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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Gedichte Goethes
mit Steinzeichnungen von Ernst Barlach

(Auswahl)

Erstellt: Januar 2011
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Ernst Barlach: Lesender Jüngling
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Gliederung

1. Zur Einführung
2. Gedichte mit Illustrationen
3. Barlach über Goethe
4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

Goethes Gedichte

Der Totentanz | An den Mond | Paria. Des Paria Gebet | Legende | Dank des Paria | Der getreue Eckart | Erlkönig | Harzreise im Winter

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1. Zur Einführung

"Obwohl Barlachs Druckgraphik in ihren besten Stücken kaum weniger eigenwillig ist als sein plastisches und dichterisches Werk, hatte doch für den Künstler zu keiner Zeit die Graphik vorrangige Bedeutung. Innerhalb dieser Kunstgattung stand wiederum die Auseinandersetzung mit fremder Dichtung am Rande, allerdings mit einer Ausnahme, die mit dem Namen Goethe verbunden ist." (Elmar Jansen: Graphische Zyklen und Illustrationen im Werk Ernst Barlachs, S. VIII)

Die Zeichnungen zur "Walpurgisnacht" in Goethes Faust entstanden 1919/1920, wurden 1922 in Holz geschnitten und erschienen 1923 im Verlag von Paul Cassirer. Barlachs 35 Lithographien zu Gedichten Goethes bildeten die zweite Lieferung eines in Fortsetzungen erschienenen Mappenwerkes des gleichen Verlags. Jede Mappe enthielt Steinzeichnungen eines Künstlers zu ausgewählten Gedichten Goethes. Geplant waren 12 Folgen, realisiert wurden nur vier Mappen, die erste Mappe von Max Liebermann, die zweite von Ernst Barlach, die dritte von Hans Meid und die vierte von Karl Walser.

"Für Edition und Ausstattung jeder dieser Lieferungen galten gleiche Prinzipien. Cassirer ließ sie Exemplare als lose Bögen von der Handpresse auf Büttenpapier im Format 39,5 x 29 cm abziehen; die Seiten blieben unpaginiert, damit jeder Sammler den Text und die jeweils dazugehörigen Illustrationen später nach eigenem Gutdünken binden lassen konnte. Alle Lithographien wurden außerdem - auf Japan gedruckt, unter Passepartout gelegt und vom Künstler signiert - der Lieferung zusätzlich beigegeben, vermehrt um vier als Textillustrationen in der Mappe nicht vertretene Motive." (Elmar Jansen: Graphische Zyklen und Illustrationen im Werk Ernst Barlachs, S. X-XI) Die in den Haupttitel eingefügte Steinzeichnung "Lesender Jüngling" hat keine Beziehung zu den aufgenommenen Gedichten Goethes. Die unterschiedlichen Papiertöne resultieren aus den unterschiedlichen Vorlagen, den Textillustrationen und den beigelegten Abzügen.

Das 1924 erschienene Werk wurde mehrfach nachgedruckt. Dem hier verwendeten Faksimiledruck der Originalausgabe in der Edition Leipzig (1970, 5. Aufl. 1998) ist ein Begleittext von Elmar Jansen "Graphische Zyklen und Illustrationen im Werk Ernst Barlachs" beigegeben. Breitenwirksam war die Aufnahme des Zyklus in die "Serie Piper" (1988, Lizenz der Edition Leipzig) und die "Insel-Bücherei" (1994, 5. Aufl. 2001).

Literatur zu Barlachs Goethe-Illustrationen:
* Barlach und Goethe. Hrsg. von Jürgen Doppelstein. Leipzig: Seemann (1997). - Darin: Heike Stockhaus: Goethe ist göttlich. Barlachs Illustrationen der Goethe-Gedichte, S. 42-51. - Volker Probst: West-Östliches bei Barlach und Goethe. Barlachs Lithographien zu Goethes Gedicht "Paria", S. 26-41. - Goethe: Gedichte, S. 152-219, mit Vorzeichnungen.
* Barlach e Goethe. Katalog. Hrsg. von Ursula Bongaerts. Roma: Casa di Goethe 1998.
* Goethe-Gedichte illustriert von Max Liebermann, Ernst Barlach, Hans Meid und Karl Walser im Verlag Paul Cassirer (1924 - 1926). Eine Ausstellung der Casa di Goethe, Rom. Roma: Casa di Goethe 2000. - Text auf Deutsch und Italienisch.

Barlach und Paul Cassirer:
* Berlin SW - Victoriastraße 35. Ernst Barlach und die Klassische Moderne im Kunstsalon und Verlag Paul Cassirer. Hrsg. von Helga Thieme u. Volker Probst. Ernst Barlach Stiftung Güstrow 2003.

Barlachs Illustrationen zu Goethes "Walpurgisnacht" im Goethezeitportal:
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4314

Zu Ernst Barlach vgl. den Artikel in Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Barlach

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2. Gedichte mit Illustrationen

In der Reihenfolge der Mappe. Texte nach Goethe: Sämtliche Werke, Münchner Ausgabe, mit wenigen Abweichungen in Rechtschreibung und Zeichensetzung. Hiernach auch die Erläuterungen.

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Der Totentanz

Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht
Hinab auf die Gräber in Lage;
Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht;
Der Kirchhof, er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,
In weißen und schleppenden Hemden.

