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Jutta Assel | Georg Jäger

Märchenmotive auf Postkarten und Werbemarken

Schneewittchen

Optimiert für Firefox
Eingestellt: Februar 2015
Stand: Juli 2015

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Erich Schütz, Schneewittchen. Spieglein, Spieglein an der Wand - Wer ist die Schönste im ganzen Land? Deutscher Schulverein. Kunstdruckerei von Josef Eberle in Wien. Ausschnitt

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Gliederung

1. Brüder Grimm: Sneewittchen
Mit Illustrationen von Ludwig Richter
2. Illustrationen auf Postkarten
Gemalte Postkarten - Fotopostkarten
3. Ludwig Bechstein: Schneeweißchen
4. Werbemarken "Aecht Franck"
5. Notizen zu den Künstlern
6. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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1. Brüder Grimm: Sneewittchen
Mit Illustrationen von Ludwig Richter

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild.

Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab, da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: „Hätt ich ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen.“ Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, und so schwarzhaarig wie Ebenholz, und ward darum das Sneewittchen (Schneeweißchen) genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.

Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Es war eine schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig, und konnte nicht leiden, dass sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die schönste im ganzen Land?“

So antwortete der Spiegel:

„Frau Königin, Ihr seid die schönste im Land.“

Da war sie zufrieden, denn sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte.

Sneewittchen aber wuchs heran, und wurde immer schöner, und als es sieben Jahr alt war, war es so schön wie der klare Tag und schöner als die Königin selbst. Als diese einmal ihren Spiegel fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die schönste im ganzen Land?“

so antwortete er:

„Frau Königin, ihr seid die schönste hier,
aber Sneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“

Schneewittchen, Illustration von Ludwig RichterDa erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn sie Sneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum, so hasste sie das Mädchen. Und der Neid und Hochmuth wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, dass sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie einen Jäger und sprach: „Bring das Kind hinaus in den Wald, ich will's nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es töten und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.“ Der Jäger gehorchte und führte es hinaus, und als er den Hirschfänger gezogen hatte und Sneewittchens unschuldiges Herz durchbohren wollte, fing es an zu weinen und sprach: „Ach, lieber Jäger, lass mir mein Leben; ich will in den wilden Wald laufen und nimmermehr wieder heim kommen.“ Und weil es so schön war, hatte der Jäger Mitleiden und sprach:„So lauf hin, du armes Kind.“ „Die wilden Tiere werden dich bald gefressen haben“, dachte er, und doch war's ihm als wär ein Stein von seinem Herzen gewälzt, weil er es nicht zu töten brauchte. Und als gerade ein junger Frischling daher gesprungen kam, stach er ihn ab, nahm Lunge und Leber heraus, und brachte sie als Wahrzeichen der Königin mit. Der Koch musste sie in Salz kochen, und das boshafte Weib aß sie auf und meinte, sie hätte Sneewittchens Lunge und Leber gegessen.

Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterselig allein, und ward ihm so angst, dass es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht wusste, wie es sich helfen sollte. Da fing es an zu laufen und lief über die spitzen Steine und durch die Dornen, und die wilden Tiere sprangen an ihm vorbei, aber sie taten ihm nichts. Es lief, so lange nur die Füße noch fort konnten, bis es bald Abend werden wollte, da sah es ein kleines Häuschen und ging hinein sich zu ruhen. In dem Häuschen war alles klein, aber so zierlich und reinlich, dass es nicht zu sagen ist. Da stand ein weiß gedecktes Tischlein mit sieben kleinen Tellern, jedes Tellerlein mit seinem Löffelein, ferner sieben Messerlein und Gäblein, und sieben Becherlein. An der Wand waren sieben Bettlein neben einander aufgestellt und schneeweiße Laken darüber gedeckt. Sneewittchen, weil es so hungrig und durstig war, aß von jedem Tellerlein ein wenig Gemüs und Brot, und trank aus jedem Becherlein einen Tropfen Wein; denn es wollte nicht einem allein alles wegnehmen. Hernach, weil es so müde war, legte es sich in ein Bettchen, aber keins passte; das eine war zu lang, das andere zu kurz, bis endlich das siebente recht war: und darin blieb es liegen, befahl sich Gott und schlief ein.

Als es ganz dunkel geworden war, kamen die Herren von dem Häuslein, das waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und gruben. Sie zündeten ihre sieben Lichtlein an, und wie es nun hell im Häuslein ward, sahen sie dass jemand darin gewesen war, denn es stand nicht alles so in der Ordnung, wie sie es verlassen hatten. Der erste sprach: „Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?“ Der zweite: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“ Der dritte: „Wer hat von meinem Brötchen genommen?“ Der vierte:„Wer hat von meinem Gemüschen gegessen?“ Der fünfte: „Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?“ Der sechste: „Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?“ Der siebente:„Wer hat aus meinem Becherlein getrunken?“ Dann sah sich der erste um und sah, dass auf seinem Bett eine kleine Dälle war, da sprach er: „Wer hat in mein Bettchen getreten?“ Die andern kamen gelaufen und riefen: „In meinem hat auch jemand gelegen.“ Der siebente aber, als er in sein Bett sah, erblickte Sneewittchen, das lag darin und schlief. Nun rief er die andern, die kamen herbeigelaufen, und schrien vor Verwunderung, holten ihre sieben Lichtlein, und beleuchteten Sneewittchen. „Ei, du mein Gott! Ei, du mein Gott!“ riefen sie, „was ist das Kind so schön!“ und hatten so große Freude, dass sie es nicht aufweckten, sondern im Bettlein fortschlafen ließen. Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum.

Als es Morgen war, erwachte Sneewittchen, und wie es die sieben Zwerge sah, erschrak es. Sie waren aber freundlich und fragten: „Wie heißt du?“ „Ich heiße Sneewittchen,“ antwortete es. „Wie bist du in unser Haus gekommen?“ sprachen weiter die Zwerge. Da erzählte es ihnen, dass seine Stiefmutter es hätte wollen umbringen lassen, der Jäger hätte ihm aber das Leben geschenkt, und da wär es gelaufen den ganzen Tag, bis es endlich ihr Häuslein gefunden hätte. Die Zwerge sprachen: „Willst du unsern Haushalt versehen, kochen, betten, waschen, nähen und stricken, und willst du alles ordentlich und reinlich halten, so kannst du bei uns bleiben, und es soll dir an nichts fehlen.“ „Ja,“ sagte Sneewittchen, „von Herzen gern,“ und blieb bei ihnen. Es hielt ihnen das Haus in Ordnung: Morgens gingen sie in die Berge und suchten Erz und Gold, Abends kamen sie wieder, und da musste ihr Essen bereit sein. Den Tag über war das Mädchen allein, da warnten es die guten Zwerglein und sprachen: „Hüte dich vor deiner Stiefmutter, die wird bald wissen, dass du hier bist; lass ja niemand herein.“

Die Königin aber, nachdem sie Sneewittchens Lunge und Leber glaubte gegessen zu haben, dachte nicht anders als sie wäre wieder die erste und allerschönste, trat vor ihren Spiegel und sprach:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die schönste im ganzen Land?“

Da antwortete der Spiegel:

„Frau Königin, Ihr seid die schönste hier,
aber Sneewittchen über den Bergen
bei den sieben Zwergen
ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Schneewittchen, Illustration von Ludwig RichterDa erschrak sie, denn sie wusste, dass der Spiegel keine Unwahrheit sprach, und merkte, dass der Jäger sie betrogen hatte, und Sneewittchen noch am Leben war. Und da sann und sann sie aufs neue, wie sie es umbringen wollte; denn solange sie nicht die schönste war im ganzen Land, ließ ihr der Neid keine Ruhe. Und als sie sich endlich etwas ausgedacht hatte, färbte sie sich das Gesicht, und kleidete sich wie eine alte Krämerin, und war ganz unkenntlich. In dieser Gestalt ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Türe, und rief: „Schöne Ware feil! feil!“ Sneewittchen guckte zum Fenster heraus und rief: „Guten Tag, liebe Frau, was habt ihr zu verkaufen?“ „Gute Ware, schöne Ware,“ antwortete sie, „Schnürriemen von allen Farben,“ und holte einen hervor, der aus bunter Seide geflochten war. „Die ehrliche Frau kann ich herein lassen“, dachte Sneewittchen, riegelte die Türe auf und kaufte sich den hübschen Schnürriemen. „Kind“, sprach die Alte, „wie du aussiehst! Komm, ich will dich einmal ordentlich schnüren.“ Sneewittchen hatte kein Arg, stellte sich vor sie, und ließ sich mit dem neuen Schnürriemen schnüren; aber die Alte schnürte geschwind und schnürte so fest, dass dem Sneewittchen der Atem verging, und es für tot hinfiel. „Nun bist du die schönste gewesen“, sprach sie, und eilte hinaus.

