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Jutta Assel | Georg Jäger

Sagen-Motive auf Postkarten

König Watzmann
Eine Sage über die Entstehung der Berggesichter

Stand: März 2009


Oben: Berchtesgaden mit Watzmann, 2719 m. Signet: Cosy (?). Verso, im Briefmarkenfeld: Echte Photo-Bütten Karte. Nicht gelaufen. | Unten: [Ohne Titel.]  Verso: Nr. 13. Der Watzmann bei Berchtesgaden. Verlag von Karl Ermisch, Berchtesgaden. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1931.


Gliederung

1. Die Sage von König Watzmann
2. Berggesichter
3. Ludwig Ganghofer: Die Martinsklause
4. Eine Art weißen Fleck in der Landkarte - Mail von Joachim Burghardt
5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

Südöstlich von Salzburg streckt, mit ewigem Schnee bedeckt, hoch über sieben niedrigere Zinken ein Berg zwei riesige Zackenhörner gen Himmel, das ist der über neuntausend Fuß hohe Watzmann. Von ihm erzählt das umwohnende Volk aus grauen Zeiten her diese Sage.

Einst, in undenklicher Frühzeit, lebte und herrschte in diesen Landen ein rauher und wilder König, welcher Watzmann hieß. Er war ein grausamer Wüterich, der schon Blut getrunken hatte aus den Brüsten seiner Mutter. Liebe und menschliches Erbarmen waren ihm fremd, nur die Jagd war seine Lust, und da sah zitternd sein Volk ihn durch die Wälder toben mit dem Lärm der Hörner, dem Gebell der Rüden, gefolgt von seinem ebenso rauhen Weibe und seinen Kindern, die zu böser Lust auferzogen wurden. Bei Tag und bei Nacht durchbrauste des Königs wilde Jagd die Gefilde, die Wälder, die Klüfte, verfolgte das scheue Wild und vernichtete die Saat und mit ihr die Hoffnung des Landmanns. Gottes Langmut ließ des Königs schlimmes Tun noch gewähren.

Eines Tages jagte der König wiederum mit seinem Troß und kam auf eine Waldestrift, auf welcher eine Herde weidete und ein Hirtenhäuslein stand. Ruhig saß vor der Hütte die Hirtin auf frischem Heu und hielt mit Mutterfreude ihr schlummerndes Kindlein in den Armen. Neben ihr lag ihr treuer Hund, und in der Hütte ruhte ihr Mann, der Hirte. Jetzt unterbrach der tosende Jagdlärm den Naturfrieden dieser Waldeinsamkeit; der Hund der Hirtin sprang bellend auf, da warf sich des Königs Meute alsobald auf ihn, und einer der Rüden biß ihm die Kehle ab, während ein anderer seine scharfen Zähne in den Leib des Kindleins schlug und ein dritter die schreckenstarre Mutter zu Boden riß. Der König kam indes nahe heran, sah das Unheil und stand und lachte.

Plötzlich sprang der vom Gebell der Hunde, dem Geschrei des Weibes erweckte Hirte aus der Hüttentüre und erschlug einen der Rüden, welcher des grausamen Königs Lieblingstier war. Darüber wütend fuhr der König auf und hetzte mit teuflischem Hussa Knechte und Hunde auf den Hirten, der sein ohnmächtiges Weib erhoben und an seine Brust gezogen hatte und verzweiflungsvoll erst auf sein zerfleischtes Kind am Boden und dann gen Himmel blickte. Bald sanken beide zerrissen von den Ungetümen zu dem Kinde nieder; mit einem schrecklichen Fluchschrei zu Gott im Himmel endete der Hirte, und wieder lachte und frohlockte der blutdürstige König. Aber alles hat ein Ende und endlich auch die Langmut Gottes.

Es erhob sich ein dumpfes Brausen, ein Donnern in Höhen und Tiefen, in den Bergesklüften ein wildes Heulen, und der Geist der Rache fuhr in des Königs Hunde, die fielen ihn jetzt selbst an und seine Königin und seine sieben Kinder und würgten alle nieder, daß ihr Blut zu Tale rann, und dann stürzten sie sich von dem Berge wütend in die Abgründe. Aber jener Leiber erwuchsen zu riesigen Bergen, und so steht er noch, der König Watzmann, eisumstarrt, ein marmorkalter Bergriese, und neben ihm, eine starre Zacke, sein Weib, und um beide die sieben Zinken, ihre Kinder - in der Tiefe aber hart am Bergesfuß ruhen die Becken zweier Seen, in welche einst das Blut der grausamen Herrscher floß, und der große See hat noch den Namen Königssee, und die Alpe, wo die Hunde sich herabstürzten, heißt Hundstod, und gewann so König Watzmann mit all den Seinen für schlimmste Taten den schlimmsten Lohn und hatte sein Reich ein Ende.

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch, 1853. Zitiert nach: Deutsche Märchen und Sagen. Hrsg. von Hans-Jörg Uther. Zweite, verbesserte Auflage (Digitale Bibliothek; 80) Berlin: Directmedia 2004, S. 9681-9683. Absätze eingefügt.

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Die Lokalsage von König Watzmann ist in mehreren Varianten überliefert. Die hier wiedergegebene Fassung stammt aus dem "Deutschen Sagenbuch" (erstmals 1853) von Ludwig Bechstein (Weimar 1801-1860 Meiningen), Dichter und Herausgeber von Märchen- und Sagensammlungen. Bechstein hat die Sage literarisch überarbeitet und mit Details ausgeschmückt.

Eine andere bekannte Version findet sich im "Volksbüchlein" (Teil I, erstmals 1827) von Ludwig Aurbacher (Markt Türkheim 1784-1847 München). Vgl. die digitale Sammlung "Deutsche Märchen und Sagen" (siehe oben), S. 537f. – Verbreitet ist auch die Fassung, die Alexander Schöppner (Fulda 1820-1860 München), Priester und Schriftsteller, ihr in seinem "Sagenbuch der bayerischen Lande. Aus dem Munde des Volkes, der Chronik und der Dichter" (3 Bde., erstmals 1852-53) gegeben hat. Diese Ausgabe wurde vom Weltbild Verlag 1990 reprinted.

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2. Berggesichter


Oben: Die Watzmann-Sage. Verso: Nr. 100. Verlag von Karl Ermisch, Berchtesgaden. Im Briefmarkenfeld: Der grüne kurze Führer von Berchtesgaden, mit 3 Karten und 1 Panorama RM. 1,25. Überall zu haben. Nicht gelaufen. – Text auf Rückseite:

      Die Watzmann-Sage.

Nach einer uralten Sage herrschte im Berchtesgadener Land ein wilder König, namens Watzmann. Höchste Lust war es ihm, die Fluren seiner Untertanen freventlich zu vernichten und deren Leben grausam hinzuschlachten. Für sein höllisches Unwesen traf ihn göttliche Strafe; er wurde samt seiner Familie zum ewigen Wahrzeichen in Stein verwandelt.


Mitte: Familie Watzmann. Verlag von Fritz Mühlstein in Offenbach a.M. & J. B. Rottmayer in Berchtesgaden. Gesetzlich Geschützt No. 1004. Signet: Bx im Kreis. Verso: Postkarte. Gelaufen. Poststempel 1900. | Unten: Berchtesgaden. König Watzmann mit Familie. Verso: Nr. 16803. B. L(?)rburger, Nürnberg. 1902. Rechts unten: 178877. Postkarte. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1910.

