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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Orte kultureller Erinnerung
Brocken (Harz)

Heinrich Heine
Reisebilder. Erster Teil
Die Harzreise (1824)

Mit historischen Bilddokumenten von Landschaft und Örtlichkeiten,
zu literarischen Anspielungen und Sagen

Eingestellt: August 2013

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Heinrich Colla, Heinrich Heine, Öl auf Elfenbein, um 1825

Porträt Heines um 1825

Heinrich Colla, Heinrich Heine, Öl auf Elfenbein, Maße: 11,3 x 8,8 cm, entstanden um 1825. Besitzer: Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf. Digitalisiert im Heinrich-Heine-Portal, Portraits.

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Taschenbuch für Reisende in den Harz von Friedrich Gottschalck. 3. verb. Aufl. Magdeburg, bei Wilhelm Heinrichshofen 1823

Taschenbuch für Reisende in den Harz von Friedrich Gottschalck. 3. verb. Aufl. Magdeburg, bei Wilhelm Heinrichshofen 1823 (Digitalisierung durch Google). Titelseite mit dem Wirtshaus auf dem Brocken. Die zweite Auflage diente Heine als Reiseführer.

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"Im September und Oktober 1824 unternahm Heine eine ausgedehnte Fußwanderung, die ihn durch den Harz nach Eisleben, Halle, Jena und Weimar und von da über Gotha, Eisenach und Kassel zurück nach Göttingen führte. Bald nach der Rückkehr begann er mit der Niederschrift eines Reiseberichts, der vor allem den Erlebnissen im Oberharz gewidmet war." (Heine, Sämtliche Werke, Bd. V, S. 355) Durch die Zensur entstellter Erstdruck in der Berliner Zeitschrift "Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz" vom 20. Januar bis 11. Februar 1826 (Zusätze und Abweichungen ebd., S. 356-360). Unverstümmelte Buchausgabe als erster Teil der "Reisebilder" im Verlag von Hoffmann und Campe in Hamburg 1826.

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Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz, 1826

"Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz", 1826,
in dem die "Harzreise" erstveröffentlicht wurde.

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Blicke auf den Brocken

 

Blick vom Knollen auf den Brocken und St. Andreasberg, Verlag Stengel

Rabenklippe bei Bad Harzburg mit Blick nach dem Brocken, Verlag Louis Glaser, Leipzig

Schierke am Brocken. Blick von den Hirschhornklippen auf Schierke und den Brocken., Aus deutschen Landen 10, Kunstverlag Carl Friedrich Fangmeier, Magdeburg, Kupfertiefdruck

Brocken-Panorama vom Hotel, Hotel Wendt (Brockenkrug) Torfhaus, Bad Harzburg. Nächst dem Brocken höchstgelegenes Gasthaus des Harzes. Verlag R. Lederbogen, Halberstadt

Altenau (Oberharz). Brockenblick vom Rotenberge. Verlag von Gustav Baumann, Postkarten-Centrale, Altenau (Oberharz)

Bad Harzburg. Blick von der Muxklippe zum Brocken. Verlag R. Lederbogen, HalberstadtBlick zum Brocken. Verlag Erhard Neubert, Karl-Marx-Stadt

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1. Bild von oben: Harz - Blick vom Knollen auf den Brocken u. St. Andreasberg. Stengel 50891. Adressseite: Berg-Restaurant Grosser Knollen bei Bad Lauterberg, Harz. C. Kleemann. Echte Photographie. Nicht gelaufen.
2. Bild von oben: Rabenklippe bei Bad Harzburg mit Blick nach dem Brocken. Adressseite: 9651 Louis Glaser, Leipzig. Molkenhaus - Hotel, Gastwirtschaft u. Molkerei - Bad Harzburg. Nicht gelaufen.
3. Bild von oben: Schierke am Brocken. Blick von den Hirschhornklippen auf Schierke und den Brocken. Adressseite: Aus deutschen Landen. 10. Kunstverlag Carl Friedrich Fangmeier, Magdeburg. Im Briefmarkenfeld: Echt Kupfertiefdruck. Nicht gelaufen.
4. Bild von oben: Brocken-Panorama vom Hotel. Hotel Wendt (Brockenkrug) Torfhaus i. H. 811 m ü. N. N. - Bad Harzburg. Nächst dem Brocken höchstgelegenes Gasthaus des Harzes. Adressseite: R. Lederbogen, Halberstadt. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1916.
5. Bild von oben: Altenau (Oberharz). Brockenblick vom Rotenberge. Adressseite: Eigener Verlag von Gustav Baumann, Postkarten-Centrale, Altenau (Oberharz). Gelaufen. Ohne Briefmarke und Poststempel.
Unten, links: Bad Harzburg. Blick v. d. Muxklippe zum Brocken. Adressseite: R. Lederbogen, Halberstadt. Nr. 752. Im Briefmarkenfeld: Echte Photographie. Nicht gelaufen.
Unten rechts: Blick zum Brocken. Adressseite: Echte Fotografie. III/18/197. Verlag Erhard Neubert, Karl-Marx-Stadt. Rechts unten: A 162/55. Im Briefmarkenfeld: 9181. Nicht gelaufen.

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Landschaft
Wald und Wild


Frühnebel im Harzwalde. Postkartenverlag E. Riehn, Wernigerode

Landschaft im Harz. Ilsenthal. Verlag Raphael Tuck & Sons, Berlin, OILETTE Harz- Serie No. 205

Harz im Winter. Vereiste Tannen. Verlag R. Lederbogen, Halberstadt

Gruss aus dem Harz, Verlag Carl Greve, Blankenburg

Gruss aus dem Harz

Gruss aus dem Harz. Wildschweine. Verlag Carl Greve, Blankenburg

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1. Bild von oben: Frühnebel im Harzwalde. K 382 B. Adressseite: 502 Postkartenverlag E. Riehn, Wernigerode / Harz. Rechts unten: IV-14-45. A 189/55. Im Briefmarkenfeld: Fotoabzug. Nicht gelaufen.
2. Bild von oben: Landschaft im Harz. Ilsenthal. Adressseite: Raphael Tuck & Sons, Berlin "OILETTE" Harz- Serie No. 205. Hoflieferanten S. Maj. des Königs und Ihrer Maj. der Königin von England. Nicht gelaufen. Text:

Harzlandschaft. Ilsetal. In tollen Sprüngen bildet hier die schnell dahinbrausende Ilse prächtige Wasserfälle, die inmitten des wildzerklüfteten Flussbettes diesen Teil des Harzes zu einem der interessantesten und beliebtesten gestalten.

3. Bild von oben: Harz im Winter. Vereiste Tannen. Adressseite: R. Lederbogen, Halberstadt. Nr. 43. Nicht gelaufen.
4. Bild von oben: Gruss aus dem Harz [Rotwild]. Adressseite: No. 86. Verlag Carl Greve, Blankenburg, Harz. Nicht gelaufen.
5. Bild von oben: Gruss aus dem Harz [Rotwild im Winter] Gelaufen. Datiert 1898. Adressseite ungeteilt.
6. Bild von oben: Gruss aus dem Harz. Wildschweine. Adressseite: Photographie u. Verlag Carl Greve, Blankenburg i. H. 1907. Rechts unten: 07 205. Nicht gelaufen.

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Heinrich Heine
Die Harzreise

(Auszug)

[...] Wir nahmen freundschaftlich Abschied, und fröhlich stieg ich den Berg hinauf. Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, für die ich, in jeder Hinsicht, Respekt habe. Diesen Bäumen ist nämlich das Wachsen nicht so ganz leicht gemacht worden, und sie haben es sich in der Jugend sauer werden lassen. Der Berg ist hier mit vielen großen Granitblöcken übersäet, und die meisten Bäume mussten mit ihren Wurzeln diese Steine umranken oder sprengen und mühsam den Boden suchen, woraus sie Nahrung schöpfen können. Hier und da liegen die Steine, gleichsam ein Tor bildend, übereinander, und oben darauf stehen die Bäume, die nackten Wurzeln über jene Steinpforte hinziehend und erst am Fuße derselben den Boden erfassend, so dass sie in der freien Luft zu wachsen scheinen. Und doch haben sie sich zu jener gewaltigen Höhe emporgeschwungen, und mit den umklammerten Steinen wie zusammengewachsen, stehen sie fester als ihre bequemen Kollegen im zahmen Forstboden des flachen Landes. So stehen auch im Leben jene großen Männer, die durch das Überwinden früher Hemmungen und Hindernisse sich erst recht gestärkt und befestigt haben. Auf den Zweigen der Tannen kletterten Eichhörnchen, und unter denselben spazierten die gelben Hirsche. Wenn ich solch ein liebes, edles Tier sehe, so kann ich nicht begreifen, wie gebildete Leute Vergnügen daran finden, es zu hetzen und zu töten. Solch ein Tier war barmherziger als die Menschen und säugte den schmachtenden Schmerzenreich der heiligen Genoveva.

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Ludwig Richter, Genoveva mit Schmerzenreich

Ludwig Richter: Genoveva mit Schmerzenreich
Wikimedia Commons
Creative Commons-Lizenz

Siehe auch
Joseph Ritter von Führich: Genovefa
Mit erläuterndem Text von Ludwig Tieck
Online im Goethezeitportal

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Heine, Harzreise, Fortsetzung:
Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte Tannengrün. Eine natürliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. Überall schwellende Moosbänke; denn die Steine sind fußhoch von den schönsten Moosarten, wie mit hellgrünen Sammetpolstern, bewachsen. Liebliche Kühle und träumerisches Quellengemurmel. Hier und da sieht man, wie das Wasser unter den Steinen silberhell hinrieselt und die nackten Baumwurzeln und Fasern bespült. Wenn man sich nach diesem Treiben hinabbeugt, so belauscht man gleichsam die geheime Bildungsgeschichte der Pflanzen und das ruhige Herzklopfen des Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser aus den Steinen und Wurzeln stärker hervor und bildet kleine Kaskaden. Da lässt sich gut sitzen. Es murmelt und rauscht so wunderbar, die Vögel singen abgebrochene Sehnsuchtslaute, die Bäume flüstern wie mit tausend Mädchenzungen, wie mit tausend Mädchenaugen schauen uns an die seltsamen Bergblumen, sie strecken nach uns aus die wundersam breiten, drollig gezackten Blätter, spielend flimmern hin und her die lustigen Sonnenstrahlen, die sinnigen Kräutlein erzählen sich grüne Märchen, es ist alles wie verzaubert, es wird immer heimlicher und heimlicher, ein uralter Traum wird lebendig, die Geliebte erscheint – ach, dass sie so schnell wieder verschwindet!