Nicht lange darauf, zur Abendzeit, kamen die sieben Zwerge nach Haus, aber wie erschraken sie, als sie ihr liebes Sneewittchen auf der Erde liegen sahen; und es regte und bewegte sich nicht, als wäre es tot. Sie hoben es in die Höhe, und weil sie sahen, dass es zu fest geschnürt war, schnitten sie den Schnürriemen entzwei: da fing es an ein wenig zu atmen, und ward nach und nach wieder lebendig. Als die Zwerge hörten, was geschehen war, sprachen sie: „Die alte Krämerfrau war niemand als die gottlose Königin: hüte dich und lass keinen Menschen herein, wenn wir nicht bei dir sind.“

Das böse Weib aber, als es nach Haus gekommen war, ging vor den Spiegel und fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er wie sonst:

„Frau Königin, Ihr seid die schönste hier,
aber Sneewittchen über den Bergen
bei den sieben Zwergen
ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Als sie das hörte, lief ihr alles Blut zum Herzen, so erschrak sie, denn sie sah wohl, dass Sneewittchen wieder lebendig geworden war. „Nun aber“, sprach sie, „will ich etwas aussinnen, das dich zu Grunde richten soll,“ und mit Hexenkünsten, die sie verstand, machte sie einen giftigen Kamm. Dann verkleidete sie sich und nahm die Gestalt eines andern alten Weibes an. So ging sie hin über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Türe, und rief: Schneewittchen, Illustration von Ludwig Richter„Gute Ware feil! feil!“ Sneewittchen schaute heraus und sprach: „Geht nur weiter, ich darf niemand hereinlassen.“ „Das Ansehen wird dir doch erlaubt sein“, sprach die Alte, zog den giftigen Kamm heraus und hielt ihn in die Höhe. Da gefiel er dem Kinde so gut, dass es sich betören ließ und die Türe öffnete. Als sie des Kaufs einig waren, sprach die Alte: „Nun will ich dich einmal ordentlich kämmen.“ Das arme Sneewittchen dachte an nichts, und ließ die Alte gewähren, aber kaum hatte sie den Kamm in die Haare gesteckt, als das Gift darin wirkte, und das Mädchen ohne Besinnung niederfiel. „Du Ausbund von Schönheit“, sprach das boshafte Weib, „jetzt ist's um dich geschehen,“ und ging fort. Zum Glück aber war es bald Abend, wo die sieben Zwerglein nach Haus kamen. Als sie Sneewittchen wie tot auf der Erde liegen sahen, hatten sie gleich die Stiefmutter in Verdacht, suchten nach, und fanden den giftigen Kamm, und kaum hatten sie ihn herausgezogen, so kam Sneewittchen wieder zu sich, und erzählte, was vorgegangen war. Da warnten sie es noch einmal, auf seiner Hut zu sein und niemand die Türe zu öffnen.

Die Königin stellte sich daheim vor den Spiegel und sprach:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er wie vorher:

„Frau Königin, Ihr seid die schönste hier,
aber Sneewittchen über den Bergen
bei den sieben Zwergen
ist doch noch tausendmal schöner als Ihr.“

Schneewittchen, Illustration von Ludwig RichterAls sie den Spiegel so reden hörte, zitterte und bebte sie vor Zorn. „Sneewittchen soll sterben“, rief sie, „und wenn es mein eignes Leben kostet.“ Darauf ging sie in eine ganz verborgene einsame Kammer, wo niemand hinkam, und machte da einen giftigen, giftigen Apfel. Äußerlich sah er schön aus, weiß mit roten Backen, dass jeder, der ihn erblickte, Lust danach bekam, aber wer ein Stückchen davon aß, der musste sterben. Als der Apfel fertig war, färbte sie sich das Gesicht, und verkleidete sich in eine Bauersfrau, und so ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an, Sneewittchen streckte den Kopf zum Fenster heraus, und sprach: „Ich darf keinen Menschen einlassen, die sieben Zwerge haben mir's verboten.“ „Mir auch recht“, antwortete die Bäurin, „meine Äpfel will ich schon los werden. Da, einen will ich dir schenken.“ „Nein“, sprach Sneewittchen, „ich darf nichts annehmen.“ „Fürchtest du dich vor Gift?“ sprach die Alte, „siehst du, da schneide ich den Apfel in zwei Teile; den roten Backen iss du, den weißen will ich essen.“ Der Apfel war aber so künstlich gemacht, dass der rote Backen allein vergiftet war. Sneewittchen lusterte den schönen Apfel an, und als es sah, dass die Bäurin davon aß, so konnte es nicht länger widerstehen, streckte die Hand hinaus und nahm die giftige Hälfte. Kaum aber hatte es einen Bissen davon im Mund, so fiel es tot zur Erde nieder. Da betrachtete es die Königin mit grausigen Blicken und lachte überlaut, und sprach: „Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz! Diesmal können dich die Zwerge nicht wieder erwecken.“ Und als sie daheim den Spiegel befragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die schönste im ganzen Land?“

so antwortete er endlich:

„Frau Königin, Ihr seid die schönste im Land.“

Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann.

Die Zwerglein, wie sie abends nach Haus kamen, fanden Sneewittchen auf der Erde liegen, und es ging kein Atem mehr aus seinem Mund, und es war tot. Sie hoben es auf, suchten, ob sie was Giftiges fänden, schnürten es auf, kämmten ihm die Haare, wuschen es mit Wasser und Wein, aber es half alles nichts; das liebe Kind war tot und blieb tot. Sie legten es auf eine Bahre und setzten sich alle siebene daran und beweinten es, und weinten drei Tage lang. Da wollten sie es begraben, aber es sah noch so frisch aus wie ein lebender Mensch, und hatte noch seine schönen roten Backen. Sie sprachen: „Das können wir nicht in die schwarze Erde versenken,“ und ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas machen, dass man es von allen Seiten sehen konnte, legten es hinein, und schrieben mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf, und dass es eine Königstochter wäre. Dann setzten sie den Sarg hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer dabei, und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten Sneewittchen, erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen.

Schneewittchen, Illustration von Ludwig Richter

Nun lag Sneewittchen lange, lange Zeit in dem Sarg und verweste nicht, sondern sah aus, als wenn es schliefe, denn es war noch so weiß als Schnee, so rot als Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz. Es geschah aber, dass ein Königssohn in den Wald geriet und zu dem Zwergenhaus kam, da zu übernachten. Er sah auf dem Berg den Sarg und das schöne Sneewittchen darin, und las, was mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben war. Da sprach er zu den Zwergen: „Lasst mir den Sarg, ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt.“ Aber die Zwerge antworteten: „Wir geben ihn nicht um alles Gold in der Welt.“ Da sprach er: „So schenkt mir ihn, denn ich kann nicht leben, ohne Sneewittchen zu sehen, ich will es ehren und hochachten wie mein Liebstes.“ Wie er so sprach, empfanden die guten Zwerglein Mitleiden mit ihm und gaben ihm den Sarg. Der Königssohn ließ ihn nun von seinen Dienern auf den Schultern forttragen. Da geschah es, dass sie über einen Strauch stolperten, und von dem Schüttern fuhr der giftige Apfelgrütz, den Sneewittchen abgebissen hatte, aus dem Hals. Und nicht lange, so öffnete es die Augen, hob den Deckel vom Sarg in die Höhe, und richtete sich auf, und war wieder lebendig. „Ach Gott, wo bin ich?“ rief es. Der Königssohn sagte voll Freude: „Du bist bei mir,“ und erzählte was sich zugetragen hatte und sprach: „Ich habe dich lieber als alles auf der Welt; komm mit mir in meines Vaters Schloss, du sollst meine Gemahlin werden.“ Da war ihm Sneewittchen gut und ging mit ihm, und ihre Hochzeit ward mit großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet.

