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Intermedialität und Synästhesie in der Literatur der Romantik

Weitere ausgewählte Textstellen

 

Macht mir doch die Natur des Gewissens begreiflich

Die vorliegende Textstelle zeigt die Auseinandersetzung Novalis' mit der Sinneswahrnehmung.

Heinrich befindet sich im 2. Teil "Die Erfüllung" in einem Gespräch mit dem Arzt Sylvester:

"Mach mir doch die Natur des Gewissens begreiflich." "Wenn ich das könnte, so wäre ich Gott, denn indem man das Gewissen begreift, entsteht es. Könnt Ihr mir das Wesen der Dichtkunst begreiflich machen?" "Etwas Persönliches läßt sich nicht bestimmt abfragen." "Wie viel weniger also das Geheimnis der höchsten Unteilbarkeit. Läßt sich Musik einem Tauben erklären?" "Also wäre der Sinn ein Anteil an der neuen durch Ihn eröffneten Welt selbst? Man verstände die Sache nur, wenn man sie hätte?" "Das Weltall zerfällt in unendliche, immer von größeren Welten wieder befaßte Welten. Alle Sinne sind am Ende Ein Sinn. Ein Sinn führt wie eine Welt allmählich zu allen Welten. Aber alles hat seine Zeit und seine Weise. Nur die Person des Weltalls vermag das Verhältnis unsrer Welt einzusehen. Es ist schwer zu sagen, ob wir innerhalb der sinnlichen Schranken unsers Körpers wirklich unsre Welt mit neuen Welten, unsre Sinne mit neuen Sinnen vermehren können, oder ob jeder Zuwachs unsrer Erkenntnis, jede neu erworbne Fähigkeit nur zur Ausbildung unsers gegenwärtigen Weltsinns zu rechnen ist."

[...]. "Allerdings ist das Gewissen", sagte Sylvester, "der eingeborne Mittler jedes Menschen. Es vertritt die Stelle eines Gottes auf Erden, und ist daher so vielen das Höchste und Letzte. Aber wie entfernt war die bisherige Wissenschaft, die man Tugend- oder Sittenlehre nannte, von der reinen Gestalt dieses erhabenen, weitumfassenden persönlichen Gedankens. Das Gewissen ist der Menschen eigenstes Wesen in voller Verklärung, der himmlische Urmensch. Es ist nicht dies und jedes, es gebietet nicht in allgemeinen Sprüchen, es besteht nicht aus einzelnen Tugenden. Es gibt nur Eine Tugend, - den reinen, ernsten Willen, der im Augenblick der Entscheidung unmittelbar sich entschließt und wählt. In lebendiger, eigentümlicher Unteilbarkeit bewohnt es und beseelt es das zährtliche Sinnbild des menschlichen Körpers, und vermag alle geistigen Gliedmaßen in die wahrhafteste Tätigkeit zu versetzen."

Heinrich von Ofterdingen S.170 -173

 

 


Martin Schneider: Sinneshierarchie: "Heinrich von Ofterdingen". 06.11.2002.

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