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Goethes Italienische Reise

Jutta Assel | Georg Jäger

Der Vesuv
Ansichten und Texte

Stand: August 2010
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Hubert Sattler (1817-1904), Vulkanausbruch, Vesuv (Italien), 1872

Öl auf Leinwand, Ausschnitt. Salzburg Museum, URL: http://www.smca.at/presse/press_formular.php?pmid=132.
– Vesuvbesucher: Ein Paar mit Führer und Trage für die Frau.

 


Ausgehend von den Vesuvbesteigungen Goethes auf seiner Italienreise 1787 vereinigt die Seite alte Ansichten mit Erlebnisbeschreibungen und Beobachtungen des Vulkans. Die Texte sind chronologisch geordnet; vorangestellt ist ein Lexikonartikel aus dem Ende der Goethezeit.

 



Vesuv (der), ein feuerspeiender Berg im Königreiche Sicilien diesseit der Meerenge und 21/2 Stunden südöstl. von der Hauptstadt Neapel gelegen, erhebt sich kegelförmig bis 3636 F. aus der Ebene und hat an seinem Fuße einen Umfang von etwa fünf Meilen.


Im Alterthume war er zweispitzig und scheint vor dem bekannten ältesten Ausbruche im J. 79 n. Chr. als Vulkan nicht thätig gewesen zu sein. Bei dem damaligen Ausbruche erlitt aber die ganze Küstengegend in seiner Nähe eine Umgestaltung, Herculanum, Pompeji und Stabiä wurden verschüttet und der zu Schiffe den Vorgang beobachtende Plinius der Ältere kam dabei um. Unter den spätern Ausbrüchen waren wichtig die in den Jahren 203, 472, 512, 685, 993, 1036, 1306, 1631, 1730, bei welchem der Gipfel an Höhe bedeutend zunahm, von 1766, 1779, 1794, wo der Gipfel wesentlich zusammensank und das Städtchen Torre del Greco fast gänzlich zerstört wurde. Im 19. Jahrh. war der Berg fortwährend sehr unruhig und besonders heftige Ausbrüche fanden statt 1804, 1813, 1820, wo sich am 11. Apr. ein neuer Krater von 400 F. im Umkreise bildete, aus welchem sich in einer Nacht zwei Kegel von 70 und 50 F. Höhe erhoben, 1822, wo der Aschenregen am 24. Oct. die Tageshelle in Neapel trübte und 105 ital. Meilen weit flog, ein 12 F. hoher Lavastrom aber eine ital. Meile weit vordrang, 1833, 1834 und 1835.

Die Gegenden am Fuße des Berges sind mit Ortschaften, Landhäusern, Obst- und Weinpflanzungen und Gärten bedeckt und hier allein wächst der unter dem Namen Lacrymä Christi berühmte Wein; einzelne Gärten und Pflanzungen erstrecken sich auch zum Theil zwischen noch heißen Lavaströmen die Seiten des Berges hinan, die außerdem kahl und oben sehr steil sind. Auf den Gipfel fühern drei Wege, von welchen der über Resina der gewöhnliche ist und eine weite, mit Asche und Lava bedeckte Vertiefung trennt denselben von dem südl. Monte Somma.

Der hier abgebildete Krater hat 1/4 M. im Umfange und bildet einen von zahllosen Spalten und Rissen durchfurchten Kessel, aus denen überall Schwefeldämpfe aufsteigen, welche alle Gegenstände mit einem rothen, gelben und grünen Schwefelüberzug bedecken. Übrigens verändert der Krater oft seine Form und hat bald nur einen, gewöhnlich mit einem Haufen glühender Asche umgebenen Schlund (ital. Bocca), bald mehre. Im Krater ist 1818 eine Quelle entdeckt worden, welche heilkräftige Eigenschaften besitzt. Auch für gewöhnlich wirft der Berg von Zeit zu Zeit unter heftigem Donner Rauch- und Feuersäulen und glühende Steine aus, heftigere Ausbrüche aber sowie Lavaergüsse erfolgen meist aus seitwärts sich bildenden neuen Spalten seiner Oberfläche.

1. Auflage Leipzig: F. A. Brockhaus 1837 - 1841. Neusatz und Faksimile (Digitale Bibliothek; 146) Berlin: Directmedia 2006, S. 15.998-16.000.


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Napoli. Panorama dal S. Martino. G. Sommer - Napoli. 5267. Altes Foto.

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Oben:
Napoli - Panorama dalla Tomba di Virgilio. Verso: 5 Ragozino - Art Store - Galleria Umberto I. - Naples. Nicht gelaufen.
Unten:
Vesuvio dalla Tomba di Virgilio. Signet: TCR im Zahnrad. Verso: N.P.G. Signet wie auf Vorderseite. Diffida - Le nostre edizioni sono depositaté. È vietata ogni qualsiasi riproduzione. Cartolina Postale. Nicht gelaufen. Handschriftlich: 08.


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Oben:
Napoli - Castello dell'Ovo con vista del Vesuvio. Signatur: F[rancesco] Coppola[-Castaldo]. Verso. Signet: ASM [A. Scrocchi - Milano - Roma] 2799-9. Proprietà Artistica riservata. Gelaufen. Poststempel unleserlich.
Unten:
[Ohne Titel.] Verso: Napoli - Il Porto. Pittore G. Carelli. Signet: ASM. Stilisierter Baum, im Stamm eingeschrieben: A. Scrocchi - Milano - Roma. 4374-3. Im Briefmarkenfeld: Produzione Italiana. Nicht gelaufen. – Giuseppe Carelli (1859, Todesdatum nicht ermittelt), Landschafts- und Marinemaler, "bereiste ganz Italien und malte die Schönheit seines Heimatlandes mit glühendem Kolorit". (Thieme-Becker, Bd.5, S.592)


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[Ohne Titel.] Verso: Napoli - Il Vesuvio in eruzione. D. Trampetti - Napoli. Im Briefmarkenfeld: "Astro". Edizioni d'Arte. Stampata in Italia. Nicht gelaufen.


Goethes Reiseführer

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J[ohann] J[acob] Volkmann: Historisch-kritische Nachrichten von Italien, welche eine Beschreibung dieses Landes, der Sitten, Regierungsform, Handlung, des Zustandes der Wissenschaften und insonderheit der Werke der Kunst enthalten. Dritter und letzter Band. Zweyte viel vermehrte und durchgehend verbesserte Auflage. Leipzig, bei Caspar Fritsch, 1778, S. 341-367. (Digitalisierung durch Google)




Goethes erste Vesuvbesteigung

Den 2. März bestieg ich den Vesuv, obgleich bei trübem Wetter und umwölktem Gipfel. Fahrend gelangt' ich nach Resina, sodann auf einem Maultiere den Berg zwischen Weingärten hinauf; nun zu Fuß über die Lava vom Jahre Einundsiebenzig, die schon feines, aber festes Moos auf sich erzeugt hatte; dann an der Seite der Lava her. Die Hütte des Einsiedlers blieb mir links auf der Höhe. Ferner den Aschenberg hinauf, welches eine sauere Arbeit ist. Zwei Dritteile dieses Gipfels waren mit Wolken bedeckt. Endlich erreichten wir den alten, nun ausgefüllten Krater, fanden die neuen Laven von zwei Monaten vierzehn Tagen, ja, eine schwache von fünf Tagen schon erkaltet. Wir stiegen über sie an einem erst aufgeworfenen vulkanischen Hügel hinauf, er dampfte aus allen Enden. Der Rauch zog von uns weg, und ich wollte nach dem Krater gehn. Wir waren ungefähr funfzig Schritte in den Dampf hinein, als er so stark wurde, daß ich kaum meine Schuhe sehen konnte. Das Schnupftuch vorgehalten half nichts, der Führer war mir auch verschwunden, die Tritte auf den ausgeworfenen Lavabröckchen unsicher, ich fand für gut, umzukehren und mir den gewünschten Anblick auf einen heitern Tag und verminderten Rauch zu sparen. Indes weiß ich doch auch, wie schlecht es sich in solcher Atmosphäre Atem holt.

