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Jutta Assel | Georg Jäger

Arndt-Motive auf Postkarten

Eine Dokumentation

Arndt-Sprüche auf Postkarten im Ersten Weltkrieg

Aus der Sammlung historischer und politischer Bildpostkarten von Karl Stehle, München

Stand: Januar 2014
Optimiert für Firefox

 

 

Auf nationalistischen und militaristischen Spruchkarten im Ersten Weltkrieg wurden von den Autoren der 'Befreiungskriege' Ernst Moritz Arndt und Theodor Körner am häufigsten verwendet. Die Zitate Arndts stammen zumeist aus zwei Gedichten, auf die sich die folgende Dokumentation beschränkt, nämlich aus dem "Vaterlandsgedicht" (1812): Der Gott, der Eisen wachsen ließ, / Der wollte keine Knechte, sowie aus "Deutscher Trost" (1813), Strophe 6: Deutsche Freiheit, deutscher Gott, / Deutscher Glaube ohne Spott, / Deutsches Herz und deutscher Stahl / Sind vier Helden allzumal.

Die abgebildeten Spruchkarten sind typographisch gestaltet und teilweise drucktechnisch veredelt (Prägedruck, Silber- und Golddruck u.a.). In ihrer Bedeutung stellen sie komplexe Zeichengebilde dar. Die Sprüche verbinden sich mit einer Reihe bildhafter Symbole, die einen Fundus bilden, aus dem sie zur Gestaltung einzelner Karten ausgewählt und arrangiert werden. Zu diesen Symbolen gehören Flaggen und deren Farben sowie Wappen und Wappentiere, Standarten, Schwerter und Kronen, Eichenlaub u.a.m. Von besonderer Bedeutung ist das 1914 durch Wilhelm II. neu gestiftete Eiserne Kreuz; zur Feier dieser Auszeichnung und zur Erinnerung an die erstmalige Stiftung durch Friedrich Wilhelm III. 1813 werden die Arndtschen Verse aus dem "Vaterlandslied" ergänzt: Du heilig Kreuz aus Eisen. / Den Vätern gleich auch wollen wir / Uns würdig dir erweisen. Eine Analyse hätte das Zusammenspiel dieser Elemente, die daraus resultierende Sinnbildung, die legitimierenden Bezugspunkte - unter ihnen die 'Befreiungskriege' und deren antifranzösische >Sänger< - sowie die aufgerufenen Loyalitäten (Nation, Staat und Dynastie, Deutschtum) zu beschreiben.

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Gliederung

1. Vaterlandslied
2. Deutscher Trost
3. Kurzbiographie zu Ernst Moritz Arndt
4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

 

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Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
Der wollte keine Knechte,
Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
Dem Mann in seine Rechte,
Drum gab er ihm den kühnen Mut,
Den Zorn der freien Rede,
Daß er bestände bis aufs Blut,
Bis in den Tod die Fehde.
   
So wollen wir, was Gott gewollt,
Mit rechter Treue halten
Und nimmer im Tyrannensold
Die Menschenschädel spalten,
Doch wer für Tand und Schande ficht,
Den hauen wir zu Scherben,
Der soll im deutschen Lande nicht
Mit deutschen Männern erben.
   
O Deutschland, heil'ges Vaterland!
O deutsche Lieb' und Treue!
Du hohes Land! Du schönes Land!
Dir schwören wir aufs neue:
Dem Buben und dem Knecht die Acht!
Der füttre Krähn und Raben!
So ziehn wir aus zur Hermannsschlacht
Und wollen Rache haben.
   
Laßt brausen, was nur brausen kann,
In hellen, lichten Flammen!
Ihr Deutschen alle Mann für Mann
Fürs Vaterland zusammen!
Und hebt die Herzen himmelan!
Und himmelan die Hände!
Und rufet alle Mann für Mann:
Die Knechtschaft hat ein Ende!
   
Laßt klingen, was nur klingen kann,
Die Trommeln und die Flöten!
Wir wollen heute Mann für Mann
Mit Blut das Eisen röten,
Mit Henkerblut, Franzosenblut -
O süßer Tag der Rache!
Das klinget allen Deutschen gut,
Das ist die große Sache.
   
