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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Der Lehrbrief aus Goethes
"Wilhelm Meisters Wanderjahre" 

 


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Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig, die Gelegenheit flüchtig. Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem Gedanken handeln unbequem. Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist der Platz der Erwartung. Der Knabe staunt, der Eindruck bestimmt ihn, er lernt spielend, der Ernst überrascht ihn. Die Nachahmung ist uns angeboren, das Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt. Selten wird das Treffliche gefunden, seltner geschätzt. Die Höhe reizt uns, nicht die Stufen; den Gipfel im Auge wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur ein Teil der Kunst kann gelehrt werden, der Künstler braucht sie ganz. Wer sie halb kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz besitzt, mag nur tun und redet selten oder spät. Jene haben keine Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre ist, wie gebackenes Brot, schmackhaft und sättigend für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen, und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Die Worte sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich durch Worte. Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste. Die Handlung wird nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt. Niemand weiß, was er tut, wenn er recht handelt; aber des Unrechten sind wir uns immer bewußt. Wer bloß mit Zeichen wirkt, ist ein Pedant, ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer viel, und es wird ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz hält den Schüler zurück, und ihre beharrliche Mittelmäßigkeit ängstigt die Besten. Des echten Künstlers Lehre schließt den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat. Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nähert sich dem Meister.

(Wilhelm Meisters Lehrjahre [!], Siebentes Buch, Neuntes Kapitel)




Erläuterung

Wilhelm Meister erhält den Lehrbrief mit Beendigung seiner Lehrjahre: Er gibt das Theater auf, um sich bürgerlichen Geschäften und der Erziehung seines Sohnes Felix zu widmen; "mit dem Gefühl des Vaters hatte er auch alle Tugenden eines Bürgers erworben". Überreicht wird ihm der Lehrbrief in Gestalt einer "kleinen Rolle" im Rahmen einer Feier von der "Turmgesellschaft". Sie macht darauf Anspruch, sein Leben überwacht und seine Bildung geleitet zu haben. Nach glücklicher Beendigung der Lehrzeit nimmt sie ihn als Mitglied auf.

"Der Lehrbrief enthält allgemeine Wahrheiten, aber alle mit besonderem Bezug auf Wilhelm und in diesem Augenblick für ihn gültig und anwendbar. Es entspricht dem Denken der Gesellschaft vom Turm, aus der Betrachtung des Lebens allgemeine Sätze zu folgern, und diese wieder auf das Leben anzuwenden." (Goethes Werke. Textkritisch durchgesehen und mit Anmerkungen versehen von Erich Trunz [Hamburger Ausgabe]. Bd. VII. 7. Aufl. Hamburg: Christian Wegner Verlag 1968. Lehrbrief S. 496f. Anmerkung S. 700-702. Hier S. 700f.) Einen Kommentar des Lehrbriefs gibt Jarno im Achten Buch, Fünftes Kapitel: "jene allgemeinen Sprüche sind nicht aus der Luft gegriffen; freilich scheinen sie demjenigen leer und dunkel, der sich keiner Erfahrung dabei erinnert".




Vorlage

Goethe. Lehrbrief aus Wilhelm Meisters Wanderjahren. Der Lehrbrief aus "Wilhelm Meisters Wanderjahren" von Goethe wurde von der Buchdruckerei Stämpfli & Cie. in Bern aus der Manuskript-Gotisch gesetzt und gedruckt. Satzgestaltung durch die Gewerbeschule der Stadt Bern, Abteilung Typographie. — Den bewährten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im beruflichen Bildungswesen als Zeichen dankbarer Anerkennung gewidmet. Die Direktion des Innern förderte die Herausgabe in der Schriftenreihe des Kantonalen Lehrlingsamtes. Bern 1945.




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Prof. Dr. Georg Jäger
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Deutsche Philologie
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E-Mail: georg.jaeger@germanistik.uni-muenchen.de.






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