Zu dem Fest wurde aber auch Sneewittchens gottlose Stiefmutter eingeladen. Wie sie sich nun mit schönen Kleidern angetan hatte, trat sie vor den Spiegel und sprach:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die schönste im ganzen Land?“

Der Spiegel antwortete:

„Frau Königin, Ihr seid die schönste hier,
aber die junge Königin ist tausendmal schöner als Ihr.“

Da stieß das böse Weib einen Fluch aus, und ward ihr so angst, so angst, dass sie sich nicht zu lassen wusste. Sie wollte zuerst gar nicht auf die Hochzeit kommen; doch ließ es ihr keine Ruhe, sie musste fort und die junge Königin sehen. Und wie sie hineintrat, erkannte sie Sneewittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlenfeuer gestellt und wurden mit Zangen herein getragen und vor sie hingestellt. Da musste sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.

Schneewittchen, Illustration von Ludwig Richter

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Anmerkung der Brüder Grimm

Nach vielfachen Erzählungen aus Hessen, wie überhaupt dieses Märchen zu den bekanntesten gehört, doch wird in Gegenden, wo bestimmt hochdeutsch herrscht, der plattdeutsche Namen beibehalten oder auch verdorben in Schliwitchen.

Im Eingang fällt es mit dem Märchen vom Machandelbaum zusammen, noch näher in einer andern Erzählung, wo sich die Königin, indem sie mit dem König auf einem Jagdschlitten fährt, einen Apfel schält und dabei in den Finger schneidet. Noch ein anderer Eingang ist folgender, ein Graf und eine Gräfin fuhren an drei Haufen weißem Schnee vorbei, da sagte der Graf: "Ich wünsche mir ein Mädchen so weiß als dieser Schnee." Bald darauf kamen sie an drei Gruben rotes Blut, da sprach er wieder: "Ich wünsche mir ein Mädchen so rot an den Wangen wie dies Blut." Endlich flogen drei schwarze Raben vorüber, da wünschte er sich ein Mädchen "mit Haaren so schwarz wie diese Raben". Als sie noch eine Weile gefahren sind, begegnete ihnen ein Mädchen so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie die Raben, und das war das Sneewitchen. Der Graf ließ es gleich in die Kutsche sitzen und hatte es lieb, die Gräfin aber sah es nicht gern und dachte nur, wie sie es wieder los werden könnte. Endlich ließ sie ihren Handschuh hinausfallen und befahl dem Sneewitchen, ihn wieder zu suchen, in der Zeit aber musste der Kutscher geschwind fortfahren. Nun ist Sneewitchen allein und kommt zu den Zwergen u.s.w.

In einer dritten Erzählung ist bloß abweichend, dass die Königin mit dem Sneewitchen in den Wald fährt und es bittet, ihr von den schönen Rosen, die da stehen, einen Strauß abzubrechen. Während es bricht, fährt sie fort und lässt es allein.

In einer vierten wird erzählt, dass Sneewitchen nach seinem Tode von den Zwergen sollte verbrannt werden. Sie wickeln es in ein Tuch, machen einen Scheiterhaufen unter einen Baum und hängen es in Stricken darüber. Wie sie eben das Feuer anstecken wollen, kommt der Königssohn, lässt es herab holen und nimmt es mit sich in den Wagen. Vom Fahren springt ihm das Stück des giftigen Apfels aus dem Hals, und es wird lebendig.

Eine fünfte Erzählung hat folgende Abweichung, ein König verliert seine Gemahlin, mit der er eine einzige Tochter, Sneewitchen, hat und nimmt eine andere, mit der er drei Töchter bekommt. Diese hasst das Stiefkind, auch wegen seiner wunderbaren Schönheit, und unterdrückt es, wo sie kann. Im Wald in einer Höhle wohnen sieben Zwerge, die töten jedes Mädchen, das sich ihnen naht. Das weiß die Königin, und weil sie Sneewitchen nicht geradezu ermorden will, hofft sie es dadurch los zu werden, dass sie es hinaus vor die Höhle führt und zu ihm sagt: "Geh da hinein und wart bis ich wieder komme." Dann geht sie fort, Sneewitchen aber getrost in die Höhle. Die Zwerge kommen und wollen es anfangs töten, weil es aber so schön ist, lassen sie es leben und sagen, es solle ihnen dafür den Haushalt führen.  Sneewitchen hatte aber einen Hund, der hieß Spiegel; wie es nun fort ist, liegt der traurig im Schloss. Die Königin fragt ihn:

"Spiegel unter der Bank,
sieh in dieses Land, sieh in jenes Land:
wer ist die schönste in Engelland?"

Der Hund antwortet: "Sneewitchen ist schöner bei seinen sieben Zwergen als die Frau Königin mit ihren drei Töchtern." Da merkt sie, dass es noch lebt, und macht einen giftigen Schnürriemen. Damit geht sie zur Höhle, ruft Sneewitchen, es solle ihr aufmachen. Sneewitchen will nicht, weil die sieben Zwerge ihm streng verboten haben, keinen Menschen hereinzulassen, auch die Stiefmutter nicht, die sein Verderben gewollt habe. Sie sagt aber zu Sneewitchen, sie habe keine Töchter mehr, ein Ritter habe sie ihr entführt, sie wolle bei ihm leben und es putzen. Sneewitchen wird mitleidig und lässt sie herein, da schnürt sie es mit dem giftigen Schnürriemen, dass es tot zur Erde fällt, und geht fort. Die sieben Zwerge aber kommen, nehmen ein Messer und schneiden den Schnürriemen entzwei, da ist es wieder lebendig. Die Königin fragt nun den Spiegel unter der Bank, der gibt ihr dieselbe Antwort. Da macht sie ein giftiges Kopfband, geht mit dem hinaus und redet zu Sneewitchen so beweglich, dass es sie noch einmal einlässt; sie bindet ihm das Kopfband um, und es fällt tot nieder. Aber die sieben Zwerge sehen, was geschehen ist, schneiden ihm das Kopfband ab, und es hat das Leben wieder. Zum drittenmal fragt die Königin den Hund, und erhält dieselbe Antwort. Sie geht nun mit einem giftigen Apfel hinaus, und so sehr Sneewitchen von den Zwergen gewarnt ist, wird es doch von ihren Klagen gerührt, macht auf und isst von dem Apfel. Da ist es tot, und als die Zwerge kommen, können sie nicht helfen, und der Spiegel unter der Bank sagt der Königin, sie sei die schönste.

Die sieben Zwerge aber machen einen silbernen Sarg, legen Sneewitchen hinein und setzen es auf einen Baum vor ihrer Höhle. Ein Königssohn kommt vorbei und bittet die Zwerge, ihm den Sarg zu geben, nimmt ihn mit, und daheim lässt er es auf ein Bett legen und putzen als wär es lebendig, und liebt es über die Maßen; ein Diener muss ihm auch beständig aufwarten. Der wird einmal bös darüber, "da soll man dem toten Mädchen tun als wenn es lebte!" gibt ihm einen Schlag in den Rücken, da fährt der Apfelbissen aus dem Mund, und Sneewitchen ist wieder lebendig.

Eine Erzählung des Märchens aus Wien gibt folgenden Zusammenhang. Es sind drei Schwestern, Sneewitchen die schönste und jüngste; jene beiden hassen es und schicken es mit einem Laibel Brot und einem Wasserkrug in die Welt. Sneewitchen kommt zum Glasberg und hält den Zwergen Haus. Wenn die zwei Schwestern nun den Spiegel fragen, wer die schönste sei, antwortet er:

"Die schönste ist auf dem Glasberge,
wohnt bei den kleinen Zwergen."

Sie senden jemand dorthin, der soll Sneewitchen vergiften.

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Text nach Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage bzw. Ausgabe letzter Hand, 1857, Nr. 53. Der heutigen Rechtschreibung und Zeichensetzung angeglichen, Absätze eingefügt.
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Lizenzbestimmungen

Anmerkung nach Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Hrsg. von Heinz Rölleke. 3 Bde. (Universal-Bibliothek Nr. 3191-3193) Stuttgart: Philipp Reclam Jun. 1980. Hier Bd. 3, S. 99-102. Gekürzt.

Illustrationen aus folgender Ausgabe: Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Gesamtausgabe mit 90 Holzschnitten und 6 Tonbildern von Ludwig Richter. Leipzig: Schmidt & Günther o.J. - Die Illustrationen erschienen erstmals in: Ludwig Bechstein's Märchenbuch. 12. Aufl.. Erste illustrierte Ausgabe. Leipzig: Georg Wigand 1853. Vgl. Das Ludwig Richter Album. Sämtliche Holzschnitte. Einleitung von Wolf Stubbe. 2 Bde. Herrsching: Manfred Pawlak o.J., Bd. 2, S. 1166-1169. Die letzte Illustration, die zeigt, wie Zwerge die eisernen Pantoffeln über Kohlenfeuer erhitzen, muss für die Grimmsche Fassung des Märchens hergestellt worden sein, da diese Szene bei Bechstein fehlt.

Atelier von Gaber und Richter, Briefkopf

Atelier von Gaber und Richter, Briefkopf.
In: Das Ludwig Richter Album. Sämtliche Holzschnitte. Einleitung von Wolf Stubbe.
2 Bde. Herrsching: Manfred Pawlak o.J. Bd. 2, S. 1691.

Vier Illustrationen weisen die Holzstecher aus; 2. Bild: Moritz Ferdinand Geringswald, 5. Bild: August Gaber, Schwiegersohn Richters, und 6. Bild: John Allanson. Die Signatur im 4. Bild ist unleserlich.

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2. Illustrationen auf Postkarten
Gemalte Postkarten - Fotopostkarten

Gemalte Postkarten

Ludwig Richter, Schneewittchen, F. A. Ackermann's Kunstverlag in München

Ludwig Richter, Schneewittchen, Deutsche Künstler-Postkarten, Verlag von K. Ad. Emil Müller in StuttgartLudwig Richter, Schneewittchen, Kunstwart-Bildkarte, Verlag von Georg D. W. Callwey in München

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Oben: Ludwig Richter: Schneewittchen. F. A. Ackermann's Kunstverlag, München. Universal-Galerie, Serie 290 (12 Karten) - Nr. 2997. Nicht gelaufen.

Unten links: Ludwig Richter: Schneewittchen. Deutsche Künstler-Postkarten Ser. XII, No. 12. Verlag von K. Ad. Emil Müller, Stuttgart. Nicht gelaufen.

Unten rechts: Kunstwart-Bildkarte. Nr. 140. Ludwig Richter, Schneewittchen. Verlag von Georg D. W. Callwey in München. Gelaufen. Poststempel 1928.

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Paul Hey, Sneewittchen, F. A. Ackermann's Kunstverlag in MünchenSchneewittchen

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Links: Sneewittchen. A 6044. Adressseite: Paul Hey: 12 Märchen. F. A. Ackermanns Kunstverlag, München. Reihe 605. Nicht gelaufen. - Raffelsbauer, A3a-386.

Rechts: Im Bild bezeichnet: K. [Nr.] 8. Adressseite: Schneewittchen. Die Zwerge laufen schnell nach Haus. / Das Essen wartet, die Arbeit ist aus. / Schneewittchen winkt so voller Freud. / Das verspricht eine leck're Mahlzeit heut! K 1676. Nicht gelaufen.

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Karl Luertzing: Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönste im ganzen Land? M. H. Bayerle, Kunstverlag in München, Künstlerpostkarte

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K. Luertzing: Spieglein, Spieglein an der Wand, / Wer ist die Schönste im ganzen Land? M. H. Bayerle, Kunstverlag, München. - Künstlerpostkarte No. 242. Gelaufen. Poststempel 1905. - Da die Adressseite bis 1905 allein die Anschrift enthalten durfte, wurde die Bildseite beschrieben.

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Schneewittchen. Gruss aus .... Kunstverlag der A. G. für Automatischen Verkauf, BerlinSchneewittchen bei den Zwergen, gemalt von Kurt von Roczynski, Verlag von Fritz Grandt, Berlin

Schneewittchen bei den Zwergen

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Oben links: 10 deutsche Märchen. No 2. Schneewittchen. Gruss aus .... Kunstverlag d. A. G. für Automatischen Verkauf, Berlin. Gesetzlich geschützt. Dessin 37. Adressseite ungeteilt. Gelaufen. Poststempel 1898.

Die AG für Automatischen Verkauf, die auch zahlreiche Werbemarken herausgegeben hat, "unterhielt allein in Berlin Tausende von Automaten". Zum Automatenverkauf um 1900 siehe Christine Haug: Reisen und Lesen im Zeitalter der Industrialisierung. Die Geschichte des Bahnhofs- und Verkehrsbuchhandels in Deutschland von seinen Anfängen um 1850 bis zum Ende der Weimarer Republik. Wiesbaden: Harrassowitz 2007, Kap. 5.10.2, S. 234 ff.

Oben rechts: Schneewittchen bei den Zwergen. K. von Roczynski, pinx[it]. Verlag von Fritz Grandt, Berlin SW. No. 49. Gelaufen. Poststempel 1900. - Da die Adressseite bis 1905 allein die Anschrift enthalten durfte, wurde die Bildseite beschrieben.

Unten: Im Bild bezeichnet: K. [Nr.] 2. Adressseite: Schneewittchen. Schneewittchen, nimm Dich nur in Acht! / Dir fehlt jetzt Deiner Zwerge Wacht. / Trau nicht der Hex' freundlich Gesicht, / Und iss den lockenden Apfel nicht. K 1676. Datiert 1946, aber postalisch nicht gelaufen.

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Schneewittchen, aus Albert Hendschel's Skizzenbuch, Verlag von M. Hendschel in Frankfurt a.M., Lichtdruck der Hofkunstanstalt von Martin Rommel & Co. in Stuttgart

Ludwig Richter, Schneewittchen

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Oben: Aus A. Hendschel's Skizzenbuch. No. 24. Schneewittchen. Verlag v. M. Hendschel, Frankfurt a.M. Adressseite: Lichtdruck der Hofkunstanstalt von Martin Rommel & Co., Stuttgart. Adressseite ungeteilt. Nicht gelaufen.
Unten: Ludwig Richter (1803-1884), zugeschrieben. Schneewittchen. Feder in Braun über Bleistift. Höhe: 13; Breite 14,5 cm. Ausriss.

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Sneewittchen

Paul Hey, Sneewittchen, F. A. Ackermanns Kunstverlag in München

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Oben: Sneewittchen. Keine weiteren Angaben. Gelaufen 1905. Adressseite ungeteilt. Da die Adressseite bis 1905 allein die Anschrift enthalten durfte, wurde die Bildseite beschrieben.

Unten: Sneewittchen. A. 6062. Im Bild signiert: Paul Hey. Adressseite: F. A. Ackermanns Kunstverlag, München. Reihe 606 - Paul Hey: 12 Märchen. II. Nicht gelaufen. - Raffelsbauer, A3a-404. Dazu vgl. weitere Illustrationen der Szene unter A3a-056 (Stuttgart, Thienemanns Verlag, 1901) und A3a-428 (Dresden, Verlag Meinhold & Söhne, vor 1919).

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Franz Hein, Schneewittchen, Verlag der Künstlerpostkarten Hermann A. Peters in Bonn, verkleinerte Wiedergabe einer Künstlersteinzeichnung aus R. Voigtländers Verlag in LeipzigErich Schütz, Schneewittchen. Spieglein, Spieglein an der Wand - Wer ist die Schönste im ganzen Land? Deutscher Schulverein. Kunstdruckerei von Josef Eberle in Wien

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Links: Franz Hein, Schneewittchen. Im Bild bezeichnet: Franz Hein. Signet: RV auf Schild [R. Voigtländer's Verlag] Adressseite: Verlag der Künstlerpostkarten Hermann A. Peters, Bonn a. Rh. Text: Umstehendes Bild ist die verkleinerte Wiedergabe einer Künstlersteinzeichnung aus R. Voigtländers Verlag, Leipzig. Bildgröße 75 / 55 cm. Vorzugsdruck mit Unterschrift des Künstlers 20,- Mk. Gelaufen. Poststempel 1917.

Rechts: Schneewittchen. Spieglein, Spieglein an der Wand - Wer ist die Schönste im ganzen Land?  Im Bild signiert: E. Schütz. Adressseite: Deutscher Schulverein. Karte Nr. 320. Text: Pflicht eines jeden Deutschen ist, Mitglied des Deutschen Schulvereines zu sein. Mindestbeitrag jährlich K 2,-. Anmeldungen VI. Linke Wienzeile 4 oder bei den Ortsgruppen. Kunstdruckerei von Josef Eberle, Wien VII. Schottenfeld 38. Nicht gelaufen.

