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Jutta Assel | Georg Jäger

Justinus Kerner
Klecksographien
Eine Auswahl

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Stand: Dezember 2014

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Gliederung

1. Einführung
2. Klecksographien mit Versen
3. Kurzbiographie von Justinus Kerner
4. Literaturhinweise und Weblinks
5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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1. Einführung

Kle[c]ksographien nannte Justinus Kerner "von ihm vorsätzlich hergestellte Zufallstintenkleckse (schwäbisch 'Tintensäue')"(Otto Stelzer), die durch Falten des Papierbogens eine symmetrische Gestalt erhielten. Sie ähneln den Bildern, mit denen der Rorschach-Test, auch "Tintenkleckstest" genannt, durchgeführt wird. Die "der Phantasie Spielraum lassenden Gebilde," oft gespensterartig und fratzenhaft, regten Kerner zu Charakteristiken und kleinen Geschichten an, die er in Verse fasste. Wo die Phantasie nicht ausreichte, half Kerner meist "mit ein paar Federzügen" nach.  Er unterscheidet Hades- und Höllenbilder mit Kobolden, Todesboten, Hexen, Teufeln, dem Satan etc. Andere bekannte Klecksographen sind Victor Hugo und Christian Morgenstern. 

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2. Klecksographien mit Versen

Bilder und Texte nach der Erstausgabe: Justinus Kerner, Kleksographien. Mit Illustrationen nach den Vorlagen des Verfassers. Stuttgart u.a.: Deutsche Verlags-Anstalt [1890]. - Rechtschreibung dem heutigen Stand angeglichen.

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Die Klecksographie

Es wird wohl manchem bei Lesung und Betrachtung dieser Blätter vielleicht zu Sinne kommen, wie er schon in frühester Jugend durch Zerdrückung von kleinen färbenden Beeren, ja gar Fliegenköpfen und so weiter auf zusammengelegtem Papier, ohne Kunst, ohne Hilfe von Bleistift und Pinsel, Zeichnungen hervorgehen sah. Dessen erinnere ich mich auch noch aus meiner Jugend.

Die Zunahme meiner halben Erblindung war die Ursache, dass ich es in diesem jugendlichen Spiel weiter brachte; denn dadurch fielen mir, wenn ich schrieb, sehr oft Tintentropfen aufs Papier. Manchmal bemerkte ich diese nicht und legte das Papier, ohne sie zu trocknen, zusammen. Zog ich es nun wieder voneinander, so sah ich, besonders wenn diese Tropfen nahe an einen Falz des Papiers gekommen waren, wie sich manchmal symmetrische Zeichnungen gebildet hatten, namentlich Arabesken, Tier- und Menschenbilder und so weiter. Dies brachte mich auf den Gedanken, diese Erscheinung durch Übung zu etwas größerer Ausbildung zu bringen.

Das Verfahren und die dadurch entstandenen Bilder teilte ich schon vor sieben Jahren vielen meiner Freunde aus der Nähe und Ferne mit, auch wurden sie sehr oft in Albums von Freundinnen mit einer Erklärung durch einen von meiner Hand geschriebenen Vers begehrt, auch in Lotterien zu Stuttgart und Dresden, die wohltätige Frauen zum Besten der Armen veranstaltet hatten, für solche gewinntragend freudig aufgenommen.

Dieses Spiel mit den dicken Klecksen verbreitete sich auch damals bald unter vielen und wurde eine Zeitlang in unserer Gegend und auch in der Ferne fast zu einem Modespiel von Alten und Jungen, selbst in Schulen oft zum großen Jammer der Lehrer. Ein Liebhaber dieser Kunst in Stuttgart hat sogar, wie ich höre, derlei Tintenbilder durch Lithographie vervielfältigen lassen.

Schon vor sieben Jahren gab ein geistreicher Freund der Kunst und des Humors der Art, solche Bilder aus Tintenklecksen zu machen, den Namen der Klecksographie. Auch die in diesen Blättern gegebenen Bilder entstanden auf keine andere Weise. Ich will hier nur noch etwas ausführlicher wiederholen, wie solche Bilder entstehen und auch diese entstanden.