Bis heute gibt es Postkarten mit zahlreichen bildlichen und textlichen Varianten der Sage.

 

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3. Ludwig Ganghofer: Die Martinsklause


 

Ludwig Ganghofer (Kaufbeuren 7.Juli.1855 - 24.Juli 1920 Tegernsee), Sohn eines Forstbeamten, studierte 1874-1877 Philosophie und Philologie in München und Berlin und promovierte 1879 in Leipzig. "Ab 1880 lebte er in Wien und war dort Dramaturg des Ringtheaters. Von 1886-1892 arbeitete er als Feuilletonredakteur, dann als freier Schriftsteller. [Ganghofers] Romane aus der bayrischen Alpenwelt zeigen in effektvoller Weise die Schicksale und Erlebnisse meist einfacher Menschen." (Gutenberg.DE)

Ludwig Ganghofer. Phot. H[ugo] Erfurth, Dresden. Signet: BNK im Dreieck [Berlin-Neuroder Kunstanstalten, Actiengesellschaft] 33751/106. Nicht gelaufen.

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Ludwig Ganghofer hat in seinem Werk "Die Martinsklause. Roman aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts" (1894) die Entstehung der Berggesichter in das hohe Mittelalter verlegt. "Waze(mann)" heißt hier der "Spisar" (Verwalter) des Berchtesgaden, der das Recht mit Füßen tritt, die Bauern ausbeutet und mit seinen sieben Söhnen Mensch und Vieh brutal schindet. Wazes Willkürherrschaft erreicht den Höhepunkt, als das noch halb heidnische und unerschlossene Land, von seiner Herrschaft den Augustinermönchen geschenkt, von dem Orden in Besitz genommen wird und kolonisiert werden soll. "Martinsklause" ist der Name des behelfsmäßigen Klosters, das die ersten Mönche gründen. Waze widersetzt sich der neuen Herrschaft, die Recht und Ordnung wiederherstellen möchte. Seinem Unwesen setzt ein Bergbruch ein Ende, bei dem Waze selbst verschüttet und seine Söhne erschlagen werden.

Der verheerende Bergbruch verändert die Gestalt von "König Eismann", Wazes "Bannberg" - d.h. sein geschütztes Jagdrevier - und lässt im Glauben der Bauern den neu entstandenen Berggipfel und seine Grate als Versteinerungen Wazes und seiner Söhne erscheinen. " Nicht mehr König Eismann, sondern >Wazemann< hieß der gebrochene Berg, und die starrenden Zacken des Grates hießen >Wazemanns Kinder<." (Buch 2, Kapitel 20) Frau Waze, zur Zeit der Handlung schon lange tot, ist hier nicht Teil der Berggesichter.

Den sieben Söhnen Wazes hat Ganghofer eine Tochter gegenüber gestellt: Recka, eine goldhaarige Amazone, die an den Untaten von Vater und Brüdern nicht teil hat. Das wilde Prachtweib und den Fischer, den stärksten und tüchtigsten der Männer, verbindet eine tiefe, aber lang verhehlte Liebe. Beide suchen die Schwester des Fischers, eine blühende Jungfrau, vor Waze, seinen Söhnen und Knechten zu retten. Im Bergschlag findet Recka dabei den Tod.

In diese Fabel verwoben sind mehrere, teils tragisch und teils glücklich ausgehende Liebesgeschichten sowie Auseinandersetzungen um das rechte Gottesbild (gütiger und liebender vs. zürnender und strafender Gott) und das kirchliche Eheverbot für Priester.

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4. Eine Art weißen Fleck in der Landkarte - Mail von Joachim Burghardt

Ich habe gerade ein Buch über die Königsseer Berge geschrieben [Joachim Burghardt: Vergessene Pfade um den Königssee. München: Bruckmann 2009) und bin bei der Recherche auf einige hoch interessante Aspekte zu diesem Thema gestoßen:

Erstens, die völlig anderen Varianten der Watzmannsage - da gibt es nämlich auch eine Sage, in der der grausame König nicht in Stein verwandelt, sondern mit Kieselsteinen beworfen wird, die im Flug riesengroß werden und auf denen Erdmännchen reiten. Zweitens, die Unklarheit über Zahl und Höhe der Watzmannkinder. Im Volksmund sind es sieben, jedoch sind nur fünf als eigenständige Gipfel ausgeprägt. Trotz dieser unzweifelhaften Tatsache behauptet der brandneue und rundum überarbeitete Alpenvereinsführer Berchtesgadener Alpen im Gegensatz zu den älteren Auflagen plötzlich, es gäbe nicht fünf, sondern sieben Kinder; konkret mit Aufstiegsrouten beschrieben werden dann allerdings „nur“ sechs, wobei mir völlig neu ist, dass dieses vermeintliche sechste Kind wirklich von Bergsteigern oder Ortskundigen als solches bezeichnet wird. Auch die Höhenangaben sind unklar, da es keine einzige (!) Karte gibt, auch keine amtliche, die die korrekten Höhen aller Watzmannkinder angibt. Die Höhenangaben variieren teilweise um bis zu 80 Meter.

Da wäre also noch einiges zu erforschen: 1. Wieviele Watzmannkinder gibt es aus orographischer-topographischer Sicht wirklich und wie hoch sind sie? 2. Wie kommt es zu den sieben Kindern im Volksmund? Ist dafür nur die traditionelle Bedeutung der Zahl 7 ausschlaggebend? 3. Warum werden auf fast keiner Postkarte sieben Kinder abgebildet, und wenn, dann befinden sie sich so gut wie nie ausschließlich zwischen Großem und Kleinem Watzmann? Dazu kommt dann noch die Namensvielfalt, z. B. des Kleinen Watzmanns, der ja auch Watzmannfrau, Watzfrau oder Watzmannweibl heißt. Und so weiter! Insgesamt könnte man fast zu dem Schluss kommen, dass es sich hier noch um eine Art weißen Fleck in der Landkarte handelt ...

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5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

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Kontaktanschrift:

Prof. Dr. Georg Jäger
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Deutsche Philologie
Schellingstr. 3
80799 München

E-Mail: georg.jaeger@germanistik.uni-muenchen.de

 

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Jutta Assel | Georg Jäger

 

Johann Karl August Musäus
und Ludwig Bechstein
Sagen von Rübezahl

Texte und Illustrationen

 

 

Vorschau

 

 

Gliederung

 

 

 

 

1. Johann Karl August Musäus:
Vierte Legende von Rübezahl.
Mit einer Illustration von Ludwig Richter

 

 

 

 

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Rübezahl. Der Saechsische Kunstverein seinen Mitgliedern für das Jahr 1848. L[udwig] Richter gez[eichnet] u. radiert. Radierung, Höhe 53; Breite 36,7 cm. Dazu Brigitte Buberl: Erlkönig und Alpenbraut. Dichtung, Märchen und Sage in Bildern der Schack-Galerie (Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Studio-Ausstellung 12) München: Lipp 1989. Nr. 15.



[...] Eines Tages sonnte sich der Geist an der Hecke seines Gartens, da kam ein Weiblein ihres Weges daher in großer Unbefangenheit, die durch ihren sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte ein Kind an der Brust liegen, eins trug sie auf dem Rücken, eins leitete sie an der Hand, und ein etwas größerer Knabe trug einen ledigen Korb nebst einem Rechen, denn sie wollte eine Last Laub fürs Vieh laden. Eine Mutter dachte Rübezahl ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf, schleppt sich mit vier Kindern, und wartet dabei ihres Berufs ohne Murren, wird sich noch mit der Bürde des Korbes belasten müssen: das heißt die Freuden der Liebe teuer bezahlen!

