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August Siegfried von Goue

 Der hoeere Ruf

Stand: Herbst 2007

 Bernd Scheffer gewidmet,
dem Freund und Kollegen 

 

Stee auf einem Bein auf der Spize des Turms 
und halte den Sturm aus ohne zu fallen. 
Widerstrebe der Rukhaeklung zum Klos 
und sei dir selbst dein Morgen und Abendwerk.

 

    Wer den hoeeren Ruf liest, wird sich vielleicht an den Kopf fassen und dem Schwindel zu verfallen glauben. Gedanken und Ausdruck sind in allen Abschnitten geheimnisvoll und dunkel, die Wortbildung sonderbar und geradezu grotesk, die Schreibung wunderlich und gesucht. Die Verfasser sagen in der Einleitung [zur zweiten Auflage] ausdrücklich, daß sie nicht für die Welt schreiben. "Wen man sich gewoenete in Hieroglifen zu schreiben, warum solte man nicht auch in Hieroglifen reden dürfen. Es hat oft Ursachen, warum man nicht deutlicher sich erklaeret."

    (Gloël: Nachwort, S. 274f.) 

Textvorlage: August Siegfried von Goue. Auswahl von Karl Schüddekopf. Einführung von Heinrich Gloël. Weimar: Gesellschaft der Bibliophilen 1917, S. 159-171. Druck von Breitkopf & Härtel in Leipzig. 

zum Text




Einführung

August Siegfried von Goue, Schattenriß
Titelbild der oben angegebenen Ausgabe. Vgl. Hans Wahl, Anton Kippenberg:
Goethe und seine Welt. Leipzig: Insel 1932, S. 35.

August Siegfried von Goue (geb. 1742 in Hildesheim, gest. 1789 in Burgsteinfurt) hielt sich fünf Jahre lang in Wetzlar auf, wo von 1767 bis 1776 eine Visitation des Reichskammergerichts stattfand. Goue war von 1767 bis 1771 als Legationssekretär des Vertreters des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel tätig und blieb nach seiner Entlassung ein weiteres Jahr bis Juli 1772 in Wetzlar. So lernten sich Goue und Goethe, der im Mai 1772 Rechtspraktikant am Reichskammergericht wurde, kennen.

Goue war eine treibende Kraft im theatralischen und geselligen Leben der jüngeren Juristen in der Stadt (ca. 5000 Einwohner, 1000 Mitglieder der gesellschaftlich abgeschotteten >feinen Welt<). Er war bekannt durch seine Galanterie und seine "Neigung zu Trunk und Spiel" (Gloël: Nachwort, S. 221), schrieb Theaterstücke und Gelegenheitsgedichte (als >Vater Gleim< Wetzlar besuchte, ritzte er ein satirisches Gedicht in eine Fensterscheibe), gab eine Wochenschrift ("Blat zum Zeitvertreib", 1769, 7 Nummern) heraus, parodierte den Hofstaat und tat sich mit Mystifikationen hervor, die mit Fiktionen ein das Publikum verwirrendes Spiel trieben.

"August Siegfried war in Wetzlar und für sein ganzes späteres Leben ein eifriger Freimaurer" (S. 235). In die Wetzlarer Loge >Joseph zu den drei Helmen< trat er 1768 ein. Die Loge bekannte sich zur >strikten Observanz<. "Danach behauptete man, daß die Logen aus dem Tempelritterorden stammten, fügte den üblichen drei Graden des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters noch mehrere Hochgrade, so den des Tempelritters, hinzu, trug in den Sitzungen nicht nur den Schurz, sondern auch Schwert und Mantel und nahm manche Förmlichkeiten der Ritterorden an." (S. 236) Die Maurer führten lateinische Ordensnamen, Goue – 1770 zum Tempelritter geschlagen – hieß "eques a cochlea argentea, der Ritter von der silbernen Schnecke mit dem Wahlspruch bene qui latet, wohl dem, der im verborgenen bleibt." (S.236). Außer einigen Offizieren waren Mitglieder nur Juristen des Reichskammergerichts und der Visitation.

