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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Joseph von Eichendorff
Gedichte

Illustriert von Hans Looschen

Eingestellt: Mai 2017

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Anzeigentext

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Vorlage:
Jos. Freiherr von Eichendorff: Gedichte. Illustriert von Hans Looschen. Wien, Berlin, Leipzig: Deutsches Verlagshaus Bong & Co. [1896]

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Gedichte und Illustrationen

Der wandernde Musikant

Wandern lieb' ich für mein Leben,
Lebe eben wie ich kann,
Wollt' ich mir auch Mühe geben,
Paßt es mir doch gar nicht an.

Schöne alte Lieder weiß ich,
In der Kälte, ohne Schuh'
Draußen in die Saiten reiß' ich,
Weiß nicht, wo ich abends ruh'.

Manche Schöne macht wohl Augen,
Meinet, ich gefiel' ihr sehr,
Wenn ich nur was wollte taugen,
So ein armer Lump nicht wär'. -

Mag dir Gott ein'n Mann bescheren,
Wohl mit Haus und Hof verseh'n!
Wenn wir zwei zusammen wären,
Möcht' mein Singen mir vergeh'n.

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Jahrmarkt

Sind's die Häuser, sind's die Gassen?
Ach, ich weiß nicht, wo ich bin!
Hab' ein Liebchen hier gelassen,
Und manch' Jahr ging seitdem hin.

Aus den Fenstern schöne Frauen
Seh'n mir freundlich ins Gesicht,
Keine kann so fröhlich schauen,
Als mein liebes Liebchen sicht.

An dem Hause poch' ich bange –
Doch die Fenster stehen leer,
Ausgezogen ist sie lange,
Und es kennt mich Keiner mehr.

Und ringsum ein Rufen, Handeln,
Schmucke Waren, bunter Schein,
Herrn und Damen geh'n und wandeln
Zwischendurch in bunten Reih'n.

Zierlich Bücken, freundlich Blicken,
Manches flücht'ge Liebeswort,
Händedrücken, heimlich Nicken –
Nimmt sie all der Strom mit fort.

Und mein Liebchen sah ich eben
Traurig in dem lust'gen Schwarm,
Und ein schöner Herr daneben
Führt sie stolz und ernst am Arm.

Doch verblaßt war Mund und Wange,
Und gebrochen war ihr Blick,
Seltsam schaut' sie stumm und lange,
Lange noch auf mich zurück. ─

Und es endet Tag und Scherzen,
Durch die Gassen pfeift der Wind –
Keiner weiß, wie unsre Herzen
Tief von Schmerz zerrissen sind.

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Hippogryph

Das ist das Flügelpferd mit Silberschellen,
Das heitere Gesellen
Emporhebt über Heidekraut und Klüfte,
Daß durch den Strom der Lüfte,
Die um den Reisehut melodisch pfeifen,
Des Ernst's Gewalt und Thorenlärm der Schlüfte
Als Frühlingsjauchzen nur die Brust mag streifen;
Und so im Flug' belauschen
Des trunk'nen Liedergottes rüst'ge Söhne,
Wenn alle Höhn und Thäler blüh'n und rauschen
Im Morgenbad des Lebens ew'ge Schöne,
Die, in dem Glanz erschrocken,
Sie glühend anblickt aus den dunklen Locken.

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Umkehr

Leben kann man nicht von Tönen,
Poesie geht ohne Schuh,
Und so wandt' ich denn der Schönen
Endlich auch den Rücken zu.

Lange durch die Welt getrieben
Hat mich nun die irre Hast,
Immer doch bin ich geblieben
Nur ein ungeschickter Gast.

Überall zu spät zum Schmause
Kam ich, wenn die andern voll,
Trank die Neigen vor dem Hause,
Wußt' nicht, wem ich's trinken soll.

Mußt' mich vor Fortuna bücken
Ehrfurchtsvoll bis auf die Zeh'n,
Vornehm wandt' sie mir den Rücken,
Ließ mich so gebogen steh'n.

Und als ich mich aufgerichtet
Wieder frisch und frei und stolz,
Sah ich Berg' und Thal gelichtet,
Blühen jedes dürre Holz.

Welt hat eine plumpe Pfote,
Wandern kann man ohne Schuh –
Deck' mit deinem Morgenrothe
Wieder nur den Wand'rer zu!

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Der alte Held.
(Tafellied zu Goethes Geburtstag 1831)

»Ich habe gewagt und gesungen,
Da die Welt noch stumm lag und bleich,
Ich habe den Bann bezwungen,
Der die schöne Braut hielt umschlungen,
Ich habe erobert das Reich.

Ich habe geforscht und ergründet
Und that es euch treulich kund:
Was das Leben dunkel verkündet,
Die heilige Schrift, die entzündet
Der Herr in der Seelen Grund.

Wie rauschen nun Wälder und Quellen
Und singen vom ewigen Port:
Schon seh' ich Morgenrot schwellen,
Und ihr dort, ihr jungen Gesellen,
Fahrt immer immer fort!«

Und so, wenn es still geworden,
Schaut er vom Turm bei Nacht
Und segnet den Sängerorden,
Der an den blühenden Borden
Das schöne Reich bewacht.

Dort hat er nach Lust und Streiten
Das Banner aufgestellt,
Und die auf dem Strome der Zeiten
Am Felsen vorübergleiten,
Sie grüßen den alten Held.

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Lockung

Hörst du nicht die Bäume rauschen
Draußen durch die stille Rund'?
Lockt's dich nicht, hinabzulauschen
Von dem Söller in den Grund,
Wo die vielen Bäche gehen
Wunderbar im Mondenschein
Und die stillen Schlösser sehen
In den Fluß vom hohen Stein?

Kennst du noch die irren Lieder
Aus der alten, schönen Zeit?
Sie erwachen alle wieder
Nachts in Waldeseinsamkeit,
Wenn die Bäume träumend lauschen
Und der Flieder duftet schwül
Und im Fluß die Nixen rauschen –
Komm herab, hier ist's so kühl.

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Frisch auf!

Ich saß am Schreibtisch bleich und krumm,
Es war mir in meinem Kopf ganz dumm
Vor Dichten, wie ich alle die Sachen
Sollte aufs allerbeste machen.
Da guckt am Fenster im Morgenlicht
Durchs Weinlaub ein wunderschönes Gesicht,
Guckt und lacht, kommt ganz herein
Und kramt mir unter den Blättern mein.
Ich, ganz verwundert: »Ich sollt dich kennen« –
Sie aber, statt ihren Namen zu nennen:
»Pfui, in dem Schlafrock siehst ja aus
Wie ein verfallenes Schilderhaus!
Willst du denn hier in der Tinte sitzen,
Schau, wie die Felder da draußen blitzen! «
So drängt sie mich fort unter Lachen und Streit,
Mir that's um die schöne Zeit nur leid.
Drunten aber unter den Bäumen
Stand ein Roß mit funkelnden Zäumen.
Sie schwang sich lustig mit mir hinauf,
Die Sonne draußen ging eben auf,
Und eh' ich mich konnte bedenken und fassen,
Ritten wir rasch durch die stillen Gassen,
Und als wir kamen vor die Stadt,
Das Roß auf einmal zwei Flügel hatt',
Mir schauerte es recht durch alle Glieder:
»Mein Gott, ist's denn schon Frühling wieder?«
Sie aber wies mir, wie wir so zogen,
Die Länder, die unten vorüberflogen,
Und hoch über dem allerschönsten Wald
Machte sie lächelnd auf einmal halt.
Da sah ich erschrocken zwischen den Bäumen
Meine Heimat unten, wie in Träumen,
Das Schloß, den Garten und die stille Luft,
Die blauen Berge dahinter im Duft,
Und alle die schöne alte Zeit
In der wundersamen Einsamkeit.
Und als ich mich wandte, war ich allein,
Das Roß nur wiehert' in den Morgen hinein,
Mir aber war's, als wär ich wieder jung,
Und wußte der Lieder noch genung!

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Der Freund

Der auf den Wogen schliefe,
Ein sanftgewiegtes Kind,
Kennt nicht des Lebens Tiefe,
Vor süßem Träumen blind.

Doch wen die Stürme fassen
Zu wildem Tanz und Fest,
Wen hoch auf dunklen Straßen
Die falsche Welt verläßt:

Der lernt sich wacker rühren,
Durch Nacht und Klippen hin
Lernt er das Steuer führen
Mit sich'rem, ernstem Sinn.

Der ist vom echten Kerne,
Erprobt zu Lust und Pein,
Der glaubt an Gott und Sterne,
Der soll mein Schiffmann sein!

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Der neue Rattenfänger

Juchheisa! Und ich führ' den Zug,
Hopp, über Feld und Graben.
Des alten Plunders ist genug,
Wir wollen neuen haben.

»Was! Wir gering? Ihr vornehm, reich?
Planierend schwirrt die Schere,
Seid Lumps wie wir, so sind wir gleich,
Hübsch breit wird die Misere!

Das alte Lied, das spiel' ich neu,
Da tanzen alle Leute,
Das ist die Vaterländerei,
O Herr, mach uns gescheute! –

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Elfe

Bleib bei uns! Wir haben den Tanzplan im Thal
   Bedeckt mit Mondesglanze,
Johanniswürmchen erleuchten den Saal,
   Die Heimchen spielen zum Tanze.

Die Freude, das schöne, leichtgläubige Kind,
   Es wiegt sich in Abendwinden:
Wo Silber auf Zweigen und Büschen rinnt,
   Da wirst du die Schönste finden!

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Der Hochzeitssänger

Fernher zieh'n wir durch die Gassen,
Steh'n im Regen und im Wind,
Wohl von aller Welt verlassen
Arme Musikanten sind.
     Aus den Fenstern Geigen klingen,
     Schleift und dreht sich's bunt und laut,
     Und wir Musikanten singen
     Draußen da der reichen Braut.

Wollt' sie doch keinen Andern haben,
Ging mit mir durch Wald und Feld,
Prächtig in den blauen Tagen
Schien die Sonne auf die Welt.
     Heisa: lustig Dreh'n und Ringen,
     Jeder hält sein Liebchen warm,
     Und wir Musikanten singen
     Lustig so, daß Gott erbarm'.

Lachend reicht man uns die Neigen,
Auf ihr Wohlsein trinken wir;
Wollt' sie sich am Fenster zeigen,
's wäre doch recht fein von ihr.
     Und wir fiedeln und wir singen
     Manche schöne Melodei,
     Daß die besten Saiten springen,
     's war, als spräng' mir's Herz entzwei.

Jetzt ist Schmaus und Tanz zerstoben,
Immer stiller wird's im Haus,
Und die Mägde putzen oben
Alle lust'gen Kerzen aus.
     Doch wir blasen recht mit Rasen
     Jeder in sein Instrument,
     Möcht' in meinem Grimm ausblasen
     Alle Stern' am Firmament!

Und am Hause seine Runde
Tritt der Wächter gähnend an,
Rufet aus die Schlafensstunde,
Und sieht ganz erbost uns an.
     Doch nach ihrem Kabinette
     Schwing' ich noch mein Tamburi;
     Fahr' wohl in dein Himmelbette,
     Weil wir müssen weiter zieh'n!

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Nachtzauber

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie du's oft im Traum gedacht.

Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, halb erschlossen,
Junge Glieder blühend sprossen,
Weiße Arme, rother Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, vor Liebe todeswund,
Von versunk'nen schönen Tagen –
Komm, o komm zum stillen Grund!

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Im Abendroth

Wir sind durch Noth und Freude
Gegangen Hand in Hand,
Vom Wandern ruh'n wir Beide
Nun überm stillen Land.

Rings sich die Thäler neigen,
Es dunkelt schon die Luft,
Zwei Lerchen nur noch steigen
Nachträumend in den Duft.

Tritt her, und laß sie schwirren,
Bald ist es Schlafenszeit,
Daß wir uns nicht verirren
In dieser Einsamkeit.

O weiter, stiller Friede!
So tief im Abendroth,
Wie sind wir wandermüde –
Ist das etwa der Tod?

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Nachtwanderer

Er reitet nachts auf einem braunen Roß,
Er reitet vorüber an manchem Schloß:
Schlaf droben, mein Kind, bis der Tag erscheint,
Die finstre Nacht ist des Menschen Feind!

Er reitet vorüber an einem Teich,
Da stehet ein schönes Mädchen bleich
Und singt, ihr Hemdlein flatternd im Wind:
Vorüber, vorüber, mir graut vor dem Kind!

Er reitet vorüber an einem Fluß,
Da ruft ihm der Wassermann seinen Gruß,
Taucht wieder unter dann mit Gesaus,
und stille wird's über dem kühlen Haus.

Wenn Tag und Nacht in verworrenem Streit,
Schon Hähne krähen in Dörfern weit,
Da schauert sein Roß und wühlet hinab,
Scharret ihm schnaubend sein eigenes Grab.

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Verloren

Still bei Nacht fährt manches Schiff,
Meerfei kämmt ihr Haar am Riff,
Hebt von Inseln an zu singen,
Die im Meer dort untergingen.

Wann die Morgenwinde weh'n,
Ist nicht Riff noch Fei zu seh'n,
Und das Schifflein ist versunken,
Und der Schiffer ist ertrunken.

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Die Burg, die liegt verfallen
In schöner Einsamkeit,
Dort saß ich vor den Hallen
Bei stiller Mittagszeit.

Es ruhten in der Kühle
Die Rehe auf dem Wall
Und tief in blauer Schwüle
Die sonn'gen Thäler all.

Tief unten hört' ich Glocken
In weiter Ferne geh'n,
Ich aber mußt' erschrocken
Zum alten Erker seh'n.

Denn in dem Fensterbogen
Ein' schöne Fraue stand,
Als hütete sie droben
Die Wälder und das Land.

Ihr Haar, wie 'n gold'ner Mantel,
War tief herabgerollt;
Auf einmal sie sich wandte,
Als ob sie sprechen wollt'.

Und als ich schauernd lauschte –
Da war ich aufgewacht,
Und unter mir schon rauschte
So wunderbar die Nacht.

Träumt ich im Mondesschimmer?
Ich weiß nicht, was mir graut,
Doch das vergeß' ich nimmer,
Wie sie mich angeschaut!

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Notizen zu Hans Looschen

Looschen, Hans, Maler, * 23. 6. 1859 Berlin, † 12. 2. 1923 ebda. Schüler der Berliner Akademie (Malklasse Ernst Hildebrand). Malte Stilleben, Landschaften, Bildnisse, Märchenbilder und figürliche Kompositionen, "die sich durch kraftvollen Realismus, breite, wuchtige Pinselführung und koloristischen Reiz auszeichnen". Illustrationen zu Dichterwerken (Balladen von Goethe und Schiller; Eichendorff, "Taugenichts" sowie Gedichte; Chamisso, "Schlemihl"), Märchen und Sagen. (Thieme / Becker)

Siehe den Eintrag "Hans Looschen" in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Looschen

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