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Die Weimarer Klassik

>> ARISTOTELISCHE FORDERUNGEN AN DAS DRAMA

Das Ideal der Humanität, die schöne Seele – alles gut und schön, aber dass solch ein Inhalt wirken kann, braucht es eben auch die Form. Und dafür wenden wir uns Griechenland diesmal weniger mit der Seele, sondern ganz konkret zu. Unser Blick fällt auf einen sehr alten Griechen, einen, der nach über 2000 Jahren immer noch verehrt wird, dessen Schriften immer noch gelesen werden – Aristoteles. Was aber hat der Philosoph mit Dichtung zu tun? Aristoteles hatte klare Vorstellungen, wie Lyrisches, Episches und Dramatisches auszusehen haben und all dies hat er in einem kleinen Büchlein, seiner Poetik, festgehalten. Für das Drama schreibt er: „Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat.“

Eigentlich klar! Aber Aristoteles fand das eben doch erwähnenswert, schließlich gab es auch Dichter, die diesen Grundsatz nicht beherzigten. Goethes Iphigenie ist jedenfalls ein Vorzeigebeispiel für das, was man die geschlossene Form nennt und damit wäre Goethe bei Aristoteles in dieser Hinsicht schon mal gut weggekommen. Wenn Iphigenie, die zu Beginn des Schauspiels so herzzerreißend über ihr Heimweh klagt und am Ende dann tatsächlich nach Hause zurückkehren darf, dann ist das doch eine wunderbare Auflösung des Stücks, ein wirkliches Ende, das aus dem Anfang folgt. Aber Aristoteles will mehr. Er will, dass es für das dramatische Geschehen nicht länger als einen Sonnenumlauf braucht und dass sich der Dichter auf eine Haupthandlung beschränkt und Nebensächliches weglässt. Später kam noch hinzu, dass das Geschehen an einem Ort spielen soll, damit dem Zuschauer keine gedanklichen Sprünge von dem einen zu einem anderen Schauplatz abverlangt werden.

Aus diesen Forderungen wurde das Schlagwort von den drei Einheiten – die Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung. Und auch daran hält sich Goethe ziemlich genau. Und noch etwas. Und das kann man gut nachvollziehen, stellt man sich einen griechischen Tempel vor.

 

 

 

Ein antiker Tempelbau ist zwar groß und monumental, aber für das menschliche Auge fassbar. Es ist das rechte Maß, das die Schönheit dieser Architektur ausmacht und dies lässt sich in zweierlei Hinsicht auf das Drama Iphigenie auf Tauris übertragen. Zum einen bleibt das Stück, was seine Länge, seine Ausdehnung angeht, fassbar. Zum anderen folgt es einer Symmetrie, die der Frontseite eines griechischen Tempels vergleichbar ist. Wenn sich die Geschwister Iphigenie und Orest wiedererkennen, ist die Spitze des Spannungsbogens erreicht.

 

Wiedererkennung zwischen Iphigenie und Orest; die Erinyen (Rachegöttinnen) im Hintergrund

 

Um diese Spitze herum lagern sich – symmetrisch aufeinander bezogen – Anfang und Ende, also 1. und letzter Aufzug. Und auch der 2. sowie der 4. Aufzug hängen eng zusammen. Im 2. Aufzug entspinnt sich der Konflikt, als Thoas die Wiedereinführung eines alten Ritus, nämlich die Opferung aller Fremden, die auf Tauris anlanden, fordert. Im 4. Aufzug wird es für Iphigenie dann doppelt schrecklich. Natürlich lehnt sie Menschenopfer grundsätzlich ab – Stichwort Humanität. Was das Ganze unerträglich macht, ist, dass es sich bei dem Fremden um den Bruder Orest handelt. Es ist also auch der symmetrische Aufbau, der dem Drama Klassizität verleiht.

 

Der hohe Stil der Rede

Die Antike und kein Ende – dies müsste als Schlagwort also unbedingt über der Weimarer Klassik stehen. Und so kehren wir noch einmal zurück ins schöne Italien und schauen Goethe über die Schulter, wenn er seiner Iphigenie und all den anderen eine Stimme gibt. Iphigenie und Orest, Kinder des großen Königs Agamemnon, Thoas, Alleinherrscher auf Tauris – das ist absolute Upperclass, die natürlich auch angemessen sprechen muss. Und was würde sich besser eignen als der Vers. Goethe legt seinen Figuren den Blankvers, einen fünfhebigen Jambus, in den Mund und verleiht seinen Figuren damit den hohen Stil der Rede.

 

Orest gesteht Iphigenie, wer er ist:

Ich kann nicht leiden, daß du große Seele
Mit einem falschen Wort betrogen werdest.
Ein lügenhaft Gewebe knüpf ein Fremder
Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt,
Zur Falle vor die Füße; zwischen uns
Sei Wahrheit!
Ich bin Orest! und dieses schuld'ge Haupt
Senkt nach der Grube sich und sucht den Tod;
In jeglicher Gestalt sei er willkommen!
Wer du auch seist, so wünsch ich Rettung dir
Und meinem Freunde; mir wünsch ich sie nicht.
Du scheinst hier wider Willen zu verweilen;
Erfindet Rat zur Flucht und laßt mich hier.
Es stürze mein entseelter Leib vom Fels,
Es rauche bis zum Meer hinab mein Blut
Und bringe Fluch dem Ufer der Barbaren!
Geht ihr, daheim im schönen Griechenland
Ein neues Leben freundlich anzufangen!


Mit der Iphigenie auf Tauris hat Goethe ein Musterdrama für die Epoche der Weimarer Klassik geschaffen und so kann er sich endlich auf's Sofa legen, die Beine in die Luft strecken und glücklich ausrufen: „Auch ich in Arkadien!

 

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