goethe

Jutta Assel | Georg Jäger

»Goethe-Motive auf Postkarten und in der bildenden Kunst«
Eine Dokumentation

Erlkönig.
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Stand: August 2014
Optimiert für Firefox

Ausschnitt aus dem Fresko von Carl Gottlieb Peschel

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Gliederung

1. Illustrationen auf Postkarten
(Gemälde, Zeichnungen, Randzeichnungen, Freskomalerei)
2. Weitere Illustrationen
3. Goethes "Erlkönig" und Herders "Erlkönigs Tochter"
4. Literaturhinweise und Weblinks
5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

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1. Illustrationen auf Postkarten



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Schubert-Lieder. Erlkönig. Mit Noten. Im Bild links signiert: E[rnst] Kutzer [1880-1965], rechts: AK. Verso: Ver. A.P. Postkarte. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1914.


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Oben: Schubert: Erlkönig. Wer reitet so spät durch Nacht und Wind. Mit Noten. Im Bild monogrammiert: AK [Kunstanstalt]. Verso: B.K.W.I. [Brüder Kohn, Wien I.] 766-1. Nicht gelaufen. | Unten: [Ohne Titel.] Im Bild signiert. Verso: Professor J[ulius] von Klever [1850-1924]. Erlkönig. T.S.N. [Theo Stroefer, Nürnberg] R.M. No. 309. Signet im Briefmarkenfeld. Nicht gelaufen.


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Links: Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Mit Noten. Verso, Signet. Nr. 1445. Eckart-Verlag, Wien, VIII., Fuhrmannsgasse 18. Nicht gelaufen. | Rechts: Erlkönig. Im Bild signiert: F. Jung. Verso: "Wia"-Künstlerkarten-Verlag, Teplitz-Schönau Karte Bl. 569. Entwurf von Fr. Jung. Signet: Wia. Postkarte. Gelaufen. Datiert 1920. Poststempel unleserlich.


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Oben: M[oritz] v. Schwind [1804-1871]. Erlkönig (Schackgalerie, München.) Fr. A. Ackermann's Kunstverlag, München. - Künstlerpostkarte No. 1231. Verso: Postkarte. Nicht gelaufen. | Mitte: [Ohne Titel.] Verso: F. A. Ackermann's Kunstverlag, München. - Universal-Galerie, Serie 213. - Nr. 2175b. M. v. Schwind: Der Erlkönig (Schackgalerie, München). Beschriftet u. datiert 1917. Nicht gelaufen. | Unten: [Ohne Titel.] Verso: Wiener Museen Nr. 43. - Oberes Belvedere. Schwind: Erlkönig. Kunstverlag Anton Schroll & Co. in Wien. Nicht gelaufen.

Über das Münchner Bild vgl. das Urteil von Adolf Friedrich, Graf von Schack (1815-1894), Stifter der nach ihm benannten Galerie (zitiert nach Buberl, vgl. Abschnitt 4, S.40):

      Schwind hat hier für Goethes Ballade in Gestalt und Farbe etwas ebenso Mustergültiges geleistet wie Schubert in Tönen.

Schwind hat das Bildthema mehrfach gestaltet. Zu den obigen Abbildungen siehe auch die folgende Version:

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Schwind. Des Meisters Werke in 1265 Abbildungen. Hrsg. von Otto Weigmann. (Klassiker der Kunst in Gesamtausgaben; 9) Stuttgart u. Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt 1906. Erlkönig 1849, Aquarell. Abbildung S. 277. – Das Aquarell wurde im Auftrag des Grafen Thun-Hohenstein ausgeführt und befindet sich heute in der National-Galerie Prag.


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Oben: Erreicht den Hof mit Müh und Not … Im Bild signiert: Edmund Brüning [1865, Todesdatum unbekannt]. Verso, Signet: ASB [A. Saia, Berlin]. Serie 54. Postkarte. Nicht gelaufen. | Unten: Erreicht den Hof mit Müh und Not --- Verso, Signet: WSSB [Wilhelm S. Schröder Nachf., Berlin] 429. Nicht gelaufen.


