ists?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.

Ach, wer heilet die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhass
Aus der Fülle der Liebe trank,
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ungnügender Selbstsucht.

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste.

Der du der Freuden viel schaffst,
Jedem ein überfließend Maß,
Segne die Brüder der Jagd
Auf der Fährte des Wilds,
Mit jugendlichem Übermut
Fröhlicher Mordsucht,
Späte Rächer des Unbills,
Dem schon Jahre vergeblich
Wehrt mit Knütteln der Bauer.

Aber den Einsamen hüll
In deine Goldwolken,
Umgib mit Wintergrün,
Bis die Rose wieder heranreift,
Die feuchten Haare,
O Liebe, deines Dichters!

Mit der dämmernden Fackel
Leuchtest du ihm
Durch die Furten bei Nacht,
Über grundlose Wege
Auf öden Gefilden;
Mit dem tausendfarbigen Morgen
Lachst du ins Herz ihm,
Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor.

Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen,
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangner Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahnende Völker.

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reiche und Herrlichkeit,
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.

Quelle:
Johann Wolfgang Goethe. Münchner Ausgabe. Bd. 2.1. München: Hanser 1987, S. 37-41. Kommentar S. 563-568.

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Goethe an Johann Heinrich Merck
Weimar, 5. August 1778

[...] Letzten Winter hat mir eine Reise auf den Harz das reinste Vergnügen geben. Du weißt, daß so sehr ich hasse, wenn man das Natürliche abenteuerlich machen will, so wohl ist mir's, wenn das Abenteuerlichste natürlich zugeht. Ich machte mich allein auf, etwa den letzten November, zu Pferde, mit einem Mantelsack und ritt durch Schloßen, Frost und Koth auf Nordhausen, den Harz hinein in die Baumannshöhle, über Wernigerode, Goslar auf den hohen Harz, das Detail erzähl' ich Dir einmal, und überwand alle Schwierigkeiten und stand den 8. Dez., glaub ich, Mittags um eins auf dem Brocken oben in der heitersten, brennendsten Sonne, über dem anderhalb Ellen hohen Schnee, und sah die Gegend von Teutschland unter mir alles von Wolken bedeckt, daß der Förster, den ich mit Mühe persuadirt hatte, mich zu führen, selbst vor Verwunderung außer sich kam, sich da zu sehen, da er viel Jahre am Fuße wohnend das immer unmöglich geglaubt hatte. Da war ich vierzehn Tage allein, daß kein Mensch wußte, wo ich war. [...]

Quelle:
* Goethes Briefe (Sophien-Ausgabe). Bd. 3. Weimar: Hermann Böhlau 1888, Nr. 729, S. 237-240. Auszug.

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Karl Ludwig Kannegießer
Über Göthe's Harzreise im Winter

Karl Ludwig Kannegießer, Über Göthe's Harzreise im Winter


Wie man einigen Tonstücken den Namen von Phantasien beilegt, um dadurch den in ihnen herrschenden loseren Zusammenhang und die schrofferen Übergänge von einer Empfindung zur andern anzudeuten: in einem ähnlichen Sinne möchte Goethe's Harzreise im Winter mit diesem Ausdrucke zu bezeichnen sein, nur mit dem Unterschiede, welcher in dem Wesen der Tonkunst und Dichtkunst liegt, indem die erstere unmittelbar Empfindungen, die letztere zunächst Gedanken und durch diese erst Empfindungen erregen, nicht allein das Innere sondern auch das Äußere schildern kann. Wenn wir hinzunehmen, dass eine vorherrschende Stimmung des Gemüts auf die Schilderung der äußern Gegenstände Einfluss haben, ihr die eigene Farbe leihen und sich gewissermaßen darin selbst abbilden werde, so möchte das Verständnis dieses Gedichtes wenigere Schwierigkeiten haben. Auch kommt uns die Überschrift zu Hülfe, wiewohl in dem dritten Absatze, wo von den Sperlingen und Reihern die Rede ist und noch mehr durch den schneebehangnen Scheitel die Zeit, und durch den gefürchteten Gipfel, den mit Geisterreihen kränzten ahnende Völker die Örtlichkeit, wenn nicht gradezu der Harz, auf den dieser Ausdruck indes vorzüglich passt, doch irgend ein höherer Gebirgsgipfel hinlänglich angedeutet wird. Der Dichter reist also im Harze, den Brocken vor sich habend. Die Natur in ihrem winterlichen Gewande, ohne das Wechselspiel mannichfaltiger Farben, unbelebt vom Gesange der Vögel, die nur selten unterbrochene Stille und Ruhe, zumal in der öden Waldgegend, hat ihm die entsprechenden Empfindungen der sanften Heiterkeit und leisen Wehmut eingeflößt. Der Gedanke an die unverrückte Ordnung, an den gleichbleibenden Gang der Natur, der jetzt auf die warme, blühende, fruchtbringende wieder die ausruhende, farblose, kalte Jahreszeit folgen ließ, erinnert an die Unabänderlichkeit der menschlichen Schicksale, an Glück und Unglück, an die Begünstigten und Unbegünstigten unter den Sterblichen. Er blickt empor und sieht einen Geier auf schweren Morgenwolken, wodurch zugleich die Tageszeit angezeigt wird, aber bewegungslos oder doch nur mit sanftem Flügelschlag nach Beute umherschaun, und mit diesem erscheint ihm die Muse. Der Geier ist das Bild seiner Seele oder vielmehr des dichterischen Triebes, der sich in ihm regt. So ruhig soll sein Blick, seine Einbildungskraft über der winterlichen Natur schweben; von dem höheren Standpunkte der geistigen Betrachtung herab will er, wie der Raubvogel nach der Beute, umherblicken nach Gegenständen, die der Muse würdig sind. So schwebe mein Lied! Denn ich bin begeistert, ein Gott hat mir diese Bahn, wie einem jeden die seine, vorgezeichnet, und wohl dem, welchen das Schicksal begünstigte!

Bei diesem letzteren Gedanken hat sich der Dichter vielleicht noch mit im Sinne, obgleich der Ausdruck ganz allgemein ist, sowie der folgende: wehe dem Unglücklichen! Hier gewinnt die Wehmut die Oberhand, und wenn er von dem Glücklichen nur mit wenigen Worten sagt, dass er die Bahn rasch zum freudigen Ziele rennt, so widmet er dem Unglücklichen mehr Ausführlichkeit, indem er ihn umschreibt, wem Unglück das Herz zusammenzog und, im Gegensatz des raschen Laufes zum freudigen Ziele, das Verlangen des Unglücklichen nach Befreiung von seinen Leiden, mit Beziehung auf die altertümliche Darstellung des Lebens unter dem Bilde der Parzen, beschreibt, die dennoch nicht zu verleugnende Liebe des Menschen zu der langen und lieben Gewohnheit des Lebens durch die Worte die doch bittre Schere der menschlichen Empfindung gemäß zusammenstellt und durch diesen Zug die Vorstellung von dem Zustande des Unglücklichen, der vermöge des angebornen Triebes zur Selbsterhaltung die Befreiung durch den Tod nicht wünschen kann, noch mehr belebt und fast peinlich macht. Die Worte er sträubt vergebens sich gegen die Schranken des ehernen Fadens heißen: er kann sein Schicksal nicht ändern, es nicht bessern; an die eigne Befreiung durch den Tod, an den Selbstmord ist hiebei nicht gedacht. Vielmehr ist der Sinn: diesem unglücklichen Schicksale wird nur einmal, das heißt: einst, zu seiner Zeit, wenn die letzte Stunde schlägt, oder auch: nicht mehr als einmal, durch den Tod ein Ende gemacht. Der Lebensfaden erscheint hier mit dichterischer Kühnheit als Schranke, Fessel, Netz, Käfich, daher ehern und zugleich um die Festigkeit, Unzerreißbarkeit zu bezeichnen. Bitter wird die Schere genannt nicht mit Rücksicht auf den Todesschmerz, sondern auf das Ende des Lebens, die Trennung von dem irdischen Schauplatz.

Es folgt nun gleichsam eine Pause; der Dichter schlägt das mit dem letzten wehmütigen Gedanken gesenkte Auge wieder auf, aber sein Blick findet nur das oder weilt nur bei dem, was seiner Empfindung entspricht und den vorigen Gedankenlauf fortsetzt. Ich halte daher die folgenden Zeilen nicht für eine Unterbrechung, in welchen der Winter durch ein paar Züge dargestellt werden soll, sondern der Zusammenhang scheint mir zu sein: vergebens sucht der Mensch seinem Schicksale zu entgehen, er fühlt sein Unglück und sträubt sich dagegen, aber er muss sich in Geduld fügen; anders ist es mit dem Tiere, dem rauhen, geist- und gedanken- und daher auch gefühllosen, wenigstens des geistigen, tieferen, wahren Gefühls ermangelnden, es ist, verglichen mit dem Menschen, weder glücklich noch unglücklich im höheren, aber glücklicher im niedrigeren Sinne. Selbst das Ungemach der Jahreszeit fühlt es weniger, es drängt sich in Dickichtsschauer und schützt sich gegen die Kälte, oder es senkt sich, wie mehrere Vögel, in die Sümpfe und erstarrt dort, bis die neue Frühlingswärme es wieder in's Leben ruft. Bei den Sperlingen ist hier bloß an die Rohrsperlinge gedacht, da die übrigen sich bekanntlich nicht in Sümpfe senken, sondern sich im Winter bei den menschlichen Wohnungen aufhalten.

Freilich den begünstigten Menschen wird das Leben leicht - mit diesen Worten kehrt der Dichter zu dem vorigen Gedanken zurück - die Glücksgöttin fährt ihnen vorauf und sie wandeln ihr nachfolgend die Lebensbahn, die für sie so gebahnt und geebnet ist, wie die für die Reise des Landesherrn ausgebesserten Wege. Gemächlicher Tross heißen die Glücklichen mit dem Nebenbegriff des Verächtlichen, denn sie sind wegen der geringeren Übung ihrer Kräfte, wegen der minderen Anstrengung für das Wohl des Ganzen, wegen lauerer Teilnahme an dem Geschicke Anderer, im Allgemeinen der minder schätzbare Teil der Menschheit.

Auf diese kurze Schilderung der Glücklichen folgt der herrschenden Empfindung gemäß wieder eine längere des Gegenteils. Abseits, nämlich vom Wagen der Fortuna, irrt der Unglückliche. Das Bild vom Lebenswege wird fortgeführt, aber der Pfad, der nur für den Einzelnen ist, der belebten Heerstraße, auf der wir uns den Wagen der Fortuna mit ihrem Gefolge denken müssen, entgegengesetzt. Der Unglückliche ist nicht sowohl von Andern verlassen, als er sich selbst abgesondert hat; er wendet sich abseits, sein Pfad, - für Gang oder Fuß - wendet sich dahin, wo kein Pfad ist; man blickt ihm nach, aber bald verliert man ihn aus den Augen, achtet seiner nicht, vergisst ihn. Diese absichtliche Einsamkeit oder vielmehr Flucht vor den Menschen wird als das höchste Unglück herausgehoben, denn ein solcher Leidender ist kaum zu heilen, weil sein Unglück eine furchtbare Quelle hat. Seine nach Freundschaft dürstende Seele hat keinen Freund gefunden, seine zärtlichen Gefühle, sonst der Balsam des Lebens, sind schnöde zurückgewiesen, sein ganzes Leben ist vergiftet. Aus der Fülle der Liebe heißt: aus der eigenen Fülle. Er empfindet seinen eignen Wert. Ward er verkannt und geschmäht, so vergilt er dies mit desto tieferer Verachtung seiner Mitbrüder, aber auch zu seinem eigenen Verderben! Er zehrt sich selbst auf in dieser Verachtung, denn sie ist etwas Ertötendes, ja etwas Unsittliches. Der Unglückliche überschätzt sich selbst, er zieht sich zurück, er hält keinen mehr seiner Gesellschaft wert, aber diese Selbstsucht genügt ihm freilich nicht, und so wird er um so qualvoller gepeinigt. In der Tat, der Menschenhass - nicht ein so flacher, wie ihn Kotzebue in dem bekannten Schauspiele Menschenhass und Reue, sondern der tiefe, den Schiller in einem dramatischen Bruchstücke schildert, - diese Entzweiung des Menschen mit sich selbst, diese Herzenswunde, die, weil sie jede Heilung verschmäht, unheilbar ist und nur das täuschende Pflaster des Stolzes, der Eigenliebe, der Selbstsucht verträgt, unter dem das eiternde Geschwür nur noch tiefer um sich frisst; der Menschenhass, sage ich, ist wohl die schrecklichste unter allen Empfindungen. Daher der mitleidsvolle, eben so fromme als dichterische Anruf an die Gottheit und zwar an die väterliche Liebe der Gottheit, sein Herz wieder zu erweichen und ihn zu erquicken. Sehr dichterisch heißt es ist auf deinem Psalter, denn für den Ausdruck der Heiligkeit konnte kein Tonwerkzeug passlicher angewandt werden als dies Saiteninstrument der hebräischen Sänger, besonders Davids, bei den Lobgesängen auf den Jehova: die Gottheit erscheint dadurch gleichsam wie ein erhabener Musengott.

Ist ein Ton seinem Ohre vernehmlich wegen der Schwierigkeit ihn umzustimmen und zu heilen. Öffne den umwölkten Blick, denn der Unglückliche ist ja von Irrtum befangen, er durstet in der Wüste, weil er sich das Leben selbst zur Wüste gemacht hat, er sieht die tausend Quellen nicht, die ihn laben können. Denn kein Mensch ist zum völligen Unglück verdammt, selbst der von seinen Mitmenschen Gemisshandelte mag ja in seinem Selbstbewusstsein, in der Erfüllung seiner Pflichten Trost finden, mag bedenken, dass die Menschen seltener aus Bosheit als aus Irrtum und Leidenschaft, oder vielleicht gar nicht aus Bosheit, fehlen, mag nicht ermüden, seine Beleidiger von ihrem Wahn, von ihrem Unrecht zu überzeugen, mag nicht aufhören, die Menschen zu lieben, selbst seine Feinde zu lieben, wie es die christliche Religion gebietet. Nicht einmal Einzelne darf man hassen, sondern nur ihr Unrecht; aber alle Menschen! Welch ein Gedanke! Er müsste ja sich selbst hassen, da er mit zu den Menschen gehört! Und so ist es freilich; der Menschenhasser hasst und schadet in der Tat sich selbst am meisten. Tausend Quellen werden sich auch für ihn erschließen; und wenn sich auch nur Ein Herz zu ihm wendete, mit ihm empfände, Freud' und Leid teilte, welch eine reiche Quelle, welch ein breiter Strom von stiller Lust und Wonne!