Laßt wehen, was nur wehen kann,
Standarten wehn und Fahnen!
Wir wollen heut uns Mann für Mann
Zum Heldentode mahnen:
Auf! Fliege, stolzes Siegspanier
Voran dem kühnen Reihen!
Wir siegen oder sterben hier
Den süßen Tod der Freien.

 

Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky. Großbibliothek (Digitale Bibliothek; 125) Berlin: Directmedia 2005, S. 21.788-21.790.

 


Der Gott der Eisen wachsen ließ … Verso: L&:P im Dreieck [Lederer &: Popper, Prag] 5652. Gelaufen mit Feldpost. Datiert u. Poststempel 1915.


Links: Der Gott der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte. Verso, Signet: S. V. D. [Sächsische Verlagsanstalt, Dresden] Nr. 3026. Postkarte. Gelaufen mit Feldpost. Poststempel 1916. Textschild in Golddruck. | Rechts: Der Gott, der Eisen wachsen liess … Monogrammiert: v.H. Verso, Signet: T. S. N. [Theo Stroefer, Nürnberg] Serie1515. No.1. Schmuckrahmen. Gelaufen mit Feldpost. Poststempel 1915.


Oben links: Mit Gott für König und Vaterland! Dem deutschen Krieger [mit Eisernem Kreuz 1914]. Verso: Wilh. Erbert G.m.b.H., Berlin 43. Gelaufen mit Feldpost. Poststempel 1914. Text auf Vorderseite:

Der Gott der Eisen wachsen ließ,
Der wollte keine Knechte,
Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
Dem Mann in seine Rechte.
Drum bist Du unsre höchste Zier,
Du Heilig Kreuz aus Eisen,
Den Vätern gleich auch wollen wir
Uns würdig Dir erweisen.

Oben rechts: Der Gott der Eisen wachsen ließ … [Eisernes Kreuz 1914 mit Silber-Prägedruck.] Verso, Signet: AOL [Albert Oesterreicher, Leipzig]. Nicht gelaufen. – Diese Karte gibt es auch mit Prägedruck ohne Silber.

Unten links: Herzliche Ostergrüsse! Der Gott der Eisen wachsen ließ … Verso, Signet: HWB [Hermann Wolff, Berlin]. K. 236. Gelaufen. Prägedruck.

Unten rechts: [Eisernes Kreuz 1914, mit Eichenlaub und Krone, in Silber-Prägedruck.] Der Gott der Eisen wachsen lies ... Verso: Druck u. Verlag E. A. Schwerdtfeger & Co. A.G. Berlin N 65. Geprägt: K. 10. Hochglanz: K. 10. B. Beschrieben, aber nicht gelaufen. – Auch ohne Hochglanz (Silber) als "Kriegs-Postkarte". Vorliegendes Exemplar mit Feldpost 1914 gelaufen.


Oben: Der Gott der Eisen wachsen ließ … [mit Eisernem Kreuz am Band, einmontiert Kopf Kaiser Wilhelms II. in Goldprägung.] 8752. Verso: B.B. & O.L. GMBH. Gelaufen mit Feldpost. Poststempel 1917.

Mitte: Die herzlichsten Glückwünsche zum Neuen Jahre. Der Gott, der Eisen wachsen ließ … Verso, Signet: WHB im Dreieck [Wolf Hagelberg AG, Berlin]. Postkarte. Gelaufen. Poststempel 1915. Prägedruck.

Unten: Der Gott, der Eisen wachsen ließ … Die herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahre. Verso: W. Hagelberg, Akt.Ges. Berlin. Postkarte. Mit Feldpost gelaufen. Datiert 1918 (?), Poststempel unleserlich. Prägedruck.


Deutsches Herz, verzage nicht,
Tu, was dein Gewissen spricht,
Dieser Strahl des Himmelslichts,
Tue recht und fürchte nichts.
   
Baue nicht auf bunten Schein,
Lug und Trug ist dir zu fein,
Schlecht gerät dir List und Kunst,
Feinheit wird dir eitel Dunst.
   
Doch die Treue ehrenfest
Und die Liebe, die nicht läßt,
Einfalt, Demut, Redlichkeit
Stehn dir wohl, o Sohn vom Teut.
   
Wohl steht dir das grade Wort,
Wohl der Speer, der grade bohrt,
Wohl das Schwert, das offen ficht
Und von vorn die Brust durchsticht.
   