Das reckt nun, es will sich ergetzen sogleich,
Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
So arm und so jung und so alt und so reich;
Doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut,
Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut
Die Hemdelein über den Hügeln.

Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
Gebärden da gibt es vertrackte;
Dann klippert's und klappert's mitunter hinein,
Als schlüg' man die Hölzlein zum Takte.
Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr:
»Geh! hole dir einen der Laken.«


Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
Nun hinter geheiligte Türen.
Der Mond und noch immer er scheinet so hell
Zum Tanz, den sie schauderlich führen.
Doch endlich verlieret sich dieser und der,
Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher,
Und husch! ist es unter dem Rasen.

Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt
Und tappet und grapst an den Grüften;
Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt;
Er wittert das Tuch in den Lüften.
Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück;
Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

Das Hemd muss er haben, da rastet er nicht,
Da gilt auch kein langes Besinnen,
Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
Und klettert von Zinne zu Zinnen.
Nun ist's um den armen, den Türmer getan!
Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
Gern gäb er ihn wieder, den Laken.
Da häckelt – jetzt hat er am längsten gelebt –
Den Zipfel ein eiserner Zacken.
Schon trübet der Mond sich, verschwindenden Scheins,
Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins,
Und unten zerschellt das Gerippe.

Siehe die Seite über Goethes Ballade "Der Totentanz"
im Jugendprojekt "Goethe, Schiller & Co."
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4375

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An den Mond

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh' und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud' und Schmerz
In der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluss!
Nimmer werd ich froh,
So verrauschte Scherz und Kuss,
Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,
Was so köstlich ist!
Dass man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergisst!

Rausche, Fluss, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu!

Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst,
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Hass verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Was von Menschen nicht gewusst
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

Zur Deutung obigen Bildes vgl. Heike Stockhaus: Goethe ist göttlich. Barlachs Illustrationen der Goethe-Gedichte. In: Barlach und Goethe. Hrsg. von Jürgen Doppelstein. Leipzig: Seemann (1997), S. 42-51. Es handle sich um ein "tiefgründiges symbolistisches Resümee": "Zwischen Werden und Vergehen, zwischen Eros und Tod, zwischen dem 'Woher' und dem 'Wohin' (Barlach) gleitet lautlos die unter einem Tuch zusammengekauerte Gestalt von einem mächtigen Vogel getragen und unter der gewaltigen Mondsichel geschützt durch die Finsternis." (S. 50)

*****

Paria
Des Paria Gebet

Großer Brama, Herr der Mächte,
Alles ist von deinem Samen,
Und so bist du der Gerechte!
Hast du denn allein die Bramen,
Nur die Rajas und die Reichen,
Hast du sie allein geschaffen?
Oder bist auch du's, der Affen
Werden ließ und unseres Gleichen?

Edel sind wir nicht zu nennen:
Denn das Schlechte, das gehört uns,
Und was Andre tödlich kennen,
Das alleine, das vermehrt uns.
Mag dies für die Menschen gelten,
Mögen sie uns doch verachten;
Aber du, du sollst uns achten,
Denn du könntest alle schelten.

Also, Herr, nach diesem Flehen,
Segne mich zu deinem Kinde;
Oder Eines lass entstehen,
Das auch mich mit dir verbinde!
Denn du hast den Bajaderen
Eine Göttin selbst erhoben;
Auch wir andern, dich zu loben,
Wollen solch ein Wunder hören.

Legende

Wasser holen geht die reine,
Schöne Frau des hohen Bramen,
Des verehrten, fehlerlosen,
Ernstester Gerechtigkeit.
Täglich von dem heiligen Flusse
Holt sie köstlichstes Erquicken; –
Aber wo ist Krug und Eimer?
Sie bedarf derselben nicht.
Seligem Herzen, frommen Händen
Ballt sich die bewegte Welle
Herrlich zu krystallner Kugel;
Diese trägt sie, frohen Busens,
Reiner Sitte, holden Wandelns,
Vor den Gatten in das Haus.

Heute kommt die morgendliche
Im Gebet zu Ganges Fluten,
Beugt sich zu der klaren Fläche –
Plötzlich überraschend spiegelt
Aus des höchsten Himmels Breiten
Über ihr vorübereilend
Allerlieblichste Gestalt
Hehren Jünglings, den des Gottes
Uranfänglich schönes Denken
Aus dem ew'gen Busen schuf;
Solchen schauend, fühlt ergriffen
Von verwirrenden Gefühlen
Sie das innere tiefste Leben,
Will verharren in dem Anschaun,
Weist es weg, da kehrt es wieder,
Und verworren strebt sie flutwärts,
Mit unsichrer Hand zu schöpfen;
Aber ach! sie schöpft nicht mehr!
Denn des Wassers heilige Welle
Scheint zu fliehn, sich zu entfernen,
Sie erblickt nur hohler Wirbel
Grause Tiefen unter sich.

Arme sinken, Tritte straucheln,
Ist's denn auch der Pfad nach Hause?
Soll sie zaudern? soll sie fliehen?
Will sie denken? wo Gedanke,
Rat und Hülfe gleich versagt. –
Und so tritt sie vor den Gatten;
Er erblickt sie, Blick ist Urteil,
Hohen Sinns ergreift das Schwert er,
Schleppt sie zu dem Totenhügel,
Wo Verbrecher büßend bluten.
Wüsste sie zu widerstreben?
Wüsste sie sich zu entschuld'gen?
Schuldig, keiner Schuld bewusst?