Übrigens war der Berg ganz still. Weder Flamme, noch Brausen, noch Steinwurf, wie er doch die ganze Zeit her trieb. Ich habe ihn nun rekognosziert, um ihn förmlich, sobald das Wetter gut werden will, zu belagern.

Die Laven, die ich fand, waren mir meist bekannte Gegenstände. Ein Phänomen hab' ich aber entdeckt, das mir sehr merkwürdig schien und das ich näher untersuchen, nach welchem ich mich bei Kennern und Sammlern erkundigen will. Es ist eine tropfsteinförmige Bekleidung einer vulkanischen Esse, die ehemals zugewölbt war, jetzt aber aufgeschlagen ist und aus dem alten, nun ausgefüllten Krater herausragt. Dieses feste, grauliche, tropfsteinförmige Gestein scheint mir durch Sublimation der allerfeinsten vulkanischen Ausdünstungen ohne Mitwirkung von Feuchtigkeit und ohne Schmelzung gebildet worden zu sein; es gibt zu weitern Gedanken Gelegenheit.

Goethe: Italienische Reise. Neapel, 2. März 1787. Auszug.




Goethes zweite Vesuvbesteigung

Obgleich ungern, doch aus treuer Geselligkeit, begleitete Tischbein mich heute auf den Vesuv. Ihm, dem bildenden Künstler, der sich nur immer mit den schönsten Menschen- und Tierformen beschäftigt, ja das Ungeformte selbst, Felsen und Landschaften, durch Sinn und Geschmack vermenschlicht, ihm wird eine solche furchtbare, ungestalte Aufhäufung, die sich immer wieder selbst verzehrt und allem Schönheitsgefühl den Krieg ankündigt, ganz abscheulich vorkommen.

[…]

Am Fuße des steilen Hanges empfingen uns zwei Führer, ein älterer und ein jüngerer, beides tüchtige Leute. Der erste schleppte mich, der zweite Tischbein den Berg hinauf. Sie schleppten, sage ich; denn ein solcher Führer umgürtet sich mit einem ledernen Riemen, in welchen der Reisende greift und, hinaufwärts gezogen, sich an einem Stabe auf seinen eigenen Füßen desto leichter emporhilft.

So erlangten wir die Fläche, über welcher sich der Kegelberg erhebt, gegen Norden die Trümmer der Somma.

Ein Blick westwärts über die Gegend nahm wie ein heilsames Bad alle Schmerzen der Anstrengung und alle Müdigkeit hinweg, und wir umkreisten nunmehr den immer qualmenden, Stein und Asche auswerfenden Kegelberg. Solange der Raum gestattete, in gehöriger Entfernung zu bleiben, war es ein großes, geisterhebendes Schauspiel. Erst ein gewaltsamer Donner, der aus dem tiefsten Schlunde hervortönte, sodann Steine, größere und kleinere, zu Tausenden in die Luft geschleudert, von Aschenwolken eingehüllt. Der größte Teil fiel in den Schlund zurück. Die andern, nach der Seite zu getriebenen Brocken, auf die Außenseite des Kegels niederfallend, machten ein wunderbares Geräusch: erst plumpten die schwereren und hupften mit dumpfem Getön an die Kegelseite hinab, die geringeren klapperten hinterdrein, und zuletzt rieselte die Asche nieder. Dieses alles geschah in regelmäßigen Pausen, die wir durch ein ruhiges Zählen sehr wohl abmessen konnten.

Zwischen der Somma und dem Kegelberge ward aber der Raum enge genug, schon fielen mehrere Steine um uns her und machten den Umgang unerfreulich. Tischbein fühlte sich nunmehr auf dem Berge noch verdrießlicher, da dieses Ungetüm, nicht zufrieden, häßlich zu sein, auch noch gefährlich werden wollte.

Wie aber durchaus eine gegenwärtige Gefahr etwas Reizendes hat und den Widerspruchsgeist im Menschen auffordert, ihr zu trotzen, so bedachte ich, daß es möglich sein müsse, in der Zwischenzeit von zwei Eruptionen den Kegelberg hinauf an den Schlund zu gelangen und auch in diesem Zeitraum den Rückweg zu gewinnen. Ich ratschlagte hierüber mit den Führern unter einem überhängenden Felsen der Somma, wo wir, in Sicherheit gelagert, uns an den mitgebrachten Vorräten erquickten. Der jüngere getraute sich, das Wagestück mit mir zu bestehen, unsere Hutköpfe fütterten wir mit leinenen und seidenen Tüchern, wir stellten uns bereit, die Stäbe in der Hand, ich seinen Gürtel fassend.

Noch klapperten die kleinen Steine um uns herum, noch rieselte die Asche, als der rüstige Jüngling mich schon über das glühende Gerölle hinaufriß. Hier standen wir an dem ungeheuren Rachen, dessen Rauch eine leise Luft von uns ablenkte, aber zugleich das Innere des Schlundes verhüllte, der ringsum aus tausend Ritzen dampfte. Durch einen Zwischenraum des Qualmes erblickte man hie und da geborstene Felsenwände. Der Anblick war weder unterrichtend noch erfreulich, aber eben deswegen, weil man nichts sah, verweilte man, um etwas herauszusehen. Das ruhige Zählen war versäumt, wir standen auf einem scharfen Rande vor dem ungeheuern Abgrund. Auf einmal erscholl der Donner, die furchtbare Ladung flog an uns vorbei, wir duckten uns unwillkürlich, als wenn uns das vor den niederstürzenden Massen gerettet hätte; die kleineren Steine klapperten schon, und wir, ohne zu bedenken, daß wir abermals eine Pause vor uns hatten, froh, die Gefahr überstanden zu haben, kamen mit der noch rieselnden Asche am Fuße des Kegels an, Hüte und Schultern genugsam eingeäschert.

Von Tischbein aufs freundlichste empfangen, gescholten und erquickt, konnte ich nun den älteren und neueren Laven eine besondere Aufmerksamkeit widmen. Der betagte Führer wußte genau die Jahrgänge zu bezeichnen. Ältere waren schon mit Asche bedeckt und ausgeglichen, neuere, besonders die langsam geflossenen, boten einen seltsamen Anblick; denn indem sie, fortschleichend, die auf ihrer Oberfläche erstarrten Massen eine Zeitlang mit sich hinschleppen, so muß es doch begegnen, daß diese von Zeit zu Zeit stocken, aber, von den Glutströmen noch fortbewegt, übereinander geschoben, wunderbar zackig erstarrt verharren, seltsamer als im ähnlichen Fall die übereinander getriebenen Eisschollen. Unter diesem geschmolzenen wüsten Wesen fanden sich auch große Blöcke, welche, angeschlagen, auf dem frischen Bruch einer Urgebirgsart völlig ähnlich sehen. Die Führer behaupteten, es seien alte Laven des tiefsten Grundes, welche der Berg manchmal auswerfe.

Goethe: Italienische Reise. Neapel, 6. März 1787. Auszug.


Goethe: Vesuvausbruch. Feder in Schwarz über Bleistiftspuren. Aquarell. Sommer 1787. Kunstsammlungen in Weimar. Aus: Petra Maisak: Johann Wolfgang Goethe. Zeichnungen. Durchgesehene, verbesserte u. bibliographisch ergänzte Auflage. Stuttgart: Reclam 2001, Nr. 105. Mit Beschreibung und Würdigung S. 146f.




