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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

 Graf von Gleichen
und seine Doppelehe

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Stand: Juni 2015

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Gliederung

1. Ludwig Bechstein: Die Gleichische Doppel-Ehe
2. „Eine Wohnung, Ein Bett und Ein Grab“. 
Goethes Stella. Ein Schauspiel für Liebende

3. Friedrich Leopold, Graf zu Stolberg: Graf Gleichen
4. Johann Friedrich Löwen: Graf Ludewig von Gleichen
5. Die Sage vom Grafen von Gleichen auf Notgeld
6. Kurzbiographie zu Schwind
7. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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Die ganze Fülle der mittelalterlichen Romantik tritt uns nah, wenn wir mit dem Zauberwort Gleichen an das Grab der thüringischen Vorzeit klopfen. Es ist nur eine einfache, allbekannte Sage, schon hundertmal schriftlich, und viele tausendmal mündlich erzählt, geglaubt, bezweifelt, bestritten, durchforscht und durchgrübelt, wie keine zweite, welche immer dieselbe geblieben bei allen Verwandlungen, die Phantasie und Laune, Forschung und Wissbegier mit ihr vornahmen, und welche ein Kleinod aller thüringischen Sagen bleiben wird. Das Ereignis einer durch die abenteuerlichsten Konflikte herbeigeführten Doppel-Ehe stand den schlichten, sittenreinen Vorfahren so einzig und beispiellos da, dass bald genug um den einfachen Kern einer halb zweifelhaften Tatsache die Kristallstrahlen der Poesie anschossen und den schönen Sagenstern bildeten, aus dem uns deutsches Heldentum, deutsche Biederkeit und Treue, glühende, aufopfernde Liebe und zarte fromme Weiblichkeit entgegenleuchten.

Die Sagen aus Thüringens Vorzeit, von den drei Gleichen, dem Schneekopf und dem thüringischen Henneberg. Nebst einer Abhandlung über den ethischen Werth der deutschen Volkssagen. Hrsg. von Ludwig Bechstein. Meiningen u. Hildburghausen, 1837. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung. (Digitalisierung durch Google). Darin: Sagenkreis der drei Gleichen, S. 101-141. Hier S. 103, redigiert.

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Moritz von Schwind: Die Rückkehr des Grafen von Gleichen, 1864. 
Öl auf Leinwand. Höhe 228, Breite 184 cm.
Links vorn im Bild Selbstporträt Schwinds als heimkehrender Ritter.

Vorlage: Moritz v. Schwind. Eine Kunstgabe für das deutsche Volk. Mit einem Geleitworte von Franz Etzin. Hrsg. von der Freien Lehrervereinigung für Kunstpflege. Mainz: Jos. Scholz 1913. - Nach diesem Gemälde entstand der Stahlstich "Der Graf von Gleichen" von Wilhelm Hecht, Druck und Verlag der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst in Wien (Höhe 25, Breite 20 cm). Eine Abbildung des Stiches finden Sie hier. - Skizzen und Studien zu dem Gemälde: Aus der Graphischen Sammlung: Neuerwerbungen und Schenkungen (Der un/gewisse Blick, Heft 3) Köln: Wallraf-Richartz-Museum 2011, S. 4-7. ISBN: 3-938800-05-4. - Vgl. Ulf Dingerdissen: Moritz von Schwind und seine "Rückkehr des Grafen von Gleichen". Eine romantische Stellungnahme zur Ehe. Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller 2008. ISBN: 978-3-639-06105-5.

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Moritz von Schwind: Die Rückkehr des Grafen von Gleichen, um 1850.
Feder, braun laviert. Höhe: 26,6; Breite 28,6 cm.

 In: Goethezeit und Romantik. Einhundert Meisterzeichnungen aus einer Privatsammlung. Katalog. Lübeck: Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck, Verlag Graphische Werkstätten 1990, Nr. 99. "Schwind zeigt den Grafen und die sarazenische Prinzessin noch auf dem Wege zu ihrem Ziel, das offenbar nicht mehr weit ist. Mit ausladender Gestik deutet der Graf auf die heimatliche Landschaft." (Andreas Blühm, S. 228)

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Im Wiener Künstlerkreis war der Stoff wohlbekannt. Franz Schubert nahm ihn als Vorlage zur unvollendet gebliebenen Oper Der Graf von Gleichen (1827–28), für die Eduard von Bauernfeld das Libretto schrieb. - Der Historienmaler Eduard Kämpffer schuf im Flur des I. Geschosses des Erfurter Rathauses einen Zyklus von 6 monumentalen Bildern zur Sage vom Grafen von Gleichen (Vertrag Juli 1889, Fertigstellung Mai 1896). Siehe Bodo Fischer: Die Gemälde im Erfurter Rathaus. Erfurt: Verlagshaus Thüringen 1991, S. 16f. mit Abbildungen S. 52-61. Abbildung des Auszugs siehe unten. 

Literaturhinweise:
* Ulf Dingerdissen: Moritz von Schwind und seine "Rückkehr des Grafen von Gleichen." Eine romantische Stellungnahme zur Ehe (Passau, Universität., Magisterarbeit 2007). Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller 2008. ISBN 978-3-639-06105-5.
* Uwe Westfehling: Moritz von Schwind. Drei Zeichnungen für "Die Heimkehr des Grafen von Gleichen". In: Joseph Fach, Frankfurt a.M., Katalog 79. Ölstudien deutscher Künstler des 19. Jahrhunderts [2001], S. 4-6.

Zur Burg Gleichen vgl. den Artikel in Wikipedia, der freien Enzyklopädie
http://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Gleichen

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Ludwig Bechstein
Die Gleichische Doppel-Ehe

Es war im Jahr 1227, dass Kaiser Friedrich der zweite eine Meerfahrt gegen die Saracenen unternahm, ihnen das heilige Grab abzugewinnen. Da entbot Landgraf Ludwig der Fromme alle seine Vasallen und die Ritterschaft des ganzen Thüringer Landes, und ließ sich nebst ihnen mit dem Kreuze zeichnen. Unter den Grafen und Herren, die ihn begleiteten, war der Besten einer Graf Ernst von Gleichen. Treulich folgte er seinem Lehensherrn, dem edlen Ludwig, und weinte mit an seinem Sterbebette zu Otrando, andre sagen, zu Hidrunt oder Brundus, wo der Landgraf an einem hitzigen Fieber starb. Der tapfre Graf von Gleichen blieb jedoch ferner im Heere des Kaisers und stritt mit großer Tapferkeit und Heldenmütigkeit gegen die Heiden, nachdem der Kaiser glücklich zu Akkon oder Ptolemais angelangt war. Dieser schloss einen Waffenstillstand mit dem Sultan und kehrte zurück, den Grafen mit Andern zum Schutz der befestigten Stadt zurücklassend.

Nun ritt Graf Ernst von Gleichen eines Tages mit nur zwei Dienern aus Akkon, um einen Streifzug zu machen, denn die Untätigkeit misshagte ihm; er entfernte sich aber allzuweit von der sichern Verschanzung, stieß auf einen großen Haufen Araber und wurde nach tapferer Gegenwehr gefangen genommen, als Gefangener nach Alkair geschleppt und dort an den Sultan verkauft.

Grausam hart behandelt und wie ein gemeiner Sklave gehalten, brachte er mehre Jahre in der schwersten Dienstbarkeit zu. Da geschah es durch Gottes Fügung, dass die Tochter des Sultans, eine schöne, liebreizende Jungfrau, zärtliche Neigung zu dem Grafen gewann, dessen Knechtesgestalt seine männliche Schönheit nicht ganz verhüllen konnte, und dessen Biederkeit und Adel aus seinen treuen deutschen Augen sprach. Sie näherte sich ihm mit freundlicher Zusprache und suchte sein hartes Loos zu mildern; sein Diener hatte ihr seine Herkunft und seinen Stand vertraut. Die Neigung der Sultanstochter wuchs mehr und mehr und wurde starke Liebe, die sie so sehr überwältigte, dass sie selbst sich dem Grafen zum Weibe antrug und ihn frei zu machen verhieß. Wie lieb und wünschenswert dem Grafen nun auch die Freiheit war, so sagte er der Sarazenenjungfrau doch offen und ehrlich, dass er bereits im Vaterlande eine Gattin und zwei Kinder habe, und dass sein Glaube ihm verbiete, mehr als eine Gemahlin, und noch dazu eine Heidin, zu besitzen. Sie erwiderte hierauf, dass sie gern Christin werden wolle, und konnte nicht begreifen, wie ein Glaube das verbieten könne, was im Orient allgemeine Sitte. Und die Liebe zur Freiheit besiegte endlich in dem Grafen die Bedenklichkeiten; er hoffte vom Papst Dispensation und von seiner Hausfrau Verzeihung, die ohne der Sultanstochter hilfreiches Erbieten zur Witwe und Mutter vaterloser Waisen geworden wäre.

Hierauf wurde durch vertraute Diener ein Schiff bestellt, darauf entflohen die Liebenden mit großen Schätzen, kamen nach Venedig und reisten nach Rom. Dort ward dem Papst die Sache vorgestellt, die schöne Sarazenin empfing die heilige Taufe, und der Graf die erflehte Erlaubnis, sich zu der einen Gemahlin in der Heimat auch noch die zweite antrauen lassen zu dürfen. Und als dies geschehen war, reisten die Glücklichen ohne Säumen nach Thüringen.

Als sie noch zwei Tagereisen vom Schlosse Gleichen entfernt waren, eilte Graf Ernst voraus, seine Hausfrau vorzubereiten, die ihn alsobald erkannte und auf das zärtlichste willkommen hieß. Nun erzählte der ihr alles, seine Gefangennehmung, seine harte Sklaverei, seine endliche Erlösung durch die königliche Jungfrau, die Erhalterin seines Lebens, die Befreierin aus neunjähriger Knechtschaft, wie sie ihm zu Liebe gefolgt sei mit allen ihren Kleinodien und Schätzen, ihm zu Liebe den Christenglauben angenommen, in Rom getauft worden sei; und bewegte das Herz der edlen deutschen Frau so, dass sie gern und freudig in das willigte, was als einzigen Lohn ihrer großen Opfer die Sarazenin begehrte, wobei sie gelobte, ihr eine dankbare Freundin zu werden. 

Darauf gingen Graf und Gräfin von Gleichen mit großem Pomp und Gefolge der Fremden, welche des Weges nachgezogen kam, entgegen, und Gott fügte es, dass beide Frauen einander herzinniglich lieb gewannen und in größter Eintracht mit einander lebten; auch ruhten die Drei so traut Verbundenen in einem Bette. Die Sarazenin, wie schön sie war, blieb mit Kindern ungesegnet, liebte aber desto mehr die Kinder der ersten Gemahlin und pflegte diese, wie wenn sie ihre eigenen gewesen wären. Und wie die beiden Frauen mit ihrem Gemahl ein Bette geteilt, so teilten sie auch mit ihm, als er ihnen, die vor ihm starben, bald nachgefolgt, ein Grab, auf dem Petersberge zu Erfurt, dem Gleichischen Erbbegräbnis.

Die Doppelehe, eine abweichende Sage

Nach andern Kunden hieß jener Graf von Gleichen nicht Ernst, sondern Ludwig; er wurde in einem Treffen bei Ptolemais von den Sarazenen zum Gefangenen gemacht, nach Alkair gebracht und in einem wohlverwahrten Turm eingekerkert. Dort sah die Sultanstochter am Fenstergitter des Turms den schönen Gefangenen; sie erfuhr seinen Stand, und schenkte ihm ihre Liebe. Darauf nahm sie eines Freudenfester wahr, warf sich zu ihres Vaters Füßen und erflehte von ihm die Gewährung einer Bitte. Als nun seine Liebe ihr diese unbedenklich zusagte, erbat sie die Freiheit des Gefangenen und seinen Besitz. Staunen und Bestürzung ergriff den Sultan, aber die Tränen und Bitten seines geliebten Kindes siegten, und er hielt sein Wort und erfüllte ihre Bitte. Mit Reichtümern und Schätzen aller Art ausgestattet, schifften sich die Liebenden nach Venedig ein, und alles begab sich, wie vorhin berichtet.

Noch sagen Andre, es habe die Sarazenin dem Grafen vor ihrer Ankunft in Deutschland, da sie lange Zeit mit ihm traulich zusammengelebt, einen Sohn geboren, den beide in Blumental in Franken zurückgelassen. Der schöne Knabe sei einem reichen und angesehenen Mann zur Erziehung übergeben worden, der ihn zuletzt aus Liebe an Kindesstatt angenommen. Er wurde Landwirt, verheiratete sich später und ward Vater mehrer Kinder. Aus dieser Familie, so geht die Sage, wird Einer einst einen großen Schatz heben, wenn der rote und gelbe Löwe aus der Mauer eines alten Schlosses wird weggeschafft worden sein.

Die Sagen aus Thüringens Vorzeit, von den drei Gleichen, dem Schneekopf und dem thüringischen Henneberg. Nebst einer Abhandlung über den ethischen Werth der deutschen Volkssagen. Hrsg. von Ludwig Bechstein. Meiningen u. Hildburghausen, 1837. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung. (Digitalisierung durch Google). Darin: Sagenkreis der drei Gleichen, S. 101-141. Hier S. 109-112 u. 113f., redigiert. Vgl. auch „Freudental und Türkenweg“, S. 114-116.

Vgl. Gleichen - Mühlberg - Wachsenburg ("Die drei Gleichen"). Sonderdruck aus: Thüringen und der Harz, Bd. V, von Ludwig Storch. Arnstadt: Thüringer Chronik-Verlag H. E. Müllerott 1999.

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Gruss von den Drei Gleichen, Veste Wachsenburg

Gruss von den Drei Gleichen. Veste Wachsenburg. Der zwiegeweibte Graf von Gleichen. Holzsplitter gegen Eifersucht

Der zwiebeweibte Graf von Gleichen. Wandgemälde des Gothater Historienmalers Heinrich Justus Schneider. Gruss von der Veste Wachsenburg

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1. Bild von oben: Gruß von den Drei Gleichen. Wachsenburg-Comitee - Gotha. Adressseite: Sammlung Dr. Seyfarth. Stempel: Veste Wachsenburg 13. Oct. 1899. Gelaufen. Poststempel 1899. Adressseite ungeteilt.

Zur Veste Wachsenburg siehe den Eintrag in Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Veste_Wachsenburg

2. Bild von oben: Gruß von den Drei Gleichen. Der zwiebeweibte Graf von Gleichen. Nach dem auf der Wachsenburg befindlichen Gemälde von Prof. [Heinrich Justus] Schneider. [Mit einem] Holzsplitter vom Schlosse Gleichen. Rechts: Veste Wachsenburg. Adressseite: Verlagsanstalt C. Jagemann, Hofl., Eisenach. Nicht gelaufen. - Text auf Bildseite:

Es kündet uns die Sage
Die wundersame Mär,
Daß lange Jahr' und Tage
Die drei in Fried' und Ehr',
In Eintracht, Liebesfreude,
Beisammen hausten dort,
Die Sage lebt noch heute,
Das Schloß - ein Trümmerhort.
Doch Holz vom Schlosse Gleichen
Noch übet Zauberkraft,
Ist dir ein Splitter eigen,
Die böse Leidenschaft,
Die Eifersucht soll schwinden,
Die Manchen plaget schwer,
Es hilft zum Ueberwinden
Dies Hölzlein Dir gar sehr.

3. Bild von oben: Der zwiebeweibte Graf von Gleichen. Wandgemälde von Prof. [Heinrich Justus] Schneider auf Veste Wachsenburg. Gruss von der Veste Wachsenburg. Adressseite: Sammlung Dr. Seyfarth. Verlag: Friedrich Hölcke, Arnstadt. 33547. Nicht gelaufen.

4. Bild von oben: Bad Pyrmont. Historische Bettstelle des Grafen von Gleichen im Schloß. Verso: Kunst-Stube Bickhardt, Bad Pyrmont. L 2512. Rechts unten: 9784 20. Nicht gelaufen.

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„Eine Wohnung, Ein Bett und Ein Grab“
Goethes „Stella. Ein Schauspiel für Liebende“
(Erstfassung 1775)

Fernando liebt Stella, die von ihm entführte junge Geliebte, wie auch Cäcilie, seine angetraute Frau. Cäcilie bezieht sich auf die Sage des Grafen von Gleichen:

 Er war ein Biedermann; er liebte sein Weib, nahm Abschied von ihr, empfahl ihr sein Hauswesen, umarmte sie, und zog. Er zog durch viele Länder, kriegte, und ward gefangen. Seiner Sklaverei erbarmte sich seines Herrn Tochter; sie löste seine Fesseln, sie flohen. Sie geleitete ihn aufs neue durch alle Gefahren des Kriegs – Der liebe Waffenträger! Mit Sieg bekrönt ging's nun zur Rückreise! – zu seinem edlen Weibe! – Und sein Mädgen! – Er fühlte Menschheit! – er glaubte an Menschheit, und nahm sie mit. – Sieh da die wackere Hausfrau, die ihrem Gemahl entgegen eilt; sieht all ihre Treue, all ihr Vertrauen, ihre Hoffnungen belohnt; ihn wieder in ihren Armen. Und dann darneben seine Ritter, mit stolzer Ehre von ihren Rossen sich auf den vaterländischen Boden schwingend; seine Knechte, abladend die Beute all, sie zu ihren Füßen legend; und sie schon in ihrem Sinn das all in ihren Schränken aufbewahrend, schon ihr Schloss mit auszierend, ihre Freunde mit beschenkend – „Edles, teures Weib, der größte Schatz ist noch zurück!" – Wer ist's, die dort verschleiert mit dem Gefolge naht? - Sanft steigt sie vom Pferde  - „Hier!" rief der Graf, sie bei der Hand fassend, seiner Frau entgegen führend, – „Hier! sieh das alles – und sie! - Nimm's aus ihren Händen – nimm mich aus ihren Händen wieder! Sie hat die Ketten von meinem Halse geschlossen, sie hat den Winden befohlen, sie hat mich erworben – hat mir gedient, mein gewartet! – - Was bin ich ihr schuldig? – Da hast du sie! - belohn sie!" 
FERNANDO liegt schluchzend mit den Armen über‘n Tisch gebreitet.
CÄCILIE. An ihrem Hals, rief das treue Weib, in tausend Tränen rief sie: „Nimm alles, was ich dir geben kann! Nimm die Hälfte des, der ganz dein gehört – Nimm ihn ganz! Lass mir ihn ganz! Jede soll ihn haben, ohne der andern was zu rauben – Und", rief Sie an seinem Halse, zu seinen Füßen, „wir sind dein!" – – Sie fassten seine Hände, hingen an ihm – Und Gott im Himmel freute sich der Liebe, und sein heiliger Statthalter sprach seinen Segen dazu. Und ihr Glück und ihre Liebe fasste selig Eine Wohnung, Ein Bett und Ein Grab.


Ende der ersten Fassung:
FERNANDO, beide umarmend. Mein! Mein! 
STELLA, seine Hand fassend, an ihm hangend. Ich bin dein! 
CÄCILIE, seine Hand fassend, an seinem Hals. Wir sind dein!


Im Trauerspiel von 1806 geben sich Fernando und Stella den Tod. Zur Rezeption der Sturm-und Drang-Fassung vgl. Der junge Goethe in seiner Zeit. Texte und Kontexte. Hrsg. von Karl Eibl, Fotis Jannidis u. Marianne Willems (insel taschenbuch 2100) Bd. 1. Frankfurt am Main: Insel 1998, S. 760f. Das Stück ende damit, urteilte Hauptpastor Goeze, dass ein „Hurer und Ehebrecher“ seine „Frau wieder an, und die - - Hure dazu“ nehme, worauf „alle drey in einer solchen Entzückung“ seien, „als ob sie die höchste Stufe der Glückseligkeit erreicht hätten.“ 

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Die Gleichensage. Graf Gleichen schließt sich dem Kreuzzuge an. Gemälde von Eduard Kaempffer im Rathaus zu Erfurt. Druck u. Verlag von Fischer & Wittig in Leipzig

Graf Gleichen schließt sich dem Kreuzzuge an.
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Die Gleichensage. Graf Gleichen schließt sich dem Kreuzzuge an. Adressseite: Gemälde von Professor E. Kämpffer im Rathaus zu Erfurt. Druck u. Verlag v. F. & W. in L. [Fischer & Wittig in Leipzig] 271/789. Nicht gelaufen. - Zum Zyklus von sechs Gemälden zur Geschichte des Grafen von Gleichen im Erfurter Rathaus siehe Bodo Fischer: Die Gemälde im Erfurter Rathaus. Verlagshaus Thüringen 1991. Zum Maler Eduard Kaempffer (1859-1926) vgl. den Eintrag in Wikipedia.

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Heinrich Döring. Der Graf von Gleichen. Romantische Volkssage.
 Gotha und Erfurt: Hennings’sche Buchhandlung 1836.

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Friedrich Leopold, Graf zu Stolberg
Graf Gleichen

„Auf, Fürsten und Grafen vom alten Geschlecht!
Auf, rüstige Ritter mit Knappen und Knecht,
     Die Macht des Califen zu fällen!“
So ermahnte die Deutschen der Priester zu Rom,
Von der Donau sonnebegegnenden Strom,
     Bis hin zu den baltischen Wellen.

Graf Gleichen entriss sich dem weinenden Blick
Des Weibes, und kehrte gleich wieder zurück,
     Noch Küsse der Liebe zu holen.
Sie stand in der Laube beim murmelnden Bach,
Sie weinte mit fliegenden Haaren ihm nach,
     Und betaute die jungen Violen.

Sie fiel um den Panzer ihm, küsste sein Haupt;
Wie die Rebe den stattlichen Ulmbaum umlaubt
     Und ihn kränzt mit der goldenen Traube,
So schlang sie sich dicht um den trauten Gemahl,
So umwehten die goldenen Locken den Stahl,
     In der blütenumdufteten Laube.

Nun scheidet er wieder; sein mutiges Ross
Enteilt, wie ein Adler, dem türmenden Schloss,
     Und erreichet die reisigen Scharen
Der narbigen Knappen, die, alle voll Mut
Und dürstend, wie Wölfe, nach feindlichem Blut,
     Sein harrend, voll Ungeduld waren.

Sie fochten, wie Löwen, im blutigen Krieg.
Verkündet vom Schrecken, begleitet vom Sieg,
     Erhob sich das Fähnlein von Gleichen.
Sie stürzten, aus Eifer für’s heilige Grab,
Manch Kind der Beschneidung vom Sattel herab,
     Und bedeckten den Jordan mit Leichen.

Er sprengte voran auf ungarischem Ross;
Da traf in die Seit‘ ihn ein scharfes Geschoss
     Aus tönendem Bogen geschnellet.
Gleich eilte die Schar der Barbaren herbei,
Und jauchzte mit trotzendem, lautem Geschrei,
     Sie habe den Löwen gefället.

Noch griff er zum Schwert, noch dräute sein Blick;
Da sank ihm ermattet die Rechte zurück,
     Und es band ihn mit eisernen Ketten,
Vor den Augen der Christen, ein grimmer Barbar.
Es strebte vergebens die reisige Schar,
     Den blutenden Helden zu retten.

Bedeckt mit dem Staub‘ und dem Blute der Schlacht,
Ward Gleichen zum stolzen Califen gebracht,
     An Händen und Füßen gebunden.
Es wichen voll Ehrfurcht die Türken zurück.
Er rollte die Augen mit flammendem Blick,
     Wie ein Keuler, umgeben von Hunden.

Es freute sich trotzend der Soldan und sprach:
„Wie? folgen dem Gleichen die Knappen nicht nach?
     Oder willst du bei mir sie erwarten?
Du sollst mir indessen im Rittergewand,
Sobald du geheilt bist, mit krieg’rischer Hand
     Die Nelken und Lilien warten.“

Bald ward er geheilet; dann ward er gebracht
In des Soldans Serail, wo mit herrschender Pracht
     Die blöde Natur sich vermählte.
Sie bebte, von Marmelkaskaden verscheucht;
Sie atmete ängstlich im Schmucke gebeugt,
     Den der üppige Soldan ihr wählte.

Als Sklave war Gleichen noch Retter. Er riss
Von seufzenden Zweigen die Fesseln und ließ
     In die wehenden Lüfte sie streben.
Er öffnete freiere Wege dem Quell;
Durch duftende Blumen ergoss er sich hell,
     Umschattet von hangenden Reben.

Wenn der Morgen den Himmel mit Rosen umwand,
Trug Gleichen ein Körbchen mit Korn in der Hand,
     Und es folgten, wie ehmals, die Knappen,
Fasanen und Pfauen und Tauben ihm nach;
Und pfiff er, so hüpften die Fischlein im Bach,
     Die goldenen Körner zu schnappen.

Oft dacht‘ er im dunkeln Akaziagang,
Oft unter den Pappeln der Quelle entlang,
     Oft bei babylonischen Weiden
Das Weib seiner Jugend; und streckte den Arm
Gen Abend, und tät mit verzehrendem Harm
     Den reisenden Kranich beneiden.

Ihm folgt‘ in den dunkeln Akaziagang
Ihm unter die Pappeln der Quelle entlang,
     Ihm bei babylonischen Weiden
Das Auge Selina’s. Sie streckte den Arm
Nach ihm aus, und tät mit schweigendem Harm
     Das Weib seiner Jugend beneiden.

Selina war Tochter des Soldans. So schön
War am Nil und Jordan nicht Eine zu sehn,
     Als Selina in knospender Blüte.
Wo nehm‘ ich die Pracht, zu malen den Mund,
Das Händchen so klein und die Brüste so rund
     Und die Augen voll schmelzender Güte?

Sie hatt‘ ihn schon oft aus dem Fenster gesehn,
Gewünscht, und vermieden, hinunter zu gehen,
     Und konnte sich länger nicht halten.
Sie eilte dem Windelgang wankend hinab,
Sank blass in die Blumen, als sänk‘ sie in’s Grab,
     Und fühlte sich plötzlich erkalten.

Im Herzen, es brannt` ihr im Herzen die Glut.
Es drang ihr zum Herzen das strömende Blut
     Und entfloh den erbleichenden Wangen.
Blass lag sie auf Veilchen und zitternd und schön
Wie der Mond in dem Quelle des Tales zu sehn,
     Voll Liebe, voll Angst und Verlangen.

So eben kam Gleichen, und trug in der Hand
Eine Urne voll Wasser, das lechzende Land
     Zu erquicken und hangende Rosen.
Da ward er das schönste der Mädchen gewahr.
Es schienen mit ihrem Kastanienhaar
     Die freundlichen Weste zu kosen.

Ein Muselman hätte sich schüchtern entfernt.
Es hatte der Ritter die Furcht nicht gelernt;
     Er nahte sich frei und bescheiden.
Sie öffnet den feuchten und schmachtenden Blick,
Springt auf, wie ein Reh, und sinkt schreiend zurück,
     Und wähnet von hinnen zu scheiden.

Er spritzt ihr in’s Antlitz vom labenden Quell;
Ihr Busen wird frei und ihr Auge wird hell
     Und erfüllt sich mit tauendem Sehnen.
Sie stammelt und zittert, will reden, bleibt stumm,
Sieht an den Geliebten, und wendet sich um,
     Und benetzet die Veilchen mit Tränen.

Er flüstert gar freundliche Reden ihr zu.
Sie horchet und sauget verrätrische Ruh‘
     Und den Wein und den Mohnsaft der Liebe.
Sie reichet ihm seufzend und lächelnd die Hand.
Er denkt an sein Weibchen im heimischen Land,
     Und schwöret ihm ewige Liebe.

Doch hebet er freundlich Selina empor,
Verschließet und öffnet ihr Augen und Ohr,
     Und führet, im rötenden Schimmer
Des Abends, sie näher auf’s prächtige Schloss.
Sie windet mit Tränen vom Ritter sich los,
     Und schleichet in’s einsame Zimmer.

Und schleicht in Gedanken ein Mädchen ihr nach,
So weiß auch das Mädchen, dass jeglichen Tag
     Die schöne Selina den Garten
Besuchte. Sie wachte mit Hahnenschrei auf,
Und konnte nicht ruhig den steigenden Lauf
     Aurorens am Himmel erwarten.

Es fasste der Ritter den edlen Entschluss,
Für tändelnde Worte, für Äugeln und Kuss,
     Sie heilige Wahrheit zu lehren.
Es entströmte die Rede des Heiles ihm hell
Und heiß, wie aus Bergen ein heilender Quell,
     Und es ließ sich Selina bekehren.

Nun sann er bei Tage, nun sann er bei Nacht
Auf Mittel, das Mädchen der eisernen Macht
     Der Barbaren durch List zu entziehen.
Gern trotzte sie Wetter und Wogen und Wind.
Doch sagt nur, wie konnte das liebliche Kind
     Mit dem Ritter als Jungfrau entfliehen?

Es fühlte sich dazu der Edle zu schwach. – 
Hier zischt kein heuchlender Frömmler ihm nach! – 
     Er wählte mit Demut von zweien
Das kleinste Versehen, und wusste die Not
Habe selten, doch manchmal, eignes Gebot;
     Er tät die Holdselige freien.

Sie entrannen und fanden ein fertiges Schiff,
Das gleitend mit ihnen die Wogen durchlief,
     Und sie heim in die Christenheit führte.
Sie schwebten selbander mit Wonnegefühl
Auf rauschenden Wogen, bis endlich der Kiel
     Das schlammige Ufer berührte.

Sie reitet ein Maul und er reitet ein Ross.
Sie reisen und reisen. Nun sieht er sein Schloss
     Dem Nebel des Abends entsteigen.
Er höret die Glocken des Turmes; er sieht
Den Bach und die Laube; der Nachtigall Lied
     Begrüßt ihn von duftenden Zweigen.

Es wehen die Zeiten der Jugend ihn an;
Es schmelzet die Sehnsucht des Weibes den Mann
     Und Erinnrung der zärtlichen Klagen
Beim Abschied. O weh ihm! Er fürchtet den Gruß
Des Weibes. Was wird nach dem feurigen Kuss
     Der Anblick Selina’s ihr sagen?

So denkt er und denkt, und erreichet das Schloss,
Und entschwingt sich mit bebenden Knien dem Ross,
     Und ereilet mit zagender Freude
Der treuen Geliebten bekanntes Gemach.
Es schleichet und zittert Selina ihm nach,
     Verhüllet in Schleier und Seide.

Er findet im nächtlichen Trauergewand
Die treue Geliebte. Sie hielt in der Hand
     Die wehmuterregende Laute.
Sie sah nach dem Bildnis des Ritters und sang,
Und entlockte der Laute den traurigsten Klang,
     Als sie plötzlich den Ritter erschaute.

Es entstürzte die Laute der Hand, und sie schrie
Und fiel um den Hals ihn. Er herzete sie
     Und netzt‘ ihr die Lilienwangen
Mit glühender Trän‘, indes an der Wand
Die bebende Fremde erwartungsvoll stand,
     Und sie tausend Gefühle durchdrangen.

Sie fasst ein Herz nun, und stürzet sich hin
Zu den Füßen des Weibes: „O Gräfin, ich bin“ – 
     Mehr konnte die Arme nicht sagen.
„Wer ist sie?“ – „Ist Tochter des Soldans, entwich,
Ward Christin und Flüchtling aus Liebe für mich,
     Tät vieles erdulden und wagen.“

Nun wusste sie alles. Es hub sie ihr Sinn
Schnell über die Zweifel der Eifersucht hin.
     Sie konnte nicht Gleichen verkennen.
„Komm, Tochter des Soldans! Enthülle dich frei!
Wir lieben von nun an auf ewig uns drei!
     Nicht das Bett, nicht das Grab soll uns trennen!“

Das wurden die ehlosen Mönche gewahr.
Was, munkeln sie, werden die Laien nun gar
     Zweiweibig sich gegen uns brüsten?
Sie klagen’s dem Bischof, der tät ihn in Bann,
Und rüstete Volk; denn es ließ sich der Mann
     Die Habe des Grafen gelüsten.

Da flüchtete Gleichen zum Vater in Rom.
Der heilige Vater war sanft und war fromm,
     Und sagte nach reifem Erwägen:
„Ich werde nicht lösen mit frevelnder Hand,
Was der Himmel so wunderbar selber verband,
     Sohn, scheide mit Frieden und Segen!“ –

Als froh zu den Seinen der Glückliche kam,
Da freute sich männiglich, wer es vernahm.
     Es besuchten ihn Herren und Frauen,
Und wünschten von Herzen den Liebenden Glück.
Der Bischof zog Bannstrahl und Fehde zurück
     Und leere, habsüchtige Klauen.

Die Freude bewohnte das selige Haus;
Es schlichen, verscheuchet, die Sorgen hinaus,
     Wie Schatten vor flammenden Kerzen.
Es liebten die Weiber sich zärtlich und treu,
Sie blieben dem Herzen des Liebenden neu,
     Und liebten ihn wieder von Herzen.

Der Soldan im Harem, wie arm er sich dünkt,
Der herrisch nur Einer zum Magd-Kusse winkt!
     Ihn küssen, geweihet, die Beiden.
Es waltet die Lieb‘! es umatmet ihn rings
Ihr segnender Odem von rechts und von links,
     Zu keuscher Umarmungen Freuden.

Es entsprossen zwei Kinder ihm jegliches Jahr,
Bis das Alter ihm krönte das silberne Haar,
     Und als er von hinnen tät scheiden,
Da folgten in kurzem die Weiber ihm nach,
Und wie er bei Beiden im Ehebett lag,
     So liegt er im Grabe bei Beiden.

Anmerkung. Mit den letzten Versen dieses Gedichts stimmt die noch an heiliger Stätte vorhandene Grabschrift fast wörtlich überein. Sie lautet:

Zwo Frauen liebten sich als Schwestern, mich als Mann,
Die Eine folgte mir und ließ den Alkoran;
Die Andre wollte mich deswegen doch nicht lassen;
Wie einst uns Drei Ein Bett, tut uns Ein Grab umfassen.

Vorlage: Heinrich Döring. Der Graf von Gleichen. Romantische Volkssage. Gotha und Erfurt: Hennings’sche Buchhandlung 1836, S. 48-56. Quellenangabe: Deutsches Museum, 1782, S. 99 u. f. und die Gedichte der Brüder Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg. Hamburg 1821. Tl. 1, S. 298 u. f. (Digitalisierung durch Google)

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Notgeld, Gutschein der Stadt Remda in Thüringen 1921. Der Graf von Gleichen mit seinen beiden Frauen, Burg Ehrenstein bei Remda. Druck J. A. Schwarz, Lindenberg im AllgäuNotgeld, Gutschein der Stadt Remda in Thüringen 1921. Der Graf von Gleichen mit seinen beiden Frauen, Burg Ehrenstein bei Remda. Druck J. A. Schwarz, Lindenberg im Allgäu

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Oben, links: Grabmal des Grafen von Gleichen im Dom zu Erfurt. In: Volkssagen zwischen Hiddensee und Wartburg. Zus.gest. u. interpretiert von Waltraud Woeller. 4. Aufl. Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften 1985.
Oben, rechts: Erfurt. Dom. Grabmal des Grafen von Gleichen. Postkarte. Verso: Keyser’sche Buchhandlung, Erfurt. Rechts unten: 14839. Gelaufen. Poststempel 1925.
Unten: Gutschein der Stadt Remda i. Thür. über fünfzig Pfennig. Gültig bis Aufruf. Remda, 1. Juli 1921 der Stadtgemeindevorstand. No 08293. Druck J. A. Schwarz - Lindenberg i. Allgäu. Vorder- und Rückseite.

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In seinen Volksmärchen der Deutschen erzählt Musaeus unter dem Titel "Melechsala" - so heißt bei ihm die Tochter des Kalifen - die Geschichte des Grafen von Gleichen. Vgl. Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen. Nach dem Text der Erstausgabe von 1782-86. Mit den Illustrationen von Ludwig Richter, A. Schrödter, R. Jordan und G. Osterwald zur Ausgabe von 1842. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1977, S. 657-744. Die vom Holzschneider J[ohn] Allanaon signierte und auf 1843 datierte Illustration auf S. 720.

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Johann Friedrich Löwen
Graf Ludewig von Gleichen

Graf Ludwig, seines Dorfes Lust,
Und jung an Mut und Kräften,
Ließ sich auf seine fromme Brust
Ein wollnes Kreuzchen heften,
Zu retten das gelobte Land
Aus wilder Saracenen Hand.

Sein halbes Dorf begleitet ihn,
Ihr Christenblut zu wagen;
Nun wird kein Muselmann entfliehn!
Mach vielen trüben Tagen
Kömmt Ludwig an, er betet, ficht,
Und - schlägt die Saracenen nicht.

Er wird gefangen, Fessel küsst
Der arme Graf von Gleichen!
Er muss, so gut er Graf auch ist,
Doch seinem Schicksal weichen.
In Sultans Garten muss, o Pein!
Der Graf ein Gärtnerbursche sein.

Doch was geschieht? Des Sultans Kind
Verliebt sich; will den Sclaven
Erretten; aber erst geschwind
Erobert sein vom Grafen;
Und dann ihm folgen, und ihn frein. - 
Hiezu sprach Ludwig doch nicht nein?

Ich bin, so rief der fromme Graf,
Vermählt, und habe Kinder.
O, schrie die Türkin: schöner Sclav!
Drum lieb ich dich nicht minder:
Denn mein Gesetz erlaubt dem Man,
Dass er zwei Weiber nehmen kann.

Der Graf bedenkt sich doch wohl nicht?
Wenn man des Sultans Glauben
Nicht stürzen kann; da ist es Pflicht,
Die Tochter ihm zu rauben.
Und Gründe gibts im Überfluss,
Wo das Gewissen schweigen muss.

Zum Glück fällt ihm die Wahrheit ein;
Der Himmel ist ja gnädig!
O Trost genug! Er schifft sich ein,
Und segelt nach Venedig;
Und kömmt durch Wind und Steuermann
Mit ihr in seiner Grafschaft an.

Allein zuvor ging er nach Rom,
Wo Pabst Gregor regierte,
Und Aberglaube vor den Thron
Die Ablasskrämer führte;
Hier küsste Ludwig wie man soll,
Gregors Pantoffel andachtsvoll.

Der heil’ge Vater willigt drein:
Zwei Weiber sich zu nehmen.
Wie würde, wür[d’] dies allgemein,
Sich manches Weibchen grämen!
Doch wett ich auch, es hielt kein Man
Zu Rom um solchen Ablass an.

Zur ersten Frau kam nun geschwind
Der Graf mit seiner zwoten,
Der, nun man weiß, wie Weiber sind,
List, Gift und Dolche drohten.
Doch, Wunder! wie erklärt man dich:
Die beiden Weiber liebten sich.

Sie teilten, Beispiel seltner Zeit!
Wenn es doch Folgen hätte!
Sie teilten ihre Zärtlichkeit
Gern mit des Grafen Bette.
Dies Bett, durch solch ein Wunder groß,
Steht noch zu Gleichen auf dem Schloss.

Weil alles stirbt; so starben auch
Der Graf und seine Weiber;
Ein Grab umschloss nach altem Brauch
Die drei entseelten Leiber.
Dies alles, samt des Grafen Ruhm,
Lehrt Erfurts Epitaphium.

Joh[ann] Friedrich Löwen: Romanzen, nebst andern Comischen Gedichten. Neue verb. Aufl. Biel, Heilmannische Buchhandlung 1773, S. 37-40 (Digitalisierung durch Google). - Über Johann Friedrich Löwen (1727-1771) vgl. den Artikel in Wikipedia, der freien Enzyklopädie. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Friedrich_Löwen

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Leichenstein
 Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1977, S. 744.

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Einen Überblick über die Märchen- und Sagenmotive
im Goethezeitportal finden sie hier.

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Die Sage vom Grafen von Gleichen auf Notgeld, 1921

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Gutschein der Veste Wachsenburg. Wert: 50 Pfg. Gültig bis 31. Dez. 1921. Die Wachsenburg (Vorderseite), mit verso zwei Motiven der Sage vom Grafen von Gleichen: Heimkehr und Zusammentreffen im Freudental; Sage vom zwiebeweibten Grafen von Gleichen [Graf mit beiden Gattinnen im Ehebett]. Gez. von P. Bandorf. Druck von Otto Böttner, Arnstadt.

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Kurzbiographie zu Schwind

Schwind, Moritz von, Maler  und Zeichner, geb. 21. Januar 1804 in Wien, gest. 8. Febr. 1871 in München, erhielt den ersten Unterricht in der Kunst auf der Akademie  in Wien und bei Ludwig Schnorr, bildete sich aber zumeist auf eigne Hand und entfaltete eine große Produktivität in Zeichnungen nach Märchen, Opern, in Illustrationen etc.

1827 ging er nach München, wo Cornelius einen solchen Eindruck  auf ihn machte, dass er sich 1828 dort niederließ. Hier malte er in der Bibliothek der Königin Szenen aus Tiecks Dichtungen und komponierte Szenen aus dem Leben Karls d. Gr. für die Burg Hohenschwangau. 1835 begab sich Schwind nach Rom. Bald heimgekehrt, entwarf er für den Saal Rudolfs von Habsburg im Königsbau einen figurenreichen Kinderfries. 1838 vollendete er Wandbilder in einem Gartensalon des Schlosses Rüdigsdorf bei Altenburg, welche die Mythe von Amor und Psyche behandeln. 1839–44 entstanden die Wand- und Deckenbilder im Antikensaal zu Karlsruhe, die Fresken im Treppenhaus der Kunsthalle, die allegorischen Kompositionen für den Sitzungssaal der badischen Ersten Kammer daselbst, das reizende Tafelbild Ritter Kurts Brautfahrt und die Skizzen zu dem 1847–48 ausgeführten Vater Rhein.

Der Auftrag, für das Städelsche Institut den Sängerkrieg auf der Wartburg zu malen, veranlasste ihn, 1844 nach Frankfurt überzusiedeln. In demselben Jahr entstand der „Almanach von Radierungen von M. v. S. mit erklärendem Text  und Versen von E. Freiherrn von Feuchtersleben“, humoristische Verherrlichungen der Tabakspfeife und des Bechers. Derselben Periode gehören auch die köstlichen kleinen Genrebilder: der Falkensteiner Ritt und der Hochzeitsmorgen oder die Rose an. 1847 wurde er als Professor an die Münchener Akademie  berufen und komponierte dort 1849 seine originelle Symphonie nach Beethoven. Daran reihte sich das reichgegliederte Aschenbrödel mit seinen verwandten Nebenbildern aus der Mythe der Psyche und dem Märchen von Dornröschen (1854). Als der Großherzog von Sachsen die Wiederherstellung der Wartburg unternahm, beauftragte er Schwind, die bedeutendsten Momente aus dem Leben der heiligen Elisabeth und einige Szenen aus der thüringischen Sage und Geschichte zu malen. Diesen Werken folgte Kaiser Rudolfs Ritt zum Grabe, der Aquarellenzyklus: die sieben Raben  und die treue Schwester (1857), durch den Schwinds eigentümliche Begabung für die Romantik des deutschen Märchens zum erstenmal allgemeine Anerkennung fand, mehrere Bilder für den Grafen Schack (darunter die Morgenstunde und die Hochzeitsreise) und eine Reihe von Bildern für den Hochaltar der Frauenkirche in München.

Mit unerschöpflichem Humor zeichnete Schwind 1863 in einem über 20 Ellen langen Zyklus wichtige Momente aus dem Leben seines Freundes Franz Lachner (vgl. Die Lachnerrolle. Mit Text von O. Weigmann, München 1904) und schmückte in demselben Jahre die Pfarrkirche in Reichenhall mit Fresken; 1864 entstand die Heimkehr des Grafen von Gleichen und der Karton: die Zauberflöte, der erste der im neuen Opernhaus zu Wien ausgeführten Kartons nach deutschen Opern, die ihm Gelegenheit gaben, alle seine Lieblingsgestalten aus dem Gebiete der Tonkunst vorzuführen. Dieser Zeit gehören auch geistvolle kunstgewerbliche Entwürfe an. An seinem 66. Geburtstag vollendete er den lieblichen Aquarellenzyklus von der schönen Melusine, der nächst den sieben Raben sein Hauptwerk ist.

1855 war er mit seinen Brüdern August, österreichischem Ministerialrat (gest. 1892), und Franz, österreichischem Bergrat, in den österreichischen Ritterstand erhoben worden. Schwinds Vorzüge liegen im Rhythmus der Komposition, in durchweg idealer Anschauung, strenger Zeichnung und innigstem Eingehen auf seinen Stoff bei romantisch-poetischer Grundanschauung.


Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 215. Redigiert und gekürzt. Online bei Zeno.org - Bildnis Schwinds. Mitte der 40er Jahre. Nach einer Zeichnung von Buonaventura Genelli gestochen von C. Gonzenbach. Schwind. des Meisters Werke in 1265 Abbildungen. Hrsg. von Otto Weigmann (Klassiker der Kunst in Gesamtausgaben) Stuttgart, Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt 1906, S. XXXI. - Das Wappen der Familie Schwind. Zweite Fassung. Ebd. S. XLVI.

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