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Künstler- und Denkerenzyklopädie

Gottfried August Bürger
(1747 - 1794)

Gunter E. Grimm:
„Lieber ein unerträgliches Original als ein glücklicher Nachahmer“
Bürgers Volkspoesie-Konzept und seine Vorbilder

 

Die gesamte Literatur des Barockzeitalters stand unter dem Vorzeichen der Imitation mustergültiger Vorbilder, sie nachzuahmen, war kein Makel, sie zu übertreffen ein Ruhmesblatt. So hat sich Martin Opitz, als er sein Programm einer deutschsprachigen Kunstpoesie einführen wollte, nicht von ungefähr auf vergleichbare Schriftsteller anderer Nationen berufen, etwa auf Petrarca in Italien und auf Ronsard in Frankreich - beide Dichter, die in ihrem Land dieselben Intentionen verfolgt und damit Opitz auf seinem Weg vorgearbeitet haben. Ähnlich auch die Situation bei Gottsched, der bei seinem Bemühen, barocken Manierismus zu überwinden, nicht zufällig auf den Klassizisten Opitz zurückgegriffen hat. Das Auswechseln des Kanons in der „Critischen Dichtkunst“ belegt diesen Normenwandel drastisch. Gerade die Behauptung, der gute Geschmack lasse sich durch Nachahmung vorbildlicher Poeten ausbilden, zeigt, wie eng benachbart bei Gottsched Traditionspflege und Vernunftphilosophie noch waren. Auch ihm galten die Griechen, die „vernünftigsten Leute von der Welt“, als unübertroffene Vorbilder. In ihren Kunstwerken fand er die durch „Ordnung“ und „Übereinstimmung“ erzeugte „Vollkommenheit“. Gottsched versuchte durch strikte Selektion der Vorbilder das mimetische Prinzip mit der traditionellen imitatio von Musterautoren zu versöhnen. Die imitatio hatte bei Gottsched die Funktion einer Einübung des guten Geschmackes; ihr Ergebnis traf sich mit der Ausbildung des Verstandes, der über die Einhaltung der Kunstregeln zu wachen hatte. Selbstverständlich war die imitatio immer der Mimesis untergeordnet, sie folgte nicht dem Prinzip der Kanon-Reproduktion, sondern dem Prinzip des selektiven Vernunfturteils.

Einer spezielleren Variante der Vorbildsuche - der Ablehnung etablierter Größen und der Aufwertung vernachlässigter Autoren, kurz der Umwertung des Kanons - begegnet man vor allem in Zeiten des Umbruchs. In der Wissenschaft und in der Literatur des ausgehenden 18. Jahrhunderts wurde diese Frage nach dem Verhältnis zwischen Tradition und Innovation, zwischen Bewahren und Erneuern mit Verve gestellt, sowohl in erkenntniskritischer als auch in ethischer und ästhetischer Hinsicht. Johann Gottfried Herder, der führende theoretische Kopf des „Sturm und Drang“, predigte keineswegs eine Blanko-Revolution gegenüber der gesamten Tradition; er praktizierte eher eine kritische Musterung der älteren und der Gegenwartsliteratur. Der in den frühen Schriften, den „Fragmenten“ und den „Kritischen Wäldern“, vorgenommene Vergleich zeitgenössischer mit griechischen und römischen Dichtern mutet heutzutage etwas skurril an, etwa der Vergleich Anna Luise Karschs mit Sappho, Gleims mit Anakreon und Gerstenbergs mit Alciphron. Man muß indes den Stellenwert dieser Vergleiche beachten. Die Aufarbeitung der Tradition verfolgte im Grunde nur den Zweck, das Terrain frei zu machen von überflüssigen und überholten Tendenzen, von Tendenzen, die keine Zukunft in sich trugen. Gegen die nutzlose lateinische Gelehrsamkeit, gegen Galanterie und Klassizismus der Franzosen propagierte Herder die Besinnung auf die eigene Art und die Entwicklung eines originalen Wesens. Wenn die Nationalliteratur sich indes nach Sitten und Denkweise eines Volkes bildete, so ergab sich zwangsläufig die Frage, wie weit die Nachahmung fremder Literatur gehen durfte - eine Frage, die Herder bis zur späten „Adrastea“ beschäftigte und die er bereits in den „Fragmenten“ auf grundsätzliche Weise beantwortet hatte, indem er das traditionelle Gegensatzpaar von aemulatio und imitatio umformte in einen Appell, man solle „nicht Nachahmer“, sondern „Nacheiferer“ wecken. Das sei ein „kopirendes Original, wo keine Kopie sichtbar“ sei, dort nämlich, „wo man sich an einem Griechischen Nationalautor zum Schriftsteller seiner Nation und Sprache“ schaffe: wer dies sei, „der schreibt für seine Litteratur!“

Anfangs - in der Nachschrift zur Ossian-Abhandlung von 1773 - erblickte Herder in Klopstock den ersehnten Erneuerer der deutschen Dichtung. In seinen Oden fand er die für die Moderne symptomatische Synthese von Empfindung und Artifizialität, die über den Umweg der Reflexion wieder erlangte ‘Natürlichkeit’. Herder, dem die Ode als „eine einzige ganze Reihe höchst lebhafter Begriffe“, als „ganzer Ausfluß, einer begeisterten Einbildungskraft, oder eines erregten Herzens“, als „eine höchstsinnliche Rede“ galt, rühmte an Klopstocks Oden gerade den „Naturgeist, die ganze Fülle des Herzens und der Seele“, verstand sie nicht so sehr als ‚Kunstprodukte’, sondern als ‚Naturgewächse’. So ist es bemerkenswert, daß er vier Jahre später, im Aufsatz „Von Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst“, der von 1777 stammenden Redaktion der Vorreden zur Volkslieder-Sammlung, die zeitgenössischen Vorbilder auswechselte. An die Stelle Klopstocks setzte er nun den Balladendichter, Shakespeare- und Homerübersetzer Gottfried August Bürger:

Wenn Bürger, der die Sprache und das Herz dieser Volksrührung tief kennet, uns einst einen deutschen Helden- oder Thatengesang voll aller Kraft und alles Ganges dieser kleinen Lieder gäbe: ihr Deutsche, wer würde nicht zulaufen, horchen und staunen? Und er kann ihn geben; seine Romanzen, Lieder, selbst sein verdeutschter Homer ist voll dieser Accente, und bei allen Völkern ist Epopee und selbst Drama nur aus Volkserzählung, Romanze und Lied worden.

Gottfried August Bürger folgte mit seinem Programm einer „Volkspoesie“ Herders Spuren. Da er die neuen Einsichten in eigene Poesie umzusetzen ver-suchte, lohnt ein Blick auf seine poetischen Vorbilder, die er wie Herder aus Antike, Renaissance und Volkslied-Tradition bezog.

Bürger hat seine poetologischen Anschauungen in verschiedenen Aufsätzen niedergelegt. Zunächst in seiner ersten größeren poetologischen Publikation, der 1776 im „Deutschen Museum“ abgedruckten Abhandlung „Aus Daniel Wunderlichs Buch“, besonders im Abschnitt „Herzensausguß über Volks-Poesie“. Hier empfahl er die ausschließliche Orientierung an der Natur, an der Phantasie und der „Fühlbarkeit“ des Volkes; er verabsolutierte die Inspiration und verwarf Wissen, Gelehrsamkeit und Regelkenntnis: „Die deutsche Muse sollte billig nicht auf gelehrte Reisen gehn, sondern ihren Naturkatechismus zu Haus auswendig lernen.“ Erweiterungen finden sich in der Vorrede zu den Gedichten von 1778 und dem Fragment „Von der Popularität der Poesie“, schließlich in der Vorrede zur Gedichtausgabe von 1789. Wie ein Kernsatz durchzieht die Formel: „Alle Poesie soll volksmäßig sein; denn das ist das Siegel ihrer Vollkommenheit“ seine Verlautbarungen.

Bürger ordnete Phantasie und Empfindung der Poesie, Verstand und Witz der „Versmacherkunst“ zu. „Gelehrtes“ und „echtes“ Dichten wurden zu unüberwindbaren Gegensätzen. Als Publikum stellte er sich das „ganze Volk“ vor: „den verfeinerten Weisen eben so sehr, als den rohen Bewohner des Waldes, die Dame am Putztisch, wie die Tochter der Natur hinter dem Spinnrocken und auf der Bleiche [...].“10 Konsequent forderte er, die deutschen Dichter müßten ein „großes Nationalgedicht“ nach Art der griechischen, italienischen, engli-schen Romanzen und Balladen schaffen: „Steiget herab von Gipfeln eurer wolkigen Hochgelahrtheit, und verlanget nicht, daß wir vielen, die wir auf Erden wohnen, zu euch wenigen hinauf klimmen sollen.“

Als wesentliche Merkmale der wahren Volkspoesie nannte er 1789 das „Bestreben nach Klarheit, Bestimmtheit, Abrundung, Ordnung und Zusam-menklang der Gedanken und Bilder; nach Wahrheit, Natur und Einfalt der Empfindungen; nach dem eigentümlichsten und treffendsten, nicht eben aus der toten Schrift- sondern mitten aus der lebendigsten Mundsprache, aufgegrif-fenen Ausdrucke derselben; nach der pünktlichsten grammatischen Richtigkeit, nach einem leichten, ungezwungenen, wohlklingenden Reim- und Versbau [...].“

Auch in den Briefen, den persönlichsten Dokumenten Bürgers, begegnet das Ideal der Volkspoesie und des Volkssängers. Popularität, Simplicität, Natur und „echter Ausdruck“ hießen die stilistischen Leitmaximen. „Gelahrtheit und Nachahmung“ galten als die eigentlichen Feinde der Volkspoesie. In der Vorrede von 1789 differenzierte Bürger seine Opposition gegen das Gelehrten-tum: Die Poesie müsse als Kunst „zwar von Gelehrten, aber nicht für Gelehrte, als solche, sondern für das Volk ausgeübt“ werden. Der ideale „Volksdichter“ wende sich an alle Schichten eines Volkes. Bürger unterschied sehr genau zwischen Pöbel und ‘Volk’. „In den Begriff des Volkes“, führte er aus, „aber müssen nur diejenigen Merkmale aufgenommen werden, worin ungefähr alle, aber doch die ansehnlichsten Klassen überein kommen.“ Stärker als Herder betonte er die Funktion der Volkspoesie, soziale Schranken zu überwinden. „Apoll und seine Musen“ sollten die Trennung zwischen „Palästen“ und „Hütten“ aufheben und „gleich verständlich, und unterhaltend für das Menschenge-schlecht im ganzen dichten“. Bürger selbst wurde ja mehrfach als ein solcher Volksdichter apostrophiert und hat sich selbst zu diesem Ideal bekannt:

Man hat mich hier und da unsern Volksdichter, ja, wohl gar den größten Volksdichter genannt. Das würde das höchste Lob sein, welches sich meine Eigenliebe nur wünschen könnte, wenn man unter Volksdichterei das verstände, was ich darunter verstanden wissen will. Denn ich würde alsdann mehr sein, als Homer, Ossian und Shakspeare, welche meines Wissens die größten Volksdichter auf Erden gewesen sind.

 

Tatsächlich hat Bürger mit seinen Gedichten auf ein breites Publikum gewirkt, wie das Subskribentenverzeichnis seiner Gedichtausgabe von 1789 belegt, das die Namen zahlreicher Adeligen und Fürsten erwähnt.

 

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