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Künstler- und Denkerenzyklopädie

Gottfried August Bürger
(1747 - 1794)

Günter Häntzschel: Leben und Werk des Gottfried August Bürger

 

Gottfried August Bürger war - trotz Schillers herber Kritik - einer der großen, volkstümlichen Poeten des späten 18. Jahrhunderts. Seine "Lenore" fehlt in keiner Balladen-Anthologie, seine Ausgabe der "Wunderbaren Reisen des Freiherrn Münchhausen" gehört zum Kanon der humoristischen, der satirischen deutschen Literatur. Kaum bekannt ist geblieben, daß die Tragödie seines Lebens auch Signifikanz für das Dasein vieler Intellektueller des Zeitalters der Aufklärung hatte.

Herr Professor Günter Häntzschel bietet eine Einführung in Leben und Werk dieses Mannes mit der Brillanz des Kenners eines zu unrecht kaum bekannten Werks und mit der Zuneigung des Forschers für ein Schicksal, das eine Epoche in vielen Facetten gespiegelt hat.

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I. Bürgers Leben – der mißglückte Versuch einer Selbstbefreiung

1. Schul-und Studienjahre
2. Der Konflikt zwischen Amt und Poesie
3. Dorette und Molly
4. Als Dozent in Göttingen

"Ein anderes Mal wollte ich über einen Morast setzen, der mir anfänglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft, wendete ich mich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen größeren Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch zum zweiten Male noch zu kurz, und fiel nicht weit vom anderen Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen die Knie schloß, wieder herausgezogen hätte." (523)

 

Diese Begebenheit, eine der Geschichten, die Bürger von sich aus dem vorgefundenen Stoff der ‘Wunderbaren Reisen zu Wasser und Lande’ hinzufügte, kann als Wunschtraum des Verfassers gelten, denn gerade 1786, kurz bevor die erste Ausgabe des ,Münchhausen' anonym bei Dieterich in Göttingen erschien, war Bürger ganz besonders tief in einen Morast unsäglichen Unglücks und Elends geraten, aus dem ihn niemand befreien konnte. Wie sehr hätte er sich eine solche wunderbare Selbsthilfe gewünscht. Bürger hatte zu Anfang des Jahres nach nur sechsmonatiger Ehe seine über alles geliebte Molly verloren, die er während zehn unglücklichen Ehejahren mit ihrer Schwester Dorette "mit immer gleich heißer, durstender, verzehrender Sehnsucht" begehrt hatte.

"Ich bin ein armer unheilbarer Mensch bisher gewesen; ich bin es noch immerfort, und werde es bleiben bis in mein Grab neben der Unvergeßlichen; ein armer an Kraft, Mut und Tätigkeit gelähmter Mensch." (an Boie, 16.3. 1786; 111, 167f.)

 

Überblickt man Bürgers Leben, so offenbart sich, daß er nicht nur während dieses Schicksalsschlages, sondern zu jeder Zeit – und er selber deutet ja darauf hin – in einem Morast erbärmlicher Verhältnisse, unsäglicher Mühen und auswegloser Situationen steckte, aus denen zu befreien er sich immer wieder bemühte, doch letztlich vergebens. Es wird auch deutlich, daß die Figur des Freiherrn von Münchhausen, des Übermenschen, der immer Glück hat und die schwierigsten Situationen meistert, Bürger als sein eigenes Gegen- und Wunschbild angezogen haben muß. Aus seinen Briefen lernen wir Bürger als einen überaus unsicheren, labilen Menschen kennen, zwischen Extremen schwankend, bald sich zu wenig, bald sich zu viel zutrauend, schnell resignierend und ebenso schnell triumphierend, voller genialer Ideen, aber oft unfähig, sie in die Tat umzusetzen – sei es aus persönlicher Anlage, eigener Schuld, oder aufgrund äußerer Umstände. In beinahe allen veröffentlichten Schriften dagegen kompensiert er seine Schwäche und Ohnmacht durch Kraft und Stärke, durch forcierte Forschheit und gewagte Flucht nach vorn. Von Anfang an ist es der Münchhausen-Stil, der hier vorherrscht, ein Renommiergehabe, das seine Verzagtheit überdeckt und das verständlich, vielleicht sogar einnehmend werden kann, wenn wir sein Schicksal kennen.