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Bilder vom Brocken

Brocken, Verlag Fr. Gottsched, Wernigerode. Druck von Louis Koch, Halberstadt

Brocken mit Hexenaltar und Teufelskanzel. Verlag Fr. Gottsched, Wernigerode. Druck von Louis Koch, Halberstadt

Brocken im Winter. Teufelskanzel. Verlag Rud. Schade, Brocken

Brocken. Verlag U. Bornemann, Blankenburg

Brockenhotel. Gruss aus dem Harz. Verlag Stengel & Co. Dresden

Brocken Harz. Verlag Louis Glaser, Leipzig

Brocken, Harz. Verlag Rud. Schade Nachf., Brocken

Brockenhotel mit Observatorium und Goethehäuschen. Verlag U. Bornemann, Blankenburg

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1. Bild von oben: Brocken, 1142 m ü. d. M. Verlag Fr. Gottsched, Wernigerode. Druck von Louis Koch, Halberstadt. Nicht gelaufen.
2. Bild von oben:  Brocken mit Hexenaltar u. Teufelskanzel. Adressseite: Verlag Fr. Gottsched, Wernigerode. Druck von Louis Koch, Halberstadt. Nicht gelaufen.
3. Bild von oben: Brocken im Winter. Teufelskanzel. Adressseite: Verlag Rud. Schade, Brocken. Fürst. Stolb. Lieferant. Rechts unten: Nr. 22. Officielle Ansichtskarte Brocken. Gelaufen.  Datiert u. Poststempel 1920.
4. Bild von oben: Brocken (1142 m ü. d. M.). Adressseite: Aufnahme und Verlag U. Bornemann, Blankenburg-Harz. Beschrieben, aber nicht gelaufen.
5. Bild von oben: Brockenhotel. Gruss aus dem Harz. Adressseite, Signet: Tanne mit Umschrift: Es grüne die Tanne. Es wachse das Erz. Gott schenke uns Allen ein fröhliches Herz [Bergmannslied]. Stengel & Co. Dresden 9134. Nicht gelaufen.
6. Bild von oben: Brocken Harz (1142 m ü. d. M.) Adresseite: 2784 Louis Glaser, Leipzig. Nicht gelaufen.
7. Bild von oben: Brocken, Harz (1142 m ü. d. M.) Adressseite: 59360 Verlag Rud. Schade Nachf., Brocken, Fürstl. Stolb. Lieferant. Officielle Ansichtskarte Brocken. Echte Photographie. Gelaufen. Poststempel 1929.
8. Bild von oben: Brockenhotel mit Observatorium und Goethehäuschen (1142 m ü. d. M.). Adressseite: Aufnahme u. Verlag U. Bornemann, Blankenburg-Harz. 573 Echte Photographie. Officielle Ansichtskarte Brocken. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1936.

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Heine, Harzreise, Fortsetzung:
Je höher man den Berg hinaufsteigt, desto kürzer, zwerghafter werden die Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr zusammenzuschrumpfen, bis nur Heidelbeer- und Rotbeersträuche und Bergkräuter übrigbleiben. Da wird es auch schon fühlbar kälter. Die wunderlichen Gruppen der Granitblöcke werden hier erst recht sichtbar; diese sind oft von erstaunlicher Größe. Das mögen wohl die Spielbälle sein, die sich die bösen Geister einander zuwerfen in der Walpurgisnacht, wenn hier die Hexen auf Besenstielen und Mistgabeln einhergeritten kommen und die abenteuerlich verruchte Lust beginnt, wie die glaubhafte Amme es erzählt und wie es zu schauen ist auf den hübschen Faustbildern des Meister Retzsch (1). Ja, ein junger Dichter, der auf einer Reise von Berlin nach Göttingen in der ersten Mainacht am Brocken vorbeiritt, bemerkte sogar, wie einige belletristische Damen auf einer Bergecke ihre ästhetische Teegesellschaft hielten, sich gemütlich die »Abendzeitung« (2) vorlasen, ihre poetischen Ziegenböckchen, die meckernd den Teetisch umhüpften, als Universalgenies priesen und über alle Erscheinungen in der deutschen Literatur ihr Endurteil fällten; doch als sie auch auf den »Ratcliff« und »Almansor« (3) gerieten und dem Verfasser alle Frömmigkeit und Christlichkeit absprachen, da sträubte sich das Haar des jungen Mannes, Entsetzen ergriff ihn – ich gab dem Pferde die Sporen und jagte vorüber.

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Moritz Retzsch, Umrisse zu Goethes Faust, Walpurgisnacht

Moritz Retzsch: Umrisse zu Goethes Faust.
Walpurgisnacht
Online im Goethezeitportal

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Heine, Harzreise, Fortsetzung:
In der Tat, wenn man die obere Hälfte des Brockens besteigt, kann man sich nicht erwehren, an die ergötzlichen Blocksbergsgeschichten (4 )zu denken und besonders an die große, mystische, deutsche Nationaltragödie vom Doktor Faust. Mir war immer, als ob der Pferdefuß neben mir hinaufklettere und jemand humoristisch Atem schöpfe. Und ich glaube, auch Mephisto muss mit Mühe Atem holen, wenn er seinen Lieblingsberg ersteigt; es ist ein äußerst erschöpfender Weg, und ich war froh, als ich endlich das langersehnte Brockenhaus zu Gesicht bekam. (5)

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Für das Brockenhaus siehe die Seite

Der Brocken
Landschaft, Naturerlebnis,
Patriotismus und Tourismus
in historischen Bildern und Texten

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Heine, Harzreise, Fortsetzung:
Dieses Haus, das, wie durch vielfache Abbildungen bekannt ist, bloß aus einem Parterre besteht und auf der Spitze des Berges liegt, wurde erst 1800 vom Grafen Stolberg-Wernigerode erbaut, für dessen Rechnung es auch, als Wirtshaus, verwaltet wird. Die Mauern sind erstaunlich dick, wegen des Windes und der Kälte im Winter; das Dach ist niedrig, in der Mitte desselben steht eine turmartige Warte, und bei dem Hause liegen noch zwei kleine Nebengebäude, wovon das eine, in frühern Zeiten, den Brockenbesuchern zum Obdach diente.

Der Eintritt in das Brockenhaus erregte bei mir eine etwas ungewöhnliche, märchenhafte Empfindung. Man ist nach einem langen, einsamen Umhersteigen durch Tannen und Klippen plötzlich in ein Wolkenhaus versetzt; Städte, Berge und Wälder blieben unten liegen, und oben findet man eine wunderlich zusammengesetzte, fremde Gesellschaft, von welcher man, wie es an dergleichen Orten natürlich ist, fast wie ein erwarteter Genosse, halb neugierig und halb gleichgültig, empfangen wird. Ich fand das Haus voller Gäste, und wie es einem klugen Manne geziemt, dachte ich schon an die Nacht, an die Unbehaglichkeit eines Strohlagers; mit hinsterbender Stimme verlangte ich gleich Tee, und der Herr Brockenwirt war vernünftig genug, einzusehen, dass ich kranker Mensch für die Nacht ein ordentliches Bett haben müsse. Dieses verschaffte er mir in einem engen Zimmerchen, wo schon ein junger Kaufmann, ein langes Brechpulver in einem braunen Oberrock, sich etabliert hatte.

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Herzliche Grüsse vom Brocken

Herzliche Grüsse vom Brocken

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Oben: Herzliche Grüsse vom Brocken. Juli 1921. Gelaufen. Poststempel unleserlich.
Unten: Herzliche Grüsse vom Brocken. Brocken im Juni 1913. Nicht gelaufen.

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Heine, Harzreise, Fortsetzung:
In der Wirtsstube fand ich lauter Leben und Bewegung. Studenten von verschiedenen Universitäten. Die einen sind kurz vorher angekommen und restaurieren sich, andere bereiten sich zum Abmarsch, schnüren ihre Ranzen, schreiben ihre Namen ins Gedächtnisbuch, erhalten Brockensträuße von den Hausmädchen; da wird in die Wangen gekniffen, gesungen, gesprungen, gejohlt, man fragt, man antwortet, gut Wetter, Fußweg, Prosit, Adieu. Einige der Abgehenden sind auch etwas angesoffen, und diese haben von der schönen Aussicht einen doppelten Genuss, da ein Betrunkener alles doppelt sieht.

Nachdem ich mich ziemlich rekreiert, bestieg ich die Turmwarte und fand daselbst einen kleinen Herrn mit zwei Damen, einer jungen und einer ältlichen (6). Die junge Dame war sehr schön. Eine herrliche Gestalt, auf dem lockigen Haupte ein helmartiger, schwarzer Atlashut, mit dessen weißen Federn die Winde spielten, die schlanken Glieder von einem schwarzseidenen Mantel so fest umschlossen, dass die edlen Formen hervortraten, und das freie, große Auge ruhig hinabschauend in die freie, große Welt.

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Brocken Panorama. Verlag Rud. Schade, Brocken

Brocken, Harz, Blick nach Süden. Verlag Valentin Volkmar, Halberstadt

Harz. Rabenklippe. Verlag R. Lederbogen, Halberstadt

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Oben: Brocken Panorama. Adressseite: Verlag Rud. Schade, Brocken. Fürstl. Stolb. Lieferant. Signet. Nr. 118. 31935. Officielle Ansichtskarte Brocken. Nicht gelaufen.
Mitte: Brocken, Harz 1142 m. ü. d. M. Blick nach Süden. Adressseite: Nr. 70222. Verlag Valentin Volkmar, Halberstadt. J. S. O.  Echte Photographie. Nicht gelaufen.
Unten: Harz. Rabenklippe. Adressseite: R. Lederbogen, Halberstadt. Nr. 127. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1938.

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Heine, Harzreise, Fortsetzung:
Als ich noch ein Knabe war, dachte ich an nichts als an Zauber- und Wundergeschichten, und jede schöne Dame, die Straußfedern auf dem Kopfe trug, hielt ich für eine Elfenkönigin, und bemerkte ich gar, dass die Schleppe ihres Kleides nass war, so hielt ich sie für eine Wassernixe. Jetzt denke ich anders, seit ich aus der Naturgeschichte weiß, dass jene symbolischen Federn von dem dümmsten Vogel herkommen und dass die Schleppe eines Damenkleides auf sehr natürliche Weise nass werden kann. Hätte ich mit jenen Knabenaugen die erwähnte junge Schöne, in erwähnter Stellung, auf dem Brocken gesehen, so würde ich sicher gedacht haben: das ist die Fee des Berges, und sie hat eben den Zauber ausgesprochen, wodurch dort unten alles so wunderbar erscheint. Ja, in hohem Grade wunderbar erscheint uns alles beim ersten Hinabschauen vom Brocken, alle Seiten unseres Geistes empfangen neue Eindrücke, und diese, meistens verschiedenartig, sogar sich widersprechend, verbinden sich in unserer Seele zu einem großen, noch unentworrenen, unverstandenen Gefühl. Gelingt es uns, dieses Gefühl in seinem Begriffe zu erfassen, so erkennen wir den Charakter des Berges. Dieser Charakter ist ganz deutsch, sowohl in Hinsicht seiner Fehler als auch seiner Vorzüge. Der Brocken ist ein Deutscher. Mit deutscher Gründlichkeit zeigt er uns, klar und deutlich, wie ein Riesenpanorama, die vielen hundert Städte, Städtchen und Dörfer, die meistens nördlich liegen, und ringsum alle Berge, Wälder, Flüsse, Flächen, unendlich weit. Aber eben dadurch erscheint alles wie eine scharf gezeichnete, rein illuminierte Spezialkarte, nirgends wird das Auge durch eigentlich schöne Landschaften erfreut; wie es denn immer geschieht, dass wir deutschen Kompilatoren wegen der ehrlichen Genauigkeit, womit wir alles und alles hingeben wollen, nie daran denken können, das einzelne auf eine schöne Weise zu geben. Der Berg hat auch so etwas Deutschruhiges, Verständiges, Tolerantes; eben weil er die Dinge so weit und klar überschauen kann. Und wenn solch ein Berg seine Riesenaugen öffnet, mag er wohl noch etwas mehr sehen als wir Zwerge, die wir mit unsern blöden Äuglein auf ihm herumklettern. Viele wollen zwar behaupten, der Brocken sei sehr philiströse, und Claudius sang: »Der Blocksberg ist der lange Herr Philister!« (7) Aber das ist Irrtum. Durch seinen Kahlkopf, den er zuweilen mit einer weißen Nebelkappe bedeckt, gibt er sich zwar einen Anstrich von Philiströsität; aber wie bei manchen andern großen Deutschen geschieht es aus purer Ironie. Es ist sogar notorisch, dass der Brocken seine burschikosen, phantastischen Zeiten hat, z.B. die erste Mainacht. Dann wirft er seine Nebelkappe jubelnd in die Lüfte und wird, ebensogut wie wir übrigen, recht echtdeutsch romantisch verrückt.

Ich suchte gleich die schöne Dame in ein Gespräch zu verflechten: denn Naturschönheiten genießt man erst recht, wenn man sich auf der Stelle darüber aussprechen kann. Sie war nicht geistreich, aber aufmerksam sinnig. Wahrhaft vornehme Formen. Ich meine nicht die gewöhnliche, steife, negative Vornehmheit, die genau weiß, was unterlassen werden muss, sondern jene seltnere, freie, positive Vornehmheit, die uns genau sagt, was wir tun dürfen, und die uns bei aller Unbefangenheit die höchste gesellige Sicherheit gibt. Ich entwickelte, zu meiner eigenen Verwunderung, viele geographische Kenntnisse, nannte der wissbegierigen Schönen alle Namen der Städte, die vor uns lagen, suchte und zeigte ihr dieselben auf meiner Landkarte, die ich über den Steintisch, der in der Mitte der Turmplatte steht, mit echter Dozentenmiene ausbreitete. Manche Stadt konnte ich nicht finden, vielleicht weil ich mehr mit den Fingern suchte als mit den Augen, die sich unterdessen auf dem Gesicht der holden Dame orientierten und dort schönere Partien fanden als »Schierke« und »Elend« (8). Dieses Gesicht gehörte zu denen, die nie reizen, selten entzücken und immer gefallen. Ich liebe solche Gesichter, weil sie mein schlimmbewegtes Herz zur Ruhe lächeln.

In welchem Verhältnis der kleine Herr, der die Damen begleitete, zu denselben stehen mochte, konnte ich nicht erraten. Es war eine dünne, merkwürdige Figur. Ein Köpfchen, sparsam bedeckt mit grauen Härchen, die über die kurze Stirn bis an die grünlichen Libellenaugen reichten, die runde Nase weit hervortretend, dagegen Mund und Kinn sich wieder ängstlich nach den Ohren zurückziehend. Dieses Gesichtchen schien aus einem zarten, gelblichen Tone zu bestehen, woraus die Bildhauer ihre ersten Modelle kneten; und wenn die schmalen Lippen zusammenkniffen, zogen sich über die Wangen einige tausend halbkreisartige, feine Fältchen. Der kleine Mann sprach kein Wort, und nur dann und wann, wenn die ältere Dame ihm etwas Freundliches zuflüsterte, lächelte er wie ein Mops, der den Schnupfen hat.

Jene ältere Dame war die Mutter der jüngeren, und auch sie besaß die vornehmsten Formen. Ihr Auge verriet einen krankhaft schwärmerischen Tiefsinn, um ihren Mund lag strenge Frömmigkeit, doch schien mir's, als ob er einst sehr schön gewesen sei und viel gelacht und viele Küsse empfangen und viele erwidert habe. Ihr Gesicht glich einem Codex palimpsestus, wo, unter der neuschwarzen Mönchsschrift eines Kirchenvatertextes, die halberloschenen Verse eines altgriechischen Liebesdichters hervorlauschen. Beide Damen waren mit ihrem Begleiter dieses Jahr in Italien gewesen und erzählten mir allerlei Schönes von Rom, Florenz und Venedig. Die Mutter erzählte viel von den Raffaelschen Bildern in der Peterskirche; die Tochter sprach mehr von der Oper im Theater Fenice.

Derweilen wir sprachen, begann es zu dämmern; die Luft wurde noch kälter, die Sonne neigte sich tiefer, und die Turmplatte füllte sich mit Studenten, Handwerksburschen und einigen ehrsamen Bürgerleuten samt deren Ehefrauen und Töchtern, die alle den Sonnenuntergang sehen wollten. Es ist ein erhabener Anblick, der die Seele zum Gebet stimmt. Wohl eine Viertelstunde standen alle ernsthaft schweigend und sahen, wie der schöne Feuerball im Westen allmählich versank; die Gesichter wurden vom Abendrot angestrahlt, die Hände falteten sich unwillkürlich; es war, als ständen wir, eine stille Gemeinde, im Schiffe eines Riesendoms und der Priester erhöbe jetzt den Leib des Herrn und von der Orgel herab ergösse sich Palestrinas ewiger Choral.

Während ich so in Andacht versunken stehe, höre ich, dass neben mir jemand ausruft: »Wie ist die Natur doch im allgemeinen so schön!« Diese Worte kamen aus der gefühlvollen Brust meines Zimmergenossen, des jungen Kaufmanns. Ich gelangte dadurch wieder zu meiner Werkeltagsstimmung, war jetzt imstande, den Damen über den Sonnenuntergang recht viel Artiges zu sagen und sie ruhig, als wäre nichts passiert, nach ihrem Zimmer zu führen. Sie erlaubten mir auch, sie noch eine Stunde zu unterhalten. Wie die Erde selbst drehte sich unsre Unterhaltung um die Sonne. Die Mutter äußerte, die in Nebel versinkende Sonne habe ausgesehen wie eine rotglühende Rose, die der galante Himmel herabgeworfen in den weit ausgebreiteten, weißen Brautschleier seiner geliebten Erde. Die Tochter lächelte und meinte, der öftere Anblick solcher Naturerscheinungen schwäche ihren Eindruck. Die Mutter berichtigte diese falsche Meinung durch eine Stelle aus Goethes Reisebriefen und frug mich, ob ich den »Werther« gelesen. Ich glaube, wir sprachen auch von Angorakatzen, etruskischen Vasen, türkischen Schals, Makkaroni und Lord Byron, aus dessen Gedichten die ältere Dame einige Sonnenuntergangsstellen, recht hübsch lispelnd und seufzend, rezitierte. Der jüngern Dame, die kein Englisch verstand und jene Gedichte kennenlernen wollte, empfahl ich die Übersetzungen meiner schönen, geistreichen Landsmännin, der Baronin Elise von Hohenhausen, (9) bei welcher Gelegenheit ich nicht ermangelte, wie ich gegen junge Damen zu tun pflege, über Byrons Gottlosigkeit, Lieblosigkeit, Trostlosigkeit, und der Himmel weiß, was noch mehr, zu eifern.

Nach diesem Geschäfte ging ich noch auf dem Brocken spazieren; denn ganz dunkel wird es dort nie. Der Nebel war nicht stark, und ich betrachtete die Umrisse der beiden Hügel, die man den Hexenaltar und die Teufelskanzel nennt. Ich schoss meine Pistolen ab, doch es gab kein Echo. Plötzlich aber höre ich bekannte Stimmen und fühle mich umarmt und geküsst. Es waren meine Landsleute, die Göttingen vier Tage später verlassen hatten und bedeutend erstaunt waren, mich ganz allein auf dem Blocksberge wiederzufinden. Da gab es ein Erzählen und Verwundern und Verabreden, ein Lachen und Erinnern, und im Geiste waren wir wieder in unserem gelehrten Sibirien, wo die Kultur so groß ist, dass die Bären in den Wirtshäusern angebunden werden und die Zobel dem Jäger guten Abend wünschen.

Im großen Zimmer wurde eine Abendmahlzeit gehalten. Ein langer Tisch mit zwei Reihen hungriger Studenten. Im Anfange gewöhnliches Universitätsgespräch: Duelle, Duelle und wieder Duelle. Die Gesellschaft bestand meistens aus Hallensern, und Halle wurde daher Hauptgegenstand der Unterhaltung. Die Fensterscheiben des Hofrats Schütz wurden (10) exegetisch beleuchtet. Dann erzählte man, dass die letzte Cour bei dem König von Zypern sehr glänzend gewesen sei, dass er einen natürlichen Sohn erwählt, dass er sich eine lichtensteinsche Prinzessin ans linke Bein antrauen lassen, dass er die Staatsmätresse abgedankt und dass das ganze gerührte Ministerium vorschriftmäßig geweint habe. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass sich dieses auf hallesche Bierwürden (11) bezieht. Hernach kamen die zwei Chinesen aufs Tapet, die sich vor zwei Jahren in Berlin sehen ließen und jetzt in Halle zu Privatdozenten der chinesischen Ästhetik abgerichtet werden. Nun wurden Witze gerissen. Man setzte den Fall, ein Deutscher ließe sich in China für Geld sehen; und zu diesem Zwecke wurde ein Anschlagzettel geschmiedet, worin die Mandarinen Tsching-Tschang-Tschung und Hi-Ha-Ho begutachteten, dass es ein echter Deutscher sei, worin ferner seine Kunststücke aufgerechnet wurden, die hauptsächlich in Philosophieren, Tabakrauchen und Geduld bestanden, und worin noch schließlich bemerkt wurde, dass man um zwölf Uhr, welches die Fütterungsstunde sei, keine Hunde mitbringen dürfe, indem diese dem armen Deutschen die besten Brocken wegzuschnappen pflegten.