Aus den Glücklichen, wenn sie es nur sein, wenn sie die tausend Quellen der Freude nur benutzen wollen, werden nun zwei hervorgehoben, der Geselligglückliche und der Einsamglückliche, oder aus diesen wiederum der Jäger und der Dichter, wobei die Anrede an die Gottheit, den Vater der Liebe, fortgesetzt wird. Der menschenfreundliche Sänger bittet um Glück für die Jäger, die Brüder der Jagd, und beschreibt zugleich ihre Fröhlichkeit und ihre Nützlichkeit mit ein paar bedeutenden Zügen. Das freie Leben in Wald und Feld, der Besitz der Waffe, des Schießgewehrs, gibt dem Jäger ein gewisses Selbstvertrauen, das bis zur Keckheit und Verwegenheit geht, er ist eifrig im Aufsuchen und Verfolgen des Wildes und seine Mordsucht ist dennoch fröhlich, weil es nur Tiere sind, die er mordet, wie die Fröhlichkeit wohl überhaupt ein eigentümlicher Zug des Jagdlebens ist wegen der damit verbundenen größeren Unabhängigkeit, sowie der Stärkung des Körpers und Geistes. Späte Rächer des Unbilds können die Jäger da heißen, wo das Wild von dem Landesherrn geschont wird und deswegen die Felder verwüstet, wovon es der Landmann nur abhalten, es aber nicht töten darf. Unbild, ein veraltetes Wort.

Dem Jäger führe das Wild entgegen; den Einsamen erquicke mit sanfteren Freuden, schaffe Frühling im Winter um ihn her, bis die Rosenzeit wiederkehrt. Der Ausdruck ist ganz bildlich und sehr gewählt, daher die einzelnen Züge gewiss nicht ohne Absicht, wenigstens dürften die Goldwolken als etwas Himmlisches, das höhere, über das gewöhnliche Treiben der Menschen erhobene Leben in der Einbildungskraft, und das Wintergrün zugleich die frohe Stimmung, das Frühlingsartige des dichterischen Geistes und die Unverwelklichkeit des Ruhms bezeichnen. Die feuchten Haare erinnern an die Jahreszeit, an den winterlichen Reif. O Liebe möchte man auf die Geschlechtsliebe beziehen; aber sowohl der frühere Ausruf Vater der Liebe, als auch die Feierlichkeit, die in dem Folgenden herrscht, lassen keinen Zweifel übrig, dass die liebende Gottheit gemeint sei, und deines Dichters heißt dann: des frommen, der Gottheit geweihten Dichters. Die Rose reift heran ist ein ungewöhnlicher, kühner Ausdruck, die Rose ist ein Erzeugnis, also gleichsam eine Frucht des Frühlings.

Von der Erwähnung der Jäger an ist die Stimmung des Dichters heiterer geworden, bei dem Einsamen hat er sich selbst im Sinne, er fühlt sich glücklich, dass ihm diese Bahn vorgezeichnet ist, aber seine Seele ist jetzt feierlicher, höher, oder vielmehr fromm und christlich gestimmt. Der Ausdruck ein Gott im Anfang des Gedichts, der noch etwas heidnisch klingt, hat sich jetzt in den Namen der Liebe umgewandelt, die dem Dichter, und dieser steht hier für den frommen, gemütvollen, begeisterten Menschen im Allgemeinen, durch das Leben den Weg bahnt, ihn in Gefahren nicht verlässt, vielmehr ihn leitet durch ihr Licht, und sollte dies auch nur das Dämmerlicht der Hoffnung sein, ihn wieder belebt und erheitert und selbst bei den niederdrückenden Geschicken des Lebens zu sich erhebt und mit Begeisterung erfüllt. Die Bekleidung dieses Gedankens ist von der Natur, von Weg und Furt, Tageszeit und Wetter hergenommen und zugleich unbildlich und bildlich, doch mehr das letztere. Beizend heißt entweder stechend, schmerzend mit Rücksicht auf die technische Bedeutung des Wortes, oder auch emporsteigend, wirbelnd, jagend als Jagdausdruck von der Abrichtung der Falken. Ich ziehe das letztere vor, teils weil es ein kühner Tropus ist, teils weil die Steigerung, die in diesem ganzen Absatze herrscht, sowie der Gegensatz, den die vier Zeilen mit dem tausendfarbigen Morgen bis trägst du ihn hoch empor zu den fünf ersten bilden, alsdann keine Störung leidet, welche durch dies Beiwort im ersteren Sinne würde verursacht werden.

Voll von diesen Gefühlen überblickt der Dichter die ihn umgebende Gegend, und diese selbst leiht ihm die Bilder zur Bezeichnung seiner Begeisterung oder vielmehr des frommen Dankgefühls, das in heilige Worte sich ergießt. Die Vögel frohlocken nicht mehr zum Himmel hinauf, aber der Waldstrom, der auch im Winter nicht stille steht, erhebt seine Stimme und begleitet den Psalm des Dichters. Denn der Mensch sieht in der Natur eine Teilnehmerin seiner Empfindungen; daher weinen die Wolken und klagt die Nachtigall mit dem Schwermütigen, die Lerche trillert mit dem Fröhlichen, die Sonne geht trübe oder klar auf, um einen unglücklichen oder glücklichen Tag zu bezeichnen:  so ist hier mit dem Begeisterten die Natur begeistert. Ja der Brocken selbst wird sein Altar und der Dichter erscheint uns jetzt als heiliger Seher, als Priester. Die sanfteste Freude, frommer Dank bemächtigt sich seiner an jener Stelle, die etwas Schauerliches zumal im Winter hat, wo sie öde, mit Schnee überdeckt ist, und die durch das Andenken an die Märchen der Vorzeit, denen unstreitig etwas Geschichtliches zum Grunde liegt, man vergleiche Goethe's erste Walpurgisnacht, an die Sagen, welche noch jetzt im Munde des Volkes leben, etwas Grauenhafte erhält. Ahnende Völker, das heißt solche, die über den ersten rohen Zustand erhoben die Ahnung einer überirdischen Macht durch freilich abergläubische Dichtungen verraten.

Das Gedicht könnte hiermit geschlossen sein; der Dichter ist bis zur höchsten Empfindung, der religiösen, und zugleich der sanftesten, der Dankempfindung, emporgestiegen und fühlt sich darin verklärt. Jede Zugabe scheint den Eindruck schwächen zu müssen. Und womit ist nun das Gedicht geschlossen? Nicht mit etwas Schwächerem, denn nun hören wir erst die wahren Seherworte, in denen sich Dichtkunst und Religion verschmelzen; nicht mit etwas Überflüssigem, denn, nun wir diesen haben, sehen wir erst ein, dass ohne ihn dem Gedichte die wahre Rundung fehlte. Der Brocken, vorher der Altar des Dankes genannt, wird jetzt in der gesteigerten Dichterempfindung ein Bild der Gottheit selbst. Du, o Brocken, stehst mit unerforschtem Busen geheimnisvoll offenbar über der erstaunten Welt, denn, obgleich du äußerlich weithin sichtbar bist, bleibt doch deine innerste Tiefe verborgen, und nicht viel glücklicher spürt der Mensch dem geheimen Inhalt derselben nach, als er die Geheimnisse des göttlichen Geistes zu ergründen vermag. Die Welt staunt dich an, und du schaust aus Wolken auf ihre Reiche und Herrlichkeit, worin eine leise Andeutung der Geringfügigkeit alles menschlichen Wirkens und Schaffens enthalten ist, gerade wie die Gottheit, menschlich gesprochen, über die irdische Weisheit lächeln müsste.

Dass die Gottheit nicht angeredet ist, wie man zuerst denken möchte, das zeigen die letzten Worte deutlich genug, die du aus den Adern deiner Brüder neben dir wässerst. Der Sinn ist: du erhältst jene Reiche durch die Flüsse, welche nicht aus dir, weil von der höchsten Spitze keine Gewässer entspringen, sondern aus den Adern, aus den Springquellen deiner Brüder, der niedrigeren Berghöhen sich ergießen. Du wässerst sie, denn du bist gleichsam der König des Harzes und dadurch erhältst du sie, denn ohne Wasser (nächst Licht und Wärme) keine Fruchtbarkeit, kein Leben. Und so bist du, o Brocken, das Bild der Gottheit, die, freilich im höchsten und allgemeinsten Sinne, die Welten wässert, für jeden eine Quelle der Freude springen, keinen darben lässt, den Unterschied zwischen den Glücklichen und Unglücklichen ausgleicht, und nur scheinbar den einen vor dem andern begünstigt, da ja Reichtum, Ehre, Macht, samt den übrigen irdischen Gütern nur zu oft eine Quelle sittlichen Verderbens werden, und Schmerz, Mangel und Elend den Menschen häufig bessern und zum Himmel vorbereiten.

Übersehen wir nun noch einmal das Gedicht, so steigt die Empfindung, nachdem sie zwischen Wehmut und Heiterkeit geschwankt hat, allmälig durch das Andenken an die Milde und Freundlichkeit Gottes, den einzigen wahrhaften Trost im Unglücke, zur gesicherten Freude und zu dem erhabensten Gefühle des Glückes und der Beruhigung durch die Religion und zwar zu dem Gefühle des Danks und der ehrfurchtsvollen Bewunderung. Aber diese Empfindungen tragen nicht die allgemeinen Farben der Phantasie, sondern die besonderen der Gegend und der Jahreszeit; und wie der Brocken der Mittelpunkt des Harzes ist, so knüpft der Dichter an ihn seine erhabensten Worte, und indem uns dieser Berggipfel zum Altar, ja zur Gottheit wird, und diese selbst vorher mit dem biblischen Namen des Vaters der Liebe angeredet wird, schmelzen Christentum und alter Naturdienst auf Bergen und Hügeln in einander: wir werden nicht bloß an den Fuß des Brockens, wir werden zugleich in die altdeutschen Wälder versetzt, und die reine, menschliche Empfindung des Dichters, fast kunstlos in kurzen Reihen hingeworfen, hat uns mit fortgeführt und mit sanftem Fittig emporgehoben, den Blick über das diesseitige Leben aufgehellt und verklärt, und der Seele eine Ahnung des höheren, von den Schranken der irdischen Sinne befreiten, geistigeren Daseins eingeflößt.

Der vorstehende Versuch verdankt seine Entstehung dem Wunsche, den Schülern der ersten Klasse, denen ich die Erklärung der Harzreise aufgegeben hatte, bei der Zurückgabe ihrer Aufsätze etwas Ausführlicheres vorzulegen. So wie mir nun eine Erklärung dieses Gedichtes insbesondere nicht bekannt ist, so fehlt es wohl ungeachtet des Eifers unsrer Schriftsteller auch an andern Arbeiten dieser Art. Und doch möchten sie zum Verständnis und zur Wertschätzung unserer bessern lyrischen Dichter und zur edleren Bildung überhaupt nicht wenig beitragen, und daher auf den gelehrten Anstalten neben der Erklärung fremder, besonders griechischer und römischer Dichter, die Erklärung der vaterländischen mit Recht Empfehlung verdienen.

Quelle:
* Karl Ludwig Kannegießer: Über Göthe's Harzreise im Winter. Prenzlau 1820. Mikrofiche-Ausgabe: Bibliothek der deutschen Literatur; Fiche 14665. München: Saur [1994]. - Der heutigen Rechtschreibung angeglichen. Absätze eingefügt, wenige Anmerkungen weggelassen.

Zur Biographie von Karl Ludwig Kannegießer (1781-1864; Übersetzer, Dante-Forscher, Gymnasialdirektor, Dichter) siehe die Einträge in der ADB und NDB.
* Palm, Hermann, „Kannegießer, Karl Friedrich Ludwig“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 15 (1882), S. 78-79 [Onlinefassung].
* Elwert, W. Theodor, „Kannegiesser, Karl Friedrich Ludwig“, in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 107 f. [Onlinefassung].

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Johann Wolfgang Goethe
Über Goethes »Harzreise im Winter«
Einladungsschrift von Dr. Kannegießer

Dieses kleine Heft, vom Verfasser freundlich zugesandt, gab mir die angenehme Veranlassung, die sonderbaren Bilder früherer Jahre aus den letheischen Fluten wieder hervorzurufen; wobei ich zu bewundern hatte, dass mein sinniger Ausleger, dem die wunderlichen Besonderheiten jenes Winterzuges keineswegs bekannt sein konnten, dennoch, durch wenige Andeutungen geleitet, die Eigenheiten des Verhältnisses, die Wesenheit des Zustandes und den Sinn des obwaltenden Gefühls durchdringlich erkannt und ausgesprochen.

Nachdem ich mir nun jene für mich sehr bedeutenden Tage wieder zurückgerufen, so kann ich nicht unterlassen, einiges zu erwidern und wie es bei mir aufgeregt worden niederzuschreiben.

Schon früher hatte ich die Ehre erlebt, dass geistreich nachspürende Männer meine Gedichte zu entwickeln sich bestrebten; ich nenne Moritz und Dellbrück (1), welche beide in das Angedeutete, Verschwiegene, Geheimnisvolle dergestalt eindrangen, dass sie mich selbst in Verwunderung setzten; wie ich denn von Letztgenanntem nur anführen will, dass er in den Gedichten an Lida größere Zartheit als in allen übrigen ausgespürt.

Gleiches Wohlwollen erzeigt mir nun Herr Dr. Kannegießer, wofür ich ihm einen öffentlich ausgesprochenen Dank vertraulich erwidere und, nach seinem Wunsch, über das genannte Gedicht auch meinerseits einige Aufklärung versuche.

