goethe

Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Panorama der deutschen Klassiker

Eine Auswahl von 12 Stahlstichen

Eingestellt: Mai 2013

*****

Gliederung

1. Texte und Illustrationen
2. Notizen zu den Zeichnern
3. Notiz zu Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg
4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

*****

1. Texte und Illustrationen

Panorama der deutschen Klassiker, Titel

Panorama der deutschen Klassiker. Gallerie der interessantesten Scenen aus den Meisterwerken deutscher Poesie und Prosa nach Zeichnungen deutscher Künstler in Stahl ausgeführt durch Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Auswahl des Schönsten und Anziehendsten aus den Meisterwerken deutscher Poesie und Prosa von Lessing bis auf die neueste Zeit. Hrsg. durch Ludwig Bauer, Professor am K. oberen Gymnasium in Stuttgart. 24 Stahlstiche, 48 Bogen Text. Stuttgart: Verlag von Karl Göpel [ca. 1840/50]. Schnellpressendruck von J. Kreuzer in Stuttgart.

Die Dichter werden alphabetisch gereiht.

*****

Adelbert von Chamisso
Das Riesenspielzeug

Adelbert von Chamisso, Das Riesenspielzeug

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Zwecker gez[eichnet]. Stahlstich v. Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Das Riesenspielzeug

Burg Nideck ist im Elsass der Sage wohlbekannt,
Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand;
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,
Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor,
Erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Tor
Und stieg hinab den Abhang bis in das Tal hinein,
Neugierig zu erkunden, wie's unten möchte sein.

Mit wen'gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald,
Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald,
Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend niederschaut,
Bemerkt sie einen Bauer, der seinen Acker baut;
Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar,
Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.

»Ei! artig Spielding!« ruft sie, »das nehm' ich mit nach Haus!«
Sie kniet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus
Und feget mit den Händen, was sich da alles regt,
Zu Haufen in das Tüchlein, das sie zusammenschlägt,

Und eilt mit freud'gen Sprüngen, man weiß, wie Kinder sind,
Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:
“Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!
So Allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höh'n.»

Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein,
Er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:
“Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei?
Du hüpfest ja vor Freuden; lass sehen, was es sei.«

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,
Den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann;
Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,
So klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
“Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin,
Der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn?

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot;
Denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot;
Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor,
Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor!

Burg Nideck ist im Elsass der Sage wohl bekannt,
Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand;
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,
Und fragst Du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

*****

Ferdinand Freiligrath
Löwenritt

Ferdinand Freiligrath, Löwenritt

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Zwecker gez[eichnet]. Stahlstich von Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Löwenritt

Wüstenkönig ist der Löwe;
     will er sein Gebiet durchfliegen,
Wandelt er nach der Lagune,
     in dem hohen Schilf zu liegen.
Wo Gazellen und Giraffen
     trinken, kauert er im Rohre;
Zitternd über dem Gewalt'gen
     rauscht das Laub der Sykomore.

Abends, wenn die hellen Feuer
     glühn im Hottentottenkrale,
Wenn des jähen Tafelberges
     bunte, wechselnde Signale
Nicht mehr glänzen, wenn der Kaffer
     einsam schweift durch die Karroo,
Wenn im Busch die Antilope
     schlummert, und am Strom das Gnu:

Sieh! dann schreitet majestätisch
     durch die Wüste die Giraffe,
Dass mit der Lagune trüben
     Fluten sie die heiße, schlaffe
Zunge kühle; lechzend eilt sie
     durch der Wüste nackte Strecken,
Kniend schlürft sie langen Halses
     aus dem schlammgefüllten Becken.

Plötzlich regt es sich im Rohre;
     mit Gebrüll auf ihren Nacken
Springt der Löwe; welch ein Reitpferd!
     Sah man reichere Schabracken
In den Marstallkammern einer
     königlichen Hofburg liegen,
Als das bunte Fell des Renners,
     den der Tiere Fürst bestiegen?

In die Muskeln des Genickes
     schlägt er gierig seine Zähne;
Um den Bug des Riesenpferdes
     weht des Reiters gelbe Mähne.
Mit dem dumpfen Schrei des Schmerzes
     springt es auf und flieht gepeinigt:
Sieh! wie Schnelle des Kameles
     es mit Pardelhaut vereinigt!

Sieh! die mondbestrahlte Fläche
     schlägt es mit den leichten Füßen!
Starr aus ihrer Höhlung treten
     seine Augen; rieselnd fließen
An dem braungefleckten Halse
     nieder schwarzen Blutes Tropfen,
Und das Herz des flücht'gen Tieres
     hört die stille Wüste klopfen.

Gleich der Wolke, deren Leuchten
     Israel im Lande Yemen
Führte, wie ein Geist der Wüste,
     wie ein fahler, luft'ger Schemen,
Eine sandgeformte Trombe
     in der Wüste sand'gem Meer,
Wirbelt eine gelbe Säule
     Sandes hinter ihnen her.

Ihrem Zuge folgt der Geier;
     krächzend schwirrt er durch die Lüfte;
Ihrer Spur folgt die Hyäne,
     die Entweiherin der Grüfte;
Folgt der Panther, der des Kaplands
     Hürden räuberisch verheerte;
Blut und Schweiß bezeichnen ihres
     Königs grausenvolle Fährte.

Zagend auf lebend'gem Throne
     sehn sie den Gebieter sitzen,
Und mit scharfer Klaue seines
Sitzes bunte Polster ritzen.
Rastlos, bis die Kraft ihr schwindet,
     muss ihn die Giraffe tragen;
Gegen einen solchen Reiter
     hilft kein Bäumen und kein Schlagen.

Taumelnd an der Wüste Saume
     stürzt sie hin und röchelt leise.
Tot, bedeckt mit Staub und Schaume,
     wird das Ross des Reiters Speise.
Über Madagaskar, fern im
     Osten, sieht man Frühlicht glänzen; –
So durchsprengt der Tiere König
     nächtlich seines Reiches Grenzen.

Über die Entstehung der im „Deutschen Musenalmanach für 1835“ erstveröffentlichten Tierballade schreibt Julius Schwering:

„Wie mir Emil Rittershaus erzählte, entwarf Freiligrath die berühmte Tierballade in einem Amsterdamer Restaurant. Er lehnte träumend an der Tür des Zimmers und schaute in einen anstoßenden Ballsaal, und während das Gewirr der tanzenden Paare an seinem Auge vorüberglitt, stand plötzlich vor seinem geistigen Blicke die Wüstenszenerie: die Feuer des Tafelberges, die nächtliche Karoo, die Giraffe an der Lagune und der im Röhricht kauernde König der Tiere. Seine Einbildungskraft war damals immerfort fieberhaft beschäftigt.“ Schwering weist hin auf den Einfluss des französischen Romantikers Victor Hugo.

Literatur:
Freiligraths Werke in sechs Teilen. Hrsg. mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Julius Schwering. Berlin u.a.: Deutsches Verlagshaus Bong & Co. o.J. Zitat Teil 1, S. XXXV. Für die Deutung „Wenn des jähen Tafelberges bunte, wechselnde Signale“ usw. siehe Teil 6, S. 130.

*****

Johann Wolfgang von Goethe
Faust

Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Erscheinung des Erdgeistes

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

C. A. Simon gez[eichnet]. Stahlstich von Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Faust: Der Tragödie Erster Teil
Nacht.

In einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer Faust, unruhig auf seinem Sessel am Pulte.

[...]
(Er [Faust] fasst das Buch und spricht das Zeichen des Geistes geheimnisvoll aus. Es zuckt eine rötliche Flamme, der Geist erscheint in der Flamme.)

Geist:
Wer ruft mir?

Faust (abgewendet):
Schreckliches Gesicht!

Geist:
Du hast mich mächtig angezogen,
An meiner Sphäre lang gesogen,
Und nun –

Faust:
Weh! ich ertrag dich nicht!

Geist:
Du flehst, eratmend mich zu schauen,
Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn;
Mich neigt dein mächtig Seelenflehn,
Da bin ich! – Welch erbärmlich Grauen
Fasst Übermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf?
Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf
Und trug und hegte, die mit Freudebeben
Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben?
Wo bist du, Faust, des Stimme mir erklang,
Der sich an mich mit allen Kräften drang?
Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
In allen Lebenslagen zittert,
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm?

Faust:
Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin's, bin Faust, bin deinesgleichen!

Geist:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Wehe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselndes Wehen,
Ein glühend Leben,
So schaff ich am laufenden Webstuhl der Zeit,
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

Faust:
Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäftiger Geist, wie nah fühl' ich mich dir!

Geist:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!

(verschwindet)

*****

Johann Peter Hebel
Das Hexlein

Johann Peter Hebel, Das Hexlein

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Zwecker gez[eichnet]. Stahlstich von Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Das Hexlein

Und woni uffem Schnidstuehl sitz
für Basseltang, und Liechtspöh schnitz,
se chunnt e Hexli wohlgimuet,
und frogt no frei: "Haut's Messer guet?"

Und seit mer frei no Guete Tag!
und woni lueg, und woni sag:
"'s chönnt besser go, und Große Dank! "
se wird mer's Herz uf eimol chrank.

Und uf, und furt enanderno,
und woni lueg, isch's nümme do,
und woni rüef: "Du Hexli he!",
se git's mer scho kei Antwort meh.

Und sieder schmeckt mer 's Esse nit;
stell umme, was de hesch und witt,
und wenn en anders schlofe cha,
se höri alli Stunde schlah.

Und was i schaff, das grotet nit,
und alli Schritt und alli Tritt,
se chunnt mim Sinn das Hexli für,
und was i schwetz, isch hinterfür.

's isch wohr, es het e Gsichtli gha,
's verluegt si en Engel dra,
und 's seit mit so 'me freie Muet,
so lieb und süß: "Haut's Messer guet?"

Und leider hani's gehört und gseh,
und sellemols und nümmemeh.
Dört isch's an Hag und Hurst vorbei,
und witers über Stock und Stei.