Ein junger Burschenschafter, der kürzlich zur Purifikation in Berlin gewesen, sprach viel von dieser Stadt, aber sehr einseitig. Er hatte Wisotzki (12) und das Theater besucht; beide beurteilte er falsch. »Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort« usw. (13) Er sprach von Garderobeaufwand, Schauspieler- und Schauspielerinnenskandal usw. Der junge Mensch wusste nicht, dass, da in Berlin überhaupt der Schein der Dinge am meisten gilt, was schon die allgemeine Redensart »man so duhn« hinlänglich andeutet, dieses Scheinwesen auf den Brettern erst recht florieren muss und dass daher die Intendanz (14) am meisten zu sorgen hat für die »Farbe des Barts, womit eine Rolle gespielt wird«, für die Treue der Kostüme, die von beeidigten Historikern vorgezeichnet und von wissenschaftlich gebildeten Schneidern genäht werden. Und das ist notwendig. Denn trüge mal Maria Stuart eine Schürze, die schon zum Zeitalter der Königin Anna gehört, so würde gewiss der Bankier Christian Gumpel (15) sich mit Recht beklagen, dass ihm dadurch alle Illusion verlorengehe; und hätte mal Lord Burleigh aus Versehen die Hosen von Heinrich IV. angezogen, so würde gewiss die Kriegsrätin von Steinzopf, geb. Lilientau, diesen Anachronismus den ganzen Abend nicht aus den Augen lassen. Solche täuschende Sorgfalt der Generalintendanz erstreckt sich aber nicht bloß auf Schürzen und Hosen, sondern auch auf die darin verwickelten Personen. So soll künftig der Othello von einem wirklichen Mohren gespielt werden, den Professor Lichtenstein schon zu diesem Behufe aus Afrika verschrieben hat; in »Menschenhass und Reue« (16) soll künftig die Eulalia von einem wirklich verlaufenen Weibsbilde, der Peter von einem wirklich dummen Jungen und der Unbekannte von einem wirklich geheimen Hahnrei gespielt werden, die man alle drei nicht erst aus Afrika zu verschreiben braucht. Hatte nun obenerwähnter junger Mensch die Verhältnisse des Berliner Schauspiels schlecht begriffen, so merkte er noch viel weniger, dass die Spontinische Janitscharenoper, (17) mit ihren Pauken, Elefanten, Trompeten und Tamtams, ein heroisches Mittel ist, um unser erschlafftes Volk kriegerisch zu stärken, ein Mittel, das schon Plato und Cicero staatspfiffig empfohlen haben. Am allerwenigsten begriff der junge Mensch die diplomatische Bedeutung des Balletts. Mit Mühe zeigte ich ihm, wie in Hoguets Füßen mehr Politik sitzt als in Buchholz' Kopf, (18) wie alle seine Tanztouren diplomatische Verhandlungen bedeuten, wie jede seiner Bewegungen eine politische Beziehung habe, so z.B., dass er unser Kabinett meint, wenn er, sehnsüchtig vorgebeugt, mit den Händen weit ausgreift; dass er den Bundestag meint, wenn er sich hundertmal auf einem Fuße herumdreht, ohne vom Fleck zu kommen; dass er die kleinen Fürsten im Sinne hat, wenn er wie mit gebundenen Beinen herumtrippelt; dass er das europäische Gleichgewicht bezeichnet, wenn er wie ein Trunkener hin und her schwankt; dass er einen Kongress andeutet, wenn er die gebogenen Arme knäuelartig ineinander verschlingt; und endlich, dass er unsern allzu großen Freund im Osten darstellt, wenn er in allmählicher Entfaltung sich in die Höhe hebt, in dieser Stellung lange ruht und plötzlich in die erschrecklichsten Sprünge ausbricht. Dem jungen Manne fielen die Schuppen von den Augen, und jetzt merkte er, warum Tänzer besser honoriert werden als große Dichter, warum das Ballett beim diplomatischen Korps ein unerschöpflicher Gegenstand des Gesprächs ist und warum oft eine schöne Tänzerin noch privatim von dem Minister unterhalten wird, der sich gewiss Tag und Nacht abmüht, sie für sein politisches Systemchen empfänglich zu machen. Beim Apis! wie groß ist die Zahl der exoterischen und wie klein die Zahl der esoterischen Theaterbesucher! Da steht das blöde Volk und gafft und bewundert Sprünge und Wendungen und studiert Anatomie in den Stellungen der Lemiere und applaudiert die Entrechats der Röhnisch (19) und schwatzt von Grazie, Harmonie und Lenden – und keiner merkt, dass er in getanzten Chiffren das Schicksal des deutschen Vaterlandes vor Augen hat.

Während solcherlei Gespräche hin- und herflogen, verlor man doch das Nützliche nicht aus den Augen, und den großen Schüsseln, die mit Fleisch, Kartoffeln usw. ehrlich angefüllt waren, wurde fleißig zugesprochen. Jedoch das Essen war schlecht. Dieses erwähnte ich leichthin gegen meinen Nachbar, der aber, mit einem Akzente, woran ich den Schweizer erkannte, gar unhöflich antwortete, dass wir Deutschen, wie mit der wahren Freiheit, so auch mit der wahren Genügsamkeit unbekannt seien. Ich zuckte die Achseln und bemerkte, dass die eigentlichen Fürstenknechte und Leckerkramverfertiger (20) überall Schweizer sind und vorzugsweise so genannt werden und dass überhaupt die jetzigen schweizerischen Freiheitshelden, die soviel Politisch-Kühnes ins Publikum hineinschwatzen, mir immer vorkommen wie Hasen, die auf öffentlichen Jahrmärkten Pistolen abschießen, alle Kinder und Bauern durch ihre Kühnheit in Erstaunen setzen und dennoch Hasen sind.

Der Sohn der Alpen hatte es gewiss nicht böse gemeint, »es war ein dicker Mann, folglich ein guter Mann«, sagt Cervantes. Aber mein Nachbar von der andern Seite, ein Greifswalder, war durch jene Äußerung sehr pikiert; er beteuerte, dass deutsche Tatkraft und Einfältigkeit noch nicht erloschen sei, schlug sich dröhnend auf die Brust und leerte eine ungeheure Stange Weißbier. Der Schweizer sagte: »Nu! Nu!« Doch je beschwichtigender er dieses sagte, desto eifriger ging der Greifswalder ins Geschirr. Dieser war ein Mann aus jenen Zeiten (21), als die Läuse gute Tage hatten und die Friseure zu verhungern fürchteten. Er trug herabhängend langes Haar, ein ritterliches Barett, einen schwarzen, altdeutschen Rock, ein schmutziges Hemd, das zugleich das Amt einer Weste versah, und darunter ein Medaillon mit einem Haarbüschel von Blüchers Schimmel. Er sah aus wie ein Narr in Lebensgröße. Ich mache mir gern einige Bewegung beim Abendessen und ließ mich daher von ihm in einen patriotischen Streit verflechten. Er war der Meinung, Deutschland müsse in dreiunddreißig Gauen geteilt werden. Ich hingegen behauptete, es müssten achtundvierzig sein, weil man alsdann ein systematischeres Handbuch über Deutschland schreiben könne und es doch notwendig sei, das Leben mit der Wissenschaft zu verbinden. Mein Greifswalder Freund war auch ein deutscher Barde, und wie er mir vertraute, arbeitete er an einem Nationalheldengedicht zur Verherrlichung Hermanns und der Hermannsschlacht. Manchen nützlichen Wink gab ich ihm für die Anfertigung dieses Epos. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass er die Sümpfe und Knüppelwege des Teutoburger Waldes sehr onomatopöisch durch wässrige und holprige Verse andeuten könne und dass es eine patriotische Feinheit wäre, wenn er den Varus und die übrigen Römer lauter Unsinn sprechen ließe. Ich hoffe, dieser Kunstkniff wird ihm, ebenso erfolgreich wie andern Berliner Dichtern, bis zur bedenklichsten Illusion gelingen.

An unserem Tische wurde es immer lauter und traulicher, der Wein verdrängte das Bier, die Punschbowlen dampften, es wurde getrunken, smolliert und gesungen. Der alte Landesvater (22) und herrliche Lieder von W. Müller, Rückert, Uhland usw. erschollen. Schöne Methfesselsche Melodien. (23) Am allerbesten erklangen unseres Arndts deutsche Worte: »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte!« (24) Und draußen brauste es, als ob der alte Berg mitsänge, und einige schwankende Freunde behaupteten sogar, er schüttle freudig sein kahles Haupt und unser Zimmer werde dadurch hin und her bewegt. Die Flaschen wurden leerer und die Köpfe voller. Der eine brüllte, der andere fistulierte, ein dritter deklamierte aus der »Schuld« (25), ein vierter sprach Latein, ein fünfter predigte von der Mäßigkeit, und ein sechster stellte sich auf den Stuhl und dozierte: »Meine Herren! Die Erde ist eine runde Walze, die Menschen sind einzelne Stiftchen darauf, scheinbar arglos zerstreut; aber die Walze dreht sich, die Stiftchen stoßen hier und da an und tönen, die einen oft, die andern selten, das gibt eine wunderbare, komplizierte Musik, und diese heißt Weltgeschichte. Wir sprechen also erst von der Musik, dann von der Welt und endlich von der Geschichte; letztere aber teilen wir ein in Positiv und spanische Fliegen –« Und so ging's weiter mit Sinn und Unsinn.

Ein gemütlicher Mecklenburger, der seine Nase im Punschglase hatte und selig lächelnd den Dampf einschnupfte, machte die Bemerkung, es sei ihm zumute, als stände er wieder vor dem Theaterbüfett in Schwerin! Ein anderer hielt sein Weinglas wie ein Perspektiv vor die Augen und schien uns aufmerksam damit zu betrachten, während ihm der rote Wein über die Backen ins hervortretende Maul hinablief. Der Greifswalder, plötzlich begeistert, warf sich an meine Brust und jauchzte: »Oh, verständest du mich, ich bin ein Liebender, ich bin ein Glücklicher, ich werde wiedergeliebt, und, Gott verdamm mich! es ist ein gebildetes Mädchen, denn sie hat volle Brüste und trägt ein weißes Kleid und spielt Klavier!« – Aber der Schweizer weinte und küsste zärtlich meine Hand und wimmerte beständig: »O Bäbeli! O Bäbeli!« (26)

In diesem verworrenen Treiben, wo die Teller tanzen und die Gläser fliegen lernten, saßen mir gegenüber zwei Jünglinge, schön und blass wie Marmorbilder, der eine mehr dem Adonis, der andere mehr dem Apollo ähnlich. Kaum bemerkbar war der leichte Rosenhauch, den der Wein über ihre Wangen hinwarf. Mit unendlicher Liebe sahen sie sich einander an, als wenn einer lesen könnte in den Augen des andern, und in diesen Augen strahlte es, als wären einige Lichttropfen hineingefallen aus jener Schale voll lodernder Liebe, die ein frommer Engel dort oben von einem Stern zum andern hinüberträgt. Sie sprachen leise, mit sehnsuchtbebender Stimme, und es waren traurige Geschichten, aus denen ein wunderschmerzlicher Ton hervorklang. »Die Lore ist jetzt auch tot!« sagte der eine und seufzte, und nach einer Pause erzählte er von einem halleschen Mädchen, das in einen Studenten verliebt war und, als dieser Halle verließ, mit niemand mehr sprach und wenig aß und Tag und Nacht weinte und immer den Kanarienvogel betrachtete, den der Geliebte ihr einst geschenkt hatte. »Der Vogel starb, und bald darauf ist auch die Lore gestorben!« so schloss die Erzählung, und beide Jünglinge schwiegen wieder und seufzten, als wollte ihnen das Herz zerspringen. Endlich sprach der andere: »Meine Seele ist traurig! Komm mit hinaus in die dunkle Nacht! Einatmen will ich den Hauch der Wolken und die Strahlen des Mondes. Genosse meiner Wehmut! ich liebe dich, deine Worte tönen wie Rohrgeflüster, wie gleitende Ströme, sie tönen wider in meiner Brust, aber meine Seele ist traurig!« (27)

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Brocken im Mondlicht

Gruss vom Brocken. Brockenhotel. Verlag R. Lederbogen, Halberstadt

Brockenhotel im Mondenschein. Julius Simonsen Kunstverlag Oldenburg

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Oben: Gruss vom Brocken. Brockenhotel. R. Lederbogen, Halberstadt. 415. Gelaufen. Poststempel 1898. Adressseite ungeteilt.
Unten: Brockenhotel im Mondenschein. Adressseite: Julius Simonsen Kunstverlag Oldenburg i. Hlst. Nr. 7060. Im Briefmarkenfeld: Echte Kupfertiefdruck Karte E 5755. Ohne Briefmarke und Poststempel.

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Heine, Harzreise, Fortsetzung:
Nun erhoben sich die beiden Jünglinge, einer schlang den Arm um den Nacken des andern, und sie verließen das tosende Zimmer. Ich folgte ihnen nach und sah, wie sie in eine dunkle Kammer traten, wie der eine, statt des Fensters, einen großen Kleiderschrank öffnete, wie beide vor demselben, mit sehnsüchtig ausgestreckten Armen, stehenblieben und wechselweise sprachen. »Ihr Lüfte der dämmernden Nacht!« rief der erste, »wie erquickend kühlt ihr meine Wangen! Wie lieblich spielt ihr mit meinen flatternden Locken! Ich steh auf des Berges wolkigem Gipfel, unter mir liegen die schlafenden Städte der Menschen und blinken die blauen Gewässer. Horch! dort unten im Tale rauschen die Tannen! Dort über die Hügel ziehen, in Nebelgestalten, die Geister der Väter. Oh, könnt ich mit euch jagen, auf dem Wolkenross, durch die stürmische Nacht, über die rollende See, zu den Sternen hinauf! Aber ach! ich bin beladen mit Leid, und meine Seele ist traurig!« – Der andere Jüngling hatte ebenfalls seine Arme sehnsuchtsvoll nach dem Kleiderschrank ausgestreckt, Tränen stürzten aus seinen Augen, und zu einer gelbledernen Hose, die er für den Mond hielt, sprach er mit wehmütiger Stimme: »Schön bist du, Tochter des Himmels! Holdselig ist deines Antlitzes Ruhe! Du wandelst einher in Lieblichkeit! Die Sterne folgen deinen blauen Pfaden im Osten. Bei deinem Anblick erfreuen sich die Wolken, und es lichten sich ihre düstern Gestalten. Wer gleicht dir am Himmel, Erzeugte der Nacht? Beschämt in deiner Gegenwart sind die Sterne und wenden ab die grünfunkelnden Augen. Wohin, wenn des Morgens dein Antlitz erbleicht, entfliehst du von deinem Pfade? Hast du gleich mir deine Halle? Wohnst du im Schatten der Wehmut? Sind deine Schwestern vom Himmel gefallen? Sie, die freudig mit dir die Nacht durchwallten, sind sie nicht mehr? Ja, sie fielen herab, o schönes Licht, und du verbirgst dich oft, sie zu betrauern. Doch einst wird kommen die Nacht, und du, auch du bist vergangen und hast deine blauen Pfade dort oben verlassen. Dann erheben die Sterne ihre grünen Häupter, die einst deine Gegenwart beschämt, sie werden sich freuen. Doch jetzt bist du gekleidet in deiner Strahlenpracht und schaust herab aus den Toren des Himmels. Zerreißt die Wolken, o Winde, damit die Erzeugte der Nacht hervorzuleuchten vermag und die buschigen Berge erglänzen und das Meer seine schäumenden Wogen rolle in Licht!«

Ein wohlbekannter, nicht sehr magerer Freund, der mehr getrunken als gegessen hatte, obgleich er auch heute Abend, wie gewöhnlich, eine Portion Rindfleisch verschlungen, wovon sechs Gardeleutnants und ein unschuldiges Kind satt geworden wären, dieser kam jetzt in allzu gutem Humor, d.h. ganz ein Schwein, vorbeigerannt, schob die beiden elegischen Freunde etwas unsanft in den Schrank hinein, polterte nach der Haustüre und wirtschaftete draußen ganz mörderlich. Der Lärm im Saal wurde auch immer verworrener und dumpfer. Die beiden Jünglinge im Schranke jammerten und wimmerten, sie lägen zerschmettert am Fuße des Berges; aus dem Hals strömte ihnen der edle Rotwein, sie überschwemmten sich wechselseitig, und der eine sprach zum andern: »Lebe wohl! Ich fühle, dass ich verblute. Warum weckst du mich, Frühlingsluft? Du buhlst und sprichst: Ich betaue dich mit Tropfen des Himmels. Doch die Zeit meines Welkens ist nahe, nahe der Sturm, der meine Blätter herabstört! Morgen wird der Wanderer kommen, kommen, der mich sah in meiner Schönheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen und wird mich nicht finden.« – Aber alles übertobte die wohlbekannte Baßstimme, die draußen vor der Türe, unter Fluchen und Jauchzen, sich gottlästerlich beklagte, dass auf der ganzen dunkeln Weenderstraße keine einzige Laterne brenne und man nicht einmal sehen könne, bei wem man die Fensterscheiben eingeschmissen habe.

Ich kann viel vertragen – die Bescheidenheit erlaubt mir nicht, die Bouteillenzahl zu nennen –, und ziemlich gut konditioniert gelangte ich nach meinem Schlafzimmer. Der junge Kaufmann lag schon im Bette, mit seiner kreideweißen Nachtmütze und safrangelben Jacke von Gesundheitsflanell. Er schlief noch nicht und suchte ein Gespräch mit mir anzuknüpfen. Er war ein Frankfurt-am-Mainer, und folglich sprach er gleich von den Juden, die alles Gefühl für das Schöne und Edle verloren haben und die englischen Waren 25 Prozent unter dem Fabrikpreise verkaufen. Es ergriff mich die Lust, ihn etwas zu mystifizieren; deshalb sagte ich ihm, ich sei ein Nachtwandler und müsse im voraus um Entschuldigung bitten, für den Fall, dass ich ihn etwa im Schlafe stören möchte. Der arme Mensch hat deshalb, wie er mir den andern Tag gestand, die ganze Nacht nicht geschlafen, da er die Besorgnis hegte, ich könnte mit meinen Pistolen, die vor meinem Bette lagen, im Nachtwandlerzustande ein Malheur anrichten. Im Grunde war es mir nicht viel besser als ihm gegangen, ich hatte sehr schlecht geschlafen. Wüste, beängstigende Phantasiegebilde. Ein Klavierauszug aus Dantes »Hölle«. Am Ende träumte mir gar, ich sähe die Aufführung einer juristischen Oper, die »Falcidia« geheißen (28), erbrechtlicher Text von Gans und Musik von Spontini. Ein toller Traum. Das römische Forum leuchtete prächtig, Serv. Asinius Göschenus als Prätor auf seinem Stuhle, die Toga in stolze Falten werfend, ergoss sich in polternden Rezitativen; Marcus Tullius Elversus, als Primadonna legataria, all seine holde Weiblichkeit offenbarend, sang die liebeschmelzende Bravourarie »Quicunque civis romanus«; ziegelrot geschminkte Referendarien brüllten als Chor der Unmündigen; Privatdozenten, als Genien in fleischfarbigen Trikot gekleidet, tanzten ein antejustinianeisches Ballett und bekränzten mit Blumen die zwölf Tafeln; unter Donner und Blitz stieg aus der Erde der beleidigte Geist der römischen Gesetzgebung, hierauf Posaunen, Tamtam, Feuerregen, cum omni causa.

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Brocken, Aussichtsturm. Verlag Rud. Schade, Brocken

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Brocken, 1142 m ü. d. M. Aussichtsturm. Adressseite: Verlag Rud. Schade, Brocken. Fürstl. Stolb. Lieferant.  Nr. 81. Officielle Ansichtskarte Brocken. Nicht gelaufen.

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Heine, Harzreise, Fortsetzung:
Aus diesem Lärmen zog mich der Brockenwirt, indem er mich weckte, um den Sonnenaufgang anzusehen. Auf dem Turm fand ich schon einige Harrende, die sich die frierenden Hände rieben, andere, noch den Schlaf in den Augen, taumelten herauf. Endlich stand die stille Gemeinde von gestern Abend wieder ganz versammelt, und schweigend sahen wir, wie am Horizonte die kleine karmoisinrote Kugel emporstieg, eine winterlich dämmernde Beleuchtung sich verbreitete, die Berge wie in einem weißwallenden Meere schwammen und bloß die Spitzen derselben sichtbar hervortraten, so dass man auf einem kleinen Hügel zu stehen glaubte, mitten auf einer überschwemmten Ebene, wo nur hier und da eine trockene Erdscholle hervortritt. Um das Gesehene und Empfundene in Worten festzuhalten, zeichnete ich folgendes Gedicht:

Heller wird es schon im Osten
Durch der Sonne kleines Glimmen,
Weit und breit die Bergesgipfel
In dem Nebelmeere schwimmen.