Und er kehrt mit blutigem Schwerte
Sinnend zu der stillen Wohnung;
Da entgegnet ihm der Sohn:
»Wessen Blut ist's? Vater! Vater!«
»Der Verbrecherin!« – »Mit nichten!
Denn es starret nicht am Schwerte
Wie verbrecherische Tropfen,
Fließt wie aus der Wunde frisch.
Mutter, Mutter! tritt heraus her!
Ungerecht war nie der Vater,
Sage, was er jetzt verübt.« -
»Schweige! Schweige! 's ist das ihre!«
»Wessen ist es?« – »Schweige! Schweige!«
»Wäre meiner Mutter Blut!!!
Was geschehen? was verschuldet?
Her das Schwert! ergriffen hab ich's;
Deine Gattin magst du töten,
Aber meine Mutter nicht!
In die Flammen folgt die Gattin
Ihrem einzig Angetrauten,
Seiner einzig teuren Mutter
In das Schwert der treue Sohn.«

»Halt, o halte!« rief der Vater,
»Noch ist Raum, enteil', enteile!
Füge Haupt dem Rumpfe wieder,
Du berührest mit dem Schwerte,
Und lebendig folgt sie dir.«

Eilend, atemlos erblickt er
Staunend zweier Frauen Körper
Überkreuzt, und so die Häupter;
Welch Entsetzen! welche Wahl!
Dann der Mutter Haupt erfasst er,
Küsst es nicht, das tot erblasste,
Auf des nächsten Rumpfes Lücke
Setzt er's eilig, mit dem Schwerte
Segnet er das fromme Werk.

Aufersteht ein Riesenbildnis;
Von der Mutter teuren Lippen,
Göttlich-unverändert-süßen,
Tönt das grausenvolle Wort:
»Sohn, o Sohn! welch Übereilen!
Deiner Mutter Leichnam dorten,
Neben ihm das freche Haupt
Der Verbrecherin, des Opfers
Waltender Gerechtigkeit!
Mich nun hast du ihrem Körper
Eingeimpft auf ewige Tage;
Weisen Wollens, wilden Handelns
Werd' ich unter Göttern sein.
Ja, des Himmelsknaben Bildnis
Webt so schön vor Stirn und Auge;
Senkt sich's in das Herz herunter,
Regt es tolle Wutbegier.
Immer wird es wieder kehren,
Immer steigen, immer sinken,
Sich verdüstern, sich verklären,
So hat Brama dies gewollt.
Er gebot ja buntem Fittich,
Klarem Antlitz, schlanken Gliedern,
Göttlich-einzigem Erscheinen,
Mich zu prüfen, zu verführen;
Denn von oben kommt Verführung,
Wenn's den Göttern so beliebt.
Und so soll ich, die Bramane,
Mit dem Haupt im Himmel weilend,
Fühlen, Paria, dieser Erde
Niederziehende Gewalt.

Sohn, ich sende dich dem Vater!
Tröste! – Nicht ein traurig Büßen,
Stumpfes Harren, stolz Verdienen
Halt' euch in der Wildnis fest;
Wandert aus durch alle Welten,
Wandelt hin durch alle Zeiten
Und verkündet auch Geringstem:
Dass ihn Brama droben hört!

Ihm ist keiner der Geringste –
Wer sich mit gelähmten Gliedern,
Sich mit wild zerstörtem Geiste,
Düster, ohne Hülf' und Rettung,
Sei er Brame, sei er Paria,
Mit dem Blick nach oben kehrt,
Wird's empfinden, wird's erfahren:
Dort erglühen tausend Augen,
Ruhend lauschen tausend Ohren,
Denen nichts verborgen bleibt.

Heb ich mich zu seinem Throne,
Schaut er mich, die Grausenhafte,
Die er grässlich umgeschaffen,
Muss er ewig mich bejammern,
Euch zu Gute komme das.
Und ich werd' ihn freundlich mahnen,
Und ich werd' ihm wütend sagen,
Wie es mir der Sinn gebietet,
Wie es mir im Busen schwellet.
Was ich denke, was ich fühle –
Ein Geheimnis bleibe das.«

Dank des Paria

Großer Brama! nun erkenn' ich,
Dass du Schöpfer bist der Welten!
Dich als meinen Herrscher nenn' ich,
Denn du lässest alle gelten.

Und verschließest auch dem Letzten
Keines von den tausend Ohren;
Uns, die tief herabgesetzten,
Alle hast du neu geboren.

Wendet euch zu dieser Frauen,
Die der Schmerz zur Göttin wandelt;
Nun beharr' ich anzuschauen
Den, der einzig wirkt und handelt.

Die "Legende" ist "hauptsächlich im Dezember 1821 / April 1822" entstanden, als Trilogie 1823 vollendet (Münchner Ausgabe, 13.1, S. 663). Vgl. Goethe im Gespräch mit Eckermann, 10. November 1823:

Das Gedicht trug einen wunderbaren Charakter, so dass ich mich nach einmaligem Lesen, ohne es jedoch ganz zu verstehen, davon eigenartig berührt und ergriffen fühlte. Es hatte die Verherrlichung des Paria zum Gegenstande und war als Trilogie behandelt. Der darin herrschende Ton war mir wie aus einer fremden Welt herüber, und die Darstellung der Art, dass mir die Belebung des Gegenstandes sehr schwer ward. Auch war Goethes persönliche Nähe einer reinen Vertiefung hinderlich; bald hörte ich ihn husten, bald hörte ich ihn seufzen, und so war mein Wesen geteilt, meine eine Hälfte las und die andere war im Gefühl seiner Gegenwart. Ich musste das Gedicht daher lesen und wieder lesen, um nur einigermaßen hineinzukommen. Je mehr ich aber eindrang, von desto bedeutenderem Charakter und auf einer desto höheren Stufe der Kunst wollte es mir erscheinen.

Ich sprach darauf mit Goethe sowohl über den Gegenstand als die Behandlung, wo mir denn durch einige seiner Andeutungen manches lebendiger entgegentrat.

"Freilich, sagte er darauf, die Behandlung ist sehr knapp und man muss gut eindringen, wenn man es recht besitzen will. Es kommt mir selber vor wie eine aus Stahldrähten geschmiedete Damaszenerklinge. Ich habe aber auch den Gegenstand vierzig Jahre mit mir herumgetragen, so dass er denn freilich Zeit hatte, sich von allem Ungehörigen zu läutern."

Es wird Wirkung tun, sagte ich, wenn es beim Publikum hervortritt.

"Ach, das Publikum!" - seufzte Goethe.

Sollte es nicht gut sein, sagte ich, wenn man dem Verständnis zu Hülfe käme und es machte, wie bei der Erklärung eines Gemäldes, wo man durch Vorführung der vorhergegangenen Momente das wirklich Gegenwärtige zu beleben sucht?

"Ich bin nicht der Meinung, sagte Goethe. Mit Gemälden ist es ein anderes; weil aber ein Gedicht gleichfalls aus Worten besteht, so hebt ein Wort das andere auf."

***

Siehe Volker Probst: West-Östliches bei Barlach und Goethe. Barlachs Lithographien zu Goethes Gedicht "Paria". In: Barlach und Goethe. Hrsg. von Jürgen Doppelstein. Leipzig: Seemann (1997), S. 26-41.

*****

Der getreue Eckart

»O wären wir weiter, o wär ich zu Haus!
Sie kommen, da kommt schon der nächtliche Graus.
Sie sind's, die unholdigen Schwestern.
Sie streifen heran, und sie finden uns hier,
Sie trinken das mühsam geholte, das Bier,
Und lassen nur leer uns die Krüge.«

So sprechen die Kinder und drücken sich schnell;
Da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell:
»Nur stille, Kind! Kinderlein, stille!
Die Hulden, sie kommen von durstiger Jagd,
Und lasst ihr sie trinken, wie's jeder behagt,
Dann sind sie euch hold, die Unholden.«

Gesagt so geschehn! und da naht sich der Graus
Und siehet so grau und so schattenhaft aus,
Doch schlürft es und schlampft es aufs beste.
Das Bier ist verschwunden, die Krüge sind leer;
Nun saust es und braust es, das wütige Heer,
Ins weite Getal und Gebirge.

Die Kinderlein ängstlich gen Hause so schnell,
Gesellt sich zu ihnen der fromme Gesell:
»Ihr Püppchen, nur seid mir nicht traurig.«
»Wir kriegen nun Schelten und Streich' bis aufs Blut.«
»Nein, keineswegs, alles geht herrlich und gut,
Nur schweiget und horchet wie Mäuslein.

Und der es euch anrät und der es befiehlt,
Er ist es, der gern mit den Kindelein spielt,
Der alte Getreue, der Eckart.
Vom Wundermann hat man euch immer erzählt;
Nur hat die Bestätigung jedem gefehlt,
Die habt ihr nun köstlich in Händen.«

Sie kommen nach Hause, sie setzen den Krug
Ein jedes den Eltern bescheiden genug
Und harren der Schläg' und der Schelten.
Doch siehe, man kostet; ein herrliches Bier!
Man trinkt in die Runde schon dreimal und vier,
Und noch nimmt der Krug nicht ein Ende.

Das Wunder, es dauert zum morgenden Tag;
Doch fraget, wer immer zu fragen vermag:
»Wie ist's mit den Krügen ergangen?«
Die Mäuslein, sie lächeln, im Stillen ergetzt;
Sie stammeln und stottern und schwatzen zuletzt,
Und gleich sind vertrocknet die Krüge.

Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Gesicht
Ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann spricht,
So horchet und folget ihm pünktlich!
Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut,
Verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut;
Dann füllt sich das Bier in den Krügen.

*****

Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

»Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?«
»Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif?«
»Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.«

»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand;
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«

»Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?«
»Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind,
In dürren Blättern säuselt der Wind.«

»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön,
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«

»Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort?«
»Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau,
Es scheinen die alten Weiden so grau.«

»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!«
»Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!«

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Siehe die Seite zu Goethes "Erlkönig":
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3857

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Harzreise im Winter

Dem Geier gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.

Denn ein Gott hat
Jedem seine Bahn
Vorgezeichnet,
Die der Glückliche
Rasch zum freudigen
Ziele rennt;
Wem aber Unglück
Das Herz zusammenzog,
Er sträubt vergebens
Sich gegen die Schranken
Des ehernen Fadens,
Den die doch bittre Schere
Nur einmal löst.

In Dickichts Schauer
Drängt sich das rauhe Wild,
Und mit den Sperlingen
Haben längst die Reichen
In ihre Sümpfe sich gesenkt.

Leicht ist's, folgen dem Wagen,
Den Fortuna führt,
Wie der gemächliche Tross
Auf gebesserten Wegen
Hinter des Fürsten Einzug.

Aber abseits wer ist's?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.

Ach, wer heilet die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhass
Aus der Fülle der Liebe trank,
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ungnügender Selbstsucht.

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste.

Der du der Freuden viel schaffst,
Jedem ein überfließend Maß,
Segne die Brüder der Jagd
Auf der Fährte des Wilds,
Mit jugendlichem Übermut
Fröhlicher Mordsucht,
Späte Rächer des Unbills,
Dem schon Jahre vergeblich
Wehrt mit Knütteln der Bauer.

Aber den Einsamen hüll
In deine Goldwolken,
Umgib mit Wintergrün,
Bis die Rose wieder heranreift,
Die feuchten Haare,
O Liebe, deines Dichters!

Mit der dämmernden Fackel
Leuchtest du ihm
Durch die Furten bei Nacht,
Über grundlose Wege
Auf öden Gefilden;
Mit dem tausendfarbigen Morgen
Lachst du ins Herz ihm,
Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor;

Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen,
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangner Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahndende [!] Völker.

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt,
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reiche und Herrlichkeit,
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.

Goethe hat sich am 29.11.1777 von der Weimarer Hofgesellschaft getrennt und zu Fuß und zu Pferde die Harzreise unternommen, die ihn am 10. Dezember auf den Brocken führte. "Er schlug alle Warnungen vor dem Aufstieg bei Nebel und unter winterlichen Umständen in den Wind, weil er darin das Ziel seiner 'Wallfahrt' (an Charlotte von Stein, 7.12.1777) erblickte." (Münchner Ausgabe, 2.1, S. 564) Vgl. Goethes Besprechung der Einladungsschrift des Gymnasiums zu Prenzlau von Karl Ludwig Kannegießer: Über Goethes Harzreise im Winter, Prenzlau 1820 (Über Kunst und Altertum, 1821; Münchner Ausgabe, 13.1, S. 508-516). Ausschnitt aus dem kommentierenden Durchgang durch das Gedicht:

Die Reise ward Ende Novembers 1776 [recte 1777] gewagt. Ganz allein, zu Pferde, im drohenden Schnee, unternahm der Dichter ein Abenteuer, das man bizarr nennen könnte, von welchem jedoch die Motive im Gedicht selbst leise angedeutet sind.

Dem Geier gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittig ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.


Der Reisende verlässt am frühsten Wintermorgen seinen, im Augenblick behaglich-gastfreundlichen, thüringischen Wohnsitz, wo ihn später eine zweite Vaterstadt [Weimar] beglückte, er reitet nordwärts bergauf; ein schwerer, schneedrohender Himmel wälzt sich ihm entgegen.

Denn ein Gott hat
Jedem seine Bahn
Vorgezeichnet,
Die der Glückliche
Rasch zum freudigen
Ziele rennt;


Begonnene Ausführung eines bedenklichen und beschwerlichen Unternehmens stählt den Mut und erheitert den Geist. Der Dichter gedenkt seines bisherigen Lebensganges, den er glücklich nennen, dem er den schönsten Erfolg versprechen darf.

Wem aber Unglück
Das Herz zusammenzog,
Er sträubt vergebens
Sich gegen die Schranken
Des ehernen Fadens,
Den die doch bittre Schere
Nur einmal löst.


Aber sogleich gedenkt er eines Unglücklichen, Missmutigen [Friedrich Victor Lebrecht Plessing], um dessentwillen er eigentlich die Fahrt unternommen.

Als der Dichter den Werther geschrieben, um sich wenigstens persönlich von der damals herrschenden Empfindsamkeits-Krankheit zu befreien, musste er die große Unbequemlichkeit erleben, dass man ihn gerade diesen Gesinnungen günstig hielt. Er musste manchen schriftlichen Andrang erdulden, worunter ihm besonders ein junger Mann auffiel, welcher schreibselig-beredt und dabei so ernstlich durchdrungen von Missbehagen und selbstischer Qual sich zeigte, dass es unmöglich war, nur irgend eine Persönlichkeit zu denken, wozu diese Seel-Enthüllungen passen möchten. Alle seine wiederholten zudringlichen Äußerungen waren anziehend und abstoßend zugleich, dass endlich, bei einer immer aufgeforderten und wieder gedämpften Teilnahme, die Neugier rege ward, welchen Körper sich ein so wunderlicher Geist gebildet habe? Ich wollte den Jüngling sehen, aber unerkannt, und deshalb hatte ich mich eigentlich auf den Weg begeben.

In Dickichtschauer
Drängt sich das rauhe Wild,


Der Reisende gelangt auf die nächsten Bergeshöhen; immer winterhafter zeigt sich die Landschaft, einsam und öde starrt alles umher, nur flüchtiges Wild deutet auf kümmerlichen Zustand. Nun blickt er über gefrorne Teiche, Seen, auch eine Stadt kommt ihm zu Gesicht.

Und mit den Sperlingen
Haben längst die Reichen
In ihre Sümpfe sich gesenkt.


Wer seine Bequemlichkeiten aufopfert, verachtet gern diejenigen, die sich darin behagen. Jäger, Soldaten, mühsam Reisende bedürfen gutes Mutes, der sich leicht zu Übermut steigert. Unser Reisender hat alle Bequemlichkeiten zurückgelassen und verachtet die Städter, deren Zustand er gleichnisweise schmählich herabsetzt.

Wahrscheinlich ist ein wundersamer Druckfehler daher entstanden, dass Setzer oder Korrektor die »Reichen«, die ihm keinen Sinn zu geben schienen, in »Reiher« verwandelte, welche doch auf einiges Verhältnis zu den Rohrsperlingen hindeuten möchten. In der vorletzten Ausgabe stehen jene, diese in der letzten.

Leicht ist's folgen dem Wagen
Den Fortuna führt,
Wie der gemächliche Troß
Auf gebesserten Wegen
Hinter des Fürsten Einzug.


Der Dichter kehrt wieder zu seiner eigenen günstigen Lebensepoche zurück, ohne sich irgend ein Verdienst anzumaßen, ja er spricht von den augenblicklichen Glücksvorteilen beinahe mit Geringschätzung.

Aber abseits, wer ist's?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.


Das Bild des einsamen, menschen- und lebensfeindlichen Jünglings kommt ihm wieder in den Sinn, er malt sich's aus.

Ach, wer heilet die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhass
Aus der Fülle der Liebe trank!
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ungnügender Selbstsucht.


Er fährt fort, ihn zu beklagen.

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste.


Seine herzliche Teilnahme ergießt sich im Gebet. Die Auslegung dieser Strophen ist meinem freundlichen Kommentator besonders gelungen; er hat das Herzliche derselben innigst gefühlt und entwickelt.

Der du der Freuden viel schaffst
Jedem ein überfließend Maß,
Segne die Brüder der Jagd
Auf der Fährte des Wilds
Mit jugendlichem Übermut
Fröhlicher Mordsucht,
Späte Rächer des Unbilds [Unbills],
Dem schon Jahre vergeblich
Wehrt mit Knütteln der Bauer.


Der Dichter wendet seine Gedanken zu Leben und Tat hin, erinnert sich seiner engverbundenen Freunde, welche gerade in dieser Jahrszeit und Witterung eine bedeutende Jagd unternehmen, um das in gewisser Gegend sich mehrende Schwarz-Wildpret zu bekämpfen. Eben diese Lustpartie war es, welche jene vertraute Gesellschaft aus der Stadt zog, dem Dichter Raum und Gelegenheit zu seiner Wanderung darbietend. Er trennte sich, mit dem Versprechen, bald wieder unter ihnen zu sein.

Aber den Einsamen hüll'
In deine Goldwolken,
Umgib mit Wintergrün,
Bis die Rose heranreift,
Die feuchten Haare,
O Liebe, deines Dichters!


Nun aber kehrt er zu sich selbst zurück, betrachtet seinen bedenklichen Zustand und ruft der Liebe, ihm zur Seite zu bleiben.

Hier ist der Ort, zu bemerken, dass man sich bei Auslegung von Dichtern immer zwischen dem Wirklichen und Ideellen zu halten habe. In der siebenten Strophe heißt »Liebe« das unbefriedigte, dem Menschen zwar inwohnende, aber von außen zurückgewiesene Bedürfnis; in der achten Strophe ist unter »Vater der Liebe« das Wesen gemeint, welchem alle übrigen die wechselseitige Neigung zu danken haben; hier in der zehnten ist unter »Liebe« das edelste Bedürfnis geistiger, vielleicht auch körperlicher Vereinigung gedacht, welches die Einzelnen in Bewegung setzt und auf die schönste Weise in Freundschaft, Gattentreue, Kinderpietät und außerdem noch auf hundert zarte Weisen befriedigt und lebendig erhält.

Mit der dämmernden Fackel
Leuchtest du ihm
Durch die Furten bei Nacht,
Über grundlose Wege
Auf öden Gefilden;
Mit dem tausendfarbigen Morgen
Lachst du ins Herz ihm;
Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor;
Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen.


Er schildert einzelne Beschwerlichkeiten des Augenblicks, die ihn peinlich anfechten, aber in Gedanken an die entfernten Geliebten frohmütig überstanden werden.

Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangner Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahnende Völker.


Ein wichtiger, völlig ideell, ja phantastisch erscheinender Punkt, über dessen Realität der Dichter schon manchen Zweifel erleben musste, wovon aber ein sehr erfreuliches Dokument noch in seinen Händen ist.

Ich stand wirklich am siebenten Dezember [laut Tagebuch am 10.12.] in der Mittagsstunde, grenzenlosen Schnee überschauend, auf dem Gipfel des Brockens zwischen jenen ahnungsvollen Granitklippen, über mir den vollkommen klarsten Himmel, von welchem herab die Sonne gewaltsam brannte, so dass in der Wolle des Überrocks der bekannte branstige Geruch erregt ward. Unter mir sah ich ein unbewegliches Wogenmeer nach allen Seiten die Gegend überdecken und nur durch höhere und tiefere Lage der Wolkenschichten die darunter befindlichen Berge und Täler andeuten.

Die herrliche Erscheinung farbiger Schatten bei untergehender Sonne, ist in meinem Entwurf der »Farbenlehre« im 75. Paragraphen umständlich beschrieben.

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reiche und Herrlichkeit,
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.


Hier ist leise auf den Bergbau gedeutet. Der unerforschte Busen des Hauptgipfels wird den Adern seiner Brüder entgegengesetzt. Die Metalladern sind gemeint, aus welchen die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit gewässert werden.