Wer spöchtet mer mi Hexli us,
wer zeigt mer siner Mutter Hus?
I lauf no, was i laufe cha,
wer weiß, se triffi's doch no a!

I lauf no alli Dörfer us,
i suech und frog vo Hus zu Hus
und würd mer nit mei Hexli chund,
se würdi ebe nümme gsund.

***

Und wie ich auf dem Schnittstuhl sitz',
Zum Zeitvertreib, und Lichtspähn schnitz',
So kömmt ein Hexlein wohlgemut,
Und fragt noch gar: "schneid't s'Messer gut?"

Und sagt mir gar noch guten Tag,
Und wie ich schau' und wie ich sag':
"Es geht so so," und "großen Dank!"
So wird das Herz mir plötzlich krank.

Blitzschnell verschwindet, was ich sah,
Und blick' ich auf, ist Nichts mehr da;
Und ruf' ich laut: "du Hexlein, hör'!"
Gibt mir's schon keine Antwort mehr.

Mir schmeckt nun nicht mehr Speis' und Trank,
Und Nichts macht man mir mehr zu Dank:
Froh schläft ein Andrer bis zum Tag,
Ich höre jeden Stundenschlag.

Was ich beginn', misslinget mir,
Und wand'l ich dort, und weil' ich hier,
So liegt das Hexlein mir im Sinn,
Und meine Ruhe ist dahin.

Ja, sein Gesichtchen war so schön,
Ein Engel könnt' sich dran verseh'n,
Auch sprach es mit so freiem Mut,
So lieb und süß: "schneid't s'Messer gut?"

Das hört ich denn zu meiner Qual
Zum ersten und zum letzten Mal.
Es lief in Busch und Wald hinein
Und weiter über Stock und Stein.

Wer spähet mir mein Hexlein aus?
Wer zeigt mir seiner Mutter Haus?
Ich laufe, was ich laufen kann,
Ich treff' es doch vielleicht noch an!

Ich suche alle Dörfer aus,
Ich frage nach von Haus zu Haus,
Und wird mir nicht mein Hexlein kund,
So werd' ich nimmermehr gesund.

Das alemannische Original ist mehrfach online verfügbar, so im Projekt Gutenberg-DE und bei zeno.org. Die Übersetzung ins Hochdeutsche von Johann Valentin Adrian (1793-1864) ist der Anthologie "Panorama der deutschen Klassiker" entnommen.

*****

Heinrich Heine
Aus dem Cyklus: Die Heimkehr

Heinrich Heine, Die Heimkehr

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Zwecker gez[eichnet]. Stahlstich von Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Die Heimkehr
VII

Wir saßen am Fischerhause,
Und schauten nach der See;
Die Abendnebel kamen,
Und stiegen in die Höh'.

Im Leuchtturm wurden die Lichter
Allmählig angesteckt,
Und in der weiten Ferne
Ward noch ein Schiff entdeckt.

Wir sprachen von Sturm und Schiffbruch,
Vom Seemann, und wie er lebt
Und zwischen Himmel und Wasser,
Und Angst und Freude schwebt.

Wir sprachen von fernen Küsten,
Vom Süden und vom Nord,
Und von den seltsamen Menschen,
Und seltsamen Sitten dort.

Am Ganges duftet's und leuchtet's,
Und Riesenbäume blühn,
Und schöne, stille Menschen
Vor Lotosblumen knien.

In Lappland sind schmutzige Leute,
Plattköpfig, breitmäulig und klein;
Sie kauern um's Feuer, und backen
Sich Fische, und quäken und schrein.

Die Mädchen horchten ernsthaft,
Und endlich sprach niemand mehr;
Das Schiff ward nicht mehr sichtbar,
Es dunkelte gar zu sehr.

 

*****

Johann Gottfried Herder
Das Bild der Andacht

Johann Gottfried Herder, Das Bild der Andacht

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Simon gez[eichnet]. Stahlstich von Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Das Bild der Andacht

   Die höchste Liebe, wie die höchste Kunst
Ist Andacht. Dem zerstreueten Gemüt
Erscheint die Wahrheit und die Schönheit nie;
Sie, die aus Vielem nicht gesammlet wird,
Die, in sich Eins und Alles, jeden Teil
Mit sich belebet und vergeistiget.

   Sophronius, der in dem Heidentum
Den Musen einst geopfert, wollte jetzt
Der Mutter Gottes auch ihr Bildnis weihn.

   Wie eine Biene flog er auf der Au’
Der Kunstgestalten: Pallas, Cynthia
Stand ihm vor Augen; Aphrodite sollt’
In Einer Huldgestalt mit ihnen blühn.