Laß den Welschen Meuchelei,
Du sei redlich, fromm und frei;
Laß den Welschen Sklavenzier,
Schlichte Treue sei mit dir.
   
Deutsche Freiheit, deutscher Gott,
Deutscher Glaube ohne Spott,
Deutsches Herz und deutscher Stahl
Sind vier Helden allzumal.
   
Diese stehn wie Felsenburg,
Diese fechten alles durch,
Diese halten tapfer aus
In Gefahr und Todesbraus.
   
Deutsches Herz, verzage nicht,
Tu, was dein Gewissen spricht,
Redlich folge seiner Spur,
Redlich hält es seinen Schwur.

Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky. Großbibliothek (Digitale Bibliothek; 125) Berlin: Directmedia 2005, S. 21.854f.


Deutsche Freiheit, deutscher Gott … Verso: Gedenk-Postkarte 1914-1916. Signet: S.G.N. 26. Gelaufen mit Feldpost. Datiert u. Poststempel 1916.


Oben links:Deutsche Freiheit, deutscher Gott / Deutscher Glaube ohne Spott, / Deutsches Herz und deutscher Stahl. Verso, Signet: WBCo. 1580. Gelaufen. Poststempel unleserlich.

Oben rechts: Gesegnete Ostern. Deutsche Freiheit … Ernst Moritz Arndt. Verso, Signet: Erika. 5357. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1915. Gold-Prägedruck.

Unten links: Deutsche Freiheit … Verso, Signet: L&P im Dreieck [Lederer & Popper, Prag]. 5634. Beschrieben u. datiert 1915. Nicht gelaufen.

Unten rechts: Deutsche Freiheit … Ernst Moritz Arndt. Mit Schmuckrahmen. Verso: W. Hagelberg Akt. Ges. Berlin. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1916. Prägedruck.


Deutsche Freiheit … Arndt. Verso, Signet: L&P im Dreieck [Lederer & Popper, Prag], umschrieben: Lepochrom. 5663/V. Datiert u. Poststempel 1916. Feldpost.


Links: Deutsche Freiheit … Verso, Signet: G.O.M. im Schild. 2190. Nicht gelaufen. | Rechts: Deutsche Freiheit … E. M. Arndt. Verso, Signet: PP. im geschwungenen Rahmen [Paul Pittius, Berlin]. Nicht gelaufen. Schrift geprägt.


Deutsches Herz … (Ernst Moritz Arndt.) Verso Signet: PP. im geschwungenen Rahmen [Paul Pittius, Berlin]. Gelaufen. Poststempel 1915.


3. Kurzbiographie zu Ernst Moritz Arndt

Links: Arndt als Professor in Greifswald. Zeitgenössisches Gemälde. Patrioten in Wort und Tat. Lehrer und Schüler, Professoren und Studenten im Befreiungskrieg. Ausgewählt, eingeleitet und erläutert von Helmut König. Berlin: Volk und Wissen 1963, nach S. 32.

Rechts: [Ernst Moritz Arndt, Ausschnitt ohne faksimilierte Signatur.] Verso: Julius Roeting: Ernst Moritz Arndt (Kunstwart-Postkarte Nr. 93) Verlag von Georg D. W. Callwey in München. Nicht gelaufen.

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Ernst Moritz Arndt, deutscher Patriot, wurde 26. Dezember 1769 in Schoritz auf der Insel Rügen geboren, die noch schwedisch war, und starb 29. Januar 1860 in Bonn. Sein noch als Leibeigner geborner Vater, damals Inspektor auf einem Gute des Grafen Malte-Putbus, ließ ihn die gelehrte Schule zu Stralsund besuchen. Seit 1789 studierte er zuerst in Greifswald, dann in Jena, neben der Theologie mit Vorliebe Geschichte, Erd- und Völkerkunde, Sprachen und Naturwissenschaften. Nachdem er eine Zeit lang in der Heimat als Kandidat und Hauslehrer zugebracht hatte, machte er 1798-99 eine größere Reise nach Österreich, Oberitalien, Frankreich und zurück durch Belgien und einen Teil von Norddeutschland, die er in den "Reisen durch einen Teil Deutschlands, Ungarns, Italiens und Frankreichs" (Leipzig 1804, 4 Bde.) beschrieb, nachdem er schon 1800 eine Schrift "Über die Freiheit der alten Republiken" herausgegeben hatte.

Nach seiner Rückkehr habilitierte sich Arndt Ostern 1800 in Greifswald als Privatdozent der Geschichte und Philologie, verheiratete sich mit der Tochter des Professors Quistorp, die ihm aber bald wieder durch den Tod entrissen ward, und erhielt, nachdem er sich ein Jahr (1803/1804) in Schweden aufgehalten, 1805 eine außerordentliche Professur. Die 1803 erschienene "Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen" zog ihm zwar Klagen mehrerer adliger Gutsbesitzer zu, bestimmte aber den König von Schweden. 1806 die Leibeigenschaft und die Patrimonialgerichte in Vorpommern aufzuheben. Aus derselben Zeit datiert das Schriftchen "Germanien und Europa" (1803), worin Arndt die von Frankreich drohenden Gefahren beleuchtete. Andre Schriften aus diesen Jahren handeln über die Sprache und die Erziehung.

Unter dem Druck der politischen Verhältnisse gab er 1806 den ersten Teil seines großen Werkes: "Geist der Zeit" (6. Aufl. des Ganzen Altona 1877) heraus, der die kommenden Ereignisse prophetisch voraus verkündete und das deutsche Volk zum Kampf gegen Napoleon aufrief. Arndt selbst arbeitete damals in der schwedischen Kanzlei zu Stralsund. In jener Zeit hatte er mit einem schwedischen Offizier, der geringschätzig von Deutschland gesprochen, einen Zweikampf, in dem er schwer verwundet wurde. Nach der Schlacht bei Jena floh er nach Schweden und fand dort eine Anstellung, die ihm Zeit ließ, den zweiten Teil des Werkes "Geist der Zeit" auszuarbeiten, der 1809 in London erschien und im feurigsten patriotischen Schwung auf die Wege hinwies, auf denen allein Deutschland aus der Erniedrigung erlöst werden könne.

Der Sturz seines geliebten Königs Gustav IV. bewog ihn 1802, nach Deutschland zurückzukehren und sich nach Berlin zu begeben. In dem patriotischen Kreise des Buchhändlers Reimer empfing er hier mannigfache Anregung, doch lebte er, da er von Napoleon geächtet war, nicht ohne Gefahr. 1810 konnte er zwar nach dem Friedensschluss zwischen Frankreich und Schweden sein altes Amt in Greifswald wieder antreten, aber schon im Januar 1812 begab er sich wieder nach Berlin, Breslau, Prag und knüpfte überall mit den hervorragendsten preußischen Patrioten enge Beziehungen an. Er war, erfüllt von der Vorstellung, dass Preußen seinen politischen und patriotischen Forderungen gerecht werden könne, ganz Preuße geworden. Stein berief ihn zur Förderung seiner auf die Befreiung Deutschlands gerichteten Pläne zu sich nach Petersburg, und mit ihm kehrte Arndt nach der Niederlage Napoleons nach Deutschland zurück.

Jetzt begann erst eigentlich seine durchgreifende Wirksamkeit. In zündenden Worten, in immer neuen Gedichten, Flugschriften und Ausrufen aller Art rief er das Volk zu den Waffen. Unermesslich ist der Einfluss, den er auf die Befreiung Deutschlands gewann durch: "Was bedeutet Landwehr und Landsturm?", den "Deutschen Volkskatechismus", "Über Entstehung und Bestimmung der deutschen Legion", "Grundlinien einer deutschen Kriegsordnung" und die Schrift "Der Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze", "Über Volkshass und über den Gebrauch einer fremden Sprache" (1813), "Über das Verhältnis Englands und Frankreichs zu Europa" (1813), "Noch ein Wort über die Franzosen und über uns" (1814). In dem Schriftchen "Das preußische Volk und Heer" (1813) schildert er mit beredten Worten, wie Preußen aus tiefstem Sturz wieder auferstanden sei durch zwei Mittel, welche die Staatsleiter mit wahrer Umsicht angewendet: "den Geist freizulassen und das Volk kriegsgeübt zu machen". Seine schönen Kriegs- und Vaterlandslieder, erschienen in zwei Sammlungen: "Lieder für Deutsche" (1813) und "Kriegs- und Wehrlieder" (1815), fachten die Begeisterung mächtig an. Sie gingen später in die vollständigeren Ausgaben seiner "Gedichte" (zuerst Frankfurt 1818, 2 Bde.; Ausgabe letzter Hand, Berlin 1860; 2. Aufl. 1865; Auswahl 1889) über. Noch 1813 veröffentlichte er einen dritten Teil seines Werkes "Geist der Zeit", worin er die Grundzüge eines neuen, zeitgemäßen Verfassungszustandes in Deutschland gab, die er weiter ausführte in der Schrift "Über künftige ständische Verfassungen in Deutschland" (1814). Der Vertretung des Bauernstandes widmete er eine besondere Schrift (1815). Während die deutschen Heere auf französischem Boden kämpften, ließ er Flugblatt auf Flugblatt ausgehen, so: "über Sitte, Mode und Kleidertracht", "Entwurf einer deutschen Gesellschaft", "Blicke aus der Zeit in die Zeit", "Über die Feier der Leipziger Schlacht", sämtlich von 1814, dann "Friedrich August von Sachsen", "Die rheinische Mark und die deutschen Bundesfestungen", beide von 1815. Seine publizistische Tätigkeit konzentrierte er in der Zeitschrift "Der Wächter", die er 1815-16 zu Köln herausgab. 1817 veröffentlichte er seine "Märchen und Jugenderinnerungen" und den 4. Teil vom "Geist der Zeit".