Eine vorläufige Anschauung dieser wichtigen Geschäfts-Tätigkeit [in Hinblick auf den Bergbau in Ilmenau] sich zu verschaffen, welches ihm auch gelang, veranlasste zum Teil das seltsame Unternehmen, wovon das gegenwärtige Gedicht allerdings mysteriose, schwer zu deutende Spuren enthält.

Das Thema desselben wäre also wohl folgendermaßen auszusprechen: Der Dichter, in doppelter Absicht, ein unmittelbares Anschauen des Bergbaues zu gewinnen und einen jungen, äußerst hypochondrischen Selbstquäler zu besuchen und aufzurichten, bedient sich der Gelegenheit, dass engverbundene Freunde zur Winterjagdlust ausziehen, um sich von ihnen auf kurze Zeit zu trennen.

So wie sie die rauhe Witterung nicht achten, unternimmt er nach seiner Seite hin jenen einsamen, wunderlichen Ritt. Es glückt ihm nicht nur, seine Wünsche erfüllt zu sehen, sondern auch durch eine ganz eigene Reihe von Anlässen, Wanderungen und Zufälligkeiten auf den beschneiten Brockengipfel zu gelangen. Von dem, was ihm während dieser Zeit durch den Sinn gezogen, schreibt er zuletzt kurz, fragmentarisch, geheimnisvoll, im Sinn und Ton des ganzen Unternehmens kaum geregelte rhythmische Zeilen.

Durch einen ziemlichen Umweg schließt er sich wieder an die Brüder der Jagd, teilt ihre tag-täglichen heroischen Freuden, um Nachts, in Gegenwart einer prasselnden Kaminflamme, sie durch Erzählung seiner wunderlichen Abenteuer zu ergötzen und zu rühren.

***

Siehe den Aufsatz von Rudolf Drux:
"Aber abseits wer ist's?"
Goethes Harzreise im Winter
und die Rhapsodie des Johannes Brahms
(im Kontext romantischer Winterreisen)

http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/goethe/drux_goethes_harzreise_brahms.pdf

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Vgl. auch
Goethes "Rede bey Eröffnung des neuen Bergbaues zu Ilmenau" (1784)

http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=2785

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3. Barlach über Goethe
(Auswahl)

"Lesen tue ich nicht viel, nur Goethe packt mich immer und immer wieder mit seinem 'Faust'; oft brüte ich einen ganzen Abend über einer einzigen Zeile und komme doch nicht drüber hinweg. Gretchen ist das Kunstwerk dieser Erde, es ist das Weib, wie es der Schöpfer gemacht, wie nach meiner Erfahrung kein zweites je geschildert worden." (An Friedrich Düsel, 19.2.1893. Briefe I, S. 194)

"Denn ich gestehe Ihnen, dass ich wieder mal, zum mindesten sechsten bis siebenten Mal, einen Goetheschen Roman lese, den 'Werther'. Natürlich nur langsam, da auch ich den Tag über eigentlich nur lese, wenn ich zur Mahlzeit niedersitze. Ich bin überzeugt, er konnte sich nicht kürzer fassen, durfte nicht, wollte ich sagen. Wollte er den Gipfel wirklich gipfeln, so musste er vorher einen Stamm wachsen lassen. Ich empfinde das Ganze wie einen Bau, dessen Glieder in jedem Stück dem Ganzen dienen. Die man einzeln schön findet, die aber erst durch die Beziehung zum Ganzen ein so hohes Leben bekommen, wie sie als schönste Einzelanekdote niemals kriegen. Dadurch wird der Bau feierlich, und diese Andacht ist der Odem, der durch die Hallen streicht. Sie treten in eine Kirche, die sich um Sie wölbt." (An Georg Lindemann, 1.2.1907. Briefe I, S. 279)

"Der Mephistophelische Dämmerabend mit Klaus und Mutter unter einer Decke auf dem Sofa nimmt seinen Fortgang. Goethes und Junker Satans Studentenstreiche finden beifälliges Publikum. Dass Mephisto in seiner Doktorarbeit die Nichtexistenz des Teufels beweist, sieht ihm ja ganz ähnlich. Er trifft mit Goethen, der aus Frankfurt anreist, vom Brocken her in Jena zusammen und reist in einer Postkutsche mit ihm weiter nach Leipzig. Seine Großmutter hat ein feuerflammend rotes, für den Höllengeschmack indes mattvornehm getöntes Kleid genäht, und wie sie in Jena zur Wirtstafel treten, Mephisto seinen Überrock weglässt, kann Junggoethe sich nicht verbeißen zu sagen: 'Der reine Junker Satan,' worauf dieser sich hastig umwendet und flüstert: 'Aber bitte nicht weitersagen!' - Im Leipziger Kleinparis nun sind Beide dem vornehmen Anspruch nicht gewachsen und sehen sich nach einem gemeinsamen Schneider um. Gestern der Sonntagnachmittagsausritt, wobei Mephisto es an Verblüffung der ehrsamen Leipziger nicht fehlen lässt, indem er nämlich den Gaul, der nicht stehen will, von hinten fasst und ihm dabei der Schwanz in der Hand bleibt. Der schlägt nun eigenmächtig um sich und wedelt und strudelt den Sonntagsperücken in die Gesichter und Haarbeutel. Zurück vom Rosental zäumt er, da der Gaul wieder nicht pariert, am Schwanz auf, macht so sein Ross lenksam und galoppiert zum abermaligen Staunen der Zeit rückwärts durchs Tor." (Güstrower Tagebuch, 15. Mai 1915. Die Prosa II, S. 218f. Rosental: Grünanlage nordwestlich der Leipziger Altstadt) - Dazu: Ernst Barlachs "Faust"-Variationen. Nach der Handschrift erstellt von Ulrich Bubrowski. In: Barlach und Goethe. Hrsg. von Jürgen Doppelstein. Leipzig: Seemann (1997), S. 75-83. Hier S. 82. Bubrowski: ("Was ist das mit dem Goethe?" Unvorgreifliche Bemerkungen zum Verhältnis Barlach - Goethe. Ebd., S. 60-73. Hier S. 68 und Anm. 122) spricht von einer "Trivialisierung" des "Faust", der "gewissermaßen zum Kinderspielzeug gemacht" wird.

"Natürlich weiß ich nur zu sagen, was ich weiß, und ich weiß, dass ich von Goethe so viel frohe Beschaulichkeit der Welt- und Menschendinge erhalten habe, dass ich Goethe mit auf den Weg habe, so lange ich laufen werde. Ich sehe ein Gewimmel sonniger oder besonnter Gestalten, ich fühle Gnaden walten, ich sehe Licht, warmes, herzerwärmend. Alle Kritik in Ehren, überhaupt jede aufrichtige Ablehnung, aber Goethe spricht zu mir, als wäre irgendwo Musik hinter den Wolken, aber keine geheimnisvolle, sondern eine Musik, die klingt, wie die Sonne scheint." (An Less Kaerrick, 15.9.1915. Briefe I, S. 443)

"Im 'Werther' fließt die Diktion scheinbar sorglos und spielend, im gedruckten Wort scheint noch das Keuchen der fliegenden Brust des Briefschreibers zu hängen - aber nur scheinbar, es ist enorm daran gearbeitet, mag er sagen, was er will." (An Karl Barlach, 26.12.1924. Briefe I, S. 746)

"Meine Empfänglichkeit hat ihre eigenen Grenzen, aber dem Goetheschen Schalten mit mir stehe ich grenzenlos offen. Ich darf sagen, er hat alle Alter meines Lebens immer wieder belächelt, meine selbsteigene Pein oft begütigt, unwirtliche Räume mancher tristen Gelegenheit mit Helle erfüllt. Er verhilft mir unversehens zu einer Heiterkeit, die aus mir selbst nur zähflüssig quillt, er hat Wärme, die mir so, wie sie von ihm ausgeht, nur zu sehr frommt - wahrhaftig, so manches herrliche Wort von ihm als Stiller der Wut eines Leidens und Löser seiner Bitterkeit ist probat geblieben und wird wohl auch an hilfreicher Gewalt nicht schwächer werden". (Zum Goethe-Tag 1932. Der Figur "Peter" in den Mund gelegt. Prosa II, S. 410)

[Es gibt nicht Wenige, die der "Übergewalt" der Verlegenheit, "in der herrlichen Grenzenlosigkeit von Entfaltungen einen gültigen Maßstab des Artgemäßen, des wahren deutschen Kunstschaffens" zu gewinnen,] auszuweichen verstehen, einen Triumph des Aus- und Unterlegens feiern und denen es vor den aufgetanen Weiten schwindelt, über die sich Goethe mit den Worten ausließ: 'Der Dichter wird als Bürger und Mensch sein Vaterland lieben, aber das Vaterland seiner poetischen Kräfte und seines poetischen Wirkens ist das Gute, Edle und Schöne, das an keine besondere Provinz und an kein besonderes Land gebunden ist und das er ergreift und bildet, wo er es findet. Er ist darin dem Adler gleich, der mit freiem Blick über Länder schwebt und dem es gleichviel ist, ob der Hase, auf den er hinabschießt, in Preußen oder in Sachsen läuft.' Oder in guter Gelassenheit wie folgt: '... wenn wir Deutschen nicht aus dem engen Kreise unsrer eigenen Umgebung hinausblicken, so kommen wir gar zu leicht in diesen pedantischen Dünkel ...' und so weiter, und zwar nicht weniger unmissverständlich." (Lob der Bodenständigkeit, etwa 1933. Prosa II, S. 424. - Zitate: Eckermann, Gespräche mit Goethe, März 1832 und 31.1.1827, Fortsetzung: "Ich sehe mich daher gerne bei fremden Nationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun. National-Literatur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Welt-Literatur ist an der Zeit und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.")

"'Götter, Helden und Wieland' des jungen G. zu lesen lohnt wegen Schlagwörterfreiheit und sonstigem. Es erfrischt enorm." (An Karl Barlach, 13.9.1936. Briefe II, S. 663)

Quellen:
* Ernst Barlach: Die Briefe I 1888-1924. Hrsg. von Friedrich Dross. München: Piper (1968).
* Ernst Barlach: Die Briefe II 1925-1938. Hrsg. von Friedrich Dross. München: Piper (1969)
* Ernst Barlach: Die Prosa II. Hrsg. von Friedrich Droß. 2. Aufl. München, Zürich: Piper 1976.

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Barlachs Illustrationen zu Goethes "Walpurgisnacht":

http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4314

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