Was von meinen Arbeiten durchaus und so auch von den kleineren Gedichten gilt, ist, dass sie alle, durch mehr oder minder bedeutende Gelegenheit aufgeregt, im unmittelbaren Anschauen irgendeines Gegenstandes verfasst worden, deshalb sie sich nicht gleichen, darin jedoch übereinkommen, dass bei besondern äußeren, oft gewöhnlichen Umständen, ein Allgemeines, Inneres, Höheres dem Dichter vorschwebte.

Weil nun aber demjenigen, der eine Erklärung meiner Gedichte unternimmt, jene eigentlichen, im Gedicht nur angedeuteten Anlässe nicht bekannt sein können, so wird er den innern, höhern, fasslichern Sinn vorwalten lassen; ich habe auch hiezu, um die Poesie nicht zur Prose herabzuziehen, wenn mir dergleichen zur Kenntnis gekommen, gewöhnlich geschwiegen.

Das Gedicht aber, welches der gegenwärtige Erklärer gewählt, die »Harzreise«, ist sehr schwer zu entwickeln, weil es sich auf die allerbesondersten Umstände bezieht; und doch hat er sehr viel geleistet, indem er das Angedeutete genugsam herausahndete, wodurch ich mich stellenweise in Verwunderung gesetzt und bewogen fühle, folgendes zu näherer Aufklärung zu eröffnen.

In meinen biographischen Versuchen würde jene Epoche eine bedeutende Stelle einnehmen. Die Reise ward Ende Novembers 1776 [recte: 1777] gewagt. Ganz allein zu Pferde, im drohenden Schnee, unternahm der Dichter ein Abenteuer, das man bizarr nennen könnte, von welchem jedoch die Motive im Gedicht selbst leise angedeutet sind.

Dem Geier gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.

Der Reisende verlässt am frühsten Wintermorgen seinen im Augenblick behaglich-gastfreundlichen thüringischen Wohnsitz, wo ihn später eine zweite Vaterstadt beglückte, er reitet nordwärts bergauf; ein schwerer, schneedrohender Himmel wälzt sich ihm entgegen.

Denn ein Gott hat
Jedem seine Bahn
Vorgezeichnet,
Die der Glückliche
Rasch zum freudigen
Ziele rennt:

Begonnene Ausführung eines bedenklichen und beschwerlichen Unternehmens stählt den Mut und erheitert den Geist. Der Dichter gedenkt seines bisherigen Lebensganges, den er glücklich nennen, dem er den schönsten Erfolg versprechen darf.

Wem aber Unglück
Das Herz zusammenzog,
Er sträubt vergebens
Sich gegen die Schranken
Des ehernen Fadens,
Den die doch bittre Schere
Nur einmal löst.

Aber sogleich gedenkt er eines Unglücklichen, Missmutigen, um dessentwillen er eigentlich die Fahrt unternommen.

Als der Dichter den »Werther« geschrieben, um sich wenigstens persönlich von der damals herrschenden Empfindsamkeitskrankheit zu befreien, musste er die große Unbequemlichkeit erleben, dass man ihn gerade diesen Gesinnungen günstig hielt. Er musste manchen schriftlichen Andrang erdulden, worunter ihm besonders ein junger Mann (2) auffiel, welcher schreibselig-beredt und dabei so ernstlich durchdrungen von Missbehagen und selbstischer Qual sich zeigte, dass es unmöglich war, nur irgendeine Persönlichkeit zu denken, wozu diese Seel-Enthüllungen passen möchten. Alle seine wiederholten zudringlichen Äußerungen waren anziehend und abstoßend zugleich, dass endlich, bei einer immer aufgeforderten und wieder gedämpften Teilnahme, die Neugier rege ward, welchen Körper sich ein so wunderlicher Geist gebildet habe? Ich wollte den Jüngling sehen, aber unerkannt, und deshalb hatte ich mich eigentlich auf den Weg begeben.

In Dickichtschauer
Drängt sich das rauhe Wild.

Der Reisende gelangt auf die nächsten Bergeshöhen; immer winterhafter zeigt sich die Landschaft, einsam und öde starrt alles umher, nur flüchtiges Wild deutet auf kümmerlichen Zustand. Nun blickt er über gefrorne Teiche, Seen, auch eine Stadt kommt ihm zu Gesicht.

Und mit den Sperlingen
Haben längst die Reichen
In ihre Sümpfe sich gesenkt. (3)

Wer seine Bequemlichkeiten aufopfert, verachtet gern diejenigen, die sich darin behagen. Jäger, Soldaten, mühsam Reisende bedürfen gutes Mutes, der sich leicht zu Übermut steigert. Unser Reisender hat alle Bequemlichkeiten zurückgelassen und verachtet die Städter, deren Zustand er gleichnisweise schmählich herabsetzt.

Wahrscheinlich ist ein wundersamer Druckfehler daher entstanden, dass Setzer oder Korrektor die »Reichen«, die ihm keinen Sinn zu geben schienen, in »Reiher« verwandelte, welche doch auf einiges Verhältnis zu den Rohrsperlingen hindeuten möchten. In der vorletzten Ausgabe stehen jene, diese in der letzten.

Leicht ist's, folgen dem Wagen,
Den Fortuna führt,
Wie der gemächliche Tross
Auf gebesserten Wegen
Hinter des Fürsten Einzug.

Der Dichter kehrt wieder zu seiner eigenen günstigen Lebensepoche zurück, ohne sich irgend ein Verdienst anzumaßen, ja er spricht von den augenblicklichen Glücksvorteilen beinahe mit Geringschätzung.

Aber abseits wer ist's?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.

Das Bild des einsamen, menschen- und lebensfeindlichen Jünglings kommt ihm wieder in den Sinn, er malt sich's aus.

Aber wer heilet die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhass
Aus der Fülle der Liebe trank?
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ungnügender Selbstsucht.

Er fährt fort, ihn zu beklagen.

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohr vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste!

Seine herzliche Teilnahme ergießt sich im Gebet. Die Auslegung dieser Strophen ist meinem freundlichen Kommentator besonders gelungen; er hat das Herzliche derselben innigst gefühlt und entwickelt.

Der du der Freuden viel schaffst,
Jedem ein überfließend Maß,
Segne die Brüder der Jagd
Auf der Fährte des Wildes
Mit jugendlichem Übermut
Fröhlicher Mordsucht,
Späte Rächer des Unbilds,
Dem schon Jahre vergeblich
Wehrt mit Knitteln der Bauer.

Der Dichter wendet seine Gedanken zu Leben und Tat hin, erinnert sich seiner engverbundenen Freunde, welche gerade in dieser Jahrszeit und Witterung eine bedeutende Jagd unternehmen, um das in gewisser Gegend sich mehrende Schwarz-Wildbret zu bekämpfen. Eben diese Lustpartie war es, welche jene vertraute Gesellschaft aus der Stadt zog, dem Dichter Raum und Gelegenheit zu seiner Wanderung darbietend. Er trennte sich, mit dem Versprechen bald wieder unter ihnen zu sein.

Aber den Einsamen hüll'
In deine Goldwolken,
Umgib mit Wintergrün,
Bis die Rose wieder heranreift,
Die feuchten Haare,
O Liebe, deines Dichters!

Nun aber kehrt er zu sich selbst zurück, betrachtet seinen bedenklichen Zustand und ruft der Liebe, ihm zur Seite zu bleiben.

Hier ist der Ort, zu bemerken, dass man sich bei Auslegung von Dichtern immer zwischen dem Wirklichen und Ideellen zu halten habe. In der siebenten Strophe heißt »Liebe« das unbefriedigte, dem Menschen zwar inwohnende, aber von außen zurückgewiesene Bedürfnis; in der achten Strophe ist unter »Vater der Liebe« das Wesen gemeint, welchem alle übrigen die wechselseitige Neigung zu danken haben; hier in der zehnten ist unter »Liebe« das edelste Bedürfnis geistiger, vielleicht auch körperlicher Vereinigung gedacht, welches die Einzelnen in Bewegung setzt und, auf die schönste Weise, in Freundschaft, Gattentreue, Kinderpietät und außerdem noch auf hundert zarte Weisen befriedigt und lebendig erhält.

Mit der dämmernden Fackel
Leuchtest du ihm
Durch die Furten bei Nacht,
Über grundlose Wege
Auf öden Gefilden;
Mit dem tausendfarbigen Morgen
Lachst du ins Herz ihm;
Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor;
Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen.

Er schildert einzelne Beschwerlichkeiten des Augenblicks, die ihn peinlich anfechten, aber in Gedanken an die entfernten Geliebten frohmütig überstanden werden.

Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangner Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahnende Völker.

Ein wichtiger, völlig ideell, ja phantastisch erscheinender Punkt, über dessen Realität der Dichter schon manchen Zweifel erleben musste, wovon aber ein sehr erfreuliches Dokument noch in seinen Händen ist.

Ich stand wirklich am siebenten Dezember in der Mittagsstunde, grenzenlosen Schnee überschauend, auf dem Gipfel des Brockens zwischen jenen ahnungsvollen Granitklippen, über mir den vollkommen klarsten Himmel, von welchem herab die Sonne gewaltsam brannte, so dass in der Wolle des Überrocks der bekannte branstige Geruch erregt ward. Unter mir sah ich ein unbewegliches Wogenmeer nach allen Seiten die Gegend überdecken und nur durch höhere und tiefere Lage der Wolkenschichten die darunter befindlichen Berge und Täler andeuten.

Die herrliche Erscheinung farbiger Schatten bei untergehender Sonne, ist in meinem Entwurf der »Farbenlehre« im 75. Paragraphen umständlich beschrieben.

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reiche und Herrlichkeit,
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.

Hier ist leise auf den Bergbau gedeutet. Der unerforschte Busen des Hauptgipfels wird den Adern seiner Brüder entgegengesetzt. Die Metalladern sind gemeint, aus welchen die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit gewässert werden.

Eine vorläufige Anschauung dieser wichtigen Geschäftstätigkeit sich zu verschaffen, welches ihm auch gelang, veranlasste zum Teil das seltsame Unternehmen, wovon das gegenwärtige Gedicht allerdings mysteriose, schwer zu deutende Spuren enthält.

Das Thema desselben wäre also wohl folgendermaßen auszusprechen: Der Dichter, in doppelter Absicht, ein unmittelbares Anschauen des Bergbaues zu gewinnen und einen jungen, äußerst hypochondrischen Selbstquäler zu besuchen und aufzurichten, bedient sich der Gelegenheit, dass engverbundene Freunde zur Winterjagdlust ausziehen, um sich von ihnen auf kurze Zeit zu trennen.

So wie sie die rauhe Witterung nicht achten, unternimmt er nach seiner Seite hin jenen einsamen, wunderlichen Ritt. Es glückt ihm nicht nur, seine Wünsche erfüllt zu sehen, sondern auch durch eine ganz eigene Reihe von Anlässen, Wanderungen und Zufälligkeiten auf den beschneiten Brockengipfel zu gelangen. Von dem, was ihm während dieser Zeit durch den Sinn gezogen, schreibt er zuletzt kurz, fragmentarisch, geheimnisvoll, im Sinn und Ton des ganzen Unternehmens kaum geregelte rhythmische Zeilen.

Durch einen ziemlichen Umweg schließt er sich wieder an die Brüder der Jagd, teilt ihre tagtäglichen heroischen Freuden, um Nachts, in Gegenwart einer prasselnden Kaminflamme, sie durch Erzählung seiner wunderlichen Abenteuer zu ergötzen und zu rühren.

Mein werter Kommentator wird hieraus mit eignem Vergnügen ersehen, wie er so vollkommen zum Verständnis des Gedichtes gelangt sei, als es ohne die Kenntnis der besonders vorwaltenden Umstände möglich gewesen; er findet mich an keiner Stelle mit ihm in Widerstreit, und wenn das Reelle hie und da das Ideelle einigermaßen zu beschränken scheint, so wird doch dieses wieder erfreulich gehoben und ins rechte Licht gestellt, weil es auf einer wirklichen, doch würdigen Base emporgehoben worden. Gibt man nun aber dem Erklärer zu, dass er nicht gerade beschränkt sein soll, alles, was er vorträgt, aus dem Gedicht zu entwickeln, sondern dass er uns Freude macht, wenn er manches verwandte Gute und Schöne an dem Gedicht entwickelt, so darf man diese kleine gehaltreiche Arbeit durchaus billigen und mit Dank erkennen.

Erläuterungen:
(1) Karl Philipp Moritz (1756-1793): Vorlesungen über den Styl. - Johann Friedrich Ferdinand Delbrück (1772-1848): Erklärung lyrischer Gedichte, 1800.
(2) Friedrich Viktor Lebrecht Plessing (1749-1806). Siehe den Auszug aus der "Campagne in Frankreich 1792".
(3) "Die - unzutreffende - Vorstellung, dass sie [die Rohrsperlinge] eingegraben in Sümpfen überwintern, war bis zum Beginn des 19. Jh.s gang und gäbe." (Münchner Ausgabe. Kommentar Bd. 2.1, S. 565)

Quellen:
* Johann Wolfgang Goethe. Münchner Ausgabe. Bd. 13.1. München: Hanser 1987, S. 508-516. Kommentar S. 924-926. - Erstdruck: Über Kunst und Altertum, Bd. 3, Heft 2, 1821.
* Online in Zeno.org

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Johann Wolfgang Goethe
Campagne in Frankreich 1792
(Auszug)

In Duisburg wusst' ich einen einzigen alten Bekannten, den ich aufzusuchen nicht versäumte; Professor Plessing war es, mit dem sich vor vielen Jahren ein sentimental-romanhaftes Verhältnis anknüpfte, wovon ich hier das Nähere mitteilen will, da unsere Abendunterhaltung dadurch aus den unruhigsten Zeiten in die friedlichsten Tage versetzt wurde.

