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Künstler- und Denkerenzyklopädie

Gottfried August Bürger
(1747 - 1794)

Gerhard Lauer:
Die Poesie beim Wort genommen.
Das ganz unwunderbare Leben des Dichters Gottfried August Bürger

 
Bürger-Monument in Göttingen

Alle glücklichen Dichter gleichen einander, jeder unglückliche Dichter ist unglücklich auf seine Art. So ist man mit einer Formulierungsvariante Tolstois versucht zu sagen, wenn von jener besonderen Art des Unglücklichseins zu berichten ist, die sich in Göttingen vor mehr als zweieinhalb Jahrhunderten zugetragen hat. Wie wir es auch wenden, das geglückte Leben im Göttingen des 18. Jahrhunderts will nicht herauskommen bei der Geschichte, die hier zu erzählen ist, vielleicht aber etwas über das Glück der Fantasie. Wer sagt, poetisch unglücklich könne man auch im Moskau der Anna Karenina so gut als in Göttingen sein, hat so unrecht nicht. Aber die Geschichte, die hier zu erzählen ist, hat eben eine besondere Art, warum sich Dichtung, Leben und Liebe nicht so zusammen reimen wollen, wie wir das gewohntermaßen meinen. Das hat mit Göttingen im 18. Jahrhundert durchaus zu tun. Zu berichten ist von der ganz unwunderbaren Lebensreise eines Dichters im Göttingen des 18. Jahrhunderts, die fast geglückt wäre, dann von der „schönen Unordnung“, die im 18. Jahrhundert in die Poesie und in die Köpfe gekommen ist, schließlich von den wunderbaren Ausfahrten der Fantasie und ihren Folgen. Die Rede ist von dem Göttinger Kommilitonen, späteren Amtmann zu Gelliehausen, Landwirt auf Appenrode, Extraordinarius der Georgia-Augusta und dabei immer Dichter Gottfried August Bürger, geboren 1747 im abgelegenen Molmerswende im Ostharz, 1797 kaum 46 Jahre später zu Göttingen verstorben.

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Inhalt

I. Wunderbare und unwunderbare Lebensreisen

II. Die neue Poesie und die alte Liebe.
Über schöne Unordnungen

III. Ausfahrten der Fantasie  

 

 

I. Wunderbare und unwunderbare Lebensreisen

Das Leben des Gottfried August Bürger hätte eine wunderbare Reise des „Herauflesens“ werden können, wie die Literatursoziologie es nennt, wenn im 18. Jahrhundert die Kinder einfacher Leute durch Bildung - und das hieß schon damals immer zuerst Lesen - aufsteigen konnten. [S. 79] Wer sich im 18. Jahrhundert zu den immer noch wenigen rechnen durfte, die zu Lesen verstanden, eine Lateinschule und gar eine Universität besucht hatten, denen stand die Welt offen, ob dem Hauptmannssohn Friedrich Schiller, dem Pfarrerssohn Friedrich Melchior Grimm oder dem Militärmusikersohn Karl Philipp Moritz. Da sind Pastorensöhne darunter, keine Frage.

Und auch Bürger stammte aus einem Pfarrhaus, mehr aber auch nicht. Dass aus dem Pfarrhaus die neuere deutsche Literatur erwachsen sei, verkürzt die Lebensläufe allzusehr, die im 18. Jahrhundert so wunderliche Züge angenommen haben. Der junge Gottfried wäre an der geistigen Enge seines Elternhauses, der Ignoranz seines Vaters und dem Jähzorn seiner Mutter erstickt, hätte ihn nicht sein Großvater mütterlicherseits Jakob Philipp Bauer da herausgeholt, der nicht Pfarrer, sondern Brauherr und Weißbäcker war. Er hat ihn in die Lateinschule zu sich nach Aschersleben genommen, ihn 1760 mit 13 Jahren an das Hallenser Reformpädagogicum der Franckeschen Stiftungen geschickt und dann mit noch nicht 18 Jahren zum Theologiestudium an die Universität Halle, damals eine der führenden Universitäten des Alten Reiches. Hier studieren fast ein Drittel der 3.500 Studenten, die sich damals pro Jahr im gesamten deutschsprachigen Raum immatrikuliert hatten.

Dem jungen Bürger war freilich wie so manchen seiner Generation nicht eben viel an der Theologie gelegen. Er hielt sich an den im Ruf der Leichtfertigkeit stehenden Professor der Philosophie und Beredsamkeit Christian Adolph Klotz, den wir heute vielleicht noch wegen seiner Kontroversen mit Lessing kennen und der dafür berüchtigt war, von Küssen und Trinken nicht nur Gedichte gemacht zu haben. Er war der einzige Hallenser Professor, der es 1771 gewagt hatte, an einem Gastspiel einer Schauspieltruppe teilzunehmen. Gegeben wurde Lessings Minna von Barnhelm. Das führte prompt zu einem Theaterverbot. Galt der Knabe Gottfried schon in Aschersleben als ein „durchtriebener Scholar“ (Scherer: Biographie, S. 79), dessen Streiche nicht einmal vor der Perücke des Rectors halt machten, dabei freilich so begabt, dass er am Pädagogicum in allen Fächern den oberen Klassen zugewiesen wurde, so hätte er kaum einen besseren Lehrer als Signor Klotz wählen können. Er betrieb Philologie als fröhliche Wissenschaft, und das des Tags wie des Nachts, so dass man sich in Halle über ihn und seine Schüler „wunderbare Dinge zu erzählen“ wusste - wie es in den Annalen heißt (Scherer: Biographie, S. 121). Hier war Bürger in seinem Element, hier versuchte er sich an der Eindeutschung des Pervigilium Veneris, der Nachtfeier der Venus, deren Refrain da so schön wie ein Motto lautet: [S. 80]

Morgen liebe, was auch immer
Noch geliebet hat zuvor!
Was geliebet hat längst und immer,
Lieb' auch morgen nach wie vor!
(Bürger: Werke, S. 25 f.)

 

Und was das Trinken betraf, so verzeichnen die Akten der Hallenser Universität ein unerlaubtes Zusammensein mehrerer Studenten - unter ihnen Bürger - bei „vierzig Kannen vom berühmten Merseburger Bier, zwanzig vom Wettiner, Schinken, Wurst und Torten, die die Tafel füllten. Auch der Punsch, der die Sinne so schnell verwirren kann, durfte nicht fehlen: 20 Flaschen Wein, 10 Flaschen Rack [d.i. Weinbrand]“ (Scherer: Biographie, S. 129).

Inzwischen hatte Bürger wie viele seiner Kommilitonen so beträchtliche Schulden aufgehäuft, woraufhin ihn auch sein Großvater nicht mehr kennen wollte. Es war dann der väterliche Freund Klotz, der ihm über den Halberstädter Kanonikus Gleim, den gerühmten Dichter anakreontischer Verse, Unterstützung zukommen ließ. 1767 endlich verteidigte Bürger seine erste größere Arbeit, die dann auch seine erste Publikation werden sollte, eine Abhandlung über das Bürgerkriegsepos Pharsalia des Lukian. Der außerordentliche Fleiß, der in den Akten gerühmt wird, galt schon nicht mehr der Theologie, sondern allein der Dichtung. Hier war Bürger in seinem Element.

Es mag wohl einiges zusammengekommen sein, dass Bürger den Wechsel Ostern 1768 an die Georgia-Augusta als Befreiung empfand. Die Göttinger Universität mit ihren knapp 700 Studenten auf 6.000 Einwohner galt als Adelsuniversität, das heißt ihre Sitten waren weniger grobianisch als sonst an deutschen Universitäten üblich. Hier studierte, wer Geld besaß, meist Jura, wie auch Bürger. Man zählte zu den Privilegierten, die erwarten durften, als Funktionselite in den Territorien des Alten Reichs die Ministerien zu besetzen. Bürger war darum nicht zum Philister geworden. Schon daß er in der Roten Straße 28 bei einer ebenso lebensfrohen wie verrufenen Witwe Quartier nahm, sagte seinem Großvater wie dem Mentor Gleim alles. Bürger wäre kein Student gewesen, hätte er nicht die üblichen Verse auf Frau Wirtin oder deren Tochter gemacht: „Wär' ich doch so hold, wie jener / Freund der Liebeskönigin“, dichtet Bürger, „Oder nur ein bißchen schöner, / Als ich Armer jetzo bin!“ (Bürger: Werke, S. 38 f).

Solcher Liebesschmerz, stets nur selbst der Unerhörte zu sein, gehörte zu den akademischen Konventionen. Der Student Bürger unterschied sich da in nichts von seinen Göttinger Kommilitonen.