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Oben: Jena. Erlkönig. Verso: 115143. Verlag Walter Lüdke, Jena. 1906. Postkarte. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1907. | Unten: Der Erlkönig. Verso: Besuchen Sie die Deutsche Sagen-Halle in Niederheimbach am Rhein im Hotel Pfälzer Hof. 24 Gruppen mit über 130 Figuren aus echtem Marmor. Bes.: Albert Puhlmann. Fernruf Bacharach 265. 25 Jahre Cramers Kunstanstalt K.-G., Dortmund. Originalfoto. – Die Sagenhalle wurde 1951 eröffnet.


Das Erlkönig-Denkmal, eine Sandsteinfigur in der Saaleaue zwischen Jena und Kunitz, wurde Ende des 19. Jahrhunderts durch Wolf von Tümpling, Besitzer von Schloss Thalstein, gestiftet und von Otto Späte [geb. 1852, Todesdatum nicht ermittelt] geschaffen. Sie "stellt den Erlkönig dar, der seine Hand über den Teich unterhalb des Schlosses Thalstein ausstreckt". Zugrunde liegt eine Entstehungslegende: Ein Bauer soll Goethe erzählt haben, was ihm widerfuhr, als er "auf dem Weg von Jena, unterm Jenzig entlang nach Kunitz" unterwegs war.

Das Bild stammt aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie. URL: Bild:Erlkoenig_Jena_01.jpg.
Die Erläuterung ist folgenden Artikeln entnommen:
* Erlkönig (Ballade) aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
* Erlkönig-Denkmal in Jena


2. Weitere Illustrationen

 

Gemälde und Zeichnungen

Gemälde von Ludwig Schnorr von Carolsfeld.
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Brigitte Buberl: Erlkönig und Alpenbraut. Dichtung, Märchen und Sage in Bildern der Schack-Galerie (Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Studio-Ausstellung 12) München: Lipp 1989. Nr. 10: Ludwig Schnorr von Carolsfeld [1788-1853]: Erlkönig, um 1833. Öl auf Leinwand. München, Schack-Galerie.

 


Carl Gustav Carus: Der Erlkönig.
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Verlorene Werke deutscher romantischer Malerei. Hrsg. von Georg Jacob Wolf. München: Bruckmann 1931. Carl Gustav Carus [1789-1869]: Der Erlkönig, S. 10. – Das Werk wurde beim Brand des Münchner Glaspalastes am 6. Juni 1931 vernichtet.


Gustav Heinrich Naeke: Erlkönig.
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Kupferstiche zu Goethes Werken 1827-1834. München u. Zürich: Artemis 1987. Tafel 1: Gustav Heinrich Naeke [1786-1835], Erlkönig. – Der Stich eröffnet eine Folge von 55 Blättern, mit welcher der Leipziger Verleger Friedrich Fleischer die >Ausgabe letzter Hand< von Goethes Schriften begleitet, die bei Cotta ab 1827 (40 Bände, 1827-1830; "Nachgelassene Schriften", Bände 41-60, 1832-1842) erschien.


Zeichnungen von Ferdinand Olivier: Erlkönig

Oben: Ludwig Grote: Die Brüder Olivier und die deutsche Romantik (Forschungen zur deutschen Kunstgeschichte; 31) Berlin: Rembrandt-Verlag 1938. Abbildung Nr. 216 auf S. 336. | Unten: Die Brüder Olivier. Gemälde, Zeichnungen und Druckgraphik aus der Staatlichen Galerie Dessau. Ludwigshafen a.Rh., Wilhelm-Hack-Museum 1990. Illustrationen zum Erlkönig (um 1835), Nr. 72-73. Hier Nr. 73, Abbildung S. 77.– Ferdinand Olivier lebte von 1785 bis 1841.


