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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Girgenti, das antike Agrigent,
in alten Bildern und Reisebeschreibungen

Eingestellt: Mai 2018

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Mit Christoph Heinrich Kniep, den er als Zeichner engagiert hatte, besuchte Goethe im April 1787 Girgenti und die Überreste des antiken Agrigent. In seinen Aufzeichnungen erstaunt auch hier die Breite der Interessen und die Neugierde Goethes. Was die Zeugnisse der Antike auf Sizilien betrifft, meint Goethe, lernen zu müssen. Als seinen "Mentor" preist er den "trefflichen von Riedesel," einen Freund und Schüler Winckelmanns, dessen Büchlein ("Mein Reise durch Sicilien und Großgriechenland," 1771) er "wie ein Brevier oder Talisman" am Busen trage. Es ist nicht nur das Tal der Tempel, Ziel der Touristen, über das er sich kundig macht; einen Kunstgenuss bereitet ihn beispielsweise auch der von Riedesel aufs höchste gelobte sog. Phädrasarkophag. Nicht minder als Tempel und antike Kunstwerke beschäftigen ihn Geologie und Landwirtschaft: Was wird angebaut (z.B. Puffbohnen; "Tumenia," eine Art Sommerkorn), auf welche Weise und in welcher Folge? Obschon Sizilien als Kornkammer galt, findet Goethe in Girgenti nicht die erwarteten Weizenfelder. Also macht er sich auf ins Landesinnere, wo er "Weizenstriche" findet, die einen "anschaulichen Begriff" geben, wie Sizilien den "Ehrennamen einer Kornkammer Italiens" erhalten konnte. In der privaten Unterkunft in Girgenti - ein Gasthaus gibt es nicht - werden Nudeln gefertigt. Wie genau das geschieht, um beste Qualität zu erhalten, kann man bei Goethe nachlesen.

Auszüge aus sieben Reisebeschreibungen, die von 1771 bis 1864 publiziert wurden, entwerfen ein facettenreiches Bild von Land und Leuten ─ beginnend mit den auch von Goethe thematisierten Umständen des Reisens und einem Gesamteindruck des heutigen Girgenti ("ein unbeschreiblich elender und schmutziger Ort", Tommasini) und der "Trümmerstätte" des antiken Agrigent mit dem Tal der Tempel: "Sizilien wäre einer Reise werth, wenn es auch nichts anders aufzuweisen hätte, als die Ruine des Concordientempels [!] und die Gegend des alten Agrigent" (Graß). Der Concordiatempel, "eines der schönsten und beinah völlig erhaltenes Monument des Altertums" (Bartels), und der Herkulestempel ("Menschenhände verfertigten gewiß nie ein edeleres Werk", Bartels) werden besonders hervorgehoben. Einen eigenen Reiz entfaltet die weite, von der Natur überwucherte "Trümmerstätte" mit "Spuren von alten Bauwerken, Grundmauern, Ziegel und dergleichen" (Parthey), umgeben "von wild verwachsenem Gesträuch" (Kephalides). Die Reisenden berichten ausführlich über die Ausgrabungen und suchen anhand der Befunde ein Bild des antiken Agrigent und seiner Tempel zu gewinnen.

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Jakob Philipp Hackert (1737-1807)
Blick auf die Tempel von Agrigent
Öl auf Leinwand
St. Petersburg, Staatliches Museum Eremitage
(Hackert, Landschaftsmaler, S. 305)

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auf die Abbildung in wikisource.

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Gliederung

1. Goethes "Italienische Reise." Girgenti, April 1787,
mit Bildzeugnissen aus der Goethezeit (Hackert, Kniep, Dunker u.a.)
2. Auszüge aus alten Reisebeschreibungen
mit Bildern von Postkarten
•    Girgenti, mit geschichtlichem Rückblick auf Akragas
•    Umstände des Reisens
•    "das schönste Basrelief, welches in Marmor
     aus dem Altertum erhalten worden"
•    Agrigent als Trümmerstätte
•    Spazierritt zu den Tempeln
•    Vier Tempel in einer Linie an der Stadtmauer
•    Jupiter- oder Gigantentempel
•    Tempel des Herkules / Herakles
•    "Der festliche Tag unter Agrigents Ruinen"
•    "das schönste Thal, aus dessen üppigem Schooße
      aller Segen des Südens in schwellender Fülle hervorquillt"
3. Notizen zu den Autoren
4. Literaturhinweise und Weblinks
5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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Karte von Agrigento (Girgenti) in: Unteritalien, Sizilien, Sardinien, Malta, Tripolis, Korfu. Handbuch für Reisende von Karl Baedeker. 16. Aufl. Leipzig: Karl Baedeker 1929. Karte nach S. 352.

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1. Goethes "Italienische Reise"
Girgenti, April 1787

Sciacca den 22. April 1787
Der Weg hieher, mineralogisch uninteressant, geht immerfort über Kieshügel. Man gelangt ans Ufer des Meers, dort ragen mitunter Kalkfelsen hervor. Alles flache Erdreich unendlich fruchtbar, Gerste und Hafer von dem schönsten Stande; Salsola Kali gepflanzt; die Aloen haben schon höhere Fruchtstämme getrieben als gestern und ehegestern. Die vielerlei Kleearten verließen uns nicht. Endlich kamen wir an ein Wäldchen, buschig, die höheren Bäume nur einzeln; endlich auch Pantoffelholz!

Girgent den 23. April. Abends
Von Sciacca hieher starke Tagereise. Gleich vor genanntem Orte betrachteten wir die Bäder; ein heißer Quell dringt aus dem Felsen mit sehr starkem Schwefelgeruch, das Wasser schmeckt sehr salzig, aber nicht faul. Sollte der Schwefeldunst nicht im Augenblick des Hervorbrechens sich erzeugen? Etwas höher ist ein Brunnen, kühl, ohne Geruch. Ganz oben liegt das Kloster, wo die Schwitzbäder sind, ein starker Dampf steigt davon in die reine Luft.

Das Meer rollt hier nur Kalkgeschiebe, Quarz und Hornstein sind abgeschnitten. Ich beobachtete die kleinen Flüsse; Calata Bellotta und Maccasoli bringen auch nur Kalkgeschiebe, Platani gelben Marmor und Feuersteine, die ewigen Begleiter dieses edlern Kalkgesteins. Wenige Stückchen Lava machten mich aufmerksam, allein ich vermute hier in der Gegend nichts Vulkanisches, ich denke vielmehr, es sind Trümmer von Mühlsteinen, oder zu welchem Gebrauch man solche Stücke aus der Ferne geholt hat. Bei Monte allegro ist alles Gyps: dichter Gyps und Fraueneis, ganze Felsen vor und zwischen dem Kalk. Die wunderliche Felsenlage von Calata Bellotta!

Girgent, Dienstag den 24. April 1787
So ein herrlicher Frühlingsblick wie der heutige bei aufgehender Sonne ward uns freilich nie durchs ganze Leben. Auf dem hohen, uralten Burgraume liegt das neue Girgent, in einem Umfang, groß genug, um Einwohner zu fassen. Aus unsern Fenstern erblicken wir den weiten und breiten sanften Abhang der ehemaligen Stadt, ganz von Gärten und Weinbergen bedeckt, unter deren Grün man kaum eine Spur ehemaliger großer bevölkerten Stadtquartiere vermuten dürfte. Nur gegen das mittägige Ende dieser grünenden und blühenden Fläche, sieht man den Tempel der Concordia hervorragen, in Osten die wenigen Trümmer des Junotempels; die übrigen, mit den genannten in grader Linie gelegenen Trümmer anderer heiliger Gebäude, bemerkt das Auge nicht von oben, sondern eilt weiter südwärts nach der Strandfläche, die sich noch eine halbe Stunde bis gegen das Meer erstreckt. Versagt ward heute uns in jene so herrlich grünenden, blühenden, fruchtversprechenden Räume zwischen Zweige und Ranken hinabzubegeben, denn unser Führer, ein kleiner guter Weltgeistlicher, ersuchte uns, vor allen Dingen diesen Tag der Stadt zu widmen.

Erst ließ er uns die ganz wohlgebauten Straßen beschauen, dann führte er uns auf höhere Punkte, wo sich der Anblick durch größere Weite und Breite noch mehr verherrlichte, sodann zum Kunstgenuß in die Hauptkirche. Diese enthält einen wohlerhaltenen Sarkophag, zum Altar gerettet: Hippolyt mit seinen Jagdgesellen und Pferden wird von der Amme Phädras aufgehalten, die ihm ein Täfelchen zustellen will. Hier war die Hauptabsicht schöne Jünglinge darzustellen, deswegen auch die Alte, ganz klein und zwergenhaft, als ein Nebenwerk das nicht stören soll dazwischen gebildet ist. Mich dünkt von halberhabener Arbeit nichts Herrlichers gesehen zu haben, zugleich vollkommen erhalten. Es soll mir einstweilen als ein Beispiel der anmutigsten Zeit griechischer Kunst gelten.

In frühere Epochen wurden wir zurückgeführt durch Betrachtung einer köstlichen Vase von bedeutender Größe und vollkommener Erhaltung. Ferner schienen sich manche Reste der Baukunst in der neuen Kirche hie und da untergesteckt zu haben.

Da es hier keine Gasthöfe gibt, so hatte uns eine freundliche Familie Platz gemacht und einen erhöhten Alkoven an einem großen Zimmer eingeräumt. Ein grüner Vorhang trennte uns und unser Gepäck von den Hausgliedern, welche in dem großen Zimmer Nudeln fabrizierten, und zwar von der feinsten, weißesten und kleinsten Sorte, davon diejenigen am teuersten bezahlt werden, die, nachdem sie erst in die Gestalt von gliedslangen Stiften gebracht sind, noch von spitzen Mädchenfingern einmal in sich selbst gedreht, eine schneckenhafte Gestalt annehmen. Wir setzten uns zu den hübschen Kindern, ließen uns die Behandlung erklären und vernahmen, daß sie aus dem besten und schwersten Weizen, Grano forte genannt, fabriziert würden. Dabei kommt viel mehr Handarbeit als Maschinen- und Formwesen vor. Und so hatten sie uns denn auch das trefflichste Nudelgericht bereitet, bedauerten jedoch, daß grade von der allervollkommensten Sorte, die außer Girgent, ja außer ihrem Hause nicht gefertigt werden könnte, nicht einmal ein Gericht vorrätig sei. An Weiße und Zartheit schienen diese ihresgleichen nicht zu haben.

Auch den ganzen Abend wusste unser Führer die Ungeduld zu besänftigen, die uns hinabwärts trieb, indem er uns abermals auf die Höhe zu herrlichen Aussichtspunkten führte und uns dabei die Übersicht der Lage gab alle der Merkwürdigkeiten, die wir morgen in der Nähe sehen sollten.

Girgent, Mittwoch den 25. April 1787
Mit Sonnenaufgang wandelten wir nun hinunter, wo sich bei jedem Schritt die Umgebung malerischer anließ. Mit dem Bewußtsein daß es zu unserm Besten gereiche, führte uns der kleine Mann unaufhaltsam quer durch die reiche Vegetation an tausend Einzelheiten vorüber, wovon jede das Lokal zu idyllischen Szenen darbot. Hierzu trägt die Ungleichheit des Bodens gar vieles bei, der sich wellenförmig über verborgene Ruinen hinbewegt, die um so eher mit fruchtbarer Erde überdeckt werden konnten, als die vormaligen Gebäude aus einem leichten Muscheltuff bestanden. Und so gelangten wir an das östliche Ende der Stadt, wo die Trümmer des Juno-Tempels jährlich mehr verfallen, weil eben der lockre Stein von Luft und Witterung aufgezehrt wird. Heute sollte nur eine kursorische Beschauung angestellt werden, aber schon wählte sich Kniep die Punkte, von welchen aus er morgen zeichnen wollte.

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1. Bild von oben. Gustav Friedrich Papperitz (1813-1861): Olivenhain bei Agrigent mit dem Juno-Tempel. Öl auf Papier. Datiert: 24. Juni 1860. (Ausriss)
2. Bild von oben. Christoph Heinrich Kniep (1755-1825): Tempel der Juno Lacinia in Agrigent. Federzeichnung. Blickling Hall, Norwich (Striehl: Zeichner Kniep, Abb. 124).
3. Bild von oben. Jakob Philipp Hackert (1737-1807): Tempel der Juno Lacinia. London, The British Museum (Hackert, Landschaftsmaler, S. 38).
4. Bild von oben. Balthasar Anton Dunker (1746-1807) nach Jakob Philipp Hackert: Die Ruinen des Tempels der Juno Lacinia in Agrigent. Radierung. Klassik Stiftung Weimar (Hackert, Landschaftsmaler, S. 170).
5. Bild von oben. Alexander Herrmann (1814-1845): Das Tal der Tempel in Agrigent im abendlichen Sonnenlicht. Öl auf Leinwand. Signiert: "Alex. Herrmann 1842) (Ausriss).
6. Bild von oben. Caspar David Friedrich (1755-1825): Der Tempel der Juno in Agrigent. Öl auf Leinwand. Dortmund, Museum für Kunst- und Kulturgeschichte (Schmied: Friedrich, S. 107).

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[Goethe, Fortsetzung] Der Tempel steht gegenwärtig auf einem verwitterten Felsen; von hier aus erstreckten sich die Stadtmauern gerade ostwärts auf einem Kalklager hin, welches, senkrecht über dem flachen Strande, den das Meer, früher und später, nachdem es diese Felsen gebildet und ihren Fuß bespült, verlassen hatte. Teils aus den Felsen gehauen, teils aus denselben erbaut waren die Mauern hinter welchen die Reihe der Tempel hervorragte. Kein Wunder also, daß der untere, der aufsteigende und der höchste Teil von Girgent zusammen von dem Meere her einen bedeutenden Anblick gewährte.

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Oben: Louis-François Cassas (1756-1827) und Jacques Martin Sylvestre Bence: Façade du Grand Temple d'Agrigente [Tempio di Concordia]. Umrissradierung, koloriert. Um 1800 (Ausriss)
Unten: Balthasar Anton Dunker (1746-1807) nach Jakob Philipp Hackert: Der Concordia-Tempel in Agrigent. Radierung. Klassik Stiftung Weimar (Hackert, Landschaftsmaler, S. 167).

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[Goethe, Fortsetzung] Der Tempel der Concordia hat so vielen Jahrhunderten widerstanden; seine schlanke Baukunst nähert ihn schon unserm Maßstabe des Schönen und Gefälligen, er verhält sich zu denen von Pästum wie Göttergestalt zum Riesenbilde. Ich will mich nicht beklagen, daß der neuere löbliche Vorsatz, diese Monumente zu erhalten, geschmacklos ausgeführt worden, indem man die Lücken mit blendend weißem Gips ausbesserte; dadurch steht dieses Monument auch auf gewisse Weise zertrümmert vor dem Auge; wie leicht wäre es gewesen, dem Gips die Farbe des verwitterten Steins zu geben! Sieht man freilich den so leicht sich bröckelnden Muschelkalk der Säulen und Mauern, so wundert man sich daß er noch so lange gehalten. Aber die Erbauer, hoffend auf eine ähnliche Nachkommenschaft, hatten deshalb Vorkehrung getroffen: man findet noch Überreste eines feinen Tünchs an den Säulen, der zugleich dem Auge schmeicheln und die Dauer verbergen sollte.

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Jakob Philipp Hackert (1737-1807): Die Ruine des Olympeions [Die Ruinen des Zeus-Tempels] in Agrigent. Gouache. Maximilian Speck von Sternburg-Stiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig. (Hackert, Landschaftsmaler, S. 178).