Diese Betrachtung versetzte ihn in eine gutmütige Stimmung, die ihn geneigt machte, sich mit der Frau in Unterredung einzulassen. Sie setzte ihre Kinder auf den Rasen, streifte Laub von den Büschen, indes wurde den Kleinen die Zeit lang und sie fingen an heftig zu schreien. Alsbald verließ die Mutter ihr Geschäfte, spielte und tändelte mit den Kindern, nahm sie auf, hüpfte mit ihnen singend und scherzend herum, wiegte sie in Schlaf, und ging wieder an ihre Arbeit. Bald darauf stachen die Mücken die kleinen Schläfer, sie fingen ihre Symphonien vom neuen an: die Mutter wurde darüber nicht ungeduldig, sie lief ins Holz, pflückte Erdbeere und Himbeere, und legte das kleinste Kind an die Brust. Diese mütterliche Behandlung gefiel dem Gnomen ungemein wohl.

Vorschau

Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter Rücken ritt, wollte sich durch nichts befriedigen lassen, war ein störrischer eigensinniger Junge, der die Erdbeere, die ihm die liebreiche Mutter darreichte, von sich warf, und dazu schrie als wenn er gespießt wär. Darüber riss ihr doch endlich die Geduld aus: »Rübezahl«, rief sie, »komm und friss mir den Schreier.« Augenblicks versichtbarte sich der Geist in der Köhlergestalt, trat zum Weibe und sprach: »Hie bin ich, was ist dein Begehr?« Die Frau geriet über diese Erscheinung in groß Schrecken, wie sie aber ein frisches herzhaftes Weib war, sammlete sie sich bald und fasste Mut. »Ich rief dich nur«, sprach sie, »meine Kinder schweigen zu machen, nun sie ruhig sind bedarf ich deiner nicht, sei bedankt für deinen guten Willen«. »Weißt du auch«, gegenredete der Geist, »dass man mich hier ungestraft nicht ruft? Ich halte dich beim Wort, gib mir deinen Schreier dass ich ihn fresse, so ein leckerer Bissen ist mir lange nicht vorgekommen.« Drauf streckt' er die rußige Hand aus, den Knaben in Empfang zu nehmen.

Vorschau

Wie eine Gluckhenne, wenn der Weih hoch über dem Dache in den Lüften schwebt, oder der schäkerhafte Spitz auf dem Hofe hetzt, mit ängstlichen Gluchsen vorerst ihre Kücklein in den sichern Hühnerkorb lockt, dann ihr Gefieder emporsträubt, die Flügel ausbreitet und mit dem stärkern Feinde einen ungleichen Kampf beginnt: so fiel das Weib dem schwarzen Köhler wütig in den Bart, ballte die kräftige Faust und rief: »Ungetüm! das Mutterherz musst du mir erst aus dem Leibe reißen, eh du mir mein Kind raubest.« Eines so mutvollen Angriffs hatte sich Rübezahl nicht versehen, er wich gleichsam schüchtern zurück, dergleichen handfeste Erfahrung in der Menschenkunde war ihm noch nie vorgekommen. Er lächelte das Weib freundlich an: »Entrüste dich nicht! Ich bin kein Menschenfresser wie du wähnest, will dir und deinen Kindern auch kein Leids tun: aber lass mir den Knaben, der Schreier gefällt mir, will ihn halten wie einen Junker, will ihn in Sammet und Seide kleiden, und einen wackern Kerl aus ihm ziehn, der Vater und Brüder einst nähren soll. Fordre hundert Schreckenberger, ich zahl sie dir.«

»Ha!« lachte das rasche Weib, »gefällt Euch der Junge? Ja das ist ein Junge wie 'n Daus, der wär mir nicht um aller Welt Schätze feil.«

»Törin!« versetzte Rübezahl, »hast du nicht noch drei Kinder, die dir Last und Überdruss machen? Musst sie kümmerlich nähren, und dich mit ihnen placken Tag und Nacht.«

Das Weib: »Wohl wahr, aber davor bin ich Mutter, muss tun was meines Berufs ist. Kinder machen Überlast, aber auch manche Freude.«

Der Geist: »Schöne Freude! sich mit den Bälgen tagtäglich zu schleppen, sie zu gängeln, zu säubern, ihre Unart und Geschrei zu ertragen.«

Sie: »Wahrlich Herr! Ihr kennt die Mutterfreuden wenig, all Arbeit und Müh versüßt ein einziger freundlicher Anblick, das holde Lächeln und Lallen der kleinen unschuldigen Würmer. - Seht mir nur den Goldjungen da, wie er an mir hängt, der kleine Schmeichler! Nun ist er's nicht gewesen der geschrien hat. - Ach hätte ich doch hundert Hände, die euch heben und tragen und für euch arbeiten könnten, ihr lieben Kleinen!«

Der Geist: »So! Hat denn dein Mann keine Hände, die arbeiten können?«

Sie: »O ja, die hat er! Er rührt sie auch und ich fühl 's zuweilen.«

Der Geist aufgebracht: »Wie? Dein Mann erkühnt sich die Hand gegen dich aufzuheben? Gegen solch ein Weib? Das Genick will ich ihm brechen, dem Mörder!«

Sie lachend: »Da hättet Ihr traun viel Hälse zu brechen, wenn alle Männer mit dem Halse büßen sollten, die sich an der Frau vergreifen. Die Männer sind eine schlimme Nation, drum heißt's Ehstand Wehstand, muss mich drein ergeben, warum hab ich gefreit.«

Der Geist: »Nun ja, wenn du wusstest, dass die Männer eine schlimme Nation sind, so war's auch ein dummer Streich, dass du freitest.«

Sie: »Mag wohl! Aber Steffen war ein flinker Kerl, der guten Erwerb hatte, und ich eine arme Dirne ohne Heuratsgut. Da kam er zu mir und begehrte mich zur Eh, gab mir einen Wildemannstaler auf den Kauf und der Handel war gemacht. Nachher hat er mir den Taler wieder genommen, aber den wilden Mann hab ich noch.«

Der Geist lächelte: »Vielleicht hast du ihn wild gemacht durch deinen Starrsinn.«

Sie: »O den hat er mir schon ausgetrieben! Aber Steffen ist ein Knauser, wenn ich ihm einen Engelgroschen abfordere, so rasaunt er im Hause ärger als Ihr zuzeiten im Gebirge, wirft mir meine Armut vor, und da muss ich schweigen. Wenn ich ihm eine Aussteuer zugebracht hätte, wollt ich ihm schon den Daumen aufs Aug halten.«

Der Geist: »Was treibt dein Mann für ein Gewerbe?«

Sie: »Er ist ein Glashändler, muss sich seinen Erwerb auch lassen sauer werden, schleppt der arme Tropf die schwere Bürde aus Böhmen herüber jahrausjahrein, wenn ihm nun unterwegs ein Glas zerbricht, muss ich's und die armen Kinder freilich entgelten; aber Liebesschläge tun nicht weh.»

Der Geist: »Du kannst den Mann noch lieben, der dir so übel mitspielt?«

Sie: »Warum nicht lieben? Ist er nicht der Vater meiner Kinder? Die werden alles gut machen, und uns wohl lohnen, wenn sie groß sind.«

Der Geist: »Leidiger Trost! Die Kinder danken auch der Eltern Müh und Sorgen. Werden dir die Jungen den letzten Heller aus dem Schweißtuch pressen, wenn sie der Kaiser zum Heer schickt ins ferne Ungerland, dass die Türken sie erschlagen.«

Das Weib: »Ei nun das kümmert mich auch nicht, werden sie erschlagen, so sterben sie für den Kaiser und fürs Vaterland in ihrem Beruf; können aber auch Beute machen und der alten Eltern pflegen.«

Hierauf erneuerte der Geist den Knabenhandel nochmals; doch das Weib würdigte ihn keiner Antwort, raffte das Laub in den Korb, band oben drauf den kleinen Schreier mit der Leibschnur feste, und Rübezahl wandte sich als wollt er förder gehen. Weil aber die Bürde zu schwer war, dass das Weib nicht aufkommen konnte, rief sie ihn zurück: »Ich hab Euch einmal gerufen«, sprach sie, »so helft mir nun auch auf, und wenn Ihr ein Übriges tun wollt, so schenkt dem Knaben, der Euch gefallen hat, ein Gutfreitagsgröschel (x) zu einem paar Semmeln, morgen kommt der Vater heim, der wird uns Weißbrot aus Böhmen mitbringen.« Der Geist antwortete: »Aufhelfen will ich dir wohl, aber gibst du mir den Knaben nicht, so soll er auch keine Spende haben.« »Auch gut!« versetzte das Weib, und ging ihres Weges.

Anmerkung:
Gutfreitagsgroschen = Eine schlesische Münze, einen Dreier an Wert, welche ehedem die Fürsten von Liegnitz prägen und auf den Karfreitag an die Armen zum Almosen austeilen ließen.

Je weiter sie ging je schwerer wurde der Korb, dass sie unter der Last schier erlag, und alle zehn Schritte verschnauben musste. Das schien ihr nicht mit rechten Dingen zuzugehen, sie wähnte Rübezahl hab ihr einen Possen gespielt, und eine Last Steine unter das Laub praktiziert, darum setzte sie den Korb ab auf dem nächsten Rande und stürzt' ihn um; doch es fielen eitel Laubblätter heraus und keine Steine, also füllte sie ihn wieder zur Hälfte, und raffte noch so viel Laub ins Vortuch als sie darein fassen konnte; doch bald war ihr die Last von neuem zu schwer, sie musste nochmals ausleeren, welches die rüstige Frau groß Wunder nahm; sie hatte gar oft hochgepanste Graslasten heimgetragen, und solche Mattigkeit noch nie gefühlt. Demungeachtet beschickte sie bei ihrer Heimkunft den Haushalt, warf den Ziegen und den jungen Hipplein das Laub vor, gab den Kindern das Abendbrot, brachte sie in Schlaf, betete ihren Abendsegen, und schlief flugs und fröhlich ein.

Die frühe Morgenröte und der wache Säugling, der mit lauter Stimme sein Frühstück heischte, weckten das geschäftige Weib zu ihrem Tagewerke aus dem gesunden Schlaf. Sie ging zuerst mit dem Melkfasse ihrer Gewohnheit nach zum Ziegenstalle. Welch schreckensvoller Anblick! Das gute nahrhafte Haustier die alte Ziege, lag da rohhart und steif, hatte alle Viere von sich gestreckt und war verschieden; die Hipplein aber verdrehten die Augen grässlich im Kopfe, steckten die Zunge weit von sich, und gewaltsame Zuckungen verrieten, dass sie der Tod ebenfalls schüttele. So ein Unglücksfall war der guten Frau noch nicht begegnet, seitdem sie wirtschaftete; ganz betäubt von Schrecken sank sie auf ein Bündlein Stroh hin, hielt die Schürze vor die Augen, denn sie konnte den Jammer der Sterblinge nicht ansehen und erseufzte tief: »Ich unglückliches Weib was fang ich an! Und was wird mein harter Mann beginnen, wenn er nach Hause kommt? Ach hin ist mein ganzer Gottessegen auf dieser Welt!«

Augenblicklich strafte sie das Herz dieses Gedankens wegen. Wenn das liebe Vieh dein ganzer Gottessegen ist auf dieser Welt, was ist denn Steffen und was sind deine Kinder? Sie schämte sich ihrer Übereilung, lass fahren dahin aller Welt Reichtum, dachte sie, hast du doch noch deinen Mann und deine vier Kinder. Ist doch die Milchquelle für den lieben Säugling noch nicht versiegt, und für die übrigen Kinder ist Wasser im Brunnen. Wenn's auch einen Strauß mit Steffen absetzt und er mich übel schlägt, was ist's mehr als ein böses Ehestündlein; hab ich doch nichts verwahrlost. Die Ernte stehet bevor, da kann ich schneiden gehn, und auf den Winter will ich spinnen bis in die tiefe Mitternacht, eine Ziege wird ja wohl wieder zu erwerben sein, und habe ich die, so wird's auch nicht an Hipplein fehlen.

Indem sie das bei sich gedachte, ward sie wieder frohen Mutes, trocknete ab ihre Tränen, und wie sie die Augen aufhob, lag da vor ihren Füßen ein Blättlein, das flitterte und blinkte so hell so hochgelb wie gediegen Gold, sie hob es auf, besah 's, und es war schwer wie Gold. Rasch sprang sie auf, lief damit zu ihrer Nachbarin der Judenfrau, zeigt' ihr den Fund mit großer Freude, und die Jüdin erkannt's für reines Gold, schacherts ihr ab und zählt' ihr dafür zween Dicktaler bar auf den Tisch. Vergessen war nun all ihr Herzeleid. Solchen Schatz an Barschaft hatte das arme Weib noch nie im Besitz gehabt. Sie lief zum Becken, kaufte Strözel und Butterkringel und eine Hammelkeule für Steffen, die sie zurichten wollte, wenn er müd und hungrig auf dem Abend von der Reise käm. Wie zappelten die Kleinen der fröhlichen Mutter entgegen, da sie hereintrat und ihnen ein so ungewohntes Frühstück austeilte. Sie überließ sich ganz der mütterlichen Freude, die hungrige Kinderschar abzufüttern, und nun war ihre erste Sorge, das ihrer Meinung nach von einer Unholdin gesterbte Vieh beiseite zu schaffen, und dieses häusliche Unglück für dem Manne so lange als möglich zu verheimlichen. Aber ihr Erstaunen ging über alles, als sie von ungefähr in den Futtertrog sah und einen ganzen Haufen goldner Blätter darin erblickte. Wenn sie der griechischen Volksmärchen kundig gewesen wär, so würde sie leicht darauf geraten haben, dass ihr liebes Hausvieh an der Indigestion des Königs Midas gestorben sei. Ihr ahndete gleichwohl so etwas, darum schärfte sie geschwind das Küchenmesser, brach den Ziegenleichnam auf, und fand im Magenschlunde einen Klumpen Gold, so groß als einen Paulinerapfel, und so auch nach Verhältnis in den Mägen der Zicklein.

Jetzt wusste sie ihres Reichtums kein Ende; doch mit der Besitznehmung empfand sie auch die drückenden Sorgen desselben, sie wurde unruhig, scheu, fühlte Herzklopfen, wusste nicht ob sie den Schatz in die Lade verschließen oder in den Keller vergraben sollte, fürchtete Diebe und Schatzgräber, wollt auch dem Knauser Steffen nicht gleich alles wissen lassen, aus gerechter Besorgnis, dass er vom Wuchergeist angetrieben, den Mammon an sich nehmen und sie dennoch nebst den Kindern darben lassen möchte. Sie sann lange, wie sie's klug genug damit anstellen wollte, und fand keinen Rat.

Der Pfaff im Dorfe war der Schutzpatron aller bedrängten Weiber, der aus Gutmütigkeit, oder aus Neigung dem weibischen als dem schwächsten Werkzeug seine gebührende Ehre gab, und durchaus nicht gestattete, dass bengelhafte Ehekonsorten seine Beichttöchter misshandelten, sondern legte den ungestümen Haustyrannen, wenn Klage einlief, schwere Bußen auf, und nahm stets der Weiber Partei; auch hatte er die magische Hechtleber der Pönitenz bei dem mürrischen Steffen nie geschont, zu Nutz des guten Weibes den Asmodi aus der Ehekammer damit wegzuräuchern. Sie nahm also ihre Zuflucht zu dem trostreichen Seelenpfleger, berichtete ihm unverhohlen das Abenteuer mit Rübezahl, wie er ihr zu großem Reichtum verholfen, und was sie dabei für Anliegen habe, belegt' auch die Wahrheit der Sache mit dem ganzen Schatze, den sie bei sich trug. Der Pfaff kreuzte sich über das Wunderbare dieser Begebenheit mächtig, freute sich gleichwohl über das Glück des armen Weibes innig, rückte drauf sein Käpplein hin und her, für sie guten Rat zu suchen, um ohne Spuk und Aufsehen sie im ruhigen Besitz ihres Reichtums zu erhalten, und auch Mittel auszufinden, dass der zähe Steffen sich desselben nicht bemächtigen könne.

Nachdem er lange simuliert hatte, redet' er also; »Hör an meine Tochter, ich weiß guten Rat für alles. Wäge mir das Gold zu, dass ich's dir getreulich aufbewahre, dann will ich einen Brief schreiben in welscher Sprache, der soll dahin lauten; dein Bruder, der vor Jahren in die Fremde ging, sei in der Venediger Dienst nach Indien geschifft und daselbst gestorben, hab all sein Gut dir im Testament vermacht, mit dem Beding, dass der Pfarrer des Kirchspiels dich bevormunde, damit es dir allein und keinem andern zu Nutz komme. Ich begehre weder Lohn noch Dank von dir, nur gedenke, dass du der heiligen Kirche einen Dank schuldig bist für den Segen, den dir der Himmel bescheret hat, und gelob ein reiches Messgewand in die Sakristei.« Dieser Rat behagte dem Weibe herrlich, sie gelobte dem Pfarrer das Messgewand; er wog in ihrem Beisein das Gold, gewissenhaft bis auf ein Quintlein aus, legt' es in den Kirchenschatz, und das Weib schied mit frohem und leichten Herzen von ihm. [...]

[Rübezahl "trug groß Verlangen, das biedre Weib an ihn (Steffen) zu rächen, ihm einen Possen zu spielen, dass ihm Angst und Weh dabei würde, und ihn dadurch so kirre zu machen, dass er der Frau untertan würde, und sie ihm nach Wunsche den Daumen aufs Auge halten könne." Davon handelt der folgende, hier nicht wiedergegebene "Schabernack".}

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen. Nach dem Text der Erstausgabe von 1782-86. Mit den Illustrationen von Ludwig Richter, A. Schrödter, R. Jordan und G. Osterwald zur Ausgabe von 1842. Nachwort u. Anmerkungen von Norbert Miller. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1977. Text S. 234-243; Erläuterungen S. 844 f. — Digital in: Deutsche Märchen und Sagen. Herausgegeben von Hans-Jörg Uther. Zweite, verbesserte Auflage (Digitale Bibliothek; 80) Berlin: Directmedia 2004, S.36.653-36.664. — Online im Projekt Gutenberg.DE. — Absätze eingefügt, Rechtschreibung und Zeichensetzung behutsam modernisiert.



2. Ludwig Bechstein:
Berggeist Rübezahl.
Mit einem Gemälde von Moritz von Schwind.

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Alte Postkarte. F. A. Ackermann's Kunstverlag, München. - Universal-Galerie, Serie 213b. - Nr. 2174. - M[oritz] v. Schwind: Rübezahl (Schackgalerie, München). Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1924. — Ölgemälde um 1845; Höhe 39,9, Breite 64,4 cm. Dazu Brigitte Buberl: Erlkönig und Alpenbraut. Dichtung, Märchen und Sage in Bildern der Schack-Galerie (Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Studio-Ausstellung 12) München: Lipp 1989. Nr. 17.



Vom Kynast hat einer nicht weit auf das Gebirge zu wandern, darin des weit und breit genannten Berggeistes Rübezahl Reich ist. Von keinem Gespenst gehen so viele teils alte echte, teils neuersonnene Volkssagen. Zahlreich sind die Örtlichkeiten im Gebirge, an denen sein Name haftet; es steige einer nur vom Dorfe und Vitriolwerk Schreiberhau hinauf zum Elbfall, zu den Zackel- und Kochelfällen und zum großen Rad wie zur Koppe, da findet er unterwegs Rübezahls Festung, seinen Ball, seine Treppe, seine Steinkanzel, seinen Keller, Garten, Teich, Thron und dergleichen häusliche Niederlassungen mehr.

Rübezahl ist ein Proteus der deutsch-slawischen Mythe, allbekannt und doch noch nicht genau erkannt; eine Koboldnatur, gut und schlimm, mehr neckisch als tückisch, aber leicht reizbar und oft grausam in seiner Neckerei. Er erscheint in allen Gestalten der Waldleute, als Bergmann, Jäger, Holzhauer, Köhler, Reffträger, Führer, Bote, nicht minder als Mönch, als Moosmann, in Tiergestalt, er gebietet den Elementen wie allen Schätzen der Tiefe, deren Oberhüter er ist. Es ist eine bekannte Rede, daß dieser Geist den Namen Rübezahl nicht leiden könne und sich an denen empfindlich räche, die ihn damit rufen und höhnen, was ihm auch nicht zu verdenken ist, denn kein Gescheiter wird dulden, daß ihm der erste beste Laffe den ehrlichen Namen verhunze und verschände. Nun weiß aber kein Mensch den wahren Namen dieses Waldschrats, und so nannte man ihn den Herrn des Gebirges, den Herrn vom Berge, und die Kräutersammler nannten ihn Domine Johannes und verehrten ihn, da er den Kräutlern gar gute Wurzeln und Kräuter anzeigte, sie auch schöne Steine finden ließ, wenn er sie selbst gut und seiner Gaben wert befand.

Da der Gebirgsgeist den ihm aufgehängten Namen so wenig leiden und ertragen kann [...], so hat er zum öftern groben Schrollen, die es an ihn gebracht und ihn sogar zum Kehren der untersten Feuermauer eingeladen, gar schlimm und scharf gelohnt. Davon wäre viel zu erzählen. Einem dieser unsaubern und gemeinen Gesellen, der ihn förmlich schimpfte, schickte der Geist ein Hagelwetter auf den Hals; einem zweiten putzte er die Feueresse mit der Mistgabel aus; einem botanisierenden Mediziner brach er das Genick; einem Schäfer ließ er Ochsenhörner am Kopfe wachsen; einem Schneeberger Ratsdiener zog er die Ohren so hoch in die Höhe, dass sie genau die Ohrenlänge des güldenen Esels hatten. Ein Briefträger wurde vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht und bis zum andern Morgen um ein altes Zauberschloss in Ruinen herumgeführt; ein Bauer wurde zum Nasenkönig gemacht, der musste, wenn er sich schneuzen wollte, das Fazinettlein so weit vom Gesicht weghalten, als sein Arm langte. Einer Grasemagd, die im Walde Spottliedlein auf den Berggeist sang, nahte er sich als Buhle, griff ihr unters Kinn und heftete ihr einen Ziegenbart an, den sie ihr Lebelang tragen mußte. Bauern, die ihn geschmäht, lenkten sich, als sie in der Scheune droschen, unwillkürlich die Flegel nicht aufs Getreide, sondern auf ihre Köpfe und Buckel, so dass sie mehr blaue Flecke als Körner ausdroschen, und solcher Strafen verhängte er, wenn er gereizt war, oft und viele.