Hätt ich Siebenmeilenstiefel,
Lief' ich mit der Hast des Windes,
Über jene Bergesgipfel,
Nach dem Haus des lieben Kindes.

Von dem Bettchen, wo sie schlummert,
Zög ich leise die Gardinen,
Leise küsst' ich ihre Stirne,
Leise ihres Munds Rubinen.

Und noch leiser wollt' ich flüstern
In die kleinen Lilienohren:
»Denk im Traum, dass wir uns lieben,
Und dass wir uns nie verloren.«

Indessen, meine Sehnsucht nach einem Frühstück war ebenfalls groß, und nachdem ich meinen Damen einige Höflichkeiten gesagt, eilte ich hinab, um in der warmen Stube Kaffee zu trinken. Es tat not; in meinem Magen sah es so nüchtern aus wie in der Goslarschen Stephanskirche. Aber mit dem arabischen Trank rieselte mir auch der warme Orient durch die Glieder, östliche Rosen (29) umdufteten mich, süße Bulbullieder erklangen, die Studenten verwandelten sich in Kamele, die Brockenhausmädchen, mit ihren Congrevischen Blicken (30), wurden zu Huris, die Philisternasen wurden Minaretts usw.

Das Buch, das neben mir lag, war aber nicht der Koran. Unsinn enthielt es freilich genug. Es war das sogenannte Brockenbuch, worin alle Reisende, die den Berg erstiegen, ihre Namen schreiben und die meisten noch einige Gedanken und, in Ermangelung derselben, ihre Gefühle hinzunotieren. Viele drücken sich sogar in Versen aus. In diesem Buche sieht man, welche Greuel entstehen, wenn der große Philistertross bei gebräuchlichen Gelegenheiten, wie hier auf dem Brocken, sich vorgenommen hat, poetisch zu werden. Der Palast des Prinzen von Pallagonia (31) enthält keine so große Abgeschmacktheiten wie dieses Buch, wo besonders hervorglänzen die Herren Akziseeinnehmer mit ihren verschimmelten Hochgefühlen, die Kontorjünglinge mit ihren pathetischen Seelenergüssen, die altdeutschen Revolutionsdilettanten mit ihren Turngemeinplätzen (32), die Berliner Schullehrer mit ihren verunglückten Entzückungsphrasen usw. Herr Johannes Hagel will sich auch mal als Schriftsteller zeigen. Hier wird des Sonnenaufgangs majestätische Pracht beschrieben; dort wird geklagt über schlechtes Wetter, über getäuschte Erwartungen, über den Nebel, der alle Aussicht versperrt. »Benebelt heraufgekommen und benebelt hinuntergegangen!« ist ein stehender Witz, der hier von Hunderten nachgerissen wird.

Das ganze Buch riecht nach Käse, Bier und Tabak; man glaubt, einen Roman von Clauren (33) zu lesen.

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Mimili, eine Erzählung von H. Clauren. Mit Mimilis Bildnis, 1816. Nach der Natur gemalt von Marquard Fidel Dominikus Wocher, gestochen von Johann Friedrich Bolt

Mimili, eine Erzählung von H. Clauren. Mit Mimili's Bildnis, 1816.
Nach der Natur gemalt von [Marquard Fidel Dominikus] Wocher [1760-1830],
 gestochen von [Johann Friedrich] Bolt [1769-1836]
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Heine, Harzreise, Fortsetzung:
Während ich nun besagtermaßen Kaffee trank und im Brockenbuche blätterte, trat der Schweizer mit hochroten Wangen herein, und voller Begeisterung erzählte er von dem erhabenen Anblick, den er oben auf dem Turm genossen, als das reine, ruhige Licht der Sonne, Sinnbild der Wahrheit, mit den nächtlichen Nebelmassen gekämpft, dass es ausgesehen habe wie eine Geisterschlacht, wo zürnende Riesen ihre langen Schwerter ausstrecken, geharnischte Ritter, auf bäumenden Rossen, einherjagen, Streitwagen, flatternde Banner, abenteuerliche Tierbildungen aus dem wildesten Gewühle hervortauchen, bis endlich alles in den wahnsinnigsten Verzerrungen zusammenkräuselt, blasser und blasser zerrinnt und spurlos verschwindet. Diese demagogische Naturerscheinung hatte ich versäumt, und ich kann, wenn es zur Untersuchung kommt, eidlich versichern, dass ich von nichts weiß als vom Geschmack des guten braunen Kaffees. Ach, dieser war sogar schuld, dass ich meine schöne Dame vergessen, und jetzt stand sie vor der Tür, mit Mutter und Begleiter, im Begriff, den Wagen zu besteigen. Kaum hatte ich noch Zeit, hinzueilen und ihr zu versichern, dass es kalt sei. Sie schien unwillig, dass ich nicht früher gekommen; doch ich glättete bald die missmütigen Falten ihrer schönen Stirn, indem ich ihr eine wunderliche Blume schenkte, die ich den Tag vorher, mit halsbrechender Gefahr, von einer steilen Felsenwand gepflückt hatte. Die Mutter verlangte den Namen der Blume zu wissen, gleichsam als ob sie es unschicklich fände, dass ihre Tochter eine fremde, unbekannte Blume vor die Brust stecke – denn wirklich, die Blume erhielt diesen beneidenswerten Platz, was sie sich gewiss gestern auf ihrer einsamen Höhe nicht träumen ließ. Der schweigsame Begleiter öffnete jetzt auf einmal den Mund, zählte die Staubfäden der Blume und sagte ganz trocken: »Sie gehört zur achten Klasse.«

Es ärgert mich jedesmal, wenn ich sehe, dass man auch Gottes liebe Blumen, ebenso wie uns, in Kasten geteilt hat, und nach ähnlichen Äußerlichkeiten, nämlich nach Staubfädenverschiedenheit. Soll doch mal eine Einteilung stattfinden, so folge man dem Vorschlage Theophrasts, der die Blumen mehr nach dem Geiste, nämlich nach ihrem Geruch, einteilen wollte. Was mich betrifft, so habe ich in der Naturwissenschaft mein eigenes System, und demnach teile ich alles ein: in dasjenige, was man essen kann, und in dasjenige, was man nicht essen kann.

Jedoch der ältern Dame war die geheimnisvolle Natur der Blumen nichts weniger als verschlossen, und unwillkürlich äußerte sie, dass sie von den Blumen, wenn sie noch im Garten oder im Topfe wachsen, recht erfreut werde, dass hingegen ein leises Schmerzgefühl, traumhaft beängstigend, ihre Brust durchzittere, wenn sie eine abgebrochene Blume sehe – da eine solche doch eigentlich eine Leiche sei und so eine gebrochene, zarte Blumenleiche ihr welkes Köpfchen recht traurig herabhängen lasse, wie ein totes Kind. Die Dame war fast erschrocken über den trüben Widerschein ihrer Bemerkung, und es war meine Pflicht, denselben mit einigen Voltaireschen Versen zu verscheuchen. Wie doch ein paar französische Worte uns gleich in die gehörige Konvenienzstimmung zurückversetzen können! Wir lachten, Hände wurden geküsst, huldreich wurde gelächelt, die Pferde wieherten, und der Wagen holperte, langsam und beschwerlich, den Berg hinunter.

Nun machten auch die Studenten Anstalt zum Abreisen, die Ranzen wurden geschnürt, die Rechnungen, die über alle Erwartung billig ausfielen, berichtigt; die empfänglichen Hausmädchen, auf deren Gesichtern die Spuren glücklicher Liebe, brachten, wie gebräuchlich ist, die Brockensträußchen, halfen solche auf die Mützen befestigen, wurden dafür mit einigen Küssen oder Groschen honoriert, und so stiegen wir alle den Berg hinab, indem die einen, wobei der Schweizer und Greifswalder, den Weg nach Schierke einschlugen und die andern, ungefähr zwanzig Mann, wobei auch meine Landsleute und ich, angeführt von einem Wegweiser, durch die sogenannten Schneelöcher hinabzogen nach Ilsenburg.

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Abstieg vom Brocken nach Schierke. Julius Simonsen, Kunstverlag, Oldenburg. Kupfertiefdruck

Schierke am Brocken, Oberschierke. Julius Simonsen, Kunstverlag, Oldenburg in Holstein

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Oben: Abstieg vom Brocken nach Schierke. Adressseite: 28780. Julius Simonsen, Kunstverlag, Oldenburg i. Holst. Im Briefmarkenfeld: Echte Kupfertiefdruck-Karte E 8216. Nicht gelaufen.
Unten: Schierke a. Brocken, Oberschierke. Adressseite: Signet 80562. Julius Simonsen, Kunstverlag, Oldenburg in Holstein. Bromsilberton. Gelaufen. Poststempel 1931 (?).

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Heine, Harzreise, Fortsetzung:
Das ging über Hals und Kopf. Hallesche Studenten marschieren schneller als die östreichische Landwehr. Ehe ich mich dessen versah, war die kahle Partie des Berges mit den darauf zerstreuten Steingruppen schon hinter uns, und wir kamen durch einen Tannenwald, wie ich ihn den Tag vorher gesehen. Die Sonne goss schon ihre festlichsten Strahlen herab und beleuchtete die humoristisch buntgekleideten Burschen, die so munter durch das Dickicht drangen, hier verschwanden, dort wieder zum Vorschein kamen, bei Sumpfstellen über die quergelegten Baumstämme liefen, bei abschüssigen Tiefen an den rankenden Wurzeln kletterten, in den ergötzlichsten Tonarten emporjohlten und ebenso lustige Antwort zurückerhielten von den zwitschernden Waldvögeln, von den rauschenden Tannen, von den unsichtbar plätschernden Quellen und von dem schallenden Echo. Wenn frohe Jugend und schöne Natur zusammenkommen, so freuen sie sich wechselseitig.

Je tiefer wir hinabstiegen, desto lieblicher rauschte das unterirdische Gewässer, nur hier und da, unter Gestein und Gestrippe, blinkte es hervor und schien heimlich zu lauschen, ob es ans Licht treten dürfe, und endlich kam eine kleine Welle entschlossen hervorgesprungen. Nun zeigt sich die gewöhnliche Erscheinung: ein Kühner macht den Anfang, und der große Tross der Zagenden wird plötzlich, zu seinem eigenen Erstaunen, von Mut ergriffen und eilt, sich mit jenem ersten zu vereinigen. Eine Menge anderer Quellen hüpften jetzt hastig aus ihrem Versteck, verbanden sich mit der zuerst hervorgesprungenen, und bald bildeten sie zusammen ein schon bedeutendes Bächlein, das in unzähligen Wasserfällen und in wunderlichen Windungen das Bergtal hinabrauscht. Das ist nun die Ilse, die liebliche, süße Ilse. Sie zieht sich durch das gesegnete Ilsetal, an dessen beiden Seiten sich die Berge allmählich höher erheben, und diese sind, bis zu ihrem Fuße, meistens mit Buchen, Eichen und gewöhnlichem Blattgesträuche bewachsen, nicht mehr mit Tannen und anderm Nadelholz. Denn jene Blätterholzart wird vorherrschend auf dem »Unterharze«, wie man die Ostseite des Brockens nennt, im Gegensatz zur Westseite desselben, die der »Oberharz« heißt und wirklich viel höher ist und also auch viel geeigneter zum Gedeihen der Nadelhölzer. [...]

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Ilsethal und Ilsenstein / Harz. Verlag August Stukenbrok. Erstes Fahrradhaus Deutschlands. Einbeck. Kunstanstalt Johannes Miesler, Berlin

Ilsefälle. Verlag R. Lederbogen, HalberstadtIlsenburg im Harz. Ilsefälle am Bremerweg. Verlag Louis Glaser, Leipzig
Ilsenburg im Harz. Ilsenstein. Verlag. R. Lederbogen, HalberstadtIlsenstein im Ilsethal. Chromolithographisches Kunst-Institut W. Schultz-Engelhard, Berlin. Richard Eckstein Nachf. (H. Krüger), Berlin. Gemalt von Heinrich Harder

Gruss von Prinzess Ilse. Ilsestein. Verlag Römmler & Jonas, Dresden

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1. Zeile von oben: Ilsethal u. Ilsenstein / Harz. Verlag August Stukenbrok. Erstes Fahrradhaus Deutschlands. Einbeck. Kunstanstalt J. Miesler, Berlin S. 916. Aufdruck: Deutschland-Fahrräder von August Stukenbrok Einbeck. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt.

Zum Einzelhandels-Versand-Unternehmen August Stukenbrok Einbeck (ASTE) siehe den Eintrag "Stukenbrok" in Wikipedia, zu Johannes Miesler vgl. gleichfalls den Eintrag in Wikipedia.

2. Zeile von oben, links: Ilsefälle. Adressseite: 239. Signet. R. Lederbogen, Halberstadt. 1907. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1908.
2. Zeile von oben, rechts: Ilsenburg i. Harz. Ilsefälle am Bremerweg. Adressseite: 4646. Chrom Iris. Louis Glaser, Leipzig. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1925.

3. Zeile von oben, links: Ilsenburg i. H. Ilsenstein. Adressseite: Signet. R. Lederbogen, Halberstadt. Rechts unten: 32351. Nicht gelaufen.
3. Zeile von oben, rechts: Ilsenstein im Ilsethal. Chromolithogr. Kunst-Institut W. Schultz-Engelhard, Berlin W. 35. Richard Eckstein Nachf. (H. Krüger), Berlin W. 57. Im Bild signiert: H. Harder. Nicht gelaufen. Adressseite ungeteilt. - Über den Landschafts- und Tiermaler Heinrich Harder (1858-1935) siehe den Eintrag in Wikipedia.

4. Zeile von oben: Gruss von Prinzess Ilse. Ilsestein. Römmler & Jonas, Dresden. 5350 Pbn. Gelaufen. Poststempel 1907. Andressseite ungeteilt.

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Heine, Harzreise, Fortsetzung:
Es ist unbeschreibbar, mit welcher Fröhlichkeit, Naivetät und Anmut die Ilse sich hinunterstürzt über die abenteuerlich gebildeten Felsstücke, die sie in ihrem Laufe findet, so dass das Wasser hier wild emporzischt oder schäumend überläuft, dort aus allerlei Steinspalten, wie aus tollen Gießkannen, in reinen Bögen sich ergießt und unten wieder über die kleinen Steine hintrippelt, wie ein munteres Mädchen. Ja, die Sage ist wahr, die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend und blühend den Berg hinabläuft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weißes Schaumgewand! Wie flattern im Winde ihre silbernen Busenbänder! Wie funkeln und blitzen ihre Diamanten! Die hohen Buchen stehen dabei gleich ernsten Vätern, die verstohlen lächelnd dem Mutwillen des lieblichen Kindes zusehen; die weißen Birken bewegen sich tantenhaft vergnügt und doch zugleich ängstlich über die gewagten Sprünge; der stolze Eichbaum schaut drein wie ein verdrießlicher Oheim, der das schöne Wetter bezahlen soll; die Vögelein in den Lüften jubeln ihren Beifall, die Blumen am Ufer flüstern zärtlich: »Oh, nimm uns mit, nimm uns mit, lieb Schwesterchen!« – aber das lustige Mädchen springt unaufhaltsam weiter, und plötzlich ergreift sie den träumenden Dichter, und es strömt auf mich herab ein Blumenregen von klingenden Strahlen und strahlenden Klängen, und die Sinne vergehen mir vor lauter Herrlichkeit, und ich höre nur noch die flötensüße Stimme:

»Ich bin die Prinzessin Ilse,
Und wohne im Ilsenstein;
Komm mit nach meinem Schlosse,
Wir wollen selig sein.

Dein Haupt will ich benetzen
Mit meiner klaren Well',
Du sollst deine Schmerzen vergessen,
Du sorgenkranker Gesell!

In meinen weißen Armen,
An meiner weißen Brust,
Da sollst du liegen und träumen
Von alter Märchenlust.

Ich will dich küssen und herzen,
Wie ich geherzt und geküsst
Den lieben Kaiser Heinrich,
Der nun gestorben ist.

Es bleiben tot die Toten,
Und nur der Lebendige lebt;
Und ich bin schön und blühend,
Mein lachendes Herze bebt.

Und bebt mein Herz dort unten,
So klingt mein kristallenes Schloss,
Es tanzen die Fräulein und Ritter,
Es jubelt der Knappentross.

Es rauschen die seidenen Schleppen,
Es klirren die Eisenspor'n,
Die Zwerge trompeten und pauken,
Und fiedeln und blasen das Horn.

Doch dich soll mein Arm umschlingen,
Wie er Kaiser Heinrich umschlang;
Ich hielt ihm zu die Ohren,
Wenn die Trompet' erklang.«

Unendlich selig ist das Gefühl, wenn die Erscheinungswelt mit unserer Gemütswelt zusammenrinnt und grüne Bäume, Gedanken, Vögelgesang, Wehmut, Himmelsbläue, Erinnerung und Kräuterduft sich in süßen Arabesken verschlingen. Die Frauen kennen am besten dieses Gefühl, und darum mag auch ein so holdselig ungläubiges Lächeln um ihre Lippen schweben, wenn wir mit Schulstolz unsere logischen Taten rühmen, wie wir alles so hübsch eingeteilt in objektiv und subjektiv, wie wir unsere Köpfe apothekenartig mit tausend Schubladen versehen, wo in der einen Vernunft, in der andern Verstand, in der dritten Witz, in der vierten schlechter Witz und in der fünften gar nichts, nämlich die Idee, enthalten ist.

Wie im Traume fortwandelnd, hatte ich fast nicht bemerkt, dass wir die Tiefe des Ilsetales verlassen und wieder bergauf stiegen. Dies ging sehr steil und mühsam, und mancher von uns kam außer Atem. Doch wie unser seliger Vetter, der zu Mölln begraben liegt, dachten wir im voraus ans Bergabsteigen und waren um so vergnügter. Endlich gelangten wir auf den Ilsenstein.

Das ist ein ungeheurer Granitfelsen, der sich lang und keck aus der Tiefe erhebt. Von drei Seiten umschließen ihn die hohen, waldbedeckten Berge, aber die vierte, die Nordseite, ist frei, und hier schaut man das unten liegende Ilsenburg und die Ilse, weit hinab ins niedere Land. Auf der turmartigen Spitze des Felsens steht ein großes, eisernes Kreuz (34), und zur Not ist da noch Platz für vier Menschenfüße.

Wie nun die Natur, durch Stellung und Form, den Ilsenstein mit phantastischen Reizen geschmückt, so hat auch die Sage ihren Rosenschein darüber ausgegossen. Gottschalk berichtet: »Man erzählt, hier habe ein verwünschtes Schloss gestanden, in welchem die reiche, schöne Prinzessin Ilse gewohnt, die sich noch jetzt jeden Morgen in der Ilse bade; und wer so glücklich ist, den rechten Zeitpunkt zu treffen, werde von ihr in den Felsen, wo ihr Schloss sei, geführt und königlich belohnt!« Andere erzählen von der Liebe des Fräuleins Ilse und des Ritters von Westenberg eine hübsche Geschichte, die einer unserer bekanntesten Dichter (35) romantisch in der »Abendzeitung« besungen hat. Andere wieder erzählen anders: Es soll der altsächsische Kaiser Heinrich gewesen sein, der mit Ilse, der schönen Wasserfee, in ihrer verzauberten Felsenburg die kaiserlichsten Stunden genossen. Ein neuerer Schriftsteller, Herr Niemann, Wohlgeb. (36), der ein Harzreisebuch geschrieben, worin er die Gebirgshöhen, Abweichungen der Magnetnadel, Schulden der Städte und dergleichen mit löblichem Fleiße und genauen Zahlen angegeben, behauptet indes: »Was man von der schönen Prinzessin Ilse erzählt, gehört dem Fabelreiche an.« So sprechen alle diese Leute, denen eine solche Prinzessin niemals erschienen ist, wir aber, die wir von schönen Damen besonders begünstigt werden, wissen das besser. Auch Kaiser Heinrich wusste es. Nicht umsonst hingen die altsächsischen Kaiser so sehr an ihrem heimischen Harze. Man blättere nur in der hübschen »Lüneburger Chronik«, wo die guten alten Herren in wunderlich treuherzigen Holzschnitten abkonterfeit sind, wohlgeharnischt, hoch auf ihrem gewappneten Schlachtross, die heilige Kaiserkrone auf dem teuren Haupte, Zepter und Schwert in festen Händen; und auf den lieben, knebelbärtigen Gesichtern kann man deutlich lesen, wie oft sie sich nach den süßen Herzen ihrer Harzprinzessinnen und dem traulichen Rauschen der Harzwälder zurücksehnten, wenn sie in der Fremde weilten, wohl gar in dem zitronen- und giftreichen Welschland, wohin sie und ihre Nachfolger so oft verlockt wurden von dem Wunsche, römische Kaiser zu heißen, einer echtdeutschen Titelsucht, woran Kaiser und Reich zugrunde gingen.