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[Goethe, Fortsetzung] Die nächste Station ward sodann bei den Ruinen des Jupiter-Tempels gehalten. Dieser liegt weit gestreckt, wie die Knochenmasse eines Riesengerippes, inner- und unterhalb mehrerer kleinen Besitzungen, von Zäunen durchschnitten, von höhern und niedern Pflanzen durchwachsen. Alles Gebildete ist aus diesen Schutthaufen verschwunden außer einem ungeheueren Triglyph und einem Stück einer demselben proportionierten Halbsäule. Jenen maß ich mit ausgespannten Armen und konnte ihn nicht erklaftern, von der Kannelierung der Säule hingegen kann dies einen Begriff geben, daß ich, darin stehend, dieselbe als eine kleine Nische ausfüllte, mit beiden Schultern anstoßend. Zwei und zwanzig Männer, im Kreise nebeneinander gestellt, würden ungefähr die Peripherie einer solchen Säule bilden. Wir schieden mit dem unangenehmen Gefühle, daß hier für den Zeichner gar nichts zu tun sei.

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Oben. Christoph Heinrich Kniep (1755-1825): Herakles-Tempel in Agrigent. Braune Tusche, laviert. Stiftung Weimarer Klassik / Goethe-Nationalmuseum (Striehl: Zeichner Kniep, Abb. 128).
Unten. Balthasar Anton Dunker (1746-1807) nach Jakob Philipp Hackert: Die Reste des Herkules-Tempels in Agrigent. Radierung. Klassik Stiftung Weimar (Hackert, Landschaftsmaler, S. 168).

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[Goethe, Fortsetzung] Der Tempel des Herkules hingegen ließ noch Spuren vormaliger Symmetrie entdecken. Die zwei Säulenreihen, die den Tempel hüben und drüben begleiteten, lagen in gleicher Richtung, wie auf einmal zusammen hingelegt, von Norden nach Süden; jene einen Hügel hinaufwärts, diese hinabwärts. Der Hügel mochte aus der zerfallenen Zelle entstanden sein. Die Säulen, wahrscheinlich durch das Gebälk zusammengehalten, stürzten auf einmal, vielleicht durch Sturmwut niedergestreckt und sie liegen noch regelmäßig, in die Stücke aus denen sie zusammengesetzt waren, zerfallen. Dieses merkwürdige Vorkommen genau zu zeichnen, spitzte Kniep schon in Gedanken seine Stifte.

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Oben: Christoph Heinrich Kniep (1755-1825): Äskulap-Tempel in Agrigent. Braune Tusche, laviert (Striehl: Zeichner Kniep, Abb. 134).
Unten: Balthasar Anton Dunker (1746-1807) nach Jakob Philipp Hackert: Die Ruinen des Äskulap-Tempels in Agrigent. Radierung. Klassik Stiftung Weimar (Hackert, Landschaftsmaler, S. 171).

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[Goethe, Fortsetzung] Der Tempel des Aesculap, von dem schönsten Johannisbrotbaum beschattet und in ein kleines feldwirtschaftliches Haus beinahe eingemauert, bietet ein freundliches Bild.

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Johann Wolfgang von Goethe: Grabmal des Theron. Stiftung Weimarer Klassik / Goethe Nationalmuseum (Striehl: Zeichner Kniep, Abb. 132).

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[Goethe, Fortsetzung] Nun stiegen wir zum Grabmal Therons hinab und erfreuten uns der Gegenwart dieses so oft nachgebildet gesehenen Monuments, besonders da es uns zum Vordergrunde diente einer wundersamen Ansicht: denn man schaute von Westen nach Osten an dem Felslager hin, auf welchem die lückenhaften Stadtmauern sowie durch sie und über ihnen die Reste der Tempel zu sehen waren. Unter Hackerts kunstreicher Hand ist diese Ansicht zum erfreulichen Bilde geworden; Kniep wird einen Umriss auch hier nicht fehlen lassen.

Girgent, Donnerstag den 26. April 1787
Als ich erwachte war Kniep schon bereit mit einem Knaben, der ihm den Weg zeigen und die Pappen tragen sollte, seine zeichnerische Reise anzutreten. Ich genoss des herrlichsten Morgens am Fenster, meinen geheimen, stillen aber nicht stummen Freund an der Seite. Aus frommer Scheu habe ich bisher den Namen nicht genannt des Mentors, auf den ich von Zeit zu Zeit hinblicke und hinhorche; es ist der treffliche von Riedesel, dessen Büchlein ich wie ein Brevier oder Talisman am Busen trage. Sehr gern habe ich mich immer in solchen Wesen bespiegelt, die das besitzen, was mir abgeht und so ist es grade hier: ruhiger Vorsatz, Sicherheit des Zwecks, reinliche, schickliche Mittel, Vorbereitung und Kenntnis, inniges Verhältnis zu einem meisterhaft Belehrenden, zu Winckelmann; dies alles geht mir ab und alles übrige, was daraus entspringt. Und doch kann ich mir nicht feind sein, daß ich das zu erschleichen, zu erstürmen, zu erlisten suche, was mir während meines Lebens auf dem gewöhnlichen Wege versagt war. Möge jener treffliche Mann in diesem Augenblick mitten in dem Weltgetümmel empfinden, wie ein dankbarer Nachfahr seine Verdienste feiert, einsam in dem einsamen Orte, der auch für ihn so viel Reize hatte, daß er sogar hier, vergessen von den Seinigen und ihrer vergessend, seine Tage zuzubringen wünschte.

Nun durchzog ich die gestrigen Wege mit meinem kleinen geistlichen Führer, die Gegenstände von mehrern Seiten betrachtend und meinen fleißigen Freund hie und da besuchend.

Auf eine schöne Anstalt der alten mächtigen Stadt machte mich mein Führer aufmerksam. In den Felsen und Gemäuermassen, welche Girgent zum Bollwerk dienten, finden sich Gräber, wahrscheinlich den Tapfern und Guten zur Ruhestätte bestimmt. Wo konnten diese schöner, zu eigener Glorie und zu ewig lebendiger Nacheiferung beigesetzt werden!

In dem weiten Raume zwischen den Mauern und dem Meere finden sich noch die Reste eines kleinen Tempels, als christliche Kapelle erhalten. Auch hier sind Halbsäulen mit den Quaderstücken der Mauer aufs schönste verbunden, und beides ineinander gearbeitet; höchst erfreulich dem Auge. Man glaubt genau den Punkt zu fühlen, wo die dorische Ordnung ihr vollendetes Maß erhalten hat.

Manches unscheinbare Denkmal des Altertums ward obenhin angesehen, sodann mit mehr Aufmerksamkeit die jetzige Art, den Weizen unter der Erde in großen ausgemauerten Gewölben zu verwahren. Über den bürgerlichen und kirchlichen Zustand erzählte mir der gute Alte gar manches. Ich hörte von nichts was nur einigermaßen in Aufnahme wäre. Das Gespräch schickte sich recht gut zu den unaufhaltsam verwitternden Trümmern.

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Die Schichten des Muschelkalks fallen alle gegen das Meer. Wundersam von unten und hinten ausgefressene Felsbänke, deren oberes und vorderes sich teilweise erhalten, so daß sie wie herunterhängende Fransen aussehen. Hass auf die Franzosen, weil sie mit den Barbaresken Frieden haben und man ihnen Schuld gibt sie verrieten die Christen an die Ungläubigen.

Vom Meere her war ein antikes Tor in Felsen gehauen. Die noch bestehenden Mauern stufenweis auf den Felsen gegründet. Unser Cicerone hieß Don Michael Vella, Antiquar, wohnhaft bei Meister Gerio in der Nähe von St. Maria.

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Die Puffbohnen zu pflanzen, verfahren sie folgendermaßen: sie machen in gehöriger Weite voneinander Löcher in die Erde, darein tun sie eine Hand voll Mist, sie erwarten Regen, und dann stecken sie die Bohnen. Das Bohnenstroh verbrennen sie, mit der daraus entstehenden Asche waschen sie die Leinwand. Sie bedienen sich keiner Seife. Auch die äußern Mandelschalen verbrennen sie und bedienen sich derselben statt Soda. Erst waschen sie die Wäsche mit Wasser und dann mit solcher Lauge.

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Die Folge ihres Fruchtbaus ist Bohnen, Weizen, Tumenia, das vierte Jahr lassen sie es zur Wiese liegen. Unter Bohnen werden hier die Puffbohnen verstanden. Ihr Weizen ist unendlich schön. Tumenia, deren Namen sich von bimenia oder trimenia herschreiben soll, ist eine herrliche Gabe der Ceres: es ist eine Art von Sommerkorn, das in drei Monaten reif wird. Sie säen es vom ersten Januar bis zum Juni, wo es denn immer zur bestimmten Zeit reif ist. Sie braucht nicht viel Regen, aber starke Wärme, anfangs hat sie ein sehr zartes Blatt, aber sie wächst dem Weizen nach und macht sich zuletzt sehr stark. Das Korn säen sie im Oktober und November, es reift im Juni. Die im November gesäte Gerste ist den ersten Juni reif, an der Küste schneller, in Gebirgen langsamer.

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Der Lein ist schon reif. Der Akanth hat seine prächtigen Blätter entfaltet. Salsola fruticosa wächst üppig.

Auf unbebauten Hügeln wächst reichlicher Esparsett. Er wird teilweis verpachtet und bündelweis in die Stadt gebracht. Ebenso verkaufen sie bündelweis den Hafer, den sie aus dem Weizen ausgäten.

Sie machen artige Einteilungen mit Rändchen in dem Erdreich, wo sie Kohl pflanzen wollen, zum Behuf der Wässerung.

An den Feigen waren alle Blätter heraus, und die Früchte hatten angesetzt. Sie werden zu Johanni reif, dann setzt der Baum noch einmal an. Die Mandeln hingen sehr voll; ein gestutzter Karubenbaum trug unendliche Schoten. Die Trauben zum Essen werden an Lauben gezogen, durch hohe Pfeiler unterstützt. Melonen legen sie im März, die im Juni reifen. In den Ruinen des Jupiter-Tempels wachsen sie munter ohne eine Spur von Feuchtigkeit.

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Der Vetturin aß mit größtem Appetit rohe Artischocken und Kohlrabi; freilich muss man gestehen, daß sie viel zärter und saftiger sind als wie bei uns. Wenn man durch Äcker kommt, so lassen die Bauern z. B. junge Puffbohnen essen, soviel man will.

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Als ich auf schwarze, feste Steine aufmerksam ward, die einer Lava glichen, sagte mir der Antiquar: sie seien vom Ätna, auch am Hafen oder vielmehr Landungsplatz stünden solche.

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Der Vögel gibt's hierzulande nicht viel: Wachteln. Die Zugvögel sind: Nachtigallen, Lerchen und Schwalben. Rinnine, kleine schwarze Vögel, die aus der Levante kommen, in Sizilien hecken und weiter gehen oder zurück. Ridene, kommen im Dezember und Januar aus Afrika, fallen auf dem Akragas nieder und dann ziehen sie sich in die Berge.

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Von der Vase des Doms noch ein Wort. Auf derselben steht ein Held in völliger Rüstung, gleichsam als Ankömmling, vor einem sitzenden Alten der durch Kranz und Szepter als König bezeichnet ist. Hinter diesem steht ein Weib, das Haupt gesenkt, die linke Hand unter dem Kinn; aufmerksam-nachdenkende Stellung. Gegenüber hinter dem Helden ein Alter, gleichfalls bekränzt, er spricht mit einem spießtragenden Manne, der von der Leibwache sein mag. Der Alte scheint den Helden eingeführt zu haben und zu der Wache zu sagen: laßt ihn nur mit dem König reden, es ist ein braver Mann.

Das Rote scheint der Grund dieser Vase, das Schwarze darauf gesetzt. Nur an dem Frauengewande scheint Rot auf Schwarz zu sitzen.

Girgent, Freitag den 27. April 1787
Wenn Kniep alle Vorsätze ausführen will, muß er unablässig zeichnen, indes ich mit meinem alten kleinen Führer umherziehe. Wir spazierten gegen das Meer, von woher sich Girgent, wie uns die Alten versichern, sehr gut ausgenommen habe. Der Blick ward in die Wellenweite gezogen, und mein Führer machte mich aufmerksam auf einen langen Wolkenstreif, der südwärts, einem Bergrücken gleich, auf der Horizontallinie aufzuliegen schien: dies sei die Andeutung der Küste von Afrika, sagte er. Mir fiel indes ein anderes Phänomen als seltsam auf; es war aus leichtem Gewölk ein schmaler Bogen, welcher mit dem einen Fuß auf Sizilien aufstehend, sich hoch am blauen, übrigens ganz reinen Himmel hinwölbte und mit dem andern Ende in Süden auf dem Meer zu ruhen schien. Von der niedergehenden Sonne gar schön gefärbt und wenig Bewegung zeigend, war er dem Auge eine so seltsame als erfreuliche Erscheinung. Es stehe dieser Bogen, versicherte man mir, gerade in der Richtung nach Malta und möge wohl auf dieser Insel seinen andern Fuß niedergelassen haben, das Phänomen komme manchmal vor. Sonderbar genug wäre es, wenn die Anziehungskraft der beiden Inseln gegeneinander sich in der Atmosphäre auf diese Art kund täte.

Durch dieses Gespräch ward bei mir die Frage wieder rege: ob ich den Vorsatz Malta zu besuchen aufgeben sollte? Allein die schon früher überdachten Schwierigkeiten und Gefahren blieben noch immer dieselben und wir nahmen uns vor unsern Vetturin bis Messina zu dingen.

Dabei aber sollte wieder nach einer gewissen eigensinnigen Grille gehandelt werden. Ich hatte nämlich auf dem bisherigen Wege in Sizilien wenig kornreiche Gegenden gesehen, sodann war der Horizont überall von nahen und fernen Bergen beschränkt, so daß es der Insel ganz an Flächen zu fehlen schien und man nicht begriff wie Ceres dieses Land so vorzüglich begünstigt haben sollte. Als ich mich darnach erkundigte, erwiderte man mir: daß ich, um dieses einzusehen, statt über Syrakus, quer durchs Land gehen müsse, wo ich denn der Weizenstriche genug antreffen würde. Wir folgten dieser Lockung, Syrakus aufzugeben, indem uns nicht unbekannt war, daß von dieser herrlichen Stadt wenig mehr als der prächtige Name geblieben sei. Allenfalls war sie von Catania aus leicht zu besuchen.

Caltanisetta, Sonnabend den 28. April 1787
Heute können wir denn endlich sagen, daß uns ein anschaulicher Begriff geworden wie Sicilien den Ehrennamen einer Kornkammer Italiens erlangen können. Eine Strecke nachdem wir Girgent verlassen fing der fruchtbare Boden an. Es sind keine großen Flächen, aber sanft gegeneinander laufende Berg- und Hügelrücken, durchgängig mit Weizen und Gerste bestellt, die eine ununterbrochene Masse von Fruchtbarkeit dem Auge darbieten. Der diesen Pflanzen geeignete Boden wird so genutzt und so geschont daß man nirgends einen Baum sieht, ja, alle die kleinen Ortschaften und Wohnungen liegen auf Rücken der Hügel, wo eine hinstreichende Reihe Kalkfelsen den Boden ohnehin unbrauchbar macht. Dort wohnen die Weiber das ganze Jahr, mit Spinnen und Weben beschäftigt, die Männer hingegen bringen zur eigentlichen Epoche der Feldarbeit nur Sonnabend und Sonntag bei ihnen zu, die übrigen Tage bleiben sie unten und ziehen sich nachts in Rohrhütten zurück. Und so war denn unser Wunsch bis zum Überdruß erfüllt, wir hätten uns Triptolems Flügelwagen gewünscht, um dieser Einförmigkeit zu entfliehen.