Zum "Deutschen Schulverein" vgl. Schutzvereine in Ostmitteleuropa: Vereinswesen, Sprachenkonflikte und Dynamiken nationaler Mobilisierung 1860 - 1939. Hg. von Peter Haslinger. Marburg: Verlag Herder-Institut 2009.

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Victor Thomas, Sneewittchen. Lithografische Anstalt Hubert Köhler in München

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Deutsche Märchen. Sneewittchen. Im Bild signiert: Victor Thomas. Lith[ografische] Anstalt Hubert Köhler, München Blüthenstr. 13. Adressseite ungeteilt. Nicht gelaufen.

 

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Fotopostkarten

Postkartenserie Schneewittchen, Berlin-Neuroder Kunstanstalten AG, BerlinPostkartenserie Schneewittchen, Berlin-Neuroder Kunstanstalten AG, Berlin
Postkartenserie Schneewittchen, Berlin-Neuroder Kunstanstalten AG, BerlinPostkartenserie Schneewittchen, Berlin-Neuroder Kunstanstalten AG, Berlin
Postkartenserie Schneewittchen, Berlin-Neuroder Kunstanstalten AG, BerlinPostkartenserie Schneewittchen, Berlin-Neuroder Kunstanstalten AG, Berlin

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Postkartenserie Schneewittchen, 6teilig, Signet: BNK im Dreieck [Berlin-Neuroder Kunstanstalten AG, Berlin], Serie 32955/1-6. Alle gelaufen, Poststempel  1908-1911. Nr. 1 und 2 dasselbe Bild, unterschiedlich koloriert. Texte:

Nr. 1: Ach, lieber Jäger, lass mir nur mein Leben; ich will in den Wald laufen und nimmermehr wieder heim kommen.
Nr. 2: Text wie Nr. 1.
Nr. 3: Schneewittchen, weil es so müde war, legte es sich in ein Bettchen, befahl sich Gott, und schlief ein.
Nr. 4: Schneewittchen erzählt den 7 Zwergen, dass seine Stiefmutter es hätte wollen umbringen lassen, der Jäger hätte ihr aber das Leben geschenkt.
Nr. 5: Als die 7 Zwerge zur Abendzeit nach Hause kamen, erschraken sie, als sie ihr liebes Schneewittchen auf der Erde liegen sahen. Sie hoben es in die Höhe, aber es war und blieb tot.
Nr. 6: Der Königssohn sagte voll Freude: Du bist bei mir, und erzählte, was sich zugetragen hatte. Da war ihm Schneewittchen gut und die Hochzeit ward mit grosser Pracht gefeiert.

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Schneewittchen. Kaiserjubiläums-Stadttheater. Atelier Ch. Scolik jun., M. Mertens, Wien

Märchenspiel Sneewittchen und die Zwerge von A. Scheuers Liliputanern Hamburg-Stellingen. Hannoversche Lichtdruckanstalt, Hannoversch-Linden

Schneewittchen. Als Schneewittchen sah, dass die Bäuerin von dem schönen Apfel ass, konnte es nicht länger widerstehen, streckte die Hand aus und nahm die giftige Hälfte. Aristophot, Taucha bei Leipzig Postkarte, Mitteilung in Geheimschrift

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Oben: Weihnachtsmärchen 1906/7 "Schneewittchen". Kaiserjubiläums-Stadttheater. Atelier Ch. Scolik jun., M. Mertens, Wien IX/2 Nußdorferstr. 7. Gelaufen. Poststempel unleserlich.

Mitte: Märchenspiel Sneewittchen und die Zwerge von Scheuers Liliputanern Stellingen. Adressseite: Hannoversche Lichtdruckanstalt. Hann.-Linden, Velberstr. 5  Im Briefmarkenfeld: C 2988. Nicht gelaufen.

Zu A. Scheuers Liliputaner-Theater - vor 1904 in Hamburg-Altona nachgewiesen, um 1920 in Hamburg-Stellingen ansässig - siehe das "postkarten-archiv" (www.postkarten-archiv.de) unter "riesen-liliputaner".

Unten links: "Schneewittchen." Als Schneewittchen sah, dass die Bäuerin von dem schönen Apfel ass, konnte es nicht länger widerstehen, streckte die Hand aus und nahm die giftige Hälfte. Signet: AL im Kreis [Aristophot, Taucha bei Leipzig]. Gelaufen. Poststempel 1909.

Unten rechts: Adressseite. Mitteilung in Geheimschrift. Beispiele von Geheimschriften auf Postkarten bei Daniel Bénard, Bruno Guignard: La carte postale. Des origines aux années 1920. Saint-Cyr-sur-Loire 2010 (Editions Alan Sutton), S. 70f.

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3. Ludwig Bechstein: Schneeweißchen

Es war einmal eine Königin, die hatte keine Kinder und wünschte sich eins, weil sie so ganz einsam war. Da sie nun eines Tages an einer Stickerei saß, und den Rahmen von schwarzem Ebenholz betrachtete, während es schneite, war sie in so tiefen Gedanken, dass sie sich heftig in die Finger stach, so dass drei Blutstropfen auf den weißen Schnee fielen; und da musste sie wieder daran denken, dass sie kein Kind hatte. »Ach!« seufzte die Königin, »hätte ich doch ein Kind, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee, so schwarz wie Ebenholz!«

Und nach einer Zeit bekam diese Königin ein Kind, ein Mägdlein. Das war so weiß wie Schnee an seinem Leibe, und seine Wangen blüheten wie blutrote Röselein, und seine Haare waren so schwarz wie Ebenholz. Die Königin freute sich, nannte das Kind Schneeweißchen, und bald darauf starb sie. Da der König nun ein Witwer geworden war und kein Witwer bleiben wollte, so nahm er sich eine andre Gemahlin, das war ein stattliches Weib voll hoher Schönheit, aber auch voll unsäglichen Stolzes, und auch so eitel, dass sie sich für die schönste Frau in der ganzen Welt hielt. Dazu war sie zumal durch einen Zauberspiegel verleitet, der sagte ihr immer, wenn sie hineinsah und fragte:

»Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst' im ganzen Land?«
»Ihr, Frau Königin, seid die Schönst' im Land.«

Und der Spiegel schmeichelte doch nicht, sondern sagte die Wahrheit, wie jeder Spiegel.

Das kleine Schneeweißchen, der Königin Stieftochter, wuchs heran und wurde die schönste Prinzessin, die es nur geben konnte, und wurde noch viel schöner als die schöne Königin.

Diese fragte, als das Schneeweißchen sieben Jahre alt war, einmal wieder ihren treuen Spiegel:

»Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst' im ganzen Land?«

Aber da antwortete der Spiegel nicht wie sonst, sondern er antwortete:

»Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
Aber Schneeweißchen ist tausendmal schöner als Ihr.«

Darüber erschrak die Königin zu Tode, und es war ihr, als kehre sich ihr ein Messer im Busen um, und da kehrte sich auch ihr Herz um gegen das unschuldige Schneeweißchen, das nichts zu seiner übergroßen Schönheit konnte.

Und weil sie weder Tag noch Nacht Ruhe hatte vor ihrem bösen neidischen Herzen, so berief sie ihren Jäger zu sich und sprach: »Dieses Kind, das Schneeweißchen, sollst du in den dichten Wald führen und es töten. Bringe mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen, dass du mein Gebot vollzogen!«

Und da musste das arme Schneeweißchen dem Jäger in den wilden Wald folgen, und im tiefsten Dickicht zog er seine Wehr und wollte das Kind durchstoßen. Das Schneeweißchen weinte jämmerlich und flehte, es doch leben zu lassen, es habe ja nichts verbrochen, und die Tränen und der Jammer des unschuldigen Kindes rührten den Jäger auf das innigste, so dass er bei sich dachte: Warum soll ich mein Gewissen beladen und dies schöne unschuldige Kind ermorden? Nein, ich will es lieber laufen lassen! Fressen es die wilden Tiere, wie sie wohl tun werden, so mag das die Frau Königin vor Gott verantworten.

Und da ließ er Schneeweißchen laufen, wohin es wollte, fing ein junges Wild, stach es ab, weidete es aus und brachte Lunge und Leber der bösen Königin. Die nahm beides und briet es in Salz und Schmalz und verzehrte es und war froh, dass sie, wie sie vermeinte, nun wieder allein die Schönste sei im ganzen Lande. Schneeweißchen im Walde wurde bald angst und bange, wie es so mutterseelenallein durch das Dickicht schritt, und wie es zum ersten Male die harten spitzen Steine fühlte, wie die Dornen ihm das Kleid zerrissen, und vollends, als es zum ersten Male wilde Tiere sah. Aber die wilden Tiere taten ihm gar nichts zuleide; sie sahen Schneeweißchen an und fuhren in die Büsche. Und das Mägdlein ging den ganzen Tag und ging über sieben Berge.