Illustration von Hermann Plüddemann
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Deutsches Balladenbuch. Mit Holzschnitten nach Zeichnungen von Adolf Ehrhardt, Theobald von Oer, Hermann Plüddemann, Ludwig Richter und Carl Schurig in Dresden. 6. Aufl. Leipzig: Georg Wigand 1876. Erlkönig, illustriert von Hermann Plüddemann [1809-1868], S.81.


Bernhard Neher: Erlkönig.
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Brigitte Buberl: Erlkönig und Alpenbraut. Dichtung, Märchen und Sage in Bildern der Schack-Galerie (Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Studio-Ausstellung 12) München: Lipp 1989. Nr. 3: Bernhard Neher [1806-1886]: Erlkönig, 1846. Stahlstich von E. Schäffer nach dem Freskogemälde im Goethezimmer des Großherzoglichen Schlosses zu Weimar. Abbildung S. 27. – Das Schloß in Weimar war 1774 durch einen Brand in Asche gelegt worden und konnte erst von 1788 bis 1803 wieder aufgebaut werden. Im Westflügel wurden 1835 bis 1846 Dichterzimmer zum Andenken Wielands, Goethes, Schillers und Herders mit Darstellungen aus ihren Werken eingerichtet.


Randzeichnungen

Eugen Neureuther:
Randzeichnungen zu Goethes Balladen und Romanzen

Eugen Neureuther [1806-1882]: Randzeichnungen zu Goethes Balladen und Romanzen. Baierische Gebirgslieder. Faksimile der Ausgaben 1855. Unterschneidheim: Alfons Uhl 1977.

Goethe hat die zeichnerische Umsetzung gelobt. Vgl. sein Schreiben an Eugen Napoleon Neureuther, Weimar den 23. September 1828:

      Ihre Blätter, mein Werthester, haben soviel Gutes daß ich nicht anfangen will, davon zu reden, weil ich sonst nicht endigen würde. Sie haben dem lyrisch-epischen Charakter der Ballade eine[n] glücklich-bildlichen Ausdruck zu finden gewußt, der wie eine Art von Melodie jedes einzelne Gedicht auf die wundersamste Weise begleitet und durch eine ideelle Wirklichkeit der Einbildungskraft neue Richtungen eröffnet.

Johann Wolfgang Goethe: Briefe, Tagebücher, Gespräche. Eingerichtet von Mathias Bertram (Digitale Bibliothek; 10) 2. Ausgabe. Berlin: Directmedia 2000, S. 20.974. – Vgl. aber das kritische Urteil über die lithographierten Blätter, das einen stärkeren Kontrast zur Verdeutlichung der Komposition anmahnt, im Schreiben an Neureuther vom 25. August 1829, S. 21.544. In einem weiteren Brief an den Künstler vom 12. December 1829 ist von der "neue[n] Kunstart" die Rede, "die Sie so geistreich entschieden behandeln, ein fortschreitendes Gedicht nämlich mit einem bewegten Bilde, als mit einer Melodie, zu begleiten" (Ebd., s. 21.782). – Die Quellen sind zusammengestellt von Richard Benz: Goethe und die romantische Kunst. München: Piper (1940), S. 185-191.

Friedrich Bodenstedt (Hrsg.):
Album deutscher Kunst und Dichtung

Album deutscher Kunst und Dichtung. Hrsg. von Friedrich Bodenstedt. Mit Holzschnitten, nach Zeichnungen der Künstler, ausgeführt von R. Brend'amour und Anderen. 4., umgearbeitete Aufl. Berlin: Verlag der G. Grote'schen Verlagsbuchhandlung 1877. Hier S.180.