Nun ritten wir bei heißem Sonnenschein durch diese wüste Fruchtbarkeit und freuten uns in dem wohlgelegenen und wohlgebauten Caltanisetta zuletzt anzukommen, wo wir jedoch abermals vergeblich um eine leidliche Herberge bemüht waren. Die Maultiere stehen in prächtig gewölbten Ställen, die Knechte schlafen auf dem Klee, der den Tieren bestimmt ist, der Fremde aber muss seine Haushaltung von vorn anfangen. Ein allenfalls zu beziehendes Zimmer muss erst gereinigt werden. Stühle und Bänke gibt es nicht, man sitzt auf niedrigen Böcken von starkem Holz, Tische sind auch nicht zu finden.

Will man jene Böcke in Bettfüße verwandeln, so geht man zum Tischler und borgt so viel Bretter als nötig sind, gegen eine gewisse Miete. Der große Juchtensack, den uns Hackert geliehen, kam diesmal sehr zu gute und ward vorläufig mit Häckerling angefüllt.

Vor allem aber mußte wegen des Essens Anstalt getroffen werden. Wir hatten unterwegs eine Henne gekauft, der Vetturin war gegangen Reis, Salz und Spezereien anzuschaffen, weil er aber nie hier gewesen, so blieb lange unerörtert, wo denn eigentlich gekocht werden sollte? wozu in der Herberge selbst keine Gelegenheit war. Endlich bequemte sich ein ältlicher Bürger, Herd und Holz, Küchen- und Tischgeräte gegen ein billiges herzugeben und uns, indessen gekocht würde, in der Stadt herumzuführen, endlich auf den Markt, wo die angesehensten Einwohner nach antiker Weise umhersaßen, sich unterhielten und von uns unterhalten sein wollten.

Wir mussten von Friederich dem Zweiten erzählen und ihre Teilnahme an diesem großen Könige war so lebhaft, daß wir seinen Tod verhehlten, um nicht, durch eine so unselige Nachricht, unsern Wirten verhaßt zu werden.

Quelle:
Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise (Goethe, Samtliche Werke. Münchner Ausgabe, Bd. 15) München: Hanser 1992. Hier S. 335-349. Kommentar S.1042-1051.

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2. Auszüge aus alten Reisebeschreibungen
mit Bildern von Postkarten

In Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen die Text der angegebenen Vorlage. Nur offensichtliche Druckfehler werden korrigiert. Zur besseren Orientierung dienen Überschriften der Textauszüge und gliedernde Absätze.

Das heutige Agrigento wurde bis 1927 Girgenti, in der Antike Akragas genannt.

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Oben: Un saluto da Girgenti. E.V.Via Brera 18-20, Milano No 270.Links: Sicilia. Rechts: Tempio di  Giunone Lacina. Adressseite, Stempel: Nicolò Cucinotta Catania. Poststempel 1899. Gelaufen. Adressseite ungeteilt.
Mitte: Girgenti - Panorama dai Templi. 5020. Adressseite: Edizioni Fratelli Diena - Torino. Nicht gelaufen.
Unten: Girgenti, Grand-Hôtel des Temples, le ... Tempio della Concordia. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.

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Ich hatte das ganze Wesen der alten Stadt schon aus den Fenster des Herrn Raimondi übersehen, steckte also den folgenden Morgen mein Morgenbrot in die Tasche, und ging hinunter in die ehemaligen Herrlichkeiten der alten Akragantiner. Was kann eine Rhapsodie über die Vergänglichkeit aller weltlichen Größe helfen? Ich sah da die Schutthaufen und Steinmassen des Jupiterstempels, und die ungeheuern Blöcke von dem Tempel des Herkules, wie nämlich die Antiquare glauben; denn ich wage nicht, etwas zu bestimmen. Die Trümmern waren mit Ölbäumen und ungeheuern Karuben durchwachsen, die ich selten anderswo so schön und groß gesehen habe. Sodann gingen wir weiter hinauf zu dem fast ganzen Tempel der Konkordia. Das Wetter war frisch und sehr windig. Ich stieg durch die Celle hinauf, wo mir mein weiser Führer folgte, und lief dann oben auf dem steinernen Gebälke durch den Wind mit einer nordischen Festigkeit hin und her, daß der Agrigentiner, der doch ein Mauleseltreiber war, vor Angst blaß ward, an der Zelle blieb und sich niedersetzte. Ich tat das nämliche mitten auf dem Gesims, bot den Winden Trotz, nahm Brot und Braten und Orangen aus der Tasche, und hielt ein Frühstück, das gewiß Scipio auf den Trümmern von Karthago nicht besser gehabt hat. Ich konnte mich doch einer schauerlichen Empfindung nicht erwehren, als ich über die Stelle des alten, großen, reichen Emporiums hinsah, wo einst nur ein einziger Bürger unvorbereitet vierhundert Gäste bewirtete, und jedem die üppigste Bequemlichkeit gab. Dort schlängelt sich der kleine Akragas, welcher der Stadt den Namen gab, hinunter in die See; und dort oben am Berge, wo jetzt kaum noch eine Trümmer steht, schlugen die Karthager, und das Schicksal der Stadt wurde nur durch den Mut der Bürger und die Deisidämonie des feindlichen Feldherrn aufgehalten. Wo jetzt die Stadt steht, war vermutlich ehemals ein Teil der Akropolis. Nun ging ich noch etwas weiter hinauf zu dem Tempel der Juno Lucina [Juno Lacinia] und den übrigen Resten, unter denen man mehrere Tage sehr epanorthotisch hin und her wandeln könnte. Die systematischen Reisenden mögen Dir das Übrige sagen; ich habe keine Entdeckungen gemacht. Der jetzige König hat einige Stücke wieder hinauf auf den Konkordientempel schaffen lassen, und dafür die schöne alte Front mit der pompösen Inschrift entstellt: Ferdinandus IV. Rex Restauravit. Ich hätte den Giebel herunterwerfen mögen, wo die kleinliche Eitelkeit stand.

Quelle:
Johann Gottfried Seume. Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Hrsg. und kommentiert von Albert Meier. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1985, S. 128f.

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Girgenti, mit historischem Rückblick auf Akragas

Das jetzige Girgenti liegt nicht an der Stelle des alten Akragas oder Agrigents, sondern etwas höher an den Bergen hinauf; es ist ein unbeschreiblich elender und schmutziger Ort, durchaus ohne alle Spur von der alten Pracht und Herrlichkeit. Freilich hat aber auch die Stadt, seit ihrer ersten Eroberung durch den ältern Hannibal, so viele widerwärtige Schicksale gehabt, ist von allen in Sizilien Krieg führenden Partheien, ohne Ausnahme, bis auf die Sarazenen und Normannen herab, erobert und mehr oder minder zerstört worden, so dass man sich fast verwundern möchte, wie nur noch das, was wirklich vorhanden ist, der Zerstörung hat entgehen können.

Die alte Stadt muss indessen, den Berichten der Schriftsteller zufolge, sehr gross, und unermesslich reich gewesen sein. Sie hatte zu den Zeiten des Empedokles, der von hier gebürtig war, achtmalhundert tausend Einwohner (wahrscheinlich mit Inbegriff der Umgebungen), und unter diesen war Wohlleben und selbst Schwelgerei so gewöhnlich, dass sie darin der übrigen Welt zum Sprichworte dienten.

Bekannt ist der Einzug eines Agrigentiners in die Stadt, der als Sieger aus den olympischen Spielen heimkehrte, und von dreihundert Wagen, deren jeder mit zwei weissen Rossen bespannt war, begleitet wurde. Ein Anderer (ich wollte, er lebte noch jetzt) hatte Diener an allen Thoren der Stadt, welche die ankommenden Fremden zu ihm führen mussten, die er dann prächtig bewirthen liess; einmal trafen an einem und demselben Tage fünfhundert Reiter bei ihm ein. Wieder ein Anderer illuminirte die ganze Stadt, als er die Hochzeit seiner Tochter feierte, und bewirthete alle Einwohner; das Gefolge der Braut bestand aus mehr als achthundert Wagen.

Eine lustige Geschichte ist die mehrerer jungen Leute, welche bei einem fröhlichen Mahle ziemlich viel getrunken haben, und als sie aufstehen, sich nicht so recht mehr auf den Füssen erhalten können, sondern hin und her schwanken und gegen einander taumeln. Dadurch kommen sie auf den seltsamen Gedanken, dass sie sich auf dem Meere befänden und Sturm hätten, und diese Vorstellung gewinnt so sehr bei ihnen die Oberhand, dass sie, um in der drigenden Noth das Schiff möglichst zu erleichtern, anfangen, das kostbare Tischgeräthe, die goldnen Trinkgefässe, die Ruhepolster, und endlich selbst die Tische zu den Fenstern hinauszuwerfen: zur grossen Freude und Belustigung des unten auf der Strasse versammelten Volks, welches sich natürlich die so über Bord geworfenen Sachen sogleich zueignet.

Durch einen solchen Lebenswandel waren aber auch die Agrigentiner so sehr verweichlicht, dass während der karthaginensischen Belagerung der Befehl an alle, zur Vertheidigung der Stadt auf die Wache ziehenden Bürger gegeben werden musste, nicht mehr Sachen mitzunehmen, als eine Matratze, eine Decke, ein Kopfkissen und zwei andere Kissen, was den Leuten ein sehr hartes Gebot däuchte. Darum konnte denn auch wohl eine solche Stadt den Feinden nur geringen Widerstand leisten, und musste damals und nachher, die Beute jedes Eroberers werden.

Quelle:
Justus Tommasini: Briefe aus Sizilien. Berlin und Stettin, in der Nicolaischen Buchhandlung 1825, S. 148-150. (Digitalisierung durch Google)

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Oben: 68 Girgenti - Panorama della Rupe d'Atene. Libreria Reber - Palermo. Nicht gelaufen.
Unten: Girgenti. Panorama della Citta. Signet Dr. Trenkler Co., Lipsia. 20753. Stempel: Giuseppe La Lumia Caramazza. Fermo Posta Girgenti. Briefmarke und Poststempel. Adressseite ungeteilt. Handschriftlich datiert 1903. Stempel wie auf Bildseite.  -
Zur graphischen Kunstanstalt Dr. Trenkler & Co. in Leipzig siehe den Eintrag in Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Dr._Trenkler_&_Co.

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Umstände des Reisens

Der Hafenbeamte, als er gehört, dass in der Speronara sich: "Forestieri di gran merito" (Fremde von grosser Bedeutung) befänden, hatte die Aufmerksamkeit gehabt, mehrere Esel mitzubringen, auf denen wir den steilen Weg nach dem 1100 Fuss über dem Meere liegenden Girgenti zurücklegten. Rechts sah man das Grabmal des Theron, weiterhin die schönen Tempel; aber wir eilten nach der schlechten Nacht in's Quartier zu kommen. Die Sonne brannte immer heisser, und auf der Höhe des Berges erhob sich ein heftiger Sturm, der allen Staub der engen unsaubern Stadt uns entgegen jagte. Das einzige Wirthshaus war ganz besetzt, wir mussten nach einem entfernten Privathause ziehen; auch hier kein Unterkommen, bis wir endlich dem Wirthshause gegenüber ein Paar schlechte Zimmer ohne alle Meubles erhielten; ein Tisch und einige Stühle wurden mit Mühe erobert, auf dem Boden eine grosse Streu bereitet, weil es gänzlich an Betten fehlte – kurz, der Eintritt in Girgenti war keinesweges angenehm, und zeigte nur zu deutlich, wie wenig man auf den Empfang der "Forestieri", geschweige denn der "Forestieri di gran merito", eingerichtet sei. Wie sehr wünschten wir, dass Gellias, jener Bürger des alten Agrigent, eine würdige Nachkommenschaft hinterlassen, von dem erzählt wird, dass er an jedem Thore einen Sklaven gehalten, um die ankommenden Fremden zu sich einzuladen und prächtig zu bewirthen.

Nun hätte zwar Cesarotti gar leicht ein Empfehlungsschreiben an einen Notabeln der Stadt hervorziehen, und ihn um Herberge bitten können, wo dann die sicilische Gastfreundschaft sich gewiss nicht verläugnet haben würde; aber die dadurch bedingte Abhängigkeit hat auch so viel Lästiges und Beengendes, dass es ein stillschweigendes Uebereinkommen unserer kleinen Reisegesellschaft ist, zu diesem letzten Mittel nur in der äussersten Noth zu greifen. Mit leichtem Sinn, gutem Muth und ein wenig Philosophie lassen sich viele Unbequemlichkeiten überwinden, und die goldne Freiheit wird bewahrt. (Ein armer französischer Maler in Rom pflegte sich bei allen Fusstritten des Schicksals durch die Phrase zu trösten: "avec un peu de philosophie on trouve remède à tout.")

Wir blieben also in den schlechten Stuben, hatten aber, besonders in der Nacht, von allerlei Gewürm auszustehen, wogegen die sonst gewöhnlichen Mittel nichts verschlagen wollten; zuletzt musste der Gedanke Trost geben, dass Girgenti südlicher liegt, als die Nordspitze von Afrika; in solchen Breiten muss man sich etwas gefallen lassen. Die Milch zum Kaffee wird frisch von den Ziegen gemolken, die mit Tagesanbruch in grossen Heerden durch die Stadt gehen. Der Hirt bläst auf einem Hörnchen von eigenthümlichem feinen Klange, der sich fest in die Seele prägt, und immer angenehm den Morgenschlummer unterbricht, weil sich der Gedanke des Frühstückens daran knüpft.

In den ersten Tagen konnten wir nicht zu den alten Tempeln hinabsteigen, denn nach so vielem guten Wetter sollten wir auch einmal die Ungunst des Himmels erfahren; es stürmte und regnete fast unablässig, wenige rasch verschwindende Sonnenblicke dazwischen; das Meer, welches man von vielen Punkten der Stadt aus sehen kann, zeigte keine Spur des schönen Blau's; mit schweren Wolken überhangen, hatte es ein dickes Grau angenommen, und sah recht abscheulich aus.

Der Aufenthalt in den elenden Stuben war höchst unangenehm, da man hier so sehr auf ein Leben in freier Luft angewiesen ist; doch entschädigte uns die Bekanntschaft mit einem angesehenen Geistlichen der Stadt, dem Ciantro Panitteri, der als der Mäcenas von Girgenti angesehen wird. Er verwendet sein ansehnliches Vermögen größtentheils auf Kunstsachen, eine Eigenschaft, die in Sicilien immer seltener wird. Auf seinen Aeckern vor der Stadt hat er Nachgrabungen angestellt, und mehrere schöne Statuen gefunden, die auf seinem Landhause bewahrt werden; das Bedeutendste ist aber eine vorzügliche Sammlung antiker Vasen, die meisten von ganz ausgezeichneter Schönheit, fast alle mit mythologischen und andern Darstellungen geziert. (Jetzt in München den Königl. Sammlungen einverleibt.)