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II. Das Werk

 

1. Philologie und Dichtung

Homer-Übersetzungen
Viele Pläne und ihr Scheitern
Bürgers poetisches Glaubensbekenntnis
Bürgers Publikum

2. Gedichte und Balladen

Anakreontische Anfänge
Balladen
Subjektivität und Leidenschaft
Politische und kritische Texte

3. „Wunderbare Reisen“ 

 

 

Ohne das eingangs zitierte Bild zu strapazieren, läßt sich sagen, daß für Bürger auch sein literarisches Werk, seine Übersetzungen, seine theoretischen Schriften und seine Gedichte, eines jener Mittel bildet, mit Hilfe derer er aus dem Sumpf des Elends aus eigener Kraft herauszukommen hoffte. Teils waren es handfeste finanzielle Überlegungen, die ihn zum Schreiben animierten, teils erhoffte er sich Aufmerksamkeit und Anerkennung bei den Gebildeten und Kennern. Besonders die Verbindung mit Heinrich Christian Boie, der als Herausgeber des ‘Deutschen Museums’, einer der angesehensten Zeitschriften des späten 18. Jahrhunderts, die erforderliche öffentliche Resonanz herstellen konnte, erwies sich als außerordentlich günstig für Bürger. 

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III. Kontroversen und Mißverständnisse – die Rezeption Bürgers

1. Bürgers Erfolge
2. Entehrung durch Goethe und Schiller
3. Zögernde Rehabilitierung

Trotz mancher Schwächen und Mängel, die zur Sprache kamen, besteht Bürgers Leistung darin, daß er in bisher ungekannter Intensität literarische Ausdrucksweisen seiner Zeit mit neuen Energien auffrischt und anreichert, indem er eine unmittelbare, oft distanzlose Verbindung von Literatur und Leben verwirklicht, leidenschaftlich und temperamentvoll dichtet, subjektive Erfahrungen poetisch umsetzt und damit die regelgebundene Poetik der Aufklärung und des Rokoko als obsolet erscheinen läßt, die empfindsame Mode durch sinnlich konkrete Elemente übertrifft. Sein stilistisches Ideal der Volkstümlichkeit und seine politisch gesellschaftliche Kritik, besonders in einigen Balladen konvergierend, erregten ebenso den Unwillen mancher konventioneller Kritiker wie sie die Aufmerksamkeit und Zustimmung bei denjenigen erzielten, die für die Neuerungen der Zeit sensibel waren, unter ihnen Wieland, Voß, Stolberg, weitere Mitglieder des Göttinger Hain, der junge Goethe, August Wilhelm Schlegel und Friedrich von Hardenberg.

Besonders ist Wieland zu erwähnen, der von Anfang an große Hoffnungen auf Bürgers Homer-Übertragung setzte, obwohl er doch selber ganz andere Ansichten von der deutschen Dichtung vertrat und daher das Hauptangriffsziel des Göttinger Hain gewesen ist. Ungeachtet seines eigenen Abstands zur Poesie der jungen Generation erkennt Wieland Bürgers dichterische Potenz und nimmt die Gelegenheit wahr, 1778 in seinem ‘Teutschen Merkur’ den neuen Ton zu empfehlen:

"Wer, in kurzem, wird nicht Bürgers Gedichte auswendig wissen? In welchem Hause, in welchem Winkel Teutschlands werden sie nicht gesungen werden? – Ich wenigstens kenne in keiner Sprache etwas Vollkommeneres, in dieser Art; nichts das dem Kenner und Nichtkenner, dem Jüngling und dem Manne, dem Volk und der Klerisei, jedem nach seiner Empfänglichkeit, so gleich angemessen, genießbar, lieb und wert sein müsse als Bürgers Gedichte."

 

Bemerkenswerterweise macht er ausdrücklich auf die innere Einheit von Volkstümlichkeit und Kunstmäßigkeit aufmerksam, die später vom ästhetischen Maßstab der Klassik nicht mehr erkannt wurde:

"Wahre Volkspoesie – und doch alles, was nicht bloß Ausguß der Burleskkomischen Laune eines Augenblicks ist, so schön, so poliert, so vollendet!" (1071 f.)