   Er überlegt’, und schlief ermattet ein;
Da stand im Schlaf Sie selbst vor Augen ihm,
Die Benedeite. „Sieh mich, wer ich bin,"
Sprach sie, "und gib mir keinen fremden Reiz.
Nur Selbstvergessenheit ist meine Zier;
Nur Demut, Zucht und Einfalt ist mein Schmuck.“

   Getroffen wie vom Pfeile wacht’ er auf.
Und sah fortan auch wachend Sie, nur Sie!
Wie der, der in die Sonne schaut, das Bild
Der Sonne mit sich trägt. Öfters stand
(So dünkt es ihm) sie sichtbar vor ihm da,
Das Kind auf ihrem Arm, und Engel ihr
Zur Seite.


                    Als das Bild vollendet war,
Da trat ein Himmelsjüngling zu ihm hin,
Und sprach: „Gegrüßet sei, Holdselige!“
Zum Bilde. Viele Herzen werden Dein
Sich am Altar erfreu'n und willig Dir
Ihr Innres öffnen: denn was Andacht schuf,
Erwecket Andacht. Dir, o Künstler, hat
Die Selige sich selber offenbart.“

                           *     *     *

   Erschien, o Raphael, dir auch das Bild
Der Göttin, als die heilige Idee
Dir in der Dürftigkeit an Erdenschöne
Vorschwebete? Ich seh’ ihr Bild. Sie war's. (1)

(1) Essendo carestia e de buoni giudici e di belle donne, io mi serva di certa idea, que mi viene alla mente. Raffaello Sanzio.

Vorlage:
* Herders Sämmtliche Werke. Hrsg. von Bernhard Suphan. Bd. 28 (Herders Poetische Werke. Hrsg. von Carl Redlich. Bd. 4) Berlin: Weidmannsche Buchhandlung 1884. Darin: Das Bild der Andacht, S. 192-194.
* Digitalisiert in Wikisource.

Literatur:
* Hans Belting: Das unsichtbare Meisterwerk. Die modernen Mythen der Kunst. München: Beck 1998. Darin: Der Traum Raffaels, S. 88 ff. ISBN 3-406-44057-6

***

Der Bilderfries des Herderzimmers im Weimarer Residenzschloss beinhaltet eine Illustration des Gedichtes "Das Bild der Andacht", die Gustav Jäger ca. 1847 geschaffen hat. Dazu vgl. Fachhochschule Erfurt. Geben Sie in das Suchfeld ein: "Bild der Andacht“ aus dem Bilderfries im Herderzimmer.

*****

Johann Gottfried Herder
Prometheus

Johann Gottfried Herder, Prometheus

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Simon gez[eichnet]. Stahlstich von Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Das Bild zeigt in der oben Szene, wie Prometheus das Feuer, verborgen im Mark eines Rohrs, dem schlafenden Zeus entwendet, und im unteren Teil, wie er zur Strafe an einen Fels geschmiedet ist, mit dem Adler, der ihm jeden Tag seine Leber abfraß, die ihm nachts wieder wuchs. Eine nähere Verbindung zu den 13 mythologischen Szenen Herders stellt das Bild nicht her.

Das Werk "Der entfesselte Prometheus. Szenen. 1802" feiert - wie es der Titel verspricht - die Befreiung des Prometheus, des Schöpfers und Bildners der Menschen, durch Herakles, der den Adler mit seinem Bogen erlegt und die Fesseln löst. .Pallas Athene schenkt dem Menschengeschlecht "Agathia, die reine Menschlichkeit". Mit der folgenden Strophe des Chors schließt das Werk, das die klassische Humanitätsidee feiert:

Was Himmlisches auf der Erde blüht,
Was Menschen hoch zu Göttern hebt,
Ihr Holdestes,
Ihr Seligstes,
Ist Dein Geschenk, Agathia,
Ist Menschlichkeit.

In der Einleitung „An Gleim“, die dem Werk vorangestellt ist, bekräftigt Herder seine Meinung, „dass die harte Mythologie der Griechen aus den ältesten Zeiten von uns nicht anders als milde und menschlich angewandt werden dürfe“. Eine „Probe“ davon sei „Der entfesselte Prometheus“. Er habe in die Geschichte des Prometheus „den natürlichsten Sinn“ gelegt: „die Bildung und Fortbildung des Menschengeschlechtes zu jeder Kultur; das Fortstreben des göttlichen Geistes im Menschen zu Aufweckung all seiner Kräfte“. Das Feuer, das Prometheus den Menschen brachte, deutet Herder als „die Flamme der immer-fortgehenden Menschen-Bildung“.

Literatur:
Herders Sämmtliche Werke. Hrsg. von Bernhard Suphan. Bd. 28 (Herders Poetische Werke. Hrsg. von Carl Redlich. Bd. 4) Berlin: Weidmannsche Buchhandlung 1884. Darin: Der entfesselte Prometheus. Scenen. 1802, S. 329-368. Zitate S. 329f., 352.