Des Abends kam Schneeweißchen an ein kleines Häuschen mitten im Walde, da ging es hinein, sich auszuruhen, denn es war sehr müde, war auch sehr hungrig und sehr durstig. Darinnen in dem kleinen, kleinen Häuschen war alles gar zu niedlich und zierlich und dabei sehr sauber. Es stand ein kleines Tischlein in der Stube, das war schneeweiß gedeckt und darauf standen und lagen sieben Tellerchen, auf jedem ein wenig Gemüse und Brot, sieben Löffelchen, sieben Paar Messerchen und Gäbelchen, sieben Becherchen. Und an der Wand standen sieben Bettchen, alle blütenweiß überzogen. Da aß nun das hungrige Schneeweißchen von den sieben Tellerchen, nur ein Kleinwenig von jedem, und trank aus jedem Becherchen ein Tröpflein Wein. Dann legte es sich in eins der sieben Bettchen, um zu ruhen, aber das Bettchen war zu klein, und sie musste es in einem andern probieren, doch wollte keins recht passen, bis zuletzt das siebente, das passte, da hinein schlüpfte Schneeweißchen, deckte sich zu, betete zu Gott und schlief ein, tief und fest, wie fromme Kinder, die gebetet haben, schlafen.

Derweil wurde es Nacht, und da kamen die Häuschensherren, sieben kleine Bergmännerchen, jedes mit einem brennenden Grubenlichtchen vorn am Gürtel, und da sahen sie gleich, dass eins dagewesen war. Der erste fing an zu fragen: »Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?« Der zweite fragte: »Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?« Der dritte fragte: »Wer hat von meinem Brötchen gebrochen?« Der vierte: »Wer hat von meinem Gemüslein geleckt?« Der fünfte: »Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?« Der sechste: »Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?« Und der siebente fragte: »Wer hat aus meinem Becherchen getrunken?« Wie die Zwerglein also gefragt hatten, sahen sie sich nach ihren Bettchen um und fragten: »Wer hat in unsern Bettchen gelegen?« bis auf den siebenten, der fragte nicht so, sondern: »Wer liegt in meinem Bettchen?« denn da lag das Schneeweißchen darin. Da leuchteten die Bergmännerchen mit ihren Lämpchen alle hin und sahen mit Staunen das schöne Kind, und sie störten es nicht, sondern sie ließen den siebenten in ihren Bettchen liegen, in jedem ein Stündchen, bis die Nacht herum war.

Da nun der Morgen mit seinen frühen Strahlen in das kleine, kleine Häuschen der Zwerglein schien, wachte Schneeweißchen auf und fürchtete sich vor den Zwergen. Die waren aber ganz gut und freundlich und sagten, es solle sich nicht fürchten, und fragten, wie es heiße. Da sagte und erzählte nun Schneeweißchen alles, wie es ihm ergangen sei. Darauf sagten die Zwergmännchen: »Du kannst bei uns in unserem Häuschen bleiben, Schneeweißchen, und kannst uns unsern Haushalt führen, kannst uns unser Essen kochen, unsre Wäsche waschen und alles hübsch rein und sauber halten, auch unsre Bettchen machen.« Das war Schneeweißchen recht, und es hielt den Zwergen Haus. Die taten am Tage ihre Arbeit in den Bergen, tief unter der Erde, wo sie Gold und Edelsteine suchten, und abends kamen sie und aßen und legten sich in ihre sieben Bettchen.

Unterdessen war die böse Königin froh geworden in ihrem argen Herzen, dass sie nun wieder die Schönste war, wie sie meinte, und versuchte den Spiegel wieder und fragte ihn:

»Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst' im ganzen Land?«

Da antwortete ihr der Spiegel:

»Frau Königin! Ihr seid die Schönste hier,
Aber Schneeweißchen über den sieben Bergen,
Bei den sieben guten Zwergen,
Das ist noch tausendmal schöner als Ihr!«

Das war wiederum ein Dolchstich in das eitle Herz der Frau Königin, und sie sann nun Tag und Nacht darauf, wie sie dem Schneeweißchen ans Leben käme, und endlich fiel ihr ein, sich verkleidet selbst zu Schneeweißchen aufzumachen, und sie verstellte ihr Gesicht und zog geringe Kleider an, nahm auch einen Allerhandkram und ging über die sieben Berge, bis sie an das kleine, kleine Häuschen der Zwerge kam. Da klopfte sie an die Türe und rief: »Holla! Holla! Kauft schöne Waren!« Die Zwerge hatten aber dem Schneeweißchen gesagt, es solle sich vor fremden Leuten in acht nehmen, vornehmlich vor der bösen Königin. Deshalb sah das Mägdlein vorsichtig heraus, da sah sie den schönen Tand, den die Frau zu Markte trug, die schönen Halsketten und Schnüre und allerlei Putz. Da dachte Schneeweißchen nichts Arges und ließ die Krämerin herein und kaufte ihr eine Halsschnur ab, und die Frau wollte ihr zeigen, wie diese Schnur umgetan würde, und schnürte ihm von hinten den Hals so zu, dass Schneeweißchen gleich der Odem ausging und es tot hinsank. »Da hast du den Lohn für deine übergroße Schönheit!« sprach die böse Königin und hob sich von dannen.

Bald darauf kamen die sieben Zwerglein nach Hause, und da fanden sie ihr schönes liebes Schneeweißchen tot und sahen, dass es mit der Schnur erdrosselt war. Geschwinde schnitten sie die Schnur entzwei und träufelten einige Tropfen von der Goldtinktur auf Schneeweißchens blasse Lippen, da begann es leise zu atmen und wurde allmählich wieder lebendig. Als es nun erzählen konnte, erzählte es, wie die alte Krämersfrau ihr den Hals böslich zugeschnürt, und die Zwerge riefen: »Das war kein anderes Weib als die falsche Königin! Hüte dich und lasse gar keine Seele in das kleine Häuschen, wenn wir nicht da sind.«

Die Königin trat, als sie von ihrem schlimmen Gange wieder nach Hause kam, gleich vor ihren Spiegel und fragte ihn:

»Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst' im ganzen Land?«

Und der Spiegel antwortete:

»Frau Königin! Ihr seid die Schönst' allhier,
Aber Schneeweißchen über den sieben Bergen,
Bei den sieben guten Zwergen,
Das ist noch tausendmal schöner als Ihr.«

Da schwoll der Königin das Herz vor Zorn, wie einer Kröte der Bauch, und sie sann wieder Tag und Nacht auf Schneeweißchens Verderben. Bald nahm sie wieder die falsche Gestalt einer andern Frau an, durch Verstellung ihres Gesichts und fremdländische Kleidung, machte einen vergifteten Kamm, den tat sie zu anderm Kram, und ging über die sieben Berge, an das kleine, kleine Zwergenhäuslein. Dort klopfte sie wieder an die Türe, rief: »Holla! Holla! Kauft schöne Waren! Holla!«

Schneeweißchen sah zum Fenster heraus und sagte: »Ich darf niemand hereinlassen!«

Das Kramweib aber rief: »Schade um die schönen Kämme!« Und dabei zeigte sie den giftigen, der ganz golden blitzte. Da wünschte sich Schneeweißchen von Herzen einen goldenen Kamm, dachte nichts Arges, öffnete die Türe und ließ die Krämerin herein und kaufte den Kamm.

»Nun will ich dir auch zeigen, mein allerschönstes Kind, wie der Kamm durch die Haare gezogen und wie er gesteckt wird«, sprach die falsche Krämerin und strich dem Schneeweißchen damit durchs Haar; da wirkte gleich das Gift, dass das arme Kind umfiel und tot war. »So, nun wirst du wohl das Wiederaufstehen vergessen«, sprach die böse Königin und entfloh aus dem Häuschen.

Bald darauf – und das war ein Glück – wurde es Abend, und da kamen die sieben Zwerge wieder nach Hause, hielten das arme Schneeweißchen für tot und fanden in seinem schönen Haar den giftigen Kamm. Diesen zogen sie geschwind aus dem Haar, und da kam es wieder zu sich. Und die Zwerglein warnten es aufs neue gar sehr, doch ja niemand ins Häuschen zu lassen.