Tintenkleckse (schwäbisch Tintensäue), die auf der Seite des Falzes (auf dessen rechter oder linker Seite, aber nie auf beiden) eines zusammengelegten Papiers gemacht werden, geben (nachdem man das Papier über dieselben legte und sie dann mit dem Ballen oder dem Finger der Hand bestreicht), kraft ihrer Doppelbildung, die sie durch ihr Zerfließen und Abdruck auf dem reinen Raume der anderen Seite der Linie erhalten, der Phantasie Spielraum lassende Gebilde der verschiedensten Art. Bemerkenswert ist, dass solche sehr oft den Typus längst vergangener Zeiten aus der Kindheit alter Völker tragen, wie zum Beispiel Götzenbilder, Urnen, Mumien und so weiter. Das Menschenbild wie das Tierbild tritt da in den verschiedensten Gestalten aus diesen Klecksen hervor, besonders sehr häufig das Gerippe des Menschen. Wo die Phantasie nicht ausreicht, kann manchmal mit ein paar Federzügen nachgeholfen werden, da der Haupttypus meistens gegeben ist. So kann zum Beispiel ein Menschenbild in seiner ganzen Gestalt und Bekleidung herauskommen, jedoch vielleicht ohne Kopf, Hand und so weiter, wo, was auch in nachstehendem geschehen, hie und da das Fehlende leicht zu ersetzen ist.

Bemerkt muss werden, dass man nie das, was man gern möchte, hervorbringen kann und oft das Gegenteil von dem entsteht, was man erwartete.

Es kamen also auch diese hier gegebenen sogenannten Hadesbilder nicht durch meinen Willen und durch meine Kraft hervor, ich bin der Zeichenkunst ganz unfähig, sondern sie kamen auf jene oben beschriebene Weise allein durch Tintenkleckse zutage und erforderten dann oft gar keine, oft nur unerhebliche Nachhilfe durch einige Federstriche, oder durch künstliche Nachzeichnung von Gesichtern.

Zu bemerken habe ich auch noch, dass diese Bilder natürlich nicht nach dem Texte, sondern dass der Text nach ihnen gemacht wurde, und so möge auch der Leser und Betrachter dieser Blätter sie und ihre Erklärung in Versen mit Nachsicht aufnehmen.

Im Februar 57.

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Hadesbilder
kleksographisch entstanden
und in Versen erläutert
von
Justinus Kerner

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Memento mori!

Jedweder trägt in sich den Tod,
Wenn's außen noch so gleißt und lacht,
Heut wandelst du im Morgenrot
Und morgen in der Schatten Nacht.
Was klammerst du dich also fest,
O Mensch! an diese Welt, den Traum?
Lass ab! lass ab! eh' sie dich lässt,
Oft fällt die Frucht unreif vom Baum,
Ruf auf! ruf auf den Geist, der tief
Als wie in eines Kerkers Nacht
Schon längst in deinem Innern schlief,
Auf dass er dir zum Heil erwacht.
Aus hartem Kieselsteine ist
Zu locken ird'schen Feuers Glut,
O Mensch! wenn noch so hart du bist,
In dir ein Funke Gottes ruht.
Doch wie aus hartem Steine nur
Durch harten Schlag der Funke bricht,
Erfordert's Kampf mit der Natur,
Bis aus ihr bricht das Gotteslicht.
Drum ringe, schaffe, bis der Geist,
Tut's auch dem Fleische weh, gesiegt,
Sich aus der Nacht zum Lichte reißt
Und unter ihm die Schlacke liegt.

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Den Hadesbildern noch zuvor
Erhoben aus der Tinte Nacht
(Mein Herz hat nicht an sie gedacht)
Die Todesboten sich empor.

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Todesboten.

Die fliegende Todesbötin schau,
Ein schlimmes Gespenst wie die weiße Frau;
Wenn solche nachts flieget in ein Haus,
An das Fensterglas legt wie Glühwurms Schein
Den Kopf, dass er leuchtet ins Zimmer hinein,
So trägt man da Eines bald tot hinaus.

*****

Der vor'ge Geist verkündet einz'lne Leichen,
Der doch vorausgeht langen schwarzen Seuchen,
Vor dieses Nachtgespensts Erscheinen
Hört man oft fern ein Klagen, Weinen,
Der Glaskopf spricht: »Das ist ein Heulen
In der Waldeinsamkeit von Eulen.«
Doch bald auch er sieht wie der Bauer,
Dass hoch sitzt auf der Kirchhofsmauer
Die Klagfrau, nun auch ihm ein Graus,
Die strecket weitaus ihre Arme
Und rufet in die Nacht hinaus:
»Dass Gott sich eurer Seel' erbarme!
Bestellt, bestellet euer Haus!
Bald bricht der schwarze Tod hier aus!«
Und drauf zerfließet sie in Luft.
Doch bald erscheint dann jene Seuche,
Zum Kirchhof trägt man Leich' an Leiche,
Dass bald ihm mangeln Grab und Gruft.

*****

Hadesbilder.

Diese Bilder aus dem Hades,
Alle schwarz und schauerlich,
(Geister sind's, sehr niedern Grades,)
Haben selbst gebildet sich
Ohn' mein Zutun, mir zum Schrecken,
Einzig nur – aus Tintenflecken.
Habe stets dabei gedacht,
Überall wo's schwarz und Nacht

Spuket die gespenst'ge Rasse,
Darum auch im Tintenfasse.
Die ihr schreibt, nehmt euch in acht!
Weil ich Klecksograph entdecket,
Dass im Tintenfass oft stecket
Eines gift'gen Dämons Macht.

*****

Als ich heut klecksographieret,
Statt mit Tinte mit Kaffee,
Da kam schnell heranspazieret
Die Frau Rätin Salome.
Täglich ging die zur Visite
Einmal, wenn nicht zweimal gar,
Setzte sich auf Sofas Mitte,
Weil sie die Gelehrt'ste war.
Angestaunt von den Frau Basen,
War sie solchen allen gut,
Jene nur das Kochbuch lasen,
Sie doch die Frau Wildermuth.
Sterbend sprach sie: »Zur Visite
Muss ich, hebet mich zur Höh'!«
Doch der Tod kam, sprach: »Ich bitte
Sie zu mir heut zum Kaffee!«
Weh! nun sitzt schon viele Wochen
Sie in Hades Einsamkeit,
Doch als sie Kaffee gerochen,
Hat sie herzlich das erfreut;
Sie ist gut, will oft zitieren
Sie, weil es ihr Freude schafft,
Gerne sie klecksographieren
Mit des Kaffees duft'gem Saft.
Aber als ich's wollt' probieren
Sogar mit Mokkakaffee,
Ließ sie nimmer sich verführen;
Deutlich ich daraus erseh',
Dass sie von der Erde Tand
Reuig sich zu Gott gewandt.

[Wildermuth, Ottilie, 1817-1877, Schriftstellerin. Lebte in Tübingen, wo sie einem Damenkränzchen angehörte, war bekannt mit Uhland und Karl Mayer, Briefwechsel mit Kerner. Vgl. „Verehrte Freundin! Wo sind Sie?“ Justinus Kerners Briefwechsel mit Ottilie Wildermuth 1853-1862. Hrsg. von Rosemarie Wildermuth. Stuttgart: Lithos 1996.]

*****

Dies Gespenst ist fürchterlich!
Mitternachts erhebt es sich
Aus des Herrn Baronen Gruft.
Dann, wenn's einen Bauern sieht,
Stürzt es auf ihn aus der Luft,
Hängt sich an sein Herz und zieht
Alles Blut aus solchem schier.
Dies Gespenst heißt man »Vampir«.
Ob das der Baron einst war,
Will und kann ich glauben nicht,
Das wär' gar zu arg fürwahr!
Fragt man, leis der Bauer spricht:
»'s war des Herrn Baron sein alter
Gilteintreiber und Verwalter.«

