|
Schnee fiel in fetten Flocken vom dunklen Himmel, zerplatzte, sobald er das Pflaster berührte, in gräulichen Matsch und klebte auf der Windschutzscheibe fest. Der Scheibenwischer drückte ihn mit einem unmutigen Stöhnen zur Seite. Mein Bruder lenkte den Wagen um eine Ecke, und an der Ecke lag immer noch das Café Heißblau, um diese Uhrzeit ein elektrisches Leuchten, und ich dachte sehnsuchtsvoll an den Kuß, den mir dort einst Yasmin gegeben hatte. Wie viele Jahre mochte das her sein? Fünfzehn? Die Lüftung fauchte, und ich dachte an Yasmins Gesicht, an ihre Haut. Eine schöne, glatte Haut. Ich hatte Yasmin geliebt, schien mir; allerdings hätte ich nicht meine Hand dafür ins Feuer gelegt. Ich hätte überhaupt nicht mehr für viele Dinge meine Hand ins Feuer gelegt. Mein Bruder blies die Backen auf, bremste, hupte und schrie etwas, das natürlich nur ich hörte. Er schrie: „DU BLÖDER VOLLIDIOT!“ Ein dunkelgrüner Mini Cooper, der ziemlich abrupt vor uns gebremst hatte, schlitterte rückwärts in eine Parklücke. „Eine Frau, klar“, fluchte mein Bruder, „aber wenigstens schick. Schicker kleiner Mini Cooper mit einer Idiotin am Steuer.“ „Komm“, sagte ich, „das ist es nicht wert. Es ist doch nichts passiert. Was regst du dich so auf?“ „Du hast es nötig“, fuhr mein Bruder mich an. „Warum muß ich überhaupt jetzt hier herumfahren? Und einen Unfall riskieren? Tauchst mitten in der Nacht auf. Heiligabend. Wo bist du gewesen? Das ist wieder typisch für dich. Der Sohn, der aus der Kälte kam.“ „Ich mußte arbeiten“, sagte ich. „Seit wann mußt du arbeiten.“ „Geld verdienen.“ „Du hast noch nie gearbeitet.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Am liebsten wäre ich ausgestiegen, aber wir rutschten schon in die nächste Schwabinger Seitenstraße. Das Schild einer Kneipe leuchtete fröhlich in die Nacht. Ich sah ihm nach, als es sich davon machte, als hätten wir die Pest an Bord. „Die Eltern haben sich Sorgen gemacht“, sagte mein Bruder. „Sorgen?“ Ich wandte Arnold mein Gesicht zu. „Wieso, um alles in der Welt, haben sie sich Sorgen gemacht?“ „Weil du dich nicht gemeldet hast.“ „Ich habe mich gemeldet.“ „Ja. Vor fünf Stunden.“ „Ich konnte mich nicht früher melden. Ich mußte arbeiten. Ein überraschender Auftrag.“ „Aha.“ „Eine Weihnachtsshow.“ „Verdammt. Weihnachtshow. Wie das klingt. Beinahe pornographisch.“ Anblicke zogen dunkel vorbei, die mir seit meiner Kindheit vertraut waren. „Eine Aufzeichnung fürs Fernsehen“, sagte ich. „Hessischer Rundfunk. Das Fernsehen zahlt gut. Soll ich da sagen: Ah, nein, danke für das Angebot, aber meine Eltern machen sich Sorgen?“ „Zum Beispiel, ja.“ „Das hättest du gesagt?“ Mein Bruder brachte mit einer wütenden Armbewegung seine schwere Brille auf der Nase in Position. Ich sah sein scharfes Profil, von der Zeit etwas abgenutzt, aber insgesamt unbeugsam. „Nicht ich bin hier der freischaffende Klaviervirtuose“, sagte er. „Nicht ich bin derjenige, der sich immerzu aus der Verantwortung stiehlt.“ „Du brauchst nicht ...“ „Eine Mischung aus Thelonious Monk und Glenn Gould. So siehst du dich doch. Gib’s zu. Ich hingegen? Bin bloß ein Buchhalter. Ein gewöhnlicher kleiner Mann, der seine Familie ernährt. Niemand, der Geschichte schreiben will – mit seinen Fingern.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich will keine Geschichte schreiben. Ich will lediglich ...“ „Ich schreibe nur eine Geschichte, Daniel – die Geschichte meines Lebens. Eine short story. So eine putzige kleine Erzählung, an deren Ende man eine Träne verdrückt ...“ „Nichts dagegen einzuwenden.“ Mein Bruder hatte mir mit seinem behandschuhten Zeigefinger in den Mund bohren wollen – oder jedenfalls hätte es für einen Außenstehenden so aussehen müssen –, doch jetzt legte er die Hand schnell, aber behutsam zurück auf das Lenkrad, denn vor uns tauchten aus einer Gasse zwei neblige Scheinwerferlichter auf. Er lenkte und preßte durch seine Zahnreihen hindurch hervor: „Du blickst sicher voller Verachtung auf das Leben, das ich führe.“ „Unsinn.“ Ich sagte es sehr leise. Mein Bruder war jetzt in Fahrt: „Du denkst: Wie kann man jeden Tag von neun bis fünf Uhr arbeiten? Wie der letzte Trottel? Wie kann man jeden Sonntag mit seinen Kindern in den Zoo gehen, während einem die Haare ausfallen?“ Eine junge Frau sprang von der Fahrbahn zurück, ihre Fußabdrücke verschwanden unter unserer Motorhaube. Ein schwarzes, wütendes Zappeln im Rückspiegel, ein erstickter Ruf. „Nein“, sagte ich. „Wo das Leben doch solche Möglichkeiten bietet? Wo man doch durch die Welt gondeln kann und ...“ Ich sagte laut: „Das denke ich nicht, Arnold!“ Er hielt inne, warf mir einen prüfenden Blick zu. Er stoppte. Wir waren da. Die alte Fassade, hell und ehrwürdig. Irgendwo da oben war unsere Wohnung. Fünfter Stock. „Ich will dir was sagen“, sagte er. „Oh, bitte.“ „Eine Geschichte ist wie eine Wohnung. Die Geschichte eines Menschen. Eines jeden Menschen. Man lebt darin.“ Ich hustete in meinen Handschuh. „Okay. Danke für die Belehrung.“ „Aber du wolltest nie in einer Wohnung wohnen.“ „Ich bitte dich. Hast du Feuer?“ „Nein. Außerdem ist hier drinnen Rauchverbot. Und oben auch, übrigens. Mit Frau und Kindern und Fünftagewoche. Das hätte dich doch bloß abgestoßen, so ein Leben.“ „Was? Wie kommst du darauf. Ich wollte...“ „Irgendwann muß man seßhaft werden, Daniel.“ Er warf die Wagentür zu und raffte seinen Mantelkragen unter dem Kinn zusammen, während ich meine Zigarette zurück in die Schachtel stopfte und meine Füße aus dem Schneematsch zog. „Du hörst mir nicht zu“, sagte ich. „Du hörst, immer noch, nur das, was du hören willst. Die Stimmen in deinem Kopf. Das ist die wirkliche Geschichte. Diese bizarren Stimmen in deinem Kopf. Die Welt, in der du lebst. Es ist zum ...“ Er holte die Schlüssel aus der Tasche. Ein schwarzes Lederetui. Darin der Schlüssel zu der Wohnung, in der wir unsere Kindheit hätten verleben sollen. Was hatten wir statt dessen getan? „Verantwortung“, rief er fast. Er stellte sich mir in den Weg, dunkel und drohend. „Sagt dir das was, Daniel? Wir sind nicht zum Vergnügen auf der Welt.“ „Himmel, nein“, sagte ich. „Wem sagst du das?“
München, den 20. Dezember 2005
Robert Mattheis
|
|