Goethes dritte Vesuvbesteigung

Die Kunde einer soeben ausbrechenden Lava, die, für Neapel unsichtbar, nach Ottajano hinunterfließt, reizte mich, zum dritten Male den Vesuv zu besuchen. Kaum war ich am Fuße desselben aus meinem zweirädrigen, einpferdigen Fuhrwerk gesprungen, so zeigten sich schon jene beiden Führer, die uns früher hinaufbegleitet hatten. Ich wollte keinen missen und nahm den einen aus Gewohnheit und Dankbarkeit, den andern aus Vertrauen, beide der mehreren Bequemlichkeit wegen mit mir.

Auf die Höhe gelangt, blieb der eine bei den Mänteln und Viktualien, der jüngere folgte mir, und wir gingen mutig auf einen ungeheuren Dampf los, der unterhalb des Kegelschlundes aus dem Berge brach; sodann schritten wir an dessen Seite her gelind hinabwärts, bis wir endlich unter klarem Himmel aus dem wilden Dampfgewölke die Lava hervorquellen sahen.

Man habe auch tausendmal von einem Gegenstande gehört, das Eigentümliche desselben spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren Anschauen. Die Lava war schmal, vielleicht nicht breiter als zehn Fuß, allein die Art, wie sie eine sanfte, ziemlich ebene Fläche hinabfloß, war auffallend genug; denn indem sie während des Fortfließens an den Seiten, und an der Oberfläche verkühlt, so bildet sich ein Kanal, der sich immer erhöht, weil das geschmolzene Material auch unterhalb des Feuerstroms erstarrt, welcher die auf der Oberfläche schwimmenden Schlacken rechts und links gleichförmig hinunterwirft, wodurch sich denn nach und nach ein Damm erhöht, auf welchem der Glutstrom ruhig fortfließt wie ein Mühlbach. Wir gingen neben dem ansehnlich erhöhten Damme her, die Schlacken rollten regelmäßig an den Seiten herunter bis zu unsern Füßen. Durch einige Lücken des Kanals konnten wir den Glutstrom von unten sehen und, wie er weiter hinabfloß, ihn von oben beobachten.

Durch die hellste Sonne erschien die Glut verdüstert, nur ein mäßiger Rauch stieg in die reine Luft. Ich hatte Verlangen, mich dem Punkte zu nähern, wo sie aus dem Berge bricht; dort sollte sie, wie mein Führer versicherte, sogleich Gewölb und Dach über sich her bilden, auf welchem er öfters gestanden habe. Auch dieses zu sehen und zu erfahren, stiegen wir den Berg wieder hinauf, um jenem Punkte von hintenher beizukommen. Glücklicherweise fanden wir die Stelle durch einen lebhaften Windzug entblößt, freilich nicht ganz, denn ringsum qualmte der Dampf aus tausend Ritzen, und nun standen wir wirklich auf der breiartig gewundenen, erstarrten Decke, die sich aber so weit vorwärts erstreckte, daß wir die Lava nicht konnten herausquellen sehen.

Wir versuchten noch ein paar Dutzend Schritte, aber der Boden ward immer glühender; sonneverfinsternd und erstickend wirbelte ein unüberwindlicher Qualm. Der vorausgegangene Führer kehrte bald um, ergriff mich, und wir entwanden uns diesem Höllenbrudel.

Nachdem wir die Augen an der Aussicht, Gaumen und Brust aber am Weine gelabt, gingen wir umher, noch andere Zufälligkeiten dieses mitten im Paradies aufgetürmten Höllengipfels zu beobachten. Einige Schlünde, die als vulkanische Essen keinen Rauch, aber eine glühende Luft fortwährend gewaltsam ausstoßen, betrachtete ich wieder mit Aufmerksamkeit. Ich sah sie durchaus mit einem tropfsteinartigen Material tapeziert, welches zitzen- und zapfenartig die Schlünde bis oben bekleidete. Bei der Ungleichheit der Essen fanden sich mehrere dieser herabhängenden Dunstprodukte ziemlich zur Hand, so daß wir sie mit unsern Stäben und einigen hakenartigen Vorrichtungen gar wohl gewinnen konnten. Bei dem Lavahändler hatte ich schon dergleichen Exemplare unter der Rubrik der wirklichen Laven gefunden, und ich freute mich, entdeckt zu haben, daß es vulkanischer Ruß sei, abgesetzt aus den heißen Schwaden, die darin enthaltenen verflüchtigten mineralischen Teile offenbarend.

Der herrlichste Sonnenuntergang, ein himmlischer Abend erquickten mich auf meiner Rückkehr; doch konnte ich empfinden, wie sinneverwirrend ein ungeheurer Gegensatz sich erweise. Das Schreckliche zum Schönen, das Schöne zum Schrecklichen, beides hebt einander auf und bringt eine gleichgültige Empfindung hervor. Gewiß wäre der Neapolitaner ein anderer Mensch, wenn er sich nicht zwischen Gott und Satan eingeklemmt fühlte.

Goethe: Italienische Reise. Neapel, 20. März 1787. Vgl. Goethes Tagebuch der italienischen Reise, Eilige Anmerckungen über den Vesuv, d. 19. März 1787.


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Ohne Titel.[ Verso: Napoli - Erruzione del Vesuvio. Stengel & Co., Dresden 19794. Cartolina Postale. Nicht gelaufen.

Mitte:
Napoli - Vesuvio in eruzione. Signatur: F[rancesco] Coppola[-Castaldo]. Verso: Signet: ASM. [A. Scrocchi - Milano - Roma] 2799-1. Proprietà Artistica riservata. Im Briefmarkenfeld: Produzione Italiana. Nicht gelaufen.

Unten:
Napoli. Vesuvio in eruzione. Verso: Ediz R. Renza & C. - Napoli. Im Briefmarkenfeld: 21. Nicht gelaufen.




Der Krater.

August von Kotzebues Beschreibung auf seiner Italienreise 1804

Hier [auf dem Gipfel des Kraters] stand ich auf einer schmalen Bergwand, durch eine rauchende Kluft, höchstens zehn Schritte breit, von einer ähnlichen getrennt, welche dem Krater selbst zur Einfassung diente. Hier sah und hörte ich - wer leihet mir eine Sprache für das, was ich sah und hörte! Doch die einfachste Beschreibung wird hier zur erhabensten Dichtung.

Aus der Mitte des Kraters erhob sich der schwefelgelbe Kegel, den die Eruption dieses Jahres gebildet hat; jenseits desselben stieg unaufhörlich ein dicker Rauch empor, aus dem erst in der letzten Nacht geöffneten Schlunde. Die Wand des Kraters gegen mir über, die sich beträchtlich höher erhob, als die diesseitige, auf welcher ich stand, gewährte einen einzigen Anblick; denn sie war mit lauter einzelnen kleinen Rauchsäulen besäet, die aus ihr hervorbrachen, und gleichsam lauter ausgelöschte Lichter schienen. Die Luft über dem Krater hatte sich verkörpert; man sah sie sehr deutlich in einer heftig zitternden Bewegung.

In der Tiefe des Berges kochte und brauste es fürchterlich, wie der stärkste Orkan; zuweilen aber - und das machte auf meine Sinne den tiefsten Eindruck - erfolgte plötzlich eine Todtenstille von einigen Secunden, dann erhob sich das Brausen doppelt stark, und der Rauch quoll dichter und schwärzer hervor. Es war, als habe der Berggeist den Schlund plötzlich verstopfen wollen, aber die Flamme habe sich nicht einkerkern lassen, sondern sey mit verdoppelter Wuth hervorgebrochen.

