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Heinrich Theodor Fontane

Kurzbiografie

Heinrich Theodor Fontane (*30. Dezember 1819 in Neuruppin – †20. September 1898 in Berlin) verbrachte seine Kindheit bis zu seinem siebenten Lebensjahr im brandenburgischen Neuruppin, wo der Vater Louis Henri Fontane (1796-1867) die Löwenapotheke leitete. Nachdem dieser aufgrund von Spielschulden den Betrieb aufgeben musste, zog die Familie nach Swinemünde. Dort besuchte Fontane erst die Stadtschule und erhielt durch den Vater und einen Hauslehrer Unterricht. Ab 1832 besuchte Fontane das Gymnasium Neuruppin und im Anschluss eine Gewerbeschule in Berlin, deren Ausbildung er jedoch 1836 vorzeitig mit dem „Einjährigen“-Zeugnis abbrach, um Apotheker zu werden. Seine Gesellenjahre in Burg, Leipzig, Dresden und Letschin wurden immer wieder von einer Typhuserkrankung unterbrochen. 1839 veröffentlichte er die erste Novelle „Geschwisterliebe“ und verfasste mehrere Gedichte. Durch den Schriftsteller und lebenslangen Freund Fontanes Bernhard von Lepel (1818-1885) wurde er 1843 in die Berliner literarische Gesellschaft „Tunnel über der Spree“ eingeführt, wo er von 1844 bis 1865 Mitglied wurde. Im März 1847 erhielt Fontane – nach seinem geleisteten Militärdienst, einer Reise nach England und der Verlobung mit Emilie Rouanet-Kummer (1824-1902) – seine Approbation als „Apotheker erster Klasse“. Fontane nahm 1848 an den Straßenkämpfen in Berlin teil und wurde bei den preußischen Landtagswahlen als Wahlmann aufgestellt. Nach einer Anstellung im Krankenhaus Bethanien als pharmazeutischer Ausbilder entschloss er sich 1849 den Apothekerberuf vollends aufzugeben und sich ausschließlich der Schriftstellerei zu widmen. 1850 veröffentlichte er sein erstes Buch „Männer und Helden. Acht Preußenlieder“. Es folgten die Eheschließung mit Emilie und der Umzug nach Berlin. 1851 erhielt Fontane eine Anstellung bei der „Centralstelle für Preßangelegenheiten“, in deren Auftrag er mehrere Jahre in London verbrachte und sich nach seiner Rückkehr der Reiseliteratur widmete. Ab 1860 arbeitete er in der Redaktion der „Neuen Preußischen (Kreuz-) Zeitung“, die ihn das kommende Jahrzehnt beschäftigte. Danach fungierte er als Theaterkritiker für das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Bei einem Urlaub in Paris 1870 verhaftete man Fontane unter Spionageverdacht. Auf Drängen Bismarcks wurde der Schriftsteller nach zwei Monaten Kriegsgefangenschaft wieder freigelassen. Bereits 1871 erschien sein Buch „Kriegsgefangen. Erlebtes 1870“. Gemeinsam mit seiner Frau reiste er zwischen 1874 und 1876 mehrfach in die Schweiz, nach Österreich und Italien. Zu den italienischen Stationen zählten unter anderem Verona, Venedig, Florenz, Rom, Neapel, Pompeji, Mailand und Bologna. Impressionen und Erinnerungen hielt der Dichter in zahlreichen Briefen und den später entstandenen „Italien-Reminiszenzen des alten Fontane“ fest. Im Anschluss an die Reisen arbeitete er – nach einer kurzen, ernüchternden Anstellung als ständiger Sekretär an der Akademie der Künste in Berlin – weiter als freier Autor. Es folgten zahlreiche Schriften, unter anderem die Romane „Irrungen, Wirrungen“ (1888) und „Effi Briest“ (1894/95) und die Autobiografie „Von Zwanzig bis Dreißig“ (1898). Der wohl bedeutendste deutschsprachige Vertreter des poetischen Realismus verfasste über 250 Gedichte, Balladen und Sprüche. Am 20. September 1898 verstarb Fontane an einer Gehirnischämie in Berlin.

Katharina Junk





[78]   

DER MARKUSLÖWE

Venedig schläft; doch schlummerscheu
Wacht der geflügelte Markusleu,
Er wacht und von der Lagune zum Meer
Wandert sein Auge hin und her.

Und wie er starr in die Ferne schaut,
Da wird’s in der Piazetta laut,
Das Wasser steigt, und Well’ auf Well’
Umplätschert des Löwen Fußgestell.

Der Wogen eine züngelt empor
Und raunt dem ehernen Wächter ins Ohr:
„Was blickst du starr in die See hinaus,
Dieweil Verderben im eigenen Haus?

Als ich am Palaste vorübergerauscht,
Hab’ ich den grauen Falieri belauscht;
Bedroht ist die Freiheit, bedroht ist der Staat,
Im Herzen des Dogen brütet Verrat.

Was suchst du den Feind auf der Adria?
Falieri heißt er, nicht Doria;
Nach Kron’ und Zepter trachtet sein Sinn
Leu, rette die Meereskönigin!“

Da springt mit einem gewaltigen Satz,
Der Löwe hinab auf den Markusplatz; –
Schon huscht der Verrat durch die Straßen scheu,
Da hält am Markusturme der Leu.

Mit seiner Tatze zerschlägt er das Tor,
Er fliegt die steinernen Treppen empor,
Umklammert die Glocke hoch oben im Turm
Und der Markuslöwe läutet Sturm.

Wie wenn er die Toten wecken will,
Mischt er dem Donner sein eigen Gebrüll; –
Venedig ist wach, entdeckt der Verrat,
Gefangen Falieri, gerettet der Staat.

Auf seine Säule rastet aufs neu’
Venedigs Wächter – der Markusleu;
Den Dogen findet das Morgenrot
Auf dem Schafotte blutig und tot.



Quelle:
Allerlei Gereimtes von Theodor Fontane. Hrsg. von Wolfgang Rost. Dresden 1932.

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[123]

WELCHES VON BEIDEN

Rom im Siebenhügelkranz,
Cremmen, Schwante, Vehlefanz,
Nemi-See, Genzano-Sträußchen,
Stralau, Treptow, Eierhäuschen,
Blick aufs Forum, Ara Celi,
Tasse Kaffee bei Stehely,
Lockt auch Fremde, Schönheit, Pracht,
Glücklicher hat mich die Heimat gemacht.



Quelle:
Deutsche Dichtung. Hrsg. von Karl Emil Franzos. 7. Band, Berlin, Oktober 1889 – März 1890.

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