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Jutta Assel | Georg Jäger

Fabeln von Abraham Emanuel Fröhlich
mit Illustrationen von Martin Disteli

Stand: Januar 2011
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Gliederung

1. Fabeln und Illustrationen
2. Kurzbiographie von Abraham Emanuel Fröhlich
3. Kurzbiographie von Martin Disteli
4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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Himmelsschlüßler, Ausschnitt

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1. Fabeln und Illustrationen

Vorlage:
Fabeln von Abraham Emanuel Fröhlich. Mit Zeichnungen von Martin Disteli. Zürich, Faksimile-Druck der Edition Studer 1945.

"Diesem Faksimile-Druck ist die bei Heinrich Remigius Sauerländer, Aarau, im Jahre 1829 erschienene zweite vermehrte Auflage zu Grunde gelegt worden. Die neun Zeichnungen Martin Distelis waren damals als Beilage zu den Fabeln in einem besondern Hefte im Format 225x280 Millimeter herausgekommen. [...] Den Druck besorgte die Fotorotar A.G. in Zürich. Die Auflage beträgt tausend Exemplare." Das vorliegende Exemplar trägt die Nummer 253.

Von Disteli werden ausschließlich Tendenzfabeln illustriert. Die Texte folgen in Rechtschreibung und Zeichensetzung dem Reprint.

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Titelblatt
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Auch ein Institut

Hund und Aff' und Papagei,
wohldressirt im Allerlei
fremder Wörter, Tänz' und Sitten,
schlossen einen Lehrerbund.
Und es ward von ihnen kund:
"Daß sie bei so vielen Bitten
für die unerzogne Jugend
endlich sich entschlossen haben:
sowohl Töchter als auch Knaben
in Religion und Tugend
und im Tanz zu unterweisen
nach den angesetzten Preisen."

Eltern, aller Sorg entladen
eilten nun zum Ort der Gnaden.

Ausstaffirt mit Pfaugefieder
schnattert dort das Gänschen zierlich;
und das Bärchen tanzt manierlich
nach dem Takt verliebter Lieder.

O wie schnell lernt nun die Jugend
die Religion und Tugend!

Auf Distelis Tafel ist zu lesen:

Plan de l'Institut

L'arithmetique
la langue française
la langue anglaise
la Mythologie
[la musique]
la danse
l'essentiel de la religion
et de la morale
[et] pour le modiqu[e ?]
[...] prix de [...] Louisd'[or ...]

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Liebesmäntler

Ein Lamm ward weggebracht
in einer dunkeln Nacht;
und nur der Diebe Spur
entdeckt man auf der Flur.

Da wird zum Augenschein
von seiner Dorfgemein
der Fuchs dorthin geschickt.
Doch in der Spur erblickt
er seines Vetters Fuß,
der ihm auch hehlen muß:
drum mit gewandtem Schwanz
verwedelt er sie ganz.

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Volksvertreter

Anerkennung eigner Rechte
gaben einst die Wohlgebornen
auch den Schafen, den geschornen.
Und es wählten die Erhörten,
daß er kräftig sie verfechte,
einen von den Hochgeöhrten.

Dieser, an den Hof gekommen,
wurde freundlich aufgenommen,
und die Hunde, die Minister,
haben höflich ihn berochen,
selbst der Leu hat mit Geflister
Etwas zu dem Mann gesprochen.

Und er fand ein herrlich Leben,
denn es ward ihm Korn gegeben.
Drum er denn auch "ïa" sagte
zu dem Allem, was man tagte.

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Sumpfreigen

"Herrscher im Fröscheteich,
Kröten- und Molchen-Reich,
o König Storch!
Wir dick- und dünner Art,
groß und fett, jung und zart,
die du bisher bewahrt,
preisen dich, horch!

Dein Haus, wie edel ragt's,
dein gelber Schnabel sagt's,
dein dünnes Bein;
dein silbern Staatsgewand,
dein schwarzes Ordensband,
dein hoher Gang und Stand:
welch hehrer Schein!

Wer von uns kömmt dir gleich?
jeder auch noch so reich
ist dir ein Spott.
Wann hoch im Flug du schwirrst,
oder wann zu regierst,
und an dem Teich spazierst,
bist du ein Gott!

Wer hat ein Herrscherrecht,
wenn nicht dein alt Geschlecht,
o Teiches Ruhm?
Du nur versorgst uns gut,
wir zollen deiner Hut,
und sind mit Gut und Blut
dein Eigenthum!"

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Spectakel

Der Leu mit seinen erlauchten Thieren
hat Langeweile bei dem Regieren,
und sagt drum Seiner Liebden, dem Affen,
er soll ihm allerhand Kurzweil schaffen.
Da fährt dieser Hof-Zeremonienmeister
alsbald hinaus in die weiten Lande
und kuppelt eine tüchtige Bande
dressierter, ausgezeichneter Geister.

Mit denen kömmt er zum Hof zurück.
Sie spielen die Lust- und Trauerstück:
die Böcke springen, die Esel schrein;
vorzüglich gefallen die Hündelein.
Die Tiger metzgen die Schicksalskinder,
die liebenden Schafe, die biedern Rinder.

Den König und Hof verläßt das Gähnen;
das Drama löset sich auf zu Thränen.

Die Ankündigungen "Der 29. Februar" (1812) und "Die Schuld" (1816) beziehen sich auf romantische Schicksalsdramen von Adolf Müllner, die zu ihrer Zeit sehr beliebt waren. Die Illustration hebt auf die theatralischen Effekte in diesen Stücken ab.

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Junker-Lieutenant

Als die Hunde mit Fehde drohten,
hat der Hirsch dem Hasen geboten:
"Du nimmst die ungeschlachten Bauern,
Eberrudeln mit scharfen Hauern,
mir zum Dienste sie zuzurichten."

Und im Gefühle so hoher Pflichten
ruft der Hase sogleich den Schneider:
"Muß in den Krieg, flugs mach mir die Kleider,
die sich knapp an die Beine strecken,
und mir besonders den Rücken decken."

So kommt er dann zu seinen Soldaten,
macht ihnen vor die Heldenthaten:
setzt auf die Hinterfüß' sich gar zierlich,
streicht sich das rothe Schnäuzchen manierlich,
lehrt sie zu Seiten und rückwärts springen.

Doch den Bauern will's nicht gelingen.
Drum wie die Hunde sind angedrungen,
ist auch Niemand wie Er gesprungen.

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Himmelsschlüßler

Bei seines Waldes Leuten
den Glauben zu verbreiten,
der einzig selig macht,
sang Uhu seinem Chor,
durchwachend manche Nacht,
die Trauerpsalmen vor.
Allein beim besten Willen
war ihres Uhu's Lehr
den Vögeln allzuschwer.
Sie duldeten im Stillen
und ließen ihren Sang
den ganzen Winter lang.

Doch wie das neue Licht
in junge Waldung bricht,
wird von den tausend Zungen
auch tausendfach gesungen:
"Wie sich die Baumgestalten
zu Einem Kranz entfalten,
soll auch in allen Weisen
Gesang den Höchsten preisen!"

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Holzglauben

Faules Holz in Waldes Nacht
hat im Dickicht etwas Schein;
von den Uhu groß und klein,
deren Einsicht waldbekannt,
wird zum Wunder das gemacht:
daß dies Holz noch nie verbrannt.
Diese Predigt machet klar
solches auch der Affenschaar.
Denen scheint es ungeheu'r:
daß so kalt sei dieses Feu'r.
Selbst die Tiger und die Leu'n,
welche alles Feuer scheu'n,
wandelt Teufelsschrecken an,
wann sie diesem Zauber nahn.

Faules Holz steht weit und breit
im Geruch der Heiligkeit.

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Spiegels Unschuld

In einem Brunnen spiegelhell
erkennt der Aff - sein Fratzenbild.
"Gewiß, du Pfütze, schimpft er wild,
bist einzig mir zum Spotte da!"
So schimpft nicht minder sein Gesell,
und keiner kömmt dem Quell mehr nah.

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2. Kurzbiographie von Abraham Emanuel Fröhlich

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Gallerie berühmter Schweizer der Neuzeit. In Bildern von Fr[iedrich] und H[ans] Hasler. Mit biographischem Text von Alfred Hartmann. 9. Lieferung. Hrsg. von Friedrich Hasler, Lithograph. Baden im Aargau 1866.

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Abraham Emanuel Fröhlich galt als "der vorzüglichste Fabeldichter der neuern Zeit" (1).

"Abraham Emanuel Fröhlich wurde am 1. Februar 1796 zu Brugg in der Schweiz geboren. Er studierte Theologie und wurde seit 1835 Hilfsprediger und Lehrer an der Bezirksschule zu Aarau. Er zeichnet sich durch seine eigentümliche und sinnige Auffassung der Fabel aus, einer Dichtart, welche, nachdem man sie eine Zeitlang für eine Hauptdichtung gehalten, in der letzteren Zeit fast ganz vernachlässigt worden ist. Fröhlichs Behandlung aber, welche sich nicht an ältere bekannte Fabeln versucht, sondern nur neuen selbstgeschaffnen Stoffen sich zuwendet, ist so anziehender Art, dass sie auch dieser Gattung neue Reize abzugewinnen weiß und sie dem Lyrischen nähert, ihr dadurch rechte Frische und Kraft mitteilend. Der Inhalt seiner Fabeln umfasst alle die Gegenstände und Gefühle, welche das Leben mannigfaltig uns darbietet, Volk und Familie, Leben und Glauben und jede hohe Tugend und jedes schöne, erhebende Gefühl in der Menschenbrust, hält sich nicht steif an der alten Tierfabel, sondern wählt sich überall die Träger der Gedanken und Empfindungen, welche er in die Brust der Leser und Hörer pflanzen will." (2)

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Es entstanden seine 'hundert neue Fabeln', von denen die erste das Datum vom 10. Januar 1824 trägt. Es weht in diesen ersten Fabeln ein freier frischer, oft kecker Geist. Manche derselben schleudern ihre Pfeile gegen Junkertum und Frömmelei. Die Motive sind unmittelbar der Natur entnommen, der Stil ist körnig und bündig, der Versbau schmeichelt mit seinem musikalischen Rhythmus dem Ohr, die Moral drängt sich nicht vorlaut und pedantisch in den Vordergrund, aber umso schlagender ist die ethische Wirkung ...

Im Jahre 1825 erschienen die Fabeln auf dem deutschen Büchermarkt und habilitierten den Dichter auf dem deutschen Parnass. Die bedeutendsten kritischen Autoritäten wendeten ihm ihre Aufmerksamkeit zu, so Wolfgang Menzel; bedeutende Dichter jener Epoche schenkten ihm ihre Freundschaft, so [Adolf Ludwig] Follen. Der erste grüne Zweig zum künftigen Lorbeerkranze war mit glücklicher Hand gebrochen.

A. E. Fröhlich, zu dessen Fabeln Disteli eine Reihe genialer Tierzeichnungen entwarf, galt damals als einer der Koriphäen der liberalen Schweiz. Keineswegs wurde dieser Ruf geschmälert durch sein fleißiges Erscheinen an den Jahresfesten des sog. 'Sempacher-Vereins' 1822 auf der Insel Ufnau, 1823 in Stanz, 1825 zu Näfels und 1828 am Stoß in Appenzell. Diese Feste begeisterten ihn zu manchem schwungvollen patriotischen Liede, Lieder, die noch nach Jahrzehnten an Sänger- und Schützenfesten gesungen wurden, von denen der Verfasser sich längst verdrossen zurückgezogen hatte." (3)

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Für eine neuere Würdigung der Fabeln von Abraham Emanuel Fröhlich vgl. Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815-1848. Bd. II. Stuttgart: J. B. Metzler 1972, S. 134-137.

Anmerkungen:
(1) Ignaz Hub: Die deutsche komische und humoristische Dichtung seit Beginn des XVI. Jahrhunderts bis auf unsere Zeit. Auswahl aus den Quellen. In fünf Büchern. Mit biographisch-literarischen Notizen, Worterklärungen und einer geschichtlichen Einleitung. Bd. 3. München: J. M. Weydner 1866. Hier S. 97. (Digitalisierung durch Google)
(2) F[riedrich] A[ugust] Pischon: Denkmäler der deutschen Sprache von den frühesten Zeiten bis jetzt. Eine vollständige Beispielsammlung zu seinem Leitfaden der Geschichte der deutschen Literatur. Sechster Teil, 1. Abteilung, welche die Dichter vom Jahre 1813 bis jetzt umfasst. Berlin: Duncker und Humblot 1850. Hier S. 329. (Digitalisierung durch Google)
(3) Gallerie berühmter Schweizer der Neuzeit. In Bildern von Fr[iedrich] und H[ans] Hasler. Mit biographischem Text von Alfred Hartmann. 9. Lieferung. Hrsg. von Friedrich Hasler, Lithograph. Baden im Aargau 1866.

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3. Kurzbiographie von Martin Disteli

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Gottfried Wälchli: Der Distelischnauz. Bilder und Anekdoten aus Maler Distelis Leben. Aarau: H. R. Sauerländer 1930, nach S. 168. Selbstbildnis, Kunstmuseum Solothurn.

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Disteli, Martin, Schweizer Karikaturenzeichner und Maler, geb. 28. Mai 1802 zu Olten, gest. 18. März 1844 in Solothurn.

Disteli erhielt als Knabe den ersten Unterricht bei einem Zeichenlehrer, produzierte aber im übrigen (gewöhnlich Karikaturen) als talentvoller Dilettant ohne Wunsch nach beruflicher Ausübung der Kunst. In Jena, wo er die Rechte studieren sollte, bedeckte er, mit Karzer bestraft, die Wände seiner Zelle mit satirischen Darstellungen ("Raub der Sabinerinnen", "Marius auf den Trümmern von Carthago" etc.), die Aufsehen erregten. Verarmung seines Vaters zwang ihn, nach Olten zurückzukehren, wo er durch Zeichnungen und Malereien (Darstellungen aus der Schweizer Geschichte, Porträts etc.) sein Brot zu verdienen suchte. Es folgte ein kurzer Studienaufenthalt in München, wo er sich (mit wenig Erfolg) um Erlangung einer soliden malerischen Technik bemühte. "Aus Deutschland brachte er den Lebensstil der spätromantischen Künstler heim: kraftgenialisches Gebaren, zur Schau gestellten Individualismus."

Um 1825 kehrte er nach Olten zurück zu fast ausschließlich illustrativer Tätigkeit. Es entstanden u.a. 10 radierte Blätter zu A. E. Fröhlichs Fabeln (1828), Illustrationen zu Goethes Faust (unpubliziert), Szenen aus dem Tierleben, besonders für die Zeitschrift "Alpenrosen" (1831-39), sowie historische Kompositionen. Seit 1839 gab er zusammen mit dem Regierungsrat Felber den "Schweizerischen Bilderkalender", heraus, der, vorwiegend durch Distelis freisinnige politische Karikaturen (darum auch "Distelikalender" genannt), zu großer Popularität gelangte. Seit 1840 erschienen Illustrationen zum "Münchhausen", zur "Alpina", zum "Deutschen Michel" etc. Seit 1836 Zeichenlehrer an der Kantonschule in Solothurn.


Quelle: Thieme / Becker, Bd.9, 1913, S. 331f. Gekürzt. Zitat aus dem Nachwort von Gottfried Wälchli.

Die bedeutendste Disteli-Sammlung (rund 1000 Blätter) befindet sich im Kunstmuseum Olten in der Schweiz, URL:
http://www.olten.ch/de/tourismus/museen/welcome.php?action=showobject&object_id=265

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Besuchen Sie auch die Illustrationen von Martin Disteli
zu den Abenteuern des Freiherrn von Münchhausen

http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3654

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Sumpfreigen, Ausschnitt

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4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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