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Inge Nunnenmacher
Konrad Kochers Besuch bei Goethe

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Der schwäbische Musiker war 33 Jahre alt, als er Goethe in Weimar besuchte. Die Lithografie von C. Schacher (um 1860) zeigt Kocher im Alter zwischen 60 und 70 Jahren. Es ist das einzige Bildnis des Komponisten. Kocher starb am 12. März 1872 in Stuttgart.

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1819 erhielt Goethe von seinem Stuttgarter Verleger Johann Friedrich Cotta folgenden Brief:

Euer Excellenz
glaube ich eine Freude mit anliegender Composition zu machen, die der Compositeur in einigen Wochen bei Hochdenselben selbst wieder ablangen wird – ich habe ihm zu dem Ende ein Schreiben mitgegeben, weil ich weiß, daß Sie jedes Talent gern aufnemen.
Mit  unterthänigem Respekt
                            Euer Excellenz unterthäniger
                                                       Cotta
Stuttgart 18 März 1819


(Goethe und Cotta. Briefwechsel 1797-1832. Hrg. von Dorothea Kuhn. Bd. 2: Briefe 1816-1832. Stuttgart 1979, S. 64)

Der Komponist, dessen Besuch bei Goethe in diesem Schreiben Cottas angekündigt wurde, hieß Konrad Kocher.
   Geboren 1786 in dem damals kleinen Marktflecken Ditzingen bei Stuttgart, hatte der Schuhmachersohn zunächst eine Ausbildung zum Volksschullehrer durchlaufen und dabei seine Liebe zum Orgelspielen und zur Musik entdeckt. Auf abenteuerliche Weise war der Junglehrer 1805 nach St. Petersburg gelangt. Dort hatte der Klavierunternehmer Muzio Clementi die musikalische Begabung des jungen Schwaben erkannt und ihm eine Ausbildung in Klavierspiel und Komposition durch die  hervorragenden Pianisten Ludwig Berger und Alexander Klengel vermittelt.
   1811 war Kocher nach Württemberg zurückgekehrt und arbeitete nun in Stuttgart als Klavierlehrer. Seine Schülerinnen und Schüler kamen aus den angesehensten Familien des Stuttgarter Bildungsbürgertums. Als guter Pianist war Kocher außerdem bei den Liebhaberkonzerten der sogenannten „Sonntags-Abend-Gesellschaft“ ein gefragter Akteur. Zu den Gönnern dieser Veranstaltungen am Sonntagabend gehörte Johann Friedrich Cotta. Dort dürfte der Verleger dem aufstrebenden Musiker Kocher, dessen Kompositionstalent er offensichtlich hoch schätzte, begegnet sein. Gut möglich, dass er es war, der den jungen Komponisten dazu ermutigte, Goethes Singspiel „Jery und Bätely“ zu vertonen. Diese Vertonung hatte Cotta nämlich seinem Empfehlungsbrief an Goethe beigelegt. Sie meinte er mit „anliegender Composition“.
   „Jery und Bätely“ handelt von einer selbstständigen jungen Frau. Um Schutz vor männlicher Gewalt zu bekommen, aber keinesfalls verliebt, ist Bätely schließlich bereit, ihre Freiheit aufzugeben und den sie umwerbenden Jery zu heiraten.

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Bätely verbindet dem verwundeten Jery die Hand. Titelkupfer von Heinrich Lips zu Goethes Schriften. Siebenter Band. Leipzig: Göschen 1790. Vgl. Joachim Kruse: Johann Heinrich Lips 1758-1817. Ein Zürcher Kupferstecher zwischen Lavater und Goethe (Kataloge der Kunstsammlungen der Veste Coburg) Coburg 1989, Nr. 78 und S. 35 ff. für den historischen Kontext.

