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Jutta Assel | Georg Jäger

Hänsel und Gretel
Folge I

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Erstellt: Oktober 2011
Stand: Juni 2015

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[Ohne Titel] Monogrammiert: NH's (?). Verso, Signet: W.&S., darunter H., im Dreieck. Rechts unten: k 42240. Nicht gelaufen.

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Gliederung

1. Brüder Grimm: Hänsel und Grethel
Mit Illustrationen auf Postkarten
2. Ludwig Bechstein: Hänsel und Gretel
Mit Illustrationen von Ludwig Richter und Philipp Grot Johann
3. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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1. Brüder Grimm: Hänsel und Grethel
Mit Illustrationen auf Postkarten

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1. Bild von oben: [Ohne Titel] Signatur im Mittelbild unleserlich. 1905. Verso, Signet: CCM&S [C. C. Meinhold & Söhne, Dresden]. Hänsel und Gretel. Märchen Nr. 316. Beschrieben, aber nicht gelaufen.
2. Bild von oben: Hänsel u. Gretel. Sie müssen in den Wald hinein. Signet: PH im Dreieck. 4217-1. Gelaufen. Poststempel unleserlich.
3. Bild von oben: Hänsel und Gretel. Weisst Du was, Mann? / Wir wollen morgen in aller Frühe / die Kinder in den Wald führen, / wo er am dichtesten ist, u. / dann sind wir sie los. Signet: BNK im Dreieck [Berlin-Neuroder Kunstanstalten, Actiengesellschaft, Berlin] 32958/1. Gelaufen. Poststempel unleserlich.
4. Bild von oben: Hänsel u. Gretel. Bleib brav mein liebes Hänsel. Signet: PH im Kreis. 5217-4. Datiert 1909. Poststempel unleserlich.

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Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Grethel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Theuerung ins Land kam, konnte er auch das täglich Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun Abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herum wälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau „was soll aus uns werden? wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?“ „Weißt du was, Mann,“ antwortete die Frau, „wir wollen Morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist: da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus und wir sind sie los.“ „Nein, Frau,“ sagte der Mann, „das thue ich nicht; wie sollt ichs übers Herz bringen meine Kinder im Walde allein zu lassen, die wilden Thiere würden bald kommen und sie zerreißen.“ „O du Narr,“ sagte sie, „dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobelen,“ und ließ ihm keine Ruhe bis er einwilligte. „Aber die armen Kinder dauern mich doch“ sagte der Mann.

Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten gehört was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Grethel weinte bittere Thränen und sprach zu Hänsel „nun ists um uns geschehen.“ „Still, Grethel,“ sprach Hänsel, „gräme dich nicht, ich will uns schon helfen.“ Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an, machte die Unterthüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz helle, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viel in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann gieng er wieder zurück, sprach zu Grethel „sei getrost, liebes Schwesterchen und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen,“ und legte sich wieder in sein Bett.

Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder, „steht auf, ihr Faullenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen.“ Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach „da habt ihr etwas für den Mittag, aber eßts nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts.“ Grethel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus zurück und that das wieder und immer wieder. Der Vater sprach „Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab Acht und vergiß deine Beine nicht.“ „Ach, Vater,“ sagte Hänsel, „ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.“ Die Frau sprach „Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.“ Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.

Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater „nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert.“ Hänsel und Grethel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau „nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder und ruht euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab.“

Hänsel und Grethel saßen am Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt hörten, so glaubten sie ihr Vater wäre in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug. Und als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Grethel fieng an zu weinen und sprach „wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!“ Hänsel aber tröstete sie, „wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.“ Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und gieng den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neu geschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg. Sie giengen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Thür, und als die Frau aufmachte und sah daß es Hänsel und Grethel war, sprach sie „ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Walde geschlafen, wir haben geglaubt ihr wolltet gar nicht wieder kommen.“ Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen daß er sie so allein zurück gelassen hatte.

Nicht lange danach war wieder Noth in allen Ecken, und die Kinder hörten wie die Mutter Nachts im Bette zu dem Vater sprach „alles ist wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder heraus finden; es ist sonst keine Rettung für uns.“ Dem Mann fiels schwer aufs Herz und er dachte „es wäre besser, daß du den letzten Bissen mit deinen Kindern theiltest.“ Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt muß auch B sagen, und weil er das erste Mal nachgegeben hatte, so mußte er es auch zum zweiten Mal.

Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mit angehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und Kieselsteine auflesen, wie das vorigemal, aber die Frau hatte die Thür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach „weine nicht, Grethel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen.“

Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorigemal. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. „Hänsel, was stehst du und guckst dich um,“ sagte der Vater, „geh deiner Wege.“ „Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir Ade sagen,“ antwortete Hänsel. „Narr,“ sagte die Frau, „das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint.“ Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.

