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Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
Illustriert von Albert Weisgerber

Eingestellt: September 2017

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Martin Gerlach veröffentlichte in seinem seit 1874 in Wien ansässigen Verlag die kleinformatige, sorgfältig gestaltete Reihe "Gerlach's Jugendbücherei", für die er namhafte Künstler als Illustratoren und den Schulmann Hans Fraungruber als Redakteur gewann. Das Goethezeitportal publiziert aus den von Albert Weisgerber (1878-1915) illustrierten Märchen der Brüder Grimm eine Auswahl: "Die Eule", "Die sieben Raben" und " Des Teufels rußiger Bruder". Das quadratische Format, der abstrakt kleinmustrige Einband und das Vorsatz-Papier (im Rapport zwei alte Frauen unter Bäumchen auf Treppenanlage, die jeweils wie eine Maske wirken) verweisen auf den Wiener Secessionsstil. Die zahlreichen Illustrationen Weisgerbers - teilweise ganzseitige bunte, zumeist aber kleinere in den Text eingefügte links- und rechts- oder ober- und unterrandige, schwarzweiß oder farbig unterlegte Illustrationen unterschiedlicher Größe - werden hier in ihrer Anordnung nachgestaltet. Weisgerbers formal und stilistisch sehr unterschiedliche kleine Kompositionen bieten eine Mixtur aus Jugendstil und stilisiertem Historismus. Er verblüfft durch groteske und witzige Bildideen, überraschende Perspektiven, variantenreiche Illustrationformen und -kombinationen, die auch als uneinheitliches Sammelsurium diverser Illustrationsmöglichkeiten (auch in Anlehnung an zeitgenössische Künstler) gelesen werden können. Das Büchlein ist eine frühe Arbeit (um 1901) des wenig später berühmten, eigenwilligen Jugendstil-Plakatkünstlers, "Jugend"-Mitarbeiters und Jugendstil-Malers.

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Gliederung

1. Märchen der Brüder Grimm.
Illustriert von Albert Weisgerber
1.1 Die Eule
1.2 Die sieben Raben
1.3 Des Teufels rußiger Bruder
2. Kurzbiographie von Albert Weisgerber
3. Notizen zu Hans Fraungruber
4. Notizen zum Verlag von Martin Gerlach & Co.
5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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Vorlage:
Gerlach's Jugendbücherei [Bd. 3]. Kinder- und Hausmärchen nach Sammlung der Brüder Grimm. Texte gesichtet von Hans Fraungruber. Bilder von A[lbert] Weisgerber. Verlag von Martin Gerlach 6 Co. Wien und Leipzig [1901]. Druck von Friedrich Jasper in Wien. Höhe 15; Breite 13 cm. 
- Vorderer Umschlag, Vorsatzpapier und Titelei siehe oben.

Inhalt

Die Eule
Die sieben Raben
Der Fuchs und die Gänse
Des Teufels rußiger Bruder
Märchen von einem, der auszog
   das Fürchten zu lernen
Von dem Tode des Hühnchens
Die sieben Schwaben
Hänsel und Gretel
Die drei Glückskinder
Fundevogel
Der Teufel und seine Großmutter

Wiedergegeben werden hier:
* Die Eule
* Die sieben Raben
*Des Teufels rußiger Bruder

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1. Märchen der Brüder Grimm
Illustriert von Albert Weisgerber

1.1 Die Eule

Vor ein paar hundert Jahren, als die Leute noch lange nicht so klug und verschmitzt waren wie sie heutzutage sind, hat sich in einer kleinen Stadt eine seltsame Geschichte zugetragen. Von Ungefähr war eine von den großen Eulen, die man Schuhu nennt, aus dem benachbarten Walde bei nächtlicher Weile in die Scheuer eines Bürgers gerathen und wagte sich, als der Tag anbrach, nicht wieder aus ihrem Schlupfwinkel heraus, aus Furcht vor den andern Vögeln, die, wenn sie sich blicken lässt, ein furchtbares Geschrei erheben. Als nun der Hausknecht morgens in die Scheuer kam, um Stroh zu holen, erschrak er bei dem Anblick der Eule, die da in einer Ecke saß, so gewaltig, dass er fortlief und seinem Herrn ankündigte, ein Ungeheuer, wie er Zeit seines Lebens keins erblickt hätte, säße in der Scheuer, drehte die Augen im Kopf herum und könnte einen ohne Umstände verschlingen. „Ich kenne dich schon,“ sagte der Herr, „einer Amsel im Felde nachzujagen, dazu hast du Muth genug, aber wenn du ein todtes Huhn liegen siehst, so holst du dir erst einen Stock, ehe du ihm nahe kommst.

Ich muss nur selbst einmal nachsehen, was das für ein Ungeheuer ist“ setzte der Herr hinzu, gieng ganz tapfer zur Scheuer hinein und blickte umher. Als er aber das seltsame und greuliche Thier mit eigenen Augen sah, so gerieth er in nicht geringere Angst als der Knecht. Mit ein paar Sätzen sprang er hinaus, lief zu seinen Nachbarn und bat sie flehentlich, ihm gegen ein unbekanntes und gefährliches Thier Beistand zu leisten; ohnehin könnte die ganze Stadt in Gefahr kommen, wenn es aus der Scheuer, wo es säße, herausbräche. Es entstand großer Lärm und Geschrei in allen Straßen; die Bürger kamen mit Spießen, Heugabeln, Sensen und Äxten bewaffnet herbei, als wollten sie gegen den Feind ausziehen; zuletzt erschienen auch die Herren des Rathes mit dem Bürgermeister an der Spitze. Als sie sich auf dem Markte geordnet hatten, zogen sie zu der Scheuer und umringten sie von allen Seiten. Hierauf trat einer der beherztesten hervor und gieng mit gefälltem Spieß hinein, kam aber gleich darauf mit einem Schrei und todtenbleich wieder herausgelaufen und konnte kein Wort hervor bringen. Noch zwei andere wagten sich hinein, es ergieng ihnen aber nicht besser.

Endlich trat einer hervor, ein großer starker Mann, der wegen seiner Kriegsthaten berühmt war, und sprach: „Mit bloßen Ansehen werdet ihr das Ungethüm nicht vertreiben, hier muss Ernst gebraucht werden; aber ich sehe, dass ihr alle zu Weibern geworden seid und keiner den Fuchs beißen will.“ Er ließ sich Harnisch, Schwert und Spieß bringen und rüstete sich. Alle rühmten seinen Muth, obgleich viele um sein Leben besorgt waren. Die beiden Scheuerthore wurden aufgethan, und man erblickte die Eule, die sich indessen in die Mitte auf einen großen Querbalken gesetzt hatte. Er ließ eine Leiter herbeibringen, und als er sie anlegte und sich bereitete hinaufzusteigen, so riefen ihm alle zu, er solle sich männlich halten, und empfahlen ihn dem heiligen Georg, der den Drachen getödtet hatte. Als er bald oben war, und die Eule sah, dass er an sie wollte, auch von der Menge und dem Geschrei des Volks verwirrt war und nicht wusste wo hinaus, so verdrehte sie die Augen, sträubte die Federn, sperrte die Flügel auf, gnappte mit dem Schnabel und ließ ihr schuhu, schuhu mit rauher Stimme hören. „Stoß' zu, stoß' zu!“ rief die Menge draußen dem tapfern Helden zu. „Wer hier stände, wo ich stehe,“ antwortete er, „der würde nicht 'stoß zu!' rufen.“ Er setzte zwar den Fuß noch eine Staffel höher, dann aber fieng er an zu zittern und machte sich halb ohnmächtig auf den Rückweg. 

Nun war keiner mehr übrig, der sich in die Gefahr hätte begeben wollen. „Das Ungeheuer,“ sagten sie, „hat den stärksten Mann, der unter uns zu finden war, durch sein Gnappen und Anhauchen allein vergiftet und tödlich verwundet, sollen wir andern auch unser Leben in die Schanze schlagen?“ Sie rathschlagten, was zu thun wäre, wenn die ganze Stadt nicht sollte zu Grunde gehen. Lange Zeit schien alles vergeblich, bis endlich der Bürgermeister einen Ausweg fand. „Meine Meinung geht dahin,“ sprach er, „dass wir aus gemeinem Säckel diese Scheuer sammt allem, was darin liegt, Getreide, Stroh und Heu, dem Eigenthümer bezahlen und ihn schadlos halten, dann aber das ganze Gebäude und mit ihm das fürchterliche Thier abbrennen, so braucht doch niemand sein Leben daranzusetzen. Hier ist keine Gelegenheit zu sparen, und Knauserei wäre übel angewendet.“ Alle stimmten ihm bei. Also ward die Scheuer an vier Ecken angezündet und mit ihr die Eule jämmerlich verbrannt. Wer's nicht glauben will, der gehe hin und frage selbst nach.

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1.2 Die sieben Raben

Ein Mann hatte sieben Söhne und immer noch kein Töchterchen, so sehr er sich's auch wünschte; endlich bekam er auch ein Mädchen. Die Freude war groß, aber das Kind war schmächtig und klein und sollte wegen seiner Schwachheit die Nothtaufe haben. Der Vater schickte einen der Knaben eilends zur Quelle, Taufwasser zu holen; die andern sechs liefen mit, und weil jeder der erste beim Schöpfen sein wollte, so fiel ihnen der Krug in den Brunnen. Da standen sie und wussten nicht, was sie thun sollten, und keiner getraute sich heim. Als sie immer nicht zurück kamen, ward der Vater ungeduldig und sprach: „Gewiss haben sie's wieder über ein Spiel vergessen, die gottlosen Jungen.“ Es ward ihm angst, das Mädchen müsste ungetauft verscheiden, und im Ärger rief er:„Ich wollte, dass die Jungen alle zu Raben würden.“ Kaum war das Wort ausgeredet, so hörte er ein Geschwirr über seinem Haupt in der Luft, blickte in die Höhe und sah sieben kohlschwarze Raben auf und davon fliegen. 

Die Eltern konnten die Verwünschung nicht mehr zurücknehmen, und so traurig sie über den Verlust ihrer sieben Söhne waren, trösteten sie sich doch einigermaßen durch ihr liebes Töchterchen, das bald zu Kräften kam und mit jedem Tage schöner ward. Es wusste lange Zeit nicht einmal, dass es Geschwister gehabt hatte, denn die Eltern hüteten sich, ihrer zu erwähnen, bis es eines Tags von ungefähr die Leute von sich sprechen hörte, das Mädchen wäre wohl schön, aber doch eigentlich schuld an dem Unglücke seiner sieben Brüder. Da ward es ganz betrübt, gieng zu Vater und Mutter und fragte, ob es denn Brüder gehabt hätte, und wo sie hingerathen wären? Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht länger verschweigen, sagten jedoch, es sei so des Himmels Verhängnis und seine Geburt nur der unschuldige Anlass gewesen. Allein das Mädchen machte sich täglich ein Gewissen daraus und glaubte, es müsste seine Geschwister wieder erlösen.

Es hatte nicht Ruhe und Rast, bis es sich heimlich aufmachte und in die weite Welt gieng, seine Brüder irgendwo aufzuspüren und zu befreien, es möchte kosten, was es wollte. Es nahm nichts mit sich, als ein Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen Laib Brot für den Hunger, ein Krüglein Wasser für den Durst und ein Stühlchen für die Müdigkeit. Nun gieng es immer zu, weit, weit, bis an der Welt Ende.

Da kam es zur Sonne, aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder. Eilig lief es weg und lief hin zu dem Mond, aber der war gar zu kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind merkte, sprach er:„Ich rieche, rieche Menschenfleisch.“

Da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besonderen Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach:„Wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberge da sind deine Brüder.“ 


Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein und gieng wieder fort, so lange, bis es an den Glasberg kam. Das Thor war verschlossen, und es wollte das Beinchen hervor holen; aber wie es das Tüchlein aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? Seine Brüder wollte es erretten und hatte keinen Schlüssel zum Glasberg. Das gute Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen ab, steckte es in das Thor und schloss glücklich auf.