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Viele zeitgenössische Komponisten scheint es gereizt zu haben, diese Geschichte aus den so wenig idyllischen Schweizer Bergen zu vertonen. Vor Konrad Kocher waren es schon Karl Siegmund Freiherr von Seckendorff (1780), Peter von Winter (1790), Johann Friedrich Reichardt (1791/93), Gottlob Benedict Bierey (1795), Conradin Kreutzer (1810), Eduard von Lannoy (1816) gewesen.
   Sicher wusste Cotta, dass „Jery und Bätely“ in der musikalischen Fassung von Goethes einstigem Freund und Musik-Berater Reichardt (1752-1814) sich längst auf deutschen Bühnen etabliert hatte: Reichardts Vertonung wurde in Berlin seit der Uraufführung 1801 dort noch immer gespielt (bis 1821). In Weimar erlebte das sehr beliebte Singspiel in der Reichardt’schen Fassung von 1804 bis 1816 insgesamt 24 Aufführungen. Nicht so erfolgreich war dagegen die erste Vertonung durch den Hofkomponisten Seckendorff für die Weimarer Uraufführung im Jahr 1780 gewesen.
   Aber Cotta wusste auch, dass Goethe sich über jede Vertonung seiner Werke aufrichtig freute. So war Konrad Kochers Singspielfassung von „Jery und Bätely“ sicherlich ein guter Türöffner für seinen Besuch in Weimar.

Am Vormittag des 13. April 1819 empfing Goethe den schwäbischen Musiker in seinem Haus am Frauenplan. Zuvor hatte der Dichter Cottas Empfehlungsschreiben für Kocher entgegengenommen:

Euer Excellenz
stellt sich hiemit Herr Musikus Kocher dar, dem ich so frei war mit der direkte zugesandten Composition von Hochdero „Jery und Bethely“ – eine gnädige Aufname zu bewirken.
Ich war so oft Zeuge, wie Eure Excellenz jedem Talent den Zutritt zu Ihnen gestatteten, es aufmunterten und erhoben, und so darf ich für den wackern Componisten, dessen Arbeiten hier allgemein Beifall fanden, hoffen, daß ihm die Gnade und Ehre zu Theil werde, seine Verehrung gegen Hochdiselben persönlich ausdrüken zu dürfen und daß er die Probe seines Talents vor dem Meister bestehen könne.
Mit unterthänigem Respect
                                  Euer Excellenz unterthäniger
                                                           Cotta

(Goethe und Cotta. Briefwechsel 1797-1832. Hrg. von Dorothea Kuhn. Bd. 2: Briefe 1816-1832. Stuttgart 1979, S. 64)

Cotta hob in seinem Schreiben nicht nur das Talent des Komponisten hervor, sondern verwies auch auf Kochers Arbeiten, die in Stuttgart „allgemein Beifall“ gefunden hatten. Er bezog sich damit auf zwei Opern Kochers, die am Stuttgarter Hoftheater aufgeführt worden waren:
   Am 17. Juli 1816 „Der Käficht“, eine komische Oper in einem Akt, nach einem Text von Kotzebue, aufgeführt unter dem Hofkapellmeister Conradin Kreutzer.
   Am 27. Mai 1818 „Der Elfenkönig“, eine Oper in drei Akten (Libretto: Christian Ludwig Neuffer), aufgeführt unter dem Hofkapellmeister Johann Nepomuk Hummel, der – wie schon Kreutzer  – auch die Stuttgarter Lokalkomponisten in seinem Opernspielplan berücksichtigte.  Hummel, der es wie Kreutzer und Danzi vor ihm nicht lange in Stuttgart ausgehalten hatte, war seit Februar 1819 Kapellmeister am Weimarer Hof. Am 2. März hatte er bei Goethe seinen Antrittsbesuch gemacht.

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Wolfgang Kocher, Inge Nunnenmacher: Ein Leben für die Tonkunst. Der schwäbische Musiker Konrad Kocher. FischerLautner-Verlag Ditzingen 2011, S. 40.

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In Cottas „Morgenblatt für gebildete Stände“ war Kochers Oper „Der Elfenkönig“ sehr wohlwollend besprochen worden:

Hr. Kocher hat mit seiner Komposition bewiesen, daß er den einzigen Zweck aller Musik kennt; eine Kenntniß, die heutzutage die wenigsten Komponisten mehr zu besitzen scheinen, die sich jetzt meistens um so größer denken, je lauter und geräuschvoller sie mit allen Instrumenten auf die Ohren ihrer Zuhörer wirken, je mehr Dissonanzen und gelehrte Schnörkel sie anzubringen wissen, je unerwartetere und wildere Uebergänge sie machen und je mehr musikalische Schwierigkeiten sie zu überwinden wissen. Von all’ diesem Unwesen (...) findet man in Hrn. Kochers Musik Nichts. Er hat gegen diesen bösen Dämon stets glücklich gekämpft; die Melodie ist ihm stets die Hauptsache; diese sucht er (...) einfach und klar und so vorzutragen, daß sie immer den Ohren schmeichelt und durch diese sich einen angenehmen Eingang in das Herz des Zuhörers verschafft. Er stellt die Statue nicht in das Orchester und das Fußgestell auf das Theater, er lässt das Orchester keine Konzerte und harmonische Kraftsprünge machen, sondern er lässt, wie es seyn soll, der Singstimme stets die Oberherrschaft und dieselbe, durch die Instrumente, blos bedienen und heben. Durch diese Geheimnisse, - denn so muß man es nennen, weil so Wenige diese Kunst jetzt mehr besitzen – hat Hr. Kocher sich als Mann von musikalischem Geschmack gezeigt, einen schönen und manchmal selbst eleganten Styl sich eigen gemacht und seinen Hauptzweck erreicht, (...) dem ganzen Publikum, durch immer einfache, natürlich fließende, aus dem Herzen kommende und zu dem Herzen gehende angenehme Melodien zu gefallen. Denn Thatsache ist es, daß beynahe jedes Stück, besonders im zweyten und dritten Akte, und nachdem der Vorhang bereits gefallen war, die ganze Oper von dem richtig fühlenden Stuttgarter Publikum allgemein beklatscht wurde.
   Hrn. Kochers Oper, weil sie nach den richtigen Grundsätzen komponirt wurde, würde selbst in Italien gegeben werden können und wenigstens nicht mißfallen. (...) Hr. Kocher hat den italienischen Styl und die italienische Faktur; dieß hat er mit seiner Oper bewiesen: Ob er auch noch das Pikante und Naiv-Originelle der berühmten  italienischen Meister erringen könnte, getrauen wir uns noch nicht zu entscheiden. Auf jeden Fall wünschen wir ihm aber, daß er so glücklich seyn möge, einige Jahre in Italien leben und besonders des Unterrichts des Professors Mattei in Bologna geniessen zu können. Bey diesem Manne würde er in kurzer Zeit große Fortschritte machen; dieser berühmte Theoretiker würde Alles, was für Komposition in ihm verborgen liegt, aufwecken und entwickeln.

(Morgenblatt für gebildete Stände. Korrespondenz-Nachrichten. Stuttgart. Mittwoch, 10. Juni 1818, S. 552)

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Cotta und Goethe

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Es ist denkbar, dass Goethe diese Kritik im „Morgenblatt“ gelesen hat. Das Gespräch, das er am 13. April 1819 mit Kocher führte, könnte darauf schließen lassen.
   Goethe hatte sich intensiv mit Theorie und Praxis des europäischen Musiktheaters seiner Zeit auseinandergesetzt: Durch Opernbesuche oder aktiv durch seine 26-jährige Tätigkeit als Regisseur und Intendant des Weimarer Hoftheaters kannte er nachweislich rund 200 Werke. Unter Goethes Intendanz waren bis 1810 allein 104 Opern und 31 Singspiele aufgeführt worden.

(Nach: Hartmann, Tina: Goethes Musiktheater. Singspiele, Opern, Festspiele, ‚Faust’. Tübingen 2004, S. 207 f.)

Als sich Goethe mit dem schwäbischen Komponisten unterhielt, scheint sich das Gespräch jedoch nicht um Kochers Vertonung von „Jery und Bätely“ oder seine Stuttgarter Opernproduktionen gedreht zu haben. In seinem Tagebuch vermerkte Goethe unter dem 13. April 1819:

August war mit Schiller nach Berka gegangen. Johler setzte die Schränke um. Die ansehnlichen Stufen unter Glas gebracht. Orientalische Reisen. Musicus Kocher von Stuttgardt meldete sich; Unterhaltung über die Bologneser Maximen der Compositionen. Mittag zu drey. Nachmittag mit Mineralien beschäftigt. Abends Hofrath Meyer.

(Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, III. Abteilung, Bd. 7. 1895, S. 36)

Goethe sprach mit dem 33-jährigen Musiker aus Stuttgart über die damals gängige Kompositionslehre des Padre Martini, die „Bologneser Maximen“. Der Franziskaner-Mönch Giovanni Battista Martini (1706-1784) galt noch zu Goethes Zeiten als anerkannte Autorität in der Lehre des klassischen Kontrapunkts. Der junge Mozart hatte zu seinen Schülern gehört. Goethes Musikbibliothek enthielt Padre Martinis „Storia della musica“ gleich in doppelter Ausfertigung. Und jener im „Morgenblatt“ dem Komponisten Kocher zur Weiterbildung empfohlene Professor Mattei war ein Schüler des Padre Martini, einer, der den Kontrapunkt in dessen Sinne lehrte.
   Goethe und Kocher müssen ein sehr anregendes Gespräch über die Bologneser Maximen der Komposition geführt haben. Ob dabei der schwäbische Komponist ehrlich genug war zu sagen, dass seine Liebe eigentlich nicht der Oper, sondern der Kirchenmusik gehörte? Dass er vorerst Opern und Singspiele komponierte, um auf sich als Komponisten aufmerksam zu machen? Dass er im Reisegepäck nach Leipzig ein bereits fertiges Oratorium mit sich führte, das auf seine Uraufführung wartete?
   Am Tag nach Konrad Kochers zweiten Besuch am Vormittag des 14. April, zu dem Goethes  Tagebuch nur eine kurze Notiz enthält („Musicus Kocher von Stuttgardt.“), verfasste der Dichter einen Brief bzw. ein Empfehlungsschreiben an den Leipziger Johann Friedrich Rochlitz:

Ew. Wohlgeboren
danke nur mit wenig Worten für die gegebene Nachricht. Können Sie gelegentlich diesen jungen Männern ohne Beschwerde einige Freundlichkeit erzeigen, so werden Sie ein gutes Werk thun. Empfehlungsschreiben, wie sie wohl verdienten, habe ich ihnen nicht mitgegeben. Dagegen habe einen Stuttgarter Musicus, namens Kocher, Sie in meinem Namen zu begrüßen aufgetragen, er hat mir durch musikalischen Vortrag und Gespräch wirklich Interesse abgewonnen. Mögen Sie ihm einige Aufmerksamkeit schenken und mir Ihre Gedanken über ihn und seine Composition eröffnen da ich mir in einer fremden Kunst wohl Antheil aber kein Urtheil erlaube.
(...)
Mit den herzlichsten Wünschen                                   aufrichtig ergeben,
                                                                                                  Goethe
Weimar den 15. April 1819

(Goethes Briefwechsel mit Friedrich Rochlitz. Hrg. Woldemar Freiherr von Biedermann. Leipzig 1887. Brief 81)

Dieses Schreiben wurde Rochlitz offensichtlich von „jungen Männern“ überbracht, auf die der erste Teil des Briefes hinweist. Gemeint waren damit zwölf griechische Studenten, für die Goethe um Rochlitz’ Vermittlung bat: Sie wollten nach den Unruhen, welche die Ermordung Kotzebues im März 1819 durch den Jenaer Studenten Sand ausgelöst hatte, die Universität Jena verlassen. Goethe bemühte sich für sie um eine Aufnahme an der Universität Göttingen oder in Leipzig.
   Mit Johann Friedrich Rochlitz (1769-1842) führte Goethe einen sehr intensiven, von großem gegenseitigen Respekt geprägten Briefwechsel. An ihn wandte sich Goethe, um Auskünfte über bestimmte Persönlichkeiten Leipzigs, die dortigen politischen Zustände oder das Kunstgeschehen in der Stadt zu erhalten. Goethe schätzte Rochlitz aber auch als Schriftsteller, Kunstkenner und Sammler sowie als Herausgeber (1798-1818) der in Leipzig erscheinenden „Allgemeinen musikalischen Zeitung“. Der Dichter vertraute dem künstlerischen Urteil des vielseitig gebildeten Mannes. Wenn Goethe ihn jetzt bat, dem jungen Stuttgarter Komponisten „einige Aufmerksamkeit“ zu schenken, so konnte er sich darauf verlassen, dass Rochlitz das Richtige tun würde.
   Einer solchen Autorität wie Rochlitz empfohlen zu werden, das war für Kochers weiteres Fortkommen als Musiker von großer Bedeutung. Mehr konnte und wollte Goethe für seinen Besucher aus Stuttgart, der ihm „wirklich Interesse abgewonnen“ hatte, nicht tun. Der Dichter hatte sich zwar – besonders in den 1790er Jahren - intensiv mit Poetologie und Praxis des Singspiels auseinandergesetzt. Doch geschah es sicher nicht nur aus höflicher Bescheidenheit, wenn er gegenüber Rochlitz des Öfteren betonte, in Sachen Musik, einer ihm „fremden Kunst“, könne er sich wohl „Antheil, aber kein Urtheil“ erlauben. Er traute sich wohl kaum zu, die Qualität einer Singspielvertonung anhand des Notenmanuskripts zu beurteilen, selbst wenn Kocher ihm Teile seines „Jery und Bätely“ auf dem Klavier vorgespielt haben sollte, als er zu „musikalischem Vortrag“ im Hause Goethes weilte. Im Übrigen war der 70-jährige Dichter gerade sehr mit den Arbeiten zu seinem „West-östlichen Divan“ beschäftigt.