Quelle:
G. Parthey: Wanderungen durch Sicilien und die Levante. Erster Theil: Sicilien, Malta. Berlin, in der Nicolai'schen Buchhandlung 1834, S. 95-97. (Digitalisierung durch Google)

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Nicht weniger echt Sicilianisch war das zahlreiche Personale unserer Dienerschaft. Die Alterthümer besuchten wir an der Hand eines alten Kerls, mit Namen Don Antonio, der sich Direktor d'Antichitâ nannte; dem Aeußern nach schien er freilich nicht das Direktorium über einen Thaler zu haben, wiewohl er es sich über alle Tempel dieser alten Republik kühnlich angemaßt hatte, doch kannte er gewiß in ganz Girgenti die Alterthümer noch am besten; nur schlimm, daß er auf alle Fragen nichts zu antworten wußte, als "Signor Cavaliere, eccellenza, penserò io" d.h. dafür will ich sorgen. Oft pflegte er seinen Lohn nach dem Werth der vorhandenen Reste der Tempel zu bestimmen. Den Tempel der Juno Lucina, dieses stupende Stück Antiquität konnte er nicht unter fünf Tari zeigen, dagegen verlangte er für den Tempel des Castor und Pollux, von dem nur noch eine Säule stehe, beynahe gar nichts. Unser Bediente, Don Innozenzio gestikulirte wie ein Wahnsinniger, und Mittags und Abends kam der Spenditore, d.h. Ausgeber, mit seinen Jungen gezogen, beyde in braune, wie eine Zielscheibe durchlöcherte Mäntel gehüllt, und von oben bis unten wie Schornsteinfeger rußigt, um uns mit ihren zarten Händen unsere Speise zu reichen. Außer diesen waren noch mehrere andere Personen, z.B. ein Koch und dgl. in unsern Dienst verwickelt.

Quelle:
August Wilhelm Kephalides: Reise durch Italien und Sicilien. Erster Theil. Leipzig, bey Gerhard Fleischer d. Jüng. 1818, S. 272. (Digitalisierung durch Google)

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Duomo
Sarkofago del Re Ippolito

1. Bild von oben: Girgenti - Duomo. 7895 Garcini e Pezzini - Milano - 1906. Prop. esclus. A. Formica - Girgenti. Nicht gelaufen. - Duomo: Goethes Hauptkirche, Kathedrale.
2. Bild von oben: Girgenti. Sarkofago del Re Ippolito. Stengel & Co., Dresda e Berlino. 13037. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.
3. Bild von oben: Girgenti. Sarcofago Federa Madrigna d'Ippolito. Adressseite: 25293 E. Libr. Cart. San Gerlando. Nicht gelaufen.
4. Bild von oben: Girgenti. Sarcofago greco nella Cattedrale. Römmler & Jonas. Dresden 14516 gina. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.

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"das schönste Basrelief, welches in Marmor
aus dem Altertum erhalten worden"

Da ich denselben Tag auszuruhen nöthig hatte, so begnügte ich mich das Merkwürdigste in der Stadt zu besehen. Ich gieng in die Domkirche, wo ich in dem jezigen Taufsteine eines der herrlichsten, und vielleicht das schönste Basrelief erblickte, welches in Marmor aus dem Altertum bis in unsere Zeiten erhalten worden. Beurtheilen Sie solches ja nicht nach denen Zeichnungen des d'Orville (1) und des Pater Pancrazi (2); zerreissen Sie vielmehr diese elende Abbildungen der herrlichsten Stücke der Schönheit des Altertums.

Dieser Taufstein ist in den Gräbern der alten Stadt Agrigentum gefunden worden, und stellet auf seinen vier Saiten verschiedene Figuren und Arbeit vor. Die vorderste Seite, welche vermuthlich en Face in dem Grade stand, enthält neun Figuren: Der Held, die Hauptfigur, ist ein Altorilievo, oder 3/4 hoch erhaben; alles, was das Alterthum von schönen Formen und Ideen bis zu unsern Zeiten erhalten, ist an ihr zu finden; man siehet einen der schönsten Menschen, aber nicht einen gemeinen, sonder von der Natur zu besondern Unternehmungen bestimmten Sterblichen; er ist über die andern Figuren erhaben, grösser als dieselben, schöner, vollkommener, kurz ein Meisterstück der Natur, und ihrer Nachahmerin, der Kunst. Die übrigen Figuren, welche seine Gefehrten vorstellen, sind ebenfalls Meisterstücke von Richtigkeit in denen Proportionen und schönen Formen; aber weniger schön als die Hauptfigur: Die alte Frau, welche den Helden zu bitten scheinet, ist etwas klein in Vergleichung der übrigen Figuren, aber doch in ihrer Art vollkommen.

Auf der rechten Seite dieser Urne ist die Figur, welche ohnmächtig sinket, eine der schönsten Frauenspersonen, welche die Kunst bilden, und das Profil des Gesichtes so vollkommen und harmonisch, also ein Sterblicher solches sich vorstellen kann; die Arme, besonders der ausgestreckte und von einer der Nymphen oder Gefehrten unterstützte, ist ein Meisterstück, und ein Muster der höchsten Schönheit; die Gewänder sind so schön, edel und ungezwungen, als solche zu erdenken sind, und die Stellungen vortreflich.

Die hintere Seite stellet eine Jagd vor, wo drey Mannspersonen, eine mit einem Spiesse, eine andere mit einem aufgehobenen grossen Steine, und eine zu Pferde mit einem Wurfspiesse ein grosses wilden Schwein zu verwunden suchen: Diese Arbeit ist schlecht und unendlich weit unter der von der vordern Seite. Die vierte und, en Face betrachtet, linke Nebenseite ist von gleichem Styl, wie die hintere Seite in niedriger und wenig erhobener Arbeit ausgeführt, und stellet einen von der Quadriga gefallenen Menschen auf der Erde liegend vor; ein andrer suchet die vier Pferde, welche scheu und wild vorgestellt sind, aufzuhalten; und mit Mühe sieht man ein Ungeheuer, welches einem Drachen gleichet, in dem Winkel dieser Seite, das die Pferde erschrecket. [...]

Nachdem ich diese Urne lange mit Aufmerksamkeit betrachtet hatte, blieb ich zweifelhaft, ob solches die Geschichte des Hyppolitus und seiner Stiefmutter Phedra, oder des Hectors welchen Achilles an seinem Wagen schleppet, vorstellen soll? Die erstere Meynung kommt mir jedoch wahrscheinlicher vor; alsdann würde die vordere Seiten den Hyppolit vorstellen, welchen die Amme, nach dem Trauerspiel, zu bereden suchet, in der Hauptfigur und der alten kleinen Frau; die Nebenseite die Bestürzung der Phedra nach erhaltener Nachricht der Verschmähung oder des Todes Hyppolits; die hintere Seiten den jungen Helden auf der Jagd, und die linke Nebenseite den unglücklichen Tod desselben durch Bestürzung seiner Pferde über einen aus dem Meere erschienenen Drachen.

Ich will meine Meynung nicht behaupten; vielleicht hat das Trauerspiel im Griechischen, oder im Französischen des Racine, mich verführet, und diese Einbildung verursachet: Allein mich dünket, daß viel Uebereinstimmung mit dieser Geschichte in dem Basrelief sey.

Anmerkungen:
(1) Jacob Philipp d'Orville besuchte Sizilien 1727. Der Reisebericht erschien auf Latein posthum 1764.
(2) Giuseppe-Maria Pancrazi: Antichità Siciliane Spiegate colle Notizie Generali di questo Regno. 2 volumes. Naples: Alessio Pellecchia 1751-1752. 2°

Quelle:
[Johann Hermann von Riedesel:) Reise durch Sicilien und Großgriechenland. Seinem Freunde Winkelmann zugeeignet. Zürich, bey Orell, Geßner, Füeßlin und Comp. 1771, S. 32-36. (Digitalisierung durch Google)

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Oben: Girgenti - Cappella di Falaride. Adressseite: 941 - Ed. L. Bianchetta, Lib. e Cart. - Girgenti. Signet. Nicht gelaufen.
Unten. 3 Bilder: Tempio detto della Concordia. Tempio di Giunone Lacinia. Avanzi del Tempio di Castore e Polluce. Adressseite: Hôtel Belvedere, Girgenti. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.

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Ich hatte das ganze Wesen der alten Stadt schon aus den Fenster des Herrn Raimondi übersehen, steckte also den folgenden Morgen mein Morgenbrot in die Tasche, und ging hinunter in die ehemaligen Herrlichkeiten der alten Akragantiner. Was kann eine Rhapsodie über die Vergänglichkeit aller weltlichen Größe helfen? Ich sah da die Schutthaufen und Steinmassen des Jupiterstempels, und die ungeheuern Blöcke von dem Tempel des Herkules, wie nämlich die Antiquare glauben; denn ich wage nicht, etwas zu bestimmen. Die Trümmern waren mit Ölbäumen und ungeheuern Karuben durchwachsen, die ich selten anderswo so schön und groß gesehen habe. Sodann gingen wir weiter hinauf zu dem fast ganzen Tempel der Konkordia. Das Wetter war frisch und sehr windig. Ich stieg durch die Celle hinauf, wo mir mein weiser Führer folgte, und lief dann oben auf dem steinernen Gebälke durch den Wind mit einer nordischen Festigkeit hin und her, daß der Agrigentiner, der doch ein Mauleseltreiber war, vor Angst blaß ward, an der Zelle blieb und sich niedersetzte. Ich tat das nämliche mitten auf dem Gesims, bot den Winden Trotz, nahm Brot und Braten und Orangen aus der Tasche, und hielt ein Frühstück, das gewiß Scipio auf den Trümmern von Karthago nicht besser gehabt hat. Ich konnte mich doch einer schauerlichen Empfindung nicht erwehren, als ich über die Stelle des alten, großen, reichen Emporiums hinsah, wo einst nur ein einziger Bürger unvorbereitet vierhundert Gäste bewirtete, und jedem die üppigste Bequemlichkeit gab. Dort schlängelt sich der kleine Akragas, welcher der Stadt den Namen gab, hinunter in die See; und dort oben am Berge, wo jetzt kaum noch eine Trümmer steht, schlugen die Karthager, und das Schicksal der Stadt wurde nur durch den Mut der Bürger und die Deisidämonie des feindlichen Feldherrn aufgehalten. Wo jetzt die Stadt steht, war vermutlich ehemals ein Teil der Akropolis. Nun ging ich noch etwas weiter hinauf zu dem Tempel der Juno Lucina [Juno Lacinia] und den übrigen Resten, unter denen man mehrere Tage sehr epanorthotisch hin und her wandeln könnte. Die systematischen Reisenden mögen Dir das Übrige sagen; ich habe keine Entdeckungen gemacht. Der jetzige König hat einige Stücke wieder hinauf auf den Konkordientempel schaffen lassen, und dafür die schöne alte Front mit der pompösen Inschrift entstellt: Ferdinandus IV. Rex Restauravit. Ich hätte den Giebel herunterwerfen mögen, wo die kleinliche Eitelkeit stand.

Quelle:
Johann Gottfried Seume. Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Hrsg. und kommentiert von Albert Meier. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1985, S. 128f.

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Tempio della Concordia

1. Bild von oben, Adressseite: Agrigento -Serie Artistica. N. 24 - Agrigento. Tempio della Concordia dalla valle dei templi. Edizione del Museo Civico. Vera Fotografia. Gelaufen. Datiert und Poststempel 1933.
2. Bild von oben, Adressseite: Primavera Classica Nei Templi di Agrigento. 9-27 Maccio 1928. Alto patronato di S. E. Mussolini. Direzione artistica Ettore Romagnoli. 30 - Agrigento - Il Tempio di Giunone visto dalla Valle dei Templi. Grafia - Roma. Edizione dei Museo Civico Archeologico. Gelaufen. Datiert 1933.
3. Bild von oben: Girgenti. Tempio della Concordia. Adressseite: Fotografia Artistika G. Crupi, Taormina. Gelaufen. Poststempel 1911.
4. Bild von oben: Girgenti - Tempio detto della Concordia. Adressseite: 2871. Nicht gelaufen.
5. Bild von oben: Girgenti. Tempio detto della Concordia. 6372 - Garzini e Pezzini - Milano - 1905 (?). Nicht gelaufen. Handschriftlich: 1904. Adressseite ungeteilt.
6. Bild von oben: Girgenti. Tempio detto della Concordia. Signet. Dr. Trenkler Co., Lipsia - da fot. Politi. 4064. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.
7. Bild von oben: Girgenti. Tempio della Concordia. Adressseite: Fotografia Artistica G. Crupi, Taormina. Nicht gelaufen.
8. Bild von oben: Girgenti - Tempio della Concordia. Adressseite: 25294 - Ed. Lib. Cart. San Gerlando. Nicht gelaufen.
9. Bild von oben, Adressseite: Agrigento -Serie Artistica. N. 28 - Agrigento. Tempio della Concordia (lato Nord-Est). Edizione del Museo Civico. Vera Fotografia. Nicht gelaufen.

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Agrigent als Trümmerstätte

Spuren von alten Bauwerken, Grundmauern, Ziegel und dergleichen finden sich fast an allen Stellen; jeder Weinberg wird alljährlich beim Umgraben der Fundort von Münzen, geschnittenen Steinen, Vasen etc.; dadurch sind die halbwissensden Ciceroni veranlasst worden, jedes Gebäude, von dem in den alten Schriftstellern Erwähnung geschieht, mit untrüglicher Gewissheit nachzuweisen, wenn wir auch Kunde haben, dass es bald nach seiner Entstehung gänzlich untergegangen sei. Wollten wir ihnen glauben, so hätten wir das ganze alte Agrigent übrig, noch vor der Zerstörung durch die Punier im Jahre 404 v. Chr. So ist der Feuerheerd in einem Häuschen, nicht weit von der Kathedrale, die Tempelstufe des Zeus Policus [?], die Kathedrale selbst ist an die Stelle eines uralten Tempels getreten, in dem die Pallas und der Zeus Atabyrios zusammen verehrt wurden; so schleppte man uns nach einem Stollen im Berge an der Westseite der Stadt, der vom Dädalus angelegt sein soll. Dass die jetzige Strasse zu den Tempeln hinab die alte via sepulcralis (Gräberstrasse) sein soll, lässt man sich eher gefallen, aber schwerlich wird man in den versandeten unzugänglichen Felslöchern zu beiden Seiten des Weges die heitere Pracht der alten Gräber erkennen, besonders wenn man im Sinne hat, welchen unbeschreiblich würdigen Eindruck die Gräberstrasse in Pompeji dem Gemüthe zurücklässt. So muss eine Vertiefung zwischen mehreren Hügeln den grossen Fischteich von 7 Stadien im Umfange und 20 Ellen Tiefe darstellen, den die Agrigentiner durch gefangene Karthager erbauen liessen, obgleich dieser schon bei der Belagerung durch Himilkon zerstört wurde. Ein anderer schmaler Stollen im Felsen, nicht viel grösser als der sogenannte Dädalische, und eben so kunstlos gearbeitet, wird für den Bau eines alten agrigentinischen Architekten Phäax ausgegeben, obgleich wir wissen, dass dieser, der längern Dauer wegen, mit behauenen Steinen baute.

Quelle:
G. Parthey: Wanderungen durch Sicilien und die Levante. Erster Theil: Sicilien, Malta. Berlin, in der Nicolai'schen Buchhandlung 1834, S. 115 f. (Digitalisierung durch Google)

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Tempio di Giunone Lacinia

1. Bild von oben: Girgenti. Tempio di Giunone Lacinia. Signet. Dr. Trenkler Co., Lipsia - da fot. Politi. 4059. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.
2. Bild von oben: Girgenti - Tempio di Giunone Lacinia. Signet. Dr. Trenkler Co, Lipsia - da fot. Politi. 4059. nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.
3. Bild von oben: 5024. Girgenti - Tempio di Giunone e Lucina. Adressseite: Imprimé en Italia. Nicht gelaufen.
4. Bild von oben: Agrigento di [geschwärzt: Ercole] Giunone Lacina. Adressseite: 30425 21 21 a Editore Francesco Vitellaro. Nicht gelaufen.

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Spazierritt zu den Tempeln

Eine Adresse hatte uns die Bekanntschaft mit dem unterrichteten, gefälligen und um die Girgentischen Alterthümer verdienten Manne, dem Advokaten Lo Presti, verschafft. Er erbot sich selbst zu unserm Führer, und wir ritten in seiner Gesellschaft an einem schönen Nachmittage zu den Tempeln herab. ─ Der Weg zu ihnen ist sehr ungleich, oft steinigt, oft Hohlweg, öfters von Bäumen umgeben und nur auf der letzten viertel oder halben Miiglie anziehend, wo man zuerst den freyer stehenden Concordientempel erblickt. ─ Fremd und hinreißend ist der Anblick der zartgeformten durchbrochenen Masse. Ein sanfter Dunstschleyer, durch welchen die glühende gelbbraune Steinfarbe der Säulen schimmerte, bedeckte die Schattenseite. Der ganze Rand, auf dem einst das Dach ruhte, war wie vergoldet, und Himmel und Meer umschlossen als ein lichter, aber mattgehaltener Grund das hervorstechende Bild. ─ Das Ganze hat in seiner jetzigen Form, wo von dem Dach nur die Giebelspitze der einen schmalen Seite zu sehen ist, das Ansehn eines schadhaft gewordenen gigantischen Sarkophags, der auf einer freundlichen Anhöhe zwischen Oel- und Mandelbäumen aufgerichtet steht. ─ Erhöht wurde die Wirkung auf's Auge durch einen hinter den beschatteten Säulen in die Cella schräg hereinfallenden Lichtstrahl. ─

Nicht minder reizend ist der röthliche Hügel, wo ebenfalls von Bäumen leicht umgeben, der Tempel der Diana [Juno] Lacinia steht. Seine auf der schmalen Abendseite isolirt hervorragenden Säulenreste gleichen jetzo Malsteinen eines Heldengrabes. – Unter allen Tempeln Agrigents hat dieser der Diana [Juno; bis heute können einige Tempel nicht sicher zugeordnet werden] vielleicht die vorzüglichste Lage, und die Stelle ist schon an und für sich anziehend. – Von der mit drey Stufen erhöhten kleinen Terrasse, die auf der Morgenseite an das Frontispice stößt – genießt man der sanften Aussicht auf's Meer und der von Gela herkommenden Küste. – Durch den steinigten Grund im Thale unter dem Felsen fließt – einem verronnenen Quellenbache gleich, melancholisch wie die Sage der Vorzeit – der Drago – der ehmalige Akragas – und die auf dem abgebrochenen Abhang über einander geworfenen, mit Moos und Epheu bedeckten Trümmer sind von hohen Oliven beschattet. – Lo Presti hat mit vieler Sorgfalt und Einsicht so viel von jenen Trümmern aufzurichten gesucht, als möglich war, und ihm ist es zu danken, daß man auf der längern gegen Norden gekehrten Seite – jetzo mehrere Säulen wieder mit dem darüber liegenden Architrav vereinigt sieht. – Seine Leidenschaft für die Sache theilte sich selbst seinen Maurern mit, zu denen er tagtäglich, so lange die Arbeit dauerte, hinuntereilte, damit alles sorfältig, genau und dauerhaft gemacht würde. – So nur ist man jetzo im Stande, sich eine deutlichere Idee von dem ganzen Tempel zu verschaffen, und mich dünkt, daß Diejenigen Unrecht hatten, die diese mit großen Schwierigkeiten zu Stande gebrachte Arbeit ein bloßes Flickwerk genannt haben.

Vom Dianentempel gingen wir dem Rande der Felsenerhöhung nach, zu jenem der Concordia. Alte Felsengräber, zwischen denen nun Oelbäume wachsen, hat man auf der einen und die Meeresaussicht auf der andern Seite. – Dieses im Ganzen noch so schön erhaltene Gebäude mit seinen bey der Abendbeleuchtung glühenden Farben, und die Aussicht zur Seite hinaus in die duftigen Berge und auf die hochgelegene, über reiche Baumgründe, Gärten, Felder und einzelne Wohnungen sich erhebende Stadt, ist einzig in seiner Art, und hat zu allen Tageszeiten unbeschreiblich anziehenden Reiz. – Es wäre überflüssig, zu den Nachrichten, die von diesem Tempel sich in jeder Reisebeschreibung, namentlich in Dorville [1] finden, etwas hinzuzusetzen, und mit aller Schilderung läßt sich doch keine anschauliche Idee von der Herrlichkeit dieses Anblicks und dem Genuß der Betrachtung aller seiner einzelnen Theile geben. Uebrigens ist er in seiner ganzen Form dem Pästum'schen größern Tempel sehr gleich. Nur die Säulen sind höher und schlanker, und das Ganze steht leichter und freyer da, auf der einen Seite auf dem Felsen, auf der andern auf einer majestätischen Fundamentmauer ruhend. Auch hier hat Lo Presti Mehreres, das ganz verfallen war, wieder hergestellt, z.B. eine kleine Stiege, die innerhalb einer der beyden Eckpilaster der Cella auf's Gesimse führt. – Durch seine Vorsorge ist eine strenge Strafe auf jede Verletzung dieser geheiligten Mauern gesetzt. – Dennoch hatten einige Landleute, wenige Monate vor unserer Ankunft, in der Hoffnung, einen Schatz zu finden, der nach einer Volkssage hier liegen sollte, mit großer Mühe das Fundament in der Mitte des Tempels aufgebrochen, und noch sah man die Spuren der vergeblichen Mühe. –

Etwas weiter hinaus, fast in der gleichen Richtung, lag der Tempel der Giganten [des Jupiter / Zeus], von dem zwischen Feigengebüsch und anderm niedern Gesträuch jetzo nur ein überwachsener Haufen unförmlicher Trümmer zu sehen ist.

Wenige Schritte davon, tiefer und ausserhalb der bisher verfolgten Linie, ist die Stelle, wo der ungeheuere Jupiterstempel stand. Lange war von ihm nicht viel mehr zu sehen, als von den zuletzt genannten. Lo Presti hat mit den wenigen Mitteln, die ihm zu Gebote standen – er erhielt in Allem von dem Oberaufseher der sizilischen Alterthümer, Torremuzza, 900 Unzen – sich auch an diese herkulische Arbeit gewagt, und nach und nach das ganze Fundament dieses gewaltigen Baues von dem darüber liegenden Schutt befreyt. Von dem ganzen Plan und allen einzelnen Theilen, die sich fanden, verfertigte er genaue Risse und Zeichnungen. Unter den hervorgegrabenen Fragmenten war ein Säulenstück, woran ein paar Hohlkehlen sich erhalten hatten, welche die von Diodor gemachte Beschreibung bekräftigten. Eben so ließ ein weiblicher kolossaler Kopf, der zu dem bekannten Basrelief gehört, auf das ungeheuere Verhältniß des Ganzen schliessen. Die Züge dieses Kopfs waren sehr undeutlich geworden, aber die griechische Form konnte man nicht verkennen. An einer Ecke des Fundaments lag ein stark beschädigtes, aber als Ganzes noch ziemlich erhaltenes Kapitell –wie ein herabgestürztes Gebirgfelsenstück. Mittelst dieser Fragmente hatte Lo Presti die genauesten Messungen vornehmen können, die er sämmtlich, nebst den andern Zeichnungen, dem Monsignor  Monarsia Airoldi in Palermo, als damaligen Aufseher über die sizilischen Alterthümer, zusandte. –

Von allen andern in der Gegend des alten Agrigents vorhanden gewesenen Tempeln ist wenig oder nichts zu sehen übrig. Den Maler interessiren jetzt nur die beyden zuerst genannten. Die Abendluft war, indeß wir bey der letzten Ruine, an deren Aufgrabung noch gearbeitet wurde, verweilten, so feucht geworden, daß wir Ursache hatten, an die Rückkehr zu denken, und wir eilten auf dem kürzesten Wege zur Stadt zurück.

Anmerkungen:
(1) Jacob Philipp d'Orville besuchte Sizilien 1727. Der Reisebericht erschien auf Latein posthum 1764.

Quelle:
Carl Graß: Sizilische Reise oder Auszüge aus dem Tagebuch eines Landschaftmalers. Erster Theil. Stuttgart und Tübingen, in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1815, S. 126-131. (Digitalisierung durch Google)

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Der sog. Tempel der Iuno Lacinia in Akragas
(Koldewey / Puchstein: Die griechischen Tempel.
Bd. II, Tafel 27)

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Vier Tempel in einer Linie an der Stadtmauer

Die vier Tempel [Juno, Condordia, Herkules, Jupiter] lagen genau in einer Linie von Osten nach Westen an der südlichen Stadtmauer des alten Agrigents, die sich längs dem Rücken der gedachten Erhöhung hinzog. Gegen das Meer ist auch diese Anhöhe wild abgerissen, und hinabgestürzte Felsblöcke zeugen auch hier von gewaltsamen Veränderungen; zugleich aber diente dieser steile Abhang der Stadt zur natürlichsten Vertheidigung und einige glauben, daß die Agrigentiner ihre Tempel eben deshalb an die Mauer baueten, um durch ihre Heiligkeit die Wuth stürmender Feinde abzuhalten, und die Unverletzlichkeit jener auf diese übergehen zu lassen.

Eine der göttlichsten Ruinen in ganz Europa ist ohne Zweifel der erste Tempel in der östlichen Ecke, den man gewöhnlich nach Juno Lucina [oder Lacinia] benennt. Mit großer Pracht erscheint er schon von fern auf der Höhe, während man sich noch durch den Segen des reichen Thales zu ihm hinauf windet; und hier besonders kann man die große Wirkung bewundern, die diese schlanken, frey und klar dastehenden und durch keine Ornamente vermummten Säulen hervor bringen. Dieser Tempel von zwey und funfzig Schritt Länge, und drey und zwanzig Breite, steht offenbar den meisten bedeutendern Kirchen an Größe nach, und dennoch würde selbst der St. Peter, auch wenn er eine minder elende Vorderseite hätte, kleinlich an der Stelle eines so einfachen Gebäudes aussehen. So wie indeß die Alten beständig bemüht waren nur die äußere Form am schönsten und reinsten darzustellen, selten aber das Innere des Gemüths sehr lebhaft auffaßten; wie die herrlichsten Umrisse ihrer Marmorbilder niemals den pathologischen Ausdruck Rafaelischer Köpfe und die unergründliche Seele der Madonnenaugen wieder geben; so scheint es auch, daß man nur allein vor der äußern Majestät dieser griechischen Götterhäuser niederfallen und anbeten könne, die Seele aber keinesweges in ihrem kleinen, bedrückten und kerkerähnlichen Innern, wie in unsern gothischen Kirchen durch strebende Säulen und hohe Spitzgewölbe, empor gehoben wurde. Freilich wenn die Heiligkeit unserer Gotteshäuser besonders von dem magischen Dunkel, das viele den gothischen Gewölben zuschreiben, abhinge; so müßte die ägyptische Nacht dieser heidnischen Tempel, welche gewöhnlich nur durch das sparsame, gelegentlich zur Thür hereindringende, Licht und Lampen erleuchtet wurden, eine unendlich größere Wirkung hervor gebracht haben. Die Alten hüllten, gleich allen Heiden, wie die wichtigste Masse ihrer religiösen Ideen, so auch das Innere ihrer Tempel in mystisches Dunkel. [...]

Innerhalb der Colonnaden war im länglichen Viereck die sogenannte Cella aufgebaut, mit ringsum dichten Mauern, und oben durch ein plattes Dach zugedeckt; da nun überdieß, außer dem Raum zwischen den Säulen und der Mauer der Cella, in dieser auch noch im Vorder- und Hintergrunde zwey bis drey kleinere Abtheilungen angebracht waren: so liegt am Tage, daß für den freien Raum der Cella nicht einmal die Hälfte der ganzen Tempellänge und Breite übrig blieb; folglich mußte das Ganze ein düsterer, kerkermäßiger Kasten seyn, bey diesen, schon größeren, Gebäuden in Girgenti etwa fünf und zwanzig Schritt lang und zehen höchstens breit. Die Opfer geschahen bekanntlich im Pronaos oder der Vorhalle, sonst würde auch die Cella eine scheußlich stinkende Garküche geworden seyn; indeß haben die Tempel durchaus nicht alle dieselbe Einrichtung, so wenig als die Theater; das Tauromenitanische ist z.B. gänzlich von dem Pompejanischen verschieden. [...]

Der Junotempel steht auf einer aus ungeheuern Quadern, ohne Mörtel, terrassenförmig erbauten Substruktion, die wenigstens so hoch ist, als ein Stockwerk eines gewöhnlichen Hauses. Alle Tempel haben sechs Säulen in die Breite, und dreyzehn, die Ecksäulen doppelt gezählt, in die Länge, welches Verhältniß bekanntlich die Griechen für das passendste hielten. [...]

Der Eingang in den Tempel führt über sehr hohe Stufen; wie denn überhaupt die Alten niemals verstanden bequeme Treppen zu bauen. Am Eingang in die Halle liegen gleichfalls Treppen, deren Zweck aus den im Concordientempel an derselben Stelle angebrachten klar ist. Sie führen auf den Dachboden des Gebäudes. Den ganzen Tempel nämlich sammt dem ihn umgebenden Säulencorridor deckte ein plattes Dach, über welchem ein zweytes etwas spitz zulaufendes, doch oben wieder plattes Dach gedeckt war, wie dieß die Gestalt der wohlerhaltenen Giebel am Concordientempel beweist; in demselben waren Oeffnungen angebracht, die theils dazu dienten Licht in den Dachboden des Tempels zu bringen, theils auch selbst in diesen Zwischenraum hinein zu steigen. Im Hintergrunde ist die Cella durch eine Mauer quer durchschnitten, und der abgeschnittene kleine Theil stand durchaus mit der übrigen Cella in keiner Verbindung, sondern in diesen engen Raum muß ein besonderer Eingang von der entgegengesetzten Seite der Cella geführt haben. Vielleicht war dieß das Adyton oder das Allerheiligste. Übrigens war der Tempel, ringsum im Viereck, von einer Mauer umgeben, und vor dem Haupteingang desselben sieht man große Substruktionen, wie Sitzreihen, zu welchen auch von der Seite besondere Aufgänge führen. Vermuthlich dienten diese Sitze für das zahlreichere Volk bei besonderen Feierlichkeiten. Die Werkstücke sind ohne Mörtel, und doch hat man in spätern Zeiten hin und wieder welchen hinein geschmiert. Die dreyzehn Säulen der Nordseite stehen unversehrt.

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Der sog. Tempel der Concordia
(Koldewey / Puchstein: Die griechischen Tempel,
Bd. II, Tafel 25)

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[Vier Tempel in einer Linie an der Stadtmauer, Fortsetzung] Der darauf folgende Concordientempel ist früher zu einer Kirche des heil. Gregors gemacht, und daher fast ganz erhalten worden; nur sind die Mauern der Cella modern nebst einigen Theilen des Daches; und jene sind bogenförmig durchbrochen, wie sie die Alten nie hatten. Sonst ist an Bauart und Größe dieser Tempel ganz genau dem vorigen gleich. Um die größern Werkstücke z.B. der Architraven in die Höhe zu heben, schnitten die Alten an zwey gegenüber stehende Seiten derselben eine ziemlich tiefe Falze in Gestalt eines Halbzirkels, so daß natürlich ein zapfenförmiges Stück des Steinblocks hervorragte, um welches das Tau, in die Falze hinein gelegt, herumgeschlungen wurde; dieß geschah auf der gegenüber stehenden Seite gleichfalls, nun hob man den Block, schob ihn an seinen Gesellschafter fest an, indem das zapfenförmige Stück nicht über die Fläche des Steines hervorragte, und zog das Seil aus der Falze heraus, oder man pflegte auch eine Vertiefung in Gestalt eines Trapeziums, dessen kleinere parallele Seite oben liegt, in den Block zu meißeln, schon in diese in diese drey feste Hölzer (beinah wie Stiefelhölzer) jenen zu heben; lag das Werkstück an seiner Stelle, so wurde das mittlere Holz, welches blos dazu diente, seine beyden Nachbarn in die Winkel zu drängen, herausgezogen und so gewannen jene Platz gleichfalls ihre Stelle zu verlassen.

Der diesem letzten zunächst liegende Tempel des Herkules ist ein wüster Haufe kolossaler Ruinen von wild verwachsenem Gesträuch umgeben. Weit ordentlicher und klarer dagegen sind die Trümmer des Jupitertempels, des größten, den nach Diodors Aussage das Alterthum hatte. Man unterscheidet ganz gut das Plateau auf dem die Cella stand, und die ungeheuern Substruktionen. Er ward bekanntlich niemals vollendet, sondern gerade als das Dach aufgesetzt werden sollte, von den Karthagern zerstört. Die Länge von hundert und fünfzig Schritt kommt mit den drey hundert und vierzig Fuß des Diodor ziemlich genau überein; ein Gebäude also, das halb so lang wie der St. Peter war, setzte das ganze Alterthum in Erstaunen. Und dennoch mag er schwerlich ein so imposantes Aeußere, selbst als weniger große Tempel gehabt haben, da die Größe seiner durch Zwischenmauern verbundenen Riesensäulen unmöglich so gewaltig wirken konnte, als wenn sie frey gestanden hätten. Die Säulen standen nach außen zu im Halbzirkel von zwanzig Fuß Umkreis, aus der Mauer heraus, und in ihren Riefen konnte wirklich, was jener alte Scribent behauptet, ein menschlicher Körper stehen. Inwendig im Tempel traten die Säulen viereckig, wie Pilaster, von zwölf Fuß im Durchmesser, heraus; wir maßen etwa fünf Schritt, welches also ziemlich genau mit der alten Angabe zusammen stimmt. Die Trümmer der Tempel erstrecken sich noch an fünfzig Schritt weit westlich über seine eigentliche Gränze hinaus. Die Breitenangabe des Diodor von sechzig Fuß scheint sich blos auf den innern Raum der Cella zu beziehen, denn sie steht erstlich mit der Länge in gar keinem Verhältniß, indem gewöhnlich die Breite fast die Hälfte der Länge ist und der Augenschein beweist, daß der Tempel an sechszig Schritt, also über ein hundert und zwanzig Fuß, welches Verhältniß zu hundert und funfzig Schritt ungefähr passen würde, in der Breite hatte. Der Tempel hatte inwendig drey Schiffe, und jedes war zwanzig Schritt breit, welches noch deutlich zu erkennen.

Auf den Säulen, deren Höhe der trajanischen zu Rom von hundert und zwanzig Fuß gleich kam, standen Giganten als Caryatiden, und da man noch heute die Reste derselben findet, so nennt das Volk diesen Tempel "Gigantentempel." Es ist indeß die Frage, ob diese Gigantentrümmer nicht vielmehr Ueberreste der an der östlichen Seite des Tempels einst im Bassorelievo [?] dargestellten Gigantomachie seyen. Die Ruinen selbst müssen die größten Veränderungen erlitten haben, und vermuthlich ist ein großer Theil der Steinblöcke weggeschleppt worden, sonst könnte das mittlere Plateau nicht so frey stehen, und es müßten sich weit mehr Trümmer vorfinden, als gegenwärtig um die Seiten herum liegen; wie denn auch der Molo des Girgentiner Hafens aus einem Theil der Trümmer erbaut ist; die Reste des weit kleineren Herkulestempels bilden einen völligen Hügel, so wie sie wild durch einander gestürzt sind.

Die Mauer, an welcher die vier Tempel liegen, ist noch stückweise zu sehen; sie war theils aus Werkstücken aufgeführt, theils in natürlichen Fels gehauen. In der Mauer selbst sind Begräbnisse angebracht ganz nach der Form der Columbarien, nur mit dem Unterschiede, daß zwey Oeffnungen unter der großen, halbzirkelförmigen Wölbung neben einander liegen, die Gestalt eines länglichen Vierecks haben, und so groß sind, daß sie die ganzen Körper aufnehmen konnten; folglich dienten sie nicht zu Aschenbehältern, wie die Columbarien, sondern waren wirkliche Gräber. Ferner sieht man in der Stadtmauer Ueberbleibsel einer alten Wohnung, die vielleicht ein Soldatenquartier war. Nicht weit davon liegt ein antiker halb verschütteter Brunnen oder Wasserbehälter, er hat ganz die Gestalt einer weitbauchigen, in einen engen Hals zusammen laufender Bouteille; auf dem Minervenhügel ist ein gleicher zu sehn.

Quelle:
August Wilhelm Kephalides: Reise durch Italien und Sicilien. Erster Theil. Leipzig, bey Gerhard Fleischer d. Jüng. 1818, S. 273-275. (Digitalisierung durch Google)

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Oben:
Stereoskop-Karte. Ohne Angaben.

Unten:
Girgenti. Panorama di Giove 8600
Giorgio Sommer (1834-1914) - Napoli
(europeana)

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Jupiter- oder Gigantentempel

"Es war schon beynahe an dem, sagt Diodor, daß der Tempel des olympischen Jupiters bedeckt werden sollte, da der Krieg dazwischen kam: von der Zeit an sind die Agrigentiner, da ihre Stadt zerstöret worden, nie vermögend gewesen, den Bau zu vollenden. Dieser Tempel ist 360 Fuß lang, 60 breit und 120 hoch, ohne die Fundamente mitzurechnen. Er ist der größte aller auf der Insel befindlichen Tempel, und verdienet wegen der Majestät der Anlage mit den vornehmsten auswärtigen verglichen zu werden. Denn obschon dieser Bau die Vollführung nicht erreicht hat, so siehet man wenigstens noch jetzt, welcher große Plan dabey befolgt worden. Da einige z.B. ihre Tempel bloß von den Wänden umgeben lassen, andere dieselben mit Säulen einfassen, so zeigen sich hier beyde Bauarten vereiniget; indem sich zugleich mit den Mauern, Säulen erheben, die von außen runder, von innen viereckiger Form sind. Auswärts ist der Umfang derselben 20 Fuß, die Reiffen sind so weit, daß sich ein Mensch bequem darein stellen kann; inwendig ist der Umfang 12 Fuß.

Die Größe und Höhe der Hallen erregen Erstaunen. An dem östlichen Theile derselben siehet man den Kampf der Riesen vorgestellt: eine vortreffliche Bildhauerarbeit, sowohl in Absicht auf die Größe, als die Zierlichkeit. (Man hat noch lange nach der Zerstörung des Tempels die Rümpfe dieser Riesen unter den Trümmern bemerkt, endlich aber sind sie ganz verloren gegangen.) Gegen Abend ist der Untergang der Stadt Troja abgebildet, und ein jeder der dabey aufgetretenen Helden, so wie sie uns aus der Ueberlieferung beschrieben werden, überaus natürlich und von der Kunst nachgeamt."

[...] Ich wünschte, die Grösse von St. Peter in Rom und die Verhältnisse mit diesem Tempel vergleichen zu können: Daß der letztere prächtiger und schöner in das Auge gefallen, glaube ich ganz gewiß, und nichts kann majestätischer als dieses Gebäude erdacht werden. Stellen Sie sich, mein Freund, die Grösse der Säulen, die zierliche Form des Tempels, welche weit schöner als ein Creutz, dem St. Peter gleichet, ist; die Ansicht des ganzen Gebäudes, die Festigkeit in den Pilastern, die schöne Bildhauerarbeit, wovon Diodorus redet, und welche jezo völlig zerstöret ist, kurz alles zusammengenommen vor, so glaube ich, daß ein viel edlers Gebäude als St. Peter in Rom in Ihrer Einbildung entstehen wird. Nach der Proportion des Trygliphes müßte der Tempel, von dem Fusse der Säulen bis an die Spitze der Cornische, 150. Palme hoch gewesen seyn.

Quellen:
[Johann Hermann von Riedesel:] Reise durch Sicilien und Großgriechenland. Seinem Freunde Winckelmann zugeeignet. Zürich, bey Orell, Geßner, Füeßlin und Comp. 1771, S. 45-49 (Digitalisierung durch Google).
Übersetzung Diodors ins Deutsche: Joh. Bernoulli: Zusätze zu den neuesten Nachrichten von Italien. Leipzig, bey Caspar Fritsch 1782, S. 152-154. (Digitalisierung durch Google)

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Tempel des Jupiter Olympos bei Agrigent

Chromolithografie [? - so bezeichnet in der Quelle]. Unten links: Dessiné par Cockerell, unten rechts: gravé par Hégui. Unten mittig: Restauration d'un des Géants du Temple du Jupiter Olympien à Agrigente.

Quelle:
Winckelmann - Das göttliche Geschlecht. Auswahlkatalog zur Ausstellung im Schwulen Museum Berlin 2017. Hrsg. von Wolfgang Cortjaens. Kat. 30. ISBN 978-3-7319-0585-1

Zum Archäologen Charles Robert Cockerell (1788-1863) siehe den Eintrag in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Robert_Cockerell

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Zunächst kam ich vor ein hohes weites Viereck, das ein mächtiger Festungswall zu sein schien. Als ich seine Höhe erklommen, fand sich inwendig ein grüner Anger, und in der Mitte lag eine Steinfigur mit Mohrengesicht, zerbrochen und verwittert, aber so riesig groß, als hätten Cyklopen hier das Steinbild ihres Gottes niedergelegt, und ringsum zu seiner Wehre aus ungeheuren Steinblöcken den Wall gethürmt. Es bezeichnet dieser Wall aber nur die Viereckslinie, auf welcher sich einst der Tempel des olympischen Zeus erhob, und das Riesenbild war nur eine der vierzehn Karyatiden, welche wahrscheinlich von innen die Gebälke der Mauern trugen, fünf auf jeder Lang- zwei auf jeder Querseite. Jetzt sind die kolossalen Werkstücke und Halbsäulen, welche die Tempelwände bildeten, in langen Reihen übereinander gestürzt. Das Dach war damals noch nicht fertig. Außerdem wurden die kleineren Werkstücke sämmtlich zum Bau des neuen Molo am Meere weggeführt. Wenn man nur ein paar der Steinlängen, die über- und durcheinander liegen, sich zusammengefügt denkt oder wenn man nach Verhältniß des Halbmessers, den noch ein Kapitälstück angiebt, sich das Kapitäl und die Säule darunter ergänzt vorstellt, so wächst der Tempel im Geiste sofort über alles denkbare Maß hinaus. Es ist vollkommen wahr, was Diodor erzählt: in eine Rinne der kannelirten Säulen kann sich ein Mann hineinstellen, wenigstens bis an die Ellenbogen.

Warum aber bauten die Alten mit so kolossalen ungefügen Werkstücken? Weil das Bauwerk nimmer wieder zerbröckeln sollte. Und warum überhaupt errichteten sie solche riesenhafte Tempel? Aus demselben heiligen und auch wohl stolzen Gefühle, welches unseren Vorfahren die gewaltigen Umrisse ihrer Dome eingab. Die Alten hatten es aber viel schwerer mit solchen Bauten. Es ging viele Zeit und Arbeit, es gingen Menschen und Zugthiere darauf, ehe wieder ein paar solcher Werkstücke mit unvollkommenem Hauzeug aus den Steinbrüchen losgeeiset, und auf ganz rohen Wagen und schlechten Straßen bis zum Bauplatz geschleppt wurden. Bei der geringsten Ebbe in der Stadtkasse stockte wieder die Arbeit, und wurde erst in glücklicheren Jahren wieder aufgenommen.

Quelle:
Franz Löher: Sizilien und Neapel. Erster Theil: Sizilien. München, E. A. Fleischmann's Buchhandlung 1864, S. 181 f. (Digitalisierung durch Google)

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[Der Besucher steigt] zu den Trümmern des  Zeustempels hinan (Tempio di Giove; gleichfalls innerhalb einer Mauer; der Kustode in dem Hause daneben schließt auf), eines Kolossaltempels in dorischem Stil, der schon von Diodor genau beschrieben wurde, jetzt ein gewaltiger Trümmerhaufen; in der Mitte am Boden ein aus den Riesenblöcken wieder zusammengesetzter 7,75 m hoher (die Formen des reifen Archaismus zeigender) Telamon (diese nackten Riesen, die die Stadt Girgenti in ihr Wappen aufnahm, standen ursprünglich, 38 an der Zahl, in den Wänden der Cella; sie waren inwendig mit den mächtigen Pfeilern, die das Dach trugen, als Deckenstützen verbunden. Der Tempel hatte 14 kannelierte Halbsäulen an jeder Langseite, die Ecksäulen inbegriffen, und 7 Halbsäulen an jeder Front; es fehlte der gewöhnliche Säulenumgang, denn die Säulen sind außen halb von einer Mauer umschlossen (die nach innen Pilaster zeigt). Der Tempel war also ein Pseudoperipteros; die Seitenwände liegen noch zum großen Teil in ihrer ursprünglichen Ordnung außen am Boden. Der Raum über der Cella stand wohl offen, war hypäthral. Wo die Tempeltür war, ist nicht sicher; vielleicht im W., weil sich hier Stufenreste finden.

Der Tempel des Zeus Olympios (das Olympieion) ist der einzige Tempel von Akragas, dessen Name völlig sicher ist. Er wurde nach dem großen Sieg bei Himera (480 v. Chr.) begonnen, als die karthagischen Gefangenen die Arbeiter lieferten. Durch die karthagische Eroberung der Stadt (406 v. Chr.) wurde der Bau für immer unterbrochen. Seine Länge (mit den Stufen) beträgt 110,80, die Breite 55,70, die Höhe der Halbsäulen mit Kapitell 16,83 m. Die Hohlkehlen sind so breit und tief, daß ein Mensch sich hineinstellen kann. Diodor berichtet, daß auf der Ostseite der Gigantenkampf dargestellt war in großen, vortrefflichen Hochreliefs, auf der Westseite die Eroberung Trojas. ─ Bis zum Jahr 1401 war der Tempel im wesentlichen gut erhalten; im 18. Jahrh. wurde ein Teil der Trümmer für den Bau des Hafens verwendet.

Quelle:
Unteritalien und Sizilien von Dr. Th. Gsell Fels (Meyers Reisebücher) 4. Aufl. Leipzig: Bibliographisches Institut o.J. (Vorwort 1902), S. 292.