***

Zur Vertonung durch Franz Liszt siehe den Eintrag in der englischen Wikipedia:
http://en.wikipedia.org/wiki/Prometheus_(Liszt)

"In 1850, Franz Liszt composed an overture and eight choruses with orchestra accompaniment for Johann Gottfried Herder's "Der entfesselte Prometheus" ("Prometheus Unbound"), a mythological work of thirteen scenes meant as a sequel to Aeschylus's "Prometheus Bound". This was to be performed for the Herder Festival scheduled for August of that year in Weimar. Liszt gave indications for the orchestration, and from these notes Liszt's helper Joachim Raff produced a score which was used in the first performance. This concert commemorated the unveiling of a monument to Herder on August 24, 1850. In 1855 Liszt revised both the overture and the choruses, added new instruments, mainly woodwinds, which resulted in the expansion of the overture to a symphonic poem and the choruses to a concert stage work. The symphonic poem was first performed on October 18, 1855."

"The work that was composed to illustrate the imprisonment, pain, hope, and the final triumph of Prometheus turned out to be incomprehensible to the contemporary public because of the many dissonances in the music. The choral parts ended too soon and were unusable, but the overture acquired its own life as a symphonic poem thanks to many performances of it by conductor Hans von Bülow."

*****

Nikolaus Lenau
Der Polenflüchtling

Nikolaus Lenau, Der Polenflüchtling

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Simon gez[eichnet]. Stahlstich von Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Der Polenflüchtling

Im quellenarmen Wüstenland
Arabischer Nomaden
Irrt, ohne Ziel und Vaterland,
Auf windverwehten Pfaden
Ein Polenheld und grollet still,
Dass noch sein Herz nicht brechen will.

Die Sonn auf ihn heruntersprüht
Die heißen Mittagsbrände,
Von ihrem Flammenkusse glüht
Das Schwert an seiner Lende.
Will wecken ihm den tapfern Stahl
Zur Racheglut der Sonnenstrahl?

Sein Leib neigt sich dem Boden zu
Mit dürstendem Ermatten;
Der sänke gern zu kühler Ruh
In seinen eignen Schatten,
Der tränke gern vor dürrer Glut
Schier seine eigne Tränenflut.

Doch solche Qual sein Herz nicht merkt,
Weils trägt ein tiefers Kränken.
Er schreitet fort, vom Schmerz gestärkt,
Vom Schlachtenangedenken.
Manchmal sein Mund Kosziusko! ruft,
Und träumend haut er in die Luft.

Als nun der Abend Kühlung bringt,
Steht er an grüner Stelle;
Ein süßes Lied des Mitleids singt
Entgegen ihm die Quelle,
Und säuselnd weht das Gras ihn an:
O schlummre hier, du armer Mann!

Er sinkt, er schläft. Der fremde Baum
Einflüstert ihn gelinde
In einen schönen Heldentraum;
Die Wellen und die Winde
Umrauschen ihn wie Schlachtengang,
Umrauschen ihn wie Siegsgesang.

Dort kommt im Osten voll und klar
Herauf des Mondes Schimmern;
Von einer Beduinenschar
Die blanken Säbel flimmern
Weithin im öden Mondrevier,
Der Wildnis nächtlich helle Zier.

Stets lauter tönt der Hufentanz
Von windverwandten Fliehern,
Die heißgejagt im Mondenglanz
Dem Quell entgegenwiehern.
Die Reiter rufen in die Nacht;
Doch nicht der Polenheld erwacht.

Sie lassen, frisch und froh gelaunt,
Die Ross' im Quelle trinken,
Und plötzlich schauen sie erstaunt
Ein Schwert im Grase blinken,
Und zitternd spielt das kühle Licht
Auf einem bleichen Angesicht.

Sie lagern um den Fremden stumm,
Ihn aufzuwecken bange;
Sie sehn der Narben Heiligtum
Auf blasser Stirn und Wange;
Dem Wüstensohn zu Herzen geht
Des Unglücks stille Majestät.

Dem schlafversunknen Helden naht,
Mit Schritten gastlich leise,
Ein alter, finsterer Nomad',
Und Labetrunk und Speise,
Das Beste, das er ihm erlas,
Stellt er ihm heimlich vor ins Gras,

Nimmt wieder seine Stelle dann. –
Noch starrt die stumme Runde
Den Bleichen an, ob auch verrann
Der Nacht schon manche Stunde;
Bis aus dem Schlummer fährt empor
Der Mann, der's Vaterland verlor.

Da grüßen sie den Fremden mild
Und singen ihm zu Ehre
Gesänge tief und schlachtenwild
Hinaus zur Wüstenleere.
Blutrache, nach der Väter Brauch,
Ist ihres Liedes heißer Hauch.

Wie fasst und schwingt sein Schwert der Held,
Der noch vom Traum berückte!
– Er steht auf Ostrolenkas Feld –
Wie lauschet der Entzückte,
Vom stürmischen Gesang umweht!
Wie heiß sein Blick nach Feinden späht!

Doch nun der Pole schärfer lauscht,
Sind's fremde, fremde Töne;
Was ihn im Waffenglanz umrauscht,
Arabiens freie Söhne,
Auf die der Mond der Wüste scheint:
Da wirft er sich zur Erd' – und weint.