Daheim trat die böse Königin wieder vor ihren Spiegel und fragte ihn:

»Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst' im ganzen Land?«

Und der Spiegel antwortete:

»Frau Königin! Ihr seid die Schönst' allhier,
Aber über den sieben Bergen,
Bei den sieben guten Zwergen
Ist Schneeweißchen – tausendmal schöner als Ihr.«

Da wusste sich die Königin vor giftiger Wut darüber, dass alle ihre bösen Ränke gegen Schneeweißchen nichts fruchteten, gar nicht zu lassen und zu fassen und tat einen schweren Fluch, Schneeweißchen müsse sterben, und solle es ihr, der Königin, selbst das Leben kosten. Und darauf machte sie heimlich einen schönen Apfel giftig, aber nur auf einer Seite, wo er am schönsten war, nahm dazu noch einen Korb voll gewöhnlicher Äpfel, verstellte ihr Gesicht, kleidete sich wie eine Bäuerin, ging abermals über die sieben Berge und klopfte am Zwergenhäuslein an, indem sie rief: »Holla! Schöne Äpfel kauft! Kauft!« Schneeweißchen sah zum Fenster heraus und sagte zu ihr: »Geht fort, Frau! Ich darf nicht öffnen und auch nichts kaufen!«

»Auch gut, liebes Kind!« sprach die falsche Bäuerin. »Ich werde auch ohne dich meine schönen Äpfel noch alle los! Da hast du einen umsonst!«

»Nein, ich danke schön, ich darf nichts annehmen!« rief Schneeweißchen. »Denkst wohl gar, der Apfel wäre vergiftet? Siehst du, da beiße ich selber hinein! Das schmeckt einmal gut! So hast du in deinem ganzen Leben keinen Apfel gegessen.« Dabei biss das trügerische Weib in die Seite des Apfels, die nicht vergiftet war, und da wurde Schneeweißchen lüstern und griff nach dem Apfel hinaus, und die Bäuerin reichte ihn hin und blieb stehen. Kaum hatte Schneeweißchen den Apfel auf der andern Seite angebissen, wo er ein schönes rotes Bäckchen hatte, so wurden Schneeweißchens rote Bäckchen ganz blaß, und es fiel um und war tot.

»Nun bist du aufgehoben, Ding!« sprach die Königin und ging fort, und zu Hause trat sie vor den Spiegel und fragte wieder:

»Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst' im ganzen Land?«

Und der Spiegel antwortete dieses Mal:

»Ihr, Frau Königin, seid allein die Schönst' im Land!«

Nun war das Herz der bösen Königin zufrieden, soweit ein Herz voll Bosheit und Tücke und Mordschuld zufrieden sein kann.

Aber wie sehr erschraken die sieben guten Zwerge, als sie abends nach Hause kamen und ihr Schneeweißchen ganz tot fanden. Vergebens suchten sie nach einer Ursache, und vergebens versuchten sie die Wunderkraft ihrer Goldtinktur, Schneeweißchen war und blieb jetzt tot.

Da legten die betrübten Zwerglein das liebe Kind auf eine Bahre und setzten sich darum herum und weinten drei Tage lang, hernach wollten sie es begraben. Aber da Schneeweißchen noch nicht wie tot aussah, sondern noch frisch wie ein Mägdlein, das schläft, so wollten sie es nicht in die Erde senken, sondern sie machten einen schönen Sarg von Glas, da hinein legten sie es und schrieben darauf: Schneeweißchen, eine Königstochter – und setzten dann den Sarg auf einen von den sieben Bergen, und hielt immer einer von ihnen Wache bei dem Sarge. Da kamen auch die Tiere aus dem Walde und weinten über Schneeweißchen, die Eule, der Rabe und das Täubelein.

Und so lag Schneeweißchen lange Jahre in dem Sarge, ohne dass es verweste, vielmehr sah es noch so frisch und so weiß aus wie frischgefallener Schnee, und es hatte wieder rote Wängelein wie frische Blutröschen und die schwarzen ebenholzfarbenen Haare. Da kam ein junger schöner Königssohn zu dem kleinen Zwergenhäuslein, der sich verirrt hatte in den sieben Bergen, und sah den gläsernen Sarg stehen und las die Schrift darauf: Schneeweißchen, eine Königstochter – und bat die Zwerge, ihm doch den Sarg mit Schneeweißchen zu überlassen, er wolle denselben ihnen abkaufen.

Die Zwerge aber sprachen: »Wir haben Goldes die Fülle und brauchen deines nicht! Und um alles Gold in der Welt geben wir den Sarg nicht her.« »So schenkt ihn mir!« bat der Königssohn. »Ich kann nicht sein ohne Schneeweißchen, ich will es aufs höchste ehren und heilig halten, und es soll in meinem schönsten Zimmer stehen; ich bitte euch darum!«

Da wurden die Zwerglein von Mitleid bewegt, und schenkten ihm Schneeweißchen im gläsernen Sarge. Den gab er seinen Dienern, dass sie ihn vorsichtig forttrügen, und er folgte sinnend nach. Da stolperte der eine Diener über eine Baumwurzel, dass der Sarg schütterte, und sie hätten ihn beinahe fallen lassen, und durch das Schüttern fuhr das giftige Stückchen Apfel, das Schneeweißchen noch im Munde hatte (weil es umgefallen war, ehe es den Bissen verschluckt), heraus, und da war es mit einem Male wieder lebendig.

Geschwind ließ es der Königssohn niedersetzen, öffnete den Sarg und hob es mit seinen Armen heraus und erzählte ihm alles und gewann es nun erst recht lieb und nahm es zu seiner Gemahlin, führte es auch gleich in seines Vaters Schloss, und es wurde zur Hochzeit zugerüstet mit großer Pracht, auch viele hohe Gäste wurden geladen, darunter auch die böse Königin. Die putzte sich auf das allerschönste, trat vor ihren Spiegel und fragte wieder:

»Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst' im ganzen Land?«

Darauf antwortete der Spiegel:

»Frau Königin, Ihr seid die Schönst' allhier,
Aber die junge Königin
ist noch tausendmal schöner als Ihr!«

Da wusste die Königin nicht, was sie vor Neid und Scheelsucht sagen und anfangen sollte, und es wurde ihr ganz bange ums Herz, und sie wollte erst gar nicht auf die Hochzeit gehen; dann wollte sie aber doch die sehen, die schöner sei als sie, und fuhr hin. Und wie sie in den Saal kam, trat ihr Schneeweißchen als die allerschönste Königsbraut entgegen, die es jemals gegeben, und da mochte sie vor Schrecken in die Erde sinken.

Schneeweißchen aber war nicht allein die Allerschönste, sondern sie hatte auch ein großes edles Herz, das die Untaten, die die falsche Frau an ihr verübt, nicht selbst rächte. Es kam aber ein giftiger Wurm, der fraß der bösen Königin das Herz ab, und dieser Wurm war der Neid.

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Mehrfach online verfügbar, so bei Zeno.org

Vgl. Ludwig Bechstein: Deutsches Märchenbuch. Mit den Stahlstichen von Carl Wilhelm Schurig und Andreas Wolfgang Brennhäuser und ausgewählten Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter. Hrsg. von Hans-Heino Ewers (Universal-Bibliothek Nr. 9483) Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1996.

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4. Werbemarken "Aecht Franck"

Werbemarke Werbemarke Aecht Franck, Märchenserie Schneewittchen
Werbemarke Aecht Franck, Märchenserie SchneewittchenWerbemarke Aecht Franck, Märchenserie Schneewittchen

Werbemarke Aecht Franck, Märchenserie Schneewittchen

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"Reklamemarken oder Werbemarken (auch Verschlussmarken genannt) sind Bildmarken mit Werbemotiven. Die Bezeichnung leitet sich von der Briefmarke ab, deren Charakter sie imitieren." (Wikipedia) Sie sind in der Regel gezähnt, haben meist eine Gummierung und erschienen häufig als Serien. Entstanden Ende des 19. Jahrhunderts, lag der Höhepunkt ihrer Verbreitung vor dem Ersten Weltkrieg. "Von einer Geschichte des Sammelns von Gelegenheitsmarken kann [...] ab 1897 gesprochen werden, in welchem Jahre die Gelegenheitsmarkensammler das erste mal in den Sammlerzeitschriften vor die Öffentlichkeit traten." (1)

Geworben wurde vor allem für Haushaltsartikel: "Kaffee-Ersatz, Kleidung, Kosmetika, Putz- und Waschmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs, Heizmaterial und Zünder, Schreibwaren für Schule und Haus, Süßwaren, Gesundheits- und Genussmittel" (Wasem, S. 225), Zigaretten und Zigarettenpapier u.a.m. Werbemarken wurden für Firmen aller Art, Buch- und Presseverlage, Ausstellungen und Messen, Versicherungen, (Geld)Lotterien für wohltätige Zwecke und vieles mehr genutzt. Eine eigene Gruppe bilden dabei die "Gelegenheitsmarken" (2) Besonders bei Ausstellungen und Messen handelt es sich häufig um "Kleinplakate", die Werbeplakate verkleinert wiedergeben.