Freskomalerei

Carl Gottlieb Peschel: Erlkönig (1840; Ausschnitt).
Dittersbach, Belvedere Schönhöhe

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Die Grundsteinlegung für das Schlößchen erfolgte 1830, Architekt war Joseph Thürmer (1789-1833), für die Dekorationen des Saales zeichnete Gottfried Semper (1803-1879) verantwortlich; Carl Gottlieb Peschel [1798-1879] führte die Malereien aus. "Wie die Fresken in ihrer Entstehungszeit bewertet wurden, ist den Worten des Auftraggebers, Johann Gottlob von Quandt, selbst zu entnehmen. Zum Erlkönig schrieb dieser in einem Brief vom 14.12.1841:

      Richtiger scheint mir der Künstler den Erlkönig aufgefaßt zu haben. Die Aufgabe war übrigens schwer, da der Maler gar leicht verführt werden kann, aus dem Erlkönig ein abscheuliches Ungethüm zu machen und die Catastrophe für den eigentlich darzustellenden Gegenstand zu halten. Dies sind die Fehler, in welche fast alle Künstler verfallen sind, die diese Romanze zu mahlen versuchten. In dem Erlkönig glaube ich das Übermenschliche, Dämonische, Ungeheure der Natur in einer stürmischen Herbstnacht zu sehen, wobei sich das Gemüth mit Grausen und doch auch einem geheimen Entzücken erfüllt, und dieses Grausen, welches der Dichter in uns auf das furchtbarste steigert, ist eben das, was auch der Maler bewirken kann und soll. Mit den Worten: In seinen Armen das Kind war tot, ist dann alles verschwunden und nichts mehr zu mahlen. Als Auflösung des Bildes in der Phantasie habe ich die Worte: In seinen Armen das Kind war tot - über die Frescomalerei schreiben lassen."

Helmut Steiner: Wandmalerei des 19. Jahrhunderts in der DDR. Leipzig: VEB E. A. Seemann 1984. Daraus obiger Text, Abbildung Tafel 6.


Collage / Zeichnung

 

Jens Thiele, Illustrationen zu Goethes "Erlkönig"

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Johann Wolfgang von Goethe: Erlkönig. Mit Bildern von Jens Thiele. Weitra, Bibliothek der Provinz 2007. Reproduktion mit Einverständnis des Autors.

"Die Illustrationen zu Goethes „Erlkönig“ (1782) wollen die große Emotionalität einfangen, die dieses Gedicht prägt. Es geht um Leben und Tod; es geht, für den Vater, um die Liebe zu seinem Kind und um Hoffnung auf Rettung. Das Kind erlebt dagegen eine andere Welt: die der Bedrohung durch den Erlkönig. Der Erlkönig ist hier eine ambivalente, offene Figur. Er formt sich aus Nebelschwaden, aus Wolken und vorbeiziehender Landschaft. Die rätselhafte Natur spielt in Goethes Gedicht eine zentrale Rolle. Daher sind die Landschaftsbilder als eine stimmungsvolle Kulisse der Handlung angelegt, in der Nebelschwaden klare Konturen auflösen und die Bäume magisch und geheimnisvoll erscheinen.

Das erste und das - hier abgebildete - letzte Bild zum Text sind wie Theaterbühnen gestaltet, mit erkennbaren Kulissen und Bühnenlicht. Damit soll die aus heutiger Sicht besondere literarische und theatralische Dimension des „Erlkönigs“ veranschaulicht werden."

Siehe die Homepage: http://www.jensthiele.de/illustrationen/erlkoenig.php 

 


Beispiel einer politischen Instrumentalisierung

 

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Bülow mit seinem Kind.
Er hat das Michelchen wohl in dem Arm,
Er faßt es sicher, er hält es warm.

Mein Sohn, was verziehst Du so bang Deinen Mund? -
Siehst Du dort unten sich ringeln im Grund
Den bösen Loyola mit hämischem Blick? -
Ja, Kindchen, er kehrt aus dem Welschland zurück!

"Du liebes Kind, was ist Dir so bang?
Es thut nicht weh, es dauert nicht lang;
Ich dreh Dir Dein Hälschen um sogleich,
Dann schwebst Du selig ins Himmelreich." -

Mein Vater, mein Vater und hörest Du nicht,
Was heimlich der böse Mann dort spricht? -
Kindchen, was protestirst Du so sehr?
Das Centrum bewilligt uns Milität! -

"So laß doch, lieb Knäblein, Dein Jammern und Schrei`n;
Meine Söhne, sie ziehen in Deutschland ein;
Und bald, lieb Knäblein, erstickst Du gewiß
In kohlrabenschwärtester Finsterniß."

Mein Vater, mein Vater und siehst Du nicht dort
Loyolas Söhne am düstern Ort? -
Mein Sohn, sie sind ja so friedlich und brav,
Wozu denn der Ausnahme-Paragraph? -

"Komm her, lieb Kindchen, und strampele nicht;
Hör, wie vernünftig der Bülow spricht!" -
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Loyola hat mir ein Leids gethan! -

Der Bülow er hört nicht, ist taub und blind,
Er läßt den Schwarzen das ächzende Kind.
Der lacht sich ins Fäustchen, ruft: "Eins - zwei - drei!"
Und bricht dem Knaben das G'nick entzwei.


Das Gedicht polemisiert gegen die Aufhebung des Jesuitengesetzes von 1872, das Niederlassungen des Ordens im Reichsgebiet untersagte. Unter Reichskanzler Bernhard von Bülow wurde das Gesetz mit Rücksicht auf die Zentrumspartei 1904 gemildert, 1819 wurde es dann abgeschafft. Reichskanzler Bülow hat die Rolle des Vaters, als Kind fungiert das "Michelchen", also Deutschland, dem Ignatius von Loyola - der Gründer des Jesuitenordens - als "Schwarz-Erlkönig" das Genick bricht.

Quelle: 
Schwarz-Erlkönig. Jugend, Nr. 12, 10. März 1904, letzte Seite. Text, signiert: X. Y. Z.

 


 

3. Goethes "Erlkönig" und Herders "Erlkönigs Tochter"

 

Johann Wolfgang Goethe
Erlkönig
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm. -
  
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -
  
»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«
  
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. -
  
»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«
  
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? -
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. -
  
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.« -
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -
  
Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

 

Rede des Erlkönigs in Anführungszeichen. Reden des Kindes und des Vaters durch Gedankenstriche getrennt.

Entstanden und Erstdruck 1782. Angeregt durch Herders Übertragung der dänischen Volksballade "Erlkönigs Tochter". "Aus dem dänischen >ellerkonge< = Elfenkönig war durch Kombination mit dem Wort Eller = Erle fälschlich ein >Erlkönig< geworden, was aber Goethes Phantasie nun gerade anregte zur Gestaltung der an Bäume gebundenen Elementargeister." (Erich Trunz; Hamburger Ausgabe, Bd. 1, S. 542.)



Johann Gottfried Herder
Erlkönigs Tochter
(Dänisch)
Herr Oluf reitet spät und weit,
Zu bieten auf seine Hochzeitleut;
  
Da tanzen die Elfen auf grünem Land,
Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.
  
»Willkommen, Herr Oluf, was eilst von hier?
Tritt her in den Reihen und tanz mit mir.«
  
»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag.«
  
»Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Zwei güldne Sporne schenk ich dir.
  
Ein Hemd von Seide so weiß und fein,
Meine Mutter bleichts mit Mondenschein.«
  
»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag.«
  
»Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Einen Haufen Goldes schenk ich dir.«
  
»Einen Haufen Goldes nähm ich wohl;
Doch tanzen ich nicht darf noch soll.«
  
»Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,
Soll Seuch und Krankheit folgen dir.«
  
Sie tät einen Schlag ihm auf sein Herz,
Noch nimmer fühlt er solchen Schmerz.
  
Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd.
»Reit heim nun zu deinem Fräulein wert.«
  
Und als er kam vor Hauses Tür,
Seine Mutter zitternd stand dafür.
  
»Hör an, mein Sohn, sag an mir gleich,
Wie ist dein Farbe blaß und bleich?«
  
»Und sollt sie nicht sein blaß und bleich,
Ich traf in Erlenkönigs Reich.«
  
»Hör an, mein Sohn, so lieb und traut,
Was soll ich nun sagen deiner Braut?«
  
»Sagt ihr, ich sei im Wald zur Stund,
Zu proben da mein Pferd und Hund.«
  
Frühmorgen und als es Tag kaum war,
Da kam die Braut mit der Hochzeitschar.
  
Sie schenkten Met, sie schenkten Wein:
»Wo ist Herr Oluf, der Bräutigam mein?«
  
»Herr Oluf, er ritt in Wald zur Stund,
Er probt allda sein Pferd und Hund.«
  
Die Braut hob auf den Scharlach rot,
Da lag Herr Oluf, und er war tot

 

"Erlkönigs Tochter" erschien in der Sammlung "Volkslieder" (2 Teile, 1778-1779; hier zweiter Teil, zweites Buch), in der Johann Gottfried Herder (1744-1803) Dichtungen zahlreicher Völker, teilweise in eigener Übertragung, herausgab. An der Sammlung der oft mündlich überlieferten Lieder hatte sich Goethe beteiligt. Johann von Müller, der eine Bearbeitung nach Herders Tod 1807 edierte, gab der Sammlung den heute geläufigen Titel "Stimmen der Völker in Liedern".

Sein Verständnis von "Volkslied" erläutert Herder in der Vorrede zum zweiten Teil der Sammlung:

      Es ist wohl nicht zu zweifeln, daß Poesie und insonderheit Lied im Anfang ganz volksartig, d.i. leicht, einfach, aus Gegenständen und in der Sprache der Menge, so wie der reichen und für alle fühlbaren Natur gewesen. Gesang liebt Menge, die Zusammenstimmung vieler: er fordert das Ohr des Hörers und Chorus der Stimmen und Gemüter. [...]
      [...] Sie [die ursprüngliche Poesie] lebte im Ohr des Volkes, auf den Lippen und der Harfe lebendiger Sänger; sie sang Geschichte, Begebenheit, Geheimnis, Wunder und Zeichen: sie war die Blume der Eigenheit eines Volks, seiner Sprache und seines Landes, seiner Geschäfte und Vorurteile, seiner Leidenschaften und Anmaßungen, seiner Musik und Seele.

Zit. nach Johann Gottfried Herder: Stimmen der Völker in Liedern. Hrsg. von Christel Käschel. Frankfurt a.M.: Röderberg 1978, S. 149.

 


4. Literaturhinweise und Weblinks


Literaturhinweise zum Gedicht und den Illustrationen:

* Alexander von Bormann: Erlkönig. In: Goethe Handbuch. Bd. 1: Gedichte. Hrsg. von Regine Otto und Bernd Witte. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler 1996, S. 212-217.
* Brigitte Buberl: Erlkönig und Alpenbraut. Dichtung, Märchen und Sage in Bildern der Schack-Galerie (Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Studio-Ausstellung 12) München: Lipp 1989. Darin: Der Erlkönig, S. 23-46.


Weblinks zum Gedicht:

* Erlkönig (Ballade) aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Vertonungen:

* Franz Schubert: Erlkönig. In: AEIOU, das Kulturinformationssystem. Mit Audiodatei.
* Anselm Hüttenbrenner: Erlkönig. In: AEIOU, das Kulturinformationssystem. Mit Audiodatei.


Videos:

* Schubert: Erlkönig. Anne Sofie von Otter, Claudio Abbado, Chamber Orchestra of Europe. Video in YouTube.
* Erlkönig von Marco Rima. Parodie.



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Ludwig-Maximilians-Universität München
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