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Jutta Assel | Georg Jäger

Des Knaben Wunderhorn
Die Ammen-Uhr

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Eingestellt: März 2016

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"Des Knaben Wunderhorn", die von Arnim und Brentano publizierte Sammlung alter deutscher Lieder, enthält im Anhang des dritten Bandes (1808) Kinderlieder, darunter "Die Ammenuhr". Die neun Vierzeiler entsprechen dem Tagesablauf von Mitternacht bis acht Uhr morgens, in dem die Amme dem Kind die Suppe bringt. Das von einem Kreis von Dresdner Künstlern illustrierte Gedicht wurde zu einem der "schönsten deutschen Bilderbücher" (Horst Kunze). Den Künstlern, die sich im Winter regelmäßig in einem Café trafen, wurden die neun Strophen per Los zur Illustration zugeteilt. Mit einem zusätzlichen Umschlagbild wurden die neun Holzschnitte 1843 publiziert. Seitdem wurde das Gemeinschaftswerk mehrfach, sowohl schwarz-weiß wie koloriert, faksimiliert bzw. nachgedruckt. Zusammen mit dem Text des Kindergedichts publiziert das Goethezeitportal beide Fassungen der Illustrationen sowie eine Würdigung des Gedichts von Ernst Lissauer. Die Nachweise weiterer Illustrationen und der zahlreichen Vertonungen belegen, dass "Die Ammenuhr" in den deutschen Liederschatz Eingang gefunden hat.

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Titelillustration
Illustrator: Eduard von Bendemann

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Textgrundlage

Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. Gesammelt von L. Achim von Arnim und Clemens Brentano. Vollständige Ausgabe nach dem Text der Erstausgabe von 1806/1808. Dritter Teil. Anhang: Kinderlieder. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1963, S. 203.

Kinderlieder. Anhang zum Wunderhorn. Sr. Exzellenz, dem Herrn Geheimrat von Goethe und allen Förderern dieser Sammlung unser Dank zum Schluss. L. Achim von Arnim, Clemens Brentano.

Arnim und Brentano hatten den ersten Band der von ihnen herausgegebenen, Epoche machenden Volksliedsammlung "Des Knaben Wunderhorn" (1805) Goethe zugeeignet. Dieser würdigte das Unternehmen und charakterisierte die Lieder in einer Besprechung, die 1806 in der "Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung" erschien.

Goethes Rezension im Volltext:
https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1806_goethe.html

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Über die Entstehung der Illustrationen
als Gemeinschaftswerk Dresdner Künstler

"Die Idee, das neunstrophige Gedicht aus den "Kinderliedern" des "Wunderhorns" durch eine Holzschnittfolge zu illustrieren, entsprang einem geselligen Kreis Dresdner Künstler im Meißner Café National, die die Zuteilung der jeweiligen Strophe durch das Los regelten: Julius Hübner (1806-1862), Adolf Ehrhardt (1813-1899), Carl Peschel (1798-1879), Ludwig Richter (1803-1884), Otto Wagner (1803-1861), Ernst Oehme (1797-1855), Ernst Rietschel (1804-1861), Theobald von Oer (1808-1885) und Eduard von Bendemann (1811-1889)."

Quelle:
Barbara Boock: Kinderliederbücher 1770-2000. Eine annotierte, illustrierte Bibliografie der deutschsprachigen Kinderliederbücher im Deutschen Volksliedarchiv (Volksliedstudien; 8) Münster: Waxmann 2007, S. 67.

Ludwig Richter schreibt in seinen Lebenserinnerungen:
Aus diesem zufälligen Zusammenfinden [von Dresdner Künstlern in einem Kaffeehaus] bildete sich ein Gesellschaftskreis, der in einem gemieteten Lokale regelmäßig einmal wöchentlich sich vereinigte und gegen zwanzig Jahre lang in jedem Winter sich erneuerte.
In den ersten Jahren seines Bestehens war monatlich ein Komponierabend festgesetzt worden, wo jeder Teilnehmer eine Komposition mitbringen musste, an welcher von allen die vielseitigste Kritik geübt wurde. Diesen Abenden verdanken die bei Wigand erschienene 'Ammenuhr' und das 'A.-B.-C.-Buch Dresdener Künstler' mit Text von [Robert] Reinick ihre Entstehung. Durch Los wurde der zu illustrierende Stoff einem jeden zugeteilt, von der 'Ammenuhr' die Verse, vom 'A.-B.-C-Buch' die Buchstaben des Alphabets."