Bechstein, Ludwig: Deutsches Sagenbuch (1853). In: Deutsche Märchen und Sagen. Hrsg. von Hans-Jörg Uther. Zweite, verb. Auflage (Digitale Bibliothek; 80) Berlin: Directmedia 2004, S. 8883-8885. Redigiert, Absätze eingefügt.



Vorschau

Johann Karl August Musäus. Kupferstich von Joh. H. Lips. In: Goethe. Eine Biographie in Bildnissen. Sonderdruck aus der zweiten Auflage von Könneckes Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur. Marburg: Elwert 1900, S.15. Vgl. Joachim Kruse: Johann Heinrich Lips 1758-1817. Ein Zürcher Kupferstecher zwischen Lavater und Goethe (Kataloge der Kunstsammlungen der Veste Coburg). Coburg 1989, Nr. 112.


Johann Carl August Musäus. Dieser Lieblings-Schriftsteller der Deutschen in der schönen Literatur wurde im Jahr 1735 zu Jena geboren, wo sein Vater Landrichter war. In seinem neunten Jahre nahm ihn sein Vetter, der Superintendent Weissenborn zu Altstädt, zu sich; und als dieser nach einem Jahre General-Superintendent zu Eisenach ward, so zog der junge Musäus auch mit dahin, und blieb in dem Hause seines Wohltäters, von welchem er eine anständige Erziehung erhielt, bis in sein 19 Jahr. Jetzt ging Musäus nach Jena und studierte daselbst Theologie. Er kehrte nach vierthalb Jahren zu seinen Eltern zurück, lebte darauf einige Jahre als Kandidat des Predigtamts zu Eisenach, und predigte oft mit Beifall daselbst. Er sollte darauf Pfarrer zu Pfarrode bei Eisenach werden; allein die Bauern nahmen ihn nicht an, weil er einmahl getanzt hatte. Im Jahr 1763 kam er als Pagenhofmeister nach Weimar, und nach 7 Jahren als Professor ans Gymnasium. Nun heiratete er, und bekam 2 Söhne. Sein Tod erfolgte im Oktober 1787, und rührte von einer höchst seltenen Krankheit, von einem Polypen am Herzen, her.

Seine physiognomischen Reisen, Volksmährchen und Straußfedern gehören unter unsre originellsten, launigsten und unterhaltendsten Schriften; Neuheit, Leichtigkeit und edle Gesinnungen herrschen darin in seltener Harmonie.

Seine beschränkte Lage und die Dürftigkeit, in welcher er sein ganzes Leben zubrachte, raubten ihm bei seinem ohnedies furchtsamen Charakter das vernünftige Selbstvertrauen: er war der Letzte, der sich von dem inneren Werte seiner Schriften überzeugte; und nur sein kärgliches Auskommen bewog ihn, als Schriftsteller aufzutreten. Als Mensch war Musäus heiter und aufgeweckt, und trotzte allen Beschwerden des Körpers und seiner drückenden Lage. Nach seinem Tode gab Herr Bertuch seine moralische Kinderklapper (eine vortreffliche Sammlung von Kindererzählungen), und Herr von Kotzebue seine nachgelassenen Schriften mit einer Nachricht von seinem Leben heraus.

Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch. 1. Auflage 1809-1811. Neusatz und Faksimile (Digitale Bibliothek; 131) Berlin: Directmedia 2005, S. 3265 f. Redigiert.



Musäus, Johann Karl August, Schriftsteller, geboren 29. März 1735 in Jena, gestorben 28. Oktober 1787 in Weimar, studierte seit 1754 in Jena Theologie, wurde 1763 Pagenhofmeister am weimarischen Hof, 1770 Professor am dortigen Gymnasium.

Seine erste literarische Veröffentlichung war: »Grandison der Zweite« (1760-62, 2 Bde.; später umgearbeitet: »Der deutsche Grandison«, 1781-82, 2 Bde.), womit er dem schwärmerisch-sentimentalen Enthusiasmus für den gleichnamigen Roman des Engländers Richardson satirisch entgegenwirken wollte. Dann folgten die gegen Lavater gerichtete Satire »Physiognomische Reisen« (1778-79, 4 Hefte) und die »Volksmärchen der Deutschen« (1782-86, 5 Bde., u. ö.), welche die aus dem Volksmund genommenen Märchen- und Sagenstoffe keineswegs in naiv volksmäßiger Gestalt wiedergeben, sie vielmehr in Wielands Manier mit allerlei satirischen Streif- und Schlaglichtern ausstatten, aber dennoch durch joviale Laune, liebenswürdige Schalkhaftigkeit und lebendige Anmut des Vortrags, die aus ihnen spricht, einen eigentümlichen Reiz besitzen. Unter Musäus übrigen Schriften sind hervorzuheben: »Freund Heins Erscheinungen in Holbeins Manier« (1785), Darstellungen mehr betrachtender als erzählender Manier, und die Sammlung von Erzählungen: »Straußfedern« (1787, Bd. 1). Seine »Nachgelassenen Schriften« wurden mit Charakteristik herausgegeben von seinem Verwandten und Zögling August von Kotzebue (1791).

Meyers Großes Konversations-Lexikon. Sechste Auflage 1905-1909 (Digitale Bibliothek; 100) Berlin: Directmedia 2003, S. 134.886 f. Gekürzt, redigiert.

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Johann Karl August Musäus. Gipsbüste von Gottlieb Martin Klauer, um 1784. Goethe-Nationalmuseum, Weimar. In: Paul Ortwin Rave: Das geistige Deutschland im Bildnis. Das Jahrhundert Goethes. Berlin: Verlag des Druckhauses Tempelhof 1949, S.89.



Richter, Ludwig, Landschafts- und Genremaler und Illustrator, geboren 28. September 1803 zu Dresden, 1841-77 Prof. an der Kunstakademie daselbst, gestorben 19. Juni 1884 zu Loschwitz; bekannt durch zahlreiche Holzschnittillustrationen zu volkstümlichen Dichtungen, Märchen etc., voll Gemütstiefe, Humor und Schönheitssinn.

Brockhaus Kleines Konversations-Lexikon. Elektronische Volltextedition der fünften Auflage von 1911 (Digitale Bibliothek; 50) Berlin: Directmedia 2004, S.63.114.

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Schwind, Moritz von, Maler und Zeichner, Vertreter der deutschen Romantik, geboren 21. Januar 1804 zu Wien, seit 1847 Prof. an der Akademie zu München, gestorben daselbst 8. Februar 1871. Entwürfe zur Ausschmückung des Schlosses Hohenschwangau und der Wartburg (Sängerkrieg, Szenen aus dem Leben der heiligen Elisabeth); Staffeleibilder (Ritter Kurts Brautfahrt, Die Hochzeitsreise); zyklische Kompositionen zu »Aschenbrödel«, »Die sieben Raben«, »Die schöne Melusine«, Kartons zu Glasmalereien.

