goethe

Künstler- und Denkerenzyklopädie

Gottfried August Bürger
(1747 - 1794)

Vertonungen seiner Lieder durch Carl Christian Agthe und Friedrich Wilhelm Weis

 

Liebeszauber

Mädel, schau mir ins Gesicht!
Schelmenauge, blinzle nicht!
Mädel, merke was ich sage!
Gib mir Rede, wenn ich frage!
Holla! Hoch mir ins Gesicht!
Schelmenauge, blinzle nicht!

Bist nicht häßlich, das ist wahr;
Aeuglein hast du blau und klar;
Wang’ und Mund sind süße Feigen;
Ach! Vom Busen laß mich schweigen!
Reitzend, Liebchen, das ist wahr,
Reitzend bist du offenbar.

Aber reitzend her und hin!
Bist ja doch nicht Kaiserin;
Nicht die Kaiserin der Schönen,
Würdig ganz allein zum Krönen.
Reitzend her und reitzend hin!
Fehlt noch viel zur Kaiserin.

Hundert Schönen sicherlich,
Hundert, hundert! Fänden sich,
Die von Eifer würden lodern
Dich auf Schönheit raus zu fodern.
Hundert Schönen fänden sich;
Hundert siegten über dich.

Dennoch hegst du Kaiserrecht,
Ueber deinen treuen Knecht;
Kaiserrecht in seinem Herzen,
Bald zu Wonne, bald zu Schmerzen.
Tod und Leben Kaiserrecht,
Nimmt von dir der treue Knecht.

Hundert ist wohl große Zahl;
Aber, Liebchen, laß es mal
Hunderttausend Schönen wagen,
Dich von Thron und Reich zu jagen!
Hunderttausend? Welche Zahl!
Sie verlören allzumal.

Schelmenauge, Schelmenmund,
Sieh’ mich an und thu mirs kund;
He! Warum bist du die Meine,
Du allein und anders keine?
Sieh’ mich an und thu mirs kund,
Schelmenauge, Schelmenmund!

Sinnig forsch ich auf und ab;
Was so ganz dir hin mich gab?
Ha! Durch nichts mich so zu zwingen,
Geht nicht zu mit rechten Dingen.
Zaubermädel auf und ab,
Sprich, wo ist dein Zauberstab?


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