Was ihn unterschied, war der Eifer für die Poesie. Gleich nach seiner Ankunft in Göttingen gelang es Bürger in den so angesehenen Göttingischen Gelehrten Beyträgen ein erstes Gedicht zu veröffentlichen. Andere Zeitschriften druckten seine Nachdichtungen. Das brachte ihm erste Honorare ein. Er bewarb sich um die Aufnahme in die Leipziger Deutsche Gesellschaft, eine gelehrte Vereinigung zur Pflege der deutschen Sprache, eben weil das Deutsche Anfang der 70er Jahre keineswegs selbstverständlich als literaturtauglich galt. Bürger hörte Vorlesungen bei dem Altphilologen und großen Bibliothekar Göttingens Christian Gottlob Heyne, betrieb das Spanische nicht weniger als das Lateinische und oblag nebenher, aber mit großem Ernst seinen juristischen Studien vor allem bei dem weithin berühmten Johann Stephan Pütter. Es gibt kein Zeugnis aus dieser Zeit, das dem Studiosus Bürger nicht außer-ordentlichen Fleiß bescheinigt hätte. Aber sein Herz, das hing an der Poesie.

Nachdem - aller Bittbriefe ungeachtet - seit 1770 die Unterstützung des Großvaters ausblieb, schrieb Bürger gegen Geld Gelegenheitsgedichte auf Hochzeiten, Taufen und ähnliche Anlässe, übersetzte griechische Romane ins Deutsche, versuchte er sich als Kanzlist oder hoffte durch die Vermittlung des Göttinger Professors August Schlözer, bei dem er inzwischen Unterkunft gefunden hatte, eine Tätigkeit als Buchhändler aufnehmen zu können. Mit seiner Probeschrift Etwas über die deutsche Übersetzung des Homer hatte er die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt auf sich gezogen. Wieland oder auch Goethe waren überzeugt, Bürger habe das Zeug, ein berühmter Dichter zu werden, und Gleim stornierte ihm seine Schulden, weil er sicher war, Bürger werde bald schon ein reicher und geachteter Mann der gelehrten Welt sein. Anlass dazu gaben auch die Veröffentlichungen in dem Göttinger Musenalmanach, die zwischen 1770 und 1774 von Bürgers Freund Heinrich Christian Boie herausgegeben wurden und so beliebt waren, dass sich die Raubdrucker in der führenden deutschen Verlagsstadt der Zeit, eben Leipzig, auf ihren Nachdruck verlegt hatten.

So war Bürger glücklich und unterschied sich in seinem Glück nicht sonderlich von dem seiner Kommilitonen. Die Welt schien ihm offen zu stehen, ja Bürger wurde 1775 nach nicht unerheblichen Querelen Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs für nicht weniger als 500 Taler im Jahr. So etwas übertraf sein Jahreseinkommen als Jurist spielend. Mit den Freunden, von denen viele dem Göttinger Hain angehörten, las er den Shakespeare und die englische Volksdichtung, wie sie durch Thomas Percys Sammlung Reliques of Ancient English Poetry gerade populär geworden war. Unter Freunden trug man die eigenen Gedichte vor, verbesserte sich gegenseitig und sammelte die gelungenen Stücke. Die Poesie versprach alles Glück und alle Freiheit.

Das Glück dauerte nicht lange. 1772 hatte Bürger sein Studium in Göttingen abgeschlossen und war in den Brotberuf gewechselt. Durch Vermittlung seines Freundes Boie war er unter einigen Schwierigkeiten auf eine Stelle als Amtmann der Gerichtshalterstelle zu Alten-Gleichen mit Sitz in Gelliehausen bei Göttingen gekommen. Das hätte zu einer der üblichen Karrieren für die besten Köpfe des Jahrhunderts werden können und nimmt sich neben dem Elend der Hofmeisterei geradezu milde aus, das für so viele deutsche Dichter - ob Lenz, Jung-Stilling oder Hölderlin - das Los vieler Jahre war. Den zeitüblichen Lebensläufen hätte es entsprochen, hätte Bürger von nun an die Poesie zum Spiel der Nebenstunden gemacht. Auch im 18. Jahrhundert hörten Männer meist mit Eintritt ins Berufsleben mit der Poesie auf. Nicht aber Bürger: „Mein Gericht hat 6 Dörfer und begreift Ober- und Untergerichtsbarkeit im weitläufigsten Verstande“, schreibt Bürger im September 1772 kurz nach Amtsantritt an seinen Mentor Gleim.