Brockhaus Kleines Konversations-Lexikon. Elektronische Volltextedition der fünften Auflage von 1911 (Digitale Bibliothek; 50) Berlin: Directmedia 2004, S.68.664.



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Jutta Assel | Georg Jäger

Notgeld: Sagen-Motive
Eine Dokumentation

Doctor Faustus

Stand: Januar 2009

Ausschnitt aus der sechsten Illustration:
Fausts Kopf wird zertrümmert.

 

 

Vorlage: Historia von Doctor Johann Fausten ... Notgeld der Stadt Roda in Altenburg. Gültig bis ein Monat nach Aufruf. Roda, 30.9.1921. Acht Scheine; die beiden letzten in abweichender, kleinerer Größe. Druck von E. Giltsch / Jena. Im Bild signiert: Kötschau.

    Die Zitate zum Verständnis der Illustrationen sind folgender Ausgabe entnommen: Historia von D. Johann Fausten. Text des Druckes von 1587. Kritische Ausgabe. Mit den Zusatztexten der Wolfenbütteler Handschrift und der zeitgenössischen Drucke (Universal-Bibliothek; 1516) Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart: Philipp Reclam 1989.

    Kötschau, Georg, Landschaftsmaler, Pastellzeichner und Lithograph. Geb. 4. Oktober 1889 in Magdeburg, tätig in Jena. (Vollmer). Todesdatum nicht ermittelt.

     

     1:
    Dr. Faustus ein Arzt, wie er den Teufel beschworen.

    Vgl. das Kapitel "Doct. Faustus ein Artzt / vnd wie er den Teuffel beschworen hat". Zitat:

    "Denn als D. Faustus den Teuffel beschwur / da ließ sich der Teuffel an / als wann er nicht gern an das Ziel vnd an den Reyen käme / wie dann der Teuffel im Wald einen solchen Tumult anhub / als wolte alles zu Grund gehen / daß sich die Bäum biß zur Erden bogen [...] Es ließ sich sehen / als wann ob dem Circkel ein Greiff oder Drach schwebet / vnd flatterte [...]" (S. 16)

    *******

     

    2:
    Wie Doctor Faustus in die Höll gefahren.

    Vgl. das Kapitel "Wie Doct. Faustus in die Hell gefahren". Zitat:

    "Als nun D. Faustus besser in die Spelunck hinab kam / da sahe er vmb sich herumb seyn nichts / dann lauter Vnzieffer vnd Schlangen schweben. Die Schlangen aver waren vnsäglich groß. Jhm kamen darauff fliegende Bären zu hülff / die rangen vnd kämpfften mit den Schlangen / vnd siegten ob / also daß er sicher vnd besser hindurch kame / vnd wie er nu weiter hinab kompt / sahe er ein grossen geflügelten Stier auß einem alten Thor oder Loch herauß gehen / vnd lieff also gantz zornig vnd brüllend auff D. Faustum zu / vnd stieß so starck an seinen Stuel / daß sich der Stuel zugleich mit dem Wurm vnnd Fausto vmbgewendet. D. Faust fiel vom Stuel in die Klufft jmmer je tieffer hinunter / mit grossem Zetter vnd Wehgeschrey / dann er gedachte / nun ist es mit mir auß / weil er auch seinen Geist nicht mehr sehen konnte." (S. 53)

    Rueckseiten gleich gestaltet. Text:

    Historia von Doctor Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler, wie er sich gegen dem Teufel auf benannte Zeit verschrieben, was hierzwischen er für seltzame Abenteuer angerichtet und getrieben, bis er endlich seinen wohlverdienten Lohn empfangen.

    *******

    3:
    Fausti Reise in etliche Königreich u. Fürstentumb

    Vgl. das Kapitel "D. Fausti dritte Fahrt in etliche Königreich vnnd Fürstenthumb / auch fürnembste Länder vnd Stätte". Zitat:

    "Doct. Faustus nimpt im 16. jar ein Reyß oder Pilgramfahrt für / vnd befihlt also seinem Geist Mephostophili / daß er jn / wohin er begerte / leyte vnd führe. Derhalben sich Mephostophiles zu einem Pferde verkehret vnnd veränderte / doch hatt er flügel wie ein Dromedari / vnd fuhr also / wohin jn D. Faustus hin ländete." (S. 60)

    *******

     

    4:
    Faustus ergreift einen Regenbogen mit der Hand.

    *******

    5:
    D. Fausti Buhlschaft mit Helena aus Graecia.

    Vgl. das Kapitel "Von der Helena auß Griechenland / so dem Fausto Beywohnung gethan in seinem letzten Jahre. ". Zitat:

    "Darmit nun der elende Faustus seines Fleisches Lüsten genugsam raum gebe / fällt jm zu Mitternacht / als er erwachte / in seinem 23. verloffenen Jar / die Helena aus Grecia / so er vormals den Studenten am Weissen Sonntag erweckt hatt / in Sinn / Derhalben er Morgens seinen Geist anmanet / er solte jm die Helenam darstellen / die seine Concubina seyn möchte / welches auch geschahe / vnd diese Helena war ebenmässiger Gestalt [...] mit lieblichem vnnd holdseligem Anblicken. Als nun Doct. Faustus solches sahe / hat sie jhm sein Hertz dermassen gefangen / daß er mit jhr anhube zu Bulen / vnd für sein Schlaffweib bey sich behielt / die er so lieb gewann / daß er schier kein Augenblick von jr seyn konnte [...]." (S. 110)

    *******

    6:
    D. Fausti greuliches und erschreckliches Ende.

    Vgl. die Kapitel "Folget nun von D. Fausti greuwlichem vnd erschrecklichem Ende / ab welchem sich jedes Christen Mensch gnugsam zu spiegeln / vnd darfür zu hüten hat." sowie "Oratio Fausti ad Studiosos". Zitat:

    "Die Studenten lagen nahendt bey der Stuben / da D. Faustus jnnen war / sie hörten ein greuwliches Pfeiffen vnnd Zischen / als ob das Hauß voller Schlangen / Natern vnnd anderer schädlicher Würme were / in dem gehet D. Fausti thür off in der Stuben / der hub an vmb Hülff vnnd Mordio zuschreyen / aber kaum mit halber Stimm / bald hernach hört man jn nicht mehr. Als es nun Tag ward / vnd die Studenten die gantze Nacht nicht geschlaffen hatten / sind sie in die Stuben gegangen / darinnen D. Faustus gewesen war / sie sahen aber keinen Faustum mehr / vnd nichts / dann die Stuben voller Bluts gesprützet / Das Hirn klebte an der Wandt / weil jn der Teuffel von einer Wandt zur andern geschlagen hatte. Es lagen auch seine Augen vnd etliche Zäen allda / ein greulich vnd erschrecklich Spectackel. Da huben die Studenten an jn zubeklagen vnd zubeweynen / vnd suchten jn allenthalben / Letzlich aber funden sie seinen Leib heraussen bey dem Mist ligen [...]." (S. 123)

    *******

    7:
    Das sogenannte Fausthaus in Roda.

    Doctor Faustus ist eines Bauern Sohn gewest,
    zu Roda bei Weimar bürtig.

    *******

    8:
    Abscheulichen Exempels treuherzige Warnung.

     

    Wer zauberlichen Dingen glaubt /
         Bleibt Gods Genad nit unberaubt
    Nit tröst dich / ob die Wort seind gut /
         Die man unchristlich prauchen tut
    Endt jemand damit das er will /
         Im hilfft der Teüfel durch sein spil.
    Solchs im von Got wird oft vergünt /
         Dornach folgt schwerer Straf u sünd
    Des Alter vil exempel sind
         Der säl man auch an Faustus findt.



    Georg (in der Sage immer Johann) Faust stammte wahrscheinlich aus Knittlingen in Schwaben. Sichere Nachrichten über ihn fallen in die Jahre 1507-1540. Im Besitze zumindest halbgelehrter Bildung erregte er als Astrologe Aufmerksamkeit und scheint an verschiedenen Höfen eine nicht unansehnliche Rolle gespielt zu haben. Wegen seiner Prahlsucht, seines unstäten Wanderlebens berichten seine Zeitgenossen nur Ungünstiges über ihn. […] Seine Gestalt ist typisch für seine Zeit, in der neben der aufstrebenden Wissenschaft der Hexenwahn und der Glaube an Teufelsbündnisse seinen Höhepunkt erreichte. Faust hat keine literarischen Werke hinterlassen. Ab 1540 sind die Nachrichten über ihn sagenhaft, die Blütezeit der Mythenbildung fällt in die Mitte der Sechzigerjahre des 16. Jahrhunderts. […]

    Die mündliche volkstümliche Überlieferung (Faustsage) beschäftigt sich 1. mit seinem Teufelsbündnis und schrecklichen Ende, 2. mit seinen Wundertaten, Luftfahrten, Beschaffung wunderbarer Mahlzeiten, 3. seinen verschiedenen Streichen und Schelmenstücken. Er verschlingt Personen und Gegenstände, prellt Juden und Wucherer, verkauft Strohwische für Pferde und Schweine. In Leipzig reitet er ein Faß aus dem Keller, einer Tischgesellschaft läßt er beinahe an Stelle von Weintrauben sich die Nasen abschneiden.

    Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Herausgegeben von Hanns Bächtold-Stäubli unter Mitwirkung von Eduard Hoffmann-Krayer (Digitale Bibliothek; 145) Berlin: Directmedia 2006. Artikel "Faustus (Zauberer)" von Lily Weiser, S. 5884-5890. Zitate S. 5884 f.

    *******

    Die erste literarische Verwertung der Faustsage ist das 1587 zu Frankfurt a. M. erschienene Volksbuch »Historia von Dr. Johann Fausten, dem weitbeschreiten Zauberer und Schwarzkünstler etc.«, herausgegeben von Johann Spies, der in der Vorrede mitteilt, daß ihm das Manuskript von einem Freund in Speyer zugeschickt worden sei. Dieses älteste Faustbuch [...] ist neuerdings in einer ältern Fassung aufgefunden worden (»Historia Dr. Johannis Fausti des Zauberers«, nach der Wolfenbütteler Handschrift hrsg. von G. Milchsack, Wolfenbüttel 1897), die etwa aus dem Jahr 1575 stammt, mehrere bei Spies fehlende Schwänke bietet und zu manchen Berichtigungen beiträgt. [...]

    Nach dieser Historia war Faust der Sohn eines Bauern zu "Rod (Roda) bei Weinmar", der zu Wittenberg erzogen wurde, Theologie studierte und den theologischen Doktorgrad erlangte, dann ein Weltmensch, Doktor Medicinä, Astrologus, Mathematikus wurde und sich im Spesserwald bei Wittenberg dem Teufel ergab, mit dessen Beistand er allerlei Wunder sah und verrichtete, bis er nach 24 Jahren im Dorfe Rimlich bei Wittenberg nächtlicherweile vom Teufel von einer Wand zur andern geschleudert wurde; andern Morgens fand man ihn mit zerbrochenen Gliedern tot auf dem Mist.

    Das Buch, das im ganzen nur eine unbeholfene Kompilation ist, enthält doch vereinzelte Züge, die von einer höhern Auffassung des Helden Zeugnis ablegen und ihn mit einer gewissen Größe umkleiden [...]. Faust begehrt nicht nur, Zauberkünste ausführen zu können, er verlangt vom Teufel auch, daß er ihm auf alle seine Fragen, doch nie etwas Unwahrhaftiges antworten soll, d. h. er hat den Trieb nach Wahrheit. Sein Abfall von Gott wird mit der Vermessenheit der himmelstürmenden Giganten und dem Hochmut Luzifers verglichen, und selbst sein "epikureisches Leben" erhält eine Art von Größe und gereicht ihm zur Befriedigung seines Wissensdranges: das schönste Weib, die griechische Helena, die er heraufbeschwört, wird seine Genossin, und der Knabe, den sie ihm gebiert, verkündet ihm viele zukünftige Dinge, die in allen Ländern geschehen sollen.

    Meyers Großes Konversations-Lexikon. Sechste Auflage 1905-1909 (Digitale Bibliothek; 100) Berlin: Directmedia 2003, S. 57021 f.
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    Eine kritische Edition des Faustbuches, mit Einführung, Kommentar und Quellentexten, bietet folgende Ausgabe:

      • Historia von D. Johann Fausten. Text des Druckes von 1587. Kritische Ausgabe. Mit den Zusatztexten der Wolfenbütteler Handschrift und der zeitgenössischen Drucke (Universal-Bibliothek; 1516) Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart: Philipp Reclam 1989.



    Das Notgeld in und nach dem Ersten Weltkrieg entstand aus akutem Mangel an Kleingeld. Es wurde meist von Gemeinden ausgegeben, die sich verpflichteten, den in Pfennigen angegebenen Wert bis zu einem bestimmten, dem Notgeld aufgedruckten Gültigkeitstermin einzulösen. Dieses Notgeld wurde bald ein Sammelobjekt, so dass es dem wirtschaftlichen Kreislauf entzogen war. Der preußische Minister für Handel und Gewerbe wandte sich schon am 22. November 1917 "gegen Verwendung von Notgeld zu Sammelzwecken." (Drei Jahre, S.27)

    Der Durchbruch zu einem reinen Sammelobjekt erfolgte aber erst in der Inflation 1921. "Bei den Städten liefen immer zahlreicher die Anfragen und Bestellungen von Sammlern ein; jede suchte mit neuen künstlerischen Scheinen die andern zu übertreffen, um recht viel Notgeld an Sammler absetzen zu können, denn was bei der Einlösung nicht zurückkam, war für die Stadtkasse Reinverdienst." (Notgeld, S. 237) An Sammler richteten sich vor allem die Serien von illustrierten Kleingeldscheinen, zu denen auch die hier vorgestellte Folge zählt. Sie standen im Mittelpunkt der Kritik an der "Ausartung der Notgeldausgaben" (Drei Jahre, S.65).

    Der Handel mit Notgeld wurde nach dem Vorbild der Philatelie, und meist in Verbindung mit ihr, organisiert (Gründung des "Internationalen Notgeldhändlervereins" und erste deutsche Notgeldmesse 1921).

    Literatur:
    * Drei Jahre. Das Notgeld. Zeitschrift für Notgeldkunde. Nachdruck aller Artikel und Abhandlungen von bleibendem Interesse und Wert aus den ersten drei Jahrgängen. München: Verlag "Das Notgeld" 1922.
    * Das deutsche Notgeld. Kleingeldscheine 1916-1922. IV. Teil: Serienscheine. Zusammengestellt von Arnold Keller. Neu bearb. von Albert Pick und Carl Siemsen. München: Battenberg 1975.



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