Auf das Freimaurertum verweist der von Goethe als "philosophisch-mystisch" charakterisierte Orden des "Übergangs", dessen Ritualbuch "Der hoeere Ruf" ist. Die hier wiedergegebene erste Auflage wird von Heinrich Gloël auf 1768 datiert; eine zweite, erweiterte und um das scherzhafte Seitenstück "Der feinere Pfif" von Johann Ferdinand Opiz (1741-1812) vermehrte Auflage kam 1769 im gleichen Verlag heraus. Die Buchstaben G und H verweisen auf die Verfasser der 34 Abschnitte: Goue (14 Abschnitte) und von Hochsteter, mit dem zusammen er Anfang 1768 einen "Katalog", d.i. ein Verzeichnis von 86 Büchertiteln, die sich satirisch auf Wetzlaer Personen beziehen, verfaßt hat. Nr. 25 spielt auf Goue an, der das >Plan-< oder >Knopfmachen<, d.h. den Hof / die Cour machen, vollendet beherrscht zu haben scheint und in der scherzhaften "Knopfmacherzunft", der die ganze Wetzlaer Gesellschaft angehörte, als Knopfmacher von fünf Damen auftrat (S. 220):

    Der neue Archimedes oder Plan zum Planen oder nach denen Regeln der Planimetrie und Planilogie systematisch abefaßte Erörterungen und Beobachtungen, was eigentlich Plane seyen, wie sie entstehen, unterhalten und der Verschiedenheit ihrer Natur gemäß gravieret, crayonieret, duschieret, lavieret werden, wobey zugleich in 142 Kupferstichen gezeiget wird, welche Blicke, Bewegungen der Hände oder Füße, kleine oder stärkere Schläge für Anzeichen eines Planes gehalten werden können, auch deutliche Tabellen, in welchen das Verhältniß der drückenden und gegendrückenden Kraft von 1 bis 1000 auf das genaueste berechnet ist, zu wohlmeynender Unterrichtung des Publikums herausgegeben und mit critischen Bemerkungen versehen von de G., der Plan-Wissenschaft Archi-poll-hetero-plan-ortho-didacti-philo-graphi-practico. Gr. 4.

Soweit "Der hoeere Ruf" überhaupt einen konsistenten Sinn hat, handelt er vom Übergang aus dem irdischen in ein geistiges Leben. Die vier Stufen, von denen auch Goethe spricht, erklärt Gloël (S. 276) wie folgt:

  1. Wenn man staunend vom Strahle der Aufklärung getroffen wird, schwinden die Vorurteile. […]
  2. Man muß Kraft gewinnen, um aus der Vereinzelung seines Daseins "ins Ganze gezogen zu werden".
  3. Aus dem Staube des Irdischen soll man sich zur Sonnenhöhe erheben.
  4. Die vierte Stufe ist die Erwerbung der Weisheit.

Diesen vier Stufen der Entwurmigung oder Vervollkommnung entsprechend unterscheidet das Büchlein unter den Eingeweihten 1. den Prüfling oder den zur Weisheit Gelockten, 2. den Berufenen, 3. den Hochberufenen, 4. den Weisen. Der hohe Gedanke der Weisheit ist dem Prüfling ein Machtspruch, dem er sich beugt, dem Berufenen ein Rätsel, an dessen Lösung er zu arbeiten hat, dem Hochberufenen ein >knopfigter< Leitfaden, dem schwer zu folgen ist, dem Weisen ein stützender und leitender >Gemeinstab<." (S. 276)

Die Lehren der Weisheit stehen in maurerischer Tradition. "Im einzelnen sei bemerkt, daß die Terzie (S.170 der im Reprint hinzugefügten Zählung) der 60. Teil der Sekunde ist, der hölzerne Kasten (165) der Sarg, der Serpentarius (169) das Sternbild des Schlangenträgers." (S. 278) Anderes bleibt unklar. "Vieles spottet jeder Erklärung und Deutung." (Ebd.) Lavater, dem Goethe 1774 aus dem Buch vorlas, spricht in seinem Tagebuch von einer "gedruckte[n] broschure voll enigmatischer Weisheit und Narrheit" (zit. 278f.).

(Die Einführung folgt dem umfangreichen und gründlichen Nachwort von Heinrich Gloël.)




Goethe: Aus meinem Leben.
Dichtung und Wahrheit, Auszug:

Daß mir, außer dem deutschen Zivil- und Staatsrechte, hier [in Wetzlar] nichts Wissenschaftliches sonderlich begegnen, daß ich aller poetischen Mitteilung entbehren würde, glaubte ich vorauszusehn, als mich, nach einigem Zögern, die Lust meinen Zustand zu verändern, mehr als der Trieb nach Kenntnissen, in diese Gegend hinführte. Allein wie verwundert war ich, als mir, anstatt einer sauertöpfischen Gesellschaft, ein drittes akademisches Leben entgegensprang.

An einer großen Wirtstafel traf ich beinah sämtliche Gesandtschaftsuntergeordnete, junge muntere Leute, beisammen; sie nahmen mich freundlich auf, und es blieb mir schon den ersten Tag kein Geheimnis, daß sie ihr mittägiges Beisammensein durch eine romantische Fiktion erheitert hatten. Sie stellten nämlich, mit Geist und Munterkeit, eine Rittertafel vor. Obenan saß der Heermeister, zur Seite desselben der Kanzler, sodann die wichtigsten Staatsbeamten; nun folgten die Ritter, nach ihrer Anciennetät; Fremde hingegen, die zusprachen, mußten mit den untersten Plätzen vorlieb nehmen, und für sie war das Gespräch meist unverständlich, weil sich in der Gesellschaft die Sprache, außer den Ritterausdrücken, noch mit manchen Anspielungen bereichert hatte. Einem jeden war ein Rittername zugelegt, mit einem Beiworte. Mich nannten sie Götz von Berlichingen, den Redlichen. Jenen verdiente ich mir durch meine Aufmerksamkeit für den biedern deutschen Altvater, und diesen durch die aufrichtige Neigung und Ergebenheit gegen die vorzüglichen Männer, die ich kennen lernte.

[...]Von Goué, ein schwer zu entziffernder und zu beschreibender Mann, eine derbe, breite, hannövrische Figur, still in sich gekehrt. Es fehlte ihm nicht an Talenten mancher Art. Man hegte von ihm die Vermutung, daß er ein natürlicher Sohn sei; auch liebte er ein gewisses geheimnisvolles Wesen, und verbarg seine eigensten Wünsche und Vorsätze unter mancherlei Seltsamkeiten, wie er denn die eigentliche Seele des wunderlichen Ritterbundes war, ohne daß er nach der Stelle des Heermeisters gestrebt hätte. Vielmehr ließ er, da gerade zu der Zeit dies Haupt der Ritterschaft abging, einen andern wählen und übte durch diesen seinen Einfluß. So wußte er auch manche kleine Zufälligkeiten dahin zu lenken, daß sie bedeutend erschienen und in fabelhaften Formen durchgeführt werden konnten. Bei diesem allen aber konnte man keinen ernsten Zweck bemerken; es war ihm bloß zu tun, die Langeweile, die er und seine Kollegen bei dem verzögerten Geschäft empfinden mußten, zu erheitern, und den leeren Raum, wäre es auch nur mit Spinnegewebe, auszufüllen.

Übrigens wurde dieses fabelhafte Fratzenspiel mit äußerlichem großen Ernst betrieben, ohne daß jemand lächerlich finden durfte, wenn eine gewisse Mühle als Schloß, der Müller als Burgherr behandelt wurde, wenn man "Die vier Haimonskinder" für ein kanonisches Buch erklärte und Abschnitte daraus, bei Zeremonien, mit Ehrfurcht vorlas. Der Ritterschlag selbst geschah mit hergebrachten, von mehreren Ritterorden entlehnten Symbolen. Ein Hauptanlaß zum Scherze war ferner der, daß man das Offenbare als ein Geheimnis behandelte; man trieb die Sache öffentlich, und es sollte nicht davon gesprochen werden. Die Liste der sämtlichen Ritter ward gedruckt, mit so viel Anstand als ein Reichstagskalender; und wenn Familien darüber zu spotten und die ganze Sache für absurd und lächerlich zu erklären wagten, so ward, zu ihrer Bestrafung, so lange intrigiert, bis man einen ernsthaften Ehemann, oder nahen Verwandten, beizutreten und den Ritterschlag anzunehmen bewogen hatte; da denn über den Verdruß der Angehörigen eine herrliche Schadenfreude entstand.

In dieses Ritterwesen verschlang sich noch ein seltsamer Orden, welcher philosophisch und mystisch sein sollte, und keinen eigentlichen Namen hatte. Der erste Grad hieß der Übergang, der zweite des Übergangs Übergang, der dritte des Übergangs Übergang zum Übergang, und der vierte des Übergangs Übergang zu des Übergangs Übergang. Den hohen Sinn dieser Stufenfolge auszulegen, war nun die Pflicht der Eingeweihten, und dieses geschah nach Maßgabe eines gedruckten Büchleins, in welchem jene seltsamen Worte auf eine noch seltsamere Weise erklärt, oder vielmehr amplifiziert waren. Die Beschäftigung mit diesen Dingen war der erwünschteste Zeitverderb.

(Goethe. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Dritter Teil. Zwölftes Buch. Absätze eingefügt.)



Kontaktanschrift:

Prof. Dr. Georg Jäger
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Deutsche Philologie
Schellingstr. 3
80799 München

E-Mail: georg.jaeger@germanistik.uni-muenchen.de.




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