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1. Bild von oben: Hänsel und Gretel. Gruss von ... Mit Text des Märchens. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.
2. Bild von oben: [Ohne Titel] Verso: Hänsel und Gretel. Franz Müller, Münster. H. Nr. 519. Gelaufen. Datiert 1913. Poststempel unleserlich.

Franz Müller-Münster, Historien-, Genremaler und Graphiker in Berlin, geb. 13. 11. 1867 in Münster, gest. 9.6.1936 in Hohenwiese. Studium an der Berliner Akademie von 1886-1894 (bei Hugo Vogel, Friedrich Bokelmann und Waldemar Friedrich). "Zahlreiche Bücher und Zeitschriften wurden von Müller - Münster illustriert - allein etwa 60 Titel im Bereich Kinder- und Jugendliteratur zwischen 1890 und 1914." Siehe die Seite des Heimatvereins Steglitz e.V., URL:
http://www.steglitz-museum.de/Ruckblicke/Ausstellung_Mueller-Muenster/body_fmm.html

3. Bild von oben: Hänsel und Gretel. / La fée massepain. /The babes in the wood. / La fata Marzapane. F. Gareis. Verso: Nr. 2484. Gelaufen. Poststempel 1921.

Fritz Gareis, Maler, Graphiker und Illustrator, geb. 21.10.1872 in Wien, gest. daselbst 5.10.1925. Malte Märchenmotive, die auch als Illustrationen zu Kinder- und Jungendbüchen erschienen. "Ab November 1923 zeichnet er für das Wiener Witzblatt "Götz von Berlichingen" die Serie "Familie Ribeisl," die früheste österreichische Comic-Serie. Siehe "bildindex der Kunst und Architektur", URL:
http://www.bildindex.de/kue16331151.html#|home

4. Bild von oben: [Ohne Titel] Verso: August Splitgerber. Hänsel und Gretel. T.S.N. [Theo Stroefer, Nürnberg] M.K.131. Gelaufen. Datiert 1919. Poststempel unleserlich.

August Splitgerber, Landschaftsmaler, geb. 27. 8. 1844 in Steingaden, gest. 30. 5. 1918 in München, Schüler von H. Anschütz. (Thieme-Becker)

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[Fortsetzung:] Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht, und die Mutter sagte „bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen: wir gehen in den Wald und hauen Holz, und Abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab.“ Als es Mittag war, theilte Grethel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, und der Abend vergieng, aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte, „wart nur, Grethel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus.“ Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde umher fliegen, die hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Grethel „wir werden den Weg schon finden,“ aber sie fanden ihn nicht. Sie giengen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus, und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren daß die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.

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Oben links: [Ohne Titel] Verso: Nr. 509. Hänsel und Gretel von Otto Lingner. Degi-Gemälde. Deutsche Gemälde-Industrie Georgi & Co., Leipzig. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1917. - Druck als Gemälde-Imitat.

Otto Lingner, Porträt- und Genremaler in Berlin, geb. 25. 8. 1856 in Kolberg, gest. 1917. 1877/81 Schüler der Akademie Berlin (Paul Thumann, Otto Knille und M. Michael). Seit 1887 in Berlin. (Thieme-Becker)

Oben rechts: Hänsel und Gretel. Verso: F.E.D.[Friedrich Eyfried, Düsseldorf] 554. Gelaufen. Poststempel 1914.
Mitte links: Hänsel u. Gretel. Deutscher Schulverein 1880. Verso: Deutsche Märchen Nr. 1. Verlag Deutscher Schulverein, Wien, I, Bräunerstr. 9. Karte Nr. 57. Ed. Strache, Warnsdorf u. [unleserlich]. Gelaufen. Datiert 1912. Poststempel unleserlich.
Mitte rechts: Hänsel und Gretel. Verso: T.S.N. [Theo Stroefer, Nürnberg] Nr. 1001. Signet des Verlags im Briefmarkenfeld. Nicht gelaufen. Anderes Exemplar datiert 1912.
Unten links: M. Wunsch. Hänsel und Gretel. Verso: Verlag Hermann A. Wiechmann, München. No. 274. Verzeichnisse von Büchern, Bildern und Kunstpostkarten umsonst und postfrei. Nicht gelaufen.

Marie Wunsch, geb. 1862 in Gersthof bei Wien, gest. 1898 in Meran. Genremalerin und Illustratorin, lebte in München und Oberbayern. (Ries)
Unten rechts: Hänsel und Gretel. Verso, Signet: WSSB [Wilhelm S. Schröder Nachfolger, Berlin] KunstGraphik Nr. 831. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1925.

Unten rechts: Hänsel und Gretel. Verso, Signet: WSSB [Wilhelm S. Schröder Nachfolger, Berlin] KunstGraphik Nr. 831. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1925.