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Zeittafel

174731.12. Gottfried August Bürger wird in Molmerswende am Harz geboren. Eltern: Johann Gottfried Bürger (1706–1764), Pfarrer, und Gertrude Elisabeth Bauer (1718–1775).
1759–1760 Stadtschule in Aschersleben, wo Bürger bei seinem Großvater mütterlicherseits, Jakob Philipp Bauer wohnt.
1760–1763Pädagogium in Halle. 1763–1764 im Winter bei seinem Großvater in Aschersleben.
1764–1767Theologiestudium an der Universität Halle. Freundschaft mit Professor Christian Adolph Klotz, der in ihm Interesse für klassische Philologie erweckt.
1768–1772 Jurastudium an der Universität Göttingen, auf Wunsch des Großvaters. Wachsendes Interesse an Philologie und Literatur; poetische Proben und Versuche.
1771Beginn der Korrespondenz mit Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Beginn der Freundschaft mit Heinrich Christian Boie und Umgang mit den übrigen Mitgliedern des Göttinger Hain (Gründung 12.9.1772). Seit 1771 schreibt Bürger für den seit 1770 erscheinenden Göttinger Musenalmanch.
1771 ‘Gedanken über die Beschaffenheit einer deutschen Übersetzung des Homer, nebst einigen Probefragmenten’ als Auftakt weiterer Übersetzungen und übersetzungstheoretischer Schriften.
1772–1784 Gerichtshalter (Amtmann) in dem von Uslarschen Gericht Altengleichen mit Sitz in Gelliehausen bei Göttingen.
1773Lektüre von Herders Schriften. ‘Lenore’ erscheint im Göttinger Musenalmanach auf 1774.
1774Bürger verlegt seinen Wohnsitz in das benachbarte Niedeck und gerät in freundschaftliche Beziehungen zu der Familie des dortigen Amtmanns Johann Carl Leonhart. 22.11. Heirat mit Dorothea Marianne (Dorette) Leonhart. Gleichzeitige Liebe zu ihrer Schwester Auguste, von Bürger Molly genannt.
1775Übersiedlung des Ehepaares in das in der Nähe gelegene Wöllmarshausen. Er-neuerung der Freundschaft mit Leopold Friedrich Günther Goeckingh, seinem einstigen Mitschüler im Pädagogium in Halle, der die Redaktion des Göttinger Musenalmanachs übernommen hatte.
1776‘Aus Danil Wunderlichs Buch’. Zunehmend leidet Bürger unter den drückenden Amtsgeschäften, die seine dichterischen Ambitionen beeinträchtigen. Beginn seiner Liebesgedichte an Molly.
1778‘Gedichte’. Erste Ausgabe.
1779–1794 Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs.
1780–1784
 
Pacht des Gutes Appenrode. Finanzielle Probleme, Schulden, Amtsüberdruß, Schwierigkeiten bei der Landwirtschaft, Krankheit. Seine Frau Dorette willigt in die Ehe zu dritt ein.
1781Inquisitionsprozeß gegen die Kindsmörderin Catharina Elisabeth Erdmann. Verarbeitet in der schon länger geplanten Ballade ‘Des Pfarrers Tochter von Taubenhain’.
1783Erneute Angriffe der Familie von Uslar gegen Bürgers Amtstätigkeit. Bürger verlaßt eine Rechtfertigungsschrift. Obwohl der Prozeß von der Regierung in Hannover zu Gunsten Bürgers entschieden wird, gibt er seine Amtmannstelle auf.
1784 30.7. Dorette stirbt an den Folgen der Geburt einer Tochter, die die Mutter nur kurz überlebt.
1784–1794
 
 
Bürger als Privatdozent, später außerordentlicher Professor an der Universität Göttingen. Wohnung im Hause Dieterichs. Er hält Vorlesungen über Ästhetik, deutsche Sprache, deutschen Stil und Philosophie.
1785 17.6. Heirat mit Auguste Leonhart, der Schwester Dorettes, seiner geliebten Molly.
1786 9.1. Molly stirbt an den Folgen der Geburt einer Tochter. – ‘Wunderbare Reise zu Wasser und Lande’, Erste Ausgabe.
1787‘Über Anweisung zur deutschen Sprache und Schreibart auf Universitäten. Ein-ladungsblätter zu seinen Vorlesungen’. Verleihung des Titels ‘Doktor der Philosophie’.
1788‘Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande’. Zweite, erweiterte Ausgabe.
1789‘Gedichte’. Zweite Ausgabe in zwei Bänden. Bürger erhält – nach fünf jähriger Lehrtätigkeit – den Titel eines außerordentlichen Professors.
1790 
29.9. Heirat mit Elise Hahn.
1791Schillers anonym veröffentlichte Kritik an seinen Gedichten trifft Bürger empfindlich und irritiert ihn.
1792 31.3. Scheidung von Elise Hahn.
1794 8.6. Tod Bürgers.
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