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Tempel des Herkules / Herakles

1. Bild von oben: Girgenti. Rovine del Tempio d'Ercole. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.
2. Bild von oben: Girgenti - Rovine del Tempio d'Ercole. Nicht gelaufen.
3. Bild von oben: Girgenti. Avanzi del Tempio di Volcano. Handschriftlich: Im Hintergrund Tempel des Herkules. Signet. Dr. Trenkler Co., Lipsia - da fot. Politi. 4062. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.
4. Bild von oben. Adressseite: Primavera Classica Nei Templi di Agrigento. 9-27 Maccio 1928. Alto patronato di S. E. Mussolini. Direzione artistica Ettore Romagnoli. 16 - Agrigento -  Tempio di Ercole. Grafia - Roma. Edizione dei Museo Civico Archeologico. Nicht gelaufen.
5. Bild von oben. Adressseite: Agrigento. Serie Artistica. N. 37 - Agrigento. Tempio di Ercole. Vera Fotografia. Nicht gelaufen.

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Der sog. Tempel des Hercules in Akragas
(Koldewey / Puchstein: Die griechischen Tempel.
Bd. II, Tafel 24)

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Ich kehrte zurück und am Wallviereck des Olympions vorbei zum nächsten Trümmerberg, über welchem noch eine Prachtsäule ohne Haupt sich trauernd erhebt. Hier lagen die Säulen, wie zu Selinunt, in Reih und Glied dahin gestreckt, ihre Stücke natürlich aus den Fugen gerissen. In diesem Tempel stand das überaus schöne Erzbild des Herkules. Die Agrigenter hatten es mit eisernen Bändern schwer auf seinem Altar befestigt. Prätor Verres aber schickte Nachts bei Wind und Wetter seine Sklaven mit Brecheisen, sie rissen die Pforten auseinander, schlugen die Tempelwache nieder, und arbeiteten eiligst mit Eisen und Stricken, den Herkules herunter zu reißen. Doch das Wehgeschrei der flüchtenden Priester scholl durch die Stadt, Alles gerieht in Aufruhr, Alt und Jung strömte mit Waffen herbei, die Räuber konnten dem Steinhagel nicht Stand halten und machten, daß sie fort kamen. Andern Morgens lief der Witz durch die Stadt: der glorreiche Herkules habe unter den Ungeheuern nun auch den Verres besiegt.

Die schönen Trümmer des Herkulestempel sind jetzt mit Zwergpalmen, Kräutern und Blumen überwachsen. Ich unterschied Ginster und Rosen, Wicken und Malven, Salbei und Löwenmaul, die gelbe Todtenblume und die hellrothe Klatschrose, und eine Art Nesseln mit blauen Blüthen. Die Trümmerstücke verschwanden öfter hier in rother, dort in blauer oder gelber Fluth. Niemals, auch in amerikanischen Prairien und Wäldern nicht, habe ich wilde Blumen so dicht, so kräftig und glanzvoll sich drängen sehen, als zwischen den sizilischen Säulenstücken. Dieser kleine Erdenfrühling wuchert fröhlich fort, ihm konnte das Erdbeben, das allein diese Riesentempel zu Boden riß, nichts anhaben.

Quelle:
Franz Löher: Sizilien und Neapel. Erster Theil: Sizilien. München: E. A. Fleischmann's Buchhandlung 1864, S. 183f. (Digitalisierung durch Google)

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Heraklestempel, aus dem Ende des VI. Jahrhunderts. Von seinen 38 (6 : 15) Säulen sind acht der Südseite im J. 1923 wiederaufgerichtet worden, vier mit Kapitell. Die Mitte stellte der jetzige Eigentümer der Villa Aurea, der Engländer Captain A. Hardcastle zur Verfügung, der nunmehr auch die Säulen der Südseite aufrichten läßt. Der hintere Teil der Cella zeigt Dreiteilung aus römischer Zeit. In dem Tempel soll das berühmte Bild der Alkmene von Zeuxis und die Bronzestatue des Herakles gestanden haben, die Verres vergeblich zur Nachtzeit zu rauben versuchte. 42 m östl. Reste des Brandopferaltars.

Quelle:
Unteritalien. Sizilien. Sardinien, Malta, Tripolis, Korfu. Handbuch für Reisende von Karl Baedeker. 16. Aufl. Leipzig: Karl Baedeker 1929, S. 355.

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Tempel Castor und Pollux

Der sog. Tempel des Castor und Pollux hatte wahrscheinlich 34 (6 : 13) Umgangssäulen. Die Hauptteile gehören dem v. Jahrh. an, das Kranzgesims ist wesentlich jünger; an dem Gebälk sind Reste von Stuck und Bemalung erhalten. Der ganze Unterbau ist 1928 ausgegraben worden.

Quelle:
Unteritalien. Sizilien. Sardinien, Malta, Tripolis, Korfu. Handbuch für Reisende von Karl Baedeker. 16. Aufl. Leipzig: Karl Baedeker 1929, S. 357.

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Dioskurentempel (Tempio di Castore e Polluce), ein von Cavallari 1860 aufgerichteter malerischer Tempelrest, von dem sich vier dorische Säulen (der NW.-Ecke) mit dem Gebälk nebst dem entsprechenden Giebelstück erhalten haben (der obere Teil des Hauptgebälks stammt von einem ältern, aus dem 4. Jahrh. stammenden Gebäude). Es war ein Hexastylos Peripteros mit 13 Säulen an den Langseiten und je 6 an den Fronten, sämtlich mit 20 Kannelüren; Säulen und Gebälk sind mit feinem Stuck bekleidet, worauf farbige Dekorationen aufgetragen waren. Die Länge des Tempels samt den stufen betrug 34 m, die Breite 15,50, die Länge der Cella 24, 25, die Breite 5,70, die Säulenhöhe mit Kapitell 6,45, der Säulendurchmesser 1,18 m. Die Cella war wahrscheinlich hypäthral.

Quelle:
Theodor Gsell Fels: Unteritalien und Sizilien (Meyers Reisebücher) 4. Aufl. Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut o.J. [Vorwort 1902], S. 293.

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Tempio di Castore e Polluce

1. Bild von oben: Girgenti - Avanzi del Tempio di Castore e Polluce. A. Formica - Girgenti. Adressseite: 7892 Garzini e Pezzini - Milano - 1906. Nicht gelaufen.
2. Bild von oben. Adressseite: Agrigento. Tempio di Castore e Polluce e panorama. Rechts unten: Libreria Luigi Bianohetta - Agrigento. Nicht gelaufen.
3. Bild von oben. Adressseite: Agrigento. Serie Artistica. N. 1 - Agrigento. Tempio dei Dioscuri e recinto sacro. Edizione del Museo Civico. Vera Fotografie. Gelaufen. Datiert. 1935. Poststempel unleserlich.
4. Bild von oben. Adressseite: Agrigento. Serie Artistica. N. 10. Tempio dei Dioscuri con panorama della città. Edizione del Museo Civico. Vera Fotografia. Gelaufen. Datiert und Poststempel 1933.
5. Bild von oben: Girgenti. Tempio di Castore e Polluce. Adressseite: Fotografia Artistica G. Crupi. Taormina. Nicht gelaufen.
6. Bild von oben: Girgenti - Girgenti - Tempio di Castore e Polluce. Adressseite: Aufdruck überschrieben und unleserlich. Datiert 1913. Poststempel unleserlich.
7. Bild von oben: Girgenti - Tempio Castore e Polluce. Adressseite: Ed. Prem. Fotogr. d'Arte G. D'Agata - Taormina. Nicht gelaufen.
8. Bild von oben: 20278 - Agrigento - Tempio di Castore Polluce. Adressseite: Imprimée en Italie. Nicht gelaufen.

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Festlicher Tag unter Agrigents Ruinen

Der Gedanke, in Girgenti zu seyn, an dem Ort, dessen Namen ich nie, ohne eine innere Sehnsucht zu empfinden, aussprechen gehört hatte, machte mich überglücklich, und da ich an Verlängerung meines Aufenthaltes auf der Insel nur noch wie an eine dunkle Möglichkeit dachte, so beschloß ich hier, auf dem Mittelpunkt meines Reiselebens, in Agrigents denkwürdigem Reviere einen Tag in stiller Abgeschiedenheit zu leben, um in der beglückenden Stimmung des Gemüthes mir die Erinnerung an meine sizilischen Freuden unauslöschlicher zu bewahren.

Ich verließ meine Gefährten, die mit dem Einkauf von Vasen zu thun hatten, am frühen Morgen, und begab mich allein, und zwar auf einem Umweg, den ich über die ganze Höhe machte, zu dem Tempel der Diana [Juno]. ─ Wolkenlos, wie in der ganzen Zeit, seit wir Katania verlassen hatten, ging die Sonne auf, und sanft verbreitete sich das goldne Licht in dem stillen bräunlichgefärbten Thalgrund des Akragas, während auf den jenseitigen Hügeln der Morgenwind die glänzenden Aehren bewegte. ─ Zwischen Felsentrümmern, die an dem Abhang liegen, stieg ich zu dem Flüßchen hinab, und dann in den Furchen des hohen Kornfeldes immer höher hinauf, bis ich, nicht ohne anstrengende Mühe, den höchsten Punkt erreichte. Meine Hoffnung war, eine umfassende Uebersicht der ganzen Gegend des alten Agrigents zu gewinnen. Ich fand daselbst einige in den Felsen gehauene Gräber. Die Aussicht war groß, aber nicht malerisch, weil jene Höhe zu viel auf die Seite hinausgeht. Nach einigen Minuten der Ruhe kehrte ich zurück, mehr den Hügeln, die dem Meere näher liegen, mich zuwendend. – Eine große schwarze unschädliche Schlange, die ich mir sogleich als ein gutes Omen deutete – schlich auf einer langen Strecke durch das Kornfeld vor mir her. Endlich erreicht' ich den Punkt, den ich gesucht hatte, wo ich beyde Tempel, den Drago [Berg], das hohe Girgenti und den an der tiefen Küste liegenden Hafen, nebst den umliegenden Bergen, mit Einem Blicke übersah. Ich entwarf mir von dieser ausgedehnten Ansicht einen getreuen Umriß, froh, meinen Freunden die Mühe zu ersparen. Dann eilt' ich durch die Olivengründe zum Tempel der Concordia. Anziehend war der Rückblick zu dem Hügel des Dianentempels, aber die besser erhaltene benachbarte Ruine triumphirte in der Morgenbeleuchtung. Auf der günstigsten Stelle, die ich finden konnte, entwarf ich mir mit Farbe den Haupteffekt dieses hinreißenden Tempelbildes. – Wie beglückend waren diese Augenblicke! wie ungestört genoß ich sie, denn nur am Akragas war ich einem Hirten mit seiner kleinen Ziegenheerde begegnet.

Die Mittagshitze war indessen herangenaht – nur mit Hülfe eines Sonnenschirms konnt' ich ihr widerstehen. Die Rückkehr zur Stadt war zu weit, und ein Brod, das ich am Morgen zu mir gesteckt hatte, war hinreichend, mir im Schatten des Concordientempels ein unvergeßliches Mahl zu geben. An die Schwierigkeit, hier einen Trunk zu finden, hatte ich nicht gedacht, aber               Frohe begleitet das Glück, Genügsame segnen die Götter.
Indem ich mich in den Schatten der Säulen niedergesetzt hatte, ging ein Mann vorbey, der im Begriff war, sich zu seinen Schnittern, die in der Nähe arbeiteten, zu begeben. Ich fragte ihn: ob keine Quelle in der Gegend zu finden wäre? Er sagte: es gäbe nur Cysternenwasser, und lud mich freundlich ein, mit ihm zu gehen. – Wir erreichten bald die kleine Vertiefung, wo die Schnitter im Schatten von Oelbäumen ruhten. Auf Garbenbündeln sitzend, theilten sie frische Mandeln aus , und mit der Ankunft des Herrn wurde aus einer nahen gewölbten Grotte, die wahrscheinlich ehedem ein altes Grab war, der schon am Morgen hinein gestellte Weinkrug herbeygeholt, der nun mit einem Glase von Hand zu Hand kreiste. Es war schon das ein Fest, diese zufriedenen Sammler der Ernte zu sehn. Zu dieser fröhlichen Gruppe erhob sich gleich hinter den Bäumen, die über der Grotte standen, die majestätische Ruine des Tempels in bläulichem Mittagsschatten. Konnte wohl irgend etwas mich lebendiger in die alte Zeit zu den durch ihre ergiebigen Ernten so wohlhabenden und durch ihre Gastfreundlichkeit so berühmten Agrigentern versetzen?

Der junge Mann, der guten offenen Sinn hatte, war aus Girgenti, bewohnte aber jetzo, als dermaliger Besitzer, ein zwischen Girgenti und dem Tempel liegendes Klostergebäude, das den Namen St. Nicola führt. Dieses Kloster wurde erst seit Kurzem aufgehoben, weil die Mönche sich Missbräuche erlaubt und ein sybaritisches Leben geführt hatten. – Für einen Künstler, der für eine längere Zeit die Tempelgegend besuchen will, ist jener Ort der bequemste. Dort wohnte Huel [1], und mein Begleiter bot mir die gleiche Bequemlichkeit an, im Fall, daß ich länger da bleiben oder wiederkehren wollte.

Die Schnitter waren indessen zu ihrer fröhlichen Arbeit zurückgeeilt. Wir blieben in traulichem Gespräch noch eine Stunde lang bey einander. Dann verließ ich dankbar die schöne Ruhestelle und den guten Menschen, und begab mich zu dem nicht weit von da entfernten Grabmal des Teron.

Dieses Grabmal hat, wie bekannt, keinen besondern architektonischen Werth, aber es ist eine Antike und hat sich in seiner ganzen Form erhalten. Gefällig wirkt es, zwischen Oelbäumen stehend, auf's Auge, und im Hintergrunde sieht man die Meereslinie. Das umliegende Kornfeld war schon abgemäht, und ich konnte des Anblicks ungehindert genießen, zumal da einige höher stehende alte Carubenbäume mir einen schattigten Standort zum Zeichnen darboten. – Kaum war ich mit meinem Entwurf fertig, als mich die Hitze überwältigte. Es war unmöglich, dem Schlafe zu widerstehen, und alle Furcht war in dieser Einsamkeit aus meinem Herzen entfernt. – Immer aber bleibt es in der Regel eine Unvorsichtigkeit, sich im Freyen dem Schlummer zu überlassen – zumal in Italien. – Mir gerieht an diesem Tage alles glücklich, und ich erwachte ungestört und mit erhöhtem Lebensgefühl. –

Die heißeren Stunden waren vorüber gegangen. Ohne Beschwerde legt' ich den Weg zu den beyden Säulen eines Tempels des Aeskulaps zurück, die in der tieferen Ebene der Felder an einem kleinen Bauernhause zur Hälfte eingemauert stehen. – Das Merkwürdigste auf diesem Wege war mir der Concordientempel von unten hinauf gesehen. –

Die letzten Momente dieses beglückend schönen Sommertages bracht' ich auf der Felsenanhöhe bey dem eben genannten Tempel, als der ausgezeichnetesten Stelle der ganzen Gegend, zu. Glühend erleuchtete der Abendstrahl einen Theil des Innern. Einige Säulenstücke waren wie aus Gold gediegen, während das Ganze schon von einem stilleren Grauton, der über die ins Bräunlich spielende Säulen sich verbreitete, umschlossen war. Girgenti umhüllte ein tiefes Dunkelviolett. An den Bergen der Ferne wallte unbeschreiblicher Farbenschimmer, und an den Spitzen und Stämmen der näher stehenden Oliven streifte hellleuchtendes Glanzlicht. ─ Dieser Anblick war unnachahmlich schön. Ich hatte die Freude, ihn mit einem meiner Gefährten zu theilen, und mit ihm auszurufen: dieses Abends, des Tempels der Concordia und Girgenti's vergessen wir nie!