1818 wurde er Professor der Geschichte an der neu begründeten Universität zu Bonn, nachdem er 1817 die Schwester Schleiermachers, Nanna (gest. 16. Okt. 1869), als zweite Gattin heimgeführt hatte. Seine akademische Wirksamkeit war indessen von kurzer Dauer. Nach Beginn der Demagogenverfolgungen infolge von Kotzebues Ermordung wurden wegen des vierten Bandes des "Geistes der Zeit" und wegen Privatäußerungen im September 1819 Arndts Papiere in Beschlag genommen, er selbst im November 1820 von seinem Amt suspendiert und im Februar 1821 die Kriminaluntersuchung wegen demagogischer Umtriebe gegen ihn eröffnet. Sie hatte kein Resultat: Arndts Forderung einer Ehrenerklärung wurde nicht erfüllt, er ward aber auch nicht für schuldig erklärt, sein Gehalt ihm gelassen, die Erlaubnis, an der Universität Vorlesungen zu halten, jedoch nicht wieder erteilt. Eine Schilderung des Prozesses gab Arndt später selbst in dem "Notgedrungenen Bericht aus meinem Leben, aus und mit Urkunden der demagogischen und antidemagogischen Umtriebe" (Leipzig 1847, 2 Bde.).

In den folgenden Jahren schrieb er: "Nebenstunden, Beschreibung und Geschichte der Shetländischen Inseln und Orkaden" (Leipzig 1826); "Christliches und Türkisches" (Stuttgart 1828); "Die Frage über die Niederlande" (Leipzig 1831); "Belgien und was daran hängt" (das. 1834); "Leben G. Aßmanns" (Berlin 1834); "Schwedische Geschichten unter Gustav III. und Gustav IV. Adolf" (Leipzig 1839); "Erinnerungen aus dem äußern Leben" (3. Aufl., das. 1842). Ein tiefer Schmerz traf ihn 1834 durch den Verlust seines Sohnes Wilibald, eines blühenden Knaben von 9 Jahren, der in den Fluten des Rheins ertrank. Es war einer der ersten Regierungsakte Friedrich Wilhelms IV., Arndt wieder in sein Amt einzusetzen und ihm seine Briefe und Papiere zurückgeben zu lassen. Die Universität wählte Arndt 1841 zum Rektor. Es erschienen nun: "Versuch in vergleichenden Völkergeschichten" (2. Aufl., Leipzig 1844); "Schriften für und an seine lieben Deutschen" (das. 1845-55, 4 Bde.), eine Sammlung seiner kleinen politischen Schriften; "Rhein- und Ahrwanderungen" (Bonn 1846).