Es ist kein Brief an Goethe erhalten, in dem Rochlitz den Musiker Kocher, der ihn in Leipzig besucht hatte, erwähnt oder über die Art seiner Protektion berichtet. Dass dem Komponisten aber sowohl Goethes als auch Rochlitz’ Protektion von Nutzen war, lässt sich nachweisen:
   Im Mai 1819 wurde – im Rahmen der Leipziger Messe – Konrad Kochers Oratorium „Der Tod Abels“ im Saal des Gewandhauses uraufgeführt. Dazu schrieb die „Allgemeine musikalische Zeitung“:

Herr Conrad Kocher, aus Stuttgard, gab uns sein Oratorium, den Tod Abels, in zwei Theilen, zu hören, das freilich zu dem Messtumult schlecht passte, und daher auch nur wenig besucht wurde. Hr. K. war, wie wir hören, mit vielen und ansehnlichen Empfehlungen hier angekommen; auch nahmen mehre unsrer geehrtesten Musikfreunde Antheil an ihm: und von diesen erfahren wir, er sey ein mannichfach unterrichteter, selbstdenkender Mann, der auch durch wunderbare Schicksale und eine gewisse Eigenthümlichkeit des Wesens nicht wenig Interesse errege u. dgl. m.

(Allgemeine musikalische Zeitung. 19. May 1819, S. 337)

Goethe war Abonnent und interessierter Leser der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ – seine Musikbibliothek enthält die Jahrgänge 1801 bis 1828. So konnte er also mitverfolgen, welche Auswirkungen für Konrad Kocher seine Empfehlung an Rochlitz hatte. Er konnte auch lesen, wie Kochers Oratorium vom Publikum und der Kritik in Leipzig aufgenommen wurde:

Hrn. Kochers Composition klang uns im Ganzen, wie die Arbeit eines Mannes von Talent – mehr für Melodie, als Harmonie; der stets mit Bedacht schreibt: aber mit sich selbst noch nicht im Reinen, und seiner Kunstmittel noch nicht mächtig ist, besonders derer, worüber man die Gewalt nur durch frühe Gewöhnung, oder durch vieles Musik-Hören, Treiben, Schreiben, erlangt. Für jenen ersten Vorzug sprechen viele melodische Hauptideen der Gesänge dieses Oratoriums, die wirklich selbst erfunden, nicht blos nachgesungen sind, und oftmals, was sie ausdrücken sollen, bestimmter ausdrücken, als man es jetzt zu vernehmen gewohnt ist; für den zweyten, die Wahl und Ordnung der Formen, besonders die möglichste Einfalt, wo diese am Platze ist, ohne Magerkeit, Abkürzung des gewöhnlichen Arienwesens, und auch ohne des Chorschlendrians. (...)
   Wir wünschen, dass Hr. K., der auch einige Opern und nicht wenige Instrumentalsachen geschrieben haben soll, überall so viel Aufmerksamkeit, guten Willen und Unparteylichkeit für seine Composition finde, als wir seinem Oratorium hier zu beweisen uns bemühet haben.

(Allgemeine musikalische Zeitung. 19. May 1819, S. 337 ff.)

Auch dem Leipziger Korrespondenten von Cottas „Morgenblatt für gebildete Stände” war die Aufführung im Rahmen seines Messe-Berichts eine Besprechung wert:

Noch muß ich bemerken, daß mehrere ausgezeichnete fremde Virtuosen in dieser Messe Leipzig besuchten, und hier Konzerte gaben. Vier außerordentliche Konzerte fielen in diese Zeit. Zuerst ließ der auf eigenem Wege gebildete, hoffnungsvolle Komponist Conrad Kocher, (...) sein neues Oratorium, der Tod Abels (...) aufführen. Den Zweck des Komponisten, die Melodie in unsrer deutschen Musik wieder herrschend zu machen, erkannte man, bey einer großen Fülle von Melodien in diesem Werke mit Vergnügen an; nur wurde der mannigfaltige, charakteristische und deklamatorisch wichtige Ausdruck noch hier und da vermißt, der von dem tiefern Eindringen in seinen Gegenstand abhängt. Wenn daher der verständige Komponist diese Forderungen künftig zu erfüllen weiß, und bey seinem Streben nach Einfachheit die Einförmigkeit (die sich oft noch in der Instrumentirung zeigt), vermeidet, so werden wir gewiß etwas durchaus Beyfallswerthes von ihm erlangen. Der Aufführung, die übrigens der Komponist nicht unmittelbar leitete, schadete der Drang der Zeit, welche in der Messe, bey den täglichen Aufführungen des Theaters, besonders groß ist. Dennoch wurde das lobenswerthe Bestreben des Komponisten mit ermunterndem Beyfall anerkannt.

(Morgenblatt für gebildete Stände. Montag, 7. Juni 1819, S. 540)

Im Juni 1819, auf dem Rückweg von Leipzig nach Stuttgart, wollte Konrad Kocher noch einmal bei Goethe in Weimar vorsprechen und ihm von seinen Erfolgen berichten. Doch Goethe befand sich am 5. und 6. Juni gerade in Jena. Kocher hinterließ deshalb einen Brief, in dem er berichtete, dass seine Vertonung von „Jery und Bätely“ vom Dresdner Theater angenommen worden sei. Das musste allerdings nicht heißen, dass das Singspiel dort auch wirklich zur Aufführung kam. Es hieß auch nicht, dass Kocher dafür etwas bezahlt bekam: Unbekannte Komponisten mussten dankbar sein, wenn ihre Opern oder Singspiele „angenommen“ wurden. Weiterhin berichtete Kocher in diesem Brief, dass er mehrere seiner Werke bei Breitkopf und Härtel in Leipzig zum Druck geben konnte.

(Nach: Goethe und Cotta. Briefwechsel 1797-1832. Hrg. von Dorothea Kuhn. Band 3/2, Stuttgart 1983, S. 54)

Unter den damals bei Breitkopf und Härtel gedruckten Kompositionen Kochers waren „Sechs Lieder mit Begleitung des Pianoforte“ (1822), die sich auch in Goethes Nachlass befinden. Ob ihm Konrad Kocher selbst diese Lieder, vielleicht aus Dankbarkeit, schenkte oder ob sie auf andere Weise in Goethes Besitz gelangt sind, muss offen bleiben. Im Hause des Dichters wurde viel gesungen und musiziert, vor allem seit dort – 1821 durch Rochlitz’ Vermittlung – ein ausgezeichneter Streicher-Flügel stand.

Sowohl in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ als auch im „Morgenblatt“ hatten die Kritiker zwar Kochers Talent gelobt, aber doch auch die Meinung geäußert, der Komponist müsse sich musikalisch noch weiterbilden und -entwickeln. Diese Meinung traf auf offene Ohren bei einem Mann, der immer wieder bereit war, begabte Menschen auch finanziell zu fördern: Johann Friedrich Cotta, der Kocher die Audienz bei Goethe vermittelt hatte. Der Verleger finanzierte dem Musiker nach dessen Rückkehr aus Leipzig eine Studienreise nach Italien sowie einen längeren Studienaufenthalt in Rom. 
   Das „Morgenblatt für gebildete Stände“ vermeldete im September 1819, im Schlussteil einer zweiten, sehr detaillierten Besprechung von Kochers Oratorium „Der Tod Abels“:

Wir räumen auch gern ein, daß Herr Kocher noch Vieles zu hören, zu lernen und zu erfahren hat, um nur den Grad der Ausbildung zu erreichen, dessen seine Individualität fähig ist. (...) Herr Kocher hatte immer mit vielen Widerwärtigkeiten zu kämpfen, und musste die Zeit, die er dem Studium der Komposition widmete, nur andern Arbeiten abstehlen, von denen er lebte. Er ist nun, unterstützt von der liberalen Gefälligkeit eines Mannes, dem er ewig dankbar seyn wird, nach Italien gereist, um seine musikalische Bildung zu vollenden. Was Fleiß und Studium vermögen, wird er auf jeden Fall dort lernen und sich eigen machen; an anhaltendes Nachdenken gewöhnt, hat er einen eisernen Willen.

