goethe

Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

J. R. Schellenberg
und J. K. August Musäus

Freund Heins Erscheinungen
in Holbeins Manier

Stand: Mai 2018

*****

Gliederung

1. Die Totentänze
2. Vorbericht
3. Kurzbiografie von Musäus
4. Kurzbiografie von Schellenberg
5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

*****

1. Die Totentänze

Bilder und Texte sind folgender Ausgabe entnommen:

• Freund Heins Erscheinungen in Holbeins Manier von J. R. Schellenberg. [Text von J. K. A. Musäus] Winterthur, bey Heinrich Steiner und Comp. 1785. – Digitalisiert durch Google.

Die Texte werden in Rechtschreibung und Zeichensetzung originalgetreu wiedergegeben. Da das Digitalisat teilweise nur schwer zu entziffern ist, können einzelne Fehllesungen nicht ausgeschlossen werden. Insbesondere Strichpunkt und Doppelpunkt sind oft kaum zu unterscheiden.

Es folgt das Verzeichnis aller 25 Kupfer mit den Beschreibungen der Bilder in der "Nachricht für den Buchbinder". 12 Kupfer sind hier wiedergegeben. Die als Link markierten Überschriften führen zu den jeweiligen Bildern mit Text.

Literatur:
Brigitte Thanner: Schweizerische Buchillustration im Zeitalter der Aufklärung am Beispiel von Johann Rudolf Schellenberg. 3 Bde. Winterthur: Stadtbibliothek 1987. Hier Bd. 1, S.505-518; Bd.2: Tafeln, Nr. 627-653.