Meine Einkünfte kann ich etwa bis ins fünfte Hundert rechnen. Ich wohne hier in Gelliehausen gerade unter den alten Gleichen zwischen Göttingen und Duderstadt, ohnstreitig in der angenehmsten Gegend auf zwanzig Meilen in der Runde. Von den Menschen um und neben mir, außer von etwa zwei oder drei edlen Seelen, läßt sich nicht viel Rühmliches sagen. Dieses wäre nun ohngefähr das Gute von meiner itzigen Lage. Das Schlimme, mein Allerliebster, ist wahrlich - auch sehr schlimm. - Alte aufgesummte Arbeit genug, und beinahe allzu viel! -Totale Unordnung, wo ich den Blick hinwende. Seite vielen Jahren unbefriedigte Sollizitanten [d.s. Bittsteller], die mich wie Mücken umschwärmen! - Eine Familie von Gerichtsherrn, die aus 7 Stimmen und Teilhabern an dem Gericht besteht, wovon jeder sein eigenes Interesse hat, welchen insgesamt es der hiesige Beamte nie recht machen kann, wo also der Fehde und des Kujonierens von einer oder der anderen Seite nie ein Ende sein wird! - Verwilderte Untertanen etc. etc. etc.! Das ist mein Los geliebter Freund! das ist mein Los! Ich weiß nicht, ob ich es lange ertragen kann […]. Mein kleines poetisches Talent, wenn daran etwas gelegen ist, verwelkt bei meiner jetzigen Lage fast völlig […]. Ich habe, seitdem ich hier bin, nichts, schlechterdings nichts, als neulich in einigen glücklichen Stunden, einen Lobgesang gemacht, den ich mit einschließen will. Mein Homer, mein armer Homer! liegt da bestaubt! - Hier kann ich ihn mit keiner Zeile fortsetzen. Meine anderstells projektierten, teils angefangenen und halb [S. 83] vollendeten Opera, die herrlichen Opera! Sie liegen zertrümmert unter andern altem Papier in einem großen Kasten, auf dem Boden unterm Dache. (Häntzschel: Bürger, S. 11 f.)

 

Den Homer, jene Übersetzung der Ilias und Odyssee, von der sich Bürger wie seine Leser soviel versprachen, sollte er nie abschließen. Der Konflikt zwischen Brotberuf und Poetenamt schien Bürger unauflösbar zu sein. Die drückenden Gerichtshalterpflichten, der beständige Mangel an Geld [S. 84] und immer wieder die erfahrenen Unfreiheiten gehörten bald schon zum Grundbaß seines Lebens. Sie kehren in den Selbstbeschreibungen und Briefen obstinat wieder. Alle Versuche, sich durch Lotteriespiel oder die Pacht eines Gutes oder durch die Einrichtung einer Druckerei aus der eigenen Lage zu befreien, vermehrten am Ende nur die Schulden. Früh trug sich Bürger daher mit Auswanderungsplänen und träumte vom idyllischen Landleben in England, von Reisen durch die freie Schweiz. 1778 schrieb er an den Freund Boie:

Unbeschreiblich wollüstig hat sich meine Phantasie an den Gemälden der reizenden Schweizergegenden gelabt, und mir deucht, ich werde nicht eher wieder gesund, als bis mich das günstige Schicksal dorthin führt. Dürft' ich hernach nur nie in diesem umnebelten mit erbärmlichen Rauchhütten und knietiefem Morast umgebenen Winkel zurückkehren! Es ist entsetzlich hier an Geist und Leib so verkümmern zu müssen. (Häntzschel, Bürger, S.13)

 

Rauchhütten und knietiefer Morast, die Geist und Leib verkümmern ließen, waren in diesem Jahrhundert keine bloßen Metaphern, sondern spiegeln die Lebenswirklichkeit in Göttingen so gut als in Weimar. Die deutschen Territorien kannten keine republikanischen Freiheiten und kaum die Poesie, dafür die unbefestigten Straßen allerorten. Bürger aber lag an der Freiheit und der Poesie. Das hing damals eng zusammen.