So weit mein Auge reichte, hatte der Vulkan seine gräßlich bunte Decke ausgebreitet, der gelbe Schwefel, die schwarzen Schlacken, das blendend weiße Salz, der graue Bimsstein, das moosgrüne Kupfer, die Metallflittern, Alles das bildete zusammengenommen den Mosaikboden der Hölle. Dicht vor mir rauchte die kleinere Kluft an mehreren Stellen; und da wo der Rauch ausbrach, lösten sich von Zeit zu Zeit kleine Steine von der schrägen Wand, und rollten hinab, das einzige Geräusch, welches, außer dem Brausen des Berges, hier das menschliche Ohr traf.

Nicht ohne Beklommenheit genoß ich den Anblick dieses fürchterlich-schönen Schauspiels etwa eine Viertelstunde lang.

Bemerkungen auf einer Reise aus Liefland nach Rom und Neapel. Von August v. Kotzebue. Erster Theil. Köln, 1805 bey Peter Hammer. Kapitel "Der Vesuv" (1804), S. 237-256. (Digitalisierung durch Google.) Auszug S. 244-246. Absätze eingefügt.


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Oben:
Napoli - Il Vesuvio. Verso: G. Blümlein & Co., Francoforte S.M., Rapp C. Imperiale - Napoli. Cartolina Postale Italiana. Nicht gelaufen.
Unten:
Napoli - Il Vesuvio in eruzione. Verso: Edit. L. Schiavone - Napoli. Nicht gelaufen.




Beim Eremiten

Ermüdet aber fröhlich kamen wir zu unserm freundlichen Eremiten zurück, und schlugen die Einladung, seine bescheidene Wohnung zu betreten, nicht zum zweytenmahl aus. Wir fanden ein Zimmer, dessen vollkommenster Schmuck ein ziemlich weiches Sofa war. Die Verzierung der Wände, wie sie jetzt war, möchte wohl nicht lange die nähmliche bleiben, ich eile daher, sie wenigstens hier auf dem Papiere fest zu halten.

Ein geübter Mahler war vor kurzem da gewesen, und hatte mit Kohle über dem Kamin, in Lebensgröße, das gutmüthige Gesicht des Wirtes abkonterfeyt. Vermuthlich hatte er sich in der Gesellschaft von Lucian Bonaparte befunden; denn dieser, seine Gemahlin, und mehrere französische Gesichter, waren rings umher in großen Medaillons, gleichfalls mit Kohle, auf die Wand gezeichnet. Das neufürstliche Paar fand ich sehr ähnlich, wie auch den Eremiten; die Uebrigen kannte ich nicht.

Natürlich wird hier eine Art Stammbuch gehalten, in welches jeder, der zu den Wundern des Vesuvs, wenn auch nur bis hieher, wallfahrtet, seinen Nahmen verzeichnet, und sonst noch etwas Dummes oder Kluges, nach Belieben oder Vermögen, dazu schreibt. Hilf Himmel! welch' eine Suppe von Unsinn, auf der die Gedanken wie einzelne Fettaugen schwammen. Viele, sehr viele, hatte die leidige Empfindsamkeit ergriffen, (und das waren die fatalsten) die hatten sich nun lange und breit über die herrliche Aussicht und über den gewaltigen Vulcan expectorirt; Einer hatte sogar versichert, die Flamme habe ihn hold angeschauet. Andere hatten schlechte Späßchen und eckelhaften Witz in Wasserströmen von sich gegeben; Einer erzählte zum Exempel, sein pfiffiges Kammermädchen Lisette sey auf dieser Reise vom Esel gefallen. Ein Wunder, daß er uns nicht auch ihre Stellung beschrieben hatte. In allen Sprachen fand man hier dergleichen Allotria, doch muß ich beschämt gestehen, daß, beym flüchtigen Durchblättern, es mir so vorgekommen, als hätten die Deutschen das meiste dumme Zeug geschrieben; wenigstens affectirten sie die meiste Empfindsamkeit.

Indessen sind diese Bücher, in der öden Wohnung, in welcher sie gefunden werden, immer ein angenehmer Zeitvertreib für Leute, die eben nichts Besseres zu thun haben. Schade nur, daß die ältesten, schon voll geschriebenen Bücher nicht mehr vorhanden, sondern, ich weiß nicht wohin, abgeliefert worden sind. Jetzt ist nur Ein angefülltes zu durchblättern, das zweyte ist erst vor kurzem angefangen.

Der behagliche Eremit setzte uns Käse, Brod und recht guten Lacryma Christi von seinem eigenen Gewächs vor. Er schwatzte auch wohl recht gern, nur erstreckt sich sein Ideenkreis nicht über den Golf von Neapel hinaus. Das Interessanteste, was wir aus seinem Munde vernahmen, war die Beschreibung von drey Erdstößen, welche in der vergangenen Nacht seine Wohnung so sehr erschütterten, daß, wie er sich ausdrückte, ihm alle Zähne mitwackelten. Hierauf hatte sich eben ein neuer Schlund im Innern des Kraters eröffnet, und das Sausen und Brausen im Innern des Schlundes, welches schon gänzlich aufgehöret hatte, ließ befürchten, daß die dießjährige Eruption noch nicht zu Ende, sondern noch ein schreckliches Nachspiel zu erwarten sey. Wir konnten uns des egoistischen Wunsches nicht erwehren, daß der schwarze Vorhang der Hölle doch je eher je lieber wieder aufgezogen werden möchte.

Bemerkungen auf einer Reise aus Liefland nach Rom und Neapel. Von August v. Kotzebue. Erster Theil. Köln, 1805 bey Peter Hammer. Kapitel "Der Vesuv" (1804), S. 237-256. (Digitalisierung durch Google.) Auszug S. 248-251. Absätze eingefügt.


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Napoli. Nuova Strada da Pompei al Vesuvio. G. Modiano e C. - Milano 665. Verso: Cartolina Postale Italiana. Nicht gelaufen.


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Vesuvio. Ferrovia funicolare. G. Sommer - Napoli. 6844. Altes Foto.
Mitte:
Napoli. Il Vesuvio dalla funicolare. Verso: E. Ragozino, Edit. - Galleria Umberto - Napoli. Gelaufen. Poststempel unleserlich.
Unten:
Vesuvio - La funicolare - 5 Aprile 1906. Esplosione ore 14.10 - Distrutta il 6 Aprile 1906. Verso: Edizione Pasquale Cordova - Resina. Nicht gelaufen.




Aschenregen beim Ausbruch 1822.

Erlebnisse auf einer Kutschenfahrt

[... ] wie wir eben noch mit Mühe wahrnehmen konnten, befanden wir uns nunmehr auf einer öden, hin und wieder mit Buschwerk besetzten Heide, wo im Nothfall nicht viel Hülfe noch Unterkommen zu erwarten stand. Wir trieben daher unsern Kutscher an, recht schnell zu fahren, um bald das Ziel unsrer Reise zu erreichen. Die Finsternis nahm jedoch dermassen zu, dass er bereits zweimal abgestiegen war, sich zu überzeugen, ob wir noch auf dem rechten Weg seyen, welchen er vom Bock herunter nicht mehr unterscheiden konnte. Nachdem er zum drittenmal abgestiegen, kam er uns zu erklären, er sey würklich von der Strasse abgekommen, und getraue sich durchaus nicht, dieselbe wieder aufzufinden, wiewohl sie gar nicht weit weg seyn könne.

In der That sahen Wir, die beisammen im Wagen sassen, weder Kutschbock noch Pferde - ja am Ende einander selbst nicht mehr! Wir wollten gerne wissen, wie viel es auf der Uhr wäre: Zeiger und Zifferblatt waren unerkenntlich geworden; sie repetirte aber 10 Uhr (vor Mittag). Alles um uns her lag nun in tiefe Nacht begraben: nichts unterbrach die Stille, als etwa ein dumpfes Gebrüll der Büffel, oder das klägliche Blöcken einer Schafherde. Wir hörten einen Hirten in der Nähe, und gedachten ihn zu unserm Beistand, als Wegweiser, herbeirufen zu lassen; allein grimmige Hunde trieben unsre Leute zurück: zugleich hub der Unbekannte noch stärker zu pfeifen an, und auf gleiche Weise wurde von verschiednen Puncten her geantwortet. Dies hielten wir für kein gutes Zeichen an einem so verdächtigen Orte! Wir wollten wenigstens versuchen, bei dem matten Schein, der noch immer von Eboli her in unser Dunkel fiel, nach dieser Seite hin zu entkommen.