Quelle:
Ludwig Richter: Lebenserinnerungen eines deutschen Malers. Mit Anmerkungen hrsg. von Erich Marx. Leipzig: Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung 1944, S. 403f.

Siehe auch Karl Josef Friedrich: Liebenswerte Künstlergestalten um Ludwig Richter. Leipzig: Gustav Schloeßmann [1940], S. 34 sowie die Kapitel über Ernst Oehme und Carl Peschel.

Die Zeichner und Verleger der "Ammenuhr" (Feder, Tusche, Höhe 26,3; Breite 21,5 cm). Dankblatt für eine Victualiensendung der Vereger, Meyer und Wigand, an die Dresdner Illustratoren. "Die auf der oberen Randleiste dargestellten Künstler sind von links nach rechts: Theobald von Oer, Eduard Bendemann, Ludwig Richter, Ernst Ferdinand Oehme, Ernst Rietschel, Julius Hübner, Adolf Ehrhardt und Carl Peschel."

Quelle:
Ernst Ferdinand Oehme, 1797-1855. Ein Landschaftsmaler der Romantik. Hrsg. von Ulrich Bischoff. Dresden [1997]. Werkverzeichnis Nr. 199.

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Die Ammenuhr
Text und Illustrationen

Titelillustration
Illustrator: Eduard von Bendemann

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Illustrator: Julius Hübner

Der Mond, der scheint,
Das Kindlein weint,
Die Glock schlägt zwölf,
Dass Gott doch allen Kranken helf!

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Illustrator: Adolf Ehrhardt

Gott alles weiß,
Das Mäuslein beißt,
Die Glock schlägt ein,
Der Traum spielt auf den Kissen dein.

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Illustrator: Carl Peschel

Das Nönnchen läut
Zur Mettenzeit,
Die Glock schlägt zwei,
Sie gehn ins Chor in einer Reih.

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Text auf dem Wirtshausschild:
Allhier gut Bier und Brandwein

Illustrator: Ludwig Richter

Der Wind, der weht,
Der Hahn, der kräht,
Die Glock schlägt drei,
Der Fuhrmann hebt sich von der Streu.

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Illustrator: Otto Wagner

Der Gaul, der scharrt,
Die Stalltür knarrt,
Die Glock schlägt vier,
Der Kutscher siebt den Haber schier.

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Illustrator: Ernst Oehme

Die Schwalbe lacht,
Die Sonn erwacht,
Die Glock schlägt fünf,
Der Wandrer macht sich auf die Strümpf.

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Illustrator: Ernst Rietschel

Das Huhn gagackt,
Die Ente quackt,
Die Glock schlägt sechs,
Steh auf, steh auf, du faule Hex.

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Illustrator: Theobald von Oer

Zum Bäcker lauf,
Ein Wecklein kauf,
Die Glock schlägt sieben,
Die Milch tu an das Feuer schieben.

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Illustrator: Eduard von Bendemann

Tut Butter 'nein
Und Zucker fein,
Die Glock schlägt acht,
Geschwind dem Kind die Supp gebracht.

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"eines der herrlichsten deutschen Gedichte"
Ernst Lissauer über die "Ammenuhr"

[...] Die Wiegenlieder sind so gleichmäßig und sänftlich getönt, dass das Gewiegte auch wirklich einschlafe. Eines von ihnen, "Die Ammenuhr", eines der herrlichsten deutschen Gedichte, sei im einzelnen betrachtet.