Anmerkungen:
Lenau hielt sich 1831 in Heidelberg, Stuttgart und bei Justinus Kerner in Weinsberg auf, wo er Polen trifft, die nach der Niederschlagung des polnischen Aufstandes durch Russland 1830/31 hatten flüchten müssen. Das Schicksal Polens regte ihn zu mehreren "Polenliedern" an.
* Kosziusko". Tadeusz Kościuszko (1746-1817), polnischer Nationalheld, Führer des Aufstandes gegen die Teilungsmächte Russland und Preußen im Jahr 1794.
* "Ostrolenkas Feld": "Während des Novemberaufstandes kam es 1831 zu einer Schlacht zwischen polnischen und russischen Truppen, in deren Folge Teile der Stadt Ostrolenka zerstört wurden." (Wikipedia)

*****

Friedrich Schiller
Der Alpenjäger

Friedrich Schiller, Der Alpenjäger

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Zwecker gez[eichnet]. Stahlstich von Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Der Alpenjäger

Willst du nicht das Lämmlein hüten?
   Lämmlein ist so fromm und sanft,
Nährt sich von des Grases Blüten,
   Spielend an des Baches Ranft.
»Mutter, Mutter, lass mich gehen,
Jagen nach des Berges Höhen!«

Willst du nicht die Herde locken
   Mit des Hornes munterm Klang?
Lieblich tönt der Schall der Glocken
   In des Waldes Lustgesang.
»Mutter, Mutter, lass mich gehen,
Schweifen auf den wilden Höhen!«

Willst du nicht der Blümlein warten,
   Die im Beete freundlich stehn?
Draußen ladet dich kein Garten;
   Wild ist's auf den wilden Höh'n!
»Lass die Blümlein, lass sie blühen!
Mutter, Mutter, lass mich ziehen!«

Und der Knabe ging zu jagen,
   Und es treibt und reißt ihn fort,
Rastlos fort mit blindem Wagen
   An des Berges finstern Ort;
Vor ihm her mit Blitzesschnelle
Flieht die zitternde Gazelle.

Auf der Felsen nackte Rippen
   Klettert sie mit leichtem Schwung,
Durch den Riss geborstner Klippen
   Trägt sie der gewagte Sprung;
Aber hinter ihr verwogen
Folgt er mit dem Todesbogen.

Jetzo auf den schroffen Zinken
   Hängt sie, auf dem höchsten Grat,
Wo die Felsen jäh versinken,
   Und verschwunden ist der Pfad.
Unter sich die steile Höhe,
Hinter sich des Feindes Nähe.

Mit des Jammers stummen Blicken
   Fleht sie zu dem harten Mann,
Fleht umsonst, denn loszudrücken
   Legt er schon den Bogen an:
Plötzlich aus der Felsenspalte
Tritt der Geist, der Bergesalte.

Und mit seinen Götterhänden
   Schützt er das gequälte Tier.
»Musst du Tod und Jammer senden,«
   Ruft er, »bis herauf zu mir?
Raum für alle hat die Erde!
Was verfolgst du meine Herde?«

*****

Friedrich Schiller
Graf Eberhard der Greiner von Württemberg

Friedrich Schiller, Graf Eberhard der Greiner von Württemberg

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Zwecker gez[eichnet]. Stahlstich von Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Graf Eberhard der Greiner von Württemberg
Kriegslied

Ihr – ihr dort außen in der Welt,
   Die Nasen eingespannt!
Auch manchen Mann, auch manchen Held,
Im Frieden gut und stark im Feld,
   Gebar das Schwabenland.

Prahlt nur mit Karl und Eduard,
    Mit Friedrich, Ludewig!
Karl, Friedrich, Ludwig, Eduard
Ist uns der Graf, der Eberhard,
   Ein Wettersturm im Krieg.

Und auch sein Bub', der Ulerich,
   War gern, wo 's eisern klang;
Des Grafen Bub', der Ulerich,
Kein Fußbreit rückwärts zog er sich,
   Wenn's drauf und drunter sprang.

Die Reutlinger, auf unsern Glanz
   Erbittert, kochten Gift,
Und buhlten um den Siegeskranz,
Und wagten manchen Schwertertanz
   Und gürteten die Hüft' -

Er griff sie an – und siegte nicht.
   Und kam gepanscht nach Haus;
Der Vater schnitt ein falsch Gesicht,
Der junge Kriegsmann floh das Licht,
   Und Tränen drangen 'raus.

Das wurmt' ihn – Ha! ihr Schurken, wart!
   Und trug's in seinem Kopf.
Auswetzen, bei des Vaters Bart!
Auswetzen wollt' er diese Schart'
   Mit manchem Städtlerschopf.

Und Fehd' entbrannte bald darauf
   Und zogen Roß und Mann
Bei Döffingen mit hellem Hauf,
Und heller ging's dem Junker auf,
   Und, hurrah! heiß ging's an.

Und unsers Heeres Losungswort
   War: die verlorne Schlacht!
Das riss uns wie die Windsbraut fort
Und schmiss uns tief in Blut und Mord
   Und in die Lanzennacht.