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Oben links: Hänsel und Gretel. Signet PFB [Paul Fink, Kunstanstalt, Berlin] 4545/2. Gelaufen. Poststempel 1917. - Fotopostkarte.
Oben rechts: Hänsel und Gretel. Signet PFB [Paul Fink, Kunstanstalt, Berlin] 4545/6. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1920. - Kolorierte Fotopostkarte.
Unten links: Hänsel u. Gretel. Amag [Albrecht & Meister, Aktiengesellschaft, Berlin-Reinickendorf] 61815/2. Nicht gelaufen. - Fotopostkarte.
Unten rechts: Hänsel und Gretel. Wenn die Not auf's höchste steigt, / Gott der Herr die Hand uns reicht. Signet: SB im Kreis. 7010. Gelaufen. Poststempel 1920. - Kolorierte Fotopostkarte.

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[Fortsetzung:] Nun wars schon der dritte Morgen, daß sie ihres Vaters Haus verlassen hatten. Sie fiengen wieder an zu gehen, aber sie geriethen immer tiefer in den Wald und wenn nicht bald Hilfe kam, so mußten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, daß sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie giengen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah heran kamen, so sahen sie daß das Häuslein aus Brot gebaut war, und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker. „Da wollen wir uns dran machen,“ sprach Hänsel, „und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Grethel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß.“ Hänsel reichte in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen wie es schmeckte, und Grethel stellte sich an die Scheiben und knuperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus

„knuper, knuper, kneischen,
wer knupert an meinem Häuschen?“

die Kinder antworteten

„der Wind, der Wind,
das himmlische Kind,“

und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riß sich ein großes Stück davon herunter, und Grethel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder, und that sich wohl damit. Da gieng auf einmal die Thüre auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam heraus geschlichen. Hänsel und Grethel erschracken so gewaltig, daß sie fallen ließen was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach „ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.“ Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannekuchen mit Zucker, Äpfel und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel und Grethel legten sich hinein und meinten sie wären im Himmel.

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Oben: Hänsel und Gretel. Gottlieb v. Kempf pinx. Verso: Wiener Kunst. BKW I [Brüder Kohn, Wien, I. Bezirk] Nr. 142. Nicht gelaufen.

Gottlieb Theodor von Kempf-Hartenkampf, geb. 1871 in Wien, gest. 1964 in Achrain bei Kitzbühel; Maler, Radierer, Illustrator und Innenarchitekt in Wien. Mitarbeiter der "Meggendorfer Blätter" 1900-1917. (Ries)

Mitte: Hänsel & Gretel. W.u.H., N. Verso: Logo L&G, darunter D. Gelaufen. Poststempel 1903. Adressseite ungeteilt. - Prägedruck.
Unten: [Ohne Titel] Verso, Signet: M&B. Meissner & Buch, Leipzig (Germany). Künstler-Postkarten Serie 1874 "Deutsche Märchen". Ges. gesch. Nicht gelaufen.

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Oben links: [Ohne Titel] Verso: Galerie Münchner Meister. Paul Wagner. Hansel [!] und Gretel. Signet: EMM. Nr. 472. Beschrieben, aber nicht gelaufen.

Paul Wagner, geb. 1852 in Rothenburg / Schlesien, gest. 1937 in Kochel / Oberbayern, Maler und Illustrator. Lebte 1881 bis 1897 in München. (Ries)

Oben rechts: Hänsel und Gretel. Im Bild signiert: K. Feiertag. Verso: B.K.W. I [Brüder Kohn, Wien, I. Bezirk] 357-1. Printed in Austria. Nicht gelaufen.

Karl Feiertag, geb. 1874 in Klosterneuburg, gest. 1944 daselbst, Genremaler, Aquarellist. Arbeitete in Wien und München. Gab im Verlag Stroefer in Nürnberg zwei "Postkarten-Malbücher" heraus. (Ries)

Unten links: [Ohne Titel] Im Bild signiert: ? Jäger. Verso: Hänsel und Gretel. B.K.W. I. [Brüder Kohn, Wien, I. Bezirk] 398/5. Nicht gelaufen.
Unten rechts: Hänsel u. Gretel. Märchenpostkarte No. 6. Kunstanstalt Wilhelm Boehme, Berlin S.O. 26. Gelaufen. Poststempel 1915. Adressseite ungeteilt.

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[Fortsetzung:] Die Alte hatte sich nur so freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es todt, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rothe Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung, wie die Thiere, und merkens wenn Menschen heran kommen. Als Hänsel und Grethel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch „die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen.“ Früh Morgens ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen rothen Backen, so murmelte sie vor sich hin „das wird ein guter Bissen werden.“ Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gitterthüre ein; er mochte schreien wie er wollte, es half ihm nichts. Dann gieng sie zur Grethel, rüttelte sie wach und rief „steh auf, Faullenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen.“ Grethel fieng an bitterlich zu weinen, aber es war alles vergeblich, sie mußte thun was die böse Hexe verlangte.

