goethe

Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Sagen und Legenden

Adelheid von Stolterfoth: Rheinischer Sagen-Kreis

 Vorherige Seite

 Vorblatt 

 Nächste Seite 

 

 

Der Pfalzgraf Herrmann von Staleck


Pfalzgraf Herrmann zieht von Worms zurück,
Bleich ist sein Gesicht und trüb sein Blick;
Und ihm folgen traurig die Vasallen
Wieder heim in Stalecks stolze Hallen;
Durch die Säle tönt nicht Becherklang,
Nicht wie sonst der Harfner froher Sang.
  
Tief verwundet ward sein stolzes Herz,
Aber nicht von heissem Liebesschmerz. -
Längst vergessen ruht nach mancher Klage
Die Geliebte seiner Jugendtage.
Was ihm jetzt den innern Frieden nahm,
Ist ein andrer, nie gefühlter Gram.
  
Kaiser Friedrich, weise, gross und kühn,
Häufte Schmach auf Arnold (x) und auf ihn,
Denn sie brachen wild des Landes Frieden,
Und zum Reichstag waren sie beschieden.
Streng erklang der Spruch aus seinem Mund:
"Jeder trägt zur Strafe nun den Hund."
  
Und der hohe Pfalzgraf beugt sein Haupt,
Wie die Eiche, die der Sturm entlaubt. -
Und dann folgen traurig die Vasallen
Wieder ihm nach Stalecks stolzen Hallen.
Durch die Säle tönt nicht Becherklang,
Nicht wie sonst der Harfner froher Sang.
  
Und er stützt sich matt auf's treue Schwert,
Einst in jedem Kampf so gut und werth,
Blickt hinab in's Thal mit tiefem Trauern
Ueber Stalecks hochgethürmte Mauern.
Aus der Tiefe rauschet leis' der Rhein,
Und die Berge grüsset Abendschein.
  
Lange steht er starr und schaut hinab,
Wie in eines Freundes offnes Grab. -
Aber endlich aus dem wunden Herzen
Brechen wild die lang verhehlten Schmerzen;
Und mit alter, schnell entflammter Glut,
Schleudert er das Schwert hinab zur Fluth.
  
Und er ruft die Mannen allzumal
Und die treuen Diener in den Saal.
Wie sie still und staunend ihn umringen,
Lässt er seine reichen Schätze bringen,
Gold und Silber, Waffen und Gewand,
Und er theilet sie mit güt'ger Hand.
  
"Lebet wohl!" so ruft er endlich aus
" Ewig flieh' ich nun mein Vaterhaus
Und verborgen hinter Klostermauern
Will ich ob verlorner Ehre trauern."
Eilig legt er seine Rüstung ab
Und ergreift den armen Pilgerstab.
  
Alle weinen, alle klagen laut,
Die so kühn und stolz ihn sonst geschaut,
Und sie sinken flehend vor ihm nieder -
Aber schweigend steigt der Graf hernieder,
Denn beschlossen ist sein Heldenlauf
Und ein stilles Kloster nimmt ihn auf.   

(x) Arnold von Seelenhofen, Erzbischof von Mainz. Siehe die Anmerkung.

 

 

Die noch in ihren Ruinen mächtige Burg Staleck, über Bacharach am Rhein, auf einem Berge thronend, soll auf den Trümmern eines römischen Kastells erbaut worden seyn.

In Urkunden vom Jahr 1190 heißt sie Stalekun. - Ich verweise jedoch über ihre nähere Geschichte auf Widder, Vogt u.a.m., und beschränke mich nur darauf, einige Notizen über einen ihrer berühmtesten alten Besitzer zu geben. Der Pfalzgraf Herrmann von Staleck war einer der tapfersten Ritter seiner Zeit und Neffe Kaiser Konrad III., dem er die Pfalzgrafenwürde 1142 verdankte, und von welchem er, während seines Kreuzzugs nach Palästina 1148 bis 1149, sogar zum Reichsverweser ernannt wurde. Nach der Sitte jener finstern Tage des Faustrechts gerieth er in eine Fehde mit dem Erzbischof von Mainz, Arnold von Seelenhofen. Beide Feinde verwüsteten sich gegenseitig ihre Länder und brachen den Landfrieden. Da verurtheilte sie der große Kaiser Friedrich I. von Hohenstaufen auf dem Reichstage zu Worms, 1155, zu der entehrenden Strafe sammt ihren Helfern, Hunde zu tragen, eine bey den alten Franken, Schweden, Sachsen und andern nordischen Völkern gewöhnliche Strafe für Aufrührer und solche, welche die öffentliche Ruhe störten (x).

Dem Erzbischof wurde wegen seines Alters und hoher geistlichen Würde die Strafe erlassen, aber der Pfalzgraf (xx) mußte sie nebst zehn seiner Genossen dulden. Sein stolzes Herz ward jedoch so tief durch diese Schmach verletzt, daß er der Welt entsagte und den Rest seiner verkümmerten Tage im Kloster Eberach in Franken verlebte. Er starb 1156. Der Erzbischof Arnold wurde (wie ihm die Seherin Hildegardis vorausgesagt hatte) 1160 in einem Aufruhr der Mainzer Bürger ermordet.

(x) Barre allgemeine Geschichte von Deutschland. Bd. II. S. 461.
(xx) Allgemeine Welthistorie, Geschichte von Deutschland. S. 569
.

 

 Vorherige Seite

 Vorblatt 

 Nächste Seite 

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit