goethe

Ludwig-Maximilians-Universität München

Hauptseminar
PD Dr. Martin Huber und Dr. Gernot M. Müller

Die Stadt als Text.
Wahrnehmung von "Italien" in Reisetexten und Stadtbeschreibungen
von der Renaissance bis ins frühe 19. Jahrhundert

Blockseminar vom 23. März 2003 bis 30. März 2003
an der Venice International University, Venedig

 

Für Generationen deutscher Humanisten stellte die Studienreise nach Italien einen integralen Bestandteil ihrer Ausbildung dar. In ihrem Gastland wurden sie dabei nicht nur mit einer in weiten Teilen überlegenen Kultur konfrontiert; sie lernten dort auch neue, aus der Antike wiederbelebte literarische Formen kennen, in denen sich die neu gewonnenen Eindrücke verarbeiten ließen. Hierzu zählen nicht zuletzt Reisegedicht und Stadtbeschreibung, die Darstellungsmuster bereitstellten, um die urbane Kultur des fremden Landes zu erfassen. Auf der anderen Seite dienten sie in einem allgemeineren Sinne dazu, die Wahrnehmung von Stadt und Natur generell zu schulen. Dies wird am Transfer dieser beiden Gattungen samt ihres Beschreibungsrepertoires nach Norden unmittelbar sichtbar, führen sie doch zu einem veränderten Blick auf die Lebensräume Stadt und Land auch in Deutschland.Die Humanisten haben damit eine Traditionslinie kultureller Wahrnehmung Italiens und deren Vertextung begründet, die in unterschiedlichen Ausprägungen bis weit ins 19. Jh. reicht.

Mit Goethes "Italienischer Reise" in der Hand pilgerte (nicht nur) das 19. Jahrhundert nach Rom. Dabei waren sich schon die Zeitgenossen mit Wilhelm von Humbodt durchaus bewußt, daß die Briefe wenig Fakten von Rom enthalten, sondern nur den "Eindruck, den Rom auf Goethe gemacht hat" wiedergeben. Daß eine einzelne, individuelle Wahrnehmung der Stadt Rom Ausgangspunkt für Generationen von Reisenden werden konnte, ist Ausdruck einer spezifischen deutschen Bildungsgeschichte, ein Einzelfall ist dies freilich nicht. Repräsentativ für die lange Geschichte der kulturellen Wahrnehmung von Italien und deren Vertextung seit der Renaissance zeigt das Beispiel, daß sich Weltwahrnehmung, kulturelle Kommunikation und soziales Handeln jeweils in selbstgesponnenen Bedeutungsnetzen ereignen. Ausgehend von dieser Erkenntnis, auf die u.a. Clifford Geertz hingeweisen hat, untersucht das Seminar an einem breiten Textkorpus von Conrad Celtis bis Heinrich Heine die Konstruktion urbaner Realität in literarischen Texten. Ein besonderer Blick gilt dabei Konzeptionen von Stadt und Natur, Funktionen der kulturellen Differenz und der Rolle der Kunst und ihrer literarischen Beschreibung (Ekphrasis) bei der Ausbildung von neuzeitlicher Identität.


Hauptseminar von Dr. Martin Huber und Dr. Gernot M. Müller. Verantwortlich für Konzept, Realisation und Gestaltung der begleitenden Webseite ist Danica Krunic M.A.

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