1848 ward Arndt von dem 15. rheinpreußischen Wahlbezirk in die deutsche Nationalversammlung gewählt und hier durch feierliche Huldigung der ganzen Versammlung begrüßt. Doch beschränkte sich seine Beteiligung an den Verhandlungen auf kurze, aber kräftige Reden im Sinne der konstitutionell-erbkaiserlichen Partei; er war auch Mitglied der großen Deputation, die dem König von Preußen die deutsche Kaiserkrone anbieten sollte. Am 30. Mai 1849 trat er mit der Gagernschen Partei aus der Versammlung aus und zog sich wieder in die Stille seines akademischen Lebens zurück. Aber den Glauben an eine bessere Zukunft Deutschlands verlor er nicht; dieser Glaube leuchtete aus seinen "Blättern der Erinnerung, meistens um und aus der Paulskirche in Frankfurt" (Leipzig 1849), der letzten größeren poetischen Gabe von ihm, sowie aus seinem "Mahnruf an alle deutschen Gauen in betreff der schleswig-holsteinischen Sache" (1854), dem Büchlein "Pro populo germanico" (Berlin 1854), der anmutigen "Blütenlese aus Altem und Neuem" (Leipzig 1857) und der Schrift "Meine Wanderungen und Wandelungen mit dem Reichsfreiherrn H. K. Fr. vom Stein" (Berlin 1858, 3. Aufl. 1870). Wegen einer angeblich den General Wrede und das bayrische Militär beleidigenden Stelle in letzterem Werk ward Arndt vor das Schwurgericht in Zweibrücken geladen und, da er nicht erschien, in contumaciam zu Gefängnisstrafe verurteilt. Noch völlig rüstig, feierte er unter allgemeiner Teilnahme 1859 seinen 90. Geburtstag.

Arndt war kein Genie, kein großer Dichter und Gelehrter, auch kein großer Staatsmann, aber voll Begeisterung für die erhabensten Interessen der Menschheit und voll edelster Hingebung für die Sache des Volkes, ein mannhafter Charakter, der noch als Greis den Idealen seiner Jugend mit Jünglingsfeuer anhing. Wie er durch seine Schriften und Lieder die Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft höchst wirksam unterstützt hatte, so suchte er in der Zeit der Reaktion das Verlangen und Streben des Volkes nach dem großen Ziel der nationalen Einheit furchtlos und mit Feuereifer aufrecht zu erhalten, "wie ein altes gutes deutsches Gewissen" die Verzagenden stärkend, die Schwankenden in der Treue befestigend, die Feinde des Rechten und Guten mit der Wucht seines heiligen Zornes niederschmetternd. Daher blieb er, obgleich die Zeit viele seiner Ansichten überflügelt hatte, gleichsam das Banner, um das auch die jüngeren Generationen der Vaterlandsfreunde sich scharten. Sein Inneres und Äußeres spiegelte in seltener Reinheit die Eigenschaften, die den deutschen Mann zieren: eine feste, energische Gestalt, ein reiches, poetisch gestimmtes Gemüt, sittlichen Ernst und Strenge, heiße Liebe zu Freiheit und Vaterland.

Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl. 1905-1909 (Digitale Bibliothek; 100) Berlin: Directmedia 2003, S. 9.652-9.661. Redigiert, gekürzt, Absätze eingefügt.

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"Moritz Arndt spitzt seine Feder, um den >Geist der Zeit< zu schreiben. Lavierte Zeichnung von Amalie von Helvig, Edeby, 18. September 1808.

 

Patrioten in Wort und Tat. Lehrer und Schüler, Professoren und Studenten im Befreiungskrieg. Ausgewählt, eingeleitet und erläutert von Helmut König. Berlin: Volk und Wissen 1963, nach S. 32.


4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

Die Vorlagen entstammen der Sammlung historischer und politischer Bildpostkarten von Karl Stehle, München. Die private Nutzung und die nichtkommerzielle Nutzung zu bildenden, künstlerischen, kulturellen und wissenschaftlichen Zwecken ist gestattet, sofern Quelle (Goethezeitportal) und URL (http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3993) angegeben werden.

Die kommerzielle Nutzung oder die Nutzung im Zusammenhang kommerzieller Zwecke (z.B. zur Illustration oder Werbung) ist nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung gestattet.

Karl Stehle, aus dessen Sammlung die hier wiedergegebenen Postkarten stammen, ist am 14. Juni 2013 verstorben. Seine Sammlung wurde in einem Katalog erfasst und vom Auktionshaus Gärtner in Bietigheim-Bissingen am 18. Oktober 2013 versteigert.

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Ludwig-Maximilians-Universität München
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