(Morgenblatt für gebildete Stände. Mittwoch, 22. September 1819, S. 908)

Während dieser Monate in Italien konnte sich Kocher die Grundlagen für sein späteres musikalisches Schaffen erarbeiten: Er beschäftigte sich intensiv mit den Traditionen des christlichen Chorgesangs und studierte begeistert die altitalienische Kirchenmusik. Von seinen Versuchen, als Opernkomponist Fuß zu fassen, verabschiedete er sich rasch und endgültig.
   Wieder zurück in Württemberg machte er sich seit 1821 mit dem ihm eigenen „eisernen Willen“ daran, die anstehende Reform der evangelischen Kirchenmusik voranzubringen. Viele seiner Vorschläge wurden in den 20er bis 40er Jahren des Jahrhunderts umgesetzt. Seit 1827 war Kocher nicht nur Organist der Stuttgarter Stiftskirche, sondern auch eine anerkannte Autorität im kirchenmusikalischen Bereich.
   Wie schon seine früheren Werke erkennen ließen, propagierte und komponierte Kocher einen Kirchengesang, der sich am Ideal der Einfachheit orientierte. Auch wenn ihm das Genie wohl fehlte, so war er doch ein sehr produktiver Komponist vieler Lieder, Motetten und Choräle sowie von anspruchsvollen Stücken für sein Lieblingsinstrument, die Orgel.
   Kocher komponierte aber auch für den weltlichen Chorgesang: In den Anfängen der schwäbischen Sängerbewegung (ab 1824) gehörten seine mehrstimmigen Lieder – zusammen mit denen seines bekannteren Mitstreiters Friedrich Silcher – zu den meistgesungenen in den überall entstehenden „Liederkränzen“.
Vor allem für diese veröffentlichte Konrad Kocher 1833/34 seinen „Bardenhain. Eine Sammlung auserlesener Lieder der Dichter deutscher Zunge.“ Viele der Liedsätze in dieser Sammlung hatte Kocher selbst komponiert. Auch acht Goethe-Gedichte sind darunter, die der Schwabe vertonte und von denen im Folgenden drei wiedergegeben werden.
   Goethe hat diese Liedvertonungen seines Besuchers vom April 1819 vermutlich nie gesehen und gehört.

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Bardenhain. Eine Sammlung auserlesener Lieder der Dichter deutscher Zunge, zu Erhöhung und Belebung gesellschaftlichen Lebens, mit vierstimmig gesetzten alten und neuen Weisen, theils für Männer-Stimmen allein, theils für Männer- und Frauen-Stimmen. Gesammelt und hrsg. von Conrad Kocher. Stuttgart: Macklot 1833.

Außer den drei hier abgebildeten Liedern enthält der "Bardenhain" Kochers Vertonung von fünf weiteren Goethe-Gedichten:
Bundeslied (Nr. 53), Mannessinn (Nr. 280), Wandrers Nachtlied [Ein Gleiches] (Nr. 283), Perfectibilität (Nr. 285), Wandrers Nachtlied (Nr. 287). Auch zwei Goethelieder Reichardts sind im "Bardenhain" abgedruckt: Der Sänger (Nr. 180), Jägerlied (Nr. 232).

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Literaturverweis:
Wolfgang Kocher, Inge Nunnenmacher: Ein Leben für die Tonkunst. Der schwäbische Musiker Konrad Kocher. FischerLautner-Verlag, Ditzingen 2011.

Bildnachweise, soweit nicht an Ort und Stelle angegeben:
* Johann Friedrich Cotta. Nach einer Lithographie nach dem Gemälde von K[arl] J[akob] Th[eodor] Leybold. Postkarte. Verlegt bei Berger, Deutscher Buch- und Kunstverlag, Dresden.
* Goethe, Ölgemälde von George Dawe, 1819. In. Goethe im Bildnis. Hg. u. eingel. von Hans Wahl. Leipzig: Insel o.J., Nr. 57.
* Johann Friedrich Rochlitz, ca. 1820. A. W. Böhm nach Julius Schnorr von Carolsfeld. URL:
http://de.wikisource.org/wiki/Datei:Friedrich_Rochlitz.jpg

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