»Werther«, bei seinem Erscheinen in Deutschland, hatte keineswegs, wie man ihm vorwarf, eine Krankheit, ein Fieber erregt, sondern nur das Übel aufgedeckt, das in jungen Gemütern verborgen lag. Während eines langen und glücklichen Friedens hatte sich eine literarisch-ästhetische Ausbildung auf deutschem Grund und Boden, innerhalb der Nationalsprache, auf das schönste entwickelt; doch gesellte sich bald, weil der Bezug nur aufs Innere ging, eine gewisse Sentimentalität hinzu, bei deren Ursprung und Fortgang man den Einfluss von Yorick-Sterne (1) nicht verkennen darf. Wenn auch sein Geist nicht über den Deutschen schwebte, so teilte sich sein Gefühl um desto lebhafter mit. Es entstand eine Art zärtlich-leidenschaftlicher Asketik, welche, da uns die humoristische Ironie des Briten nicht gegeben war, in eine leidige Selbstquälerei gewöhnlich ausarten musste. Ich hatte mich persönlich von diesem Übel zu befreien gesucht und trachtete nach meiner Überzeugung andern hülfreich zu sein; das aber war schwerer, als man denken konnte, denn eigentlich kam es drauf an, einem jeden gegen sich selbst beizustehen, wo denn von aller Hülfe, wie sie uns die äußere Welt anbietet, es sei Erkenntnis, Belehrung, Beschäftigung, Begünstigung, die Rede gar nicht sein konnte.

Hier müssen wir nun gar manche damals mit einwirkende Tätigkeiten stillschweigend übergehen, aber zu unseren Zwecken macht sich nötig, eines andern großen, für sich waltenden Bestrebens umständlicher zu gedenken.

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Johann Heinrich Lips, Goethe, 1774Johann Caspar Lavater

Goethe und Lavater
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Links: Johann Heinrich Lips: Goethe, 1774. J. C. Lavater, Physiognomische Fragmente III, 1777, nach S. 218. Hier nach: Johann Heinrich Lips 1758-1817. Ein Zürcher Kupferstecher zwischen Lavater und Goethe (Kataloge der Kunstsammlungen der Veste Coburg) Coburg 1989. ISBN 3-87472-065-9. Nr. 24, S. 93f. Lips, "als Künstler ein Kind Johann Caspar Lavaters" (S. 74), "war 16 Jahre alt, als er die Platte radierte!" (S. 94) Nach einem Gipsrelief.

Rechts: Johann Caspar Lavater. Hier nach: Johann Caspar Lavater 1741-1801. Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Auszüge aus dem Werk. Mit einer biographischen Skizze von Manfred Lotsch. Hrsg. und bearbeitet von C. H. Boehringer Sohn, Ingelheim / Rh. 1970.

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Campagne in Frankreich, Fortsetzung:
Lavaters »Physiognomik« (2) hatte dem sittlich-geselligen Interesse eine ganz andere Wendung verliehen. Er fühlte sich im Besitz der geistigsten Kraft, jene sämtlichen Eindrücke zu deuten, welche des Menschen Gesicht und Gestalt auf einen jeden ausübt, ohne dass er sich davon Rechenschaft zu geben wüsste; da er aber nicht geschaffen war, irgend eine Abstraktion methodisch zu suchen, so hielt er sich am einzelnen Falle und also am Individuum.

Heinrich Lips (3), ein talentvoller junger Künstler, besonders geeignet zum Porträt, schloss sich fest an ihn, und sowohl zu Hause als auf der unternommenen Rheinreise (4) kam er seinem Gönner nicht von der Seite. Nun ließ Lavater, teils aus Heißhunger nach grenzenloser Erfahrung, teils um so viel bedeutende Menschen als möglich an sein künftiges Werk zu gewöhnen und zu knüpfen, alle Personen abbilden, die nur einigermaßen durch Stand und Talent, durch Charakter und Tat ausgezeichnet, ihm begegneten.

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Johann Caspar Lavater, Physiognomische Fragmente, Sanguiniker und Melancholiker

Sanguiniker und Melancholiker

Ein Blatt physiognomischer Handzeichnungen von Goethe

Ein Blatt physiognomischer Handzeichnungen von Goethe

Oben: Johann Caspar Lavater 1741-1801. Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Auszüge aus dem Werk. Mit einer biographischen Skizze von Manfred Lotsch. Hrsg. und bearbeitet von C. H. Boehringer Sohn, Ingelheim / Rh. 1970.

Unten: Aus Goethes Verkehr mit Lavater: Ein Blatt physiognomischer Handzeichnungen von Goethe, mit Randbemerkungen von seiner Hand. Faksimile des Originals in Hirzels Goethesammlung auf der Universitätsbibliothek zu Leipzig. In obiger Abbildung links und rechts beschnitten. In Robert Koenig: Deutsche Litteraturgeschichte. 21. Aufl. Bd. II. Bielefeld und Leipzig: Velhagen & Klasing 1890, Tafel nach S. 454.

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Campagne in Frankreich, Fortsetzung:
Dadurch kam denn freilich gar manches Individuum zur Evidenz, es ward etwas mehr wert, aufgenommen in einen so edlen Kreis, seine Eigenschaften wurden durch den deutsamen Meister hervorgehoben, man glaubte sich einander näher zu kennen; und so ergab sich's auf's sonderbarste, dass mancher einzelne in seinem persönlichen Wert entschieden hervortrat, der sich bisher im bürgerlichen Lebens- und Staatsgange ohne Bedeutung eingeordnet und eingeflochten gesehen.

Diese Wirkung war stärker und größer, als man sie denken mag; ein jeder fühlte sich berechtigt, von sich selbst als von einem abgeschlossenen, abgerundeten Wesen das Beste zu denken, und in seiner Einzelnheit vollständig gekräftigt, hielt er sich auch wohl für befugt, Eigenheiten, Torheiten und Fehler in den Komplex seines werten Daseins mit aufzunehmen. Dergleichen Erfolg konnte sich um so leichter entwickeln, als bei dem ganzen Verfahren die besondere individuelle Natur allein, ohne Rücksicht auf die allgemeine Vernunft, die doch alle Natur beherrschen soll, zur Sprache kam; dagegen war das religiöse Element, worin Lavater schwebte, nicht hinreichend, eine sich immer mehr entscheidende Selbstgefälligkeit zu mildern, ja es entstand bei Frommgesinnten daraus eher ein geistlicher Stolz, der es dem natürlichen an Erhebung auch wohl zuvortat.

Was aber zugleich nach jener Epoche folgerecht auffallend hervorging, war die Achtung der Individuen untereinander. Namhafte ältere Männer wurden, wo nicht persönlich, doch im Bilde verehrt; und es durfte auch wohl ein junger Mann sich nur einigermaßen bedeutend hervortun, so war alsbald der Wunsch nach persönlicher Bekanntschaft rege, in deren Ermangelung man sich mit seinem Porträt begnügte; wobei denn die mit Sorgfalt und gutem Geschick aufs genauste gezogenen Schattenrisse willkommene Dienste leisteten. Jedermann war darin geübt, und kein Fremder zog vorüber, den man nicht abends an die Wand geschrieben hätte; die Storchschnäbel durften nicht rasten.

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Charlotte Freiin von Stein mit der Büste ihres Sohnes FritzGoethe in Kavalierstracht

Schattenrisse

Links: Charlotte Freiin von Stein mit der Büste ihres Sohnes Fritz. Nach dem Stich in der französischen Ausgabe von Lavaters Physiognomischen Fragmenten (Band II, 1783). In: Die Goethezeit in Silhouetten (siehe unten), Tafel 53.

Rechts: Goethe in Kavalierstracht. In: Die Goethezeit in Silhouetten (siehe unten), Tafel 2.

Zur Mode der Schattenrisse bzw. Silhouetten vgl.
* Die Goethezeit in Silhouetten. 74 Silhouetten in ganzer Figur vornehmlich aus Weimar und Umgebung. Gesammelt u. hrsg. von Hans Timotheus Kroeber. Weimar: Gustav Kiepenheuer 1911. - Nachdruck, kritisch aufbereitet u. mit einer Einführung in die Geschichte der Silhouette versehen von Lutz Unbehaun. Rudolstadt: hain 1996. ISBN 3-930215-34-9.

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Campagne in Frankreich, Fortsetzung:
Menschenkenntnis und Menschenliebe waren uns bei diesem Verfahren versprochen, wechselseitige Teilnahme hatte sich entwickelt, wechselseitiges Kennen und Erkennen aber wollte sich so schnell nicht entfalten; zu beiden Zwecken jedoch war die Tätigkeit sehr groß, und was in diesem Sinne von einem herrlich begabten jungen Fürsten, von seiner wohlgesinnten, geistreich-lebhaften Umgebung für Aufmunterung und Fördernis nah und fern gewirkt ward, wäre schön zu erzählen, wenn es nicht löblich schiene, die Anfänge bedeutender Zustände einem ehrwürdigen Dunkel anheimzugeben. Vielleicht sahen die Kotyledonen jener Saat (5) etwas wunderlich aus; der Ernte jedoch, woran das Vaterland und die Außenwelt ihren Anteil freudig dahin nahm, wird in den spätesten Zeiten noch immer ein dankbares Andenken nicht ermangeln.

Wer Vorgesagtes in Gedanken festhält und sich davon durchdringt, wird nachstehendes Abenteuer, welches beide Teilnehmende unter dem Abendessen vergnüglich in der Erinnerung belebten, weder unwahrscheinlich noch ungereimt finden.

Zu manchem andern, brieflichen und persönlichen Zudrang erhielt ich in der Hälfte des Jahres 1776 von Wernigerode datiert, Plessing unterzeichnet, ein Schreiben, vielmehr ein Heft, fast das Wunderbarste, was mir in jener selbstquälerischen Art vor Augen gekommen; man erkannte daran einen jungen, durch Schulen und Universität gebildeten Mann, dem nun aber sein sämtlich Gelerntes zu eigener, innerer, sittlicher Beruhigung nicht gedeihen wollte. Eine geübte Handschrift war gut zu lesen, der Stil gewandt und fließend, und ob man gleich eine Bestimmung zum Kanzelredner darin entdeckte, so war doch alles frisch und brav aus dem Herzen geschrieben, dass man ihm einen gegenseitigen Anteil nicht versagen konnte. Wollte nun aber dieser Anteil lebhaft werden, suchte man sich die Zustände des Leidenden näher zu entwickeln, so glaubte man statt des Duldens Eigensinn, statt des Ertragens Hartnäckigkeit und statt eines sehnsüchtigen Verlangens abstoßendes Wegweisen zu bemerken. Da ward mir denn nach jenem Zeitsinn der Wunsch lebhaft rege, diesen jungen Mann von Angesicht zu sehen; ihn aber zu mir zu bescheiden, hielt ich nicht für rätlich. Ich hatte mir, unter bekannten Umständen, schon eine Zahl von jungen Männern aufgebürdet, die, anstatt mit mir auf meinem Wege einer reineren höheren Bildung entgegenzugehen, auf dem ihrigen verharrend, sich nicht besser befanden, und mich in meinen Fortschritten hinderten. Ich ließ die Sache indessen hängen, von der Zeit irgend eine Vermittelung erwartend. Da erhielt ich einen zweiten kürzern, aber auch lebhafteren, heftigern Brief, worin der Schreiber auf Antwort und Erklärung drang und sie ihm nicht zu versagen mich feierlichst beschwor.

Aber auch dieser wiederholte Sturm brachte mich nicht aus der Fassung; die zweiten Blätter gingen mir so wenig als die ersten zu Herzen, aber die herrische Gewohnheit, jungen Männern meines Alters in Herzens- und Geistesnöten beizustehen, ließ mich sein doch nicht ganz vergessen.

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Herzog Carl August von Sachsen-WeimarJohann Heinrich Lips, Herzog Carl August, Federzeichnung, 1779

Herzog Karl August

Links: Carl August von Sachsen-Weimar. Lavierte Tuschzeichnung aus Lavaters Sammlung. In: Rudolf Payer-Thurn: Goethe. Ein Bilderbuch. Leipzig: Günther Schulz o.J., S. 66. - Vgl. Herzog Karl August in den ersten Jahren seiner Regierung. In: Gustav Könnecke: Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationallitteratur. 2., verb. u. verm. Auflage. Marburg: N. G. Elwert'sche Verlagsbuchhandlung 1895, S. 277.

Rechts: Johann Heinrich Lips: Herzog Carl August, 1779. Federzeichnung. In: Johann Heinrich Lips 1758-1817. Ein Zürcher Kupferstecher zwischen Lavater und Goethe (Kataloge der Kunstsammlungen der Veste Coburg) Coburg 1989. ISBN 3-87472-065-9. Hier Nr. 42, S. 108-110.

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Campagne in Frankreich, Fortsetzung:
Die um einen trefflichen jungen Fürsten versammelte Weimarische Gesellschaft trennte sich nicht leicht, ihre Beschäftigungen und Unternehmungen, Scherze, Freuden und Leiden waren gemeinsam. Da ward nun zu Ende Novembers eine Jagdpartie auf wilde Schweine, notgedrungen auf das häufige Klagen des Landvolks, im Eisenachischen unternommen, der ich, als damaliger Gast, auch beizuwohnen hatte; ich erbat mir jedoch die Erlaubnis, nach einem kleinen Umweg mich anschließen zu dürfen.

Nun hatte ich einen wundersamen geheimen Reiseplan. Ich musste nämlich, nicht nur etwa von Geschäftsleuten, sondern auch von vielen am Ganzen teilnehmenden Weimarern, öfter den lebhaften Wunsch hören, es möge doch das Ilmenauer Bergwerk wieder aufgenommen werden. Nun ward von mir, der ich nur die allgemeinsten Begriffe vom Bergbau allenfalls besaß, zwar weder Gutachten noch Meinung, doch Anteil verlangt, aber diesen konnt' ich an irgend einem Gegenstand nur durch unmittelbares Anschauen gewinnen. Ich dachte mir unerlässlich, vor allen Dingen das Bergwesen in seinem ganzen Komplex, und wär' es auch nur flüchtig, mit Augen zu sehen und mit dem Geiste zu fassen, denn alsdann nur konnt' ich hoffen, in das Positive weiter einzudringen und mich mit dem Historischen zu befreunden. Deshalb hatt' ich mir längst eine Reise auf den Harz gedacht, und gerade jetzt, da ohnehin diese Jahreszeit in Jagdlust unter freiem Himmel zugebracht werden sollte, fühlte ich mich dahin getrieben. Alles Winterwesen hatte überdies in jener Zeit für mich große Reize, und was die Bergwerke betraf, so war ja in ihren Tiefen weder Winter noch Sommer merkbar; wobei ich zugleich gern bekenne, dass die Absicht, meinen wunderlichen Korrespondenten persönlich zu sehen und zu prüfen, wohl die Hälfte des Gewichtes meinem Entschluss hinzufügte.

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Harz, Am Ettersberg, Verlag Raphael Tuck & Sons, Berlin, Oilette

Am Ettersberg

Harz, Am Ettersberg. Adressseite: Tuck's Postkarte. Raphael Tuck & Sons, Berlin. "OILETTE" Serie Harz-Postkarten No. 215 B. Hoflieferanten S. Maj. des Königs und Ihrer Maj. der Königin von England. Gelaufen. Poststempel 1906. - Text:

Harz, am Ettersberg. Vom Molkenhause und Wintersberge auf schattigen Fußstegen erreichbare Halde, mit alten prächtigen Laubbäumen bewachsener Bergrücken, dessen lichter Bestand die schönsten Fernsichten gestattet.

Über Goethe und den Ettersberg siehe Wolfgang Vulpius: Goethe in Thüringen. Stätten seines Lebens und Wirkens. Rudolstadt: Greifenverlag 1955, S. 89-95.

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Campagne in Frankreich, Fortsetzung:
Indem sich nun die Jagdlustigen nach einer andern Seite hin begaben, ritt ich ganz allein dem Ettersberge zu und begann jene Ode, die unter dem Titel »Harzreise im Winter« so lange als Rätsel unter meinen kleineren Gedichten Platz gefunden. Im düstern und von Norden her sich heranwälzenden Schneegewölk schwebte hoch ein Geier über mir. Die Nacht verblieb ich in Sondershausen und gelangte des andern Tags so bald nach Nordhausen, dass ich gleich nach Tische weiter zu gehen beschloss, aber mit Boten und Laterne nach mancherlei Gefährlichkeiten erst sehr spät in Ilfeld ankam.

Ein ansehnlicher Gasthof war glänzend erleuchtet, es schien ein besonderes Fest darin gefeiert zu werden. Erst wollte der Wirt mich gar nicht aufnehmen: die Kommissarien der höchsten Höfe, hieß es, seien schon lange hier beschäftigt, wichtige Einrichtungen zu treffen und verschiedene Interessen zu vereinbaren, und da dies nun glücklich vollendet sei, gäben sie heute Abend einen allgemeinen Schmaus. Auf dringende Vorstellung jedoch und einige Winke des Boten, dass man mit mir nicht übel fahre, erbot sich der Mann, mir den Bretterverschlag in der Wirtsstube, seinen eigentlichen Wohnsitz, und zugleich sein weiß zu überziehendes Ehebett einzuräumen. Er führte mich durch das weite, hellerleuchtete Wirtszimmer, da ich mir denn im Vorbeigehen die sämtlichen munteren Gäste flüchtig beschaute.

Doch sie sämtlich zu meiner Unterhaltung näher zu betrachten, gab mir in den Brettern des Verschlags eine Astlücke die beste Gelegenheit, die, seine Gäste zu belauschen, dem Wirte selbst oft dienen mochte. Ich sah die lange und wohlerleuchtete Tafel von unten hinauf, ich überschaute sie, wie man oft die Hochzeit von Kana gemalt sieht; nun musterte ich bequem von oben bis herab also: Vorsitzende, Räte, andere Teilnehmende und dann immer so weiter, Sekretarien, Schreiber und Gehülfen. Ein glücklich geendigtes, beschwerliches Geschäft schien eine Gleichheit aller tätig Teilnehmenden zu bewirken, man schwatzte mit Freiheit, trank Gesundheiten, wechselte Scherz um Scherz, wobei einige Gäste bezeichnet schienen, Witz und Spaß an ihnen zu üben; genug, es war ein fröhliches, bedeutendes Mahl, das ich bei dem hellsten Kerzenscheine in seinen Eigentümlichkeiten ruhig beobachten konnte, eben als wenn der hinkende Teufel mir zur Seite stehe und einen ganz fremden Zustand unmittelbar zu beschauen und zu erkennen mich begünstigte. Und wie dies mir nach der düstersten Nachtreise in den Harz hinein ergötzlich gewesen, werden die Freunde solcher Abenteuer beurteilen. Manchmal schien es mir ganz gespensterhaft, als säh' ich in einer Berghöhle wohlgemute Geister sich erlustigen.

 

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Georg Melchior Kraus, Eingang zur Baumannshöhle, 1784

Kraus, Eingang zur Baumannshöhle

Georg Melchior Kraus: Eingang zur Baumannshöhle, 1784. Kreide, laviert. Herrmann Zschoche: Caspar David Friedrich im Harz. Dresden: Verlag der Kunst 2008, Abb. 28.

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Rübeland, Baumannshöhle, Schildkröten-Schlucht, Verlag R. Lederbogen, Halberstadt

Rübeland im Harz, Baumannshöhle, Hamburger Wappen und Mönch, Verlag R. Lederbogen, Halberstadt

Baumannshöhle, Rübeland im Harz, Elefantenrüssel am hängenden Gebirge, Verlag Albert Berger, BlankenburgBaumannshöhle, Rübeland, Wasserfall, Verlag Albert Berger, Blankenburg

Rübeland im Harz, Baumannshöhle, 12 000jährige Säule, Verlag Louis Glaser, Leipzig

1. Bild von oben: Rübeland (Harz). Baumannshöhle Schildkröten-Schlucht. Adressseite: R. Lederbogen, Halberstadt. Nicht gelaufen.
2. Bild von oben: Rübeland im Harz. Baumannshöhle, Hamburger Wappen u. Mönch. Adressseite: R. Lederbogen, Halberstadt. Nicht gelaufen. - Gezeigt werden zwei Felsenpartien in der Schauhöhle, die an das Hamburger Wappen und einen Mönch erinnern.
3. Reihe von oben, links: Baumannshöhle. Rübeland i. Harz. Elefantenrüssel am hängenden Gebirge. Adressseite: Verlag Albert Berger, Blankenburg a. Harz. Im Briefmarkenfeld: D 9839. Nicht gelaufen.
3. Reihe von oben, rechts: Baumannshöhle. Rübeland i. Harz. Wasserfall. Adressseite: Verlag Albert Berger, Blankenburg a. Harz. Im Briefmarkenfeld: D 9834. Nicht gelaufen.
4. Bild von oben: Rübeland im Harz. Baumannshöhle. 12 000 jährige Säule. Adressseite: 5831. Louis Glaser, Leipzig. Nicht gelaufen.

Zur Baumannshöhle (mit Bilddokumenten) siehe den Eintrag in Wikipedia.

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Campagne in Frankreich, Fortsetzung:
Nach einer wohl durchschlafenen Nacht eilte ich frühe, von einem Boten abermals geleitet, der Baumannshöhle zu, ich durchkroch sie, und betrachtete mir das fortwirkende Naturereignis ganz genau. Schwarze Marmormassen aufgelöst, zu weißen kristallinischen Säulen und Flächen wieder hergestellt, deuteten mir auf das fortwebende Leben der Natur. Freilich verschwanden vor dem ruhigen Blick alle die Wunderbilder, die sich eine düster wirkende Einbildungskraft so gern aus formlosen Gestalten erschaffen mag; dafür blieb aber auch das eigne Wahre desto reiner zurück, und ich fühlte mich dadurch gar schön bereichert.

Wieder ans Tageslicht gelangt, schrieb ich die notwendigsten Bemerkungen, zugleich aber auch mit ganz frischem Sinn die ersten Strophen des Gedichts, das unter dem Titel »Harzreise im Winter« die Aufmerksamkeit mancher Freunde bis auf die letzten Zeiten erregt hat; davon mögen denn die Strophen, welche sich auf den nun bald zu erblickenden wunderlichen Mann beziehen, hier Platz finden, weil sie mehr als viele Worte den damaligen liebevollen Zustand meines Innern auszusprechen geeignet sind.

Aber abseits wer ist's?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.

Ach! wer heilet die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhass

Aus der Fülle der Liebe trank?
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eigenen Wert
In ungnügender Selbstsucht.

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohr vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste.

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Straße nach Wernigerode

Straße nach Wernigerode
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Der Marktplatz in Wernigerode, Zeichnung von Georg Heinrich Crola

Der Marktplatz in Wernigerode
Zeichnung von Georg Heinrich Crola

Brockenblick vom Försterplatz bei Wernigerode, Verlag Charlotte von Brudersdorff, Halberstadt

Brockenblick vom Försterplatz bei Wernigerode
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Oben: Kolorierte Radierung von E. W. Rothe nach A. Balzer. In: Goethe und seine Welt. Hrsg. von Hans Wahl und Anton Kippenberg. Leipzig: Insel-Verlag 1932, S. 94 u. 259.
Mitte: Der Marktplatz in Wernigerode. Zeichnung von Georg Heinrich Crola. Postkartenformat. Keine weiteren Angaben. Keine Vergrößerung verfügbar.

Crola (eigentl. Croll), Georg Heinrich, Landschaftsmaler, geb. am 5. 6. 1804 in Dresden, gest. am 6. 5. 1879 in Ilsenburg. Seine Jugend verlebte er bei den Großeltern in Meißen, wo er die ersten künstlerischen Anregungen empfing. Als Meißner Zeichenschüler erscheint er auch im August 1820 zum ersten Mal auf der Dresdner Kunstausstellung. 1825–28 lebte er dann in Dresden, äußerlich zwar in bedrängter Lage, künstlerisch jedoch gefördert durch die Professoren C. D. Friedrich und J. C. Dahl. Ein etwas unstetes Wanderleben führte ihn von da an nach Coburg und durch den Harz (Ilsenburg, Wernigerode), bis er endlich 1830 in München längeren Aufenthalt (bis 1838) fand. Hier wurde er bald einer der führenden Künstler, und hier entschied sich seine Begabung: der deutsche Wald, besonders der Eichenwald, lieferte ihm von nun an reichen Stoff zu seinen Bildern, die er in unermüdlichem Fleiße schuf. Eine von ihm geplante Reise nach dem Norden sollte schon in Ilsenburg ein vorläufiges Ende finden: er vermählte sich 1840 mit Elise Fränkel aus Berlin und gründete in dem Harzstädtchen sein Heim. Von hier aus bereiste er später Schweden, die Schweiz und Italien; die Motive zu seinen Bildern aber bot ihm Deutschland. (Thieme-Becker, Auszug) Siehe: Im Mittelpunkt: Natur. Der Spätromantiker Georg Heinrich Crola (1804-1879). Hrsg. von Christian Juranek (Edition Schloss Wernigerode; 13) Dössel: Janos Stekovics 2009. ISBN 978-3-89923-232-5

Unten: Brockenblick vom Försterplatz bei Wernigerode. Adressseite, Aufdruck: Brocken Hotel, 1142 Meter ü. Meeresspiegel. Officielle Ansichtskarte Brocken. Bild: Hexe mit Besen. Eigenverlag: Frau Charlotte von Brudersdorff, Halberstadt. Nicht gelaufen.

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Campagne in Frankreich, Fortsetzung:
Im Gasthof zu Wernigerode angekommen, ließ ich mich mit dem Kellner in ein Gespräch ein, ich fand ihn als einen sinnigen Menschen, der seine städtischen Mitgenossen ziemlich zu kennen schien. Ich sagt' ihm darauf, es sei meine Art, wenn ich an einen fremden Ort ohne besondere Empfehlung anlangte, mich nach jüngern Personen zu erkundigen, die sich durch Wissenschaft und Gelehrsamkeit auszeichneten; er möge mir daher jemanden der Art nennen, damit ich einen angenehmen Abend zubrächte. Darauf erwiderte ohne weiteres Bedenken der Kellner: es werde mir gewiss mit der Gesellschaft des Herrn Plessing gedient sein, dem Sohne des Superintendenten; als Knabe sei er schon in Schulen ausgezeichnet worden und habe noch immer den Ruf eines fleißigen guten Kopfs, nur wolle man seine finstere Laune tadeln und nicht gut finden, dass er mit unfreundlichem Betragen sich aus der Gesellschaft ausschließe. Gegen Fremde sei er zuvorkommend, wie Beispiele bekannt wären; wollte ich angemeldet sein, so könne es sogleich geschehen.

Der Kellner brachte mir bald eine bejahende Antwort und führte mich hin. Es war schon Abend geworden, als ich in ein großes Zimmer des Erdgeschosses, wie man es in geistlichen Häusern antrifft, hineintrat und den jungen Mann in der Dämmerung noch ziemlich deutlich erblickte. Allein an einigen Symptomen konnt' ich bemerken, dass die Eltern eilig das Zimmer verlassen hatten, um dem unvermuteten Gaste Platz zu machen.

Das hereingebrachte Licht ließ mich den jungen Mann nunmehr ganz deutlich erkennen, er glich seinem Briefe völlig, und so wie jenes Schreiben erregte er Interesse, ohne Anziehungskraft auszuüben.

Um ein näheres Gespräch einzuleiten, erklärt' ich mich für einen Zeichenkünstler von Gotha, der wegen Familienangelegenheiten in dieser unfreundlichen Jahrszeit Schwester und Schwager in Braunschweig zu besuchen habe.

Mit Lebhaftigkeit fiel er mir beinahe ins Wort und rief aus: »Da Sie so nahe an Weimar wohnen, so werden Sie doch auch diesen Ort, der sich so berühmt macht, öfters besucht haben.« Dieses bejaht' ich ganz einfach und fing an, von Rat Kraus, von der Zeichenschule, von Legationsrat Bertuch und dessen unermüdeter Tätigkeit zu sprechen; ich vergaß weder Musäus noch Jagemann, Kapellmeister Wolf und einige Frauen und bezeichnete den Kreis, den diese wackern Personen abschlossen, und jeden Fremden willig und freundlich unter sich aufnahmen.

Endlich fuhr er etwas ungeduldig heraus: »Warum nennen Sie denn Goethe nicht?« Ich erwiderte, dass ich diesen auch wohl in gedachtem Kreise als willkommenen Gast gesehen und von ihm selbst persönlich als fremder Künstler wohl aufgenommen und gefördert worden, ohne dass ich weiter viel von ihm zu sagen wisse, da er teils allein, teils in andern Verhältnissen lebe.