Der Dichter der "Ammenuhr" ist uns nicht bekannt, doch es ist zweifellos: dieses Gedicht konnte nur von einem einzelnen, durchaus persönlichen Vermögen geschaffen werden. Aber viele Schlafreime mussten entstehen, viele Mütter und Ammen Reime und Lieder singen, ehe eine individuelle Kraft dies ewige Lied schuf. Im einzelnen gibt es nichts, was nicht irgendein anderer auch hätte sehen und sagen können; auch die besondere Form, welche jede Nachtstunde in einer Strophe gestaltet, ist dem unbekannten Schöpfer nicht allein eigentümlich, denn es gibt zum Beispiel Nachtwächterlieder von gleichem Bau: dennoch ist das Gedicht eine zugleich urtypische und urpersönliche Leistung. Die wesentlichen Züge sind mit vollkommener Sicherheit gegeben, und für jede Stunde nur wenige Züge und wenige Worte: der Mond, der Fuhrmann, der Wanderer, die Schwalbe. Wie ist es mannigfaltig und dennoch einheitlich in sich. Gleichmäßig schaukelt die Strophe, nicht nur in dem Gleichmaß, wie es alle Strophen strophischer Lieder verbindet, sondern Takt, Atem, Pause der Zeilen gleichen einander. Alle Strophen sind gleich gebaut; jede Zeile besteht nur aus einem Satz; jeder Satz ist kurz, jeder besteht fast nur aus einem Haupt- und einem Zeitwort; Hauptwort beginnt, Zeitwort folgt; das Zeitwort, fast immer, malt einen Klang; die ersten beiden Zeilen geben eine Anschauung, die dritte schlägt die Stunde, die Zahl der Stunde steht in ihrem Reim.

Die Gestalt einer Frau, Mutter oder Amme, wächst auf, welche die Nacht hindurch bei der Wiege sitzt und sie schaukelt: es ist durchaus ein Wiegenlied. Sie singt ohne Pause, singt in holdem Einerlei, denn das Kind darf nicht aufwachen. Und zugleich: indem sie singt, wird sie gedichtet. Das Urbild einer Mutter oder einer liebereich betreuenden Amme sitzt in dem herrlichen Lied, lebensgroß und zugleich überlebensgroß hingestellt. Wir atmen die Luft der Schlafstube; Monddämmer, Frühdämmer, auf eine ungreifbare und dennoch unentrinnbare Weise, schimmert zart. Und zugleich, indem sie sitzt und summt, ist draußen das Land ausgebreitet, das sie singt, und über dem Lande die Nacht und das Tagwerden. Und dies alles ist in voller Wirklichkeit, seiend, leibhaft, vorhanden, und zugleich so einfach, dass das Kind, älter geworden, wenn es nur noch bisweilen, vielleicht bei Krankheit, in den Schlaf gesungen wird, dennoch dies Lied versteht. Immer noch ist dies nicht alles: ein Unaussagbares, Undeutbares und dennoch unverkennbar Spürbares kommt hinzu: ein traumhafter Schein ist über Wiege und Kind und Mutter und Stube und Land ausgebreitet. Geliebtes großes Lied: süßer Singsang in Ewigkeit, und groß und voll, als ob ein ganzes Volk mit leisen Lauten aus dem Schlafe spricht.

Quelle:
Das Kinderland im Bilde der deutschen Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart. Auswahl und Nachwort von Ernst Lissauer. Stuttgart, Berlin: Deutsche Verlags-Anstalt 1925, S. 194.

Über den Schriftsteller und Publizisten Ernst Lissauer (1882-1937) siehe den Eintrag in Wikipedia.URL:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Lissauer

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Illustrationen
schwarz-weiß und koloriert

Vorlage Illustrationen, schwarz-weiß:
Die Ammen-Uhr. Aus des Knaben Wunderhorn. In Holzschnitten nach Zeichnungen von Dresdener Künstlern. Neu herausgegeben durch den Hyperionverlag zu München [ca. 1930]. - Originalausgabe Leipzig: Mayer und Wigand 1843.

Die Bayerische Staatsbibliothek hat die Erstausgabe von 1843 digitalisiert:
http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs2/object/display/bsb10761938_00001.html

Vorlage Illustrationen, koloriert:
Die Ammenuhr aus Des Knaben Wunderhorn. In Holz geschnitten nach Zeichnungen von Ludwig Richter und anderen Dresdener Künstlern. Faksimiledruck der Originalausgabe aus dem Jahre 1843. Mit einem Nachwort von Horst Kunze. Leipzig: Edition Leipzig 1967.

Das Gemeinschaftswerk wurde mehrfach neu herausgegeben, meist koloriert, u.a. als Bändchen der Insel-Bücherei Nr. 990 (1976).