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Oben links: Schönebeck-Salzelmen. Die Märchengruppe in den Städtischen Badeanlagen. Verso, Signet: CFF vor Sonne. Aus deutschen Landen. Nr. 9. Kunstverlag Carl Friedrich Fangmeier, Magdeburg. Nicht gelaufen. - Arrangierte Puppen vor Knusperhaus. - Bad Salzelmen, seit 1932 ein Stadtteil von Schönebeck (Elbe) in Sachsen-Anhalt (Wikipedia).
Oben rechts: Hänsel und Gretel. Signet: RKL [Regel & Krug, Leipzig-Reudnitz] 5482/3. Gelaufen. Poststempel 1915. - Kolorierte Fotopostkarte.
Unten: Bad Elmen. Knusperhäuschen. Verso: No. 6003 Carl H. Odemar, Magdeburg. Gelaufen. Poststempel 1903. - Bad Salzelmen, seit 1932 ein Stadtteil von Schönebeck (Elbe) in Sachsen-Anhalt (Wikipedia).

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Links: [Ohne Titel] Verso: Deutsche Märchen. Hänsel und Gretel. B.K.W. I. [Brüder Kohn, Wien, I. Bezirk] 458-2. Printed in Austria. Gelaufen. Poststempel 1909.
Rechts: [Hexe mit Rabe vor Hänsel und Gretchen am Knusperhäuschen] Ohne Angaben. Nicht gelaufen.

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[Fortsetzung:] Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Grethel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief „Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle ob du bald fett bist.“ Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen, und meinte es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich daß er gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da übernahm sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten. „Heda, Grethel,“ rief sie dem Mädchen zu, „sei flink und trag Wasser: Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen.“ Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen mußte, und wie flossen ihm die Thränen über die Backen herunter! „Lieber Gott, hilf uns doch,“ rief sie aus, „hätten uns nur die wilden Thiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben.“ „Spar nur dein Geblärre,“ sagte die Alte, „es hilft dir alles nichts.“

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Oben links: H. Gammius. Gretel bei der Hexe. Verso: Moderne Meister. Arthur Rehn & Co., Berlin. A.R.&C. i.B. [Arthur Rehn & Co., Berlin] Nr. 677. V.VI.18. Gelaufen. Datiert 1921. Poststempel unleserlich.

Helene Gammius, Bildnis- und Landschaftsmalerin, geb. 1854 in Hamburg, lebte seit 1886 in Dresden, wo sie auch als Mallehrerin tätig war. Trat erst 1892 mit dem lebensgroßen Pastellbildnis einer jungen Geigerin hervor und malte seitdem hauptsächlich Landschaften in Öl, z. T. mit Genrestaffage. (Thieme-Becker)

Oben rechts: Die Arme Gretel weinet sehr, / Die Hexe tritt zum Ställchen her: / "Zeig' deinen Finger her, du Strick, / Will sehn, ob du schon fett und dick." F.E.D. [Friedrich Eyfried, Düsseldorf] 277/4. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1907. - Fotopostkarte.
Mitte: Silhouette. Ohne Angaben.
Unten: [Ohne Titel] No. 1003. Liebe Rosina ... Gelaufen. Poststempel 1902. Adressseite ungeteilt. - Farblithographie mit Tinseln.

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[Fortsetzung und Ende:] Früh Morgens mußte Grethel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden. „Erst wollen wir backen“ sagte die Alte, „ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknätet.“ Sie stieß das arme Grethel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon heraus schlugen. „Kriech hinein,“ sagte die Hexe, „und sieh zu ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschieben können.“ Und wenn Grethel darin war, wollte sie den Ofen zumachen, und Grethel sollte darin braten, und dann wollte sies auch aufessen. Aber Grethel merkte was sie im Sinn hatte und sprach „ich weiß nicht wie ichs machen soll; wie komm ich da hinein?“ „Dumme Gans,“ sagte die Alte, „die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein,“ krappelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Grethel einen Stoß daß sie weit hinein fuhr, machte die eiserne Thür zu und schob den Riegel vor. Hu! da fieng sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Grethel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.

Grethel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief „Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist todt.“ Da sprang Hänsel heraus, wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Thüre aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut, sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküßt! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so giengen sie in das Haus der Hexe hinein, da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen. „Die sind noch besser als Kieselsteine“ sagte Hänsel und steckte in seine Taschen was hinein wollte, und Grethel sagte „ich will auch etwas mit nach Haus bringen“ und füllte sich sein Schürzchen voll. „Aber jetzt wollen wir fort,“ sagte Hänsel, „damit wir aus dem Hexenwald herauskommen.“ Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. „Wir können nicht hinüber,“ sprach Hänsel, „ich sehe keinen Steg und keine Brücke.“ „Hier fährt auch kein Schiffchen,“ antwortete Grethel, „aber da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber.“ Da rief sie

„Entchen, Entchen,
da steht Grethel und Hänsel.
Kein Steg und keine Brücke,
nimm uns auf deinen weißen Rücken.“

Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein Schwesterchen sich zu ihm zu setzen. „Nein,“ antwortete Grethel, „es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nach einander hinüber bringen.“ Das that das gute Thierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgiengen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fiengen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Grethel schüttete sein Schürzchen aus daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen. Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große große Pelzkappe daraus machen.

Text nach der 7. Auflage, der Ausgabe letzter Hand, von 1857 bei Wikisource. Wikisource bietet auch die Fassungen von der ersten Auflage von 1812 an. URL:
http://de.wikisource.org/wiki/Hänsel_und_Gretel

Zur Biographie der Brüder Grimm siehe den Artikel in Wikipedia, URL:
http://de.wikipedia.org/wiki/Brüder_Grimm

Einen Einblick in die vielfältigen Hexenbilder bietet: Märchen von Hexen und Weisen Frauen. Hrsg. von Sigrid Früh. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch 1986.

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Ludwig Richter: Märchen. Tonbild. In: Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Gesamtausgabe mit 90 Holzschnitten und 6 Tonbildern von Ludwig Richter. Leipzig: Schmidt & Günther o.J. Titelillustration.

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2. Ludwig Bechstein: Hänsel und Gretel
Mit Illustrationen von Ludwig Richter und Philipp Grot Johann

Es war einmal ein armer Holzhauer, der lebte mit seiner Frau und zwei Kindern in einer dürftigen Waldhütte. Die Kinder hießen Hänsel und Gretel, und wie sie so heranwuchsen, gebrach es immer mehr den armen Leuten an Brot. Auch wurde die Zeit immer schwerer und alle Nahrung teurer, das machte den beiden Eltern große Sorge. Eines Abends als sie ihr hartes Lager gesucht hatten, seufzte der Mann: »Ach Frau, wie wollen wir nur die Kinder durchbringen, da der Winter herankommt, und wir für uns selbst nichts haben!« Und da erwiderte die Mutter: »Keinen andern Rat weiß ich, als daß du sie in den Wald führst je eher je lieber, gibst jedem noch ein Stücklein Brot, machst ihnen ein Feuer an, befiehlst sie dem lieben Gott, und gehst hinweg.«

»O lieber Gott! wie soll ich das vollbringen an meinen eigenen Kindern, Frau?« fragte der Holzhauer bekümmert. »Nun wohl, so laß es bleiben!« fuhr die Frau böse heraus: »so kannst du eine Totenlade für uns alle viere zimmern, und die Kinder Hungers sterben sehen!«

Die zwei Kinder, welche der Hunger in ihrem Moosbettchen noch wach erhielt, hörten mit an, was die Mutter und der Vater miteinander sprachen, und das Schwesterlein begann zu weinen, Hänsel aber tröstete es und sprach: »Weine nicht, Gretel, ich helfe uns schon«; wartete, bis die Alten schliefen, wischte aus der Hütte, suchte im Mondschein weiße Steinchen, verbarg sie wohl, und schlich wieder herein, worauf er und das Schwesterlein bald entschlummerten.

Am Morgen geschah nun, was die Eltern vorher besprochen. Die Mutter reichte jedem Kind ein Stück Brot und sagte: »Das ist für heute alles; haltet's zu Rate.« Gretel trug das Brot, Hänsel trug heimlich seine Steinchen, der Vater hatte seine Holzaxt im Arm, die Mutter schloß das Haus zu und folgte mit einem Wasserkruge nach. Hänsel machte sich hinter die Mutter, so daß er der letzte war auf dem Wege, guckte oft zurück nach dem Häuschen, und wie er es nicht sah, ließ er gleich ein weißes Steinchen fallen, und nach ein paar Schritten wieder eins, und so immer fort.

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Ludwig Richter: Hänsel und Gretel gehen mit ihren Eltern in den Wald, wo sie ausgesetzt werden sollen. In: Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Gesamtausgabe mit 90 Holzschnitten und 6 Tonbildern von Ludwig Richter. Leipzig: Schmidt & Günther [1931]. - Unten: Vorlage für den Holzschnitt. Bleistift, Feder in Braun. Ausriss.

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[Fortsetzung:] Die Kinder schlummerten ein wenig und als sie erwachten, stand die Sonne hoch im Mittag, das Feuer war abgebrannt, und da Hänsel und Gretel Hunger hatten, verzehrten sie ihr Stücklein Brot. Wer nicht kam, das waren die Eltern. Und nachher sind die Kinder wieder eingeschlafen, bis es dunkel wurde, da waren sie noch immer allein, und Gretel fing an zu weinen und sich zu fürchten. Hänsel tröstete sie aber und sagte: »Fürchte dich nicht, Schwester, der liebe Gott ist ja bei uns, und bald geht der Mond auf, da gehen wir heim.«

Und wirklich ging bald darauf der Mond in voller Pracht auf und leuchtete den Kindern auf den Heimweg und beglänzte die silberweißen Kieselsteine. Hänsel faßte Gretel bei der Hand und so gingen die Kinder miteinander fort ohne Furcht und ohne Unfall, und wie der frühe Morgen graute, da sahen sie des Vaters Dach durch die Büsche schimmern, kamen an das Waldhäuslein und klopften an. Wie die Mutter die Tür öffnete, erschrak sie ordentlich, als sie die Kinder sah, wußte nicht, ob sie schelten oder sich freuen sollte, der Vater aber freute sich, und so wurden die beiden Kinder wieder mit Gottwillkommen in das Häuslein eingelassen.

Es währte aber gar nicht lang, so wurde die Sorge aufs neue laut und jenes Gespräch und der Beschluß, die Kinder in den Wald zu führen und sie dort allein und in des Himmels Fürsorge zu lassen, wiederholten sich. Wieder hörten die Kinder das traurige Gespräch mit an, bekümmerten Herzens, und der kluge Hänsel machte sich vom Lager auf, wollte wieder blanke Steine suchen, aber da war die Türe des Waldhäusleins fest verschlossen, denn die Mutter hatte es gemerkt und darum die Türe zugemacht. Doch tröstete Hänsel abermals das weinende Schwesterlein und sagte: »Weine nicht, lieb Gretel, der liebe Gott weiß alle Wege, wird uns schon den rechten führen.«

Am andern Morgen in der Frühe mußten alle aufstehen, wieder in den Wald zu wandern, und da empfingen die Kinder wieder Brot, noch kleinere Stücklein wie zuvor, und der Weg ging noch tiefer in den Wald hinein; Hänslein aber zerbröckelte heimlich sein Brot in der Tasche, und streute, statt jener Steine, Krümlein auf den Weg, meinte, danach sich mit dem Schwesterchen wohl zurückzufinden. Und nun geschah alles, wie zuvor auch; ein großes Feuer wurde entzündet, und die Kinder mußten wieder schlafen, und wie sie aufwachten, waren sie allein, und die Eltern kamen nimmer wieder. Und der Mittag kam, und Gretel teilte ihr Stückchen Brot mit Hänsel, weil der seines verstreut in lauter Bröselein auf dem Weg, und dann schliefen sie wieder ein und erwachten abends verlassen und einsam. Gretel weinte, Hänsel aber war gottgetrost, meinte den Weg durch die Brotbröselein wohl zu finden, wartete, bis der Mond aufgegangen war, nahm dann die Gretel bei der Hand und sprach zu ihr: »Komm, Schwester, nun gehen wir heim.«

Aber wie Hänsel die Krümlein suchte, war ihrer keines mehr da, denn die Waldvögelein hatten alle, alle aufgepickt und sie sich wohl schmecken lassen. Und da wanderten die Kinder die ganze Nacht durch den Wald, kamen bald vom Wege ab, verirrten sich und waren sehr traurig. Endlich schliefen sie ein auf weichem Moos, und erwachten hungrig, wie der Morgen graute, denn sie hatten keinen Bissen Brot mehr, und mußten ihren Durst und Hunger nur mit den schönen Waldbeeren stillen, die da und dort standen.

Und wie sie so im Walde herumirrten, ohne Weg und Steg zu finden, siehe, da kam ein schneeweißes Vöglein geflogen, das flog immer vor ihnen her, als wenn es den Kindern den Weg zeigen wollte, und sie gingen dem Vöglein fröhlich nach. Mit einem Male sahen sie ein kleines Häuschen, auf dessen Dach das Vöglein flog; es pickte darauf, und wie die Kinder ganz nahe daran waren, konnten sie sich nicht genug freuen und wundern, denn das Häuschen bestand aus Brot, davon waren die Wände, das Dach war mit Eierkuchen gedeckt, und die Fenster waren von durchsichtigen Kandiszuckertafeln. Das war den Kindern recht, sie aßen vom Häusleindach und von einer zerbrochenen Fensterscheibe. Da ließ sich plötzlich drinnen eine Stimme vernehmen, die rief:

»Knusper, knusper, kneischen!
Wer knuspert mir am Häuschen?«

Darauf antworteten die Kinder:

»Der Wind, der Wind,
Das himmlische Kind!«

und aßen weiter, denn sie waren sehr hungrig gewesen, und schmeckte ihnen ganz vortrefflich.

Da ging die Tür des Häusleins auf, und trat ein steinaltes, krummgebücktes, triefäugiges Mütterlein heraus von nicht geringer Häßlichkeit, Gesicht und Stirne voll Runzeln und in mitten eine große, große Nase. Hatte auch grasgrüne Augen. Die Kinder erschraken nicht wenig, die Alte aber tat ganz freundlich und sagte: »Ei, traute Kindlein, kommt doch herein ins Häuschen, kommt doch herein! Da gibt's noch viel bessern Kuchen!«

Die Kinder folgten der Alten gerne, und drinnen trug die Alte auch auf, daß es eine Lust war. Da gab es Herz was magst du? Biskuit und Marzipan, Zucker und Milch, Äpfel und Nüsse, und köstlichen Kuchen. Und während die Kinder immerfort aßen und fröhlich waren, richtete die Alte zwei Bettchen zu von feinen Dunenkissen und lilienweißen Linnen, da hinein brachte sie die Kinder zur Ruhe, die meinten im Himmel zu sein, beteten einen frommen Abendsegen und entschliefen alsbald.

Es hatte aber mit der Alten ein gar schlimmes Bewenden. Sie war eine böse und garstige Hexe, welche die Kinder fraß, die sie durch ihr Brot- und Kuchenhäuslein anlockte, nachdem sie sie erst recht fett gefüttert.

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Die Hexe prüft, ob Hänsel fett genug zum Schlachten ist. Illustration von Philipp Grot Johann. Holzstich von R. Brend'amour. In: Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Volksausgabe mit Illustrationen von P[hilipp] Grot Johann und R[obert] Leinweber. Stuttgart u.a.: Deutsche Verlags-Anstalt [1893].  Hänsel und Gretel, S. 48-53. Hier S. 52.

Philipp Grotjohann (Grot-Johann), Maler und Illustrator, geb. zu Stettin 27. 6. 1841, gest. in Düsseldorf 26. 10. 1892, Schüler von Karl Ferdinand Sohn und nach dessen Tode, 1867, von Carl Johann Lasch an der Düsseldorfer Akademie, wohin er durch Vermittlung von Peter Cornelius kam, der sich für ihn interessierte. Von Grotjohann zahlreiche Illustrationen zu den Klassiker-Ausgaben des Grote‘schen Verlages in Berlin (Lessing, Goethe, Schiller, W. Scott, Shakespeare, Heine [Buch der Lieder), zu Eichendorff‘s „Aus dem Leben eines Taugenichts“ (gemeinsam mit Edmund Kanoldt; Amelang‘s Verlag, Leipzig), zu Rudolph Baumbach‘s „Truggold“, zu Julius Wolff‘s „Lurley“ usw. Ferner lieferte er Entwürfe zu Widmungsblättern, Diplomen, Adressen u.a. (Thieme-Becker; Ries, mit Auflistung der Märchenillustrationen).

Richard Brend'amour, geboren 16. Oktober 1831 in Aachen, gest. 22. Januar 1915 in Düsseldorf, trat 1846 bei E. Stephan als Schüler der Holzschneidekunst in die Lehre und bildete sich später durch Kopieren alter Holzschnittwerke weiter. 1856 kam er nach Düsseldorf, wo er ein Atelier für Holzschneidekunst begründete, das rasch an Bedeutung gewann (Firma Richard Brend'amour u. Komp.). (Meyers Großes Konversations-Lexikon. Sechste Auflage 1905-1909 [Digitale Bibliothek; 100] Berlin: Directmedia 2003, S. 25.596) Vgl. den Artikel "Richard Brend'amour" in Wikipedia, URL:
http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Brend'amour

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[Fortsetzung:] Dies hatte sie auch mit Hänsel und Gretel im Sinne. In aller Frühe stand die Alte schon vor dem Bette der noch süß schlafenden Kinder, freute sich über ihren Fang, riß Hänsel aus dem Bette, und trug ihn nach dem eng vergitterten Gänsestall, verstopfte ihm auch, damit er nicht schreie, den Mund. Dann weckte sie die arme Gretel mit Heftigkeit und schrie sie mit rauher Stimme an: »Steh auf, faule Dirne! Dein Bruder steckt im Stall, wir müssen ihm ein gutes Essen kochen, auf daß er fett wird, und für mich einen guten Braten gibt!«

Da erschrak die Gretel zum Tode, weinte und schrie, half aber nichts, sie mußte gehorchen und aufstehn, Essen kochen helfen, und durfte es selbst nach dem Stalle tragen, und mit ihrem eingesperrten Bruder weinen. Sie selbst ward von der Hexe gar gering gehalten. Das dauerte so eine Zeit, während welcher die Alte öfters nach dem Stalle schlich und Hänsel befahl, einen Finger durch das Gitter zu stecken, damit sie fühle, ob er fett werde. Hänsel aber steckte immer ein dürres Knöchelchen heraus, und sie verwunderte sich, daß der Junge trotz dem guten Essen so mager blieb. Endlich war sie das müde und sprach zur Gretel: »Kurz und gut, heute wird er gebraten«, und machte ein mächtiges Feuer in den Backofen, der neben dem Häuschen stand, da schob sie hernach Brot hinein, damit sie frischbackenes zum Braten habe. Das Gretel wußte seines Herzens keinen Rat, und endlich hieß ihm die alte Hexe sich auf die Schiebeschaufel zu setzen und in den Backofen zu lugen, die Alte wollte sie nur ein bissel in den Ofen schieben, damit die Gretel sehe, ob das Brot braun sei, eigentlich aber wollte sie das arme Mägdlein gleich zuerst darin braten.

Da kam aber das schneeweiße Vögelein geflogen und sang: »Hüt dich, hüt dich, sieh dich für!« Und da gingen der Gretel die Augen auf, daß sie der Alten böse List durchschaute und sagte: »Zeiget mir's zuvor, wie ich's machen muß, dann will ich's tun.« Gleich setzte sich die Alte auf das Ofenbrett, und die Gretel schob am Stiel, und schob sie so weit in den Backofen, als der Stiel lang war, und dann klapp, schlug sie das eiserne Türlein vor dem Ofen zu, schob den Riegel vor, und da der Ofen noch erstaunlich heiß war, mußte die alte Hexe drinnen brickeln und braten und elendiglich umkommen zum Lohn ihrer Übeltaten. Gretel aber lief zum Hänsel, ließ den aus dem Gänsestall, und der kam heraus und fiel vor Freude dem treuen Schwesterchen um den Hals, küßten sich und weinten vor Freude und dankten Gott.

Und da war das weiße Vöglein wieder da, und auch viele viele andre Waldvöglein, die flogen auf das Kuchendach des Häusleins, darauf war ein Nest, und daraus nahm jedes Vöglein ein buntes Steinchen oder eine Perle, und trugen sie hin zu den Kindern, und Gretel hielt sein Schürzchen auf, daß es alle die vielen Steinchen fasse. Das schneeweiße Vöglein sang:

»Perlen und Edelstein,
Für die Brotbröselein.«


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Ein Schwan setzt Gretel über ein "mächtiges Wasser". Illustration von Ludwig Richter. Tonbild. In: Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Gesamtausgabe mit 90 Holzschnitten und 6 Tonbildern von Ludwig Richter. Leipzig: Schmidt & Günther o.J. Hänsel und Gretel, S. 189-197. Hier nach S. 196.

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[Fortsetzung und Ende] Da merkten die Kinder, daß die Vöglein dankbar dafür waren, daß Hänsel Brotkrumen auf den Weg gestreut hatte, und nun flog das weiße Vöglein wieder vor ihnen her, daß es ihnen den Weg aus dem Walde zeige. Bald kamen sie an ein mächtiges Wasser, da standen sie ratlos, und konnten nicht weiter und nicht darüber. Plötzlich aber kam ein großer schöner Schwan geschwommen, dem riefen die Kinder zu: »O schöner Schwan, sei unser Kahn!« Und der Schwan neigte seinen Kopf und ruderte zum Ufer, und trug die Kinder, eines nach dem andern, hinüber ans andre Ufer. Das weiße Vöglein aber war schon hinüber geflattert, und flog immer vor den Kindern her, bis sie endlich aus dem Walde kamen, wieder an der Eltern kleines Haus.

Der alte Holzhauer und seine Frau saßen traurig und still in dem engen Stüblein und hatten großen Kummer um die Kinder, bereueten auch viele tausendmal, daß sie dieselben fortgelassen, und seufzten: »Ach, wenn doch der Hänsel und die Gretel nur noch ein allereinzigesmal wieder kämen, ach, da wollten wir sie nimmermehr wieder allein im Walde lassen« – da ging gerade die Türe auf, ohne daß erst angeklopft worden wäre, und Hänsel und Gretel traten leibhaftig herein! Das war eine Freude! Und als nun vollends erst die kostbaren Perlen und Edelsteine zum Vorschein kamen, welche die Kinder mitbrachten, da war Freude in allen Ecken und alle Not und Sorge hatte fortan ein Ende.

Text nach Zeno org: http://www.zeno.org/nid/20004533232
Vgl. Ludwig Bechstein: Deutsches Märchenbuch. Hrsg. von Hans-Heino Ewers (Universal-Bibliothek; 9483) Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1996, S. 90-98.

Zur Biographie siehe den Artikel "Ludwig Bechstein" in Wikipedia, URL:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Bechstein

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Besuchen Sie auch

Hänsel und Gretel.
Ein Märchen der Brüder Grimm.
Mit Bildern von Franz von Pocci

http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/werke/grimm_brueder/grimm_haensel_gretel_pocci.pdf

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Zierbuchstabe V. Buchschmuck von Philipp Grot Johann. In: Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Volksausgabe mit Illustrationen von P[hilipp] Grot Johann und R[obert] Leinweber. Stuttgart u.a.: Deutsche Verlags-Anstalt [1893]. Hänsel und Gretel, S. 48-53. Hier S. 48.

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Hier gehts zur

Folge II

mit Illustrationen von Richard Scholz
und dem Lied "Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald".

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Einen Überblick über die Märchen- und Sagenmotive
im Goethezeitportal finden sie hier.

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