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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger
Literaturillustrationen

Heinrich Heine
Harzreise

Illustriert von Albert Váradi
und Hugo Willkens

Eingestellt: September 2013

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Gliederung

1. Federzeichnungen von Albert Váradi.
Mit Bezugstexten
2. Illustrationen von Hugo Wilkens.
Mit Bezugstexten
3. Notizen zu Albert Váradi, Hugo Wilkens
und dem Verlag Rösl
4. Literaturhinweise und Weblinks
5. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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1. Federzeichnungen von Albert Váradi.
Mit Bezugstexten


Albert Váradis Illustrationen sind witzig und häufig karikierend; sie überraschen durch ungewöhnliche Perspektive und spielerische Einfälle. Daneben stehen neobiedermeierliche und neoromantische Kompositionen. Bei seinen handkolorierten Strichzeichnungen setzt er meist wenige kräftige Farbakzente und sucht den Betrachter durch Gags zu interessieren.

Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Albert Váradi

Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Albert Váradi


Vorlage
:
Heinrich Heine: Die Harzreise. Mit 10 Federzeichnungen von Albert Varadi. München-Pullach: Paul Stangl Verlag [1923]. "Dieses Buch wurde in der Offizin der Mandruck A.-G. München in der Original-Mediaeval gedruckt." Außenmaße, Höhe 17,8, Breite 11,7 cm.

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Albert Váradi


Auf der Chaussee wehte frische Morgenluft, und die Vögel sangen gar freudig, und auch mir wurde allmählich wieder frisch und freudig zumute. Eine solche Erquickung tat not. Ich war die letzte Zeit nicht aus dem Pandektenstall herausgekommen, römische Kasuisten hatten mir den Geist wie mit einem grauen Spinnweb überzogen, mein Herz war wie eingeklemmt zwischen den eisernen Paragraphen selbstsüchtiger Rechtssysteme, beständig klang es mir noch in den Ohren wie "Tribonian, Justinian, Hermogenian und Dummerjahn", und ein zärtliches Liebespaar, das unter einem Baume saß, hielt ich gar für eine Korpusjuris-Ausgabe mit verschlungenen Händen.

Erläuterung:
In der Illustration verweisen die Textbänder auf trockene Stubengelehrsamkeit. So ist auf den Bändern in der linken Bildhälfte zu lesen: Philoso ..., Poetik, Botanik, Veritas.

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Albert Váradi


Die liebe Wirtshaussonne in Nordheim ist auch nicht zu verachten; ich kehrte hier ein und fand das Mittagessen schon fertig. Alle Gerichte waren schmackhaft zubereitet und wollten mir besser behagen als die abgeschmackten akademischen Gerichte, die salzlosen, ledernen Stockfische mit ihrem alten Kohl, die mir in Göttingen vorgesetzt wurden. Nachdem ich meinen Magen etwas beschwichtigt hatte, bemerkte ich in derselben Wirtsstube einen Herrn mit zwei Damen, die im Begriff waren abzureisen. Dieser Herr war ganz grün gekleidet, trug sogar eine grüne Brille, die auf seine rote Kupfernase einen Schein wie Grünspan warf, und sah aus, wie der König Nebukadnezar in seinen spätern Jahren ausgesehen hat, als er, der Sage nach, gleich einem Tiere des Waldes, nichts als Salat aß. Der Grüne wünschte, dass ich ihm ein Hotel in Göttingen empfehlen möchte, und ich riet ihm, dort von dem ersten besten Studenten das Hotel de Brühbach zu erfragen. Die eine Dame war die Frau Gemahlin, eine gar große, weitläuftige Dame, ein rotes Quadratmeilengesicht mit Grübchen in den Wangen, die wie Spucknäpfe für Liebesgötter aussahen, ein langfleischig herabhängendes Unterkinn, das eine schlechte Fortsetzung des Gesichtes zu sein schien, und ein hochaufgestapelter Busen, der mit steifen Spitzen und vielzackig festonierten Krägen wie mit Türmchen und Bastionen umbaut war und einer Festung glich, die gewiss ebensowenig wie jene anderen Festungen, von denen Philipp von Mazedonien spricht, einem mit Gold beladenen Esel widerstehen würde. Die andere Dame, die Frau Schwester, bildete ganz den Gegensatz der eben beschriebenen. Stammte jene von Pharaos fetten Kühen, so stammte diese von den magern. Das Gesicht nur ein Mund zwischen zwei Ohren, die Brust trostlos öde, wie die Lüneburger Heide; die ganze ausgekochte Gestalt glich einem Freitisch für arme Theologen. Beide Damen fragten mich zu gleicher Zeit, ob im Hotel de Brühbach auch ordentliche Leute logierten. Ich bejahte es mit gutem Gewissen, und als das holde Kleeblatt abfuhr, grüßte ich nochmals zum Fenster hinaus. Der Sonnenwirt lächelte gar schlau und mochte wohl wissen, dass der Karzer von den Studenten in Göttingen Hotel de Brühbach genannt wird.

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Albert Váradi


[Clausthal, Grube Dorothea] Mein Cicerone selbst war eine kreuzehrliche, pudeldeutsche Natur. Mit innerer Freudigkeit zeigte er mir jene Stolle, wo der Herzog von Cambridge, als er die Grube befahren, mit seinem ganzen Gefolge gespeist hat und wo noch der lange hölzerne Speisetisch steht sowie auch der große Stuhl von Erz, worauf der Herzog gesessen. Dieser bleibe zum ewigen Andenken stehen, sagte der gute Bergmann, und mit Feuer erzählte er, wie viele Festlichkeiten damals stattgefunden, wie der ganze Stollen mit Lichtern, Blumen und Laubwerk verziert gewesen, wie ein Bergknappe die Zither gespielt und gesungen, wie der vergnügte, liebe, dicke Herzog sehr viele Gesundheiten ausgetrunken habe und wie viele Bergleute, und er selbst ganz besonders, sich gern würden totschlagen lassen für den lieben, dicken Herzog und das ganze Haus Hannover.