1. Tittul-Kupfer. Verschiedene Personen, welche ein Todten-Gerippe betrachten; darunter stehet: Memento mori.

2. Gestöhrte Liebe. Der Tod bedekt zwey Liebende mit einem Nez.

3. Der Verzweiflungsvolle. Ein Mann der sich erschiessend dem Tod in die Arme fällt.

4. Toiletten-Besuch. Der Tod unter der Thüre zu einem Frauenzimmer vor dem Puztisch

5. Der Aerostat. Eine Luftkugel in vollen Flammen.

6. Schul-Visitation. Der Tod unter der Thüre einer Knaben-Schule.

7. Böse Spende. Der Tod zwischen einem Rathsherrn und den Geschenken.

8. Getäuschte Erwartung. Der Tod als ein Frauenzimmer zu einem Herrn.

9. Unwillkommne Dienstbeflissenheit. Der Tod mit einem kleinen Kinde.

10. Aufhebung des Klosters. Die Väter kommen traurig aus dem Kloster. Der Tod überreicht das Aufhebungs-Decret.

11. Freundes-Geleit. Der Tod hinter einem Greise am Rande der Grube.

12. Der Lottospieler. Der Tod überreicht Ihme ein Blatt, worauf die gewonnenen Nummern stehen.

13. Wienerin und Römerin. Der Tod hinter einer weiblichen Figur, deutet auf ein gepuztes Frauenzimmer.

14. Der Wucherer. Er wird in seiner Geld-Kiste erdrükt.

15. Der Schlemmer. Der Tod gießt ihm aus der Weinflasche in den Mund.

16. Der Equilibrist. Der Tod hascht den Seil-Tänzer bey dem Fuß.

17. Die Loge der Verschwiegenheit. Der Tod führt einen Mann mit verbundenen Augen in die Versammlung.

18. Der Werber. Der Tod unter einigen Rekruten. Auf der Seite ein Soldat mit der Geige.

19. Berthold Schwarz. Der Mönch von der Gewalt des entzündeten Pulvers in die Luft fliegend.

20. Der Zwey-Kampf. Ein Renomist fällt mit bloßem Degen auf den Tod ein, welcher an einem Fenster-Laden klopft.

21. Raub der Falle. Ein umstürzender Bücher-Schrank.

22. Schweigende Ergebung. Eine Mädchen-Schule.

23. Des Stärkern Vorrecht. Der Tod trennt die Hände zweyer Verlobten in dem Zeitpunkt der priesterlichen Einsegnung.

24. Der After-Arzt. Der Tod holt ihn aus seiner Apothek von vielen Patienten weg.

25. Beschluß. Der Tod zwischen dem Künstler und dem Dichter hält beyde umschlungen.

*****

2. Vorbericht

Was dieses Büchlein ist und was es seyn soll, das zeigt der Augenschein. Weils aber Leute giebt, die ihren eignen Augen nicht trauen, und doch jedes Ding, das ihnen vorkömmt, gern genau besehen wollen: So dienet zur freundlichen Nachricht, daß ganz am Ende, in der Epigraphe des lezten Kupfers, von dem moralischen Zwek des Künstlers und seines Worthalters, ein deutlicher Wink zu weiterer Beherzigung ertheilet wird. Wenn aber von der genetischen Geschichte dieser Vorstellungen näherer Unterricht begehret werden sollte, so ist zu wissen, daß der teutsche Merkur, die Botschaft ans Publikum bereits übernommen, (x) und dies Schweizerprodukt auf teutschen Grund und Boden, unter genüglicher Auskunft über dessen Entstehungsart, angemeldet hat. Und diese beyden Quellen sind, aller Vermuthung nach, ergiebig genug für die, welche daraus schöpfen wollen, dem ganzen Ideal den eigentlichen Geschmak abzugewinnen.

Ausserdem hat der Dregoman dieser Schildereyen, dem beschaulustigen Publikum noch ein klein Präadvis mitzutheilen, das sich am besten aussen vor der Thür der Bildergallerie, ehe sie noch geöffnet wird, anbringen läßt. Es betrift die Behandlungsart dieser Kupfer, bey begehrter Unterlegung eines Textes dazu. So sehr sich der Verfasser hat angelegen seyn lassen, die Ideen des Künstlers anschaulich darzustellen: so ist es doch sehr möglich, daß er nicht immer den schiklichsten Gesichtspunkt getroffen hat, aus welchem sich die Situation der Abbildungen am vortheilhaftesten ergreiffen ließ. Er ist vielmehr gänzlich der Meynung, daß scharfsinnige Leser leicht auf glüklichere Dichtungen verfallen werden, diese Scenen auf andere Manier ungleich besser zu historliren [?], welches incidenter, eben kein unrechter Vorschlag wäre, die beabsichtete Unterhaltung zu vermannichfaltigen. Aber ein Versuch von der Art würde die Erfahrung bestätigen, daß manches Süjet sich ungleich besser zeichnen als beschreiben, oder etwas erträglichers sich darüber sagen lasse.

Für die poetische Prosa und einige gebrauchte unmodische Wörter, bittet der Dollmetscher dieser Kupfer um Quartier. Das auffallende der ersten wird sich dadurch mildern, wenn es den Lesern gefällt, sie für reimfreye Poesie gelten zu lassen, und wenn die leztern das Bedürfniß des Reims herbeygeführet hat: so sind sie schon genugsam akkreditirt, ohne Entschuldigung zu bedürfen. Die übrigen, die dieses Vorrechtes nicht genüssen, übergiebt der Verfasser dem Leser auf Diskretion. Gleichwohl vermeynt er bey diesem Gesindel, das sich aus der und jener Provinz eingedrungen haben möchte, wachsame Polizeyanstalten getroffen, und kein ungewöhnliches oder veraltetes Wort, ohne Paßport und Geleitbrief aufgenommen zu haben.

Bey der Armuth der teutschen Sprache an synonymischen Ausdrüken, für das allegorische Ideal des Todes, hat sich der Verfasser erlaubt, die jokose Benennung von Freund Hein, die der erfindsame Asmus [Matthias Claudius] bekanntermassen, nicht eben als ein Schaustük, sondern nur als eine bequeme Scheidemünze oder wohl gar als Nothmünze ausgeprägt hat, und die schon hin und wieder vor voll angenommen wird, unter einer kleinen orthographischen Abänderung, um der Konkurrenz mit dem Worte Hain oder Hayn lucus auszuweichen, auch seines Orts in Umlauf zu sezen: denn er gestehet gern und willig, daß dieser Ausdruk ihm ein wahrer Gewinn, und bey gegenwärtiger Arbeit ganz unentbehrlich gewesen ist.