Die Firma Heinr. Franck Söhne geht zurück auf die Gründung der "Landkaffee Manufaktur" 1828 in Vaihingen an der Enz. 1868 wurde das Stammwerk nach Ludwigsburg verlegt. 1913 gehörten der Firma insgesamt 27 Francksche Zichorienfabriken in elf Staaten. Die Werbung "begann etwa um 1890 und zeigte bereits zur Jahrhundertwende eine beachtliche Vielfalt. Für 'Aecht Franck' (mit der Kaffeemühle als "Wahrzeichen") wurde auf Ausstellungen, in Tageszeitungen, in Schaufenstern und mit Außenplakaten wie auch mit Werbepostkarten und Reklamemarken geworben (Firmengeschichte). Die Werbemarken "Aecht Franck", die für Kaffee (Kaffeezusatz, Feigenkaffee, Kornkaffee) werben, enthalten mehrere Serien mit Nummern zum Sammeln: "Dichterserie" (Porträts), "Märchenserie" (Dornröschen, Hansel [!] und Gretel, Schneewittchen), "Regentenserie", "Wittelsbacher Serie", "Deutschlands Heldenserie", "Trachten", Zwerge und Monatsbilder. Einige Karten sind von dem Illustrator, Grafiker und Maler Fritz Reiss (1857-1915), andere von dem populären Illustrator Fedor Flinzer (1832-1911) gestaltet worden.

Anmerkungen:
(1) Férénc Kölbig: Die Geschichte des Gelegenheitsmarkensammelns. Klagenfurt: Werbusieg 1926. Zit. nach veikkos-archiv, Marken-Geschichte.
(2) " Gelegenheitsmarken sind Marken, die zu Ehren eines Ereignisses – einer Gelegenheit geschaffen wurden, als da zum Beispiel sind: Ausstellungen, Messen, Märkte, Jubiläen, Feste, Feiern, Tage, Tagungen, Versammlungen, Reisen, Flüge, Auszeichnungen, patriotische, politische und kriegerische Ereignisse, Daten aus dem Leben hervorragender Persönlichkeiten, aus der Geschichte der Völker usw. usw." R. Tramnitz, in: Die deutschen Gelegenheitsmarken. Blätter für Sammler, Bernburg 1928. Zit. nach veikkos-archiv, Marken-Geschichte.

Literatur:
* Christa Pieske: Das ABC des Luxuspapiers. Herstellung, Verarbeitung und Gebrauch 1860 bis 1930. Berlin: Dietrich Reimer 1984. Darin Erich Wasem: Reklamemarken, S. 223-226. ISBN 3-496-01023-1

Weblinks:
* Werbemarke in Wikipedia
* Günter Schweigers virtuelles Reklamemarken-Museum
* veikkos-archiv (Bildarchiv, mit Künstler- und Personenverzeichnis;
Beiträge zur "Marken-Geschichte")
* Heinr. Franck Söhne [Firmengeschichte]

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Aus einem Märchenquartett

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Verlag und Künstler dieses Märchenquartetts sind nicht bekannt. Zu den literarischen Quartetten siehe

Dichter- und Zitatenquartett
Mit Bildnissen von Karl Bauer
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6623

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5. Notizen zu den Künstlern

Franz Hein, Maler, Graphiker und Illustrator, geboren 1863 in Altona, gestorben 1927 in Leipzig. Mitglied der Grötzinger Malerkolonie. "1896 Gründungsmitglied des Karlsruher Künstlerbundes, dessen Präsident er 1899-1902 war; in dieser Funktion veranlasste er 1901 das Zusammenwirken des Künstlerbundes mit dem Leipziger Verlag B. G. Teubner [sowie dem Leipziger Verlag R. Voigtländer auf dem Gebiet der Künstlersteinzeichnungen." Seit 1905 Professor an der Leipziger Akademie. (Ries, hieraus auch das Zitat)

Vgl. Farblithographien des Karlsruher Künstlerbundes um 1900. Karlsruhe: Städt. Galerie im Prinz-Max-Palais 1987. Insbesondere S. 14. ISBN 3-923344-10-4

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Albert Hendschel, Zeichner und Maler, geboren 1834 in Frankfurt a. M., gestorben daselbst 1883; bekannt durch sein humoristisches »Skizzenbuch« (4 Bde., 1872-94).

Quelle: Brockhaus. Kleines Konversations-Lexikon. Elektronische Volltextedition der fünften Auflage von 1911 (Digitale Bibliothek; 50) Berlin: Directmedia 2004, S. 31.128. Redigiert.

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Paul Hey, Maler und Illustrator, geboren 1867 in München und gestorben 1952 in Gauting bei München, Mitglied des Süddeutschen Illustratorenbundes, war ein überaus produktiver und sehr beliebter Illustrator. (Ries) Über ihn liegt eine Biografie und ein Werkverzeichnis vor:

Carolin Raffelsbauer: Paul Hey - der Maler heiler Welten. Eine kultur- und literaturgeschichtliche Untersuchung zur illustrativen Gebrauchskunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. München: Herbert Utz 2007 (Kulturgeschichtliche Forschungen; 30). ISBN 978-3-8316-0675-7

Eintrag in Wikipedia

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Karl Lürtzing, Maler und Radierer, geboren 4.6.1872 in Jüchsen, gestorben 27.9.1911 in Erfurt, tätig in Nürnberg 1887-1911. (Thieme-Becker, bildindex).

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Ludwig Richter, Landschafts- und Genremaler und Illustrator, geb. 1803 zu Dresden und gestorben 1884 in Loschwitz, 1841-77 Prof. an der Kunstakademie Dresden. Bekannt durch zahlreiche Holzschnittillustrationen zu volkstümlichen Dichtungen, Märchen etc.

Quelle: Brockhaus. Kleines Konversations-Lexikon. Elektronische Volltextedition der fünften Auflage von 1911 (Digitale Bibliothek; 50) Berlin: Directmedia 2004, S. 63.114. Redigiert, gekürzt. - Eintrag in Wikipedia.

Vgl. Das Ludwig Richter Album. Sämtliche Holzschnitte. Einleitung von Wolf Stubbe. 2 Bde. Herrsching: Manfred Pawlak o.J.

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Kurt von Rozynski, Bildhauer, Genremaler und Illustrator, geboren 1864 in Schippenbeil / Ostpreußen, lebte in Berlin. Todesdatum unbekannt. (Ries). Vgl. Eintrag in Wikipedia.

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Erich Schütz, Maler und Illustrator, geboren 1886 in Pogancec (Kroatien) und gestorben 1937 in Wien, war um 1920 in Wien und 1933 in Innsbruck tätig (Peter Krause / Josef Schantl: Bildpostkarten-Katalog. Wien 2001, S. 152).

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Victor Thomas, Maler, Lithograph und Illustrator, geboren 1854 in Marburg / Lahn, lebte in München, wo er 1855 - 1932 nachgewiesen ist. Todesdatum unbekannt. (Ries)

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Adolf Schrödter, Arabeskenfries zu dem Märchen Schneewitchen und die sieben Zwerge

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Adolf Schrödter (1805-1875): Zwerge decken einen Tisch aus dem Märchen "Schneewitchen und die sieben Zwerge". Arabeskenfries um 1850. Aquarell und Gouache über brauner Feder. Höhe 8,5; Breite 47 cm. In: Deutsche Druckgraphik und Handzeichnungen des 19. Jahrhunderts. Katalog Emanuel von Baeyer, London [1999]. Nr. 102.

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Einen Überblick über die Märchen- und Sagenmotive
im Goethezeitportal finden sie hier.

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