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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Sagen-Motive auf Postkarten

Jakob Götzenbergers Freskobilder
in der Trinkhalle zu Baden-Baden

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Die Felsen

Einst zog ein junger Ritter in der Morgenfrühe hinaus zur Jagd. Er hatte den Weg gewählt, der von Baden nach der Ebersteinburg führt und durch hohe Felsen eingeschlossen ist. Großartige Porphyrblöcke türmen sich empor und bilden seltsame phantastische Gestalten.

Der Jüngling achtete nicht darauf: da raschelte es im Gebüsche, und vorüber fliegt ein schneeweißes Reh. Mit Windesschnelle folgen ihm Jäger und Hund; zuweilen taucht es auf, zuweilen ist es wie durch Geisterspuk verschwunden. Plötzlich bleibt es stehen, und als der Jüngling gerade das tödliche Geschoss absenden wollte, ließ er, von einem überirdischen Lichte geblendet, Pfeil und Bogen fallen.

Vor ihm, am Rande einer Quelle, stand wie hingezaubert die lieblichste Frauengestalt, die er je gesehen. Das zitternde Reh mit ihrem Arm umschlingend, fragte sie ihn mit sanfter Stimme: "Was hat dir das arme Tier getan, warum verfolgst du es?" Beschämt blickte der Jüngling zu Boden, und ein ihm bis jetzt unbekanntes Gefühl durchzuckte sein Herz. Im nächsten Augenblicke aber waren das magische Licht, die holdselige Erscheinung und das Reh verschwunden. Er befand sich wieder allein zwischen den schaurigen Felsen.

Von diesem Tage an verlor der Jüngling die Lust zum Jagen; er verzehrte sich in hoffnungslosem Sehnen nach der Einzigen, die sein Herz bewegt hatte. Aber wie oft er auch den Platz zwischen den Felsen aufsuchen mochte - sie war und blieb verschwunden.

 

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