Als es eingegangen war, kam ihm ein Zwerglein entgegen, das sprach: „Mein Kind, was suchst du?“ – „Ich suche meine Brüder, die sieben Raben,“ antwortete es. Der Zwerg sprach: „Die Herren Raben sind nicht zu Hause, aber willst du hier so lange warten, bis sie kommen, so tritt ein.“ Darauf trug das Zwerglein die Speise der Raben herein auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen, und von jedem Tellerchen aß das Schwesterchen ein Bröckchen, und aus jedem Becherchen trank es ein Schlückchen; in das letzte Becherchen aber ließ es das Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte. Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da sprach das Zwerglein: „Jetzt kommen die Herren Raben heimgeflogen.“

Da kamen sie, wollten essen und trinken, und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Da sprach einer nach dem andern: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen.“ Und wie der siebente auf den Grund des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen. Da sah er es an und erkannte, dass es ein Ring von Vater und Mutter war, und sprach: „Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, so wären wir erlöst.“

Wie das Mädchen, das hinter der Thüre stand und lauschte, den Wunsch hörte, so trat es hervor, und da bekamen alle Raben ihre menschliche Gestalt wieder. Und sie herzten und küssten einander und zogen fröhlich heim.

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1.3 Des Teufels rußiger Bruder

Ein abgedankter Soldat hatte nichts zu leben und wusste sich nicht mehr zu helfen. Da gieng er hinaus in den Wald, und als er ein Weilchen gegangen war, begegnete ihm ein kleines Männchen, das war aber der Teufel. Das Männchen sagte zu ihm: „Was fehlt dir? du siehst ja so trübselig aus.“ Da sprach der Soldat: „Ich habe Hunger, aber kein Geld.“ Der Teufel sagte: „Willst du dich bei mir vermiethen und mein Knecht sein, so sollst du für dein Lebtag genug haben; sieben Jahre sollst du mir dienen, hernach bist du wieder frei. Aber eins sag ich dir: Du darfst dich nicht waschen, nicht kämmen, nicht schnippen, keine Nägel und Haare abschneiden und kein Wasser aus den Augen wischen.“ Der Soldat sprach: „Frisch dran, wenn's nicht anders sein kann,“ und gieng mit dem Männchen fort, das führte ihn geradewegs in die Hölle hinein. Dann sagte es ihm, was er zu thun hätte: er müsste das Feuer schüren unter den Kesseln, wo die Höllenbraten drin säßen, das Haus rein halten, den Kehricht hinter die Thüre tragen und überall auf Ordnung sehen; aber guckte er ein einziges Mal in die Kessel hinein, so würde es ihm schlimm ergehen. Der Soldat sprach: „Es ist gut, ich will's schon besorgen.“ Da gieng nun der alte Teufel wieder hinaus auf seine Wanderung, und der Soldat trat seinen Dienst an, legte Feuer zu, kehrte und trug den Kehricht hinter die Thüre, alles, wie es befohlen war. Wie der alte Teufel wieder kam, sah er nach, ob alles geschehen sei, zeigte sich zufrieden und gieng zum zweitenmal fort. Der Soldat schaute sich nun einmal recht um, da standen die Kessel rings herum in der Hölle und war ein gewaltiges Feuer darunter, und es kochte und brutzelte darin. Er hätte für sein Leben gerne hinein geschaut, wenn es ihm der Teufel nicht so streng verboten hätte; endlich konnte er sich nicht mehr anhalten, hob vom ersten Kessel ein klein bisschen den Deckel auf und guckte hinein. Da sah er seinen ehemaligen Unteroffizier darin sitzen. „Aha, Vogel,“ sprach er, „treff' ich dich hier? Du hast mich gehabt, jetzt hab' ich dich,“ ließ geschwind den Deckel fallen, schürte das Feuer und legte noch frisch zu. Danach gieng er zum zweiten Kessel, hob ihn auch ein wenig auf und guckte; da saß sein Fähnrich darin. „Aha, Vogel, treff' ich dich hier? Du hast mich gehabt, jetzt hab' ich dich,“ machte den Deckel wieder zu und trug noch einen Klotz herbei, der sollte ihm erst recht heiß machen. Nun wollte er auch sehen, wer im dritten Kessel säße; da war's gar ein General. „Aha, Vogel, treff ich dich hier? Du hast mich gehabt, jetzt hab' ich dich,“ holte den Blasbalg und ließ das Höllenfeuer recht unter ihm flackern. Also that er sieben Jahr seinen Dienst in der Hölle, wusch sich nicht, kämmte sich nicht, schnippte sich nicht, schnitt sich die Nägel und Haare nicht und wischte sich kein Wasser aus den Augen; und die sieben Jahre waren ihm so kurz, dass er meinte, es wäre nur ein halbes Jahr gewesen. Als nun die Zeit vollends herum war, kam der Teufel und sagte:„Nun, Hans, was hast du gemacht?“– „Ich habe das Feuer unter den Kesseln geschürt, ich habe gekehrt und den Kehricht hinter die Thüre getragen.“ – „Aber du hast auch in die Kessel geguckt; dein Glück ist, dass du noch Holz zugelegt hast, sonst war dein Leben verloren; jetzt ist deine Zeit herum, willst du wieder heim?“ – „Ja,“ sagte der Soldat, „ich wollt' auch gerne sehen, was mein Vater daheim macht.“ Sprach der Teufel: „Damit du deinen verdienten Lohn kriegst, geh' und raffe dir deinen Ranzen voll Kehricht und nimm's mit nach Haus. Du sollst auch gehen ungewaschen und ungekämmt, mit langen Haaren am Kopfe und am Bart, mit ungeschnittenen Nägeln und mit trüben Augen, und wenn du gefragt wirst, woher du kämst, sollst du sagen „aus der Hölle“, und wenn du gefragt wirst, wer du wärst, sollst du sagen „des Teufels rußiger Bruder und mein König auch.“ Der Soldat schwieg still und that, was der Teufel sagte, aber er war mit seinem Lohn gar nicht zufrieden.

Sobald er nun wieder oben im Wald war, hob er seinen Ranzen vom Rücken und wollt' ihn ausschütten: wie er ihn aber öffnete, so war der Kehricht pures Gold geworden. „Das hätte ich mir nicht gedacht,“ sprach er, war vergnügt und gieng in die Stadt hinein. Vor dem Wirtshause stand der Wirt, und wie ihn der herankommen sah, erschrak er, weil Hans so entsetzlich aussah, ärger als eine Vogelscheuche. Er rief ihn an und fragte: „Woher kommst du?“ – „Aus der Hölle.“ – „Wer bist du?“ – „Des Teufels rußiger Bruder und mein König auch.“ Nun wollte der Wirt ihn nicht einlassen, wie er ihm aber das Gold zeigte, gieng er und klinkte selber die Thüre auf. Da ließ sich Hans die beste Stube geben und köstlich aufwarten, aß und trank sich satt, wusch sich aber nicht und kämmte sich nicht, wie ihm der Teufel geheißen hatte, und legte sich endlich schlafen. Dem Wirt aber stand der Ranzen voll Gold vor Augen und ließ ihm keine Ruhe, bis er in der Nacht hinschlich und ihn wegstahl.

Wie nun Hans am andern Morgen aufstand, den Wirt bezahlen und weiter gehen wollte, da war sein Ranzen weg. Er fasste sich aber kurz, dachte: „Du bist ohne Schuld unglücklich gewesen,“ und kehrte wieder um, geradezu in die Hölle; da klagte er dem alten Teufel seine Noth und bat ihn um Hilfe. Der Teufel sagte: „Setze dich, ich will dich waschen, kämmen, schnippen, die Haare und Nägel schneiden und die Augen auswischen,“ und als er mit ihm fertig war, gab er ihm den Ranzen wieder voll Kehrdreck und sprach: „Geh hin, und sage dem Wirt, er sollte dir dein Gold wieder herausgeben, sonst wollt' ich kommen und ihn abholen, und er sollte an deinem Platze das Feuer schüren.“ Hans gieng hinauf und sprach zum Wirt: „Du hast mein Gold gestohlen, gibst du's nicht wieder, so kommst du in die Hölle an meinen Platz, und sollst aussehen so greulich wie ich.“ Da gab ihm der Wirt das Gold und noch mehr dazu, und bat ihn, nur still davon zu sein; und Hans war nun ein reicher Mann.

Hans machte sich auf den Weg heim zu seinem Vater, kaufte sich einen schlechten Linnenkittel auf den Leib, gieng herum und machte Musik, denn das hatte er beim Teufel in der Hölle gelernt. Es war aber ein alter König im Land, vor dem musst er spielen, und der gerieth darüber in solche Freude, dass er dem Hans seine älteste Tochter zur Ehe versprach. Als die aber hörte, dass sie so einen gemeinen Kerl im weißen Kittel heiraten sollte, sprach sie: „Eh' ich das thät', wollt' ich lieber ins tiefste Wasser gehen.“ Da gab ihm der König die jüngste, die wollt's ihrem Vater zuliebe gerne thun; und also bekam des Teufels rußiger Bruder die Königstochter und als der alte König gestorben war, auch das ganze Reich.

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2. Kurzbiographie von Albert Weisgerber

Albert Weisgerber, geb. 21. 4. 1878 in St. Ingbert, wurde 1891-1894 in der Kreisbaugewerbeschule in Kaiserslautern ausgebildet und besuchte von 1894 bis 1897 die Kunstgewerbeschule in München. "Danach studierte er 1897 bis 1901 an der Akademie der Bildenden Künste in München, zunächst bei Gabriel Hackl und später bei Franz von Stuck, dessen Meisterschüler er wurde. Seit 1897 arbeitete er als Zeichner für die Zeitschrift 'Die Jugend', was er als Broterwerb bis zum Jahr 1913 beibehielt." (Wikipedia) Studienreisen führten ihn u.a. nach Paris und Florenz, wo er sich mit der dortigen Kunstszene auseinander setzte. 1913 wurde er Mitbegründer und erster Präsident der 'Münchener Neuen Secession'. Weisgerber fiel bei Kämpfen um Lille am 10. Mai 1915.

* Eintrag in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Weisgerber
* Künstlerlexikon Saar
http://www.kuenstlerlexikonsaar.de/grafik/artikel/-/weisgerber-albert/
* Albert Weisgerber. Retrospektive, 1878-1915 [anlässlich der Ausstellung: Albert Weisgerber (1878-1915) Retrospektive, Saarlandmuseum, Moderne Galerie, Saarbrücken 2015]. Hrsg. von Roland Mönig. Bielefeld: Kerber 2015. Hier S. 58 über Brotarbeiten zum Lebensunterhalt. - ISBN 978-3-7356-0091-2

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3. Notizen zu Hans Fraungruber

Hans Fraungruber, geb. 26.1.1863 in Obersdorf (Steiermark), gest. 7. August 1933 in Maria Enzersdorf, war als Lehrer, Redakteur und Schriftsteller (steirischer Mundartlyriker) tätig. "1881 war er zunächst in Christofen bei Neulengbach als Lehrer beschäftigt, ehe er von 1884 bis zu seiner Pensionierung in Wien tätig war. Er lehrte zunächst an der Volksschule Stumpergasse in Wien-Mariahilf, von 1909 bis 1917 an der Volksschule Gumpendorfer Straße 4, ebenfalls in Mariahilf. Zuletzt war er dort Direktor. [...] 1917 übernahm Fraungruber die Redaktion der Zeitschrift 'Das deutsche Volkslied' und war nach dem Ersten Weltkrieg als Beamter des Unterrichtsministeriums Mitglied des Lesebuchausschusses. Er war Herausgeber von Gerlachs Jugendbücherei." (Wikipedia)

Quellen:
* Eintrag in Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Fraungruber
* Eintrag in Österreichisches Biographisches Lexikon (ÖBL)
http://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_F/Fraungruber_Hans_1863_1933.xml
* Wien Geschichte Wiki
https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Hans_Fraungruber

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4. Notizen zum Verlag von Martin Gerlach & Co.

Martin Gerlach, Verleger und Photograph, geb. 13.3.1846 in Hanau, gest. 9.4.1918 in Wien, besuchte die Zeichenakademie in Hanau. "Er lernte sechs Jahre die Ziseleur- und Graveurkunst und fertigte Entwürfe sowie Musterzeichnungen für die Gold- und Juwelierbranche." (ÖBL) 1872 gründete er einen Verlag in Berlin, mit Schwerpunkt auf kunstgewerblichen Schriften, den er 1874 nach Wien verlegte. "Zwischen 1901 und 1920 entstanden u.a. 34 illustrierte Kinderbücher ('Gerlachs Jugendbücherei') und 'Meisterwerke deutscher Prosa', für die Gerlach namhafte Künstler gewann," u.a. Gustav Klimt, Max Klinger, Heinrich Lefler, Koloman Moser, Franz von Stuck, Ignatius Taschner und Albert Weisgerber. In einem zeitgenössischen Prospekt heißt es zu "Gerlachs Jugendbücherei": "Durch sinngemäße Verbindung von Lesestoff und Bild, durch innere Übereinstimmung des dichterischen und belehrenden Inhalts mit einer in Formen- und Farbengebung vollendeten künstlerischen Darstellung hofft der Herausgeber ein harmonisches, wahrhaft volkstümliches Kunstwerk geschaffen zu haben, das in gleicher Vertiefung der ästhetischen und sittlichen Ausbildung wie dem Humor und Erholungsbedürfnisse der Leser entspricht." (1) "Bei der Gründung des Verlages für Jugend und Volk im Jahr 1921 wurde 'Gerlachs Jugendbücherei' in das Verlagsprogramm übernommen; sie war der Ausgangspunkt des sich entwickelnden Wiener Lesewerks, eines Schulbuchprojektes der Schulreform nach 1918." (Nachdruckausgabe im Parkland Verlag Stuttgart, hinterer Umschlag)

Als Kommissionsverlag der Stadt Wien veröffentlichte der Verlag Werke zur Geschichte und Topographie der Stadt. "Thematische Schwerpunkte von Gerlachs photographischer Tätigkeit waren Architektur, Ornamentik und Pflanzenstudien [...]. Mit seinen Makro- und Mikroaufnahmen schuf er eine Bildwelt der Formen, wie sie in den 1920er Jahren die Moderne der Neuen Sachlichkeit in der Photographie für sich in Anspruch nehmen sollte." (ÖNB)

(1) E. T. A. Hoffmann, Nußknacker und Mausekönig. Bearbeitet von Hans Fraungruber. Bilderschmuck von Otto Bauriedl und Ernst Kutzer (Gerlach's Jugendbücherei, Bd. 23). Wien und Leipzig: Verlag von Gerlach & Wiedling 1909.Nachdruck im Parkland Verlag in Stuttgart. Zitat S. 84.

Quellen:
* Murray G. Hall: Österreichische Verlagsgeschichte 1918-1938. Bd. I. Geschichte des österreichischen Verlagswesens. Wien: Hermann Böhlaus Nachf. 1985, S. 72-74. ISBN 3-205-07258-8
* Österreichisches Biographisches Lexikon. Online-Edition
http://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_G/Gerlach_Martin_1846_1918.xml
* Zum Verlag "Jugend und Volk" siehe den Eintrag in "Wien Geschichte Wiki"
www.wien.gv.at/wiki/index.php/Jugend_%26_Volk

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Einen Überblick über die Märchen- und Sagenmotive
im Goethezeitportal finden sie hier.

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