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Albert Váradi


[Auf dem Weg nach Goslar] Ich aber lebte noch in dem Traum der vorigen Nacht, den ich nicht aus meiner Seele verscheuchen konnte. Es war das alte Märchen, wie ein Ritter hinabsteigt in einen tiefen Brunnen, wo unten die schönste Prinzessin zu einem starren Zauberschlafe verwünscht ist. Ich selbst war der Ritter und der Brunnen die dunkle Klaustaler Grube, und plötzlich erschienen viele Lichter, aus allen Seitenlöchern stürzten die wachsamen Zwerglein, schnitten zornige Gesichter, hieben nach mir mit ihren kurzen Schwertern, bliesen gellend ins Horn, dass immer mehr und mehre herzueilten, und es wackelten entsetzlich ihre breiten Häupter. Wie ich darauf zuschlug und das Blut herausfloss, merkte ich erst, dass es die rotblühenden, langbärtigen Distelköpfe waren, die ich den Tag vorher an der Landstraße mit dem Stocke abgeschlagen hatte. Da waren sie auch gleich alle verscheucht, und ich gelangte in einen hellen Prachtsaal; in der Mitte stand, weiß verschleiert und wie eine Bildsäule starr und regungslos, die Herzgeliebte, und ich küsste ihren Mund, und, beim lebendigen Gott! ich fühlte den beseligenden Hauch ihrer Seele und das süße Beben der lieblichen Lippen. Es war mir, als hörte ich, wie Gott rief: »Es werde Licht!«, blendend schoss herab ein Strahl des ewigen Lichts; aber in demselben Augenblick wurde es wieder Nacht, und alles rann chaotisch zusammen in ein wildes, wüstes Meer. Ein wildes, wüstes Meer! über das gärende Wasser jagten ängstlich die Gespenster der Verstorbenen, ihre weißen Totenhemde flatterten im Winde, hinter ihnen her, hetzend, mit klatschender Peitsche lief ein buntscheckiger Harlekin, und dieser war ich selbst – und plötzlich aus den dunkeln Wellen reckten die Meerungetüme ihre missgestalteten Häupter und langten nach mir mit ausgebreiteten Krallen, und vor Entsetzen erwacht ich.

Wie doch zuweilen die allerschönsten Märchen verdorben werden! Eigentlich muss der Ritter, wenn er die schlafende Prinzessin gefunden hat, ein Stück aus ihrem kostbaren Schleier herausschneiden; und wenn durch seine Kühnheit ihr Zauberschlaf gebrochen ist und sie wieder in ihrem Palast auf dem goldenen Stuhle sitzt, muss der Ritter zu ihr treten und sprechen: »Meine allerschönste Prinzessin, kennst du mich?« Und dann antwortet sie: »Mein allertapferster Ritter, ich kenne dich nicht.« Und dieser zeigt ihr alsdann das aus ihrem Schleier herausgeschnittene Stück, das just in denselben wieder hineinpasst, und beide umarmen sich zärtlich, und die Trompeter blasen, und die Hochzeit wird gefeiert.

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Albert Váradi


Der Kirchhof in Goslar hat mich nicht sehr angesprochen. Desto mehr aber jenes wunderschöne Lockenköpfchen, das bei meiner Ankunft in der Stadt aus einem etwas hohen Parterrefenster lächelnd herausschaute. Nach Tische suchte ich wieder das liebe Fenster; aber jetzt stand dort nur ein Wasserglas mit weißen Glockenblümchen. Ich kletterte hinauf, nahm die artigen Blümchen aus dem Glase, steckte sie ruhig auf meine Mütze und kümmerte mich wenig um die aufgesperrten Mäuler, versteinerten Nasen und Glotzaugen, womit die Leute auf der Straße, besonders die alten Weiber, diesem qualifizierten Diebstahle zusahen. Als ich eine Stunde später an demselben Hause vorbeiging, stand die Holde am Fenster, und wie sie die Glockenblümchen auf meiner Mütze gewahrte, wurde sie blutrot und stürzte zurück. Ich hatte jetzt das schöne Antlitz noch genauer gesehen; es war eine süße, durchsichtige Verkörperung von Sommerabendhauch, Mondschein, Nachtigallenlaut und Rosenduft. – Später, als es ganz dunkel geworden, trat sie vor die Türe. Ich kam – ich näherte mich – sie zieht sich langsam zurück in den dunkeln Hausflur – ich fasse sie bei der Hand und sage: »Ich bin ein Liebhaber von schönen Blumen und Küssen, und was man mir nicht freiwillig gibt, das stehle ich« – und ich küsste sie rasch – und wie sie entfliehen will, flüstere ich beschwichtigend: »Morgen reis ich fort und komme wohl nie wieder« – und ich fühle den geheimen Widerdruck der lieblichen Lippen und der kleinen Hände – und lachend eile ich von hinnen. Ja, ich muss lachen, wenn ich bedenke, dass ich unbewusst jene Zauberformel ausgesprochen, wodurch unsere Rot- und Blauröcke öfter als durch ihre schnurrbärtige Liebenswürdigkeit, die Herzen der Frauen bezwingen. »Ich reise morgen fort und komme wohl nie wieder!«

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Albert Váradi


In jener Nacht, die ich in Goslar zubrachte, ist mir etwas höchst Seltsames begegnet. Noch immer kann ich nicht ohne Angst daran zurückdenken. Ich bin von Natur nicht ängstlich, aber vor Geistern fürchte ich mich fast so sehr wie der »Östreichische Beobachter«. Was ist Furcht? Kommt sie aus dem Verstande oder aus dem Gemüt? Über diese Frage disputierte ich so oft mit dem Doktor Saul Ascher, wenn wir zu Berlin, im »Café Royal«, wo ich lange Zeit meinen Mittagstisch hatte, zufällig zusammentrafen. Er behauptete immer, wir fürchten etwas, weil wir es durch Vernunftschlüsse für furchtbar erkennen. Nur die Vernunft sei eine Kraft, nicht das Gemüt. Während ich gut aß und gut trank, demonstrierte er mir fortwährend die Vorzüge der Vernunft. Gegen das Ende seiner Demonstration pflegte er nach seiner Uhr zu sehen, und immer schloss er damit: »Die Vernunft ist das höchste Prinzip!« – Vernunft! Wenn ich jetzt dieses Wort höre, so sehe ich noch immer den Doktor Saul Ascher mit seinen abstrakten Beinen, mit seinem engen, transzendentalgrauen Leibrock und mit seinem schroffen, frierend kalten Gesichte, das einem Lehrbuche der Geometrie als Kupfertafel dienen konnte. Dieser Mann, tief in den Funfzigern, war eine personifizierte grade Linie. In seinem Streben nach dem Positiven hatte der arme Mann sich alles Herrliche aus dem Leben herausphilosophiert, alle Sonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen, und es blieb ihm nichts übrig als das kalte, positive Grab. Auf den Apoll von Belvedere und auf das Christentum hatte er eine spezielle Malice. Gegen letzteres schrieb er sogar eine Broschüre, worin er dessen Unvernünftigkeit und Unhaltbarkeit bewies. Er hat überhaupt eine ganze Menge Bücher geschrieben, worin immer die Vernunft von ihrer eigenen Vortrefflichkeit renommiert und wobei es der arme Doktor gewiss ernsthaft genug meinte und also in dieser Hinsicht alle Achtung verdiente. Darin aber bestand ja eben der Hauptspaß, dass er ein so ernsthaft närrisches Gesicht schnitt, wenn er dasjenige nicht begreifen konnte, was jedes Kind begreift, eben weil es ein Kind ist. Einigemal besuchte ich auch den Vernunftdoktor in seinem eigenen Hause, wo ich schöne Mädchen bei ihm fand; denn die Vernunft verbietet nicht die Sinnlichkeit. Als ich ihn einst ebenfalls besuchen wollte, sagte mir sein Bedienter: »Der Herr Doktor ist eben gestorben.« Ich fühlte nicht viel mehr dabei, als wenn er gesagt hätte: Der Herr Doktor ist ausgezogen.

Doch zurück nach Goslar. »Das höchste Prinzip ist die Vernunft!« sagte ich beschwichtigend zu mir selbst, als ich ins Bett stieg. Indessen, es half nicht. Ich hatte eben in Varnhagen von Enses »Deutsche Erzählungen«, die ich von Klaustal mitgenommen hatte, jene entsetzliche Geschichte gelesen, wie der Sohn, den sein eigener Vater ermorden wollte, in der Nacht von dem Geiste seiner toten Mutter gewarnt wird. Die wunderbare Darstellung dieser Geschichte bewirkte, dass mich während des Lesens ein inneres Grauen durchfröstelte. Auch erregen Gespenstererzählungen ein noch schauerlicheres Gefühl, wenn man sie auf der Reise liest, und zumal des Nachts, in einer Stadt, in einem Hause, in einem Zimmer, wo man noch nie gewesen. ›Wieviel Grässliches mag sich schon zugetragen haben auf diesem Flecke, wo du eben liegst?‹ so denkt man unwillkürlich. Überdies schien jetzt der Mond so zweideutig ins Zimmer herein, an der Wand bewegten sich allerlei unberufene Schatten, und als ich mich im Bett aufrichtete, um hinzusehen, erblickte ich –