Anmerkungen:
1) Jean-Pierre-Laurant Houël, peintre du Roi (1735-1813): Voyage pittoresque des isles de Sicile, de Malte et de Lipari, ou l'on traite des antiquites qui s'y trouvent encore; des principaux phenomenes que la nature y offre; du costume des habitans, & de quelques usages. 4 Bde. Paris 1782-1787.

Quelle:
Carl Graß: Sizilische Reise oder Auszüge aus dem Tagebuch eines Landschaftmalers. Erster Theil. Stuttgart und Tübingen, in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1815, S. 131-137. (Digitalisierung durch Google)

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Chiesa di S. Nicolò
Tomba di Terone

Oben: Girgenti. Chiesa di S. Nicoló. Adressseite: 25290 Ed. Libr. Cart. San Gerlando. Nicht gelaufen.
Unten, links: Girgenti. Tomba di Terone. Römmler & Jonas. Dresden. 14513hina. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.
Unten, rechts: Girgenti - Tomba di Nerone [recte Terone]. Adressseite: 25289 Ed. Libr. Cart, San Gerlando. Nicht gelaufen.

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"das schönste Thal, aus dessen üppigem Schooße
aller Segen des Südens in schwellender Fülle hervorquillt"

Einen noch weit schönern Standpunkt aber bietet der vom Castell nordöstlich liegende Hügel der Minerva, ehedem Collis Minervalis, jetzt la Forche genannt, dar. Es scheint, daß wenig Gegenden in Europa den Vergleich mit dieser aushalten können., wenn wir den Hügel ausnehmen, auf welchen das Theater von Taormina steht. Nordöstlich senkt sich von diesem Minervenhügel eine fruchtbare Schlucht hinab, die, nach den im Thale wild durch einander liegenden Felsstücken zu urtheilen, gewaltsam durch einen Bergsturz oder vulkanische Revolution entstanden seyn mag; auch ist es nicht denkbar, daß, als noch ein Theil von Agrigent diesen Hügel bedeckte, seine Westseite mit einem so höchst gefahrvollen Schlunde drohete; ohne Zweifel hatte das Thal früher eine ganz andere Gestalt.

Welch Paradies aber eröffnet sich unseren Augen, wenn wir uns südlich nach dem Meere hinwenden! Vor uns liegt das schönste Thal, aus dessen üppigem Schooße aller Segen des Südens in schwellender Fülle hervorquillt. Es scheint nur ein großer Garten voll wallender Kornfelder, Olivenhaine, Orangen- und Citronenwäldchen zu seyn; der Feigenbaum, der schöne Johannisbrotbaum breiten überall ihre schattigen Aeste aus; zarte Mandelbäume, mit Früchten  beladen, unzählige Blumen, die wir gern in Gärten erziehen, als Rosmarin, einige wunderschön gezeichnete Gattungen von rothem Löwenmaul, blühende Myrthen schmücken freiwillig dieses hügelreiche Thal, in welchem einst der schönste Theil des mächtigen Agrigent lag. Beynah bis auf die letzten Spuren ist dieser Theil der Stadt verschwunden, und die Natur, früher durch das schwellende Agrigent verdrängt, hat nunmehr wiederum mit Lust hier ihre thätige Werkstätte aufgeschlagen.

Gegen das Meer zu, also südwestlich, wird dieß Thal durch eine Berglehne, die aber lange nicht so hoch ist, als der Hügel der Minverva, begränzt, und auf ihrem in östlicher Richtung hingestreckten Rücken trägt sie die schönsten Reste des griechischen Alterthums: die Tempel der Juno Lucina, der Condordia, des Herkules und des olympischen Jupiters. Wenn die Ueppigkeit des Thales alle Sinnen berauscht, so ergreift der Anblick dieser zweytausendjährigen Säulen mit der unwiderstehlichsten Gewalt der Erinnerung, und das in der Ferne mit dem Himmel zusammenfließende Meer versenkt unsere Phantasie in ahnungsvolle Unendlichkeit. Den höchsten Zauber aber verbreitet über diese seligen Gefilde und die blauen Regionen der See der kraftvoll strahlende Purpur der sicilianischen Abendsonne. So zermalmend auch der Anblick der hohen Alpen, so frisch auch die Thäler der Schweiz sind: so wenig können sie doch mit der Allgewalt seines solchen sicilianischen Farbengusses wetteifern.

Quelle:
August Wilhelm Kephalides: Reise durch Italien und Sicilien. Erster Theil. Leipzig, bey Gerhard Fleischer d. Jüng. 1818, S. 273-275. (Digitalisierung durch Google)

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Adressseite: Primavera Classica Nei Templi di Agrigento. 9-27 Maccio 1928. Alto patronato di S. E. Mussolini. Direzione artistica Ettore Romagnoli. 11 - Agrigento - Mandorlo in flore nella Valle dei Templi. Grafia - Roma. Edizione dei Museo Civico Archeologico. Nicht gelaufen.

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3. Notizen zu den Autoren

Bartels, Johann Heinrich, geboren 20. Mai 1761 in Hamburg, gestorben 1. Februar 1850 in Hamburg, Gelehrter und Bürgermeister von Hamburg. Er unternahm 1785 eine Reise nach Italien: "Über Nürnberg, Regensburg, Wien, Triest reiste er nach Venedig. Im Dezember verlobte er sich dort mit Regina von Reck. Im Rahmen der Reise betrieb Bartels archäologische, kunstgeschichtliche, aber auch naturwissenschaftliche und statistische Studien. Daraus ging später seine Veröffentlichung 'Briefe über Calabrien und Sicilien' hervor." Auf Grund dieses Werkes wurde er Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Akademien. Siehe den Eintrag in Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Heinrich_Bartels

Graß Carl Gotthard, geboren am 19.10.1767 in Serben (Livland), gestorben am 3.8.1814 in Rom, studierte Theologie, entdeckte aber in der Schweiz seine Liebe zur Landschaftsmalerei. Er ging 1803 nach Italien und unternahm mit Philipp Joseph von Rehfues, Karl Friedrich Schinkel und Johann Gottfried Steinmeyer 1804 eine Reise durch Sizilien. - Der Eintrag in der ADB ist online verfügbar:
https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Graß,_Karl_Gotthard

Kephalides , August Wilhelm (1789-1820), Privatdozent an der Universität Breslau und Professor am dortigen Friedrichs-Gymnasium. (Deutsches Biographisches Archiv)

Löher, Franz von, geboren 15. Oktober 1818 in Paderborn, gestorben 1. März 1892 in München, war Politiker, Rechtshistoriker sowie Länder- und Völkerkundler. Er studierte Jura in Halle, Freiburg und München und schloss das Studium mit der erste Staatsprüfung 1841 in Berlin ab. Einen Namen machte er sich mit politischen und rechtsgeschichtlichen Arbeiten. Zur Zeit der Gegenrevolution nach 1848 wurde er zu einem führenden Kopf der Demokraten und Konstitutionellen und kam für kurze Zeit ins Gefängnis. Danach setzte er seine wissenschaftliche Laufbahn fort: Er habilitierte sich in Göttingen für deutsche Staats und Rechtsgeschichte, wurde 1859 Honorarprofessor für Länder- und Völkerkunde in München und 1859 auf den "extra für ihn eingerichteten Lehrstuhl für allgemeine Literaturgeschichte und Länder- und Völkerkunde" berufen. 1862/63 unternahm er Reisen in viele Teile Europas", so auch nach Sizilien. Siehe den Eintrag in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_von_Löher

Parthey, Gustav, geboren 27. Oktober 1798 in Berlin, gestorben 2. April 1872 in Rom, studierte "Philosophie und Altertumskunde in Berlin und Heidelberg, wo er 1820 promovierte. In den folgenden Jahren bereiste er Frankreich, England, Italien, Griechenland und den Orient." 1857 Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften. Parthey leitete die Nicolaische Buchhandlung und beschäftigte sich als Privatgelehrter mit kunst- und kulturgeschichtlichen Studien." Siehe den Eintrag in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Parthey

Riedesel, Johann Hermann, geboren 10.11.1740 in Höllrich (Spessart), gestorben 20.9.1784 in Wien, Diplomat und Reiseschriftsteller. "Im Dez. 1761 begann er eine neun Jahre währende Kavalierstour; sie führte ihn nach Paris, [...] dann nach Italien. Hier entdeckte er sein Interesse an klassischen Altertümern; mit Johann Joachim Winckelmann (1717–68), den er 1763 in Rom kennenlernte und der ihn in seiner wissenschaftlichen Methodik und seinem ästhetischen Urteil beeinflusste, entstand ein reger Schriftverkehr. Auf Sizilien unternahm Riedesel 1767 Touren mit dem italienischen Altertumsforscher Principe di Biscari. Entgegen ursprünglichen Plänen begleitete ihn Winckelmann, für den R. seine Reiseeindrücke niederschrieb, nicht. [...] 1771 verlegte Füßli in Zürich erstmals die 'Reise durch Sizilien und Großgriechenland' (= Malta) zunächst ohne Nennung des Autors. Es war die erste und gleichzeitig erfolgreichste Landesbeschreibung Siziliens und Maltas durch einen Deutschen im 18. Jh."

Cornelia Oelwein, Artikel „Riedesel Johann Hermann“, in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 572 [Onlinefassung]; URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118884441.html

Seume, Johann Gottfried, Schriftsteller, geboren 29. Januar 1763 in Poserna bei Weißenfels, studierte in Leipzig Theologie, ward auf dem Wege nach Paris durch hessische Werber aufgefangen und musste unter den Engländern in Kanada kämpfen. 1788 zurückgekehrt, ward er 1793 Sekretär des russischen Generals Igelström in Warschau, privatisierte dann in Leipzig, später Korrektor in Grimma, unternahm 1801 eine Fußreise nach Sizilien und Paris, 1805 durch Russland nach Schweden, gestorben 13. Juni 1810 in Teplitz; veröffentlichte »Gedichte« (1801), »Spaziergang nach Syrakus« (1802), »Mein Sommer im Jahre 1805« (1807) u.a. (Brockhaus' Kleines Konversationslexikon,  5. Aufl. 1911. Artikel Seume, Bd. 2, S. 695)

Justus Tommasini, Pseudonym von Johann Heinrich Westphal (1794-1831), Gelehrter, Reisender und fruchtbarer Schriftsteller. Ließ sich 1823 als Privatgelehrter in Neapel nieder und besuchte Sizilien fünfmal. Der Eintrag in der ADB ist online verfügbar:
https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Westphal,_Johann_Heinrich

Winckelmann, Johann Joachim, Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und der Geschichte der alten Kunst, geboren 9. Dezember 1717 zu Stendal, 1748-54 Bibliothekar des Grafen Bünau in Nöthnitz bei Dresden, seit 1755 in Rom, wo er zur römischen Kirche übertrat und 1763 Oberaufseher aller Altertümer in und um Rom wurde; er fiel auf der Rückreise aus Wien am 8. Juni 1768 zu Triest einem Raubmord zum Opfer. Sein Hauptwerk ist die »Geschichte der Kunst des Altertums« (2 Bde., 1764). (Brockhaus' Kleines Konversationslexikon,  5. Aufl. 1911. Artikel Winckelmann, Bd. 2, S. 988)

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4. Literaturhinweise und Weblinks

Reisebeschreibungen und Reiseführer
Chronologisch nach Erscheinungsjahr:

* [Johann Hermann von Riedesel:) Reise durch Sicilien und Großgriechenland. Seinem Freunde Winkelmann zugeeignet. Zürich, bey Orell, Geßner, Füeßlin und Comp. 1771 (Digitalisierung durch Google).- Neuausgabe Hannover: hohesufer. com 2011. ISBN 978-3-941513-21-1
* Johann Bernoulli: Zusätze zu den neuesten Nachrichten von Italien nach der in Herrn D. J. J. Volkmanns historisch kritischen Nachrichten angenommenen Ordnung. Bd. 3. Leipzig: bey Caspar Fritsch 1782. (Digitalisierung durch Google)
* Johann Heinrich Bartels: Briefe über Kalabrien und Sizilien. Dritter Teil. Reise von Katanien in Sizilien bis zurück nach Neapel. Göttingen, bei Johann Christian Dieterich 1792. (Digitalisierung durch Google)
* Carl Graß: Sizilische Reise oder Auszüge aus dem Tagebuch eines Landschaftmalers. Erster Theil. Stuttgart und Tübingen, in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1815. (Digitalisierung durch Google)
* August Wilhelm Kephalides: Reise durch Italien und Sicilien. Erster Theil. Leipzig, bey Gerhard Fleischer d. Jüng. 1818. (Digitalisierung durch Google)
* Justus Tommasini (Pseudonym von Johann Heinrich Westphal): Briefe aus Sizilien. Berlin und Stettin, in der Nicolaischen Buchhandlung 1825. (Digitalisierung durch Google)
* Gustav Parthey: Wanderungen durch Sicilien und die Levante. Erster Theil: Sicilien, Malta. Berlin, in der Nicolai'schen Buchhandlung 1834. (Digitalisierung durch Google)
* Franz Löher: Sizilien und Neapel. Erster Theil: Sizilien. München, E. A. Fleischmann's Buchhandlung 1864. (Digitalisierung durch Google)

* Wieland Schmied: Caspar David Friedrich. Köln: M. DuMont Schauberg 1975. Darin Nr. 32: Der Tempel der Juno in Agrigent, S. 106-108.
* Maler und Dichter der Idylle. Salomon Gessner. 1730-1799 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek; 30) Wolfenbüttel: Herzog August Bibliothek 1980. ISBN 3-88373-010-6 - Titelseite von Riedesels "Reise durch Sicilien und Großgriechenland" von 1771 mit der Illustration von Salomon Gessner Nr. 64 auf S. 56.
Jakob Philipp Hackert. Europas Landschaftsmaler der Goethezeit. Ostfildern: Hatje Cantz 2008. ISBN 978-3-7757-2188-2
* Lehrreiche Nähe. Goethe und Hackert. München: Carl Hanser Verlag 1997. ISBN 3-446-18761-8 - Darin Hermann Mildenberger: "Die Hackertsche klare, strenge Manier". Johann Wolfgang von Goethe und Jakob Philipp Hackert, S. 75-85.
* Georg Striehl: Christoph Heinrich Kniep - Zeichner an Goethes Seite. Zwischen Klassizismus, Realismus und Romantik. Hrsg. von Manfred Boetzkes. Hildesheim: Roemer-Museum 1992. ISBN 3-922805-44-2 - Darin: Sizilienreise mit Goethe, S.42-53.
* Georg Striehl: Der Zeichner Christoph Heinrich Kniep (1755-1825). Landschaftsauffassung und Antikenrezeption (Studien zur Kunstgeschichte; 128) Hildesheim: Georg Olms 1998. Darin 3. Kapitel: Kniep und Goethe. ISBN 3-487-10724-4
* Hanno-Walter Kruft: Goethe und Kniep in Sizilien. In: Jahrbuch der Sammlung Kippenberg. Neue Folge. Bd. 2, 1970, S. 201-328. - 89 Abbildungen zu Kniep und Werkkatalog.

Robert Koldewey und Otto Puchstein: Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien. Berlin: Asher 1899.
* Bd. 1. Text. Digitalisiert durch die UB Heidelberg. Permalink:
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/koldewey1899bd1/0001
* Bd. 2. Tafeln. Digitalisiert durch die UB Heidelberg. Permalink:
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/koldewey1899bd2/0001

Weblinks:
* Eintrag Agrigent in wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Agrigent
* Archäologische Stätten von Agrigent
http://www.wikiwand.com/de/Archäologische_Stätten_von_Agrigent

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