An Fantasien und Plänen zur Selbstbefreiung hat es Bürger nicht gemangelt, ob er hoffte, die Leitung eines zu gründenden Theaters in Hannover übernehmen zu können, an einem kleinen Residenzhof als Hofrat reüssieren zu können, Professor in Preßburg zu werden oder wenigstens eine bessere Amtmannstelle erlangen zu können. Goethe, der Bürgers Plan zu einer Homerübersetzung begeistert begrüßt hatte, war gleichwohl skeptisch, ob Bürger nach so vielen unproduktiven Jahren der Mann sei, der sich aus seinem Elend selbst wie seine Figur Münchhausen ziehen könne: „Tüchtige Kinder dieser eingeschränkten Erde“, so lässt Goethe am 20. Februar 1782 Bürger wissen, „denen im Schweiß ihres Angesichts ihr Brod schmecken kann, sind allein gebaut, sich darinn leidlich zu befinden, und nach ihren Fähigkeiten und Tugenden das Gute und Ordentliche zu wirken“ (Bürger: Briefe, III, S. 70 bzw. Goethes Werke, Bd. 5, Nr. 1411).

Tatsächlich war Bürger weder besonders fleißig, eine „faule Bestie“ (Scherer: Biographie, S. 169) hat er sich selbst nicht ohne Übertreibung genannt - noch besonders geschickt im Umgang mit den Großen seiner Welt, wiewohl ein tüchtiger Jurist, der zwar eine Kindermörderin vor dem Schwert zu retten vermochte, aber mit all seiner [S. 85] Arbeit nichts zu verdienen wusste. Der Pastor von Gelliehausen klagte denn auch wiederholt über den Amtmann Bürger:

Niemals ist die Polizei [d.h. die öffentliche Ordnung] so schlecht in unserm Gericht gewesen, als bei diesem Mann. Keine Völlerei, Dieberei, kein Saufen und Schwelgen wird bestraft, er selbst hat keine Furcht und keinen Respekt. (Scherer: Biographie, S. 171)

 

Vieles davon sind zeitspezifische Problemlagen. So viele der talentierten Köpfe dieses 18. Jahrhunderts hofften auf ein Leben als freier Schriftsteller und sahen sich mit einer ganz anderen Realität konfrontiert. Weder einem Klopstock noch einem Schiller sollte die Freiheit, nur Dichter sein zu dürfen, so gelingen, wie sie es sich erhofft hatten. Bei Bürger kam freilich noch etwas hinzu, was seine Art unglücklich zu sein ausgemacht hat. Gemeint ist die Liebe, die dem Amtmann wie später dem Göttinger Extraordinarius nicht gelingen wollte.

Und das fing so an: Bürger war bei einem Kollegen auf dessen Amtshof Niedeck im Lande Göttingen, wie es damals hieß, vorstellig geworden und hatte sich bald in eine der Töchter verliebt, Dorothea Marianne, liebevoll Dorette genannt. 1774 heirateten sie, wohl nicht zuletzt weil Dorette schon im dritten Monat schwanger war. Aber da hatte Bürger sein Herz schon einer anderen als Dorette geschenkt, ausgerechnet deren 16jähriger Schwester Auguste, der Molly seiner erotischen Gedichte. Nach kurzer Zeit erwiderte diese seine Liebe.

Wie brünstig ich dich im Geist umfange, läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Es ist ein Aufruhr aller Lebens-Geister in mir, der, wenn er sich bisweilen legt, mich in solcher Ermattung an Leib und Seele zurückläßt, daß ich schier den letzten Odem zu ziehen meine. Oft möchte ich in der finstersten Sturm- und Regenvollsten Mitternacht aufspringen, dir zueilen, mich in dein Bette, in deine Arme, kurz in das ganze Meer der Wonne stürzen und - sterben. (Sauer: „Briefwechsel“, S. 426 f.)

 

Schließlich wurde die Leidenschaft so mächtig, daß Dorette, um ihren Mann nicht zu verlieren, in eine Ménage a trois einwilligte. Auguste zog bei ihnen ein und gebar Bürger 1782 einen Sohn. Diese Ehe zu dritt, die Bürger mit aller Leidenschaft und aller Hingabe verteidigte, entsprach nun vollends nicht mehr der Vorstellung eines bürgerlichen Beamtenlebens auf dem Lande. Das Gespött sollte Bürger bis zu seinem Tod begleiten. Damit nicht genug. Zwei Jahre später, im Jahr 1784 starb [S. 86] Dorette, gerade 28jährig, an den Folgen der Geburt des dritten Kindes. Ein Jahr später heiratete Bürger seine Molly. Es hätte Glück werden können, was jetzt begann. Aber kaum ein halbes Jahr später starb auch sie an den Folgen einer weiteren Geburt. Bürger war wieder allein und glücklos.

Schon länger hatte er sich an die Universität Göttingen beworben. 1784 hatte sie ihn dank der Förderung durch Heyne, Kästner und auch durch Lichtenberg zum Magister ernannt, damals ein Titel, der zum unentgeltlichen Abhalten von Vorlesungen berechtigte. Bürger las über Ästhetik, Stilistik, deutsche Sprache und Philosophie, seine Themen also, freilich nur als Propädeutika für Hörer aller Fakultäten. Die Erfolge waren auch hier eher bescheiden: 1787 die Auszeichnung mit dem Doktortitel, 1789 dann die Ernennung zum Extraordinarius, das aber immer nur finanziert durch kleine Hörergelder. Unter den Professoren hatte er kaum Freunde außer dem Philosophen Lichtenberg und seinem Verleger Johann Christian Dieterich. Bürgers Mutlosigkeit in diesen Jahren bezeichnet es, dass er sich das Buch, das wir heute mit seinem Namen so selbstverständlich verbinden, den Münchhausen, damals nicht unter seinem Namen zu veröffentlichen getraute.

Aber auch damit nicht genug. 1789 schien sich das Blatt noch einmal zu wenden, als in der Stuttgarter Wochenschrift Der Beobachter ein anonymes Gedicht erschien, überschrieben „An den Dichter Bürger“. Es war nicht weniger als die Liebeserklärung einer unbekannten Frau:

Denn kämen tausend Freier her
Und trügen Säcke Goldes schwer
Und Bürger zeigte sich
So gäb ich sittsam ihm die Hand
Und tauschte mit dem Vaterland
Geliebter dich!
Drum kömmt Dir´mal das Freien ein,
So laß´s ein Schwabenmädchen sein
Und wähle immer mich!
(Bürger: Werke, S. 1242)

 

So voll der Liebe und Poesie hatte man schon lange nicht mehr an ihn, den Dichter Bürger geschrieben. Bürger, dem das Gedicht zugespielt wurde, konnte bald die Adresse der Verfasserin ausfindig machen, erhielt schließlich ein Portrait der unbekannten Schönen, schickt ihr sein Bild (Abb. 2) und legte ihr wortreich sein ganzes Herz dar. Ohne die Antwort abzuwarten, reiste er nach Stuttgart und gewann die Unbekannte Elise [S. 87] Hahn zur Ehefrau. Dabei hatte sie ihm in ihrem Antwortschreiben, das Bürger nicht mehr abgewartet hatte, einen Korb gegeben. Und auch Bürgers Freunde rieten ihm von der Heirat mehr als einmal ab. Aber Bürger schien das Glück zwingen zu wollen, heiratete und kehrte mit seiner dritten Frau zurück nach Göttingen. Schon in den ersten Wochen der Ehe mußte er feststellen, daß ihn seine Angebetete betrog, wann immer er an der Universität seine Kollegien abhielt oder sich sonst eine Gelegenheit [S. 88] ergab. Bürger war so vollends zum Gespött der Göttinger Gesellschaft und der Göttinger Studenten geworden. Aber hatte er nicht sein ganzes Herz in seinen Briefen und seinen Gedichten ausgeschrieben, hatte er nicht Proben von der Herzensgüte seiner Elise in ihren Gedichten gefunden? Alles das schien ein unglückliches Missverständnis zu sein. Verbittert und verzweifelt suchte Bürger Unterstützung und fand sie kaum. Zwei Jahre nach der Trauung wurde 1792 Bürgers dritte Ehe geschieden. Elise Hahn machte Karriere als Schauspielerin, Bürger wurde krank, konnte bald keine Kollegien mehr geben. Am 8. Juni 1794 stirbt der Dichter Gottfried August Bürger, der die Poesie so sehr beim Wort genommen hatte, daß ihm darüber sein Leben nicht glücken wollte.


Bürgers Grab in Göttingen

 

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