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Gar eine Puppe, jenes Zwitterding
Zwischen der Raupe und dem Schmetterling,
Stieg aus dem Hades auf ganz flügellos.
»Zurück mit dir in Schattenreiches Schoß,
Bis Flügel dir gewachsen licht und groß!« –
»Die kommen nicht, ich ließ schon lang mich narren,
Nicht länger will ich in der Nacht mehr harren,
Ein Dummkopf ist der spricht: ›Durch Nacht zum Licht!‹
Durch den Verstand zum Licht, nicht durch die Nacht!
So hat's mein lichter Kopf sich stets gedacht.«
Also die irre Seele zu mir spricht.
Ich aber sprach zu ihr: »Dein trotziges Gesicht
Schaut aus der Puppe noch, wie's ehmals war,
Und jene schwere Mütze, die sogar
Du noch im Hades nicht hast abgestreift,
Beweisen, dass zum Flug du nicht gereift,
Dein Kopf es ist, dein Stolz, dein Selbstbetrug,
Was dir noch lange hemmt den leichten Flug.«
So sprach zur Puppe ich, die eine Hand,
Unsichtbar mir, zurück zum Hades trug,
Dass sie abstreife dort ihr Erdgewand,
Den Kopf voll eigensinnigem Verstand,
Voll Eigenliebe und voll Selbstbetrug,
Dann erst die Seele fliegt im leichten Flug
Aus Nacht empor zum lichten Heimatland.

*****

Auf einer Kanzel lässt sich nieder
Jedwede Nacht der schwarze Geist,
Leis betet er, dann lauter wieder,
Auch weint dabei er allermeist.
Wer der wohl ist, wer der wohl war?
Der Küster sagt zwar: Ein Vikar.
Man nannte ihn: Hegelsmagister,
Doch schon vor zehen Jahren ist er,
Man sagt, nach Indien gereist,
Dort hab' ein Haifisch ihn gespeist.
Warum er nun als Geist hier laufet,
Das wird ein jeder glauben gern,
Er glaubte nicht an unsern Herrn
Und hat die Kinder doch getaufet,
Die Tauf' verlacht beim Wirt zum Stern.
Im Hades nun kam ihm die Reue,
Dass er will pred'gen nun aufs neue,
Will pred'gen, dass sein Glaub' nun sei
Von seinem vor'gen Glauben frei;
Schwarz kam er aus dem Tintenfass,
Schwarz, schwarz er wohl im Hades saß,
Doch weil er in der Kirch erscheint,
Dort pred'gen will und stille weint,
So hoff' und glaub' ich für ihn fest,
Dass Gottes Gnad' ihn nicht verlässt.

*****

Einst waren zwei Kameraden,
Die schwuren einen Eid,
Dass jeder auf sich wollt' laden
Des andern Freud und Leid.
Es war ein Krieg in Sachsen,
Hin zogen sie voll Mut,
Sangen. »Juheh! verwachsen
Sind wir mit Leib und Blut!«
Raketen und Bomben fliegen,
Zerreißen des einen Bein,
Der andre ließ ihn liegen,
Floh über Stock und Stein.
Doch war's ihm immer bänger,
»Eid!« rief er, »böser Traum!«
Er konnt nicht leben länger,
Hing sich an einen Baum.
Das war, als an der Wunde,
Der starb im Lazarett,
Und seit derselben Stunde
Der andre doppelt geht.
Er geht als wie verwachsen
Mit des Kameraden Leib,
Auf dem Schlachtfeld nachts in Sachsen
Er so umher sich treibt!
Er stieg heut aus dem Fasse
Der Tinte reuig auf,
Ich hoff', dass Gott erlasse
Ihm bald den bangen Lauf.

*****

Auch mein Bild kam aus dem schwarzen Tintenfass.
Als ich es sah, da wurde ich leichenblass.
Aus dem Kopfe kommen schwarze Dünste,
Der Arznei – und Dichtkunst schlechte Künste,
Meines ganzen eitlen Lebens Dunst,
Scham, dass ich unwert so vieler Gunst.
Schaut den alten Leib, der ein Gerippe,
Während ich am Lebensbaum noch nippe,
An den Füßen schaut die Erdenschwere,
O! wenn die noch abzustreifen wäre!
Ich vermag es nicht, und ihre Macht
Zieht mich nieder in des Hades Nacht.

