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Jutta Assel | Georg Jäger

Sagen und Legenden

Adelheid von Stolterfoth: Rheinischer Sagen-Kreis

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Die Schwesterfelsen bei Oberwesel im Rhein


Der junge Walther kehrt von Schönberg wieder
Und wankt zum Tode fort in bitt'rem Schmerz,
Auf ewig schweigen seine süssen Lieder,
Er ward verhöhnt in fürchterlichem Scherz.
Sechs Schwestern halfen Adelgunden
In Uebermuth und eitler Lust,
Mit kaltem Spotte zu verwunden
Die stolze, treue Sängerbrust.
  
Gar mancher Ritter hat des Schlosses Hallen
Verlassen schon, um in den Tod zu geh'n,
Zwei sind verzweifelnd in der Schlacht gefallen,
Weil sie nicht konnten Liebe sich erfleh'n;
Zwei andre zogen in die Weite
Nach Palästinas fernem Strand,
Und zwei, nach eifersücht'gem Streite,
Erschlugen sich mit wilder Hand.
  
Doch ach! verhöhnt, betrogen waren Alle,
Die sieben Schönen blieben kalt und frei.
Und dennoch fiel auch Walther in die Falle,
Weiht' Adelgunden seine Liebe treu.
Erst schien sie mild ihn zu verstehen,
Dann ward er fremd und stolz verschmäht.
Sie sieht ihn lächelnd von sich gehen
Und weiss, dass er zum Tode geht.
  
Er stürzt sich voll Verzweiflung in die Wogen -
Die Wasser kühlen seines Busens Glut.
Die Erde flieht - er wird hinab gezogen,
Wo mancher gold'ne Hort verborgen ruht.
Und bleicher werden seine Wangen,
Er fühlt nicht mehr des Herzens Schlag,
Er denkt nicht mehr mit Schmerz und Bangen
An seiner Jugend trüben Tag.
  
Manch Fischlein sieht er auf und nieder schweben,
Und freundlich sagt ihm ein bemooster Hecht:
"Du musst dich nun in Lurleys Haus begeben,
Ich führe dich, mein schmucker Edelknecht.
Die Sitte will seit alten Tagen,
Dass du der Königin sogleich
Die Schmerzen musst und Leiden klagen,
Warum du flohst in unser Reich.
  
Und hat sie dich gerecht und gut befunden,
So nimmt sie dich als milde Herrin auf
Und plötzlich heilen alle deine Wunden,
Denn du beginnest schönern Lebenslauf;
Doch hast du die gewagte Reise
Als Schelm gemacht und wüster Thor,
Dann, Lieber, dienest du zur Speise
Uns, ihrer Boten schnellem Chor.
  
Die besten Ritter sind bei ihr zu schauen,
Doch auch gemein'rer Pöbel wird dir nah'n,
Auch triffst du schöne Mädchen, edle Frauen
Aus guten, hochberühmten Häusern an.
Noch kürzlich kam herabgeschwommen
Gisella Brömser, wunderhold,
Sie ward gar freudig aufgenommen,
Trägt eine Harfe nun von Gold."
  
Er schweigt und eilt voran, der graue Schwimmer,
Und Walther folgt ihm zu der Lurley Haus.
Es steht umstralt von diamant'nem Schimmer
Und seelig breitet er die Arme aus. -
Er hört ein wunderbares Klingen
Und manchen halbvergess'nen Sang.
Sind's Nixen, die so lieblich singen?
Ist's goldner Harfen süsser Klang?
  
Nun tritt er in die reichgeschmückten Hallen
Und Frau'n und Recken grüssen ihn so mild,
Bald sieht er lange Silberschleier wallen
Und vor ihm steht der Lurley schönes Bild.
"Was willst du, Jüngling?" fragt sie leise,
"Warum verliessest du die Welt?
Oft sangst du schön zu ihrem Preise
Und warst im Kampf ein tapfrer Held."
  
"O Lurley! Königin der stillen Tiefen,
Die Liebe hat mich in den Tod gejagt!
Als mir im Busen alle Lieder schliefen
Und selbst die Harfe jeden Trost versagt,
Da sucht' ich Ruh' in deinen Fluten,
Für mein gebrochnes, wundes Herz,
Und sieh! schon hört es auf zu bluten,
Vergessen ist der Erde Schmerz."
  
"Er sey vergessen - lebe fröhlich wieder,
Und deine Harfe töne süsser fort.
Doch auf, ihr Nixen, singet Zauberlieder,
Ihr Winde, tragt sie rasch nach Schönberg dort,
Lockt sie herab mit Schmeicheltönen
Die sieben Schwestern, stolz und kalt.
Und keine Macht soll mehr versöhnen
Der Lurley rächende Gewalt."
  
Die Nixen singen und die Winde rauschen,
Schon hallt es süss zur Grafenburg empor.
"Ein Ständchen wohl?" Die schönen Jungfrau'n lauschen,
Und Eine folgt der Andern aus dem Thor.
"Wohin, wohin?" "Auf sanfter Welle
Wir schaukeln horchend uns am Strand;"
Schon ist ein kleines Schiff zur Stelle -
Wer stösst es denn so wild vom Strand?
  
Ha! unaufhaltsam treiben sie die Wogen
In wilden Wirbeln von dem Ufer weit,
Und plötzlich ist der Himmel schwarz umzogen,
Die Lurley taucht empor im Nebelkleid.
"Halt!" ruft sie streng - das Schiff bleibt stehen,
Gehorsam sind ihr Well' und Wind -
"Die Strafe folget dem Vergehen,
Seyd ganz was Eure Herzen sind."
  
Das Schiff versinkt, bald schweigen alle Klagen,
Die sieben Schwestern wandeln sich in Stein,
Und ihre kahlen Felsenhäupter ragen
Starr, unbewegt und traurig aus dem Rhein.
Zwei Pilger, die zur Heimath ziehen,
Seh'n staunend sich das Wunder an.
Hell scheint der Mond, die Wogen ziehen
Bald wieder still die alte Bahn.


 

 

Die stolzen Ruinen der Burg Schönberg liegen am Gebirg bei Oberwesel, und daselbst sollen einst die sieben schönen Schwestern gewohnt haben, welche, ihrer Sprödigkeit wegen, von der Undine des Rheins in sieben Felsen verwandelt wurden.


Schönberg war der Sitz eines Rittergeschlechts, welches schon im 11. Jahrhundert blühte. Aus ihm stammte der berühmte Friedrich, Graf von Schönberg, welcher in Irland, in der Schlacht am Boyne, 1690 den Tod des Helden starb. (x)

(x) Hübners genealogische Tabellen. 4 Th. 1233te Tab.

 

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