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Intermedialität und Synästhesie in der Literatur der Romantik

 

Theoretische Überlegungen zur Konzeption der Synästhesie in der Literatur der Romantik

SYNAESTHESIE ereignet sich, wenn ein in einer Modalität wahrgenommener Sinneseindruck gleichzeitig kombiniert wird mit einem Eindruck einer oder mehrerer anderer Sinnesmodalität(en), demnach zwei oder mehrere Sinneswahrnehmungen aneinander gekoppelt oder miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Die seit der Antike historisch relevanten Synästhesie-Konzepte [1] differieren in Bezug auf die Frage, was Synästhesie sein kann, wie sie zustande kommt, was miteinander vereint wird und welcher Status dieser Vereinigung zukommt, beträchtlich. Ich möchte die Frage reflektieren, inwiefern in der Literatur der Romantik die Synästhesie zum poetischen Modell wird und welche Funktion in diesem Zusammenhang der Synthese der Sinne zukommt, die mit zentralen Punkten im Konzept der romantischen Poetik übereinstimmt.

In einer Vielzahl von frühromantischen Texten findet sich eine poetische Reflexion der "Kunst als Form und der Reflexion ihres Materials" (Naumann 1994, S. 246) [2] aus unterschiedlicher Perspektive, die zu einer neuen Auffassung von Kunst und Poetik führt und darüber hinaus zu einer modernen Reflexion des Subjektstatus. In der Reflexion des Verhältnisses von Musik und Poesie  Im romantischen kunsttheoretischen Modell wird das Konzept der Synästhesie dynamisches Formprinzip [3] - so meine Ausgangsthese-, das die synästhetische Wahrnehmung momenthaft als sinnliches Ereignis generiert  und im Vollzug ermöglicht sie in der Poesie selbst die Erfahrung der Transzendenz. [4]

Befasst man sich mit Synästhesie in der Literatur der Romantik, stellen sich zunächst zwei Fragen:

1. Eine theoretische nach der Definition und Abgrenzung von Synästhesie in der Literaturwissenschaft und in der Kognitionspsychologie; welche Konsequenzen haben die Forschungsansätze für die Konzeptionalisierung sprachlicher Synästhesie in der Literatur?

2. Eine daran anschließende Frage, welche Funktion und Bedeutung sprachliche Synästhesien in der Literatur der Romantik haben; können sie „mehr“ als „nur“ eine Modellierung synästhetischer Wahrnehmungen darstellen?

 

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[1] Vgl. hierzu den Sammelband: Adler, Hans; Zeuch, Ulrike (Hg.): Synästhesie. Interferenz-Transfer-Synthese der Sinne. Würzburg 2002.

[2] Naumann, Barbara: Die Sehnsucht der Sprache nach der der Musik: Texte zur musikalischen Poetik um 1800. Stuttgart 1994.

[3] Hier wird der Form-Begriff im Sinne von Niklas Luhmanns Unterscheidung Medium und Form verwendet. Vgl. u.a. Luhmann, Niklas: Die Kunst der Gesellschaft. Kap. 3 Medium und Form. Frankfurt/ Main 1995, S. 165-214.

[4] Diese These verdanke ich den Darlegungen bei: Wanner-Meyer, Petra: Quintett der Sinne. Synästhesie in der Lyrik des 19. Jahrhunderts. Bielefeld 1998, hier insbesondere dem Kapitel "Synästhesie als Strukturprinzip", S. 61-71. Und der  Vorlesung Deutsche Lyrik und ihre Theorie 17.-20. Jhd. (Romantik, 19.06.2002) von Dr. Huber, Martin gehalten im SS 2002 am Institut der Neueren deutschen Literatur an der LMU München.  

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Brigitte Gustovic: Theoretische Überlegungen zur Konzeption der Synästhesie. 03.02.2003.

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