Feinen Zünglern, die bey einem Kostetrunk, der ihnen aufgetragen wird, sich wenig darum kümmern, was Wirth und Kellner von Gewächs und Jahrgang sagen, und nach der ersten Sensation auf ihre zarten Gefühlsdrüsen, alsbald Werth und Unwerth des angezapften Fasses würdern, giebt der Verfasser schlüßlich zu bedenken, daß der Gaumen ein unsicherer und sehr partheyischer Richter ist, und ersucht sie daher dienstlich, den ausgehängten Weinkranz nicht zu voreilig zu verschmähen und die Kundschaft dadurch irre zu machen.

(x) Man sehe den Märzmonat 1785.

*****

3. Kurzbiographie von Musäus

Johann Karl August Musäus. Kupferstich von Joh. H. Lips. In: Goethe. Eine Biographie in Bildnissen. Sonderdruck aus der zweiten Auflage von Könneckes Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur. Marburg: Elwert 1900, S.15. Vgl. Joachim Kruse: Johann Heinrich Lips 1758-1817. Ein Zürcher Kupferstecher zwischen Lavater und Goethe (Kataloge der Kunstsammlungen der Veste Coburg). Coburg 1989, Nr. 112.

*****

Johann Carl August Musäus. Dieser Lieblings-Schriftsteller der Deutschen in der schönen Literatur wurde im Jahr 1735 zu Jena geboren, wo sein Vater Landrichter war. In seinem neunten Jahre nahm ihn sein Vetter, der Superintendent Weissenborn zu Altstädt, zu sich; und als dieser nach einem Jahre General-Superintendent zu Eisenach ward, so zog der junge Musäus auch mit dahin, und blieb in dem Hause seines Wohltäters, von welchem er eine anständige Erziehung erhielt, bis in sein 19 Jahr. Jetzt ging Musäus nach Jena und studierte daselbst Theologie. Er kehrte nach vierthalb Jahren zu seinen Eltern zurück, lebte darauf einige Jahre als Kandidat des Predigtamts zu Eisenach, und predigte oft mit Beifall daselbst. Er sollte darauf Pfarrer zu Pfarrode bei Eisenach werden; allein die Bauern nahmen ihn nicht an, weil er einmahl getanzt hatte. Im Jahr 1763 kam er als Pagenhofmeister nach Weimar, und nach 7 Jahren als Professor ans Gymnasium. Nun heiratete er, und bekam 2 Söhne. Sein Tod erfolgte im Oktober 1787, und rührte von einer höchst seltenen Krankheit, von einem Polypen am Herzen, her.

Seine physiognomischen Reisen, Volksmährchen und Straußfedern gehören unter unsre originellsten, launigsten und unterhaltendsten Schriften; Neuheit, Leichtigkeit und edle Gesinnungen herrschen darin in seltener Harmonie.

Seine beschränkte Lage und die Dürftigkeit, in welcher er sein ganzes Leben zubrachte, raubten ihm bei seinem ohnedies furchtsamen Charakter das vernünftige Selbstvertrauen: er war der Letzte, der sich von dem inneren Werte seiner Schriften überzeugte; und nur sein kärgliches Auskommen bewog ihn, als Schriftsteller aufzutreten. Als Mensch war Musäus heiter und aufgeweckt, und trotzte allen Beschwerden des Körpers und seiner drückenden Lage. Nach seinem Tode gab Herr Bertuch seine moralische Kinderklapper (eine vortreffliche Sammlung von Kindererzählungen), und Herr von Kotzebue seine nachgelassenen Schriften mit einer Nachricht von seinem Leben heraus.


Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch. 1. Auflage 1809-1811. Neusatz und Faksimile (Digitale Bibliothek; 131) Berlin: Directmedia 2005, S. 3265 f. Redigiert.

*****

Johann Karl August Musäus, Schriftsteller, geboren 29. März 1735 in Jena, gestorben 28. Oktober 1787 in Weimar, studierte seit 1754 in Jena Theologie, wurde 1763 Pagenhofmeister am weimarischen Hof, 1770 Professor am dortigen Gymnasium.