Ich rate aber jedem, der auf der Spitze des Ilsensteins steht, weder an Kaiser und Reich noch an die schöne Ilse, sondern bloß an seine Füße zu denken. Denn als ich dort stand, in Gedanken verloren, hörte ich plötzlich die unterirdische Musik des Zauberschlosses, und ich sah, wie sich die Berge ringsum auf die Köpfe stellten und die roten Ziegeldächer zu Ilsenburg anfingen zu tanzen und die grünen Bäume in der blauen Luft herumflogen, dass es mir blau und grün vor den Augen wurde und ich sicher, vom Schwindel erfasst, in den Abgrund gestürzt wäre, wenn ich mich nicht, in meiner Seelennot, ans eiserne Kreuz festgeklammert hätte. Dass ich, in so misslicher Stellung, dieses letztere getan habe, wird mir gewiss niemand verdenken. [...]

Erläuterungen:
DHA = Düsseldorfer Heine-Ausgabe.
(1) Moritz Retzsch (1779-1857), "Umrisse zu Goethes Faust".
Online im Goethezeitportal
(2) Dresdner "Abendzeitung", 1816-1832 hg. von Theodor Winkler, Organ der Dresdner Spätromantik.
(3) "William Ratcliff" und "Almansor", Tragödien von Heine.
(4) Blocksbergsgeschichten. Siehe die Seite "Hexentanz auf dem Brocken, Walpurgisnacht" im Goethezeitportal.
(5) Über das Brockenhaus und das Brockenhaus-Stammbuch siehe die Seite zum Brocken im Goethezeitportal. Auf Grund der Besucherliste vom 20. Oktober 1824 sind die damaligen Gäste, Studenten aus Halle und Göttingen, namentlich bekannt. Siehe: DHA, Bd. 6, S. 615f.
(6) Bei dem Herrn mit zwei Damen handelt es sich nach der Besucherliste um die Lindheimers aus Frankfurt am Main. Siehe: DHA, Bd. 6, S. 616f.
(7) Matthias Claudius: "Rheinweinlied".
(8) Schierke und Elend: Harzdörfer. Die Walpurgisnacht im Faust hat die Szenenangabe: "Gegend von Schierke und Elend".
(9) Elise von Hohenhausen (1789–1857), Schriftstellerin, Übersetzerin und Salonière. Sie hat Lord Byron ins Deutsche übertragen und Heine als "deutschen Byron" gepriesen. DHA, Bd. 6, S. 619.
(10) Christian Gottfried Schütz (1747-1832) Professor in Halle. "Laternen und Fensterscheiben wurden bei den damaligen studentischen Unruhen häufig eingeworfen." DHA, Bd. 6, S. 620.
(11) Bierwürden, verliehen in den sog. Bierstaaten von Studentenverbindungen auf Universitäten. "Die Staatsmaitressen dieser Kneipstaaten werden sicherlich Schankmädchen gewesen sein." DHA, Bd. 6, S. 620.
(12) Wisotzki: Berliner Gastwirt, Betreiber eines Puppentheaters.
(13) »Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort«: Schiller, "Wallensteins Tod", II. Aufzug, 2. Auftritt.
(14) Historische Kostümtreue unter Graf Brühl, General-Intendant der königlichen Schauspiele in Berlin von 1815 bis 1828.
(15) Lazarus Gumpel (1770-1843), Hamburger Bankier.
(16) August von Kotzebue, "Menschenhass und Reue" (1789). Beliebtes Theaterstück, Prototyp des sog. Rührstücks. Eulalia ist die weibliche Hauptfigur; Personen des Stückes sind auch "der Peter" und "der Unbekannte".
(17) Spontinische Janitscharenoper. Spontini, "Olimpie", deutsche Fassung 1821 für Berlin von E. T. A. Hoffmann. Heine spielt auf "den szenischen Bombast, den Blechbläserlärm und das Auftreten eines Elefanten" an. DHA, Bd. 6, S. 622.
(18) "wie in Hoguets Füßen mehr Politik sitzt als in Buchholz' Kopf1: Michel-François Hoguet (1793-1871), als Solotänzer der bestbezahlter Künstler der Berliner Staatsoper; Paul Ferdinand Friedrich Buchholz (1768-1843), Schriftsteller. Zur politischen Allegorisierung des Balletts siehe DHA, Bd. 6, S. 622f.
(19) "studiert Anatomie in den Stellungen der Lemière und applaudiert die Entrechats der Röhnisch": Madame Lemière und "die Röhnisch" waren Solotänzerinnen der Berliner Oper, die Heine in Spontinis "Olympia" gesehen hat.
(20) Über die Schweizer Konditoreien in Berlin siehe DHA, Bd. 6, S. 624.
(21) Parodie auf die germanisch-altdeutsche Kostümierung. Dazu DHA, Bd. 6, S. 624f.
(22) Kommerslied "Landesvater, Schutz und Rater", verfasst 1782 von August Christian Heinrich Niemann (1761-1832). "Man sang es meist auf das Wohl des Vaterlandes und der studentischen Brüderschaft, indem man dabei die Hüte oder Mützen mit dem Rapier durchbohrte." DHA, Bd. 6, S. 626.
(23) Albert Methfessel, "Allgemeines Commers- und Liederbuch, enthaltend ältere und neue Burschenlieder, Trinklieder, Vaterlandsgesänge, Volks- und Kriegslieder", 3. Aufl. Rudolstadt 1823. Methfessel (1786-1869) "war mit Heine befreundet und vertonte dessen Gedichtzyklus 'Neuer Frühling.'" DHA, Bd. 6, S. 626.
(24) Ernst Moritz Arndt, "Vaterlandslied" (1813).
(25) Adolf Müllner, "Die Schuld", 1816, vielgespieltes Schicksalsdrama.
(26) Anspielung auf das Volkslied "Dusle und Babele. Ein Schweizerliedchen" aus Herders "Stimmen der Völker in Liedern" und "Des Knaben Wunderhorn".
(27) Hier und im Folgenden Parodie auf die ossianischen Gesänge und die von Goethe übertragenen Partien im "Werther".
(28) "die Falcidia": lex Falcidia, 44. v. Chr. Für die folgenden juristischen Anspielungen siehe DHA, S. 628f.
(29) Friedrich Rückert, "Östliche Rosen", 1822, in denen "Bülbül" und "Houris" erwähnt werden.
(30) Sir William Congreve (1772-1828), Physiker und Artilleriegeneral, erfand die sog. Congrevischen Brandraketen.
(31) Der Palast des Prinzen von Pallagonia bei Palermo, berühmt für seine Geschmacklosigkeit, wird von Goethe in der "Italienischen Reise" (9. April 1787) beschrieben.
(32) Im Brocken-Stammbuch "wimmelt es nur so von chauvinistischen Ergüssen blutrünstiger Teutomanen, die im Stile Klopstocks, des Göttingen Hains und Follens den Harz als den teutschesten aller teutschen Berge feiern." DHA, Bd. 6, S. 630. Siehe die Seite zum Brocken im Goethezeitportal, Kapitel "'Hermanns Felsenland'. Patriotische Vereinnahmung des Brocken".
(33) Heinrich Clauren (eigentlich Carl Gottlieb Samuel Heun, 1771-1854), gelang mit der Erzählung "Mimili" 1816 ein Bestseller, der wegen seiner trivialen Klischees kritisiert und verspottet wurde.
(34) "Der Blick vom Ilsenstein in das Tal, links nach dem Brocken, rechts in das flache Land, ist herrlich, und zu den schönen Gefühlen, welche diese Umsicht erzeugt, gesellen sich hehre Erinnerungen an jene denkwürdige, große Zeit des Kampfes um Freiheit und Recht, beim Blick auf das Glaubenskreuz, welches die äußerste Spitze des Ilsensteins trägt. Graf Anton zu Stolberg-Wernigerode ließ am 19ten Octbr. 1814 dies schön gedachte und ausgeführte Denkmal einigen, in jenem Kampfe gefallenen, Waffengefährten und Freunden, deren Namen man darauf liest, von gegossenem Eisen setzen." (Friedrich Gottschalck: "Taschenbuch für Reisende in den Harz". 3. verb. Aufl. Magdeburg, bei Wilhelm Heinrichshofen 1823, S. 209.)
(35) Theodor Winkler (eigentlich Theodor Hell), "Der Ilsenstein und Westerberg im Ilsenthale". Das Gedicht erschien in der Dresdner "Abendzeitung", 1824, 8. und 9. September.
(36) Ludwig Ferdinand Niemann (1781-1836), "Handbuch für Harzreisende", Halberstadt 1824. Zitat S. 104.

Text und Erläuterungen:
* Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke (Düsseldorfer Heine-Ausgabe). Hrsg. von Manfred Windfuhr. Bd. 6, bearb. von Jost Hermand. Hamburg: Hoffmann und Campe 1973, S. 81-138 u. 518-699. ISBN 3-455-03006-8. Zitiert: DHA.
* Heinrich Heine: Sämtliche Werke. Bd. V. Hrsg. von Hans Kaufmann. München: Kindler Taschenbücher 1964. Darin: Die Harzreise, S. 13-74, Anmerkungen S. 355-374.

Heine: Harzreise. Online:
* Heinrich-Heine-Portal
(mit der vollständigen Düsseldorfer Heine-Ausgabe)
* Zeno.org
* Projekt Gutenberg-DE

Literaturhinweise:
* Hartmut Kircher: Heinrich Heine (Literatur kompakt) Marburg: Tectum-Verlag 2012. ISBN 978-3-8288-2924-4
* Gerhard Höhn: Heine-Handbuch. Zeit, Person, Werk. 3. Aufl. Stuttgart: Metzler 2004. ISBN 3-476-01965-9.
* Romantische Harzreisen. Reiseaufzeichnungen von Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine und Hans Christian Andersen mit 12 Stahlstichen von Ludwig Richter. Hrsg. von Rolf Denecke. 4. Aufl. Hildesheim: Lax 1994. ISBN 3-7848-8201-3
* Julius Naue: Heinrich I. und Prinzessin Ilse. Eine Harzsage in Bildern (Im Blickpunkt; 8) Hannover: Niedersächsische Landesgalerie 1979.

Weblinks:
* Heinrich-Heine-Portal
(mit der vollständigen Düsseldorfer Heine-Ausgabe)
* Göttinger Literarische Gesellschaft
Darin: Heine gegen Göttingen gegen Heine, mit einer Rekonstruktion von Heines Reiseroute.

Video:
* Ilsetal Heinrich-Heine-Weg 2011

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Weitere Seiten zum Brocken im Goethezeitportal:

Der Brocken
Landschaft, Naturerlebnis,
Patriotismus und Tourismus
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Goethes Brockenbesteigungen

Hexentanz auf dem Brocken
Walpurgisnacht


Die Roßtrappe

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Siehe auch

Heinrich Heine
Die Harzreise
Illustriert von Albert Váradi und Hugo Wilkens

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