Es gibt nichts Unheimlicheres, als wenn man bei Mondschein das eigene Gesicht zufällig im Spiegel sieht. In demselben Augenblicke schlug eine schwerfällige, gähnende Glocke, und zwar so lang und langsam, dass ich nach dem zwölften Glockenschlage sicher glaubte, es seien unterdessen volle zwölf Stunden verflossen und es müsste wieder von vorn anfangen, zwölf zu schlagen. Zwischen dem vorletzten und letzten Glockenschlage schlug noch eine andere Uhr, sehr rasch, fast keifend gell und vielleicht ärgerlich über die Langsamkeit ihrer Frau Gevatterin. Als beide eiserne Zungen schwiegen und tiefe Todesstille im ganzen Hause herrschte, war es mir plötzlich, als hörte ich auf dem Korridor, vor meinem Zimmer, etwas schlottern und schlappen, wie der unsichere Gang eines alten Mannes. Endlich öffnete sich meine Tür, und langsam trat herein der verstorbene Doktor Saul Ascher. Ein kaltes Fieber rieselte mir durch Mark und Bein, ich zitterte wie Espenlaub, und kaum wagte ich das Gespenst anzusehen. Er sah aus wie sonst, derselbe transzendentalgraue Leibrock, dieselben abstrakten Beine und dasselbe mathematische Gesicht; nur war dieses etwas gelblicher als sonst, auch der Mund, der sonst zwei Winkel von 22.1/2 Grad bildete, war zusammengekniffen, und die Augenkreise hatten einen größern Radius. Schwankend und wie sonst sich auf sein spanisches Röhrchen stützend, näherte er sich mir, und in seinem gewöhnlichen mundfaulen Dialekte sprach er freundlich: »Fürchten Sie sich nicht, und glauben Sie nicht, dass ich ein Gespenst sei. Es ist Täuschung Ihrer Phantasie, wenn Sie mich als Gespenst zu sehen glauben. Was ist ein Gespenst? Geben Sie mir eine Definition. Deduzieren Sie mir die Bedingungen der Möglichkeit eines Gespenstes. In welchem vernünftigen Zusammenhange stände eine solche Erscheinung mit der Vernunft? Die Vernunft, ich sage die Vernunft –« Und nun schritt das Gespenst zu einer Analyse der Vernunft, zitierte Kants »Kritik der reinen Vernunft«, 2. Teil, 1. Abschnitt, 2. Buch, 3. Hauptstück, die Unterscheidung von Phänomena und Noumena, konstruierte alsdann den problematischen Gespensterglauben, setzte einen Syllogismus auf den andern und schloss mit dem logischen Beweise, dass es durchaus keine Gespenster gibt. Mir unterdessen lief der kalte Schweiß über den Rücken, meine Zähne klapperten wie Kastagnetten, aus Seelenangst nickte ich unbedingte Zustimmung bei jedem Satz, womit der spukende Doktor die Absurdität aller Gespensterfurcht bewies, und derselbe demonstrierte so eifrig, dass er einmal in der Zerstreuung statt seiner goldenen Uhr eine Handvoll Würmer aus der Uhrtasche zog und, seinen Irrtum bemerkend, mit possierlich ängstlicher Hastigkeit wieder einsteckte. »Die Vernunft ist das höchste –«, da schlug die Glocke eins, und das Gespenst verschwand.

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Albert Váradi


Auf dem Berge steht die Hütte,
Wo der alte Bergmann wohnt;
Dorten rauscht die grüne Tanne,
Und erglänzt der goldne Mond.

In der Hütte steht ein Lehnstuhl,
Reich geschnitzt und wunderlich,
Der darauf sitzt, der ist glücklich,
Und der Glückliche bin ich!

Auf dem Schemel sitzt die Kleine,
Stützt den Arm auf meinen Schoß;
Äuglein wie zwei blaue Sterne,
Mündlein wie die Purpurros'.

Und die lieben, blauen Sterne
Schaun mich an so himmelgroß,
Und sie legt den Lilienfinger
Schalkhaft auf die Purpurros'.

Nein, es sieht uns nicht die Mutter,
Denn sie spinnt mit großem Fleiß,
Und der Vater spielt die Zither,
Und er singt die alte Weis'.

Und die Kleine flüstert leise,
Leise, mit gedämpftem Laut;
Manches wichtige Geheimnis
Hat sie mir schon anvertraut.

[...]

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Albert Váradi


[Brockenhaus] Nachdem ich mich ziemlich rekreiert, bestieg ich die Turmwarte und fand daselbst einen kleinen Herrn mit zwei Damen, einer jungen und einer ältlichen. Die junge Dame war sehr schön. Eine herrliche Gestalt, auf dem lockigen Haupte ein helmartiger, schwarzer Atlashut, mit dessen weißen Federn die Winde spielten, die schlanken Glieder von einem schwarzseidenen Mantel so fest umschlossen, dass die edlen Formen hervortraten, und das freie, große Auge ruhig hinabschauend in die freie, große Welt.

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Albert Váradi


»Ich bin die Prinzessin Ilse,
Und wohne im Ilsenstein;
Komm mit nach meinem Schlosse,
Wir wollen selig sein.

Dein Haupt will ich benetzen
Mit meiner klaren Well',
Du sollst deine Schmerzen vergessen,
Du sorgenkranker Gesell!

In meinen weißen Armen,
An meiner weißen Brust,
Da sollst du liegen und träumen
Von alter Märchenlust.

Ich will dich küssen und herzen,
Wie ich geherzt und geküsst
Den lieben Kaiser Heinrich,
Der nun gestorben ist.

Es bleiben tot die Toten,
Und nur der Lebendige lebt;
Und ich bin schön und blühend,
Mein lachendes Herze bebt.

Und bebt mein Herz dort unten,
So klingt mein kristallenes Schloss,
Es tanzen die Fräulein und Ritter,
Es jubelt der Knappentross.

Es rauschen die seidenen Schleppen,
Es klirren die Eisenspor'n,
Die Zwerge trompeten und pauken,
Und fiedeln und blasen das Horn.

Doch dich soll mein Arm umschlingen,
Wie er Kaiser Heinrich umschlang;
Ich hielt ihm zu die Ohren,
Wenn die Trompet' erklang.«

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Illustrationen von Hugo Wilkens.
Mit Bezugstexten

Hugo Wilkens ganzseitige Illustrationen dieser Ausgabe wie auch seine Zierstücke (Kopf- oder Schlussstücke) wurden von fremder Hand koloriert - nur 50 Exemplare auf Bütten und im Handeinband hat der Künstler eigenhändig bemalt. Die Schwarzzeichnungen der Vollbilder sind mit erstaunlich derbem Stift gemacht und decken körnig fast den gesamten Papiergrund mit einer leichten Schicht ab, was die Stimmung der Kompositionen nächtlich und etwas düster wirken lässt; Figuren, Architektur, Bäume etc. heben sich mit kräftigen Strichen davon ab. Über der dunklen Zeichnung liegt die sehr frei aquarellierte Farbschicht, beschränkt auf eine schmale Farbpalette von gedämpften Gelb-, Grün-, Lila-, Braun- und Blautönen. Den teils rokokohaft spielerischen Zierstücken hingegen liegen skizzenhafte Federzeichnungen zugrunde, bei denen die Aquarellierung viel Papierweiß stehen lässt, sodass sie - bei gleicher Farbgebung - hell und anmutig wirken. 

 

Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Hugo Wilkens

Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Hugo Wilkens, Titelbild


Vorlage:
Die Harzreise. Von Heinrich Heine. Nach der Erstausgabe herausgegeben von Ludwig Leonhard. Mit 8 handkolorierten Bildern und 13 Zierstücken von Hugo Wilkens. München: Rösl & Cie. 1919. Außenmaße, Höhe 15, Breite 11,5 cm. "Dieses Buch wurde in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig gedruckt. 50 Exemplare wurden auf bestes Bütten abgezogen und mit der Hand in feinstes Maroquinleder gebunden. Die Bilder dafür hat der Künstler eigenhändig bemalt und signiert."

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Hugo Wilkens


Auf die Berge will ich steigen,
Wo die frommen Hütten stehen,
Wo die Brust sich frei erschließet,
Und die freien Lüfte wehen.

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunkeln Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Hugo Wilkens


Ehe ich die Landstraße einschlug, bestieg ich die Trümmer der uralten Osteroder Burg. Sie bestehen nur noch aus der Hälfte eines großen, dickmaurigen, wie von Krebsschäden angefressenen Turms. Der Weg nach Klaustal führte mich wieder bergauf, und von einer der ersten Höhen schaute ich nochmals hinab in das Tal, wo Osterode mit seinen roten Dächern aus den grünen Tannenwäldern hervorguckt wie eine Moosrose. Die Sonne gab eine gar liebe, kindliche Beleuchtung. Von der erhaltenen Turmhälfte erblickt man hier die imponierende Rückseite.

Mein Gemüt war, je mehr ich mich von Göttingen entfernte, allmählich aufgetaut, wieder wie sonst wurde mir romantisch zu Sinn, und wandernd dichtete ich folgendes Lied:


>Steiget auf, ihr alten Träume!
Öffne dich, du Herzenstor!
Liederwonne, Wehmutstränen
Strömen wunderbar hervor.

Durch die Tannen will ich schweifen,
Wo die muntre Quelle springt,
Wo die stolzen Hirsche wandeln,
Wo die liebe Drossel singt.

Auf die Berge will ich steigen,
Auf die schroffen Felsenhöhn,
Wo die grauen Schlossruinen
In dem Morgenlichte stehn.

Dorten setz' ich still mich nieder
Und gedenke alter Zeit,
Alter blühender Geschlechter
Und versunkner Herrlichkeit.

Grad bedeckt jetzt den Turnierplatz,
Wo gekämpft der stolze Mann,
Der die Besten überwunden
Und des Kampfes Preis gewann.

Efeu rankt an dem Balkone,
Wo die schöne Dame stand,
Die den stolzen Überwinder
Mit den Augen überwand.

Ach! den Sieger und die Siegerin
Hat besiegt des Todes Hand -
Jener dürre Sensenritter
Streckt uns alle in den Sand.

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Hugo Wilkens


Der Kirchhof in Goslar hat mich nicht sehr angesprochen. Desto mehr aber jenes wunderschöne Lockenköpfchen, das bei meiner Ankunft in der Stadt aus einem etwas hohen Parterrefenster lächelnd herausschaute. Nach Tische suchte ich wieder das liebe Fenster; aber jetzt stand dort nur ein Wasserglas mit weißen Glockenblümchen. Ich kletterte hinauf, nahm die artigen Blümchen aus dem Glase, steckte sie ruhig auf meine Mütze und kümmerte mich wenig um die aufgesperrten Mäuler, versteinerten Nasen und Glotzaugen, womit die Leute auf der Straße, besonders die alten Weiber, diesem qualifizierten Diebstahle zusahen. Als ich eine Stunde später an demselben Hause vorbeiging, stand die Holde am Fenster, und wie sie die Glockenblümchen auf meiner Mütze gewahrte, wurde sie blutrot und stürzte zurück. Ich hatte jetzt das schöne Antlitz noch genauer gesehen; es war eine süße, durchsichtige Verkörperung von Sommerabendhauch, Mondschein, Nachtigallenlaut und Rosenduft. – Später, als es ganz dunkel geworden, trat sie vor die Türe. Ich kam – ich näherte mich – sie zieht sich langsam zurück in den dunkeln Hausflur – ich fasse sie bei der Hand und sage: »Ich bin ein Liebhaber von schönen Blumen und Küssen, und was man mir nicht freiwillig gibt, das stehle ich« – und ich küsste sie rasch – und wie sie entfliehen will, flüstere ich beschwichtigend: »Morgen reis ich fort und komme wohl nie wieder« – und ich fühle den geheimen Widerdruck der lieblichen Lippen und der kleinen Hände – und lachend eile ich von hinnen. Ja, ich muss lachen, wenn ich bedenke, dass ich unbewusst jene Zauberformel ausgesprochen, wodurch unsere Rot- und Blauröcke öfter als durch ihre schnurrbärtige Liebenswürdigkeit, die Herzen der Frauen bezwingen. »Ich reise morgen fort und komme wohl nie wieder!«

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Hugo Wilkens


In jener Nacht, die ich in Goslar zubrachte, ist mir etwas höchst Seltsames begegnet. Noch immer kann ich nicht ohne Furcht daran zurückdenken. Ich bin von Natur nicht ängstlich, und Gott weiß, dass ich niemals eine sonderliche Beklemmung empfunden habe, wenn z.B. eine blanke Klinge mit meiner Nase Bekanntschaft zu machen suchte oder wenn ich mich nachts in einem verrufenen Walde verirrte oder wenn mich im Konzert ein gähnender Leutnant zu verschlingen drohte - aber vor Geistern fürchte ich mich fast so sehr wie der österreichische Beobachter. Was ist Furcht? Kommt sie aus dem Verstande oder aus dem Gemüt? Über diese Frage disputierte ich so oft mit dem Doktor Saul Ascher, wenn wir in Berlin, im Café Royal, wo ich lange Zeit meinen Mittagstisch hatte, zufällig zusammentrafen. Er behauptete immer, wir fürchten etwas, weil wir es durch Vernunftschlüsse für furchtbar erkennen. Nur die Vernunft sei eine Kraft, nicht das Gemüt. Während ich gut aß und gut trank, demonstrierte er mir fortwährend die Vorzüge der Vernunft. Gegen das Ende seiner Demonstration pflegte er nach seiner Uhr zu sehen, und immer schloss er damit: »Die Vernunft ist das höchste Prinzip!« – Vernunft. Wenn ich jetzt dieses Wort höre, so sehe ich noch immer den Doktor Saul Ascher mit seinen abstrakten Beinen, mit seinem engen, transzendentalgrauen Leibrock und mit seinem schroffen, frierend kalten Gesichte, das einem Lehrbuche der Geometrie als Kupfertafel dienen konnte. Dieser Mann, tief in den Fünfzigen, war eine personifizierte grade Linie. In seinem Streben nach dem Positiven hatte der arme Mann sich alles Herrliche aus dem Leben herausphilosophiert, alle Sonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen, und es blieb ihm nichts übrig als das kalte, positive Grab. Auf den Apoll von Belvedere und auf das Christentum hatte er eine spezielle Malice. Gegen letzteres schrieb er sogar eine Broschüre, worin er dessen Unvernünftigkeit und Unhaltbarkeit bewies. Er hat überhaupt eine ganze Menge Bücher geschrieben, worin immer die Vernunft von ihrer eigenen Vortrefflichkeit renommiert und wobei es der arme Doktor gewiss ernsthaft genug meinte und also in dieser Hinsicht alle Achtung verdiente. Darin aber bestand ja eben der Hauptspaß, dass er ein so ernsthaft närrisches Gesicht schnitt, wenn er dasjenige nicht begreifen konnte, was jedes Kind begreift, eben weil es ein Kind ist. Einigemal besuchte ich auch den Vernunftdoktor in seinem eigenen Hause, wo ich schöne Mädchen bei ihm fand; denn die Vernunft verbietet nicht die Sinnlichkeit.

Doch zurück nach Goslar. »Das höchste Prinzip ist die Vernunft!« sagte ich beschwichtigend zu mir selbst, als ich ins Bett stieg. Indessen, es half nicht. Ich hatte eben in Varnhagen von Enses »Deutsche Erzählungen«, die ich von Klaustal mitgenommen hatte, jene entsetzliche Geschichte gelesen, wie der Sohn, den sein eigener Vater ermorden wollte, in der Nacht von dem Geiste seiner toten Mutter gewarnt wird. Die wunderbare Darstellung dieser Geschichte bewirkte, dass mich während des Lesens ein inneres Grauen durchfröstelte. Auch erregen Gespenstererzählungen ein noch schauerlicheres Gefühl, wenn man sie auf der Reise liest, und zumal des Nachts, in einer Stadt, in einem Hause, in einem Zimmer, wo man noch nie gewesen. ›Wie viel Grässliches mag sich schon zugetragen haben auf diesem Flecke, wo du eben liegst?‹ so denkt man unwillkürlich. Überdies schien jetzt der Mond so zweideutig ins Zimmer herein, an der Wand bewegten sich allerlei unberufene Schatten, und als ich mich im Bett aufrichtete, um hinzusehen, erblickte ich –

Es gibt nichts Unheimlicheres, als wenn man bei Mondschein das eigene Gesicht zufällig im Spiegel sieht. In demselben Augenblicke schlug eine schwerfällige, gähnende Glocke, und zwar so lang und langsam, dass ich nach dem zwölften Glockenschlage sicher glaubte, es seien unterdessen volle zwölf Stunden verflossen und es müsste wieder von vorn anfangen, zwölf zu schlagen. Zwischen dem vorletzten und letzten Glockenschlage schlug noch eine andere Uhr, sehr rasch, fast keifend gell und vielleicht ärgerlich über die Langsamkeit ihrer Frau Gevatterin. Als beide eiserne Zungen schwiegen und tiefe Todesstille im ganzen Hause herrschte, war es mir plötzlich, als hörte ich auf dem Korridor, vor meinem Zimmer, etwas schlottern und schlappen, wie der unsichere Gang eines alten Mannes. Endlich öffnete sich meine Tür, und langsam trat herein der verstorbene Doktor Saul Ascher. Ein kaltes Fieber rieselte mir durch Mark und Bein, ich zitterte wie Espenlaub, und kaum wagte ich das Gespenst anzusehen. Er sah aus wie sonst, derselbe transzendentalgraue Leibrock, dieselben abstrakten Beine und dasselbe mathematische Gesicht; nur war dieses etwas gelblicher als sonst, auch der Mund, der sonst zwei Winkel von 22.1/2 Grad bildete, war zusammengekniffen, und die Augenkreise hatten einen größeren Radius. Schwankend und wie sonst sich auf sein spanisches Röhrchen stützend, näherte er sich mir, und in seinem gewöhnlichen mundfaulen Dialekte sprach er freundlich: »Fürchten Sie sich nicht, und glauben Sie nicht, dass ich ein Gespenst sei. Es ist Täuschung Ihrer Phantasie, wenn Sie mich als Gespenst zu sehen glauben. Was ist ein Gespenst? Geben Sie mir eine Definition. Deduzieren Sie mir die Bedingungen der Möglichkeit eines Gespenstes. In welchem vernünftigen Zusammenhange stände eine solche Erscheinung mit der Vernunft? Die Vernunft, ich sage die Vernunft –« Und nun schritt das Gespenst zu einer Analyse der Vernunft, zitierte Kants »Kritik der reinen Vernunft«, zweiter Teil, erster Abschnitt, zweites Buch, drittes Hauptstück, die Unterscheidung von Phänomena und Noumena, konstruierte alsdann den problematischen Gespensterglauben, setzte einen Syllogismus auf den andern und schloss mit dem logischen Beweise, dass es durchaus keine Gespenster gibt. Mir unterdessen lief der kalte Schweiß über den Rücken, meine Zähne klapperten wie Kastagnetten, aus Seelenangst nickte ich unbedingte Zustimmung bei jedem Satz, womit der spukende Doktor die Absurdität aller Gespensterfurcht bewies, und derselbe demonstrierte so eifrig, dass er einmal in der Zerstreuung statt seiner goldenen Uhr eine Handvoll Würmer aus der Uhrtasche zog und, seinen Irrtum bemerkend, mit possierlich ängstlicher Hastigkeit wieder einsteckte. »Die Vernunft ist das höchste –«, da schlug die Glocke eins, und das Gespenst verschwand.

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Hugo Wilkens


Auf dem Berge steht die Hütte,
Wo der alte Bergmann wohnt;
Dorten rauscht die grüne Tanne,
Und erglänzt der goldne Mond.

In der Hütte steht ein Lehnstuhl,
Reich geschnitzt und wunderlich,
Der darauf sitzt, der ist glücklich,
Und der Glückliche bin ich!

Auf dem Schemel sitzt die Kleine,
Stützt den Arm auf meinen Schoß;
Äuglein wie zwei blaue Sterne,
Mündlein wie die Purpurros'.

Und die lieben, blauen Sterne
Schaun mich an so himmelgroß,
Und sie legt den Lilienfinger
Schalkhaft auf die Purpurros'.

"Nein, es sieht uns nicht die Mutter,
Denn sie spinnt mit großem Fleiß,
Und der Vater spielt die Zither,
Und er singt die alte Weis'."

Und die Kleine flüstert leise,
Leise, mit gedämpftem Laut;
Manches wichtige Geheimnis
Hat sie mir schon anvertraut.


"Aber seit die Muhme tot ist,
Können wir ja nicht mehr gehn
Nach dem Schützenhof zu Goslar,
Und dort ist es gar zu schön.

Hier dagegen ist es einsam,
Auf der kalten Bergeshöh',
Und des Winters sind wir gänzlich
Wie vergraben in dem Schnee.

Und ich bin ein banges Mädchen,
Und ich fürcht' mich wie ein Kind
Vor den bösen Bergesgeistern,
Die des Nachts geschäftig sind."

Plötzlich schweigt die liebe Kleine,
Wie vom eignen Wort erschreckt,
Und sie hat mit beiden Händchen
Ihre Äugelein bedeckt.

Lauter rauscht die Tanne draußen,
Und das Spinnrad schnarrt und brummt,
Und die Zither klingt dazwischen,
Und die alte Weise summt:

"Fürcht' dich nicht, du liebes Kindchen,
Vor der bösen Geister Macht;
Tag und Nacht, du liebes Kindchen,
Halten Englein bei dir Wacht!"

*****

Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Hugo Wilkens


König ist der Hirtenknabe,
Grüner Hügel ist sein Thron,
Über seinem Haupt die Sonne
Ist die schwere, goldne Kron'.

Ihm zu Füßen liegen Schafe,
Weiche Schmeichler, rotbekreuzt;
Kavaliere sind die Kälber,
Und sie wandeln stolz gespreizt.

Hofschauspieler sind die Böcklein,
Und die Vögel und die Küh',
Mit den Flöten, mit den Glöcklein,
Sind die Kammermusizi.

Und das klingt und singt so lieblich,
Und so lieblich rauschen drein
Wasserfall und Tannenbäume,
Und der König schlummert ein.

Unterdessen muss regieren
Der Minister, jener Hund,
Dessen knurriges Gebelle
Widerhallet in der Rund'.

Schläfrig lallt der junge König:
"Das Regieren ist so schwer,
Ach, ich wollt', dass ich zu Hause
Schon bei meiner Kön'gin wär'!

In den Armen meiner Kön'gin
Ruht mein Königshaupt so weich,
Und in ihren lieben Augen
Liegt mein unermesslich Reich!"

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Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Hugo Wilkens


Nach diesem Geschäfte ging ich noch auf dem Brocken spazieren; denn ganz dunkel wird es dort nie. Der Nebel war nicht stark, und ich betrachtete die Umrisse der beiden Hügel, die man den Hexenaltar und die Teufelskanzel nennt. Ich schoss meine Pistolen ab, doch es gab kein Echo.

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Beispiele für die Buchausstattung

Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Hugo Wilkens

Heinrich Heine, Harzreise, Illustration von Hugo Wilkens

Heinrich Heine, Harzreise, Buchschmuck von Hugo Wilkens

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3. Notizen zu Albert Váradi, Hugo Wilkens
und dem Verlag Rösl


Váradi, Albert, Graphiker, geboren 6. Oktober 1896 in Nagyvárad (Ungarn), gestorben 1925 in Paris. Studierte anfänglich Bildhauerei in Budapest, dann Graphik in München, wo er Balzac, Boccaccio, Heine und Mörike illustrierte und zahlreiche Radierungen ausstellte. Seit 1923 in Paris, dort Mitglied des Salon d‘automne. (Thieme-Becker)

Wilkens, Hugo, Maler und Graphiker in Berlin, geboren 15. Januar 1888 in Eilenburg, Todesdatum unbekannt. Studierte an der Kunstgewerbeschulen in Dresden und Berlin sowie an der Leipziger Akademie. (Thieme-Becker) - Für weitere Informationen siehe den Eintrag in Wikipedia. - Die Spur, die Wilkens Erstpublikationen legen, verliert sich in den 1930er Jahren.

Verlag Rösl & Cie.: Der Münchner Verlag Rösl & Cie. verlegte zwischen 1919 und 1923 ein bemerkenswertes Programm illustrierter Literatur, darunter zahlreiche Titel in der Reihe "Rösl-Bücher" (1.1920-14.1922). Nach Autoren geordnet, erschienen:

Andersens "Ausgewählte Märchen" mit 10 handkolorierten Bildern von Max Schwarzer, Chamissos "Peter Schlemihl" mit 10 handkolorierten Bildern und Zierstücken von Max Schwarzer, De Costers "Tyll Ulenspiegel" mit 10 handkolorierten Bildern von Ludwig Bock, Dickens "Weihnachtsabend" mit 8 handbemalten Vollbildern und zahlreichen Zierstücken, von M. Rhom, Eichendorfffs "Aus dem Leben eines Taugenichts" mit 11 Schattenbildern und Zierstücken von Johanna Beckmann, Grimmelshausens "Trutz Simplex" mit 8 Vollbildern und Zierstücken in Federzeichnung von Theo Scharf, Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe" mit 9 handbemalten Bildern und Zierstücken von Ludwig Bock, Storms "Immensee" und "Pole Poppenspäler", jeweils mit Schatttenbildern von Johanna Beckmann. Auf ältere Kupfer greifen zur Illustration die "Märchen" Rousseaus und die "Lucinde" Friedrich Schlegels zurück.

Allein 8 Titel des Verlages wurden von Hugo Wilkens mit handbemalten Bildern und zahlreichen Zierstücken ausgestattet: Neben Heines "Harzreise" sind dies: Daudets "Briefe aus meiner Mühle", Drostes "Judenbuche", Hauffs "Phantasien im Bremer Ratskeller", Heines "Buch der Lieder", E. T. A. Hoffmanns "Elixiere des Teufels" und "Lebens-Ansichten des Katers Murr" sowie Jean Pauls "Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wuz".

Wie bereits aus diesen Titelaufnahmen hervorgeht, legte der Verlag Wert auf eine gleichartige Ausstattung der kleinformatigen Bücher mit ganzseitigen handkolorierten Illustrationen und zahlreichen Schmuckelementen und damit auf ein wiedererkennbares Verlagsprofil. Dieser Buchtypus stellt eine moderne Weiterführung der gründerzeitlichen Prachtbändchen in vergleichbarer Funktion dar. Als Käufer werden Liebhaber des schönen Buches angesprochen; die Bände eigneten sich besonders zu Geschenkzwecken. Von einigen (oder allen?) Titeln gab es auch bibliophile Ausgaben, wie im Falle von Heines "Harzreise": 50 Exemplare, "auf bestes Bütten abgezogen und mit der Hand in feinstes Maroquinleder gebunden", Bilder vom Künstler "eigenhändig bemalt und signiert".

Zum Prachtwerk des späten 19. Jahrhunderts
siehe die Seite:
In zarte Frauenhand
Anthologie von Karl Zettel

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4. Literaturhinweise und Weblinks

Text und Erläuterungen:
* Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke (Düsseldorfer Heine-Ausgabe). Hrsg. von Manfred Windfuhr. Bd. 6, bearb. von Jost Hermand. Hamburg: Hoffmann und Campe 1973, S. 81-138 u. 518-699. ISBN 3-455-03006-8.
* Heinrich Heine: Sämtliche Werke. Bd. V. Hrsg. von Hans Kaufmann. München: Kindler Taschenbücher 1964. Darin: Die Harzreise, S. 13-74, Anmerkungen S. 355-374.

Heine: "Harzreise". Online:
* Heinrich-Heine-Portal
(mit der vollständigen Düsseldorfer Heine-Ausgabe)
* Zeno.org
* Projekt Gutenberg-DE

Illustratoren der "Harzreise"
(mit Links auf Einträge in Wikipedia):
* Marthe Christine Charlotte Engelhorn (1895-1965)
* Hans Hermann Hagedorn (1913-1998)
* Ingeborg Lenz
* Hans Meid (1883-1957)
* Ludwig Stiller (1872-?)
* Albert Váradi (1896-1925)
* Hugo Wilkens (1888-?)
* Jürgen Wölbing (1942-2009)

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Siehe auch

Heinrich Heine
Die Harzreise (1824)

Mit historischen Bilddokumenten von Landschaft und Örtlichkeiten,
literarischen Anspielungen und Sagen

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