Der junge Mann, der mit unruhiger Aufmerksamkeit zugehört hatte, verlangte nunmehr mit einigem Ungestüm, ich solle ihm das seltsame Individuum schildern, das so viel von sich reden mache. Ich trug ihm darauf mit großer Ingenuität eine Schilderung vor, die für mich nicht schwer wurde, da die seltsame Person in der seltsamsten Lage mir gegenwärtig stand, und wäre ihm von der Natur nur etwas mehr Herzenssagazität gegönnt gewesen, so konnte ihm nicht verborgen bleiben, dass der vor ihm stehende Gast sich selbst schildere.

Er war einigemal im Zimmer auf und ab gegangen, indes die Magd hereintrat, eine Flasche Wein und sehr reinlich bereitetes kaltes Abendbrot auf den Tisch setzte; er schenkte beiden ein, stieß an und schluckte das Glas sehr lebhaft hinunter. Und kaum hatte ich mit etwas gemäßigtern Zügen das meinige geleert, ergriff er heftig meinen Arm und rief: »O, verzeihen Sie meinem wunderlichen Betragen! Sie haben mir aber so viel Vertrauen eingeflößt, dass ich Ihnen alles entdecken muss. Dieser Mann, wie Sie mir ihn beschreiben, hätte mir doch antworten sollen; ich habe ihm einen ausführlichen, herzlichen Brief geschickt, ihm meine Zustände, meine Leiden geschildert, ihn gebeten, sich meiner anzunehmen, mir zu raten, mir zu helfen, und nun sind schon Monate verstrichen, ich vernehme nichts von ihm; wenigstens hätte ich ein ablehnendes Wort auf ein so unbegrenztes Vertrauen wohl verdient.«

Ich erwiderte darauf, dass ich ein solches Benehmen weder erklären noch entschuldigen könne, so viel wisse ich aber, aus eigener Erfahrung, dass ein gewaltiger, sowohl ideeller als reeller Zudrang diesen sonst wohlgesinnten, wohlwollenden und hülfsfertigen jungen Mann oft außer Stand setze, sich zu bewegen, geschweige zu wirken.

»Sind wir zufällig so weit gekommen«, sprach er darauf mit einiger Fassung, »den Brief muss ich Ihnen vorlesen, und Sie sollen urteilen, ob er nicht irgend eine Antwort, irgend eine Erwiderung verdiente.«

Ich ging im Zimmer auf und ab, die Vorlesung zu erwarten, ihrer Wirkung schon beinahe ganz gewiss, deshalb nicht weiter nachdenkend, um mir selbst in einem so zarten Falle nicht vorzugreifen. Nun saß er gegen mir über und fing an, die Blätter zu lesen, die ich in- und auswendig kannte, und vielleicht war ich niemals mehr von der Behauptung der Physiognomisten überzeugt, ein lebendiges Wesen sei in allem seinen Handeln und Betragen vollkommen übereinstimmend mit sich selbst, und jede in die Wirklichkeit hervorgetretene Monas (6) erzeige sich in vollkommener Einheit ihrer Eigentümlichkeiten. Der Lesende passte völlig zu dem Gelesenen, und wie dieses früher in der Abwesenheit mich nicht ansprach, so war es nun auch mit der Gegenwart; man konnte zwar dem jungen Mann eine Achtung nicht versagen, eine Teilnahme, die mich denn auch auf einen so wunderlichen Weg geführt hatte: denn ein ernstliches Wollen sprach sich aus, ein edler Sinn und Zweck; aber obschon von den zärtlichsten Gefühlen die Rede war, blieb der Vortrag ohne Anmut, und eine ganz eigens-beschränkte Selbstigkeit tat sich kräftig hervor. Als er nun geendet hatte, fragte er mit Hast, was ich dazu sage, und ob ein solches Schreiben nicht eine Antwort verdient, ja gefordert hätte?

Indessen war mir der bedauernswürdige Zustand dieses jungen Mannes immer deutlicher geworden; er hatte nämlich von der Außenwelt niemals Kenntnis genommen, dagegen sich durch Lektüre mannigfaltig ausgebildet, alle seine Kraft und Neigung aber nach innen gewendet und sich auf diese Weise, da er in der Tiefe seines Lebens kein produktives Talent fand, so gut als zugrunde gerichtet; wie ihm denn sogar Unterhaltung und Trost, dergleichen uns aus der Beschäftigung mit alten Sprachen so herrlich zu gewinnen offen steht, völlig abzugehen schien.

Da ich an mir und andern schon glücklich erprobt hatte, dass in solchem Fall eine rasche gläubige Wendung gegen die Natur und ihre grenzenlose Mannigfaltigkeit das beste Heilmittel sei, so wagt' ich alsobald den Versuch, es auch in diesem Falle anzuwenden und ihm daher nach einigem Bedenken folgendermaßen zu antworten:

»Ich glaube zu begreifen, warum der junge Mann, auf den Sie so viel Vertrauen gesetzt, gegen Sie stumm geblieben, denn seine jetzige Denkweise weicht zu sehr von der Ihrigen ab, als dass er hoffen dürfte, sich mit Ihnen verständigen zu können. Ich habe selbst einigen Unterhaltungen in jenem Kreise beigewohnt und behaupten hören: man werde sich aus einem schmerzlichen, selbstquälerischen, düstern Seelenzustande nur durch Naturbeschauung und herzliche Teilnahme an der äußern Welt retten und befreien. Schon die allgemeinste Bekanntschaft mit der Natur, gleichviel von welcher Seite, ein tätiges Eingreifen, sei es als Gärtner oder Landbebauer, als Jäger oder Bergmann, ziehe uns von uns selbst ab; die Richtung geistiger Kräfte auf wirkliche, wahrhafte Erscheinungen gebe nach und nach das größte Behagen, Klarheit und Belehrung: wie denn der Künstler, der sich treu an der Natur halte und zugleich sein Inneres auszubilden suche, gewiss am besten fahren werde.«

Der junge Freund schien darüber sehr unruhig und ungeduldig, wie man über eine fremde oder verworrene Sprache, deren Sinn wir nicht vernehmen, ärgerlich zu werden anfängt. Ich darauf, ohne sonderliche Hoffnung eines glücklichen Erfolgs, eigentlich aber um nicht zu verstummen, fuhr zu reden fort. »Mir, als Landschaftsmaler«, sagte ich, »musste dies zu allererst einleuchten, da ja meine Kunst unmittelbar auf die Natur gewiesen ist; doch habe ich seit jener Zeit emsiger und eifriger als bisher nicht etwa nur ausgezeichnete und auffallende Naturbilder und Erscheinungen betrachtet, sondern mich zu allem und jedem liebevoll hingewendet.« Damit ich mich nun aber nicht ins Allgemeine verlöre, erzählte ich, wie mir sogar diese notgedrungene Winterreise, anstatt beschwerlich zu sein, dauernden Genuss gewährt; ich schilderte ihm, mit malerischer Poesie, und doch so unmittelbar und natürlich, als ich nur konnte, den Vorschritt meiner Reise, jenen morgendlichen Schneehimmel über den Bergen, die mannigfaltigsten Tageserscheinungen, dann bot ich seiner Einbildungskraft die wunderlichen Turm- und Mauerbefestigungen von Nordhausen, gesehen bei hereinbrechender Abenddämmerung, ferner die nächtlich rauschenden, von des Boten Laterne zwischen Bergschluchten flüchtig erleuchtet blinkenden Gewässer und gelangte sodann zur Baumannshöhle. Hier aber unterbrach er mich lebhaft und versicherte: der kurze Weg, den er daran gewendet, gereue ihn ganz eigentlich; sie habe keineswegs dem Bilde sich gleichgestellt, das er in seiner Phantasie entworfen. Nach dem Vorhergegangenen konnten mich solche krankhafte Symptome nicht verdrießen: denn wie oft hatte ich erfahren müssen, dass der Mensch den Wert einer klaren Wirklichkeit gegen ein trübes Phantom seiner düstern Einbildungskraft von sich ablehnt. Eben so wenig war ich verwundert, als er auf meine Frage, wie er sich denn die Höhle vorgestellt habe, eine Beschreibung machte, wie kaum der kühnste Theatermaler den Vorhof des Plutonischen Reiches darzustellen gewagt hätte.

Ich versuchte hierauf noch einige propädeutische Wendungen als Versuchsmittel einer zu unternehmenden Kur; ich ward aber mit der Versicherung, es könne und solle ihm nichts in dieser Welt genügen, so entschieden abgewiesen, dass mein Innerstes sich zuschloss und ich mein Gewissen, durch den beschwerlichen Weg, im Bewusstsein des besten Willens, völlig befreit und mich gegen ihn von jeder weiteren Pflicht entbunden glaubte.

Es war schon spät geworden, als er mir den zweiten, noch heftigern, mir gleichfalls nicht unbekannten brieflichen Erlass vorlesen wollte, doch aber meine Entschuldigung wegen allzugroßer Müdigkeit gelten ließ, indem er zugleich eine Einladung auf morgen zu Tische im Namen der Seinigen dringend hinzufügte; wogegen ich mir die Erklärung auf morgen ganz in der Frühe vorbehielt. Und so schieden wir friedlich und schicklich; seine Persönlichkeit ließ einen ganz individuellen Eindruck zurück. Er war von mittlerer Größe, seine Gesichtszüge hatten nichts Anlockendes, aber auch nichts eigentlich Abstoßendes, sein düsteres Wesen erschien nicht unhöflich, er konnte vielmehr für einen wohlerzogenen jungen Mann gelten, der sich in der Stille auf Schulen und Akademien zu Kanzel und Lehrstuhl vorbereitet hatte.

Heraustretend, fand ich den völlig aufgehellten Himmel von Sternen blinken, Straßen und Plätze mit Schnee überdeckt, blieb auf einem schmalen Steg ruhig stehen und beschaute mir die winternächtliche Welt. Zugleich überdacht' ich das Abenteuer und fühlte mich fest entschlossen, den jungen Mann nicht wieder zu sehen; in Gefolg dessen bestellt' ich mein Pferd auf Tagesanbruch, übergab ein anonymes, entschuldigendes Bleistiftblättchen dem Kellner, dem ich zugleich so viel Gutes und Wahres von dem jungen Manne, den er mir bekannt gemacht, zu sagen wusste, welches denn der gewandte Bursche mit eigner Zufriedenheit gewiss wohl benutzt haben mag.

Nun ritt ich an dem Nordosthange des Harzes im grimmigen, mich zur Seite bestürmenden Stöberwetter, nachdem ich vorher den Rammelsberg, Messinghütten und die sonstigen Anstalten der Art beschaut und ihre Weise mir eingeprägt hatte, nach Goslar, wovon ich diesmal nicht weiter erzähle, da ich mich künftig mit meinen Lesern darüber umständlich zu unterhalten hoffe.

Ich wüsste nicht, wie viel Zeit vorübergegangen, ohne dass ich etwas weiter von dem jungen Manne gehört hätte, als unerwartet an einem Morgen mir ein Billet ins Gartenhaus bei Weimar zukam, wodurch er sich anmeldete; ich schrieb ihm einige Worte dagegen, er werde mir willkommen sein. Ich erwartete nun einen seltsamen Erkennungsauftritt, allein er blieb hereintretend ganz ruhig und sprach: »Ich bin nicht überrascht, Sie hier zu finden, die Handschrift Ihres Billets rief mir so deutlich jene Züge wieder ins Gedächtnis, die Sie, aus Wernigerode scheidend, mir hinterließen, dass ich keinen Augenblick zweifelte, jenen geheimnisvollen Reisenden abermals hier zu finden.«

Schon dieser Eingang war erfreulich, und es eröffnete sich ein trauliches Gespräch, worin er mir seine Lage zu entwickeln trachtete, und ich ihm dagegen meine Meinung nicht vorenthielt. Inwiefern sich seine inneren Zustände wirklich gebessert hatten, wüsst' ich nicht mehr anzugeben, es musste aber damit nicht so gar schlimm aussehen, denn wir schieden nach mehreren Gesprächen friedlich und freundlich, nur dass ich sein heftiges Begehren nach leidenschaftlicher Freundschaft und innigster Verbindung nicht erwidern konnte.

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Goethe an Plessing, 26. Juli 1782

Goethe an Plessing, 26. Juli 1782
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Mein Betragen gegen Sie will ich nicht für Tugend ausgeben, nothwendig war es. Hätten Sie damals gedacht wie Sie iezt dencken so wären wir näher. Doch der Mensch hat viele Häute abzuwerfen biß er seiner selbst und der weltlichen Dinge nur einigermasen sicher ist.
Sie haben mehr erfahren, mehr gedacht, mögten Sie einen Ruhepunckt treffen und einen Würckungskreis finden.
So viel kann ich Sie versichern daß ich mitten im Glück in einem anhaltenden Entsagen lebe, und täglich bey aller Mühe und Arbeit sehe daß nicht mein Wille, sondern der Wille einer höhern Macht geschieht, deren Gedancken nicht meine Gedancken sind.
Leben Sie wohl. Wenn Sie Sich mit mir unterhalten mögen, sollen mir Ihre Briefe iederzeit willkommen seyn.
Weimar d. 26. Jul. 82.

Quellen:
* Franz Neubert: Goethe und sein Kreis. Erläutert und dargestellt in 651 Abbildungen. Leipzig: J. J. Weber 1919, S. 90.
* Goethes Briefe (Weimarer Ausgabe), Bd. 6, Weimar: Hermann Böhlau 1890, Nr. 1531, S. 14.

Zu Friedrich Plessing (1749-1806) siehe ausführlich:
* Jacobs, Eduard, „ Plessing, Friedrich“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 26 (1888), S. 277-281 [Onlinefassung]

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Campagne in Frankreich, Fortsetzung:
Noch eine Zeitlang unterhielten wir ein briefliches Verhältnis; ich kam in den Fall, ihm einige reelle Dienste zu leisten, deren er sich denn auch bei gegenwärtiger Zusammenkunft dankbar erinnerte, so wie denn überhaupt das Zurückschauen in jene früheren Tage beiden Teilen einige angenehme Stunden gewährte. Er, nach wie vor immer nur mit sich selbst beschäftigt, hatte viel zu erzählen und mitzuteilen. Ihm war geglückt, im Laufe der Jahre sich den Rang eines geachteten Schriftstellers zu erwerben, indem er die Geschichte älterer Philosophie ernstlich behandelte, besonders derjenigen, die sich zum Geheimnis neigt, woraus er denn die Anfänge und Urzustände der Menschen abzuleiten trachtete. Seine Bücher, die er mir, wie sie herauskamen, zusendete, hatte ich freilich nicht gelesen; jene Bemühungen lagen zu weit von demjenigen ab, was mich interessierte.

Seine gegenwärtigen Zustände fand ich auch keineswegs behaglich; er hatte Sprach- und Geschichtskenntnisse, die er so lange versäumt und abgelehnt, endlich mit wütender Anstrengung erstürmt und durch dieses geistige Unmaß sein Physisches zerrüttet; zudem schienen seine ökonomischen Umstände nicht die besten, wenigstens erlaubte sein mäßiges Einkommen ihm nicht, sich sonderlich zu pflegen und zu schonen; auch hatte sich das düstere jugendliche Treiben nicht ganz ausgleichen können; noch immer schien er einem Unerreichbaren nachzustreben, und als die Erinnerung früherer Verhältnisse endlich erschöpft war, so wollte keine eigentlich frohe Mitteilung stattfinden. Meine gegenwärtige Art zu sein konnte fast noch entfernter von der seinigen als jemals angesehen werden. Wir schieden jedoch in dem besten Vernehmen, aber auch ihn verließ ich in Furcht und Sorge wegen der drangvollen Zeit.

Erläuterungen:
(1) Im Roman "Tristram Shandy" von Laurence Sterne (1713-1768) ist der Pfarrer Yorick eine Hauptgestalt. Sterne verwendete den Namen auch als Pseudonym in "Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien". Siehe den Eintrag in Wikipedia.
(2) Johann Caspar Lavater: Physiognomische Fragmente, 1775-1778.
(3) Goethe verwechselt hier Heinrich Lips mit dem Maler und Kupferstecher Georg Friedrich Schmoll, "der wie Lips für Lavater arbeitete und diesen auf der Rheinreise begleitete" (Münchner Ausgabe, Bd. 14, S. 808). Zu Lips siehe Joachim Kruse: Johann Heinrich Lips 1758-1817. Ein Zürcher Kupferstecher zwischen Lavater und Goethe (Kataloge der Kunstsammlungen der Veste Coburg) Coburg 1989. ISBN 3-87472-065-9. Hier S. 74 ff.
(4) Die Rheinreise im Sommer 1774, eine "Geniereise", zu der Goethe am 18. 7. 1774 gemeinsam mit Lavater und dem Pädagogen Basedow aufbrach.
(5) Kotyledone = Keimblatt

Quellen:
* Johann Wolfgang Goethe. Münchner Ausgabe. Bd. 14. München: Hanser 1987, S. 475-516. Kommentar S. 807-820.
* Online in Zeno.org

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Weblinks

Zum Gedicht "Harzreise im Winter" siehe die Seiten im Goethezeitportal:
* Malte Stein: Johann Wolfgang Goethe. „Harzreise im Winter“
* Rudolf Drux: „Aber abseits wer ist’s?“ Goethes Harzreise im Winter und die Rhapsodie des Johannes Brahms (im Kontext romantischer Winterreisen)

Zum Ilmenauer Bergbau siehe die Seite im Goethezeitportal:
* Johann Wolfgang Goethe: Rede bey Eröffnung des neuen Bergbaues zu Ilmenau (1784)

Die Beiträge zu Goethes "Werther" im Goethezeitportal sind auf einer eigenen Seite zusammengestellt. Klicken Sie hier.

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2.
Die zweite Brockenbesteigung
Der Goetheplatz

 

Heinrich von Trebra, nach einer Kreidezeichnung von Anton GraffGoethe und Fritz von Stein

Links: Heinrich von Trebra. Nach einer Kreidezeichnung von Anton Graff. In: Walther Herrmann: Goethe und Trebra. Freundschaft und Austausch zwischen Weimar und Freiberg (Freiberger Forschungshefte. Kultur und Technik D 9) Berlin: Akademie-Verlag 1955, Titelillustration.

Rechts: Goethe und Fritz von Stein. Scherenschnitt. "Den Sohn der geliebten Frau nahm Goethe im Mai 1783 in sein Haus und widmete ihm alle väterliche Liebe und Sorgfalt." In: Goethe und seine Welt. Hrsg. von Hans Wahl und Anton Kippenberg. Leipzig: Insel-Verlag 1932, S. 93 und 259.

Über den Oberberghauptmann Friedrich Wilhelm Heinrich von Trebra (1740-1819) siehe den Eintrag in Wikipedia.

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Die zweite Brockenbesteigung, mit Fritz von Stein und Heinrich von Trebra, fand am 21. September 1783 und die dritte, gemeinsam mit dem Maler Georg Melchior Kraus, am 4. September 1784 statt. Die zweite und dritte Reise waren "rein wissenschaftlich-geologische Studienreisen." (Dennert, S. 3)

Auf der Rückwanderung von der zweiten Brockenbesteigung wollte Goethe, um seine Kenntnis über den Granit (siehe unten) zu erweitern, das Aufsitzen jaspisartigen Gesteins auf dem sog. "Urgestein" untersuchen. Darüber berichtet Trebra (zit. n. Herrmann, S. 54f.):

Wir gingen durch Schierke über Elend und Oderbrückhaus, vom Brocken wieder zurück. Bereits im Jahre vorher, auch im Septbr. hatte ich schon die Reise über Oderbrückhaus, Braunlage und Elend nach Blankenburg gemacht, und hatte auf dieser Reise, zwischen Oderbrückhaus und Braunlage am Fuße der Achtermannshöhe ein Stück zusammen gewachsenen Granits, mit dem schwarzen, jaspisartigen, wenig schiefrigen Gestein gefunden, worinne der Andreasberger Bergbau, auf sehr silberreichen Gängen, seit Jahrhunderten schon geführt wird. Wohl oft schon hatte ich auf meiner bergmännischen Laufbahn, von dem Urgebirge Granit, und dem Aufsitzen aller übrigen auf ihm sprechen hören; gelesen; im Zusammenstellen mit anderer Felsarten Mannichfaltigkeiten auch wohl geträumt, aber gesehen hatte ich noch nirgends etwas davon, so deutlich bezeichnend in der Farbe, und auf einander zusammen gewachsen so fest, daß im Zerschlagen der Stücke, der Sprung immer durch beyde Gesteinsarten fort lief, nie da, wo sie zusammenliefen sich trennend von einander. Ich fand aber hier am Fuße der Achtermannshöhe nur Bruchstücke davon; nicht die Stelle im Berge, wo diese Felsen eingewurzelt stunden. Dies mußte unstreitig wohl auf dem Gipfel dieser Achtermannshöhe seyn, von wo die Bruchstücke herabgerollt waren. In spätern Jahren wurde dieses, sich wirklich so verhaltend, von Lasius (1) entdeckt, der mir Zeichnung und Anzeige davon einlieferte. Nur jetzt konnte ich den Berg nicht besteigen, weil Dienstgeschäfte mich nicht dahin führten.

Auch gegenwärtig an der Hand meines Freundes auf einer Wanderung durch die Harzgebirge, war es nicht an der Zeit, jene hohe Gebirgskuppe zu ersteigen, und wenn mir auch jenes gefundene seltne Stück, noch lebendig genug, im Gedächtniß angeschrieben gestanden hätte. Aber unser romantischer Weg führte uns vom Oderteichdamme in einer, mehr auf Dienstleistungen sich beziehenden Richtung, auf den Rehbergergraben herunter nach Andreasberg, und so, nah an der Rehberger Klippe vorbey. Diese hohe, nahe am Graben, ganz senkrecht dastehende Felswand, war mit einem großen Haufen herunter gestürzter Bruchstücke, von Tisch und Stuhl und Ofen Größen verschanzt, von welchen sogleich viele zerschlagen wurden. Unter ihnen fanden sich mehrere von jenen Doppelgesteinarten Granit, mit aufgesetzten, eingewachsenen dunkelblauen, fast schwarzen, sehr harten (jaspisartigen) Thongestein. Die können nirgends anders herkommen, als von jender Klippe da vor uns. Dahin müßen wir, antwortete mein Freund. Behutsam! vorsichtig! schrie ich ihm nach, die Moosbedeckten schlüpfrigen Felsstücke, liegen gefahrvoll durch einander, wir können die Beine dazwischen brechen. Nur fort! nur fort! antwortete er voran eilgend, wir müßen noch zu großen Ehren kommen, ehe wir die Hälse brechen! und wir kamen zusammen heran an den Fuß der Felswand, wo wir nun gar deutlich den Abschnitt des schwarzen Gesteins, auf dem blaß fleischrothen Granit, in gar langer Linie sich hinziehend erkennen konnten. Aber, unserer ziemlichen Größe ungeachtet, erreichen mit unsern Händen konnten wir sie doch nicht. Wenn du dich fest hinstellen wolltest, sagte mein Freund zu mir; so wollte ich jene, in den Felsen, eingewachsene Strauchwurzel ergreifen, mich im Anhalten an sie, hebend auf deine Schultern schwingen, und dann würde ich den so kenntlichen Abschnittsstrich, wenigstens mit der Hand erreichen können. So geschahs, und wir hatten das seltne Vergnügen, den merkwürdigen Abschnittsstrich von hier eingewurzelten Urgebirge rothen Granit, und drauf stehenden, dunkel - fast schwarzblauen Thongesteins nahe zu sehen, sogar mit Händen zu greifen.

Erläuterungen:
(1) Georg Sigismund Otto Lasius : Beobachtungen über die Harzgebirge, nebst einem Profilrisse, als ein Beytrag zur mineralogischen Naturkunde. Hannover: Helwing 1789.

Quelle:
Walther Herrmann: Goethe und Trebra. Freundschaft und Austausch zwischen Weimar und Freiberg (Freiberger Forschungshefte. Kultur und Technik D 9) Berlin: Akademie-Verlag 1955, S. 54f.

"Der Fundort des Gesteins wird auf Landkarten als 'Goetheplatz' bezeichnet. Man erreicht ihn, wenn man von Oderbrück am Rehberger Graben entlang in der Richtung Andreasberg geht." (Hermann: Goethe und Trebra, S. 55)

Goetheplatz im Harz

Goetheplatz

Quelle:
Der Goetheplatz am Rehberger Grabenweg. Foto: Kassandro.
Wikimedia Commons. Creative Commons-Lizenz.

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3.
Die dritte Brockenbesteigung
Über den Granit

 

Georg Melchior Kraus, SelbstbildnisGoethe, Kreidezeichnung von Georg Melchior Kraus, 1776

Links: Kraus, Selbstbildnis. Eberhard Freiherr Schenk zu Schweinsberg: Georg Melchior Kraus (Schriften der Goethe-Gesellschaft; 43) Weimar: Verlag der Goethe-Gesellschaft 1930, Tafel 2.
Rechts: Kraus, Goethe. Kreidezeichnung, 1776. Ebd., Tafel 1.

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Über die dritte Brockenbesteigung schreibt Goethe am 6. September 1784 an Herder:

[...] Krause ist also mit mir alleine, und wir sind den ganzen Tag unter freiem Himmel, hämmern und zeichnen. Ihr werdet Freude haben an dem, was ich mitbringe; wir haben gewiss die größten und bedeutendsten Gegenstände ausgesucht, die Tage sind herrlich. Eine große Last Steine bringe ich geschleppt. Die kleinsten Abweichungen und Schattierungen, die eine Gesteinsart der anderen näherbringen und die das Kreuz der Systematiker und Sammler sind, weil sie nicht wissen, wohin sie sie legen sollen, habe ich sorgfältig aufgesucht und habe sie durch Glück gefunden.[...] Krause ist also mit mir alleine, und wir sind den ganzen Tag unter freiem Himmel, hämmern und zeichnen. Ihr werdet Freude haben an dem, was ich mitbringe; wir haben gewiss die größten und bedeutendsten Gegenstände ausgesucht, die Tage sind herrlich. Eine große Last Steine bringe ich geschleppt. Die kleinsten Abweichungen und Schattierungen, die eine Gesteinsart der anderen näherbringen und die das Kreuz der Systematiker und Sammler sind, weil sie nicht wissen, wohin sie sie legen sollen, habe ich sorgfältig aufgesucht und habe sie durch Glück gefunden.

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Georg Melchior Kraus, Am Wildenmann im Harz

Kraus, Am Wildenmann im Harz
Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Georg Melchior Kraus: Am Wildenmann im Harz. Kreide. 1784. Eberhard Freiherr Schenk zu Schweinsberg: Georg Melchior Kraus (Schriften der Goethe-Gesellschaft; 43) Weimar: Verlag der Goethe-Gesellschaft 1930, Tafel 23.

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Georg Melchior Kraus, Die Feuersteinklippe bei Schierke

Georg Melchior Kraus, Hexenaltar auf dem Brocken

Der Hübichenstein, Bleistiftzeichnung von Georg Melchior KrausFelsen am Ziegenrücken im Okertale, Bleistiftzeichnung von Goethe

Oben: Kraus: Die Feuersteinklippe bei Schierke. Bleistiftzeichnung von Kraus, 1784 (Dennert, Geschichte des Brockens, Abb. 8.).
Mitte: Kraus: Hexenaltar auf dem Brocken (Dennert, Goethe und der Harz, Tafel nach S. 156).
Unten links: Der Hübichenstein. Bleistiftzeichnung von Kraus, 1784 (Goethe und seine Welt, S. 95). Keine Vergrößerung verfügbar.
Unten rechts: Felsen am Ziegenrücken im Okertale. Bleistiftzeichnung von Goethe, 1784. Corpus der Goethe-Zeichnungen, Nr. 276. Keine Vergrößerung verfügbar. "Die beiden Blätter zeigen die technische Überlegenheit von Kraus und die künstlerische Überlegenheit Goethes an fast gleichem Objekt." (Goethe und seine Welt, S. 95. Kommentar S. 259).

Quellen:
* Friedrich Dennert: Geschichte des Brockens und der Brockenreisen. Braunschweig: Waisenhaus-Buchdruckerei und Verlag 1954.
* Friedrich Dennert: Goethe und der Harz. 2. Aufl. Quedlinburg: Hermann Schwanecke 1927.
* Goethe und seine Welt. Hrsg. von Hans Wahl und Anton Kippenberg. Leipzig: Insel-Verlag 1932.

Weitere Zeichnungen aus dem Harz von Kraus sind abgebildet in dem Sammelband: Goethe und der Brocken. Reprint der Ausgabe von 1928. Paderborn: Salzwasser Verlag o.J. ISBN 978-3-84600-535-4

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Über den Granit

In einer Reihe von Aufzeichnungen, darunter "Geognostisches Tagebuch der dritten Harzreise" (Sämtliche Werke, Münchner Ausgabe, Bd. 2.2, S. 490 ff.), hat Goethe seine geologischen und mineralogischen Beobachtungen festgehalten (vgl. Dennert: Ergebnisse der Harzreisen, S. 130 ff.). Aus den mineralogischen Erkenntnissen speisen sich insbesondere Goethes Studien zum Granit. Diese regten den Dichter auch zu Plänen für einen "Großen Roman des Weltalls" zur Erdentwicklung an. In diesen Zusammenhang gehört die folgende Ausarbeitung:

Jeder Weg in unbekannte Gebürge bestätigte die alte Erfahrung, dass das Höchste und das Tiefste Granit sei, dass diese Steinart, die man nun näher kennen und von andern unterscheiden lernte, die Grundfeste unserer Erde sei, worauf sich alle übrigen mannigfaltigen Gebürge hinauf gebildet. In den innersten Eingeweiden der Erde ruht sie unerschüttert, ihre hohe Rücken steigen empor, deren Gipfel nie das alles umgebende Wasser erreichte. So viel wissen wir von diesem Gesteine und wenig mehr. Aus bekannten Bestandteilen auf eine geheimnisreiche Weise zusammengesetzt, erlaubt es eben so wenig, seinen Ursprung aus Feuer wie aus Wasser herzuleiten. Höchst mannigfaltig in der größten Einfalt, wechselt seine Mischung ins Unzählige ab. Die Lage und das Verhältnis seiner Teile, seine Dauer, seine Farbe ändert sich mit jedem Gebürge und die Massen eines jeden Gebürges sind oft von Schritt zu Schritte wieder in sich unterschieden, und im ganzen doch wieder immer einander gleich. Und so wird jeder, der den Reiz kennt, den natürliche Geheimnisse für den Menschen haben, sich nicht wundern, dass ich den Kreis der Beobachtungen, den ich sonst betreten, verlassen und mich mit einer recht leidenschaftlichen Neigung in diesen gewandt habe. Ich fürchte den Vorwurf nicht, dass es ein Geist des Widerspruches sein müsse, der mich von Betrachtung und Schilderung des menschlichen Herzens, des jüngsten, mannigfaltigsten, beweglichsten, veränderlichsten, erschütterlichsten Teiles der Schöpfung, zu der Beobachtung des ältesten, festesten, tiefsten, unerschütterlichsten Sohnes der Natur geführt hat. Denn man wird mir gerne zugeben, dass alle natürlichen Dinge in einem genauen Zusammenhange stehen, dass der forschende Geist sich nicht gerne von etwas Erreichbarem ausschließen lässt. Ja man gönne mir, der ich durch die Abwechselungen der menschlichen Gesinnungen, durch die schnellen Bewegungen derselben in mir selbst und in andern manches gelitten habe und leide, die erhabene Ruhe, die jene einsame stumme Nähe der großen leise sprechenden Natur gewährt, und wer davon eine Ahndung hat, folge mir.

Mit diesen Gesinnungen nähere ich mich euch, ihr ältesten, würdigsten Denkmäler der Zeit. Auf einem hohen nackten Gipfel sitzend und eine weite Gegend überschauend, kann ich mir sagen: Hier ruhst du unmittelbar auf einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinreicht, keine neuere Schicht, keine aufgehäufte, zusammengeschwemmte Trümmer haben sich zwischen dich und den festen Boden der Umwelt gelegt, du gehst nicht wie in jenen fruchtbaren schönen Tälern über ein anhaltendes Grab, diese Gipfel haben nichts Lebendiges erzeugt und nichts Lebendiges verschlungen, sie sind vor allem Leben und über alles Leben. In diesem Augenblicke, da die innern anziehenden und bewegenden Kräfte der Erde gleichsam unmittelbar auf mich wirken, da die Einflüsse des Himmels mich näher umschweben, werde ich zu höheren Betrachtungen der Natur hinauf gestimmt, und wie der Menschengeist alles belebt, so wird auch ein Gleichnis in mir rege, dessen Erhabenheit ich nicht widerstehen kann. So einsam, sage ich nur mir selber, indem ich diesen ganz nackten Gipfel hinab sehe und kaum in der Ferne am Fuße ein geringwachsendes Moos erblicke, so einsam, sage ich, wird es dem Menschen zu Mute, der nur den ältesten, tiefsten Gefühlen der Wahrheit seine Seele eröffnen will. Ja er kann zu sich sagen: hier auf dem ältesten ewigen Altare, der unmittelbar auf die Tiefe der Schöpfung gebaut ist, bringe ich dem Wesen aller Wesen ein Opfer. Ich fühle die ersten festesten Anfänge unsers Daseins, ich überschaue die Welt, ihre schrofferen und gelinderen Täler und ihre fernen fruchtbaren Weiden, meine Seele wird über sich selbst und über alles erhaben und sehnt sich nach dem nähern Himmel. Aber bald ruft die brennende Sonne, Durst und Hunger seine menschlichen Bedürfnisse zurück. Er sieht sich nach jenen Tälern um, über die sich sein Geist schon hinaus schwang, er beneidet die Bewohner jener fruchtbaren, quellreichen Ebnen, die auf dem Schutte und Trümmern von Irrtümern und Meinungen, ihre glücklichen Wohnungen aufgeschlagen haben, den Staub ihrer Voreltern aufkratzen und das geringe Bedürfnis ihrer Tage in einem engen Kreise ruhig befriedigen. Vorbereitet durch diese Gedanken, dringt die Seele in die vergangene Jahrhunderte hinauf, sie vergegenwärtigt sich alle Erfahrungen sorgfältiger Beobachter, alle Vermutungen feuriger Geister. Die Klippe, sage ich zu mir selber, stand schroffer, zackiger, höher in die Wolken, da dieser Gipfel, noch als eine meerumflossne Insel, in den alten Wassern dastand; um sie sauste der Geist, der über den Wogen brütete, und in ihrem weiten Schoße die höheren Berge aus den Trümmern des Urgebürges und aus ihren Trümmern und Resten der eigenen Bewohner die späteren und ferneren Berge sich bildeten. Schon fängt das Moos zuerst sich zu erzeugen an, schon bewegen sich seltner die schaligen Bewohner des Meeres, es senkt sich das Wasser, die höheren Berge werden grün, es fängt alles an von Leben zu wimmeln --

Quelle:
Johann Wolfgang Goethe. Münchner Ausgabe. Bd. 2.2. München: Hanser 1987. Granit II, S. 503-507. Hier S. 504-506, Kommentar S. 892. Zeichensetzung dem heutigen Stand angeglichen.

Literaturhinweis:
* Otto Krätz: Goethe und die Naturwissenschaften. 2. korrigierte Auflage. München: Callwey 1998.
* Georg Schwedt: Goethe als Chemiker. Berlin: Springer-Verlag 1998, S. 54-56. ISBN 3-540-64354-0

Weblink:
Eintrag zu Goethes Abhandlung "Über den Granit" in Wikipedia.

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Goethes Eintrag in das Brocken-Stammbuch

Goethes und Georg Melchior Kraus' Eintrag ins Brocken-Stammbuch, 4. September 1784

Goethes und Kraus' Eintrag ins Brocken-Stammbuch
4. September 1784

Quelle:
Goethe und seine Welt. Hrsg. von Hans Wahl und Anton Kippenberg. Leipzig: Insel-Verlag 1932, S. 95.

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Goethes Eintrag ins Brocken-Stammbuch zitiert einen Spruch von Marcus Manilius (Astronomica 2, 115f.):

Quis coelum posset nisi coeli munere nosse
Et reperire Deum nisi qui pars ipse Deorum est.

Heinrich Proehles Übersetzung (Dennert, S. 82f. Anm. 2):

Wer kennt anders den Himmel, als durch die Gabe des Himmels,
Und wer findet den Gott, der Teil nicht hat an den Göttern?

Goethes hier geäußerte Überzeugung, dass Gleiches nur von Gleichem erkannt werden kann, geht auf das Studium des Philosophen Plotin zurück, dessen Worte Goethe nachbildet: "Neque vero oculus unquam videret solem, nisi factus solaris esset." Die folgenden, berühmten Zeilen - zuweilen unrichtig als Übertragung des obigen Stammbucheintrags angesehen - hat Goethe 1805 notiert, später in der Einleitung zur "Farbenlehre" zitiert und in die "Zahmen Xenien" aufgenommen:

Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?

In der Fassung der "Zahmen Xenien" (1827) lauten die Verse:

Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt' es nie erblicken;
Läg' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?

Literaturhinweise:
* Friedrich Dennert: Goethe und der Harz. 2. Aufl. Quedlinburg: Hermann Schwanecke 1927.
* Goethe und der Brocken. Reprint der Ausgabe von 1928. Paderborn: Salzwasser Verlag o.J. ISBN 978-3-84600-535-4
* Werner Keller: Variationen zum Thema: "Wär' nicht das Auge sonnenhaft ...". In: Prägnanter Moment. Studien zur deutschen Literatur der Aufklärung und Klassik. Hrsg. von Peter-André Alt. Würzburg: Königshausen & Neumann 2002, S. 439-460. ISBN 3-8260-2311-0

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Walther von Goethe, Pastell von Luise Seidler, 1824

Walther von Goethe
Pastell von Luise Seidler, 1824
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Quelle:
Goethe und seine Welt. Hrsg. von Hans Wahl und Anton Kippenberg. Leipzig: Insel-Verlag 1932, S. 231. Kommentar S. 301.

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Den frischen Ankömmling
[Walther] Wolfgang von Goethe
begrüßt belehrt und verbündet eine Gesellschaft Mineralogen
den 21. April 1818, Jena

1. Singen sie Blumen der kindlichen Ruh,
Käfer und Vögel und Tierchen dazu;
Aber du wachest, wir treten herein,
Bringen was Ruhiges, bringen den Stein.

2. Steinchen, die bunten, ein lustiges Spiel!
Was man auch würfe und wie es auch fiel'!
Kindischen Händchen entschnickt sich so fein
Knöchlein und Bohnen und Edelgestein.

3. Knabe, du siehest nun Steine behaun,
Ordnend sich fügen, zu Häusern sich baun
Wohl! du verwunderst dich, stimmest mit ein:
Das ist wahrhaftig ein nützlicher Stein!

4. Spielst du mit Schussern, das Kügelchen rollt,
Dreht sich zur Grube so wie du gewollt,
Läufest begierig auch hinter ihm drein,
Das ist fürwahr wohl ein lustiger Stein!

5. Steinchen um Steinchen verzettelt die Welt,
Wissende haben's zusammen gestellt;
Trittst du begierig zu Sälen herein,
Siehst du zuerst nicht den Stein vor dem Stein.

6. Doch unterscheidest und merkest genau:
Dieser ist rot, und ein andrer ist blau,
Einer, der klärste, von Farben so rein,
Farbig erbltzet der edelste Stein.

7. Aber die Säulchen, wer schliff sie so glatt,
Spitzte sie, schärfte sie glänzend und matt?
Schau in die Klüfte des Berges hinein:
Ruhig entwickelt sich Stein aus Gestein.

8. Ewig natürlich bewegende Kraft
Göttlich gesetzlich entbindet und schafft;
Trennendes Leben, im Leben Verein,
Oben die Geister und unten der Stein.

9. Nun! Wie es Vater und Ahn dir erprobt,
Gott und Natur und das All ist gelobt!
Komme! Der Stiftende führet dich ein
Unserem Ringe willkommener Stein!

Goethe hat das Gedicht zur Taufe seines am 9. April geborenen ersten Enkels Walther Wolfgang als "Privatscherz" geschrieben und ihm wahrscheinlich einen Stein als Geschenk mitgebracht. "Für den Knaben sind 'Steinchen' zunächst nur ein 'lustiges Spiel' (Str. 2), für den Knaben tritt neben das Spiel bereits die Beobachtung des Nutzens (Str. 3 und 4). Die Strophen 5 bis 8 handeln von dem 'wissenden' Umgang des Erwachsenen mit Steinen: von der Beobachtung der Farben und Formen, schließlich der gesetzlich geordneten und gotterfüllten Natur überhaupt." (Münchner Ausgabe, Bd. 11.1.1, Kommentar S. 556.)

In Strophe 8 formuliert Goethe in knappster Form grundlegende Ideen seiner Naturanschauung:
* "Trennendes Leben, im Leben Verein": Dazu vgl. "Farbenlehre" (§ 739): "Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur; dies ist die ewige Systole und Diastole, die ewige Synkrisis und Diakrisis, das Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir leben, weben und sind" (Münchner Ausgabe, Bd. 11.1.1., Kommentar S. 556.)
* "Oben die Geister und unten der Stein": Der Vers "bezeichnet den polaren Gegensatz des Unsichtbaren, Lebenden, Beweglichen zum Greifbaren, Toten und Starren. In einem seiner Mittwochsvorträge hatte ihn Goethe 1806 die dynamisch-atomische Polarität genannt; das Wirkende, Unsichtbare bilde einen Gegensatz zum Duldenden, Sichtbaren; das Gegensätzliche wirke aber auf einender ein." (Herrmann, S. 180)

Quellen:
Goethe, Münchner Ausgabe, Bd. 11.1.1, 2006, S. 201f., Kommentar S. 555f. Dazu Walther Herrmann: Goethe und Trebra. Freundschaft und Austausch zwischen Weimar und Freiberg (Freiberger Forschungshefte. Kultur und Technik D 9) Berlin: Akademie-Verlag 1955. Text S. 179f., Erläuterungen S. 180f.

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Die Sagen über den Hexensabbat auf dem Brocken haben Goethe zur Walpurgisnacht im "Faust" inspiriert. Umgekehrt lassen sich die bildlichen Darstellungen des Hexensabbats von Goethes Dichtung anregen; zuweilen finden sich sogar die Figuren von Faust und Mephisto auf den Bildern.

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