Weitere Illustrationen:
* Ludwig Richter hat Motive aus der "Ammenuhr" mehrfach illustriert. Siehe: Das Ludwig RichterAlbum. Sämtliche Holzschnitte. Einleitung von Wolf Stubbe. München: Rogner & Bernhard o.J. S. 558, Die Ammen-Uhr, 1843. - S. 742. Die Ammenuhr. - S. 1607. Der Kutscher siebt den Hafer schier. In der Postkarten-Edition "Aus Ludwig Richter 'Es war einmal' im Verlag von Hegel & Schade, Leipzig" mit dem Titel: "Ludwig Richter. Die Ammenuhr" (siehe Abbildung). - S. 1642. Ammen-Uhr.

* "Die Ammenuhr" wurde als "Münchener Bilderbogen" Nro. 11 mit Illustrationen von Tony Muttenthaler (1820-1870) publiziert. Tony Muttenthaler hat im Zeitraum von 1848 bis 1864 insgesamt 48 Nummern der "Münchener Bilderbogen" gestaltet. Siehe Ulrike Eichler: Münchener Bilderbogen (Oberbayerisches Archiv, Bd. 29) München 1974, S. 91f.

* Die Ammenuhr. Mit 9 Farbendruckbildern nach Rudolf Geißler. Stuttgart: Weise 1882.
* Die Ammenuhr. Bilder von Gudrun Keussen. Winterberg, Prag: Steinbrener [1944].
* Die Ammenuhr. Bilder von Fritz Koch-Gotha. Markkleeberg, Leipzig: Schmiedicke 1949.
* Die Ammenuhr. Alte Verse mit neuen Bildern [von Hanna Preetorius (1914-1999)]. Schloss Laupheim: Steiner [ca. 1949].

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Melodie
Vertonungen

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Quelle:
"Macht auf das Tor!" Alte deutsche Kinderlieder, Reime, Scherze und Singspiele. Ausgewählt von Maria Kühn. 169 bis 178 Tausend. Königstein im Taunus: Karl Robert Langewiesche 1950, Text S. 20f., Melodie S. 178.

Vertont wurde "Die Ammenuhr" u.a. von Robert Schumann (1810-1856): Liederalbum für die Jugend, op. 79; Wilhelm Taubert (1811-1891), Julius Weismann (1879-1950), Armin Knab (1881-1951), Walter Braunfels (1882-1954), Ernst Kunz (1891-1980), Wolfgang Jacobi (1894-1972) und Friedrich K. Wanek (1929-1991). Nachgewiesen im Karlsruher Virtuellen Katalog.

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Literaturhinweise

* Liederfibel. Das ganze Kinder- und Familienleben nach seinen verschiedenen Stufen dargestellt in einem vollstimmigen Chore deutscher Dichter. Eßlingen: Verlag der Dannheimer'schen Buchhandlung 1841, S.14f. (Digitalisiert durch Google)
* Das Kinderland im Bilde der deutschen Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart. Auswahl und Nachwort von Ernst Lissauer. Stuttgart, Berlin: Deutsche Verlags-Anstalt 1925, S. 7f., 194.
* Barbara Boock: Kinderliederbücher 1770-2000. Eine annotierte, illustrierte Bibliografie der deutschsprachigen Kinderliederbücher im Deutschen Volksliedarchiv (Volksliedstudien; 8) Münster: Waxmann 2007. Darin:
- S. 67: "Die Ammen-Uhr aus des Knaben Wunderhorn. In Holzschnitten nach Zeichnungen von Dresdener Künstlern. Leipzig: Mayer und Wigand 1843.
- S. 199: Die Ammenuhr. Bilder von Gudrun Keussen. Winterberg und Prag: Steinbrenner 1943.
* "Macht auf das Tor!" Alte deutsche Kinderlieder, Reime, Scherze und Singspiele. Ausgewählt von Maria Kühn. 169 bis 178 Tausend. Königstein im Taunus: Karl Robert Langewiesche 1950, Text S. 20f., Melodie S. 178.
* Mareile Oetken: Bilderbücher der 1990er Jahre. Kontinuität und Diskontinuität in Produktion und Rezeption. Dissertation an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg 2008, S. 20. URL:
http://oops.uni-oldenburg.de/747/1/oetbil08.pdf

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Zu weiteren Volkslied-Motiven im Goethezeitportal
klicken Sie bitte hier:
http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/volkslied-motive.html

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