Der junge Graf, voll Löwengrimm,
   Schwung seinen Heldenstab,
Wild vor ihm ging das Ungestüm,
Geheul und Winseln hinter ihm,
   Und um ihn her das Grab.

Doch weh! ach weh! ein Säbelhieb
   Sank schwer auf sein Genick.
Schnell um ihn her der Helden Trieb -
Umsonst! umsonst! erstarret blieb
   Und sterbend brach sein Blick.

Bestürzung hemmt des Siegers Bahn,
   Laut weinte Feind und Freund –
Hoch führt der Graf die Reiter an:
Mein Sohn ist wie ein andrer Mann!
   Marsch, Kinder! In den Feind!

Und Lanzen sausen feuriger,
   Die Rache spornt sie all,
Rasch über Leichen ging's daher,
Die Städtler laufen kreuz und quer
   Durch Wald und Berg und Tal.

Und zogen wir mit Hörnerklang
   Ins Lager froh zurück,
Und Weib und Kind im Rundgesang
Beim Walzer und beim Becherklang
   Lustfeiern unser Glück.

Doch unser Graf – was tät er itzt?
   Vor ihm der tote Sohn.
Allein in seinem Zelte sitzt
Der Graf, und eine Träne blitzt
   Im Aug' auf seinen Sohn.

Drum hangen wir so treu und warm
   Am Grafen, unserm Herrn.
Allein ist er ein Heldenschwarm,
Der Donner rast in seinem Arm,
   Er ist des Landes Stern.

Drum, ihr dort außen in der Welt,
   Die Nasen eingespannt!
Auch manchen Mann, auch manchen Held,
Im Frieden gut und stark im Feld,
   Gebar das Schwabenland.

*****

Ludwig Uhland
Die Kapelle

Ludwig Uhland, Die Kapelle

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Zwecker gez[eichnet]. Stahlstich von Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Die Kapelle

Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab.
Drunten singt bei Wies' und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab'.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor,
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal.
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir auch singt man dort einmal.

*****

Ludwig Uhland
Sängerliebe

Ludwig Uhland, Sängerliebe, Dante

Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild

Zwecker gez[eichnet]. Stahlstich von Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg. Stuttgart, Eigenthum & Verlag von Karl Göpel.

Sängerliebe
5. Dante

War's ein Tor der Stadt Florenz
   Oder war's ein Tor der Himmel,
   Draus am klarsten Frühlingsmorgen
   Zog so festliches Gewimmel?

Kinder, hold wie Engelscharen,
   Reich geschmückt mit Blumenkränzen,
   Zogen in das Rosental
   Zu den frohen Festestänzen.

Unter einem Lorbeerbaume
   Stand, damals neunjährig, Dante,
   Der im lieblichsten der Mädchen
   Seinen Engel gleich erkannte.

Rauschten nicht des Lorbeers Zweige,
   Von der Frühlingsluft erschüttert?
   Klang nicht Dantes junge Seele,
   Von der Liebe Hauch durchzittert?

Ja, ihm ist in jener Stunde
   Des Gesanges Quell entsprungen;
   In Sonetten, in Kanzonen
   Ist die Lieb' ihm früh erklungen.

Als, zur Jungfrau hold erwachsen,
   Jene wieder ihm begegnet,
   Steht auch seine Dichtung schon
   Wie ein Baum, der Blüten regnet.

Aus dem Tore von Florenz
   Zogen dichte Scharen wieder,
   Aber langsam, trauervoll,
   Bei dem Klange dumpfer Lieder.

Unter jenem schwarzen Tuch,
   Mit dem weißen Kreuz geschmücket,
   Trägt man Beatricen hin,
   Die der Tod so früh gepflücket.

Dante saß in seiner Kammer
   Einsam, still, im Abendlichte,
   Hörte fern die Glocken tönen
   Und verhüllte sein Gesichte.

In der Wälder tiefste Schatten
   Stieg der edle Sänger nieder,
   Gleich den fernen Totenglocken
   Tönten fortan seine Lieder.

Aber in der wildsten Öde,
   Wo er ging mit bangem Stöhnen,
   Kam zu ihm ein Abgesandter
   Von der hingeschiednen Schönen;

Der ihn führt' an treuer Hand
   Durch der Hölle tiefste Schluchten,
   Wo sein ird'scher Schmerz verstummte
   Bei dem Anblick der Verfluchten.

Bald zum sel'gen Licht empor
   Kam er auf den dunkeln Wegen,
   Aus des Paradieses Pforte
   Trat die Freundin ihm entgegen.

Hoch und höher schwebten beide
   Durch des Himmels Glanz und Wonnen,
   Sie, aufblickend, ungeblendet,
   Zu der Sonne aller Sonnen;

Er, die Augen hingewendet
   Nach der Freundin Angesichte,
   Das, verklärt, ihn schauen ließ
   Abglanz von dem ew'gen Lichte.

Einem göttlichen Gedicht
   Hat er alles einverleibet
   Mit so ew'gen Feuerzügen,
   Wie der Blitz in Felsen schreibet.