In dieser Absicht stiegen wir aus, den Rückweg zu Fuss antretend. Unser Leitfaden war das tiefe Geleise, welches unsre Kutsche in dem weichen Boden gemacht hatte. Wir stolperten so fort, und riefen einander beständig zu, denn so nahe wir uns auch zusammen hielten, sah doch keiner den andern. Kaum hatten wir auf diese Art ein Paar hundert Schritte gemacht, so erlosch auch vollends der letzte schwache Schimmer von Osten. Um einander nicht zu verlieren, fassten wir uns an den Kleidern: die Hand, ganz dicht vor die Augen gehalten, war nicht mehr zu unterscheiden und die herabrieselnde Asche füllte Augen und Mund. Unsere Lage war nun wahrhaft bedenklich geworden.

Da wir weder vor- noch rückwärts kommen konnten, so wünschten wir uns nur in den Wagen zurück, welchen der Kutscher uns eine kleine Strecke nachgeführt hatte. Sein lautes Angstgeschrei und Heiligenanrufen half uns auf die Spur; es war aber so stockfinster, dass ich endlich wohl durch Tappen und Greifen, die Pferde, die Vorderräder und sodann auch den Kutschenschlag auffand, allein der Kasten und hintre Theil des Wagens mir gänzlich verborgen blieb, indem er zufällig tiefer unten in einer schiefen Richtung stand: ein Gefährte, der wie ich, aber von der Rückseite zur Kutsche herankam, machte mich erst auf jenen Umstand aufmerksam.

Wir setzten uns nun in Gottes Nahmen [!] wieder hinein, und, durch die Fenster wenigstens vor dem vulkanischen Regen geschützt, harrten wir nicht ohne Bangigkeit der weiteren Entwicklung der grauenvollen Scene entgegen [...]

Notizen ueber den Vesuv und dessen Eruption v. 22 Oct. 1822. Gesammelt von D. Joh. Bapt. Salvadori, verdeutscht durch C.F.C.H. Neapel, bei der typographischen Gesellschaft 1823 (Digitalisierung durch Google.) Anhang: Ausflug nach Salerno und Pästum, und sonderbare Natur-Begebenheiten in jenen Gegenden bei uns nach dem Ausbruch des Vesuvs v. 22. Oct. 1822. Gezogen aus dem Tagebuch eines würdigen Geistlichen von der K.K. Oestreich. Armee, S. 59-71. Zitat S. 63-67. Absätze eingefügt.


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Oben:
Napoli. Il Vesuvio con la nuova ferrovia elettrica. Fotog. Exposito. Edit. E. Ragozino, Galleria Umberto - Napoli. Verso: Cartolina Postale Italiana. Nicht gelaufen.
Unten:
7 - Boscotrecase (Vesuvio) - Due Tratti dell'Autostrada Vesuvio visti da una curva a circa quota 690. Verso: Ediz. Ditta Ing. Gennaro Matrone - Boscotrecase Autostrada Vesuvio - Rip. Vietata - 1935 XIII. Vera Fotografia. Fotocelere. Signet: CAR und Pferdchen im Kreis [V. Carcavallo - Napoli]. Nicht gelaufen.


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Napoli - Cratere dal Vesuvio in eruzione. No. 187. Ettore Ragozino - Editore. Verso unter dem Adressfeld: Lit. Armanino - Genova. Cartolina Postale. Nicht gelaufen.

Mitte:
Vesuvio - Il cratere centrale. Esplosione - Forte attività. Verso: Edizione Pasquale Cordova - Resina. Nicht gelaufen.

Unten:
Napoli. Il Vesuvio-Cratere in eruzione. Edit. E. Ragozino. Galleria Umberto - Napoli. Verso: Cartolina Postale Italiana. Gelaufen. Poststempel unleserlich.




Beobachtungen in und am Krater
während der Eruption im Mai und Juni 1833

Die thätige Bocca war im Innern ganz glühend und das Glühen erstreckte sich noch etwas über ihren Rand; ihre Wandungen bestanden aus glühenden Schlacken und losen Massen. Zum Glück für mich war der ganze Schlund fast ganz frei von Rauch, welcher sich sonst gewöhnlich langsam wie eine Wolke aus den Wandungen entwickelt und das deutliche Sehen hindert; jetzt erhob sich nur der Rauch, der den Ausbrüchen folgte, so dass ich Alles deutlich beobachten konnte.

Ein heftiges unterirdisches Brüllen und ein wellenförmiges Schwanken des Kegels kündigte die Nähe der Eruption an; schneller als es sich aussprechen lässt, entwickelte sich aus dem Grunde der Bocca heftig und wirbelnd eine schwarze russige Rauchsäule, wie etwa aus der Mündung einer Kanone. Blitzschnell folgte ein Gasstrom, der sich entzündete und unter heftiger Detonation wurden glühende Steinprojektile ausgeworfen. Bis jetzt kannte man nur die Erscheinungen, die sich über dem Rande des Kraters bei den Explosionen zeigen und auch diese waren nur aus der Ferne beobachtet, aber man wusste Nichts von dem, was im Grunde einer thätigen Bocca im Momente der Explosion vorgeht. Ich selbst, der ich mehrere Jahre schon den Vesuv beobachte, hatte dies zu sehen früher nie Gelegenheit gehabt.

Sobald der Gasstrom sich über die Oeffnung der Bocca erhoben hatte, entzündete er sich und gab eine heftig zuckende Flammensäule, welche, in die Höhe steigend, sich mit den Rauchwirbeln mischte und allmälig erlosch, so dass man sie nicht hätte beobachten können, wenn man das Auge im Niveau des Kraterrandes gehabt hätte. Wenn man also, wie in den meisten Fällen, von einem Punkte aus beobachtet, von welchem aus man nicht das Innere und den Grund der Bocca sehen kann, so wird man niemals diese Flamme sehen können. Sie hatte drei Farben, die man bestimmt unterscheiden konnte, obwohl sie allmälig in einander übergingen. Den Grundton bildete ein Violett, mit welchem das Roth und das Himmelblau zusammen eine unbeschreiblich schöne Flamme gaben. Man sah sehr deutlich, dass beim Hervortreten der Gasstrom nicht brannte, sondern sich erst bei der Berührung mit der Luft entzündete, dass dann der mittlere Theil des brennenden Gasstromes dunkel blieb, zum Beweis, dass dort das Gas nicht brenne. Man denke sich eine Lichtflamme mit ihrem Dunkel in der Mitte und am unteren Ende, aber von der Höhe eines grossen Baumstammes [...] und man hat ein Bild der Erscheinung.

Der Ausbruch des Gasstromes wurde von einer heftigen Detonation, die den ganzen Kegel erschütterte, begleitet und je nach der grösseren oder geringeren Heftigkeit wurden glühende Steine und Schlacken bald höher, bald niedriger hinausgeschleudert, welche als Feuerregen mit heftigem Getöse meistens in den Schlund, zum Theil auf die Aussenseite des Kegels niederfielen. Meist war die Richtung des Stosses senkrecht, bisweilen aber ein wenig nach Süden geneigt. Nach der Explosion sah man eine pittoreske Flamme ebenso gefärbt wie die frühere, aber nicht so blitzschnell, sondern langsam und gelassen, rings um die Wände und die Oeffnung der Bocca lecken, wie eine Alkoholflamme, welche die Oberfläche der Flüssigkeit und die Wände des Gefässes beleckt, in welchem sie brennt; die drei Farben konnte man in diesem Falle noch bequemer unterscheiden.

Zu allen diesen Phänomenen gesellte sich ein sehr stark ausgesprochener Geruch nach Schwefelwasserstoff und schwefliger Säure. Die Wirkungen des ersteren bemerkte ich auch an meiner silbernen Uhr, die in der Tasche schwarz geworden war, die schweflige Säure war in so grosser Menge vorhanden, dass sie das Athmen erschwerte. Aber von Salzsäure, Bitumen oder Asphalt war keine Spur zu riechen!

Nachdem ich etwa acht Exposionen, welche in Pausen von etwa 3 Minuten aufeinander folgten, beobachtet hatte, zwang mich die Menge der glühenden Auswürflinge einer äusserst heftigen Explosion meinen Standpunkt oben am Kegel zu verlassen; als ich wieder hinaufgestiegen war, sah ich noch fünf oder sechs Explosionen, immer mit denselben Erscheinungen. Da ich meine Lust gestillt und das Morgenroth hinter den Apenninen anbrach, ging ich gedankenvoll heim.

J[ustus] Roth, Der Vesus und die Umgebung von Neapel. Eine Monographie. Berlin: Wilhelm Hertz 1857 (Digitalisierung durch Google.) Darin: Beschreibung einiger am Krater des inneren Vesuvkegels im Augenblicke der Explosion gemachten Beobachtungen, S. 154-159. Auszug. Redigiert, Absätze eingefügt.


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Oben:
Napoli. Una Corrente di lava. Verso: 2737. Edit. E. Ragozino, Galleria Umberto-Napoli. Cartolina Postale Italiana. Nicht gelaufen.

Mitte:
Boscotrecase (Napoli) - Dopo l'eruzione. Signet: Brunnen mit wasserspeiendem Mädchenkopf. 8304. Verso: Edit. Brunner & C., Como-Zürich - Stab. eliografico. Cartolina Postale Italiana. Nicht gelaufen. – Boscotrecase ist ein kleiner Ort am Südfuß des Vesuvs und leidet unter dessen Ausbrüchen.

Unten:
15 - Boscotrecase (Vesuvio) - La Valle dell'Inferno con le ultime recenti Lave vista dall'Autostrada Vesuvio. Verso: Ediz. Ditta Ing. Gennaro Matrone - Boscotrecase Autostrada Vesuvio - Rip. Vietata - 1935 XIII. Vera Fotografia. Fotocelere. Signet: CAR und Pferdchen im Kreis [V. Carcavallo - Napoli]. Nicht gelaufen.


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Eruzione del Vesuvio (Aprile 1906) fase massima. Verso: 17056 Ediz. P. Cordova. Im Briefmarkenfeld: Stampata in Italia. Nicht gelaufen.


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1. Karte von oben:
Napoli - Vesuvio. Verso: N. 93 - Ed. V. Carcavallo - Napoli. Rip. interdetta. Vera Fotografia. Fotocelere. Signet: CAR und Pferdchen im Kreis. Nicht gelaufen.

2. Karte von oben:
226 Napoli - Vesuvio - Conetto eruttivo. Verso, Signet: EAT im Kreis. Foto Edizioni Angeli Terni. Vera fotografia. Riproduzione interdetta. Nicht gelaufen.

3. Karte von oben:
15 - Boscotrecase (Vesuvio) - La Valle dell'Inferno con le ultime recenti Lave vista dall'Autostrada Vesuvio. Verso: Ediz. Ditta Ing. Gennaro Matrone - Boscotrecase Autostrada Vesuvio - Rip. Vietata - 1935 XIII. Vera Fotografia. Fotocelere. Signet: CAR und Pferdchen im Kreis [V. Carcavallo - Napoli]. Nicht gelaufen.

4. Karte von oben:
Napoli - Vesuvio. Verso: N. 82 - Ed. V. Carcavallo - Napoli. Rip. interdetta. Vera Fotografia. Fotocelere. Signet: CAR und Pferdchen im Kreis. Gelaufen. Datiert 1933. Poststempel unleserlich.

5. Karte von oben:
381 - Napoli - Vesuvio - Nuova Bocca Eruttiva. Getto di Lava. Verso: Ediz Vincenzo Carcavallo - Napoli. Via S. Baldacchini 29 - 1938 XVII - Rip. interdetta. Vera Fotografia. Fotocelere. Signet: CAR und Pferdchen im Kreis. Nicht gelaufen.

6. Karte von oben:
82 - Vesuvio - Ultima eruzione. Verso: Edit. P. Cordova - Vesuvio. Stempel: Monte Vesuvio 10. Feb. 1930. Nicht gelaufen.




Die Vesuvpartie von Fanny Mendelssohn
(1840)

Man fährt durch Portici, einen großen eleganten Ort, dem sich Resina gleich anschließt; hier mußten wir uns in Ermangelung von Eseln aufs hohe Pferd setzen, und eine der ermüdendsten Partien begann.

Man reitet erst etwa zwei Stunden zwischen Weingärten bergan, Granaten, Orangen und Feigen gucken über die Mauern, alles ist sehr fruchtbar und schön. Dann erreicht man die Laven;wir ritten über die vom vorigen Jahr, welche über Weingärten hinging, und deren noch frische Zerstörungsspuren in ausgerissenen Bäumen und schwarzem schlackigem Erdreich sichtbar sind; diese Lava ist noch nicht vollkommen erkaltet. Dann kommt ein Stückchen bitterbösen Felsenweges, von demselben Gestein, das Herkulanum bedeckte und auf dem heut Portici steht, und hierauf erreichten wir die Hochebene, auf der das Haus des sogenannten Eremiten steht und schöne Bäume; man hat schon hier eine herrliche Aussicht; man kann die Inseln so prächtig sehen, und ihr Größenverhältnis zueinander; und da erscheint denn Ischia sehr mächtig, Procida auffallend klein. Auch Kap Misen, den Posilipp und diese ganze Seite übersieht man vortrefflich, die andere aber nur von Sorrent abwärts; Castellamare bleibt noch verborgen.

Wir ruhten einen Augenblick und ritten weiter. Bald hört alles Lebendige auf, und man gerät in den Teufelsspuk und hört die Lavaströme rechts und links (nennen), wie sie in den verschiedenen Jahren herabgekommen. Am Fuße des sogenannten Aschenkegels steigt man ab, und diese letzte Höhe hinauf ließ Wilhelm mich tragen. Man spart auf diese Weise allerdings Beine und Lungen, wenn Ihr aber denkt, daß es bequem ist, diesen höllischen Berg in irgendeiner Art heraufzukommen, so irrt Ihr Euch sehr, anzi, sehr ängstlich ist es, sich so schleppen zu lassen, da selbst die geübten Füße der Träger zwischen dem losen Gerümpel der Stein- und Lavablöcke den fast senkrechten Gipfel hinan beständig abrutschen, und ich kann nicht leugnen, daß mir das Herz ein paarmal in die Hosen fiel.

Fast eine Stunde dauerte diese Tierquälerei, dann waren wir oben, in Satanas Hauptquartier auf einer aschigen, steinigen Ebene, wo man den Rauch aufsteigen sieht. Der höchste Aschenkegel, wie er jetzt gerade ist (denn er wechselt häufig die Form), bleibt links liegen und wird nicht erklettert. Von da näherten wir uns dem Krater mit unbeschreiblicher Neugier, und mit Erstaunen und mit Grauen sahen wir hinein. Welch eine Teufelswirtschaft! Schwefelgestank, die tollsten Farben, wie man sie anderswo in der Natur nie sieht, grün, gelb, rot, blau, lauter giftige Töne, im Grunde des Kessels ein unheimliches Aschgrau, ein bald feinerer, bald dickerer Rauch, der aus allen Ritzen dringt und, alles überziehend, dennoch alles durchblicken läßt, und mit jedem Schritte, den man tut, ändert sich die Ansicht und wird der Anblick greulicher. Zacken und Spitzen überall, die Krater früherer Eruptionen.

An der entgegengesetzten Seite des Kessels angekommen, ersteigt man einen jener höllischen Hügel und hat hier eine Aussicht von überwältigender Schönheit: den ganzen Meerbusen van Neapel, alle Inseln, die herrliche Biegung der Küste bei Castellamare, alle Ortschaften bis zur Campanella, alle Gipfel der Felsen dahinter, Torre dell' Annunziata, von wo man den weißen Weg nach Pompeji führen sieht, das ich also, mit heiliger Scheu, zum erstenmal von der Höhe des höllischen Thrones in ziemlicher Entfernung liegen sah. Wendet man sich, so hat man unter sich einen weiten Krater, den von 1834, dahinter eine spitze, zackige, böse Felswand, die sich bei dem Ausbruch erhob, in dem Pompeji und Herkulanum zugrunde gingen, drüber hinaus eine Menge Ortschaften in der Ebene, und endlich die Bergreihen der Abruzzen. Links, wenn man das Gesicht der Sonne zugewendet hat, erhebt sich ein greulicher Schwefel- und Lavaberg, gelbgrünlich und grimmig aussehend, falsch und böse wie die Hölle selber. Die Sonne ging schön und glühend unter, der Rauch ward leise gefärbt, und wir sahen das Feuer unter den Steinen und in den Spalten brennen, manche Stellen waren so heiß, daß man nicht darauf stehen konnte. Dabei ist der Berg jetzt ganz ruhig, der letzte Ausbruch anderthalb Jahr her.

Nach Sonnenuntergang traten wir den äußerst beschwerlichen Rückzug an. Ich hatte keinen Mut, mich den Aschenkegel hinuntertragen zu lassen, und gab lieber meine Füße preis. Ihr habt aber keinen Begriff, was es heißt, diesen Berg hinunterzusteigen. Sie wählen dazu die Seite, wo die lose Asche liegt mit weniger Steinen, als an der, wo man aufsteigt. Es ist eine grauliche Partie, man versinkt bis an die Knie in die Asche, ist in Wolken eingehüllt, die Schuh füllen sich bei jedem Schritt, so daß man sie nicht mehr schleppen kann, man fällt, watet, keucht; die andern kamen mir weit voraus, ich kam nicht mehr aus der Stelle und blieb mit meinem Führer weit zurück, völlige Dunkelheit brach ein und ich lernte das Gruseln. Zitternd vor Müdigkeit kam ich endlich den andern nach. Obgleich diese schlimmste Stelle nur etwa zehn Minuten herabzusteigen dauert (derselbe Teil, den man in einer Stunde erklimmt), so versichere ich Euch, ich werde an diese zehn Minuten denken.

Unterdes war es völlig Nacht geworden, wir stolperten noch eine Weile über Stock und Stein, bis wir die Pferde erreichten, die uns zum Eremiten trugen. Hier ruhten wir etwas unter freiem Himmel, bei mildester Luft, der Mond war inzwischen aufgegangen und die Nacht wunderschön; wir aßen von einem steinernen Tisch mitgebrachtes kaltes Abendbrot, tranken Lacrimae Christi dazu und ritten darauf hinunter nach Resina, wo wir den Wagen fanden, der uns um halb eins nach Neapel brachte. Ich kann Euch versichern, Stadt, Wagen und Stühle und vor allem mein Bett gefielen mir unbeschreiblich wohl; diese edeln Anstalten lernt man doppelt schätzen, wenn man den Teufel und seine häuslichen Einrichtungen so ein bißchen in der Nähe hat kennen lernen. Aber es ist ein nicht zu vergessender Eindruck!

Fanny Mendelssohn: Italienisches Tagebuch. Hrsg. und eingeleitet von Eva Weissweiler. Frankfurt: Societäts-Verlag 1982. Brief (an die Familie Mendelssohn Bartholdy in Berlin) und Reisetagebuch. Neapel, (Juni / Juli 1840), S.137-142. Zitat S. 138-141. Absätze eingefügt. – Fanny (1805-1847) ist die Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy; sie heiratete 1829 den Maler Wilhelm Hensel. Die Vesuvpartie fand am Geburtstag des Sohnes Sebastian statt, "um ihm ein unvergeßliches Andenken an sein zurückgelegtes zehntes Jährchen zu sichern." (S. 138).



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Oben:
Napoli - Vesuvio - Cratere. Verso, Signet: Brunnen mit wasserspeiendem Mädchenkopf. 8114 Edit. Brunner & C., Como. Signet auch im Briefmarkenfeld. Nicht gelaufen.

Mitte:
Napoli - Vesuvio - Interno del cratere. Verso: Ediz. P. Cordova - Resina. Nicht gelaufen.

Unten:
Napoli - Cratere del Vesuvio. Verso: 23030 Ragozino - Art Store - Galleria Umberto I. - Naples. Cartolina Postale. Nicht gelaufen.


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Cratere del Vesuvio dopo l'eruzione (Aprile 1906). Verso: 1551 Fototipia dello Stab. Alterocca - Terni. Stempel: Monte Vesuvio Eremo 27 Mar. 1912. Nicht gelaufen.


Kegel vor und nach dem Ausbruch 1906

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Der Kegel des Vesuvs vor und nach dem Ausbruch v. 1906. Nach der Karte: Il Vesuvio im Maßstabe 1 : 25.000 des Instituto Geografico Militare. Geogr. Anstalt von Velhagen & Klasing in Leipzig. Aus: Neapel, seine Umgebung und Sizilien von Hippolyt Haas (Land und Leute. Monographien zur Erdkunde; 17) Bielefeld u. Leipzig: Velhagen & Klasing 1911.




Die Eruption des Vesuvs im Mai 1855.
Wolkenbildungen und Farbenspiele

Am 1. Mai Morgens 9 Uhr, als ich in meiner Wohnung auf der St. Lucia in Neapel mich zu einer Messung der Neigungswinkel des Berges anschickte, gewahrte ich, noch ehe der obere Kegel gänzlich aus dem schweren Regengewölke hervortrat, sehr eigenthümlich weiss glänzende Wolken, welche an der Nordseite unterhalb der Punta del Palo in grosser Mächtigkeit und mit scharf gekräuselten Umrissen emporstiegen. Der erste Anblick dieser war höchst überraschend; sie leuchteten wie Schnee, und ihr Glanz wurde noch erhöht durch den Contrast mit den dunklen Regenwolken, welche sie theilweise verdeckten. Augenscheinlich bestanden sie aus sehr dichten Dämpfen, welche, geballt und in ungefähr kugelförmigen Massen auf einander gehäuft, dazu an der einen Seite kräftig schattirt, den Eindruck gewährten, als seien sie aus weissem Marmor gemeisselt.

[...]

Um 2 Uhr Morgens waren alle Wolken verschwunden; nur der Raum des Atrio und die ganze nördliche Abdachung des Vesuvkegels war erfüllt von feuerrothen Dämpfen. Mit einem Blick übersah man jetzt die wunderbare glanzvolle Erscheinung.

Ueber den sprühenden Eruptionskegeln, bald frei, bald bedeckt von undurchsichtigen Fumarolen glänzte der volle Mond, erhellte mehr als die Gluth des Berges die Umgebung, und liess scharf hervortreten die Gränzen des weiten Golfes von Neapel, Capri, die fernen campanischen Inseln und die phlegräischen Hügel. Wegen der rothen Dampfwolken erschien der Mond, so lange er noch in derselben Richtung gesehen wurde, lebhaft grün, braun dagegen, wenn mässig dichte Dämpfe ihn verhüllten. Auch das ganze östliche wolkenlose Himmelsgewölbe war grün wie Bouteillenglas, doch behielten die helleren Sterne die ihnen eigenthümliche Farbe, auch wenn sie mitten zwischen den rothen Fumarolen gesehen wurden. Wandte ich den Blick gegen Westen, so fand die Wirkung der complementären Farbe nicht Statt; die Lichter in Neapel behielten ihre gewöhnliche Farbe, weil in dieser Richtung das Auge nicht von dem Feuerscheine des Berges getroffen wurde. Dagegen glaubte man das Licht der Fackeln nahe bei der Lava, und wie schon erwähnt, namentlich die brennenden Pflanzen, grünlich zu sehen.

Die Eruption des Vesuv im Mai 1855 nebst Beiträgen zur Topographie des Vesuv, der phlegräischen Crater, Roccamonfina's und der alten Vulkane im Kirchenstaate, mit Benutzung neuer Charten und eigener Höhenmessungen von J. F. Julius Schmidt, Astronom der Sternwarte des Prälaten Eduard Ritter von Unkrechtsberg bei Olmüz, Mitglied der niederrheinischen Gesellschaft für Natur und Heilkunde. Wien und Olmüz. Eduard Hölzel's Verlags-Expedition. 1856. (Digitalisierung durch Google.) Zitate S. 8f., 17f. Absatz eingefügt.


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Oben:
[Ohne Titel.] Verso: Napoli - Il Vesuvio. Nr. 1394 - Ediz. S.A.F. Milano. Signet: SM im Kreis. Im Briefmarkenfeld: Geflügeltes Rad S.A.F. Nicht gelaufen.

Mitte:
Vesuvio. Cratere. Verso: Ragozino - Art Store - Galleria Umberto I. - Naples. G. & CO. Z. 8266a°. Deposé. Nicht gelaufen.

Unten:
[Ohne Titel.] Verso: Il Vesuvio. Veduta del Cratere prima dell' eruzione del 1944. Interdipress - Via Galileo Ferraris, 132. Tel. 267311 PBX - Napoli. Signet: idp im Kreis. Unter dem Adressfeld: Signet. Kina Italia - Milano. 107. Nicht gelaufen.




Presto, prestissimo!

Touristische Vesuvbesteigung um 1900

Man geht zu Thomas Cook and Sons an der Piazza die Martiri im schönen Neapel, legt 21 Lire auf den Tisch des Hauses und erhält dafür eine Karte für die Besteigung des Vesuvs. Dann ist der größte Teil der Arbeit eigentlich schon verrichtet, denn man hat eigentlich nicht viel mehr zu tun, als sich früh am Morgen des nächsten Tages in einen der bereitstehenden Wagen zu setzen. Das übrige ergibt sich von selbst.

Nach längerer Wagenfahrt an den Laven von 1872, an bettelnden sogenannten Eremiten und am Observatorium vorbei gelangt man zur unteren Station des Funicolare, der Drahtseilbahn, wird hier abgefüttert, und dann, wenn man mit Müh und Not sein Deputat erhalten hat, in einen der als Waggons bezeichneten Marterkästen gesteckt und hinaufgezogen auf den Aschenkegel. Oben heil angekommen, erwartet den Vesuvfahrer eine neue Überraschung. Starke Männer stürzen sich auf ihn, einer oder auch zwei, je nach dem Leibesumfang des Opfers. Ein Lederriemen wird diesem um den Leib geworfen, dessen Enden von den Angreifern erfaßt werden - und im raschesten Tempo wirst du so hinaufbefördert an den Krater - halb zieht man dich, halb sinkst du hin -, über Aschen, Schlacken, Bomben, einerlei ob kantig, rundlich oder spitz, ohne Rücksicht auf dein Ich, auf deine dünnbesohlten Schuhe, deinen kurzen Atem, dein Stöhnen und Keuchen. Avanti, avanti! Nur immer vorwärts! Endlich bist du oben! Ah! Aber die Freude ist nur kurz.

Zunächst hält dir dein zweibeiniges Zugtier die Hand hin. Zwei Lire und das übliche Trinkgeld! Dann nimmt dich ein anderer unter seine schützenden Fittiche, ein Führer. Mit diesem spazierst du um den Krater herum, und sofern an diesem Tage der Vesuvius gerade guter Laune ist, was sehr von den Umständen abhängt, bekommst du auch wirklich etwas zu sehen. Einmal, bei schönem Wetter, eine unbeschreiblich schöne, in Worten kaum zu schildernde Aussicht über den Golf und das Festland, die ihresgleichen suchen dürfte, dann aber einen von zerfressenen und zernagten schwarzen, roten, braunen und gelben Wänden eingefaßten tiefen Schlund - böse und ironische Leute haben denselben einmal mit dem Rücken eines Mandrill verglichen -, aus dem es nach Herzenslust herausbrodelt und qualmt. Bläst dir der Wind die sauren Dämpfe gerade ins Gesicht, so ist's weniger angenehm. Noch peinlicher ist die Sache, wenn der Geist des Vulkans über deinen ungebetenen Besuch ergrimmt, glühende Lavabrocken ausspeit und dich etwa zum Zielpunkt seiner Treffübungen macht. Dann wird sie sogar auch recht ungemütlich. Ganz schlimm aber wird sie, wenn der Berg seine Nebelkappe aufstülpt, wenn es droben regnet, hagelt und schneit, was in den Monaten März und April gar nicht selten zutrifft. In sotanem Falle bleibst du lieber unten, denn zu sehen bekommst du doch nichts, dafür aber setzen die giftigen Gase den Schleimhäuten in deinem Rachen und deiner Nase um so mehr zu, weil sie in der dicken Luft nur langsam in die Höhe steigen können und du ärgerst dich obendrein nur, überhaupt heraufgefahren zu sein und deine Lirescheine nicht zu besseren Zwecken verwendet zu haben.

Einerlei aber "ob Sturm, ob Sonnenschein", auch auf dem Vesuvgipfel geht's presto, prestissiomo! Zum Verschnaufen hast du nur wenig Zeit, nicht einmal soviel, um die geologischen Auseinandersetzungen in deinem armen Gehirn aufzunehmen, mit denen dein Führer dir das Wesen des Vulcans zu erläutern sucht. Du verlierst jedenfalls nicht viel, wenn dir das Verständnis für diese Darlegungen mangelt, denn sie sind wenig erfreulicher Natur. Bist du um den Krater herumgejagt worden, so geht's nicht minder schnell wieder bergab. Mit Asche bedeckt triffst du wieder an der oberen Station der Drahtseilbahn ein; schon warten die Wagen. Hinein und davon! Neapel erreichst du noch zeitig genug, um wie ein aus der Asche wiedererstandener Phönix mit reiner Wäsche und in full dress an dem Diner in deinem Hotel teilnehmen und dabei ein höchst geistreiches Gespräch über die Annehmlichkeiten einer Vesuvbesteigung und allerhand vulkanische Dinge mit deinem Tischnachbar anknüpfen zu können.

Neapel, seine Umgebung und Sizilien von Hippolyt Haas (Land und Leute. Monographien zur Erdkunde; 17) Bielefeld u. Leipzig: Verlag von Velhagen& Klasing 1911, S. 123-126. Absätze eingefügt.




Landkarte von Vesuv und Umgebung

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Unteritalien und Sitilien von Dr. Th. Gsell Fels. (Meyers Reisebücher) 4. Aufl. Leipzig u. Wien: Bibliographisches Institut (1902). Der Vesuv, nach S. 124.




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