*****

Höllenbilder.

Geister aus noch tief'rer Nacht
Hat das Tintenfass gebracht,
Als den Satz ich umgerührt.
Niemals hätt' ich den berührt,
Hätt' ich eher schon erfahren,
Wie so groß sind die Gefahren,
Wenn man mit dem Tintensatze,
Vorab nachts, klecksographiert;
Dann erscheint oft eine Katze,
Schneidend eine Teufelsfratze,
Satan ist's, der uns vexiert.
Oft den Klecksographen prellen
Schwarze Geister durchs Verstellen,
Wechseln oftmals die Gestalten,

Sie für andere zu halten,
Wie im Leben einst, dem hellen,
So in schwarzen Höllenspalten
Sind und bleiben sie die alten,
Nicht zu bessernden Gesellen.

*****

Hier stieg herauf der Falschheit Bild,
Du, die dem Höllenpfuhl entsprossen,
Wär' noch mein Tintenfass gefüllt,
Ich hätt' mit Tint' dich übergossen.
Du gift'ge, verhüllte Fratze,
Auf deinem Kopf sitzt eine Katze,
In deiner Brust der Katze Kater.
Fort! fort! zurück zum Feuerkrater
Der Hölle, wo du heimatlich,
Nur halb klecksographier' ich dich.

*****

Du teuflische Fratze,
Halb Mensch und halb Katze!
Was willst du von mir?
Ich klecksographier'
Nicht Ritter vom Besen,
Das bist du gewesen,
Zum Teufel mit dir!

["Das bist du gewesen": Anspielung auf Goethes Ballade "Der Zauberlehrling", letzte Strophe: "Besen! Besen! / Seids gewesen."]

*****

Was dieser Kobold einstens war,
Das ist nur mir geworden klar.
Der eine sagt: »Ein Aktuar,
Bekannter Schlemmer und Bocksreiter.«
Der ander, der sich denkt gescheiter,
Spricht: »O, der war ein Pfarrer gar,
Man sieht das ja aufs allerbeste
An seiner rabenschwarzen Weste.«
Der dritte sprach: »Ein Apotheker
War er, der mit ganz schlechter War
Vergiftet die Arzneienschlecker.«
Ich sprach, und alle wurden heiter:
»Der Bocksbart zeiget mir fürwahr,
So wie das Maß für Tuch und Kleider,
Das völlig falsch und diebisch war,
Dass dieser Kobold gar nichts weiter
Gewesen als ein dieb'scher Schneider.«

*****

Dies ganz teuflische Gesicht,
(Glaubt es, oder glaubt es nicht,)
Eine Amme ist's gewesen,
Wohlgeübet auf dem Besen,
Manches Kind verhexte sie,
Dass es zappelte und schrie,
Bis man schob dem armen Tropf
Eine Bibel untern Kopf.
Oft zu Teufelstanz und Spiel
Fuhr sie auf dem Besenstiel,
Doch zum nahen Galgen nur.
Jetzt ganz teuflische Natur,
In der Hölle schwarzem Pfuhl
Wirbelt sie in feur'gen Wirbeln
Um des Höllenmeisters Stuhl.

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Hier das Kind kam, das die Hexe
Hat gesäugt und dann verhext,
Einzig nur drei Tintenkleckse
Haben dieses Kind gekleckst.
Doch man sieht schon ohne Luppe,
Dass bereits aus seiner Puppe
Wachsen lichte Doppelschwingen,
Die's zum Kinderhimmel bringen.

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Dass ich ein Paar auch aus dem Hexenkluppe,
Die Amm und die von ihr verhexte Puppe,
Klecksographierte ohne Rücksicht dreist,
Das hat empöret eine ganze Gruppe
Beisitzer aus dem alten Höllenpfuhl,
Aufklärlinge, Ungläubige, allermeist
Zöglinge aus Mephistos Musterschule,
Dass sie aus ihrem Schoß den schwarzen Geist
Emporschickt, um vom Klecksographenstuhle
Zu stoßen mich, zu brechen mir den Hals.
Ich sah ihn lächelnd an, sprach gar nichts als:
»Gelobt sei Jesus Christ!« – da fuhr er plötzlich
Hinab mit einem Wehschrei, der entsetzlich.

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Als ich vor dem Tintenfass
Wieder mit der Feder saß,
Und mit solcher tief gestochen
In die Tinte bis zum Satz,
Kam etwas herauf gekrochen,
Wie der Schwanz von einer Katz.
Mir doch ward es immer bänger,
Denn das Ding wurd immer länger,
Gar zu lang für eine Maus,
Und der Teufel kroch heraus.
Erst macht er drei Reverenzen,
schlingend mit dem Schwanze Ringe,
Und erzählt mir Wunderdinge
Von sich, um vor mir zu glänzen,
Dass er einst gewesen sei
In Neapels Hofkanzlei.
»Jetzt bin ich (Sie werden's merken),
Spricht er, nun an andrer Stelle,
(Jedem wird nach seinen Werken),
Ein klein wenig in der Hölle.
Einstens war ich groß und reich,
Jetzt, ums kurz zu sagen gleich,
Bin ich zwar ein armer Schlucker,
Doch ein emsiger Geselle
Und der Druckerschwärze Reiber
Von des Satans Hofbuchdrucker,
Wollte Ihnen sagen schnell:
Dass für schwarze Höllenleiber
Ihre Tinte ist zu hell,
Werde, um sie schwarz zu frischen,
Sie mit Druckerschwärze mischen.« –
»Fort!« rief ich, vor Zorn ganz blass,
»Meinst du nicht, ich merk' nicht, dass
Du der vor'ge Teufel nur
Mit veränderter Figur,
Der hinaus zum Schornstein fuhr.
Ließ ich mich vom Zorn hinreißen,
Würd ich dir das Tintenfass
Luth'risch an den Bockskopf schmeißen.
Doch genug für dich ist – das
Drauf hab ich ein Kreuz geschlagen,
Was die Teufel nicht ertragen,
Da ward schnell er dünner noch,
Dünner als der Spinne Waden,
Und als schwarzer, här'ger Faden
Fuhr er durch das Schlüsselloch.

*****

Als ich ob'ges schrieb: »Brum! brum!«
Tönt' es um mein Ohr herum.
Teuflische Nachtschmetterlinge,
Schwarz, umflogen mich im Ringe;
Aber in mein rechtes Ohr
Klang's wie aus der Engel Chor:
»Ha! wie ist's hier unten trübe!
Doch nicht ewig währt die Nacht!
Eine Liebe, eine Liebe
Selbst noch ob der Hölle wacht.
Strahlen schickt in alle Ringe
Seines Alls Gott noch so weit,
Seine Wahrheit, seine Klarheit,
Liebe und Barmherzigkeit,
Und durch sie
Bringt zu einer Harmonie
Er zurück einst alle Dinge.«

 

*****

3. Kurzbiographie von Justinus Kerner

Altersbildnis von Justinus Kerner
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Quelle: Hermann Fischer: Sieben Schwaben. Biographische Charakteristiken. München: Friedrich Bruckmann [1879].

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Andreas Justinus Kerner, Dichter und medizinischer Schriftsteller, geboren 18. September 1786 in Ludwigsburg, gestorben 21. Februar 1862 in Weinsberg, erhielt seine Erziehung im Kloster Maulbronn, sollte wider seine Neigung Kaufmann werden, bezog 1804 die Universität Tübingen, um Medizin und Naturwissenschaften zu studieren, und schloss dort mit Ludwig Uhland und Gustav Schwab innige Freundschaft. Nach Beendigung seiner Studien begab sich Kerner 1809 auf Reisen und lebte längere Zeit in Hamburg, Berlin, Wien u. a. O. Die Briefe, die er während dieser Zeit an die Freunde schrieb, bilden die »Reiseschatten von dem Schattenspieler Lux« (1811), das bedeutendste dichterische Erzeugnis Kerners, dem herrliche Lieder und dramatische Szenen voll seltenen, phantastischen Humors eingewebt sind.

Zurückgekehrt, kam Kerner als Badearzt in das Wildbad und schrieb hier: »Das Wildbad im Königreich Württemberg« (1813, 4. Aufl. 1839). Auch gab er mit Uhland, Schwab u. a. den »Poetischen Almanach« (1812) sowie den »Deutschen Dichterwald« (1813) heraus, der die schönsten, frischesten und sangbarsten Gedichte Kerners und Beiträge von Uhland, Schwab, Karl Mayer, Joseph von Eichendorff u. a. enthält. Es folgten: »Romantische Dichtungen« (1817). 

1818 nach Weinsberg als Oberamtsarzt versetzt, baute er sich an dem Fuße der alten Burg Weibertreue an. Hier beschrieb er in anmutiger und altertümlicher Sprache »Die Bestürmung der württembergischen Stadt Weinsberg im Jahr 1525« (1821, 2. Aufl. 1848) und lieferte die medizinische Schrift »Das Fettgift, oder die Fettsäure und ihre Wirkungen auf den tierischen Organismus« (1822). 

Von Einfluss auf seine geistige Richtung wurden seine Erfahrungen auf dem Gebiete des tierischen Magnetismus. Von der Beobachtung einiger Fälle dieser Art, wie er sie in der »Geschichte zweier Somnambülen« (1824) beschrieb, schritt er schnell weiter und gelangte in der »Seherin von Prevorst« (1829, 2 Bde.; 6. Aufl. 1892), in den mit Carl August von Eschenmayer herausgegebenen »Blättern aus Prevorst« (1.–7. Sammlung, 1831–35; 8.–12. Sammlung, 1836–39; fortgesetzt als »Magikon«, 1842–53, 5 Bde.), den Schriften: »Geschichten Besessener neuerer Zeit« (1834, 2. Aufl. 1835), »Eine Erscheinung aus dem Nachtgebiet der Natur« (1836) und »Nachricht von dem Vorkommen des Besessenseins« (1836) zur Behauptung des Hereinragens der Geisterwelt in die irdische. Dass Kerner übrigens auch Momente hatte, wo er von dem ihn sonst beherrschenden Hang zum Dämonismus frei war und mit dem Spuk selbst Spott treiben konnte, beweist sein wunderliches Drama »Der Bärenhäuter im Salzbade« (1837), das nur als Persiflage des ganzen Geisterkrams verständlich wird. 

Fast ganz erblindet, legte Kerner 1851 Amt und Praxis nieder. König Ludwig I. von Bayern hatte dem Dichter einen kleinen Jahrgehalt ausgesetzt, dem König Wilhelm von Württemberg 1853 noch eine Summe zulegte. 

Kerners Lyrik hat sich wie diejenige Uhlands am Volkslied herangebildet; während aber Uhland klar und plastisch ist, waltet bei Kerner mehr das Phantastische und die Versenkung in dunklere Seelenregungen vor. Seine Muse zeigt sich am eigentümlichsten da, wo sie das gegebene Menschliche verflüchtigt und im Dufte der Sehnsucht in das Unendliche aufsteigen lässt; daher ist der Grund seiner Poesie wehmütiger und ernster als im Volkslied. Übrigens tragen alle seine Lieder den wahrhaften Charakter des Liedes: sie sind schlagend, kurz, voll Seele und überraschender, zuweilen freilich seltsamer Bilder. Die Romanzen suchen das Schaurige, Geisterhafte. Seine Dichtungen in ungebundener Rede und in dramatischer Form haben einen hier und da auch in den Gedichten vorklingenden kernigen Humor und mitunter scharfen Witz. 

Eine Sammlung seiner »Gedichte« erschien zuerst Stuttgart 1825 (5. verm. Aufl. u. d. T.: »Lyrische Gedichte«, 1854), seine »Dichtungen«, die auch die »Reiseschatten«, den »Bärenhäuter« u. a. in Prosa enthalten, 1834 (3. vermehrte Aufl. 1841, 2 Bde.). Eine anmutige Schilderung von Kerners Jugendjahren enthält sein »Bilderbuch aus meiner Knabenzeit« (1849; 2. Abdruck 1886). Auch gab Kerner »Gedichte von Johann Lämmerer, einem Weber in Gschwend« (1820) heraus. 1853 veröffentlichte er eine Schrift: »Die somnambulen Tische«, und dann: »Franz Anton Mesmer aus Schwaben« (1856). Mit dem »Letzten Blütenstrauß« (1852) wollte der Dichter von der Poesie Abschied nehmen, doch folgte noch eine neue Sammlung lyrischer Gedichte u. d. T.: »Winterblüten« (1859). Seine »Ausgewählten poetischen Werke« erschienen in 2 Bänden (1878) und später noch: »Kleksographien« (1890). 


Meyers Großes Konversations-Lexikon. Sechste Auflage 1905–1909 (Digitale Bibliothek; 100) Berlin: Directmedia 2003, S. 100.907-100.911.Redigiert, gekürzt.

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Das Kernerhaus mit Geisterturm und Burg Weibertreu um 1826
Tuschezeichnung von Carl Dörr
Wikipedia, Artikel "Justinus Kerner", URL:
http://de.wikipedia.org/wiki/Justinus_Kerner

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Siehe auch die Seite
Burg Weibertreu bei Weinsberg
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4170

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Thematisch verwandte Seite:

Vexierbilder und Scharaden
(zu Neujahr 2015)
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6756

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4. Literaturhinweise und Weblinks

Literatur und Weblinks
* Justinus Kerner: Kleksographien. Mit Illustrationen nach den Vorlagen des Verfassers. Stuttgart u.a.: Deutsche Verlags-Anstalt [1890]. Vollständig digitalisiert durch die Universitätsbibliothek Heidelberg, URL: 
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kerner1890
* Justinus Kerner: Ausgewählte Werke. Hrsg. von Gunter Grimm (Reclams Universal-Bibliothek; 3857) Stuttgart: Philipp Reclam Junior 1981. ISBN 3-15-003857-X. - Text (S. 365-433) nach der Handschrift eingerichtet.
* Justinus Kerner: Nur wenn man von Geistern spricht. Briefe und Klecksographien. Hrsg. von Andrea Berger-Fix. Stuttgart: Edition Erdmann 1986.
* Monika Schmitz-Emans: Die Literatur, die Bilder und das Unsichtbare. Spielformen literarischer Bildinterpretation vom 18. bis zum 20. Jahrhundert (Saarbrücker Beiträge zur vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft ; 7) Würzburg: Königshausen & Neumann 1999. Darin Kap. 6: Der Ursprung der Geister aus dem Tintenfaß. Kerners Kleksographie als poetisches Verfahren, S. 219-248.
* Friedrich Weltzien: Das Bild der Selbsttätigkeit. Justinus Kerner und die Klecksografie als experimentelle Bildpraxis zwischen Ästhetik und Naturwissenschaft (Ästhetik um 1800; 6) Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011. Rezension in: Sehepunkte.
* Susanne Niedernolte: Klecksende Künstler. Das Berliner Kaffeeklecksalbum Wilhelm von Kaulbachs, Michael Echters und Julius Muhrs. Hannover: Ibidem-Verlag 2010. Rezension in: Sehepunkte.
* Otto Stelzer: Die Vorgeschichte der abstrakten Kunst. Denkmodelle und Vor-Bilder. München: Piper 1964. Auszüge, hier Absatz 101, in: KUNSTGESCHICHTE. Open Peer Reviewed Journal. URL:
www.kunstgeschichte-ejournal.net

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5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

Die Vorlagen entstammen, wo nicht anders angegeben, einer privaten Sammlung. Die private Nutzung und die nichtkommerzielle Nutzung zu bildenden, künstlerischen, kulturellen und wissenschaftlichen Zwecken ist gestattet, sofern Quelle (Goethezeitportal) und URL (www.goethezeitportal.de/index.php?id=6476) angegeben werden. Die kommerzielle Nutzung oder die Nutzung im Zusammenhang kommerzieller Zwecke (z.B. zur Illustration oder Werbung) ist nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der Verfasser gestattet. Ein Rechteinhaber ist dem Goethezeitportal nicht bekannt, ggf. bitten wir höflichst um Nachricht.

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