Seine erste literarische Veröffentlichung war: »Grandison der Zweite« (1760-62, 2 Bde.; später umgearbeitet: »Der deutsche Grandison«, 1781-82, 2 Bde.), womit er dem schwärmerisch-sentimentalen Enthusiasmus für den gleichnamigen Roman des Engländers Richardson satirisch entgegenwirken wollte. Dann folgten die gegen Lavater gerichtete Satire »Physiognomische Reisen« (1778-79, 4 Hefte) und die »Volksmärchen der Deutschen« (1782-86, 5 Bde., u. ö.), welche die aus dem Volksmund genommenen Märchen- und Sagenstoffe keineswegs in naiv volksmäßiger Gestalt wiedergeben, sie vielmehr in Wielands Manier mit allerlei satirischen Streif- und Schlaglichtern ausstatten, aber dennoch durch joviale Laune, liebenswürdige Schalkhaftigkeit und lebendige Anmut des Vortrags, die aus ihnen spricht, einen eigentümlichen Reiz besitzen. Unter Musäus übrigen Schriften sind hervorzuheben: »Freund Heins Erscheinungen in Holbeins Manier« (1785), Darstellungen mehr betrachtender als erzählender Manier, und die Sammlung von Erzählungen: »Straußfedern« (1787, Bd. 1). Seine »Nachgelassenen Schriften« wurden mit Charakteristik herausgegeben von seinem Verwandten und Zögling August von Kotzebue (1791).


Meyers Großes Konversations-Lexikon. Sechste Auflage 1905-1909 (Digitale Bibliothek; 100) Berlin: Directmedia 2003, S. 134.886 f. Gekürzt, redigiert.

*****

Johann Karl August Musäus. Gipsbüste von Gottlieb Martin Klauer, um 1784. Goethe-Nationalmuseum, Weimar. In: Paul Ortwin Rave: Das geistige Deutschland im Bildnis. Das Jahrhundert Goethes. Berlin: Verlag des Druckhauses Tempelhof 1949, S.89.

*****

4. Kurzbiographie von Schellenberg

Johann Rudolf Schellenberg, Bildnis

Schellenberg, Johann Rudolf, Maler und Radierer, auch Dichter und Kunstschriftsteller, geboren 4. Januar 1740 in Basel, gestorben 6. August 1806 in Töß bei Winterthur. Tätig in Basel und Winterthur.

Fruchtbarer Illustrator, der eine fast unübersehbare Masse von Zeichnungen, Aquarellen und Radierungen für illustrative Zwecke, besonders für naturwissenschaftliche Werke, hinterlassen hat. Von seinen ca. 8000 in Aquarell gemalten Insektenbildern befinden sich fast 4000 in der Sammlung der Bürgerbibliothek in Winterthur.

Ferner stach er Veduten ("Ein Dutzend Schweizerprospekten", Winterthur 1779), 52 Blätter zu Basedows "Elementarwerk" (Leipzig 1785), 98 Blätter zu Lavaters "Physiognomische Fragmente" (1775 u. 1778), 91 Blätter zu dessen "Essai sur la Physiognomie" (1781/1803), 25 Blätter zu L. Meisters "Helvetische Galerie großer Männer und Thaten" (1786), 25 Blätter zu "Freund Heins Erscheinungen, in Holbeins Manier" (Winterthur 1785), 15 Blätter Karikaturen ("Pour Raillerie", Winterthur 1779) usw.


Allgemeines Lexikon der bildenden Künste von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Hrsg. von Hans Vollmer. Bd. 30. Leipzig: E. A. Seemann 1936, S. 20. Redigiert und gekürzt.

Bild: Zeitgenossen Chodowieckis. Lose Blätter schweizerischer Buchkunst. Begleitwort von Olga Amberger. Basel: Rhein-Verlag 1921, S. 69. Die Kennzeichnung "Observator Naturae" bezieht sich auf Schellenbergs entomologische Illustrationskupfer.

*****

5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

Die Vorlagen entstammen einer privaten Sammlung. Die private Nutzung und die nichtkommerzielle Nutzung zu bildenden, künstlerischen, kulturellen und wissenschaftlichen Zwecken ist gestattet, sofern Quelle (Goethezeitportal) und URL (http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4177) angegeben werden. Die kommerzielle Nutzung oder die Nutzung im Zusammenhang kommerzieller Zwecke (z.B. zur Illustration oder Werbung) ist nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der Verfasser gestattet. Ein Rechteinhaber ist dem Goethezeitportal nicht bekannt, ggf. bitten wir höflichst um Nachricht.

Kontaktanschrift:

Prof. Dr. Georg Jäger
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Deutsche Philologie
Schellingstr. 3
80799 München

E-Mail: georg.jaeger07@googlemail.com

 zurück zum Anfang

 

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit