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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Transparent-Gemälde
von Franz Niklaus König

Mit einer Rezension der Weimarer Kunstfreunde

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Eingestellt: September 2015

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Beim Bemalen von transparenten Lampenschirmen kam der Berner Maler Franz Niklaus König (1765-1832) auf den Gedanken von größeren Transparentbildern. Dabei  handelt es sich um "auf Papier mit Wasserfarben gemalte Bilder, die in einem Kasten oder Rahmen eingespannt von hinten beleuchtet und in einem verdunkelten Raum vorgeführt werden" (Goethe, Münchner Ausgabe, Bd. 13.2) Die Transparent-Gemälde eigneten sich besonders für Ansichten im Mondschein oder bei Sonnenaufgang sowie für "Effektbilder" mit Fackel- oder Feuerschein. Da die Bilder, meist beliebte Schweizermotive, großen Zuspruch fanden, eröffnete König 1815 in Bern ein "Transparenten-Kabinett" und ging später auf Reisen in die Schweiz, Deutschland und Frankreich, wo er seine Transparentbilder gegen Entgelt zeigte. In Weimar gab er eine Privatvorstellung für Goethe. Goethe und Meyer, die Weimarer Kunstfreunde, besprachen die Neuerung wohlwollend in der Zeitschrift "Über Kunst und Altertum" (1820), und diese Kritik verwendeten König und die nach seinem Tode das "Transparentgemälde-Kabinett" fortführenden Gesellschafter zur Werbung. Die zeitgenössischen Kritiken erörterten den Kunstwert der Erfindung sowie die Natur von Farben und Licht und deren Rolle in der Malerei. Das Goethezeitportal publiziert einige der vielgelobten Transparentbilder, gibt die Besprechung durch Goethe und Meyer wieder und ergänzt sie durch weitere Zeugnisse samt einer Kurzbiografie Königs.

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Gliederung

1. Johann Heinrich Meyer, Johann Wolfgang von Goethe:
Transparent-Gemälde
2. Kritiken der Transparentbilder im "Kunst-Blatt"
3. Vorführungen auf Reisen
4. Ernst Bloesch: Kurzbiographie von Franz Niklaus König
5. Literaturhinweise
6. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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Franz Niklaus König, Rigi, Transparentbild

Rigi
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1.
Johann Heinrich Meyer
Johann Wolfgang von Goethe

Transparent-Gemälde
(1820)

Die transparenten Gemälde, welche der Maler F. N. König, aus Bern, auf seiner Reise durch Deutschland in verschiedenen Städten, so auch hier in Weimar, öffentlich vorgewiesen hat, gewähren nicht allein dem schaulustigen Publikum eine angenehme Unterhaltung, sondern ergötzen und befriedi gen auch den ernster betrachtenden Kunstfreund.

Ohne zu untersuchen, auf welchen Grad die Transparent-Malerei auf Papier, wie die gegenwärtige ist, zu steigern sein möchte, vergleichen wir sie vorübergehend mit der Glasmalerei; dieser wird an Reiz, an verklärter Höhe der Farben, jener dagegen an gefällig fließenden Umrissen, zarter Abschattierung und dgl. der Vorzug nicht abzustreiten sein.

Die Hauptgegenstände welche Herr König in seinen Transparent-Gemälden darstellt, sind Prospecte bedeutender und schöner Schweizergegenden, worunter die mit Mondbeleuchtung für die vorzüglichsten und überhaupt für das Beste gelten können, was wir in dieser Art jemals gesehen haben. Die Gegend bei Interlaken, mit einem von Bäumen überwölbten Bauernhause im Vordergrund, zunächst der Thuner-, ferner der Brienzer-See, nebst den anliegenden Gebirgen leistet selbst strengeren Kunstforderungen als man sonst an dergleichen Werke zu machen pflegt, Genüge. Das malerische Ganze, die durch liebliche Widerscheine erhellte Schattenpartie am Bauernhause, die grüne Nacht in den Bäumen, das ruhige, vom Mond beglänzte Gewässer des Sees, das höhere Flimmern des laufenden Röhrenborns vor dem Hause, dessen Geplätscher man zu vernehmen glaubt, und noch anderes in der Natur wohl beobachtete und mit vieler Kunstfertigkeit dargestellte, geben diesem Gemälde wahren Kunstwert. Der über dem Ganzen herrschende Friede erregt in jedem Beschauer wohltuende Empfindungen.

Nahezu von gleicher Art und Kunstverdienst ist die Aussicht über die Stadt Luzern, seeauf, nach den Hochgebirgen des Unterwaldner- und Urnerlandes, zur Seite der bekannte Rigi, im Vordergrund die mit raschem Lauf dem See entströmende Reuß.

Malerische Wirkung von Licht und Schatten am glücklichsten nach allen Forderungen der Kunst ausgedruckt, findet der Beschauer in der Ansicht von Tells Kapelle am Vierwaldstädter See. Hier ist angenommen dass eine Gesellschaft Reisender, bei Nacht über den See gefahren, an der Kapelle gelandet sei, und ihr Inneres bei Fackellicht betrachte, während Mondglanz auf den Wellen des Sees flimmert und die, seeabwärts, gegen Brunnen sich ziehenden Felswände matt anleuchtet.

Eben so hoch ist zu schätzen eine andere Kapelle am Zugersee. Vor derselben sind Nachts einige Personen zum Gebet versammlet ; eine im Inwendigen vor dem Altar und Madonnenbild hängende Lampe ergießt ihr Licht mit voller Gewalt auch über die betenden Figuren. In des Mittelgrundes Vertiefung ruhet der See und jenseits steigt der mächtige Rigiberg auf, an dessen Seite sich der Mond hervorhebt.

Ist, nach unserm Bedünken, das zuerst erwähnte Gemälde von Tells Kapelle von größerem Styl, auch wohl kunstgerechter, so wird hingegen das zweite dem Beschauer vielleicht noch angenehmer vorkommen. In beiden macht das fast blendende Licht der Fackeln und der Lampe auf die strengen Schlagschatten einen schönen Kontrast mit dem in den Formen alles Schroffe besänftigenden Mondschein, und diese Verschiedenheit, welche der Künstler mit Aufmerksamkeit in der Natur beobachtet, ist ihm trefflich gelungen im Bilde darzustellen. Zwar wird das Auge von dem mächtigen Hauptlicht vornehmlich angezogen, aber es ergeht sich auch auf dem übrigen Raum des Bildes mit Vergnügen, begegnet keinen ganz dunkeln und darum etwa missfälligen Stellen, sondern das Interesse wird bis an die äußersten Enden rege erhalten.

Von den Bildern mit Tages- oder Sonnenbeleuchtung haben uns vorzüglich angesprochen: das große Bauernhaus aus der Gegend von Bern, welches in heiterm Farbenton erscheint und in den Schattenpartien eine gar löbliche Klarheit hat.

Sodann das Innere einer ländlichen Wohnung, wo eine junge Frau sitzt und ihr Kind in den Schlaf wiegt. Dieses Bild ist im Ganzen von guter Wirkung und einige einzelne Partien, z. B. das Bett, der an der Wand hängende Mannsrock, der Spiegel, die Wanduhr und das Tischgerät bis zur Täuschung wahrhaft.

Auch der Prospect des obern Grindelwaldgletschers zeichnet sich unter den Stücken mit Tagesbeleuchtung vorteilhaft aus durch Heiterkeit und gute Farbentöne. Nicht weniger lobenswert ist die Ansicht des obersten Falls des Reichenbaches im Ober-Haßlithal.

Als Zwischenspiel, indessen die Hauptbilder verändert werden, lässt Herr König zehn Seitenbilder sehen, verschiedene Schweizertrachten vorstellend, Halbfiguren und Kniestücke, mehrere mit landschaftlichen Gründen begleitet. Anziehend erscheinen die beiden Bauernmädchen am Fenster, eine Einzelne in der malerischen Luzernertracht, die beiden aus Zug, deren eine der andern die Haare flicht. Zu diesen möchte auch als vorzüglich geraten der Berner Küher (Kuhhirte) zu zählen sein.

Zwar werden diese Figuren bei genauer Prüfung den landschaftlichen Darstellungen und zumal den Mondenscheinen den Vorzug kunstgerechterer Vollendung überlassen müssen, nichts destoweniger sind es erfreuliche Bilder, und der Künstler hat damit gezeigt, dass die Transparentmalerei auch im Fach der Figuren, bei zweckmäßiger Behandlung, vieles zu leisten verspricht.

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Nach dieser so entschiedenen als angenehmen Erfahrung enthalten wir uns nicht mit einer allgemeinen Bemerkung zu schließen.

Alles in der Malerei durch die Farben zu erzielende Wohlgefällige beruht zuletzt auf dem Transparenten. Was gibt Aquarell- Malereien ihr Heiteres, Leichtes, den Tag? als der weiße, durch die übergezogenen Farben durchscheinende Papiergrund ? Wie oft hört man von wohlgemalten Lüften der Ölbilder sagen: sie seien transparent, und von Tizians bewundernswertem Kolorit an nackten Figuren, zumal weiblichen: man glaube das Blut unter der Haut fließen zu sehen?

Die anziehende Farbenpracht gemalter Fenster, beruht bloß auf durchscheinendem Licht, und die Gemälde der alten niederländischen Meister werden von vielen hochgeachtet, weil ihre reichen, gesättigten, durchscheinenden Farben eine ohngefähr gleiche Wirkung tun. Das Zauberische in den Werken der großen Niederländer, aus späterer Zeit, entspringt, abgerechnet was wohlverstandene Austeilung von Licht und Schatten beitragen mag, aus durchscheinender Klarheit der Tinten und jener über das Ganze verbreiteten, mildernden, ausgleichenden Farbe, welche der Ton genannt wird und allemal eine durchscheinende ist. Große Kunst haben in diesem Teil der Malerei Adrian von Ostade und David Teniers bewiesen, so auch Rembrandt ; aber das Vollkommenste geschah durch Coreggio und in gewissem Sinne möchte man dessen Gemälde vom heiligen Georg in der Dresdner Galerie den herrlichsten Transparent nennen. Freilich braucht er keine Lampe dahinter anzuzünden, allein der Saft der Farben, ihre durchscheinende Klarheit, das, vermittelst Lasur, sorgfältig gedämpfte Herbe, Anderes so auf eben dem Wege mehr Kraft erhalten, erzielen insgesamt eine ohngefähr ähnliche Wirkung. Denken wir uns aber die Bilder der genannten Meister, zumal das letzterwähnte, noch im ersten Glanz und vollkommner Frische, so dürfte darin, wegen der uneingeschränkten Freiheit in Anwendung der Farbenmittel, ohne Zweifel noch mehr geleistet worden sein, als durch eigentliche Transparente jemals geschehen kann.

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Damit man aber nicht glauben möge: das Vorgesetzte dürfe nur als ein willkürlich aus zufälligen Erfahrungen gezogenes Resultat betrachtet werden, so beteuern wir, dass es auf die Natur der Farbe selbst gegründet sei. Wer sich davon überzeugen mag, studiere Goethes Farbenlehre, sowohl den didaktischen als historischen Teil, und er wird das Gesagte durchaus bestätigt und mit allen übrigen Farbenerscheinungen im Zusammenhang finden.

Ohne Durchscheinen gibts keine Farbe. Die durchscheinende Trübe ist und bleibt das Element aller Chroagenesie.

W. 12. Aprl. 1820.

Quelle:
Transparent-Gemälde. Weimar 12. April 1820. In: Goethe, Sämtliche Werke, Münchner Ausgabe, Bd. 13.2, S.9-12. Erläuterungen S. 439-442. Erstdruck: Über Kunst und Altertum Bd. II, Teil 3 (1820), S. 132-141. Der erste Teil (bis zum ersten Trennstrich) stammt von Meyer, der zweite Teil (ab "Nach dieser so entschiedenen als angenehmen Erfahrung") von Goethe.

Goethes Farbenlehre - die Goethe selbst zur Lektüre empfiehlt - wurde den Künstlern und Kunstinteressierten  im "Kunst-Blatt" 1820, Nr. 76-77, 21. und 25. September, S. 301-303, 305-308 vorgestellt. Unterzeichnet: F. F: Digitalisiert durch die UB Heidelberg:
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstblatt1_1820/0312

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In den "Tag- und Jahresheften" äußert sich Goethe kritischer:

Der älteste Grundsatz der Chromatik: die körperliche Farbe sei ein Dunkles, das man nur bei durchscheinendem Lichte gewahr werde, bestätigte sich an den transparenten Schweizerlandschaften, welche König von Schaffhausen bei uns aufstellte. Ein kräftig Durchschienenes setzte sich an die Stelle des lebhaft Beschienenen und übermannte das Auge so, daß anstatt des entschiedensten Genusses endlich ein peinvolles Gefühl eintrat.

Quelle:Tag- und Jahreshefte 1820. In: Goethe, Sämtliche Werke. Münchner Ausgabe. Bd. 14, S. 289.

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König über seinen Aufenthalt in Weimar
(Brief an seine Frau, 27. Februar 1820)

Ich kann dir nicht genug sagen, wie lieb mir der Aufenthalt in Weimar geworden ist. Nicht nur haben wir gute Geschäfte da gemacht, sondern auch die wichtigsten Bekanntschaften; und man hat mir in allen Hinsichten so viele Freundschaften, Achtung und Liebe erwiesen, wie ich solches nie zu verdienen glaubte; eben erhalte ich noch zum Ueberfluß von den schönen Gräfinnen von Schulenburg ein ganzes Paket Empfehlungs-Schreiben, ohne sie nur verlangt zu haben, sie müssen seit gestern Abend die Fingerchen wund geschrieben haben. Heute gehen wir wieder in Gesellschaft, wo der Großherzog auch hinkömmt. - Göethe habe ich eine eigene Vorstellung gegeben, da er nicht wohl ist, und das Geschwärm nicht vertragen kann. Er war ungemein wohl zufrieden; es kann dieß für die Zukunft von großen Folgen sein.

Quelle:
Emil Blösch: Reisebriefe des Malers Franz Niklaus König. In: Berner Taschenbuch, Bd. 31, 1882, S. 126-193. Hier S. 192 f.

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Franz Niklaus König, Bern, Plattform mit Münster, Transparentbild

Bern, Plattform mit Münster
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2.
Kritiken der Transparentbilder
im "Kunst-Blatt"

Es ist wohl in der Malerei eine schwere und mit den Farben allein gar nicht zu lösende Aufgabe, in optischer Hinsicht alle Gegenstände mit dem wirklichen Lichte der Sonne, des Mondes und des Feuers darzustellen, und in ihrem wahren Effekt gehörig zu beleuchten, weil die Farben niemals fähig sind, selbstleuchtende Körper nachzubilden und zumal in der Landschaft jene Magie hervorzubringen, durch welche die tiefste Wirkung landschaftlicher Gegenstände bedingt wird. Zwar haben mehrere der verdienstvollsten, besonders niederländischen Künstler versucht, Landschaften mit dem Sonnen- und Mondlichte oder Effektstücke mit dem Feuerlicht zu beleuchten; allein diesen Produktionen fehlte mehr oder weniger das Täuschende des Feuer- und Lichtglanzes und das Lebendige, welches nur bey kunstreich ausgeführten Transparenten zu bewirken ist. Hrn. König muß man in der That das Zeugniß geben, daß seine Schweizeransichten auf dem Punkte stehen, wo die Kunst endigt und jenseits der Linie die Wahrheit beginnt. Von der größten Wirkung sind unter andern die Stadt Bern mit dem Mond, die Sennhütte auf der Scheideckalp, die Gegend von Unterlaken im Mondlicht, Tells Kapelle, Muttertreue, die Jakobsfeuer am Brienzer See, die Andacht bey der Kapelle am Zuger See, das Aufsteigen des Mondes bey dem Dörfchen Lyß bey Aarberg, das Hochgebirg, die Jungfrau bey Sonnenuntergang. Hr. König hat außerdem das Eigenthümliche der wahren Schweizernatur mit frommer Treue aufgefaßt; sein Styl ist der, in welchem jene Berge, Thäler und Seen gebildet sind, und man wird kaum einen Landschafter finden, der die Wirkung des Lichts in seinen mannichfaltigen Erscheinungen so tief erforscht und so glücklich angeordnet hätte.

Quelle:
Kunst-Blatt 1820, Nr. 17, 28. Februar, S. 68. Zitat der "Bemerkungen eines bewährten Kenners aus der Karlsruher Zeitung". Digitalisiert durch die UB Heidelberg, URL der Seite:
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstblatt1_1820/0072

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Die transparenten Gemälde des Hrn. König sind durch ganz Deutschland bekannt, da er sie zu verschiedenen Malen in den bedeutendsten Städten gezeigt hat; seine Vorstellungen in Bern finden regelmäßig jeden Abend statt, und werden von Einheimischen und Fremden häufig besucht. So reich, und von so eigenthümlicher Schönheit ist die landschaftliche Natur der Schweiz, daß das Publicum der vielen, bald flüchtig, bald elegant in Kupferstich gearbeiteten Schweizer-Prospekte nie müde wird; wie viel anziehender müssen nicht Gemälde seyn, welche die schönsten Ansichten in zauberischen Effekten, sogar mit allmählichem Wechsel der Licht- und Farben-Erscheinungen wieder zu geben suchen?

Hrn. Königs landschaftliche Gemälde sind meistens von schöner Harmonie, zum Theil auch von vieler Kraft und glänzender Wirkung; ob aber die Transparenz überall der Wahrheit der Darstellung günstig sey, läßt sich sowohl im Allgemeinen, als mit besonderer Rücksicht auf Hrn. Königs Leistungen fragen. Die Farben des Tags, die in der Schweiz so kraftvoll und gesättigt von Bergen und Thälern wiederstrahlen [!], verlieren größtentheils ihre Tiefe durch das künstliche Licht, das sie auf dem transparenten Papier beleben soll, und selbst das umgebende Dunkel kann sie nicht erheben. Daher gelingen immer Nachtlandschaften mit Mondbeleuchtung, Feuern, Fackel- und Lampenlicht, am besten, und besonders wahr ist der Vollmond zwischen Wolken, sein Aufgang über dem Dorfe Lyß, und die Lichter in der Hütte auf der Ansicht von Interlaken. In einigen dieser Darstellungen ist jedoch eine zu starke Helle der vorderen Gründe und Gegenstände bemerklich; wahrscheinlich wollte der Künstler die schwarzen Schatten vermeiden, sezte sich aber dadurch der Gefahr aus, ins Grelle zu verfallen, wie bey der Ansicht der Kapelle am Zuger-See, wo eine Gruppe von Männern und Frauen bey Fackelschein ihre Andacht vor dem Muttergottesbilde hält. In Hinsicht der Behandlung wäre den meisten dieser Landschaften etwas sorgfältigere Ausführung zu wünschen; sie würden dadurch an Wahrheit im Ganzen und Einzelnen ohne Zweifel viel gewinnen, und sich über den Kunstwerth der vorzüglichern farbigen Kupferstiche erheben.

Dasselbe gilt von den interessanten Schweizertrachten, die in kleineren Gemälden als Zwischenakte der landschaftlichen Darstellungen gezeigt werden. Sie sind wahr und mit Laune aufgefaßt, und das Malerische des Anzugs, worin Gold und Silber, und jede Art von Stoffen mit Treue und Kraft wiedergegeben ist, gewinnt noch vieles durch den Gedanken und den characteristischen Ausdruck der Figuren; - nur wünschte man die Köpfe überall weniger oberflächlich behandelt. Wie viel Hrn. Königs ausgezeichnetes Talent hierin leisten kann, läßt sich aus dem schönen Bilde der Appenzellerin schließen, deren Gesicht von einer Lampe, die sie in der Hand hält, erleuchtet ist.

Es gibt eine gewisse Sicherheit des Auges und eine Leichtigkeit der Hand, der es gelingt, die Erscheinungen der Natur im Allgemeinen sehr richtig anzudeuten; aber wenn ihr nicht die Treue im Einzelnen und die Achtung vor der unergründlichen Tiefe jedes Naturwerks zur Seite gehen, so gelangt sie nicht zur eigentlich lebendigen Darstellung, die man wie das Naturwerk selbst, immer wieder und wieder mit neuem Genuß betrachten kann.

Quelle:
Kunstblatt 1822, No. 86, S. 344. Digitalisierung durch die UB Heidelberg, URL der Seite:
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstblatt3_1822/0358

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Franz Niklaus König, Fribourger Kuhhirt, Transparentbild

Fribourg, Costume allemand
Fribourger Kuhhirt
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"Als Zwischenspiel, indessen die Hauptbilder verändert werden, lässt Herr König zehn Seitenbilder sehen, verschiedene Schweizertrachten vorstellend, Halbfiguren und Kniestücke, mehrere mit landschaftlichen Gründen begleitet." (Goethe / Meyer: Transparent-Gemälde, siehe oben.)

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3. Vorführungen auf Reisen

Mit steigendem Interesse nahm das gebildete Publikum die ersten Früchte seiner [Königs] Studien auf, und bald ward er aufgefordert, dieselben dem Auslande zur Prüfung vorzulegen. Es geschah auf einer Reise nach Carlsruhe, Frankfurt am Main, Weimar, Leipzig und Dresden (in dem Jahre 1820), auf welcher Reise ihm der allgemeine Beifall zu Theil wurde.

Späterhin sprach sich diese Zufriedenheit auch in öffentlichen Blättern aus, und jene in dem Werke: "Ueber Kunst und Alterthum von Herrn von Göthe," wovon hiernach ein wörtlicher Abdruck folgt, hatten eine Einladung nach Paris zur Folge. Die erste Vorstellung daselbst fand bei dem hohen Kunst-Protector, dem Herzog von Orleans (jetzigem König der Franzosen,) statt; das gütige Wohlwollen in mündlicher Zusicherung, so wie durch die öffentlichen Blätter, welches dann eine Vorstellung in den Tuillerien, und nachher tägliche Ausstellung während eines ganzen Jahres (1821) in Paris nach sich zog. Während dieses Aufenthaltes entstanden dann jene Bilder von den Tuillerien, St. Cloud und Versailles, nebst den charakteristischen Seitenbildern, und die einen originellen Contrast zu jenen der Schweiz bilden.

Quelle:
Diaphanorama oder Transparent-Gemälde, die merkwürdigsten Gegenstände der Schweiz enthaltend. Gemalt von F. N. König, Maler von Bern. Bern, gedruckt bei C. A. Jenni 1832. Vorbericht von C. Stettler und Comp.- Besitzer sämtlicher hinterlassener Transparentgemälde - vom Oktober 1832. Die vorliegende Publikation erfolgte in Hinblick auf eine geplante neue Vorführungsreise nach Deutschland.

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Franz Niklaus König, Die Zugerin, TrachtenbildFranz Niklaus König, Das Seifenblasen

Die Zugerin | Das Seifenblasen
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4.
Ernst Bloesch
Kurzbiographie von Franz Niklaus König

König, Franz Niklaus (1765—1832), Maler von Bern, wurde geb. den 6. April 1765. Sein Vater, ein Flachmaler, empfand das Bedürfniß guter Anleitung zum Zeichnen und ließ ihn den Unterricht des Malers Freudenberger genießen. Lebhaftes, heiteres Wesen, gesellige Talente und musikalische Anlagen verschafften dem jungen Manne Eingang auch in gebildete Kreise und mancherlei Bekanntschaften. Während er den Vater in seiner Arbeit unterstützte, trat er in Verkehr mit den damaligen Vertretern der schweizerischen Landschafts-Malerei, mit Rieter, Lafond, Biedermann und dem schon genannten Freudenberger, und empfing von ihnen die Anregung zu selbständiger Uebung der Kunst. Im J. 1798 bei der Invasion des französischen Heeres, hatte er Gelegenheit als Artillerie-Offizier in freilich erfolglosem Widerstande seine militärische Tüchtigkeit zu bewähren. In den Tagen politischer Unruhe, die darauf folgten, zog er sich nach dem Städtchen Unterseen — bei Interlaken — zurück. Schon seit 1789 verheirathet, sah er sich genöthigt, für Erwerbsquellen zu sorgen.

So ungünstig die Zeit für die Kunst, so günstig war in Unterseen die Umgebung für den Künstler. Während der 11 Jahre, welche K. im Mittelpunkt des Berner Oberlands zubrachte, entstanden mehrere seiner gelungensten Arbeiten, und diese trugen ihrerseits nicht wenig dazu bei, den Sinn für die Schönheiten der Alpenlandschaft zu wecken und die noch fast unbesuchten Gegenden bekannt zu machen. Er gab auch eine kurze illustrirte Beschreibung des Oberlandes heraus. K. war einer der Hauptanordner des großen Alpenhirtenfestes zu Unspunnen, im Jahre 1808, welches durch die klassische Schilderung der Frau von Stael berühmt geworden ist; und als König Friedrich I. von Württemberg, als einer der ersten Touristen das Berner Oberland bereiste, wurde der Künstler ihm zum Begleiter gegeben.

Im J. 1809 verlegte K. seinen Wohnsitz wieder nach Bern, wo er nun reichlich Beschäftigung fand. Er zeichnete sich aus durch Vielseitigkeit, ebensowohl in den dargestellten Gegenständen, als in seiner Technik; er malte Porträts, Genrebilder und Landschaften und zeigte die gleiche Gewandtheit in Oel wie in Aquarell-Malerei, in Kupferstich, Radirung u. Lithographie. Seine Richtung ging aber durchaus auf das Einfache, Anmuthige, Idyllische und am besten gelangen ihm kleine ländliche Szenen; nie ist er großartig, aber fast immer geistreich und originell in Auffassung und Wiedergabe.

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Franz Niklaus König, Selbstbildnis 1827

Selbstbildnis
Öl auf Kupfer, 1827
(Bourquin: König, Katalog Nr. 1)

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[Fortsetzung der Kurzbiographie] Mit besonderer Vorliebe und mit vorzüglichem Geschicke verlegte er sich in späteren Jahren auf die Herstellung von Transparentbildern — vorzugsweise mit Mondscheinbeleuchtung. Sie fanden solchen Beifall, daß er sich entschloß, dieselben in größeren Städten auszustellen. Im Jahre 1816 bereiste er zu diesem Zwecke die östliche Schweiz und Süddeutschland, namentlich München, Frankfurt und Stuttgart, und im Winter 1819—20 ging er über Basel, Karlsruhe, Frankfurt nach Weimar, Leipzig und Dresden. Ueberall fand er günstige Aufnahme und Zutritt in die vornehmsten Familien. Goethe, bei welchem er Ende Februar 1820 einen Abend in Gesellschaft zubrachte, wünschte eine eigene Vorstellung in seinem Hause und sprach sich sehr befriedigt darüber aus. Goethes Freund Meyer schrieb in einem Briefe (abgedr. in K. Ruckstuhl von L. Hirzel, Straßburg 1876 p. 36): "Ein wackerer Schweizer war diesen Winter etwa 8 Tage hier, Herr Maler König aus Bern; er zeigte vortreffliche transparente Landschaften (Schweizerprospekte) vor; er selbst war verständig, in gewissem Sinne geistreich zu nennen, auch kreuzbrav." Eine längere eingehende Beurtheilung findet sich in Goethes "Ueber Kunst und Alterthum" (3. Heft des II. Bandes p. 132). Gleichzeitige deutsche Zeitungen sprachen sich mit Enthusiasmus aus: "Man wird kaum einen Landschafter finden, der die Wirkung des Lichts in seinen mannichfaltigen Erscheinungen so tief erforscht und so glücklich angeordnet hätte" etc. Auf einer dritten Reise besuchte K. 1829 noch Paris und das übrige Frankreich.

Seine letzten Lebensjahre wurden durch zunehmende Schwerhörigkeit etwas gestört; er starb am 27. März 1832. [...]

Quelle:
Emil Bloesch, Artikel "Franz Niklaus König" in der "Allgemeinen Deutschen Biographie", 1882, S. 505-506. Gekürzt, Absätze eingefügt. Online-Ausgabe, URL:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118724347.html?anchor=adb

Zu Emil Bloesch (1838-1900) siehe den Eintrag in Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Blösch

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Über den Arbeitsvorgang Königs bei der Verfertigung seiner Transparentbilder ist kaum etwas bekannt. Doch gibt es eine genaue Beschreibung über das Vorgehen des Landschaftsmalers Philipp Hackert (1737-1807). Allerdings beschreibt Hackert einen "Kasten", ähnlich einer kleinen Guckkastenbühne für Papiertheater:

Die Landschaft, welche dargestellt werden soll, wird mit Wasserfarben auf Papier ausgeführt. Die größten Massen und solidesten Gegenstände, Berge, Gebäude, Schiffe, Figuren von Menschen, Tieren usw., werden besonders ausgeschnitten, und auf jenes Papier geklebt. Die von dem Mondstrahl beleuchteten Stellen werden mit Spiritus, der das Papier durchscheinend macht, bestrichen, an deren Stellen, worauf stärkere Lichter fallen, wie im Wasser wird das Papier mit einem Messer dünne geschabt. Alles übrige wird koloriert, das weiße Papier in den schwächeren sich verlierenden Lichtern ausgespart, und die Mondscheibe ganz weiß gelassen. Das fertige Stück ... wird zwischen zwei Spiegelgläsern eines dazu eingerichteten Kastens, genau von der Größe des Stückes, geschoben, und gerade hinter der Mondscheibe eine nicht zu stark leuchtende Lampe und hinter der Stelle, wohin die Mondstrahlen am meisten wirken, oder wo im Bilde, wie des schönen Effekts wegen gewöhnlich geschieht, etwa ein Feuer angebracht ist, eine zweite Lampe, befestigt ...

Quelle:
J. G. Meusel, Museum für Künstler und Kunstliebhaber, 1792, 16. Stück, S. 285 ff. Zit. n. Marcus Bourquin: Franz Niklaus König. Leben und Werk (Berner Heimatbücher; 94/95) Bern: Paul Haupt 1963, S. 75 Anm. 13.

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Franz Niklaus König, Am Fenster im Mondlicht

Am Fenster im Mondlicht
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(Bourquin: König, Umschlag)

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5.
Literaturhinweise und Weblinks

Literatur:
* Diaphanorama oder Transparent-Gemälde, die merkwürdigsten Gegenstände der Schweiz enthaltend. Gemalt von F. N. König, Maler von Bern. Bern, gedruckt bei C. A. Jenni 1832 (Durch Google digitalisiert wurde das Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek in München, "Geschenk Seiner Majestät des Königs Ludwig I. aus Höchstdessen Privatbibliothek.)
* Emil Blösch: Reisebriefe des Malers Franz Niklaus König. In: Berner Taschenbuch, Bd. 31, 1882, S. 126-193; Bd. 32, 1883, S. 198-246. Digitalisiert.
Tl. 1: http://retro.seals.ch/digbib/view?pid=btb-001:1882:31::314
Tl. 2: http://retro.seals.ch/digbib/view?pid=btb-001:1883:32::335
* Franz Bäschlin: Franz Niklaus König als Herold der Schweiz. In: Du. Schweizerische Monatsschrift, 4. Jg., Nr. 6, Juni 1944, S.28-33.  - Abbildungen, wo nicht anders angegeben,  aus diesem Beitrag.
* H. Specker: Die Transparentbilder von F. N. König 1832. In: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde. Bd.24, 1962, S. 125-127. - Gesellschaftsvertrag zwischen Christian Stetter und Jakob Kneubühler zur Weiterführung des "Transparentgemälde-Kabinetts" von König, das sie von der Witwe gekauft hatten. - PDF herunterladen:
retro.seals.ch/cntmng?pid=zgh-001:1962:24::174
* Marcus Bourquin: Franz Niklaus König. Leben und Werk (Berner Heimatbücher; 94/95) Bern: Paul Haupt 1963. Insbesondere: Lichtschirme - Transparente - Reisen, S. 52-54.
* Christa Pieske: Das ABC des Luxuspapiers. Herstellung, Verarbeitung und Gebrauch 1860 bis 1930. Berlin: Dietrich Reimer 1984. Darin: Diaphanien, S. 109-111; Lithophanien, S. 176f. ISBN 3-496-01023-1
* Ich sehe was, was du nicht siehst! Sehmaschinen und Bilderwelten. Die Sammlung Werner Nekes. Hrsg. von Bodo von Dewitz und Werner Nekes. Göttingen: Steidl Verlag 2002. ISBN 3-88243-856-8 - Darin Birgit Verwiebe: Lichtspiele und Bewegungsbilder. Zur Geschichte des Dioramas, S. 314-327. Vgl. "Glossar der optischen Medien", S. 450.

Weblinks:
* Eintrag "Transparentbilder" in Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Transparentbilder
* Eintrag "Franz Niklaus König" in Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Niklaus_König
* Emil Bloesch, Allgemeine Deutsche Biographie:
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118724347.html?anchor=adb
* Historisches Lexikon der Schweiz:
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D22038.php
F. N. König, Der Staubbachfall, 1803. Kunstmuseum Bern. Video
http://www.kunstmuseumbern.ch/de/sehen/sammlung/video-highlights-sammlung/franz-niklaus-koenig-200.html

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Franz Niklaus König, Gegenüber dem Reichenbachfall

Gegenüber dem Reichenbachfall
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6. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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