Ja, mit Fug wird dieser Sänger
   Als der Göttliche verehret,
   Dante, welchem ird'sche Liebe
   Sich zu himmlischer verkläret.

*****

2. Notizen zu den Zeichnern

Alexander Simon (Carl Wilhelm Alexander Simon), genannt Carl Alexander, Maler, Schriftsteller und Dichter, geboren 4. 11. 1805 in Frankfurt a. 0., gestorben nach 1859 in Chile. Schüler der Berliner Akademie, bereiste Italien und Sizilien (1829/31 in Rom). Seit 1832 in Berlin, seit etwa 1835 in Weimar ansässig (Mitarbeit bei Ausmalung der Dichterzimmer im Schloss). Zog nach Stuttgart, wurde bei der Unterdrückung des sog. Stuttgarter Brotkrawalls des Landes verwiesen, flüchtete im Winter 1848/49 nach Frankreich, lebte in Lyon und Marseille. Kehrte dann nach Stuttgart zurück. 1859 in München, wanderte später nach Chile aus. Arabeskenbilder und Illustrationen zu Christoph Martin Wielands epischer Dichtung "Oberon". (Thieme-Becker)

***

Johann Baptist Zwecker, Maler, Illustrator und Radierer, geboren 18. 9. 1814 in Frankfurt a. M., gestorben 10. 1. 1876 in London. Schüler des Städelschen Instituts (1831/34, unter Carl Friedrich Wendelstadt und Friedrich Maximilian August Wilhelm Hessemer) und der Akademie in Düsseldorf (1834/38). Tätig in Frankfurt, seit ca. 1850 in London. Malte anfänglich Bildnisse und Genreszenen, später hauptsächlich Pferdebilder. Bildnisse der Kaiser Heinrich I. und Heinrich VI. im Kaisersaal des Römers in Frankfurt a.M. (Thieme-Becker)

*****

3. Notizen zu Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg

Mayer, Carl, * 21. Mai 1798 Nürnberg, † 2. Januar 1868 ebda, Kupfer- und Stahlstecher, Verleger. Besuchte die Nürnberger Zeichenschule unter Direktor Zwinger und trat in das Atelier des Malers und Kupferstechers Friedrich Fleischmann ein, dessen erfolgreichster Schüler er war. Nach seinen Studien in Nürnberg ging Mayer nach Paris, wo er unter Desnoyers lernte, und kam nach mehrjährigen Aufenthalt zurück nach Nürnberg. Er wurde als Reproduktionskünstler bekannt und eröffnete 1828 ein Atelier, zunächst für Kupferstich und Druck, später auch für Stahlstich, das als "Carl Mayer's Kunstanstalt" firmierte. Talentvolle junge Künstler arbeiteten unter seiner Direktion; "jeder einzelnen Platte aber, die aus dieser Kunstwerkstätte hervorging, verstand er durch eigene Überarbeitung und Retouche das eigentümliche gefällige Lustre zu geben, welches das Auge so wohltuend ansprach." (Rudolf Schmidt) "Als Kunstverleger begann Mayer seine Tätigkeit durch Erwerbung des klassischen Verlages der ehemals Frauenholzschen Kunsthandlung in Nürnberg, und trat, indem er durch eigene Herausgabe von Bilderwerken denselben ansehnlichst vermehrt hatte, nunmehr auch in direkten Verkehr mit dem Sortimentsbuchhandel." (Rudolf Schmidt) (Auf Grundlage und mit Zitaten des Eintrags in Wikipedia; Lizenzbestimmungen)

Weblinks:
* Zu Carl Mayer und der Kunstanstalt siehe den Eintrag in Wikipedia.
* Mayer, Carl, in Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Beiträge zu einer Firmengeschichte des deutschen Buchgewerbes. Berlin: Verlag der Buchdruckerei Franz Weber (später: Eberswalde: Verlag von Rudolf Schmidt), 1902-1908. Hier Bd. 4, 1907, S. 663f. Online bei zeno org.

*****

4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

Alle Bildvorlagen entstammen, sofern nicht anders vermerkt, einer privaten Sammlung. Soweit es Rechte des Goethezeitportals betrifft, gilt: Die private Nutzung und die nichtkommerzielle Nutzung zu bildenden, künstlerischen, kulturellen und wissenschaftlichen Zwecken ist gestattet, sofern Quelle (Goethezeitportal) und URL (http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6627) angegeben werden. Die kommerzielle Nutzung oder die Nutzung im Zusammenhang kommerzieller Zwecke (z.B. zur Illustration oder Werbung) ist nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der Verfasser gestattet.

Dem Goethezeitportal ist kein Urheberrechtsinhaber bekannt; ggf. bitten wir um Nachricht.

Für urheberrechtlich geschützte Bilder oder Texte, die Wikipedia entnommen sind, gilt abweichend von obiger Regelung die Creative Commons-Lizenz.

Kontaktanschrift:

Prof. Dr. Georg Jäger
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Deutsche Philologie
Schellingstr. 3
80799 München

E-Mail: georg.jaeger07@googlemail.com

*****

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit